2.S.n.Tr., 14.06.2026, Predigt zum Bild „Erdaufgang“, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
„Erdaufgang“ über dem Mondhorizont, so wird dieses Bild, das Sie alle in ihren Händen halten, betitelt. Es ist ein Foto, das bei der Apollo 8 – Mission im Jahr 1968 entstanden ist. Der Anblick dieser Karte fasziniert mich immer wieder neu, auch wenn es seit 1968 viele ähnliche Bilder unserer Erde aus dem Weltraum aufgenommen gibt. Nein, dieser Anblick hat sich bisher nicht abgenutzt.

(Bild: NASA, 1968, Apollo 8 Mission)
Erdaufgang – ganz korrekt ist dieser Titel ja nicht. Denn über dem Mond steht die Erde fest. Der Mond umkreist die Erde immer in der gleichen Weise. Sie geht niemals auf und niemals unter. Da die Erde sich in einem Tag in der immer gleichen Weise dreht, enthüllt sie dem Betrachter – wohlgemerkt vom Mond aus ! – langsam ihre ganze Pracht, zeigt ihre Ozeane und Kontinente.
Die Erde erleuchtet die Mondlandschaft mit einem intensiven, blauen Licht. So ist auf der Mondseite, die der Erde zugewandt ist, nie wirklich Nacht.
Es gibt ein interessantes Buch mit Aussprüchen und Gedanken von Astronauten und Kosmonauten. Viele von ihnen sagen, der Blick vom Raumschiff zurück auf die Erde, auf diese leuchtende, blau schimmernde Kugel im tiefschwarzen Weltraum habe sie nachhaltig verändert: ihre Einstellung zum Leben, zu ihren Mitmenschen, zu unserer Welt.
Ein Astronaut, der einmal in einer internationalen Crew auf der ISS mitflog, schilderte Folgendes: „Am ersten Tag“, so sagte er, „wenn man in dem Raumschiff um die Erde kreist, deutet noch jeder auf sein Land: Dort, das ist mein Land, da bin ich zuhause. Am dritten oder vierten Tag zeigt jeder auf seinen Kontinent, in dem seine Heimat liegt. Wenn man aber fünf Tage oder länger unterwegs ist“, fuhr der Astronaut fort, „dann achtet niemand mehr auf Länder, auf Kontinente. Da sieht jeder nur noch die Erde als einen ganzen Planeten. Dann sprechen wir nur noch von unserer Erde.“
Diese Frauen und Männer in der Raumstation entdeckten etwas, was sie eigentlich rein theoretisch schon gewusst hatten, aber noch nicht begriffen, noch nie so gesehen haben. Es war wie ein Aha-Erlebnis: die Erde ist ja die gemeinsame Heimat aller Völker und Nationen. Wir sind Kinder der einen Erde, Welt-Bürger – und wir sind es viel mehr als Deutsche, Amerikaner, Russen oder Chinesen. Sprache und Religion, unsere musikalischen Vorlieben und Traditionen, sie mögen uns unterscheiden, aber trennen können sie uns nicht von unserem gemeinsamen Sein: wir sind Kinder der einen Erde, oder wie wir es als Christen religiös formulieren: wir sind alle Kinder Gottes.
Müssen Menschen auf den Mond fahren, um zu dieser Erkenntnis zu kommen? Um zu begreifen, welche Bedeutung das für die Gestaltung unseres Lebens auf diesem wunderbaren Planeten hat, welche Verantwortung wir alle miteinander und füreinander haben? Wenn ich manchmal Politiker reden höre von nationalen Sicherheitsinteressen und Verteidigungsfähigkeit der eigenen Landesgrenzen, dann fällt mir nur noch ein: die müsste man allesamt auf den Mond schießen. Gewiss, eine recht kostspielige Fortbildungsmaßnahme, aber eine, die sich bestimmt rechnen würde für die ganze Erde.
Der russische Kosmonaut Jurij Artjuchin begriff schon vor Jahrzehnten: „Es spielt keine Rolle, in welchem See oder Meer du Verschmutzungen entdeckt hast, in den Wäldern welchen Landes du das Ausbrechen von Bränden bemerkt hast, oder über welchem Kontinent ein Wirbelsturm entsteht. Du bist der Hüter deiner ganzen Erde.“
Diese leuchtende, blau schimmernde Kugel im tiefschwarzen Weltraum, sie ist nicht nur wunderbar, sie ist auch verletzlich, zerbrechlich fast – wie eine Christbaumkugel. Auch diese Einsicht wird in uns wach, wenn wir die Erde aus der Distanz betrachten. Aus dem Abstand heraus können uns überhaupt neue Erkenntnisse zuwachsen. Jesus sagt im Johannesevangelium zu seinen Jüngern, dass sie jetzt noch nicht alles begreifen könnten, was er ihnen zu sagen hätte, dass die Zeit dazu noch nicht reif wäre; aber dass der Geist sie in alle Wahrheit führen würde. (Joh.16,12-13) Die Fähigkeit zum Erkennen und Verstehen geht weiter. Und genauso geht die Offenbarung weiter, sie ist so lange nicht abgeschlossen, solange der Mensch auf dieser Erde leben wird, sich fortentwickelt. Nicht nur geistig, nicht nur technisch-wissenschaftlich – sondern eben auch geistlich-seelisch.
Die Raumfahrt ist sicher eine der größten technischen Fortschritte in der Menschheitsgeschichte. Sie hat viele „Nebenwirkungen“ gezeigt, die heute unseren Alltag leichter machen – das berühmteste Beispiel ist sicher die Teflon-Pfanne. Technisch-wissenschaftlich haben wir also einen großen Schritt nach vorne getan. Die Frage ist: auch geistlich-seelisch? Auch in unserer Menschlichkeit? In welche Wahrheit hat uns da der Geist geführt? Zu welchen Erkenntnissen des Glaubens, des Verständnis unseres Selbst?
Oft habe ich den Eindruck, unsere Seele hinkt der wissenschaftlich-technischen Entwicklung hinterher. Gerade wenn ich sehe, von welchem Geist und Antrieb beseelt die Tech-Milliardäre Jeff Bezoz und Elon Musk ihre Raumfahrtprogramme durchziehen. Mir fällt dazu eigentlich nichts Positives ein, vielmehr kommen mir der „Turmbau zu Babel“ und die „Titanic“ in den Sinn. Wie sollte denn auch aus so viel Hass und Gier, welche die Protagonisten an den Tag legen, etwas Gutes kommen für die Menschheit, für unsere Erde? Wie heißt es von Jesus: „Ein schlechter/fauler Baum kann keine guten Früchte bringen.“ (Mt.7,18) Er bringt schlechte; und wir sollten uns überlegen, ob wir als Menschheitsfamilie uns diese schlechten Früchte leisten können, ob wir es uns leisten können, einzelnen Menschen die Mittel zu lassen, solche schlechten Früchte hervorzubringen.
Nicht nur die Politik hinkt der wissenschaftlich-technischen Entwicklung hinterher. Auch die Theologie, die sich immer schwertut, neu von Gott zu sprechen in einer sich rasant verändernden Welt. Die alten Bilder und Metaphern reichen nicht mehr, das spüren viele. Aber darf man denn wirklich neue Wort-Bilder erfinden, die nicht ausdrücklich durch die Bibel legitimiert sind?
„Der Geist wird euch in alle Wahrheit führen“ – er wird euch fähig machen, auf die Fragen eurer Zeit angemessene Antworten des Glaubens zu geben. Antworten, die dem Leben dienen. Damit es den Menschen nicht buchstäblich zerreißt, er in seiner seelischen Entwicklung nicht hoffnungslos zurückbleibt.
Welche Glaubens-Erkenntnisse also wachsen uns heute zu, wenn wir dieses Bild der Erde betrachten?
Mir sind folgende Gedanken gekommen:
Die Erde ist nicht einfach eine wundervolle Materie-Ansammlung im unendlich weiten und meist leeren Weltraum, auf der es Leben gibt – pflanzliches, tierisches und menschliches Leben. Sie ist nicht nur Lebensraum, der uns zur Verfügung steht, den die wenigen Menschen, fast immer Männer, die Macht und Reichtum an sich gerissen haben, unter sich zur Ausbeutung aufteilen können. Ich erinnere mich noch gut, wie traurig und zornig es mich gemacht hat, als 2007 die Mitteilung in den Nachrichten kam, Russland hätte seine Fahne unter dem Eis der Arktis auf dem Nordpol aufgestellt – als Zeichen, dass diese unterseeischen Gebiete mit ihren Rohstoffen Russland gehören. Der Präsident damals war Putin. Traurig und lächerlich finde ich Überlegungen, dass NASA-Wissenschaftler im Verein mit Elon Musk ernsthaft nach neuem Lebensraum für die Menschheit auf dem Mars suchen und Siedlungen auf dem Mond innerhalb der nächsten 15 Jahre in Angriff nehmen wollen. Nein, die Erde ist nicht einfach nur ein Lebensraum für uns neben anderen. Die Erde – das macht mir dieses Bild klar – die Erde ist als Ganzes eine Lebens-Einheit – mit allem, was auf ihr lebt und webt, kreucht und fleucht. Sie ist ein Lebewesen. Sie teilt mit allem Werden und Vergehen. Sie ist in Bewegung. Sie verändert sich durch die Zeit. Sie ist als Ganze beseelt vom Geist Gottes, ist als Ganze kreativ, schöpferisch. Sie war es und wird es sein solange sie besteht.
In den allermeisten Kulturen und Religionen wurde die Erde als Mutter betrachtet und verehrt – in nicht wenigen noch heute. Die monotheistischen Religionen haben diesen Gedanken leider nicht aufgenommen. In ihrem Verstehenshorizont war die Erde immer nur Schöpfung, Objekt, Sache – zwar eine wundervolle Angelegenheit, ein Fingerzeig auf die Größe, Herrlichkeit und Weisheit Gottes, des Schöpfers, aber keine Wesenheit. Ein Gegenstand des Staunens vielleicht, aber nicht der Liebe. Wie weit gerade diese materialistische Weltsicht zu all den Umwelt- und Klimaproblemen beigetragen hat, die wir heute beklagen, mag jeder für sich bedenken.
Doch da hat sich für mich entscheidend etwas verändert. Und ich kann das nur auf den Geist Gottes zurückführen. Er hat mich gelehrt, beim Anblick dieses Bildes nicht nur über die Schönheit der Erde zu staunen, sondern diese wundervolle, verletzliche Erde zu lieben. Sie mit hineinzunehmen in das Beziehungsnetz der Liebe zu Gott und zu meinen Nächsten.
Und wo ich liebe, da kann mich das Leiden der Erde nicht gleichgültig sein lassen. Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Ressourcen, Raubbau an der Natur ist Leidensgeschichte. Als Christen sagen wir, dass uns in allen Leidenden niemand anderes als Christus selbst entgegentritt – mit dem Anspruch, ihm in seinem Leiden beizustehen und mit unserer Liebe dem Leiden zu wehren, wie es uns nur gerade möglich ist.
In der Tradition dieses Denkens heißt das für mich heute: in der geschundenen Erde begegnet mir der gekreuzigte Christus.
Leiden und Erlösung ist viel zu lange nur auf den Menschen hin gedacht worden, obwohl es einzelne biblische Texte gibt, die einen viel weiteren Horizont des Denkens und Glaubens eröffnen. Alle Kreatur seufzt mit den Menschen um Erlösung aus Leid und Tod, schreibt Paulus im Römerbrief (Rö.8,18ff). Und im Kolosserbrief wird uns ein wahrhaft kosmischer Christus vor Augen gestellt, in dem alles geschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. Er ist vor allem, und es besteht alles in ihm (Kol.1,16-17), heißt es da.
Leiden, Kreuz und Auferstehung beschreiben eine Wirklichkeit, die alles umschließt. Und wenn es von Gott heißt, dass er die Welt geliebt hat, den Kosmos, alles, was er ins Sein gerufen hat, dann sollten wir es ihm gleichtun: uns allem, was ist, in Liebe zuwenden, unsere Erde lieben.
Wer aus der Liebe heraus handelt, der setzt größere Kräfte ein als der, der nur aus Vernunft handelt – wobei ja schon viel gewonnen wäre, wenn alle wenigstens vernünftig in ihrem Umgang mit der Erde und ihren Gaben wären. Aber wer liebt, denkt vom anderen her und ist viel eher bereit, um des anderen willen etwas zu lassen, auf eigene Ansprüche zu verzichten. „Liebe und dann tu, was du willst“, dieser Ausspruch des Kirchenvaters Augustinus könnte für unser Verhältnis zur und unseren Umgang mit der Erde ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Damit auch zukünftige Generationen sich noch an ihrer Schönheit und Lebendigkeit und Vielfältigkeit erfreuen können.
Amen.
Pfingstsonntag, 24.05.2026, Gen 11,1-8 u. Apg 2, 1-21, Jonakirche, Doerthe Brandner
Liebe Gemeinde,
Eine Szene am Frühstückstisch vor zweieinhalb Wochen in Victoria auf Vancouver Island in British Columbia, Kanada:
Da ist der 2 ½ jährige Augustin.
Da ist sein Vater.
Da ist seine Mutter und auf dem Arm der Mutter der neugeborene, gerade drei Tage alte Caspian.
Und da bin ich, die Großmutter, zu Besuch aus dem fernen Deutschland.
Die Gespräche gehen hin und her, wie es eben am Frühstückstisch so ist.
Da sagt Augustin:
I want bitte lapte trinken.
Und während seine Mutter noch ansetzt, ihrem älteren Sohn auf Rumänisch zu antworten und sein Vater sagt: Moment, ich hole dir Milch. – habe ich, die ich ganz nah am Kühlschrank sitze, seine Tür schon geöffnet.
Fünf Menschen – oder vier Menschen, wenn man den Kleinsten an dieser Stelle noch nicht berücksichtigt – und drei Sprachen gemeinsam an einem Tisch:
Da ist meine Schwiegertochter, die Deutsch zwar ganz gut versteht und auch die wichtigsten Dinge sagen kann, deren Muttersprache aber Rumänisch ist.
Da ist mein Sohn und da bin ich, die wir inzwischen das eine oder andere rumänische Wort kennen, die Sprache aber mitnichten beherrschen und unsere Muttersprache ist Deutsch.
Und da ist der kleine Augustin, dessen Muttersprache Rumänisch, dessen Vatersprache Deutsch und dessen Alltags- und die gemeinsame Familiensprache Englisch ist.
Und der deshalb immer mal wieder alle drei Sprachen, die er kennt und schon ganz gut beherrscht, vermischt und herauskommt so etwas wie: I want bitte lapte trinken.
Ist nun das, was sich da am Küchentisch ereignet hat, und was sich eigentlich ständig und alltäglich in dieser Familie ereignet, babylonische Sprachverwirrung, liebe Gemeinde, oder doch eher Pfingsten?
Ja, was ist Pfingsten überhaupt und hat es etwas mit dem alltäglichen Leben zu tun?
Lassen Sie uns noch einmal den beiden Texten für heute folgen.
Der erste, der sog. Turmbau zu Babel erscheint so gar nicht pfingstlich. Eher wie ein Gegenentwurf zu dem, was in der Apostelgeschichte erzählt wird: Statt Einheit und Verständigung: einander nicht verstehen und Zerstreutheit.
Zumindest habe ich es so gelernt.
Ich kenne diese Geschichte seit Kindertagen. Gerne wurde sie im Kindergottesdienst erzählt. In der Grundschule habe ich dazu im Religionsunterricht ein Bild gemalt – daran erinnere ich mich noch. Und in meiner Kinderbibel stand sie auch.
Der erhobene Zeigefinger in der Geschichte und so wie sie damals erzählt wurde, war unübersehbar und unüberhörbar war die Moral von der Geschicht:
Mensch, überheb dich selbst in deiner Größe nicht, sonst kommt Gott mit seinem Strafgericht!
Pfingstlich?
Wohl eher nicht. Eher gegenpfingstlich.
Doch kann es sein, dass für dieses Fest eine biblische Geschichte ausgewählt
wird, nur deshalb, um die Aussage der eigentlichen Geschichte zu Pfingsten wie auf einer Negativfolie umso stärker strahlen zu lassen?
Diese eigentliche Pfingstgeschichte, wie sie in der Apostelgeschichte des Lukas steht.
Auch sie kenne ich seit Kindertagen.
Auch mit ihr war mir seit Kindertagen klar: Pfingsten ist, wenn alle Menschen dieselbe Sprache sprechen, also alles, was sie unterscheidet und trennt, nicht mehr ist.
Und wenn das geschieht, dann beginnt die Kirche.
Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, dieser christlichen Gemeinschaft und Institution, in der alles anders ist – besser sogar, weil sich dort die Menschen versammeln, die von Gottes Geist berührt sind…
Ist das, liebe Gemeinde, Pfingsten?
Ich sehe diese Deutungen der beiden Geschichten, die meinen kindlichen Glauben ich in früheren Tagen geprägt haben und ich denke:
Das ist Pfingsten nicht!
Denn ein Gott, der nach moralischen Kategorien handelt, Verfehlungen bestraft und die Menschen mit der Strafe sich selbst überlässt – so wie es die Geschichte vom Turmbau zu Babel erst einmal nahe zu liegen scheint – dieser Gott wiederspricht dem Gott, den ich inzwischen glaube.
Er passt auch nicht zu dem Gott, der an Pfingsten in Jerusalem einfach rückgängig macht, was er Äionen zuvor in Babel getan hat.
Der Gott, von dem Lukas in seiner Apostelgeschichte erzählt, ist einer, der da ist und zu den Menschen kommt – einer, der sich mit seiner Kraft auf wundersame Weise mit den Menschen in ihrer Schwachheit, ihren Zweifeln und Sorgen – ja auch in ihrer Gebrochenheit und Fehlerhaftigkeit – verbindet, sodass der Mut größer wird als die Angst, die Gabe zur Begegnung stärker als der Sog der Vereinzelung und das einander Verstehen sogar über Unterschiede und Grenzen hinweg möglich wird.
Es ist derselbe Gott, von dem Lukas in seinem Evangelium von Jesus Christus berichtet hat und mit ihm die anderen Evangelisten auch.
Und es ist derselbe Gott, der auf dieselbe zugewandte, da-seiende und mitgehende Weise von allem Anfang an bei seinen Menschen war in den Wüsten ihres Lebens wie damals auf dem Weg der Hebräer aus Ägypten in das versprochene Land. – Und öfter.
Und von genau diesem Gott erzählt auch die Geschichte vom Turmbau zu Babel.
Kein anderer Gott tritt dort auf den Plan und sein Handeln ist nicht das Gegenhandeln zu ihm in der Pfingstgeschichte.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist die Voraussetzung und Ergänzung von Pfingsten. Durch sie bleibt das Pfingstereignis nicht eine einmalige ekstatische Erfahrung, sondern enthüllt, dass es inmitten allem menschlichen Miteinander gegründet ist.
Nehmen wir also einen zweiten Blick nach Babel in die Zeit unendliche lang vor unserer Zeitrechnung und nach Jerusalem in die Zeit rund 2000 Jahre zurück – und kommen wir Pfingsten damals und vor damals – damit auch heute – hier und im fernen British Columbia – auf die Spur.
Da ist also zuerst das Pfingstereignis zu Babel:
Lesen wir genau, entdecken wir, dass die einheitliche Sprache, von der berichtet wird, gar nicht schon immer bestand. Im Gegenteil: nach Noah und der Sintflut hatten sich die Menschen in großer Vielfalt entwickelt: Unzählige Gruppen, die sich zusammengefunden hatten und ihre Identität in Sprachen und kulturellen Eigen- und Besonderheiten weiter entfalteten.
Im 10. Kapitel des Buches Genesis unmittelbar vor der Turmbaugeschichte lesen wir davon.
Bis eine einzelne Macht auftritt. Nimrod – so wird dort erzählt – war der erste, der Macht gewann auf Erden.
Und in dem Zusammenhang, so wird weitererzählt, war es dann gekommen, dass alle Welt eine Sprache hatte. Alles Bunte, alles Verschiedene, alles Eigen-Willige und Lebendig-Chaotische wird in einer Einheitssprache zusammengedampft.
Bekannt kommt mir das vor.
Das gab es schon mal – immer wieder gab es das – in unserer Geschichte sowieso – und anderswo auch – und es gibt es auch heute:
Menschen, die die Größenfantasie haben, sie könnten die Welt unter ihrer Herrschaft in allen Teilen gleich machen und die ihre Macht darauf bauen, dass sich das, was gleich ist, besser kontrollieren und beherrschen lässt als bunte und kreative Verschiedenheit.
- Ich glaube kaum, dass es nötig ist die früheren und heutigen „Nimrods“ beim Namen zu nennen. Allzu bekannt sind sie sowieso!
Und Gott?
Keinesfalls wird erzählt, dass Gott eifersüchtig auf dieses irdische Muskelspiel wird oder seine Macht gefährdet sieht.
Was wäre denn das auch für ein Gott, der in Konkurrenz zu fragwürdig-mächtigen Menschen geht!
Gott fährt nicht drein wie ein Irrwisch und wie ebenfalls ein Alleinherrscher in alles dreinfährt, was ihn bedrohen und seinen Machtanspruch mindern könnte!
- Auch hier spare ich es mir, historische oder aktuelle Beispiele zu nennen.
Gott unterbricht diese Dynamik der Gleichmacherei aus Profilierungssucht und Profitgier eines einzelnen Mächtigen.
Gott unterbricht die Größenfantasien, in deren Dienst nur das Alles-Gleiche stehen kann – eine vereinheitlichte Sprache und Kultur – und auch besondere geschlechtsspezifische Lebensentwürfe und Identitäten, und was es sonst noch alles gibt, das unterschiedlich ist und die Buntheit des Lebens spiegelt – und das gleich gemacht wird, weil es als Bedrohung empfunden wird.
Am Ende der Geschichte vom Turmbau zerstreut Gott die Menschen in alle Länder – und hilft ihnen damit aus der Enge des Einerlei in die Weite der Möglichkeiten.
Statt sich nach oben hin zu strecken und in die Höhe zu wachsen – wie das Bild des Turmes die Größenfantasie beschreibt – werden die Menschen in die Weite gewiesen, die Raum gibt für ihre vielfältige Entfaltung.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel also weder eine Geschichte vom Strafgericht Gottes, noch eine Anti-Pfingstgeschichte.
Sondern eine Geschichte von Gottes Wirken, das Grenzen sprengt und Lebensraum weitet. Sie ist sie eine Pfingstgeschichte.
Und nun die zweite Pfingstgeschichte aus Jerusalem vor rund 2000 Jahren und nach den, die Jünger*innen Jesu dreimalig und nachhaltig erschütternden, Erfahrungen – erst der Erfahrung von Jesu gewaltsamem Tod und dann der von seiner wundersamen Auferstehung und schließlich der seiner Rückkehr in die Einheit mit Gott.
Noch sind die Jünger*innen dabei, zu verarbeiten und zu begreifen, was das alles war und bedeutet, was sie erlebt haben.
Verborgen – vielleicht auch verkrochen – haben sie sich gemeinsam in einem Haus in Jerusalem bei geschlossenen Fenstern und Türen.
Die Stadt ist zu dem nächsten großen Fest wieder voller Menschen aus allen Winkeln der damals bekannten Welt.
Das – so stelle ich mir vor – holt das jüngst Erlebte um so stärker wieder hoch und damit womöglich auch die Angst oder zumindest die Besorgnis, ob „die Stadt“ evt. noch nicht vergessen hat, was erst vor kurzem geschehen ist und sie, als Anhänger*innen dieses Jesus, erneut ins Fadenkreuz der Vorwürfe des politischen Aufruhrs und in Gefahr geraten könnten.
Und so steht am Anfang dieser Geschichte zwar nicht die Gleichmacherei aus Größenfantasien, aber der Rückzug in die Vereinzelung aus Angst.
Auch Angst lässt Buntheit blass werden und Vielfältigkeit verschwimmen.
Und so wie Gott in die Gleichmacherei des Größenwahns fährt, so fährt er auch hier in Angst und Besorgnis der Jünger*innen hinein.
Er weitet ihre engen Herzen und Sinne und öffnet das verschlossene Haus, sodass das vielfältige Leben um dieses Haus herum ihnen nicht mehr feindlich wirkt, sondern es die Jünger*innen genau dorthin zieht…
Und das Wunder geschieht: Sie finden eine Sprache, mit der Begegnung mit dem Fremden möglich wird, und die Fremden verstehen sie.
Mit keinem Wort wird erzählt, dass dieses Verstehen und einander Verständigen deshalb möglich wurde, weil plötzlich alle EINE Sprache sprachen und alle Unterschiede aufgehoben waren.
Im Gegenteil: Trotz – in und mit ihrer Verschiedenheit verstehen die Menschen einander auf überraschende und neue Weise.
Ein Wunder! Ja!
Doch das noch größere Wunder der Pfingsterzählung nach Apg 2 ist in meinen Augen das Wunder der Leichtigkeit, mit der dieses einander Verstehen möglich wird.
Keine Anstrengung des mühsamen Lernens einer anderen Sprache!
Keine emotionale und Beziehungsarbeit, die „normalerweise“ nötig sind, wenn Menschen miteinander leben – erst recht, wenn sie durch unterschiedliche Herkunft und Kulturen geprägt sind wie diese Familie in Kanada im Kleinen – wie unsere Gesellschaft hier, wie die Menschheitsfamilie der ganzen Weltim Großen!
Sondern einfach Begegnung von Ich und Du in Anerkennung der Verschiedenheit und – so verstehe ich es – im tiefen Wissen, dass es jenseits aller Verschiedenheit etwas gibt, das größer ist als alles Klein-Klein der Unterschiede, und das deshalb nicht nur TROTZ aller Unterschiedlichkeit verbindet, sondern die Verschiedenheit zu einem Reichtum werden lässt.
Kein Wunder, dass Menschen in solcher einem Begegnungserleben wie berauscht wirken!
In diesem Sinn berauscht sind die Jünger*innen wahrscheinlich wirklich.
Aber eben nicht vom süßen Wein, sondern von der überwältigenden Erfahrung, dass es etwas gibt, das sie zusammenführt und verbindet, und dass dies die Kraft hat, sie zu tragen.
- Die Kraft zu tragen, wenn Unterschiede offensichtlich sind und zu Trennendem zu werden drohen –
- Die Kraft die Verbundenheit schafft, auch wenn man sich nicht oder nicht immer versteht –
In der Pfingsterzählung des Lukas nennt Petrus diese Kraft in seiner Predigt „Jesus Christus“, in dem Gott sich jenseits aller persönlichen Individualität und kulturellen Unterschiedlichkeit der Menschheit ALLEN gleich gemacht hat und sich jedem Menschen als Gott-Bruder in Leben und Lachen, Weinen und Sterben zur Seite stellt.
Paulus nennt diese Kraft: Gotteskindschaft, die niemanden auslässt und alle umfasst.
Mit unseren älteren jüdischen Geschwistern im Glauben an den einen Gott hören wir, dass die Bibel diese Kraft „Gottebenbildlichkeit“ nennt.
Diese Kraft, die verbindet und trägt und nicht uns Menschen gleich macht, aber uns Menschen überall auf der Welt gleich SEIN lässt.
- Der kleine Augustin aus Victoria und sein kleiner Bruder Caspian werden diese Kraft, die ihn in einer Gemeinschaft großer Verschiedenheit aufwachsen lassen, vielleicht einmal „Familie“ nennen.
Die Pfingsterzählung ist deshalb eine Empowerment-Erzählung. Eine Kraft-Schub-Erzählung gegen alles, was das Leben und die Entfaltung von Menschen hindert und für ein Leben ALLER in der Freiheit der Kinder Gottes.
Dieser Freiheit, die anerkennt, dass jeder Mensch in seinen eigenen Grenzen lebt und denkt und handelt – allen voran man selber – und Gottes Geist in jedem Menschen wirkt und danach strebt, sich über alle individuellen Grezen hinweg durch alle Eigen-Arten zum Guten für den Mitmenschen, die Menschenschwester, den Menschenbruder neben einem, zu entfalten.
So ist Vielfalt möglich und wird gehalten und getragen in Achtung und Liebe, in Wert- und Hochschätzung jedes Menschen in seiner und jeder Kultur und Sprachgruppe in ihrer Individualität. Und Vielfalt wird zu Reichtum und Lebensweite.
Und wir feiern immer noch Pfingsten, weil dies zu leben wir als Kirche gerufen sind.
Die Zeichen von uns als Kirche in dieser pfingstlichen Haltung sind, wenn wir heute mit der Leichtigkeit der geist-beseelten Jünger*innen im Privaten, wie im Gesellschaftlichen und Politischen allem Größen-Fantastischen, allem Polarisierenden und allem Populistischen das heute Raum greift mit derselben Klarheit in den Worten und der gleichen verbindenden Sprache wie der des Petrus damals in Jerusalem begegnen
und dafür einstehen,
dass Gott ein Gott der Weite ist und sein Geist uns unverfügbar und manchmal auch unverstehbar weht, wo und durch wen er will.
Solch ein Pfingstfest möge Gotte uns bereiten. Heute und jeden Tag.
Amen.
Pfingstsonntag, 24.05.2026, Apg.2,1-13(-18), Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Thema/Text: „Die Erkennungszeichen des Heiligen Geistes“ Apg.2,1-13(-18)
Das Pfingstfest hat es schwer – ihm fehlt die Festgesellschaft. Wenn es empfindsam wäre wie ein Mensch, dann hätte es wirklich allen Grund neidisch zu sein auf Weihnachten und auf Ostern. Auch wenn manches Mal darüber geklagt wird, dass immer mehr an diesen Festen teilnehmen, ohne so richtig zu wissen, worum es da geht – Weihnachten und Ostern sind präsent in der Öffentlichkeit. Kein Supermarkt, keine Bäckerei und kein Deko-Geschäft versäumt es, auf diese Feste in den Auslagen hinzuweisen. Das arme Pfingstfest dagegen geht leer aus. Es ist buchstäblich nicht greifbar. Anders als Weihnachten und Ostern. Weihnachten gibt es den Schokoweihnachtsmann und den Tannenbaum, die Krippe mit den Jesuskind, Engel und Kerzen und zum Glück für die Geschäftsleute die drei Weisen aus dem Morgenland, die dank ihrer Gaben an das neugeborene Kind den Geschenkeboom so richtig in Gang gesetzt haben. Und Ostern, gibt’s die Schoko-Osterhasen und die Ostereier in jeder Geschmacksrichtung, Osterglocken und Osterlämmer, gebacken - versteht sich.
Und Pfingsten? Pfingstrosen – aber die blühen auf und sind dann schnell verblüht. Und für die Kinder ist nichts im Angebot. Keine Geschenke. Keine Schoko-Taube. Nichts Greifbares.
Das Pfingstfest entzieht sich der Konsumgesellschaft. Es trägt nicht zum Bruttosozialprodukt bei. Steigert nicht den Umsatz.
In einer Zeitschrift las ich vor einigen Jahren einen Beitrag zum Pfingstfest in bayrischer Mundart. Folgendes stand da: „Das Pfingstfest is woas Geistiges, nix zum Greifa: heit gib’s nix un heit kimmt nix: koa Christkind und koa Osterhas, heit kimmt grad der Heilige Geist.“
Besser lässt sie sich kaum beschreiben, unsere liebe Not mit dem Heiligen Geist und seinem Fest. Es gibt nichts – nichts zum Greifen, zum Kaufen. Mit dem Heiligen Geist ist kein Geschäft zu machen. So isses!
Der Heilige Geist kann nicht ergriffen werden, sondern er ergreift. Er hat es getan – damals in Jerusalem – und er tut es seitdem immer wieder. Er versucht es immer wieder. Er ist unberechenbar, kreativ, überraschend, ein stürmischer Draufgänger. Fotogen ist er nicht, aber spürbar. Macht sich auf verschiedene Weise bemerkbar.
Der Evangelist Lukas berichtet uns folgendes: „Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“
Pfingsten – eine windige Angelegenheit!
Wo der Heilige Geist kommt, da weht ein frischer Wind. Pfingsten ist eine zugige Sache. Damit fängt’s an. Das heißt: damit will es anfangen. Doch häufig kommt es nicht dazu.
Denn statt die Fenster weit aufzumachen und die abgestandene Zimmerluft nach draußen zu lassen, sie auszutauschen mit frischem Wind – bleiben meistens die Fenster zu. Man könnte sich ja im Zug einen Schnupfen holen. Da könnte ja etwas reinkommen ins Haus der Kirche, was uns unbequem ist. Da könnten ja glatt liebgewordene Traditionen hinausgeweht werden – alte liturgische Melodien, so mancher Choral, vielleicht sogar – o Schreck – alte Glaubensvorstellungen, kirchliche Lehrsätze. Da könnte ja Bewegung in den Raum kommen, weniger Sitzen, mehr Rhythmus, der in die Hände und Beine geht, mehr Klatschen, vielleicht sogar Tanzen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Heilige Geist aus den volkskirchlichen Gemeinden hinaus in die „säkulare“ Gesellschaft ausweicht, dass er dort mit seinen Anliegen besser ankommt.
Wir müssen frischluftfreudiger werden, liebe Gemeinde – bis hinein in unsere Gremien, Kreise und Versammlungen – auf allen Ebenen, in Gemeinde und Diakonie.
Der Geist weht, wo er will, heißt es bei Johannes. Aber er weht nur da, wo man ihn lässt. Man kann dem Heiligen Geist auch den Wind aus den Segeln nehmen.
Pfingsten rechtfertigt Bewegung, frischen Wind und neue Ansätze. Auch bei uns. Doch nicht nur das:
„Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und sie setzten sich auf einen jeden von ihnen und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist.“
Pfingsten macht Begeisterte!
Wenn der Heilige Geist kommt, wenn wir ihn kommen lassen, dann begeistert er. Dann werden Menschen Feuer und Flamme für Gottes Sache in unserer Welt. Dann entwickeln sie Mut und Phantasie, sich einzumischen, sich einzubringen in die laufenden Geschäfte. Dann setzen sie neue Akzente – tragen dazu bei, dass anderen ein Licht aufgeht und sie staunend feststellen: es geht also doch – Gemeinschaft zwischen
Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung, mit ersichtlichen und verborgenen Beeinträchtigungen, Gemeinschaft über alle Unterschiede hinweg, gemeinsames Engagement für eine lebenswerte Gesellschaft
Der Heilige Geist, er setzt in Bewegung. Er bringt uns heraus aus unseren Kreisläufen der Langeweile und des Verdrusses, der Beschäftigung mit sich selbst, dem Eingerichtet Sein in der eigenen Blase. Er bewegt uns vorwärts. Und wenn wir uns von ihm bewegen lassen, dann kann’s durchaus passieren, dass man sich auf einmal in einer Bewegung wiederfindet – in der Menschenrechtsbewegung, für die Demokratie und gegen rechte Hetze, für den Klima- und Umweltschutz, von „Fridays vor Future“ bis „Omas gegen Rechts“ oder „Düsseldorf stellt sich quer“.
Wenn wir uns bewegen lassen von Gottes gutem Geist, dann wird man noch einiges an uns feststellen können.
„...und sie fingen an zu predigen in anderen Zungen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“
Wer sich vom Heiligen Geist bewegen lässt, der kommt zu Wort und der findet Worte – und nicht selten sogar witzige, scharfsinnige und treffende. Der Geist, um den es heute geht, heißt im Französischen Esprit. Das ist der Geist, der geistreich macht und geistesgegenwärtig.
Dass wir das oft nicht sind, liegt daran, dass wir uns von allen möglichen schrägen Geistern beherrschen lassen – vom Kleingeist, vom Geist der Missgunst und der Gehässigkeit – nur nicht vom konstruktiven Geist Gottes.
Und wo der Geist Gottes in uns zur Sprache drängt, da halten wir ihm manchmal regelrecht den Mund zu und stecken ihm einen Knebel zwischen die Zähne. Dann allerdings kimmt nix. Kann nichts kommen!
Wer sich nicht abschirmt gegen den Heiligen Geist, wer ihm nicht den Mund verbietet, der spricht in anderen Zungen als bisher. Und er hört zuallererst auf, doppelzüngig zu reden. Der Heilige Geist ist ein eindeutiger Geist!
Er lässt uns nicht in Hinterzimmern heimlich übereinander reden, sondern er bewirkt, dass wir in der frischen Luft der Öffentlichkeit miteinander reden – nicht über die schlechten Eigenschaften der anderen, sondern über die guten Eigenschaften, die Gott jedem Menschenkind für seinen Lebensweg mitgegeben hat und die in unserem Reden und Tun zum Zuge kommen wollen. So ein Reden hat dann erstaunliche Folgen, wie wir hören:
„ ...und die Menge kam zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache von den großen Taten Gottes reden.“
Pfingsten erzeugt Verständigung.
Wer sich vom Heiligen Geist bevormunden lässt in des Wortes bester Bedeutung, der wird verständlich. Den versteht man. Den versteht jeder, dem an Verständigung über Grenzen hinweg gelegen ist. Und von dem fühlt sich jeder verstanden – was unendlich wichtig ist, weil es so viele gibt in dieser Welt, in unserer Gesellschaft, die unter dem Unverständnis ihrer Mitmenschen leiden.
Der Heilige Geist ist ein verstehender Geist. Er erzeugt Verstehen des anderen und beim anderen. Er erzeugt aber auch Verständigung untereinander. Und darum ist er ein gefährlicher Geist. Nicht für uns, aber für andere.
Denn Verständigung ist es, was man oft eben gerade nicht will im Zeitalter der Kommunikation. Denn Verständigung der Menschen untereinander über ihre wirklichen Bedürfnisse – das würde den Kommerz gefährden, die Wirtschaft, die in großen Teilen eine Verwirtschaftung der Ressourcen ist, die wenigen nützt und vielen schadet – vor allen Dingen der Natur und unseren tierischen Verwandten.
Liebe Gemeinde, sie sehen, wohin es führt, wenn der Heilige Geist bewegt, begeistert, bevormundet und verbindet. Er erzeugt Kirche mit frischem Wind – Kirche mitten in der Gesellschaft und für die Menschen.
Das allerdings hat einen wichtigen Nebeneffekt. Lukas erwähnt ihn abschließend:
„Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zum anderen: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.“
Pfingsten erzeugt Aufregung am Rande.
Das ist nicht zu vermeiden. Die Spötter lassen wir links liegen – oder rechts, ganz wie sie wollen.
Dass man sich aber entsetzt und ratlos wird und fragt: Was will das werden? – das muss Kirche wissen, wenn sie über ihre Kritiker nachdenkt.
Ratlosigkeit ist aller Änderung Anfang. Und wem es die Sprache verschlagen hat beim Blick auf vom Pfingstgeist inspirierte Taten der Kirche, den sollten wir nicht draußen vor stehen lassen, sondern dem sollten wir das Gespräch und das Mittun anbieten. Kommt und seht selbst, was möglich ist, wo der Geist Gottes wirkt!
Zurück zum Anfang und damit zum Schluss: ist Pfingsten wirklich nichts „zum Greifa“?
Pfingsten ist was zum Greifen!
Etwas Greifbares, Fassbares, Erlebbares! Wenn wir in Bewegung kommen nach vorne, wenn wir uns begeistern lassen von Gottes Gedanken über diese Welt, wenn wir aufhören zu schwätzen und anfangen, miteinander zu reden, und merken, dass wir uns verstehen –
dann gibt’s was und dann kimmt was!
Dann tun sich neue, gangbare Wege auf,
dann können wir aus den Hamsterrädern unseres Wirtschaftens und Arbeitens aussteigen und Arbeit und Leben in Einklang bringen mit den Bedürfnissen aller Menschen, die in unserer Gesellschaft leben, ja, auch global,
dann ist Wahrheit wieder Wahrheit und Lüge ist Lüge,
dann stehen Güte und Barmherzigkeit in höherem Ansehen als Geld und Macht,
dann küssen sich Gerechtigkeit und Frieden
und Freude und Freiheit tanzen miteinander.
Lassen wir den Pfingstgeist herein – in unsere Herzen, in unsere Gemeinschaften, in unsere Kirche.
Lassen wir uns von ihm ergreifen und machen wir ihn durch unser Reden, Tun und Leben erfahrbar und greifbar für andere.
Amen.
Rogate, 10.05.2026, 1.Mose 18,16-33, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
„Beten“, das ist das Thema dieses Sonntags. Beten, das ist die Weise, mit Gott in Beziehung zu kommen – in Dank, Lob, Bitte, Klage und Fürbitte. Beten, das verbindet uns mit Menschen unterschiedlichster Kultur und Religion. Und es verbindet uns über die Zeiten hinweg auch mit den Menschen der Bibel. Der Predigttext erzählt uns eine Geschichte, in der es auch ums Beten, um eine Fürbitte geht. Dass es sich um eine sehr alte Geschichte handelt, wird daran deutlich, dass in ihr drei himmlische Wesen in der Gestalt von Männern auftreten und Kontakt zu den Menschen aufnehmen – und dass dieses für beide Seiten völlig normal ist. In der Ikonographie der Orthodoxen Kirche werden die drei als Engel dargestellt. Im Text selbst wird nahegelegt, dass einer von den Dreien Gott selbst ist.
Die Drei hatten Abraham besucht und ihm und Sara die Geburt des lange verheißenen Sohnes angekündigt. Hören wir nun, wie die Geschichte weitergeht:
Die Männer brachen auf, und Abraham begleitete sie.
Als sie auf Sodom, wo sich Lot, Abrahams Neffe, niedergelassen hatte, hinuntersahen, dachte Adonaj:
»Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten,
was ich vorhabe? Er soll doch zum Stammvater
eines großen und mächtigen Volkes werden.
Alle Völker der Erde sollen durch ihn gesegnet sein.
Denn hierfür habe ich ihn ausgewählt:
Er soll seine Söhne und seine Nachkommen dazu bringen,
auf dem Weg Adonajs zu bleiben.
Er soll sie lehren, sich an Recht und Gerechtigkeit zu halten.
Dann wird Adonaj erfüllen,
was er Abraham verheißen hat.«
Adonaj sagte:
»Ja, die Klagen über Sodom und Gomorra sind groß,
und ihre Vergehen wiegen schwer.
Ich will hinabsteigen und die Klagen prüfen,
die vor mich gekommen sind:
Haben sie wirklich so schlecht gehandelt oder nicht?
Ich will es wissen.«
Zwei von den Männern machten sich auf nach Sodom.
Adonaj aber blieb bei Abraham zurück.
Abraham trat näher und fragte:
»Willst du wirklich Gerechte und Frevler ohne Unterschied vernichten? Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt.
Willst du sie trotzdem vernichten? Willst du den Ort nicht verschonen wegen der 50 Gerechten darin?
Das kannst du doch nicht tun
und den Gerechten wie den Frevler töten!
Dann würde es den Gerechten ergehen wie den Frevlern.
Nein, das kannst du nicht tun.
Der Richter der ganzen Welt begeht doch kein Unrecht.«
Adonaj antwortete:
»Wenn ich in der Stadt Sodom 50 Gerechte finde,
verschone ich ihretwegen den ganzen Ort.«
Aber Abraham fuhr fort:
»Ich bin nur Staub und Asche.
Dennoch habe ich es gewagt, mit dem Herrn zu reden.
Vielleicht sind es 5 weniger als 50 Gerechte.
Willst du wegen der 5 die ganze Stadt zerstören?«
Da sagte er: »Nein, ich werde sie nicht zerstören,
wenn ich dort 45 Gerechte finde.«
Abraham richtete noch einmal das Wort an ihn:
»Vielleicht lassen sich dort nur 40 finden.«
Er antwortete: »Wegen der 40 werde ich es nicht tun.«
Abraham sagte: »Mein Herr, sei mir nicht böse,
wenn ich weiterspreche.
Vielleicht lassen sich dort nur 30 finden.«
Er entgegnete: »Wenn ich dort 30 finde,
werde ich es nicht tun.«
Abraham fing wieder an: »Ich habe es nun einmal gewagt,
mit dem Herrn zu verhandeln. Vielleicht sind es nur 20.«
Er antwortete:
»Wegen der 20 werde ich Sodom nicht zerstören.«
Abraham redete weiter:
»Mein Herr, sei mir nicht böse,
wenn ich noch ein letztes Mal das Wort ergreife.
Vielleicht gibt es dort nur 10 Gerechte.«
Er erwiderte:
»Wegen der 10 werde ich die Stadt nicht zerstören.«
Adonaj ging fort,
nachdem er das Gespräch mit Abraham beendet hatte.
Daraufhin kehrte Abraham in sein Lager zurück.
Liebe Gemeinde,
eine merkwürdige Geschichte mit einer auf den ersten Blick mindestens fragwürdigen Vorstellung davon, was das Beten betrifft. Auf der anderen Seite enthält das Gespräch Abrahams mit Adonaj aber auch eine gute Nachricht für unsere Welt: Von Anfang bis Ende wird Gottes Interesse an den Menschen deutlich, ihr Ergehen, ihr Tun und Lassen lassen ihn nicht kalt, sondern im Gegenteil: das Klagen und Weinen derer, die unter ihren gewalttätigen Mitmenschen leiden, sind zu seinen Ohren gekommen und fordern sein Eingreifen heraus. Doch weil er kein Despot ist, der auf Gerüchte hin losschlägt, will er sich erst genau informieren, was Sache ist. Es geht ihm um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Die Geschichte lässt uns an den Gedanken Gottes teilhaben:
»Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten,
was ich vorhabe? Er soll doch zum Stammvater
eines großen und mächtigen Volkes werden.
Alle Völker der Erde sollen durch ihn gesegnet sein.
Denn hierfür habe ich ihn ausgewählt:
Er soll seine Söhne und seine Nachkommen dazu bringen,
auf dem Weg Adonajs zu bleiben.
Er soll sie lehren, sich an Recht und Gerechtigkeit zu halten.
Dann wird Adonaj erfüllen,
was er Abraham verheißen hat.«
Nein, der Gott Abrahams ist wahrhaftig kein Despot. Er geht nicht hin und handelt einfach in seiner Machtfülle, sondern er bezieht Abraham in seine Überlegungen betreffs Sodom und Gomorra mit ein. Damit zeigt Gott, wie viel ihm die Verbindung mit Abraham bedeutet und wie hoch er Abraham als Bündnispartner achtet. Gott offenbart sich ihm, Gott lässt ihn teilhaben an seinen Plänen, Gott stellt ihn nicht einfach vor vollendete Tatsachen.
Adonaj sagt:
»Ja, die Klagen über Sodom und Gomorra sind groß,
und ihre Vergehen wiegen schwer.
Ich will hinabsteigen und die Klagen prüfen,
die vor mich gekommen sind:
Haben sie wirklich so schlecht gehandelt oder nicht?
Ich will es wissen.«
Gott handelt also nicht auf Gerüchte hin. Aber er ist auch keiner, der gleichgültig über allem Elend steht. Gott lässt sich von dem, was er hört, bewegen und kommt selbst herab, um zu prüfen, was tatsächlich in den beiden Städten vor sich geht. Gott hat Interesse daran, wie Menschen miteinander umgehen. Und wenn es wie in Sodom und Gomorra so weit kommt, dass Machtmissbrauch und Einschüchterung an der Tagesordnung sind, dass Gewalt sich über jegliches Recht hinwegsetzt und Fremde zur Zielscheibe von Hass und Demütigungen gemacht werden und Männer wie Frauen, Junge und Alte sexuellen Übergriffen ausgeliefert sind, dann lässt Gott das nicht kalt. Dann will er das nicht einfach so weitergehen lassen. Dann will er diesem Unheil ein Ende setzen. Das alles sagt Gott zu Abraham.
Und dann hält er inne und wartet, was Abraham antworten wird, bzw., wie ein Ausleger etwas überspitzt formuliert, dass Gott hier tatsächlich auf Abrahams Seelsorge wartet.
Dieser Gedanke, dass Gott den Menschen nicht nur gebraucht wie ein Werkzeug, sondern dass Gott den Menschen tatsächlich braucht im Sinne von „nötig hat“, dieser Gedanke ist in der christlichen Tradition weitgehend fremd geblieben. Aber in der jüdischen Tradition ist dieser Gedanke in vieler Hinsicht zum Tragen gekommen. So kann es im Midrasch Wayiqra heißen: „Die Gerechten fügen Kraft hinzu der oberen Gewalt“, das heißt: die Gerechten stärken Gott. Oder ich denke an ein noch weitergehendes Zitat des 1.Talmudtraktates Berakhot, wo es heißt: „Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Wer sich mit der Thora und Liebeswerken befasst und mit der Gemeinde betet, dem rechne ich an, als hätte er mich und meine Kinder von den weltlichen Völkern erlöst.“ In diesem Sinn ist schließlich auch zu verstehen, was der große jüdische Philosoph des 20.Jahrhunderts, Franz Rosenzweig, behauptet, wenn er sagt: „Gott spricht: Ohne euch kann ich nichts tun, ja, ohne euch kann ich nicht sein. Wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich nicht.“
Was uns Christen im ersten Moment fremd, vielleicht sogar anstößig erscheint, halte ich für sehr nachdenkenswert. Ich sehe bei uns die große Gefahr, Gott gegenüber in einer bloßen Anspruchshaltung zu verharren, die unsere Trägheit im Beten und Handeln noch verstärkt und ich glaube deshalb, es wäre auch für uns hilfreich, uns vor Augen zu halten, dass Gottes Entgegenkommen tatsächlich so weit geht, dass er auf unsere Antwort, auf unsere „Solidarität“ mit ihm angewiesen ist.
Abraham jedenfalls entzieht sich Gottes Erwartung nicht. Und an dem, was er Gott antwortet, merkt man, dass er Gott „kennt“. Das bedeutet mehr, als mit dem Verstand zu begreifen und Bescheid zu wissen. Kennen im hebräischen Sinne hat mit dem Herzen zu tun und ist eine Umschreibung für tiefe Liebe. Aus solcher liebevollen Gotteserkenntnis heraus spricht Abraham Gott auf seine Barmherzigkeit an. Er weiß, dass die Barmherzigkeit das Wesen Gottes ist und Kern all seines Tuns – auch seines Strafens. Nur weil Gott die Schreie der Opfer menschlicher Willkür und Rücksichtslosigkeit erbarmen, hat er sich aufgemacht zum Gericht. Weil Gott von Herzen Anteil nimmt am Leben der Menschen, will er nicht alles so weitergehen lassen.
Abraham spricht Gott auf seine Barmherzigkeit hin an, und im Vertrauen darauf, dass Gottes Erbarmen größer ist als sein Zorn, bittet er um Verschonung der Städte, wenn auch nur 50 Gerechte in ihnen leben.
Ich weiß nicht, ob Ihnen das Erstaunliche an Abrahams Bitte sofort klar ist. Abraham verhandelt mit Gott nicht um die Rettung der wenigen Unschuldigen. In seiner Fürbitte geht es um die Vielzahl der Schuldigen! Abraham kennt dabei sehr wohl das Maß menschlicher Bosheit – er versucht nicht, die Größe der Schuld irgendwie herunterzureden. Doch seine Hoffnung ist das noch größere Maß von Gottes Barmherzigkeit. Deshalb bittet er, wenn auch nur 50 Gerechte zu finden sind, möge Gott doch alle verschonen. Und deshalb traut er sich, die Vorbedingung für die Rettung der Städte immer niedriger zu handeln.
Und Gott lässt sich ganz auf Abraham ein. Sind auch nur 10 Gerechte in Sodom und Gomorra zu finden, sagt er schließlich, „so will ich sie nicht verderben um der zehn willen“.
Liebe Gemeinde, was Abraham hier mit seiner Fürbitte für Menschen tut, deren Wandel er zutiefst verabscheut, das ist nichts anderes als konkrete Feindesliebe. Wir können von ihm lernen, nicht müde zu werden, Gott auf seiner Barmherzigkeit zu behaften, nicht aufzuhören, Fürbitte zu halten, und zwar nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter, und nach Kräften vor Gott einzutreten für eine Verschonung der Welt vor ihrer Zerstörung.
Damals, so erzählt die Bibel, sind Sodom und Gomorra nicht dem Gericht entgangen. Aber das Gespräch zwischen Abraham und Gott wirft ein neues Licht auf den Untergang dieser beiden Städte. Denn nicht die übergroße Bosheit der Einwohner war letztlich dafür ausschlaggebend, sondern der Mangel an Gerechten! Nicht einmal zehn gab es unter den Tausenden von Ungerechten.
Der Mangel an Gerechten – das ist das Problem. Bis heute. Wobei wir uns klar machen müssen, wer im Geist der Bibel als ein Gerechter bezeichnet wird. Gerecht meint nicht, das ist ein Mensch ohne jeden Fehler. Gerecht ist einer, der sich darum bemüht, sein Leben danach auszurichten, was dem Willen Gottes für das Zusammenleben der Menschen entspricht. Gemeinschaftsgerechtigkeit, darum geht es. Sein eigenes Wohlergehen an das Wohlergehen seiner Mitmenschen zu binden, das Ich in das Wir einzubringen, sodass es allen nützt. Wer so lebt und handelt, der lebt und handelt dem Reich Gottes gemäß, so nannte das Jesus von Nazareth. Und darauf kommt alles an – sollte es zumindest, wenn wir unseren Glauben ernst nehmen.
An solchen Gerechten mangelte es in Sodom und mangelt es heute in unserer Gesellschaft. Das können wir in fast allen politischen Debatten verfolgen, wenn es um die Reformen in unseren sozialen Systemen geht, egal auf welcher Ebene – im Parlament, in den Talkrunden im Fernsehen und bei zufälligen Gesprächen unterwegs. Jeder verteidigt seine eigenen Interessen und gefährdet damit – ob er es will oder nicht – den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, unsere Demokratie. Das Sprichwort „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Das mag lustig sein, ist aber zerstörerisch für eine Gemeinschaft. 1933 haben das viel zu viele getan. Martin Niemöller hat nach 1945, als die deutschen Städte reihenweise in Feuersbrünsten untergegangen waren (wie die Bibel es von Sodom und Gomorra erzählt), auch sein eigenes Versagen gegenüber dem Nationalsozialismus so formuliert: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Die schweigende Mehrheit besteht nie aus Gerechten.
Eine andere Feststellung lautete treffend: die Weimarer Demokratie ist nicht von den Nazis zerstört worden. Sie ist zugrunde gegangen am Mangel an Demokraten.
Rogate heißt dieser Sonntag. Betet. Beten heißt nicht, die Hände in den Schoß legen und Gott mal machen lassen. Ora et labora – heißt die Grundregel der Benediktiner. Dietrich Bonhoeffers Überzeugung ließ ihn formulieren: Darauf kommt es heute an: zu beten und das Gerechte zu tun.
Sorgen wir uns darum, dass es nie wieder an Gerechten mangelt. Das ist es, was diese alte Erzählung aus dem 1. Buch Mose uns mahnend mitgeben möchte.
Amen.
Jubilate, 26.04.2026, Joh.15,1-12, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
„Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2.Kor.5,17)
Der Wochenspruch für diesen Sonntag ruft uns noch einmal kraftvoll das Thema der Jahreslosung in Erinnerung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb.21,5)
Wie das geht mit dem Neuwerden, was es mit uns und unserem Leben zu tun hat, das bringt uns das Evangelium des heutigen Tages näher, das auch der vorgeschlagene Predigttext ist. Auf dem Gottesdienstblatt haben sie ihn vor Augen. Warum ich einige Verse in einer anderen Drucktype geschrieben habe, werde ich im Verlauf der Predigt noch erörtern. Und ebenso, warum ich den vorgegebenen Abschnitt, die Verse 1-8, ergänzt habe durch die Verse 9-12.
1 »Ich bin der wahre Weinstock.
Mein Vater ist der Weinbauer.
2 Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt.
Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt,
damit sie noch mehr Frucht bringt.
3 Ihr seid schon rein geworden durch das Wort,
das ich euch verkündet habe.
4 Bleibt mit mir verbunden,
dann bleibe ich mit euch verbunden.
Eine Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht tragen.
Dazu muss sie mit dem Weinstock verbunden bleiben.
So könnt auch ihr keine Frucht tragen,
wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm,
bringt reiche Frucht.
Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen.
6 Wer nicht mit mir verbunden bleibt,
wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe
und vertrocknet.
Man sammelt die vertrockneten Reben ein
und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.
7 Wenn ihr mit mir verbunden bleibt
und meine Worte in euch bewahrt, dann gilt:
Ihr dürft bitten, was immer ihr wollt –
und eure Bitte wird erfüllt werden.
8 Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar,
dass ihr viel Frucht bringt
und euch als meine Jünger erweist.«
9 »Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch.
Haltet an meiner Liebe fest!
10 Ihr haltet an meiner Liebe fest,
wenn ihr meine Weisungen befolgt.
Ich befolge ja auch die Weisungen meines Vaters
und halte so an seiner Liebe fest.
11 Das habe ich zu euch gesagt,
damit meine Freude euch ansteckt.
Die Freude wird euch ganz und gar erfüllen!
12 Das ist mein Gebot:
Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe.“
Das Bildwort vom Weinstock und den Reben ist einer der bekanntesten Abschnitte aus dem Johannesevangelium. Ich nehme es sehr gerne als Abschlusswort bei Abendmahlsfeiern, weil es in sinnenfälliger Weise Verbundenheit ausdrückt, dieses „Ihr in mir und ich in euch“, welches der Christus Jesus uns damit zuspricht, das Zusammengehören aller mit ihm und aller untereinander – symbolisiert durch den Kreis, den die am Abendmahl Teilnehmenden bilden.
Verbundenheit, das ist das große Thema, das im 15. Kapitel des Johannesevangeliums entfaltet wird und auch die anderen biblischen Texte für den Sonntag Jubilate durchzieht.
Da ist die Verbundenheit des Christus Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden, die Kreuz und Tod nicht zerstören konnten; eine bleibende Verbundenheit, die ewiges, unzerstörbares Leben in sich trägt.
Da ist die Verbundenheit des Schöpfers mit seiner Schöpfung, die Verbundenheit des Vaters mit seinen Kindern, die alle Religions- und Kulturgrenzen überspannt – so wie es Lukas in der Apostelgeschichte den Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen, dem geistig-intellektuellen Zentrum der Antike, bekennen lässt: „In ihm leben, weben und sind wir alle.“
Im Bewusstsein solcher Verbundenheit zu leben, das ist Grund zum Jubeln – „Jubilate!“ Der heutige Sonntag will uns Appetit darauf machen, ebenfalls in solches Verbunden Sein einzutreten. Was es erfordert, welche Geisteshaltung unsererseits nötig ist, das erschließt sich in den Versen des Bildwortes vom Weinstock und den Reben.
Dabei ist es schon entscheidend, unter welchem Vorzeichen wir den Text lesen. Er kann nämlich auch so verstanden und damit missverstanden werden, dass er gerade nicht verbindend wirkt, sondern spaltend. Wobei ich bei den Versen bin, die kursiv gedruckt sind. So ist in Vers 6 wenig von der Freude zu spüren, die mit Jesus in die Welt gekommen ist. „Wer nicht mit mir verbunden bleibt,
wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe
und vertrocknet.
Man sammelt die vertrockneten Reben ein
und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.“
Das klingt es bedrohlich nach Gericht und Verworfenwerden. Da schimmert ein apokalyptisches Gottesbild durch, das Angst und Schrecken hervorruft. Da steht Gott da und sortiert aus: die Schlechten, alle, die den falschen Glauben haben, die nicht rein sind - ab ins Feuer. Und alles Gute steht den wahren Gläubigen zu, sie sollen alles bekommen, was sie sich nur wünschen – siehe Vers 7.
Die Texte der Bibel sind selten stringent, viele bergen Widersprüche in sich, die auf den ersten Blick kaum zu erkennen sind; in unserem Fall wohl auch deshalb, weil wir unsere Mitmenschen gerne durch eine dualistische Brille betrachten: da sind die Guten und da sind die Bösen; wir hier und die anderen dort. Wir haben den richtigen Glauben, die anderen haben einen falschen. Und die mit dem falschen Glauben, mit der falschen Einstellung müssen weg. So denken viele. Sie sehen sich dann bestätigt von diesem biblischen Text in Vers 6. Dass dieser Text aber gerade nicht dem entspricht, was Gottes Wille ist, wie Jesus ihn uns nahegebracht hat, sondern Menschenwort, das mit dem dualistischen Virus befallen ist, das kommt ihnen nicht in den Sinn. Ja, dieser 6.Vers hat für viel zu viele schreckliche Folgen gehabt. Es ist einer der zentralen Bibelworte, welche die Inquisition seit dem 12.Jahrhundert buchstäblich befeuert hat. Haben sich die Inquisitoren doch die Rolle des Weingärtners angeeignet und alle, die nicht den in ihren Augen richtigen Glauben hatten, dem Feuer übergeben. Und leider ist das dualistische Denken auch heute in vielen Kirchen weit verbreitet; ein erschreckendes Beispiel geben gerade die fundamentalistischen Kirchen und Gemeinden in den USA, wo christliche Nationalisten den Ton in der Regierung bestimmen und eigentlich alles verraten, wofür Jesus eingetreten ist.
Es reicht eben nicht, biblische Texte zu lesen und damit zu agitieren. Es kommt darauf an, mit welchem Geist wir sie lesen und sie auf unser Leben beziehen, durch welche Brille wir sie betrachten: durch die Brille der Verbundenheit und Liebe zu allen und allem, was lebt – oder eben durch die Brille der Spaltung und des Hasses.
Schauen wir uns einmal mit der Brille der Verbundenheit und Liebe ausgestattet die Bildrede vom Weinstock und den Reben an.
„Ich bin der wahre Weinstock“, sagt der Christus Jesus.
Wahr steht hier für „der Wahrheit verpflichtet“ und zwar der Wahrheit, die von Gott herkommt. Gott, den Jesus Vater nennt und dem die Pflege des Weinstocks obliegt.
Ein Weinbauer oder Weingärtner herrscht nicht über seinen Weinberg, sondern er pflegt ihn, er kümmert sich um ihn, er dient ihm, damit die Weinstöcke gedeihen können. Eine Parallele dazu findet sich in der Schöpfungserzählung, wo ja den Menschen die Pflege der Erde als Aufgabe übertragen wird: damit alles blühen und Frucht bringen kann.
(Einwurf: auch dieser Auftrag wurde kolossal missverstanden als Auftrag und Erlaubnis, sich alles „untertan“ zu machen, sich alles anzueignen und auszubeuten.)
Wie sieht nun die Tätigkeit eines Weinbauern aus?
Er sieht sich im Frühjahr den Weinstock an und begutachtet die Austriebe, die Reben, die sich entwickelt haben. Er erkennt, welche Austriebe vielleicht durch Frost schon so geschädigt sind, dass sie keine Fruchtansätze mehr zeigen werden. Er schneidet sie heraus, damit die anderen Reben sich besser entwickeln können. Später kommt er dann immer wieder vorbei und „reinigt“ die fruchttragenden Reben. Das mache ich bei meinen Tomatenpflanzen ähnlich: ich knipse in den Abzweigungen die Ansätze neuer Stängel heraus, damit die Kraft nicht in immer neue Stängel und Blätter geht, sondern in die oberen Triebe mit schon sichtbaren Fruchtansätze.
Die Reinigung der Reben, die Fürsorge des Weinbauern für Weinstock und Reben – das ist ein Bildwort, das uns zur Meditation einlädt:
Wo habe ich in meinem Leben Gottes Fürsorge erlebt?
Wo habe ich erlebt, dass Hemmnisse, die mich eingeengt haben, weggenommen wurden?
Wo habe ich erlebt, dass ich selbst mich von etwas lösen, trennen musste, dass ich eine Einstellung ändern musste, damit ich „zukunftsfähig“ wurde, damit sich in meinem Leben etwas zum Positiven verändern konnte?
Wo ging und geht es darum, sich zu beschränken, die Kräfte nicht zu verzetteln, sich zu fokussieren auf das, was man als „sein Ding“ erkennt?
Ja, in mancherlei Hinsicht schießt bei uns vieles einfach ins Kraut – die Ansprüche an das Leben: dies wollen wir noch haben, dahin wollen wir noch unbedingt reisen, in diese Kreise aufsteigen, den nächsten Karriereschritt tun – und wir vergessen, dass wir eigentlich Früchte bringen sollen – Früchte, die nicht nur uns ernähren, sondern auch andere und das zur Ehre und Freude Gottes.
Darum geht es in unserem Text: Gott hat uns dazu bestimmt, Früchte, gute Früchte zu bringen. Und dafür müssen wir wissen, woher wir unsere „Nahrung“ nehmen. Wir müssen wissen und anerkennen, dass wir auf die Verbundenheit mit Christus angewiesen sind. Dass wir Wesen sind, die sich selbst nicht genügen können, sondern auf Beziehung angewiesen sind - um zu leben, um das zu entwickeln, was in uns angelegt ist, um eben gute Früchte hervorzubringen. Von Gott, von Christus, von dem, was Jesus uns vorgelebt und verkündigt hat, von daher wachsen uns Kraft und Orientierung für unser Tun und Lassen zu.
In dem Ihnen vorliegenden Text ist auch der letzte Satz in Vers 5 kursiv gedruckt. Warum ich ihn damit als nicht hilfreich für uns gekennzeichnet habe, ja, als geradezu dem widersprechend, was der Christus Jesus im 15.Kapitel von seiner Beziehung zu seinen Freundinnen und Freunden entfaltet, das will ich gerne sagen.
Der Satz „Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen / nichts tun.“ macht uns klein und übersieht, dass – um im Bild zu bleiben – erst das Zusammenspiel von Weinstock und Reben Früchte hervorbringt. Weinstock und Reben sind aufeinander angewiesen. Um es theologisch zu sagen: Gott braucht uns, er braucht Menschen, um sein Reich auf dieser Erde zu bauen, um gegen Ungerechtigkeit, Lüge und Hass
Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe aufzurichten und sich ausbreiten zu lassen. Deshalb müssen wir den Satz anders formulieren: „Um das Werk Gottes auf dieser Erde zu tun, brauchen wir einander: ihr braucht mich - die Kraft und die Orientierung, die ich für euch mit meinem Leben und Wirken bin; und ich brauche euch - euer Vertrauen und eure Tatkraft, eure Stimmen, Hände und Füße, mit denen ihr weiterführt, was ich begonnen habe.“
Und ebenso verzichtbar ist für uns Heutige Vers 3. „Ihr seid schon rein geworden durch das Wort, das ich euch verkündet habe.“ Es geht da um die in der jüdischen Glaubensvorstellung sehr wichtige rituelle Einteilung in rein und unrein. Wenn man sich Gott nähern will, zum Beispiel zum Gottesdienst im Tempel, dann muss man „rein“ sein; man darf nicht mit unreinen Dingen in Berührung gekommen sein, z.B. darf ein Mann nicht mit seiner Ehefrau gemeinsam zu Tisch sitzen und essen, wenn wie gerade ihre Tage hat, wenn sie menstruiert. Auf jeden Fall muss er (und auch sie nach dem Ende ihrer Menstruation) sich rituell reinigen, um von Gott akzeptiert zu werden. Doch um ein solches Verständnis von Reinigung geht es Jesus nicht. Vielmehr hat er seinen Freunden und Freundinnen ein anderes Verständnis von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen vermittelt – etwa so:
„Ihr habt doch von mir gehört, dass ihr immer zu Gott kommen könnt, dass ihr ihm immer willkommen seid, so wie es euch gerade geht. Gott, der mein Vater und euer Vater ist, ist euch in Liebe verbunden wie er mir in Liebe verbunden ist.“
Genau das steht in den Versen 9 bis 12, die ich deshalb dem Abschnitt des Evangeliums hinzugefügt habe:
9 »Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch.
Haltet an meiner Liebe fest!
10 Ihr haltet an meiner Liebe fest,
wenn ihr meine Weisungen befolgt.
Ich befolge ja auch die Weisungen meines Vaters
und halte so an seiner Liebe fest.
11 Das habe ich zu euch gesagt,
damit meine Freude euch ansteckt.
Die Freude wird euch ganz und gar erfüllen!
12 Das ist mein Gebot/meine Weisung:
Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe.“
Es geht um die Liebe.
In der Liebe gibt es kein oben und unten.
In der Liebe begegnen wir uns und dem Christus auf Augenhöhe.
In der Liebe teilen wir alles mit ihm und er mit uns und wir mit allen.
In der Liebe steht das Wir ganz oben und das Ich geht darin auf, bringt seine Frucht und teilt sie aus.
So kommt Gott zu seinem Ziel, alles mit Freude zu erfüllen.
Trotz aller Schwierigkeiten und Dunkelheiten in dieser Zeit und Welt: das ist immer noch und immer wieder Grund zum Jubeln!
Quasimodogeniti, 12.04.2026, Jesaja 40, 26-31, Tersteegenkirche, Doerthe Brandner
Im heutigen Predigttext aus Jesaja richtet Gott seine Worte durch den Propheten an sein verzagtes Volk. Den gesamten Gottesdienst aus der Tersteegenkirche können Sie HIER als Podcast nachhören, die Predigt beginnt bei Minute 22:50.
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