2. Advent, 07.12.2025, Lk 21, 25-33, Tersteegenkirche, Doerthe Brandner
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
sicher haben Sie es alle schon betrachtet – diesen Cartoon der Peanuts [i], in dem Charly Brown in seiner unnachahmlichen Weise eine seiner Lebensweisheiten kundtut: Wenn du deprimiert bist, ist es ungeheuer wichtig, eine bestimmte Haltung einzunehmen…
… nur mit ihr kannst du ein bisschen Vergnügen an deiner Niedergeschlagenheit haben.
Vergnügen – was für ein Wort im Zusammenhang mit Niedergeschlagenheit!
Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen.
Zuerst einmal zu der Körperhaltung:
Sind Sie amüsiert oder irritiert über Charly Browns Selbsterkenntnis?
Fragen Sie: Was soll das?
Oder wurde bei Ihnen ein leises Wiedererkennen geweckt – vielleicht auch ein kleiner Aha-Moment: Stimmt, das habe ich auch schon gemerkt, dass sich das Leben unterschiedlich anfühlt, je nachdem, ob ich
- irgendwie schief und in mir selbst zusammengesunken dastehe,
- den Kopf hängen lasse,
- die Schultern nach vorne ziehe,
- die Beine oder Füße verschränke und dabei in der Taille einknicke
oder ob ich
- aufrecht und gerade sitze, stehe oder gehe
- ob ich meinen Füßen erlaube mit ganzer Fläche auf dem Boden zu stehen – in stabilem, hüftbreitem Abstand
- meinen Brustkorb weite
- und meinen Kopf hebe
…
Es macht einen Unterschied.
Es gibt sogar empirische Untersuchungen darüber, welchen Einfluss unsere Körperhaltung auf unsere Wahrnehmung und unser Erleben hat.
Das, was wir sehen oder hören ist immer dasselbe, aber WIE wir es sehen und hören und welche Schlüsse wir daraus ziehen – das kann je nach Haltung – Körperhaltung und innerer, Geistes- und Seelenhaltung bisweilen kaum gegensätzlicher sein.
- Sie alle kennen das sprichwörtliche halbleere oder halbvolle Glas Wasser…
Und so rege ich Sie jetzt zu einem Experiment an – oder Sie nehmen es als Spiel:
Achten Sie heute einmal auf Ihre Körperhaltung. Und versuchen Sie allem, was Sie hören – zwischenmenschlich oder in den Tagesnachrichten – jedem Ereignis, das Sie sehen, jedem Erlebnis das Sie haben, aufrecht – aufgerichtet – in einer offenen Haltung – zu begegnen. Und dann am Abend überlegen, ob etwas anders war an diesem Tag – und wenn ja, was es war.
Sie können mit diesem Spiel, diesem Experiment in diesem Gottesdienst beginnen – jetzt, wenn ich nun den Predigttext lese.
Er steht in Lk 21, in den Versen 25-33.
Text – Lk 21, 25 – 33
25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.
31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.
Was haben Sie gehört, liebe Gemeinde?
Welche Botschaft dieses mehrschichtigen Textes ist für Sie in den Vordergrund gerückt?
Die Rede von den bange machenden Zeichen am Himmel und in den Meeren –
und die von der Furcht, die die Menschen angesichts der Ereignisse auf der Erde überfällt?
Oder klingen die Worte „Macht und Herrlichkeit“ und „Reich Gottes“ in Ihnen nach – und die Rede von dem, was unvergänglich ist und bleibt, weil es Gottes ist?
…
Beides – oder besser beide Seiten – nennt Jesus seinen Zuhörenden als Zeichen der Zeit – seiner Zeit.
Was sind die Zeichen unserer Zeit?
Es gibt die der einen Seite, die die laut und raumgreifend sind:
- Die sprechenden und vielen Menschen angstmachenden oder wenigstens Besorgnis erregenden Zeichen unserer Zeit in Form von Klimaerwärmung mit all ihren Folgen: angefangen vom Schmelzen der Gletscher und Polarkappen, über Stürme und Überschwemmungen einerseits und Wassernot andererseits. – Und wiederum daraus den Folgen aus existentiellem Mangel, Hunger und Lebensnot, Vertreibung, Flucht… oft verbunden mit Kriegen und Gewalt…
Diese Zeichen sind bedrängend klar. Selbst, wer lieber nicht so genau hinsehen will, kann kaum an ihren Folgen vorbeiblicken.
Sie zu sehen weckt mitnichten Vergnügen. – Allenfalls das grimmige, fatalistische und selbstmitleidige Vergnügen, das ruft: Es hat ja doch alles keinen Zweck mehr.
Ob es das Vergnügen ist, das Charly Brown meint?
Das Vergnügen dessen, der froh ist, recht zu behalten, auch wenn die Sache noch so schrecklich ist?
Und natürlich haben all diese Dinge recht.
Sie zu leugnen wäre – ich erlaube mir ausnahmsweise ein Urteil – in meinen Augen dumm.
Wie wir in diesem erst einmal wenig adventlich anmutenden Text lesen, leugnet auch Jesus die Realitäten nicht.
Wenn all das geschieht – sagt Jesus.
Wenn die Wirklichkeit ihre dunkle Macht und das Leben seine leidvolle Kraft entfalten,
dann – so Jesus –
dann ergreift nicht die Flucht.
Dann krümmt euch auch nicht zusammen und fallt in eine Art Schreckstarre in der Illusion, ihr wäret dann besser geschützt.
Nein!
Dann seht auf!
Und wirkliches Aufsehen geht nicht mit gesenktem Kopf und krummem Rücken.
Aufsehen braucht aufstehen – ein sich aufrichten oder besser sich aufrichten lassen – von der Kraft, die auch noch da ist: die Kraft der Macht und Herrlichkeit des Menschensohns.
Macht und Herrlichkeit – das waren die Attribute, die den „Gottessöhnen“ zukamen – Könige und Herrschende nannten sich damals z. Zt. Jesu so und stellten ihre Königsgewalt damit in einen unanfechtbaren Raum.
Heute nennt sich wohl kaum eine herrschende Person noch „Gottessohn“ – Unanfechtbarkeit nehmen dennoch etliche machthabende auch heute für sich in Anspruch.
Jesus bindet Macht und Herrlichkeit nicht an Normalsterblichen vermeindlich überlegene, Figuren.
Er setzt sie in eins mit dem Menschensohn.
Er fügt zusammen, was damals nicht zusammengehörte und heute auch kaum: Menschsein, das Sterblichkeit und Begrenztheit bedeutet, Bedürftigkeit UND Macht und Herrlichkeit als Kräfte, die alle Sterblichkeit und Begrenztheit, Bedürftigkeit in das Licht des: Es ist möglich. Du hast Kraft. Du kannst stehen und gehen und Leben wirken. – setzen.
Und mitten im Advent scheint die Osterbotschaft auf:
Leben, das nicht Leid und Schmerz vermeidet und versucht sich am Tod vorbei zu lavieren oder das alles Leidvolle Todbringende angeht und es verzweifelt bekämpft, sondern das sich in einem großen DENNOCH durch die Abgründigkeit des menschlichen Daseins hindurch entfaltet.
Seht auf, denn eure Erlösung naht!
Ja, können wir sie sehen,
diese Erlösung,
die die Realitäten, in denen wir leben, und die unsere Welt an den Abgrund treibt, weder verneint, noch sie mit vor der Zeit unsere Städte überflutendem Weihnachtslicht zu überdecken sucht?
Können wir sehen? – Sie sehen im Menschensohn – im Menschenkind – unbegreiflich großer Gott, nackt und unbehaust, angewiesen wie jedes Menschenkind – am Anfang seines Lebens und meistens auch zum Schluss?
Werden wir sehen können in zweieinhalb Wochen, wenn es Weihnachten wird?
Und wenn wir sie dann sehen werden, die Erlösung, wird es uns dann genügen?
Oder werden wir es wagen, weiter zu sehen?
So weit, dass wir erblicken, was uns vor Augen ist:
Menschensöhne und Menschentöchter überall, die um ihre Menschlichkeit wissen.
Die Kraft ihres Menschseins die Menschlichkeit aufrichten und sie hineinsprechen und hineinleben in alle dunkle Wirklichkeit.
Keine Augenwischerei und kein Anhängen von irgendwelchen Illusionen einer heilen Welt!
Kein so Tun als ob!
Sondern: Kopf hoch! Erlösung voraus!
Schaut auf den Feigenbaum – oder den Apfelbaum in eurem Garten oder auch nur den Zweig irgendeines Busches am Weg – sie alle singen auch im Dezember ihr Lied vom Leben.
Das Reich Gottes ist real. – Es ist eine genauso machtvolle Wirklichkeit wie das, was wir die Wirklichkeit unserer Welt nennen.
Eine noch machtvollere Wirklichkeit ist es sogar.
Denn es bahnt sich wassergleich seinen Weg durch jede Ritze Menschlichkeit. Es sickert durch jede, durch Barmherzigkeit porös gewordene Wand, die aus Neid, Missgunst, Gier oder Lebensangst zwischen Menschen errichtet ist.
Es wird von jedem Herzen weitergepumpt, das sich einmal wundersam kraft der Liebe geweitet hat.
Denn die Liebe ist das Wort Gottes, das nicht vergeht, selbst wenn Himmel und Erde vergehen.
Die Liebe als Gottes Wort war vor allem Anfang und ist nach allem Ende – in unsere Zeit gekommen ist sie in dem Menschensohn Jesus Christus.
An uns Menschensöhnen und Menschentöchtern – Menschenkindern von Gott her – ist es, die Welt für diese Liebe Gottes offen zu halten und die durch Jesus Christus gelegten Spuren der Lieben groß machen.
Dies zu tun in Wort und Tat ist uns aufgegeben:
- in verantwortlichem Reden und Handeln – gesellschaftlich, politisch, ökologisch, privat – als Kirche in unserer Stadt und Zeit…
- in fraglosem Lieben und Versöhnen – für uns selber und in unserem Miteinander, für die Welt als Ganzes und – vor allem stellvertretend für all diejenigen, die in ihrem eigenen Dunkel gefangen sind, das immer ein Spiegel des Dunkels der Welt ist.
Denn (EG 16,4):
Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld, doch wandert nun mit allen, der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält uns kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte kam uns die Rettung her.
So dichtete Jochen Klepper – wir werden das Lied gleich singen – adventlich in der politisch und gesellschaftlich und für ihn ganz persönlich apokalyptischen Zeit des Nationalsozialismus.
Dies zu leben ist uns Herausruf und Herausforderung, es ist uns Aufgabe – vor allem aber ist es uns Verheißung zu jeder Zeit.
Deshalb liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir zuversichtlich, hoffnungsfroh und Reich-Gottes-gewiss sind, dann ist es wichtig, eine bestimmte Haltung anzunehmen.
Das Verkehrteste wäre es mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern und eingezogener Brust dazustehen – weil du dann sofort anfängst, am Reich Gottes zu zweifeln.
Wenn du also auch nur ein bisschen – oder auch ganz viel – Vergnügen an den Zeichen des Menschensohns in vielen Menschenkindern und Menschenhandlungen haben willst,
dann musst du so (aufgerichtet, mit geöffnetem Oberkörper und erhobenen Kopfes) stehen!
Und die Liebe Gottes, die höher und tiefer ist, als alles, was wir begreifen, ermächtige eure Herzen und Sinne zu einem aufrechten Leben durch Jesus Christus.
Amen
[i] Anm.d.Red.: Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen wir den Cartoon hier nicht zeigen. Doch Sie können ihn im Internet finden. Geben Sie in Ihre Suchmaschine z.B. ein "Cartoon Peanuts deprimierte Haltung", und Sie werden fündig!
1. Advent, 30.11.2025, Römer 13,8-12, Stadtkirche, Dr. Petra Brunner
Liebe Gemeinde,
seit Ende Februar 2022- also beinahe seit knapp vier Jahren - gehört die Rede von der Zeitenwende fest zum gesellschaftlichen Diskurs.
Wir hören nochmal kurz die Worte des Bundeskanzlers Scholz klingen: „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents.“
Der Begriff Zeitenwende beschreibt zum einen den Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine als einschneidendes Ereignis für Europa, umfasst zum anderen auch einen Wandel der deutschen Verteidigungspolitik, Sicherheitspolitik und Energiepolitik.
Der politische, der gesellschaftliche Diskurs hat sich verändert. Die Debatten, die wir führen, gehen um militärische Aufrüstung, um die Wehrpflicht, den Frieden in Gaza und Israel oder auch, besonders nach dem Scheitern des Klimakonferenz in Belem, auch immer wieder über die Klimakrise, die Biodiversitätskrise und auch die Gesundheitskrise. Spätestens seit der Corona-Pandemie leben wir der Zeit der multiplen Krisen. Wenn wir an die Zukunft denken, Bilder von dieser Zukunft malen, dann ist es eher das Bild einer Abenddämmerung. Der lichte Tag geht zu Ende und Wolken ziehen auf, die Sonne sinkt und es wird Nacht.
Dass die Nacht noch kommt, ist für den Bibeltext eine Untertreibung, denn der Römerbrief formuliert im hinterem, dem ethischen, Teil des Briefes, dass wir mitten in der Nacht stecken. Also die Empfangenden Gemeinden im römischen Reich, bei denen sich die Stimmung einer endzeitlichen Lage mit der drohenden Christenverfolgung durch Nero breit macht, während sie in diesem multireligiösen, schnelllebigen Moloch des römischen Imperiums leben und in ihren kleinen Hauskirchen darauf warten, dass Jesus bald wiederkommt.
In unserem Predigttext, in unserer Gegenwart und auch in der Adventszeit klingen diese endzeitlichen Töne zusammen.
Diese endzeitliche Stimmung, die kollektiven und individuellen Krisen, die können uns schnell in die Verzweiflung und Depression führen. Oder die endzeitliche Stimmung ist einfach zu viel und zu schwer, und wir verdrängen alles um uns herum in der weltvergessenen Weihnachtsspießigkeit unserer kleinen Zuhause.
Wir sind nicht allein im Dunkeln. - Der Text sagt: Die Nacht war tief und lang und sie geht zu Ende, der Morgen dämmert schon und ein neuer Tag - eine neue Zeit - kommt an. Genau an diesem Punkt stehen wir heute am 1. Advent. Jetzt ist diese Zeit, jetzt ist Advent, eine Zeit der Ankunft Gottes genau in diese Welt, genau in die multiplen Krisen und in unsere dunkle Hoffnung, da kommt das Neue - der Advent kommt. Und jetzt noch in unserem alten Kalenderjahr fängt schon die Adventszeit an.
Statt sich in diesen Krisendiskurs, vielleicht als Form der Verarbeitung von Ängsten vor Veränderung, hineinsaugen zu lassen und die Krisenstimmen immer stärker und lauter und selbst verstärkender zu hören - stattdessen zünden wir heute die erste Kerze an.
Wir zünden Kerzen an, hören die alten Hoffnungstexte des ersten und zweiten Testaments – und wir singen Lieder - wir stimmen uns langsam darauf ein, dass wir einen anderen Bezugsrahmen haben. Wir erinnern uns gegenseitig daran, dass die einzige Zeitenwende für Christ:innen ist, dass Gott in Jesus zu uns auf die Welt gekommen ist und unserer Leben, unsere Dunkelheit und unseren Tod geteilt hat.
Wir zünden Kerzen an in der dunkelsten Zeit des Jahres und singen die Lieder und hoffen, dass Jesus bei uns ankommt und die Hoffnung wieder neu anfängt.
Unser Predigttext gehört in den Brief, den Paulus aus Korinth aus an die römischen Hausgemeinden schreibt. In elf langen Kapiteln hat Paulus ausführlich und breit das Evangelium dargelegt. Nämlich, dass wir Gottes Kinder sind, gerecht und geliebt von Jesus und einfach Gotteskinder. Dann folgt ein Abschnitt, in dem Paulus über das Verhältnis Juden zu Nicht-Juden schreibt, was mit der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt.
Dann auf dieser Grundlage steht unser Predigttext. Der gehört zu den drei abschließenden ethischen Anweisungen für die Menschen in den in den Christus-gläubigen Gemeinden. Für Paulus ist es jetzt ganz klar, was in den Gemeinden zu tun ist. Nachdem er im Abschnitt vorher das Verhältnis zum Staat und zur Obrigkeit geklärt hat - sagt er: Genau in der Jetztzeit ist es die Zeit, diese Hoffnung der Gotteskinder zu leben.
Lang hatte Paulus erklärt, dass wir durch die Liebe Gottes zu Gotteskinder geworden sind und dass die Hoffnung zu uns kommt. Und jetzt ist es Zeit, genau in dieser Welt, genau in dieser Zeit, diese Liebe zu leben und sie zu teilen. Genau jetzt und heute sollen wir kontrafaktisch leben - in der Welt voll Dunkelheit und Hass – Liebe leben.
Paulus erinnert nochmal an die Gesetze, die im ersten Testament auf die Beziehung der Menschen untereinander genannt werden: »Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht begehren!«
Und Paulus zusammengefassten Merksatz, in dem alle Anforderungen an uns zusammengefasst werden:
»Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«
Da hören wir Jesu Aufforderung zur Nächsten- und Selbstliebe mitklingen und auch das Hohelied der Liebe aus dem Korintherbrief. Denn ohne die Liebe ist alles nichts.
Jetzt, heute, genau auf dieser Welt ist vieles, vieles immer noch gleich, das Alte, es ist krisig und dunkel- genau da zünden wir die Kerzen an und hoffen, dass das Licht zu uns kommt. Und weil das die andere Seite der Hoffnung ist: handeln wir auch. Wir handeln in kleinen Gesten und Worten und Entscheidungen der Liebe: Vielleicht indem wir nachtreten, wenn wir ungrechtfertigt angemotzt werden; wenn wir freundlich der Arzthelferin danken, vielleicht indem wir nicht achtlos konsumieren, vielleicht indem wir beten für Menschen oder vielleicht … Ihnen fallen bestimmt Dinge ein, wie die Liebe in ihrem Denken und Handeln Raum finden kann in dieser ersten Adventswoche.
Ein besonderes Glaubensvorbild ist der Theologe und Auto Jochen Klepper. Jochen wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts geboren. Jochen Klepper schlief schlecht, er konnte sich nicht konzentrieren und er hat die Auswirkungen der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft am eigenen Leib gespürt: er durfte nicht mehr als Autor arbeiten. In seiner Welt voll Hass, Tod und Unrecht - hat Jochen einfach nie aufgehört zu schreiben. Das Lied, das wir gleich singen: Die Nacht ist vordrungen - das schreibt er kontrafaktisch: er hat schon Berufsverbot erhalten, der Krieg steht vor der Tür und Jüd:innen werden schon in Konzentrationslagern umgebracht- und seine Frau ist jüdisch.
Jochen schreibt dieses Adventslied, was auf unseren Predigttext Bezug nimmt in dieser Zeit, die wir eigentlich als Aufbrechen der Nacht beschreiben könnten. Doch Jochen schreibt - er handelt so: die Perspektive muss eine andere sein - die Nacht geht zu Ende. Es gibt Hoffnung, der Morgenstern kommt zu uns.
Jochen Klepper und auch andere Menschen, die wirklich Schweres getragen haben mit Gott an ihrer Seite, haben das erlebt, was Jochen im letzten Vers schreibt: Gott will im Dunkeln wohnen und hat es selbst erhellt.
Jochen Kleppers Welt wurde immer kleiner, und immer enger, keine Arbeit mehr und die Verfolgung seiner Frau, er sollte sich von ihr scheiden, sie durften nicht ausreisen, die Deportation der ganzen Familie stand bevor.
Jochen Kleppers letzter Tagebuch Eintrag 1942 lautet so:
„Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“
Jochen Kleppers Leben endet im Suizid, in einer Dunkelheit - in der er sich vom segnenden Christus geborgen und aufgenommen wiederfand. Gott will im Dunkeln wohnen. Von da aus fängt unser Leben und unsere Hoffnung neu an, auch im Sterben.
Ewigkeitssonntag / Gedenktag der Entschlafenen, 23.11.2025, Mutterhauskirche, Johannes 5, 24 - 29, Jonas Marquardt
Predigt Mutterhauskirche Gedenktag der Entschlafenen - 23.XI.2025
Johannes 5, 24 - 29
Liebe Gemeinde!
Mit wem haben wir es zu tun?... Heut, an diesem Tag, der im altehrwürdigen, völlig aus der Zeit gefallenen kirchlichen Sprachgebrauch „Gedenktag der Entschlafenen“ genannt wird?
Es ist schon befremdlich zu erklären, dass Christen ihre Toten nicht als abgeschlossene Fälle des Gewesenen, nicht als nunmehr ewig Gestrige betrachten und darum auch nicht nur in der Vergangenheitsform von ihnen sprechen können. Dass man in der Kirche nicht von den Nie-mehr-Beteiligten ausgeht, die der Tod ausgelöscht hat, sondern von denen, die zur Ruhe gekommen sind, die schlafen und im Schlaf durchträumen, verarbeiten und loslassen, was war, um dann bereit zu sein zum Aufstehen, … das ist draußen in der Welt der Gegenwart, aber ja auch in unsern Reihen hier eine immer seltener geäußerte Überzeugung.
Die Christenheit unserer Tage ist selbst unsicher geworden, mit wem wir es zu tun haben, wenn es um unsere Toten geht: Dass sie die bereits „triumphierende“ und wir die noch „streitende“ Kirche sind, dass sie also schon die Freude haben und wir noch den Stress, wie man es mit der jahrhundertealten Ausdrucksweise sagt, … dass sie als die „obere Schar“ mit uns, der „unteren Schar“ - wie die Herrnhuter es sagen - gemeinsam die eine Gemeinde des lebendigen Gottes sind, … dass also auf die eine oder andere behelfsmäßige Weise ausgedrückt werden sollte, dass wir jedenfalls keine endgültige Entfremdung und Entzweiung zwischen ihnen und uns erkennen können, sondern eine Gemeinsamkeit, die alle Geschiedenheit überbrückt, bleibt dennoch zentral. —
Aber mit wem haben wir es denn nun zu tun? Heute, wenn wir auf die Sterbefälle dieses Jahres der Kirche zurückblicken? Heute, wenn uns die Verstorbenen der eigenen Familie, der Gemeinde, der Häuser und Einrichtungen unserer Diakonie vor Augen stehen?
Haben wir es mit unseren jüngst Verstorbenen mit immerhin noch etwas Lebendigeren zu tun als bei denen, an die wir uns mit der Zeit schwächer und schwächer erinnern können? Hat also der Todesanzeigenspruch Recht, der so häufig begegnet und uns so irre verantwortlich macht: „Tot ist nur, wer vergessen ist“? Wenn das stimmte, dann wären wir in unserer Epoche alle einerseits ein Geschlecht der Untoten und andrerseits wäre unsere Lebenserwartung fürchterlich geschrumpft: Zwar vergisst das Internet sprichwörtlich nichts, aber es hat die Konzentrations- und Gedächtniskraft der Lebenden doch grauenerregend verkürzt. … Wehe uns, wenn wir nur im stählernen Speicher der Maschine fortleben und in den lauen Herzen und Hirnen der apparateverdummten Menschheit verflackern wie ein eben vorbeigehuschtes Filmchen. Wehe auch unseren Verstorbenen, wenn nur wir sie noch festhalten könnten, ehe sie unwiderruflich versinken. ……. —
Mit wem haben wir es also heute, hier zu tun, wenn unser eigenes Gedächtnis und unsere eigenen Toten so unsicher sind?
– Mit Jesus!
… Mit wem denn sonst? …
Der allerdings hat eine Eigentümlichkeit, um die man wissen muss, gerade heute, am Tag des bewussten Gedenkens und erhofften Festhaltens und allmählichen Entgleitens unsrer Entschlafenen:
Die, die Jesus betrachtet und begleitet hatten, die ihm zuhörten und anhin-gen, die ihn umgaben, ehrten und liebten, … die konnten sich an ihn nicht erinnern!?!
Wie das? Ist das Neue Testament nicht das Buch seiner Zeugen und Zeuginnen? Sind seine Evangelien und Episteln nicht die Erinnerungen und Erfahrungen von Jesu Aposteln und Blutsverwandten … sei’s durch Geburt oder Martyrium? – Gewiss: Es sind deren Worte! Aber sie schrieben sie nicht aus der Erinnerung!
– Wie bitte?
– In der Tat! Das Neue Testament ist kein Buch des Gedenkens! Das müssen wir zugeben, das können wir zugeben, … das wollen wir aber v.a. zugeben! Wenn man auch die, die ganz dicht dran waren – und Johannes, der Evangelist, den wir heute hören, war ein solcher – wenn man also jene, die ganz dicht dran waren, fragen würde: „Wie war Jesus?“, dann würden sie uns anblicken, den Kopf schütteln, mit den Achseln zucken und sagen:
„Was meint Ihr denn bloß? Warum sucht ihr den Lebendigen immer wieder bei den Toten? Wir leben doch nicht von der Erinnerung, wir pflegen doch kein Denkmal, wir wiederholen doch nicht die Vergangenheit! Jesus ist doch … jetzt! Er ist gegenwärtig, er ist Gegenwart. Seit seiner Auferstehung ist er aus allem Gewesenen in das immerwährende Sein getreten, und darum ist jede unserer Erinnerungen, jeder Bericht von damals, alles Erzählen von der Zeit, die wir mit ihm hatten, erfüllt und durchdrungen von seiner lebendigen und unvergänglichen Wirklichkeit. Fragt bei uns also nicht nach dem Früher, denn wir kennen nur das Heute, in dem schon das ewige Morgen sich zeigt!“ ——
Diese ganz andere, diese ganze neue Wirklichkeit müssen - und dürfen! - wir also vor Augen haben, wenn wir heute überlegen, mit wem wir Christen es zu tun haben, wenn wir unsere Verstorbenen - als Christen! - bedenken.
Wir haben es als Christen mit einem zu tun, der die Vergangenheit wirklich hinter sich hat. Es ist also von diesem Jesus Christus unmöglich zu sagen, was wir von unseren Noch-Begrabenen sagen: „Sie waren einmal. Sie sind vergangen.“ … Womit wir ja eigentlich das nicht nur sprachlich ziemlich Verworrene sagen: Die Gegenwart unserer Toten ist ihr Vergangen-Sein.
Gegen solches einen Menschen Ins-Abseits-Stellen, gegen dieses Verdrängen von Menschen aus dem Raum, den Gottes Name selbst eröffnet – Der dem Mose ja offenbart hat, dass Er „Ich bin, der Ich bin! Ich werde sein, der Ich sein werde!“ (vgl. 2.Mose3,14) heißt – tritt nun aber auf der ganzen Linie Jesus auf. … Jesus, von dem kein Evangelist auch nur ein einziges Wort so bedenken konnte, als lebe man noch in der Welt vor Ostern: Alles, was sie von Jesus erfahren hatten und weiterhin erfuhren, strahlte, leuchtete, tönte und bebte ja im Licht und Schwung der Auferstehung und bebt, tönt, leuchtet und strahlt so nachösterlich auch jetzt. —
Jesus also hat jetzt das Wort. Und schon wie er zu reden anfängt, macht unmissverständlich, dass wir hier etwas ganz anderes zu hören kriegen, als alle sonstige Redeweise auf Erden.
Denn Jesus fängt an mit dem Wort, das wir gewöhnt sind ans Ende unserer ernstesten und heiligsten Aussagen zu setzen.
Wir schließen mit „Amen!“, … Jesus aber beginnt damit!
So dass schon vom eröffnenden „Amen, Amen“ her deutlich wird, dass wir hier die Stimme hören, die schon hinter sich hat, was wir uns als Letztes denken.
Und dann sagt er uns auch genau das. Er sagt es uns jetzt, weil der, mit dem wir es zu tun haben, obwohl er genau diese Worte vor zweitausend Jahren sprach, sie doch immer nur im Jetzt spricht.
Als er sie – wenn wir überhaupt zurückblicken wollen – zum ersten Mal sagte, hat niemand ihn verstanden: … Dass man anders als vom Sein zum Nichtsein, dass man anders als vom Leben zum Tod denken, blicken und gehen könne, war allen unvorstellbar. … Aus heute wird gestern, aus Präsens wird Präteritum, aus Atmen wird Verwesen, aus Hier! wird Weg!.
So viel war klar.
Doch die Worte, die Jesus ursprünglich am Sabbat sprach, als er den Gelähmten am Teich Bethesda heilte und auf die wütende Belehrung, dass Sabbat Ruhe bedeute, antwortete: „Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag und ich wirke auch“ (Joh.5,17), … diese Worte waren schon das Ostern, das immer ist und immer war und immer sein wird.
Mit diesen Worten zeigt Jesus den Sabbat nicht als das Ende der Woche, als den Schlusspunkt der Zeit, sondern als Quelle und Gipfel zugleich. Alles Leben läuft auf den Sabbat zu und strömt in ihm zusammen, weil der Tag des HERRN nichts Finales, sondern etwas Ewiges ist: Der Tag des Lebens in all seiner vom Schöpfer gegebenen und erhaltenen Fülle. Gerade der Sabbat, an dem keine Macht der verschiedenen Macher, sondern nur die Lebensmacht Gottes herrscht, ist das große, unzerstörbare, beständige Werk Gottes, das kein Ende haben kann, weil es endlos gilt.
Gott ist die Quelle des Lebens. Sein Sein und Sein Tun sind lebenserschaffend und lebens-erhaltend. Er ist das, weil ER das ist. Er wird es sein, so wahr Er das Sein ist, das nie zuendegehen wird.
Und nun – „Mit wem haben wir es zu tun?“ – nun ist den Zeugen Jesu, die nicht verstanden, was er am Sabbat von Bethesda sagte, durch Ostern gezeigt worden, wer er ist: Er - Jesus - ist Der, Der nicht unter der Vergangenheitsmacht des Todes bleiben kann, weil in Ihm die ewige Lebenskraft Gottes tatsächlich erschienen und verkörpert und gegenwärtig ist und am Kreuz vernichtet werden und im Grab für immer verdrängt werden sollte, aber eben nicht verdrängt und vernichtet werden kann, sondern das Vergangenheitsgefälle aller Zeit zerbricht. Aus dem Grab ist in Jesus das ewige Leben hervorgebrochen.
Und da – als sie Ostern erfuhren – da verstanden sie Ihn plötzlich und merkten, dass Er am Teich Bethesda nicht zu den dortigen Kritikern seines Lebensschenkens am Tag der Lebensfülle gesprochen hatte, sondern dass es ewige Worte sind, die damals zu hören waren, so wie jetzt und jetzt wie damals: „Der Vater hat das Leben in sich selber und so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber.“
Johannes hörte diese Worte, so wie wir sie jetzt hören, als er das Evangelium lange Jahre nach Ostern aufschrieb: Es waren aber nicht gestrige, sondern jetzige Worte, … Worte und eine Stimme, deren Wahrheit und Gegenwart den Tod außer Kraft setzen – den Tod Dessen, Der sie spricht, … den Tod des Johannes, der sie aufschrieb, … den Tod derer, die diese Worte lasen und lesen, die diese Stimme hörten und hören – weil der Tod an dieser Stimme und an diesem Sprechenden gescheitert war.
Er lebt ewig, Der diese Worte spricht, ……. und der sie hört auch!!!
Noch einmal: Weder Johannes damals, noch wir heute würden diese am Teich Bethesda gesprochenen und wie alle Worte schnell verplätscherten und vergessenen Laute wieder gehört haben und jetzt hören, wenn der Tod noch wäre, wenn also Ostern nicht wäre, wenn demnach Jesus nicht lebte.
Er lebt aber und es ist Ostern – auch dieser letzte Sonntag des Kirchenjahres ist Ostersonntag! –, und Vergangenheit ist einzig und allein der Tod!
Und darum haben wir es mit Demjenigen zu tun und es geschieht dasjenige an uns, was jetzt schon, hier schon, immer schon ewig ist.
Jesu Worte hier in der Bibel, hier in einem menschlichen Mund des Jahres 2025, hier in so vielen menschlichen Ohren, Köpfen und Herzen sind also aktuelle Ewigkeit. Sie sind die Wirkung dessen und der Beweis dafür, dass es kein Vergehen und kein Ende gibt, wo Jesus, der Ewiglebendige spricht und gehört wird. Und darum sind diese unvergleichlichen Worte, die vom Ende herkommen und im Jetzt das Ewige eröffnen, nicht nur die unterschiedensten Worte, die es gibt – anders als alle anderen –, sondern auch die unterscheidensten: Es sind Worte, die den endgültigen und ewigen Unterschied machen.
Wem sie Geplätscher und Gurgeln sind wie das, was sonst so geschwallert wird und wie die manchmal lebhaften, meistens aber trüb stehenden Gewässer von Bethesda, der wird sie vergessen und wird mit ihnen ins Vergessen eingehen.
Wer sie aber hört und glaubt, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.
Denn das ist ja immer an diesem einen und selben Sonntag am Ende des Kirchenjahres, an dem wir uns fragen, mit wem wir’s zu tun haben, die Botschaft: Es ist der ewige Ostertag der hier Entschlafenen, die doch leben und als dieser Ostertag ist es zugleich der Tag des Gerichts.
Jesus als den österlich Auferstandenen zu kennen, ihn zu hören als den, der das Leben ist und hat und schenkt, entscheidet über alles! —
Früher hat man in der Landeskirche gespöttelt über die Traktätchenverteiler und die frommen Plakatkleber und die einfachen Treuen, die mit der Überschrift „Jesus lebt!“ und der Aussicht, dass er wiederkehrt und dass sich an ihm die Ewigkeit entscheidet, das Bergische Land und das Erzgebirge und die württembergischen Hochburgen des Pietismus und Chrischona bei Basel und manche Kaiserswerther Köpfe und Herzen erfüllten.
Heute ist dieser Spott - wie so vieles andere - in einer an die Grenze gestoßenen evangelischen Wirklichkeit verklungen.
Heute ist eine Botschaft, die - einfach indem sie sie eröffnet - über die Ewigkeit entscheidet, fremd geworden innerhalb der bröckelnden Kirche, und es müssen Außenstehende wie jüngst der alte, wahrhaftig säkular-kritische Philosoph Jürgen Habermas aufstehen und daran erinnern, dass Christen entweder über das Leben, das den Tod hinter sich hat, ein Zeugnis geben oder schweigen sollten[i].
Und so richtet sich die Frage, mit wem wir es zu tun haben, am Schluss an uns selber.
Wenn uns die Stimme Jesu sagt, dass alle, die in den Gräbern sind, sie hören werden, dann wissen wir, wer unsere Entschlafenen sind: Die Gerufenen, die hören werden, dass denen, die das Gute taten und wollten, das Gute wie im Anfang so auch jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit aufgetan ist und sie aus den Gräbern hervor- und in dieses unendliche Gute eingehen sollen.
Und wir wissen dann auch, wer Jesus ist: Der Menschensohn, der die Vollmacht der Ewigkeit hat und sie teilt mit denen, die sie von ihm annehmen.
Und mit wem haben wir es bei uns selbst zu tun? …….
Amen, Amen, sagt Jesus, das Leben: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.
Das sind also wir: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass wir – die ohne sie tot sind! – diese Stimme des Sohnes Gottes hören … und die sie hören, die werden leben!
Damit haben wir es zu tun.
Dem ewigen Leben, das Jesus ist.
Jetzt!
Amen.
[i] Zum Habermas’schen Weckruf an eine Kirche in der babylonischen Gefangenschaft der Immanenz vgl. https://theoblog.de/philosoph-juergen-habermas-warnt-vor-verflachung-der-christlichen-glaubensgehalte/46580/
Ewigkeitssonntag, 23.11.2025, 2. Kor. 1, 3–7, Tersteegenkirche, Horst Gieseler
Liebe Gemeinde,
hören wir Worte aus dem 2. Korintherbrief 1, 3–7:
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. Amen.
Predigt: (2. Korintherbrief 1, 3 – 7)
Gott segne unser Reden und Hören, damit es Frucht trage. Amen.
Tröstende Worte des Apostel Paulus, liebe Anwesende heute Morgen, wie sie wir eben im Korintherbrief als Lesung gehört haben, Trost: Ja, es gibt Zeiten, da brauche ich Trost. Wenn ich am Ende bin, nicht mehr weiterweiß.
Und in der letzten Zeit kam es vor, dass Menschen zu mir kamen, weil sie Kummer hatten. Sie hatten den Verlust lieber Menschen zu tragen oder verzweifelten an ihrer Krankheit, die nicht heilen will.
Manch einer von uns geht heute zu den Gräbern seiner verstorbenen Angehörigen, andere sind hier im Gottesdienst, in dem der im Kirchenjahr Verstorbenen gedacht wird und ihre Namen verlesen werden. Da brauchen wir Trost.
Deshalb, meine ich, will ich heute Morgen über den Trost, das Trösten nachdenken.
Wenn es uns schlecht geht, liebe Gemeinde, wenn wir den Verlust eines lieben Menschen zu beklagen haben, dann ist es gut, wenn da jemand ist, der einfach da ist. Jemand, der Zeit für ihn, sie und mich hat, mir zuhört und mit Ihnen redet.
Ich vermute, da geht es Ihnen nicht anders als mir. Doch vielleicht kennen Sie das auch: Es ist gar nicht so leicht, sich das selbst einzugestehen. Wir wollen doch stark sein, auch wenn der Verlust schmerzt. Kopf hoch, sagen wir uns, oder: Damit muss ich allein fertig werden. Und ich fürchte, das kommt öfter vor, als uns lieb ist. Aber so verdrängen wir, dass wir selbst auf Trost angewiesen sind. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass das Wort "Trost" in unserem Alltag oft so abfällig benutzt wird.
Vom "Trostpflaster" reden wir manchmal, vom "Trösterchen" oder vom "Seelentröster"; und wenn jemand aus der Rolle fällt, dann heißt es: Der ist wohl nicht ganz bei Trost. Es fällt kaum auf, wie man mit solchem Reden den Trost weit wegschiebt von sich. Doch hinter der distanzierten Fassade bleiben wir im Innern ungetröstet.
Bei kleinen Kindern ist das anscheinend anders. Wenn sie Schmerz erfahren haben und weinen müssen, dann suchen sie Trost. Sie laufen zu einem vertrauten Menschen, meist zur Mutter, lassen sich streicheln und glauben und vertrauen den tröstenden Worten.
Wir kennen das, ich nehme an, jeder hat sich schon so trösten lassen, und Sie haben auch schon andere getröstet. Aber nun sind wir groß und glauben den Vertröstungen nicht so leicht. Wie wir Liebe kennen und uns doch so oft nach ihr sehnen, so ist uns auch der Trost vertraut, und doch sehnen wir uns nach wahrem Trost.
Was denn bedeutet uns Trost? Oder wie sollen wir andere trösten?
Das Wort "Trost", liebe Gemeinde, kommt in dem kurzen Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief gleich zehnmal vor. Das griechische Wort „parakalein“ wird gewöhnlich mit „trösten“ oder „ermahnen“ übersetzt, wörtlich: „entgegenrufen“. Am besten aufgehoben finde ich den Sinn in den Worten zusprechen, Zuspruch.
Und diese Aspekte, eben „trösten“ und „ermahnen“, sind nicht zu trennen, und beschreiben das, was heute „Seelsorge“ genannt wird. Zuspruch. Zusprechen. Das tut gut. Das brauchen wir – gerade auch in den Tagen, an denen wir trauern, wie heute Morgen, oder eine Krankheit nicht heilen will und große Schmerzen bereitet.
Immerhin, meistens haben wir wohl ein Gespür dafür, was falsche Vertröstungen sind. Wenn mir jemand nach einem schweren Verlust sagt: "Ist doch alles nicht so schlimm", dann merke ich: Das stimmt nicht, der nimmt meinen Schmerz nicht ernst. Genauso wenn er sagt: "Das wird schon wieder", oder: "Das haben wir doch alle schon einmal erlebt." Das jedoch ist falscher Trost, wenn jemand die Tiefe der Not oder des Schmerzes übergeht oder weg redet.
Erstaunlich, wie Paulus das sieht und Leid und Trost aufeinander bezieht: Wie Ihr an den Leiden teilhabt, so werdet Ihr auch am Trost teilhaben. Teilhabe!
Ja, wir wissen, was falscher Trost ist, aber können kaum sagen, was wahrer Trost ist, liebe Anwesende. Ja, wie wahre Liebe sich nicht beweisen lässt, so hat auch der Trost eine unverfügbare Mitte.
Denn ich kann Trost nicht machen. Das merke ich, wenn mir jemand sagt: "Vielen Dank, dass Sie da waren. Das hat mich sehr getröstet." ... und ich weiß gar nicht so recht, wie ich das bewerkstelligt habe. Mein Gegenüber aber hat Trost gefunden, über den ich nicht verfügen kann. Trost ereignet sich eben wie die Liebe.
Und noch etwas kann man sagen: Zum Trost gehört immer ein Gegenüber. Ich kann mir selbst keinen Trost zusprechen. Wohl kann ich beten, zu Gott, ihn um Trost bitten. Dann aber ist er mein Gegenüber.
Meistens jedoch sind es Menschen, die uns Trost geben können. Das allein ist nachhaltig. Eine alte Diakonisse hat einmal zu mir gesagt: "Anderen Menschen Trost geben kann ich nur, wenn ich selber getröstet bin." Zum Trost gehört eben nicht nur die unverfügbare Mitte, sondern auch das: Ich selbst muss getröstet sein, um andere zu trösten. Einfach gesagt: Wer selbst nicht bei Trost ist, kann auch andere nicht trösten.
Doch woher kommt mir Trost? Oder wie eigne ich mir diese Fähigkeit an, dieses Geben und Nehmen des Trostes?
Paulus spricht hier vom "Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott."
So finden wir bei Gott und in Gott den Ursprung allen Trostes. Trost ist eine Gabe Gottes. Wie Gott Liebe schenkt und Gnade, so schenkt er auch Trost.
Schon im Alten Testament, im Buch des Propheten Jesaja, kann man lesen, wie Gott sagt: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."
So hat auch Paulus diesen Trost Gottes erfahren. In Korinth hatte er eine schwere Krise in seinem Wirken durchgemacht, das kann man im 2. Korintherbrief nachlesen. Gegner sind aufgetreten, die sich als stärkere Apostel produzieren. Sie werfen Paulus Fehler beim Aufbau und der Leitung der Gemeinde vor; ihnen gegenüber wirkt Paulus schwächlich. Und in dieser Krise erfährt Paulus für sich Gottes Zuspruch als Hilfe. Trost ist ihm ein Geschenk Gottes, das er nun selbst weitergeben kann.
Wie die Liebe, die wir erfahren haben, taub wird, wenn wir sie nicht weitertragen, so ist es auch mit dem Trost, liebe Gemeinde: Gottes Gabe ist der Trost, aber er lebt vom Weitergeben: "... damit wir auch trösten können mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott".
So ist die Kirche, sind wir, eigentlich eine Trostgemeinschaft. Von vielen Menschen wird das als die wichtigste Aufgabe der Kirche gesehen: Menschen in schweren Situationen zu trösten. Gerade wenn ein Unglück geschehen ist, suchen die Menschen Trost in der Kirche. Wenn die Welt nicht mehr ganz bei Trost ist, sucht man Halt und Geborgenheit im Zuspruch der Kirche.
Doch auch ich habe den Trost nicht einfach so parat. So bin ich als Seelsorger selbst auf den Trost angewiesen. Und auf diese Weise bleibt der Trost auch unter uns und unter Ihnen nur lebendig, wenn wir, Sie ihn immer wieder neu von Gott empfangen und einander weitergeben.
So erlebe ich es ja in meiner Kirchengemeinde und in meinem Lebenskreis: Solche Trostgemeinschaft wird und will gelebt werden. Gut, wenn wir diese Trostgemeinschaft miteinander teilen können.
Liebe Trostgemeinschaft heute Morgen, häufig geschieht Trost auch ganz unversehens. Als vor Jahren in einer meiner Schulandachten gesungen wurde: "Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar" - da bricht ein Mädchen in Tränen aus. Die anderen Schülerinnen und Schüler waren erst verwirrt und sagten lange nichts. In welcher Situation Bonhoeffer das Lied geschrieben hat, das wissen sie alle nicht, aber die Worte des Liedes haben bei der Mitschülerin etwas angerührt. Irgendwann danach in meiner Religionsstunde fängt sie an zu erzählen von der Trostlosigkeit bei ihr zu Hause und wie sehr sie sich wünscht, mal so etwas zu erfahren wie Geborgenheit. Die anderen sagen ein paar unbeholfene Worte dazu, nehmen sie in den Arm, doch das Mädchen spürt auf einmal und vielleicht das erste Mal: Das ist Trost. Und danach habe ich sie nach langer Zeit das erste Mal wieder lächeln gesehen, weil wir ein Teil ihrer Last auf uns genommen haben, einfach so.
So war es bei Hiob. Dieser Hiob h.at alles verloren, seine Familie, seinen Besitz, seine Gesundheit. Sein Name ist der Inbegriff des trostlos Leidenden schlechthin. Seine drei besten Freunde hörten von seinem Unheil, und verabredeten „hinzugehen, ihm zuzunicken und ihn zu trösten. Sie erhoben von fern ihre Augen und erkannten ihn nicht wieder und weinten, Sie zerrissen ein jeder sein Obergewand und streuten Asche auf ihr Haupt. Dann setzten sie sich zu ihm auf die Erde – sieben Tage und sieben Nächte lang. Keiner sprach ein Wort zu ihm, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ Hiob 2, 11-13
Es ist offensichtlich: Wer Trost braucht, ist oft nicht wiederzuerkennen, fühlt sich unansehnlich. Aber Hiobs Freunde lassen sich nicht abhalten, setzen sich zu ihm in den Dreck. Keine Fragen, keine Ratschläge. Sie schweigen.
Aus der Hiob-Geschichte kann man lernen, womit Trösten beginnt! Trösten beginnt, dass man sich Zeit nimmt.
Zwei Dinge gehören also dazu, damit sich wahrer Trost ereignen kann: Das eine ist das schlichte Da-Sein für den Trostbedürftigen. Das andere darf folgen: das aufrichtende Wort.
Trost braucht dann eben auch Worte des Zuspruchs; Worte, die nicht trügen, sondern tragen. Eine Trostgemeinschaft können wir nur sein, wenn wir uns auch Worte zusprechen, die tragen können; Worte, die uns in aller Trübsal den Blick öffnen für die Hoffnung, dass alles gut sein wird.
Und für andere da sein können wir nur, wenn jemand da ist für uns. Darum ist das für mich das tröstlichste Bild im Leben und im Sterben: Jesus ist da, und mit offenen Armen sagt er: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!" Amen.
Und der Friede Gottes, der ausgeht von dem Kind in der Krippe und dem Mann am Kreuz, höher denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Glauben und Hoffnung und Liebe. Amen.
Vorletzt.S., 16.11.2025, Freizeitenrückblickgottesdienst, Tersteegenkirche, Kaufmann u. Fladerer
Der heutige, ungewöhnliche Gottesdienst von Pfarrer Daniel Kaufmann und Jugenddiakon Jonas Fladerer in der Tersteegenkirche stand ganz im Zeichen des Rückblicks auf die Herbstfreizeiten in Baltrum und Wermlinhausen, war also ein "Freizeitenrückblicksgottesdienst". Und wurde deshalb auch von den Teilnehmern mitgestaltet. Und weil er so anders war als üblich, ist der gesamten Gottesdienst als Podcast online gestellt worden.
Hinweis: Die Passagen, in denen die Filme von den Freizeiten gezeigt wurden, wurden rausgeschnitten. Zum einen, weil es hier ja nichts zu sehen gibt, zum anderen, weil dabei urheberrechtlich geschützte Musik unterlegt wurde.
Vorletzter Sonntag, 16.11.2025, Mutterhauskirche, Hiob 14 i.A., Jonas Marquardt
Predigt Mutterhauskirche Vorl. So. - 16.XI.2025
Hiob 14 i.A.
Liebe Gemeinde!
Niemand wird bestreiten, dass Hiob unser Zeitgenosse ist.
Er sitzt auf dem Misthaufen von Gaza. Er schabt sich - wie das biblische Vorbild - seine eiternden Wunden in den Hunger-festungen des Sudan. Er beklagt seine ermordeten Kinder in den Landstrichen und Dörfern zwischen Luhansk und Odessa. Er ringt die Hände über seine verbrannten Fluren am Amazonas, und er grämt sich um seine verlorene Sorglosigkeit in unserem eigenen Bett.
Hiob ist unser Mitmensch. Hiob ist unser Sinnbild und Schutzheiliger und Sternzeichen und Stellvertreter. Hiob ist unser Avatar und unser Menetekel. … Hiob ist der Jedermann des 21. Jahrhunderts. … So wie er es vor 100 Jahren auch war. … Oder im Mittelalter. … Zur Zeit der neutestamentlichen Wende. … Und auch, als sein Buch in die hebräische Bibel geriet.
Hiob war immer da und bleibt es. Der betrogene und ins Unglück gefallene Mensch. Der Unschuldige, der mehr ausbaden muss, als er eingebrockt haben kann. Der, dem das Leben aus heiterem Himmel zur Hölle wird.
Einfach nur, weil er geboren wurde, muss er leiden.
Hiob: Der Mensch, der uns alle zu Buddhisten machen müsste, wenn wir auch nur ein Fünkchen Anstand, einen Hauch von Mitgefühl haben. Denn wie sonst sollten wir erklären, was so sinnlos ist: Das Erdbeben, … den Unfall, … die systemische Ungerechtigkeit, die die Weltkugel in Privilegierte und Chancenlose spaltet, … die Hoffnungslosigkeit, die über so vielen Szenarien der heute erst Jungen zu liegen scheint!? Es muss ein Sinn im Leid liegen. Es muss durchs Leiden ein Ziel zu erreichen sein. … Wiederkehren, Neuanfangen, Weiterüben. … Läuterung, Aufstieg und endlich dann Verlöschen im befreienden Nichts.
So sieht der Buddhismus mit seinem Blick des Mitleids mit aufs Leiden. ——
Die Bibel ist da mitleidsloser.
Jedenfalls erklärt sie das Leiden nicht zum notwendigen und darum letztlich sinnvollen Verhängnis. … So viel sie auch vom freiwilligen Leiden, vom bewussten Mittragen und Nachfolgen und Abnehmen in der Gemeinschaft des großen, stellvertretenden, göttlichen Leidenden zu sagen hat, so wenig drückt sie einfach allem Leiden, … dem unerklärlichen Hiobsleiden also den Stempel des Nötigen auf.
Ihre zentrale Aussage zum Leiden ist ja nicht, dass es gut sei. Sondern dass gut ist, wenn das Leiden vergeht. Von altersher haben wir die apostolische Mahnung an die ersten Christen in den ersten Verfolgungen in Vorderasien (vgl. Apg.14,22) leider (!) wohl meistens mit einer falschen Betonung im Ohr, denn sie besagt ja nicht, dass wir durch viel Trübsal müssen, um das Reich Gottes zu erlangen, sondern dass wir auch durch viel Trübsal hindurch das Reich Gottes vor uns sehen und schließlich dorthin gelangen sollen! Weshalb die Gemeinde im schönen Tanzlied der Renaissance (EG 398) ja auch nicht trällert, dass „in Dir alles Leiden Freude ist“, sondern widerständig wie die Märtyrer jubelt, dass auch inmitten aller Leidenserfahrungen im Hängen an Christus die Freude alle Schmerzen weit überwiegt! ———
Biblisch wird also nicht das Leiden an sich gutgeheißen. Biblisch wird Leiden nicht etwa trotz seiner Bitterkeit wegen einer medizinischen Wirkung dankbar ausgelöffelt. Biblisch wird Leiden nicht verzweckt und nicht verklärt und nicht geadelt.
… Noch einmal: Wer das Leiden freiwillig annimmt, weil das die Lebens- und die Todesgemeinschaft mit dem Gekreuzigten vertieft und eine nötige Hilfs- und Solidargemeinschaft der Mitleidensbereiten mit den unfreiwillig Leidenden eröffnet, der darf gewisslich „Ja“ zum Leiden sagen (vgl. Kol.1,24)!
… Wir dürfen alle mit dem in seiner Gefangenschaft und Ausweglosigkeit dennoch unbezwinglich freien Bonhoeffer, der wahrhaftig kein Masochist war, singen und beten:
„Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern / des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, / so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern, / aus deiner guten und geliebten Hand.“ (EG 652)
Aber die Bibel nimmt das „Ja“ oder gar den Dank fürs Leiden ganz bestimmt nicht für alle vorweg.
Sie bleibt das Buch Hiobs.
… Der in der Bibel an sich nichts zu suchen hat.
Er ist kein Israelit, sondern ein Jedermann. Er ist nicht einmal einfach ein aus der altorientalischen Umwelt eingewanderter Fremdling zwischen den israelitischen Stimmen und Zeugen und Boten des Alten Testaments, sondern ein Jedermann aus Nirgendwo, denn jenes Land „Uz“, in dem er heimisch war (vgl.Hi.1,1), lässt sich nicht wirklich lokalisieren: Ein Niemand von Überall, ein reicher, armgewordener Tropf aus Katastrophistan, ein Herr H. aus Kummerland, einfach ein Weltbürger und also auch Mit-glied der Bruderschaft des universalen Weltschmerzes.
Dieser Mensch wie alle erscheint also mitten in der Bibel.
Woher? - Egal.
Wodurch? - Egal.
Wichtig ist nur das, was für alle gilt, die irgendwie von irgendwo unter uns erscheinen: Welchen Unterschied machen sie?
Und der fremde und doch so menschlich, allzu menschlich leidende Hiob, … der macht einen Unterschied. Und was für einen!
Vielleicht, weil er nicht zu den Erwählten zählt. Er hat nicht das Erbe der Verheißung, das sonst in Israels Mark und Bein steckt. Er ist einfach nur selbst ein Vollblut-Mensch, der Gott durch seine natürliche Wahrhaftigkeit erfreut, so dass der HERR tatsächlich von ihm sagt: „Es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse“ (Hi.1,8).
Nicht erwählt, zu nichts verpflichtet, sondern bloß von sich aus gut. … Und dann so schrecklich verraten und verloren! Vom Leben gebrochen. Ja, – wenn wir dem ungeheuerlichen Buch, das seinen Namen trägt und von irgendwoher irgendwie in unsere Bibel kommen sollte, folgen – ja, nicht nur bloß verraten und verkauft, sondern unergründlich auch von Gott verlassen, auf den er sich doch ohne Bund und ohne Gebot verließ.
Doch dieser durch kein Gebot, durch keinen Bund an Gott gebundene und von Gott enttäuschte, nackte Mensch wird auch da, was er in seinem ganzen Wesen und Erleiden ist: Unser Stellvertreter. Er wehrt sich und empört sich. Für uns. Er fordert Welt und Wirklichkeit und Gott heraus und schreit den Weltschmerz, schreit die Wut auf diese Wirklichkeit, schreit die Gottesfrage – das berühmte: „Du! Warum?“ – ebenso heraus mit der geballten, durch die Gebrochenheit nur umso schärferen Kraft aller Menschenstimmen. ———
Eine Antwort aber kriegt er nicht.
Das Buch vom leidenden Jedermann ist wohl keine Aufgabe der höheren Algebra, die am Ende gelöst würde. Stattdessen – „O welch eine Tiefe der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ (Rö.11,33) – statt einer Lösung, die nur abstrakt das theoretische Frustriert-sein-Müssen abschließen könnte, endet das Protokoll der geballten Not und Wut in der letzten Offenheit:
- - - Es herrscht Schweigen.
- - - - - - - In das Gott spricht.
Wie alles einmal anfing, so endet bei Hiob also alles.
Und wem sich da die Nackenhaare sträuben, … wer merkt, dass ihm der Puls vor Erregung schneller geht, … wer spürt, wie etwas da in Wallung gerät und mit einem durchgehen könnte – „Wieso verd*mmt noch mal! denn keine Lösung? Warum denn bloß ein Reden Gottes?“ –, der muss wie Hiob ganz am Schluss vielleicht doch endlich sagen, dass er auf etwas gestoßen ist, das höher sein wird als alle unsere Vernunft (vgl. Phil.4,7).
Gott, Der mit dem Wort angefangen hat, wird dieses, Sein Wort nicht nur behalten, wie man Recht behält, sondern es auch wahren … es also bestätigen und erfüllen.
Das „Es werde!“ wird nicht zurückgenommen, sondern endlos fortgesetzt!
Und auf eine eigenartige Weise hat Hiob mit seiner Stimme des Schmerzes und der durch keinen Bund gebundenen, hemmungslosen Wut daran seinen Anteil.
Denn heute ist uns sein Katalog der Leiden ja nicht am Schluss, wo Gott das Wort behält und hält, aufgeschlagen, sondern in der Mitte, … die - Zufall? - auch ziemlich genau die Mitte unseres „Alten Testaments“ ist.
Und da hören wir mitten in der ältesten und allgemeinsten, in der Ur-Litanei unserer Sterblichkeit – „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht“ – … da hören wir also mitten im Alten Testament, mitten in der Wirklichkeit der vergänglichen Welt, mitten im Tod, den wir einer wie der andere … zu allen Zeiten vor Hiob, … zu allen Zeiten wie Hiob, … zu allen Zeiten mit Hiob … und auch nach Hiob zu allen Zeiten sterben werden, einen vollkommen überraschenden Klang.
Da stößt einer an eine Glocke, da läutet einer einen Laut, den die Frommen des Bundes, den das Israel der Treue, die einzig für Gott und durch Gott lebt, nicht angerührt haben.
Die Gerechten des Bundes – Abraham und seine Kinder, Moses, Miriam und die Wandernden auf dem Weg in eine nie-erreichte Heimat, David und seine Nachkommen auf dem Thron eines großen und dann zerbröckelnden, zu Staub zerfallenden Reiches, die Gemeinde der prophetischen Gerechtigkeits-Hoffnung, die das bittere Exil erleiden musste – alle diese Gerechten des Bundes haben sich zu Gott gehalten (oder auch nicht) und sind Zeugen Seiner Herrschaft und Verheißung gewesen; aber über alles jenseits ihres Daseins, über alles jenseits ihres irdischen Segens und ihrer irdischen Prüfung haben sie in Schweigen gelebt. Sie haben es verschwiegen, wenn sie auf mehr hofften als das ihnen Gegebene, Versprochene oder Verweigerte.
Hiob aber wagt’s!
Ihn, der ohne Gebundenheit Gott dienen oder fluchen kann, … ihn, der menschlich, schlichtweg menschlich im Wohlstand wie im Unglück begegnet, … ihn hält nichts zurück!
In seinem leidenschaftlichen Protest gegen die Mühsal des Leidenslebens und Immersterbens, in seinem Aufbegehren gegen’s fremdbestimmte Tagelöhner-Elend der Leute, die nichts ändern können an ihrem sinnvollen oder sinnlosen Dasein und Vergehen, in seinem makabren Klagelied also schlägt er einfach einen Ton an, den man so vorher nicht hört.
Da vernimmt man plötzlich: „Zur Hölle!, wenn ich schon zur Hölle muss, ins Reich des erstickten Schweigens und des eis-erstarrten Todes … warum kannst Du da nichts ändern, der Du doch so viel anders machst, als ich das wollte? Warum solltest Du, dessen unbegreifliche und unvorhersehbare Macht ich in jeder Ader und an jeder Faser merke, … warum solltest Du da nicht eine Wendung in dieses Unabwendbare treiben können? Warum machst Du das Endgültige nicht einfach ungültig? Was hindert Dich denn, mein Vergehen und Vergangen-Sein vorübergehen zu lassen? Wenn Du mich aus der Fülle zu Nichts reduziert, … wenn Du mich aus dem Glück in die Asche setzt, … wenn Du mein Ausgeschlossen-Sein erfährst, … wieso kannst Du dann nicht auch aufschließen und wieder öffnen, was Herz und Kehle, Leib und Seele brauchen: Die atemgebende Quelle der Lebendigkeit, das Land des Lebens?“
Mitten in seiner Moritat von der Sinnlosigkeit lockt und reizt er Gott auf ein Gebiet, das die anderen Stimmen in der Bibel bisher nicht andeuteten. So spielerisch wie nur Verzweiflung macht, so kühn wie nur die letzte Not wohl werden lässt, fordert er Gott heraus … hinaus in die Weite. - - - - - - - Hinaus ins Offene, in das bisher Nicht-Gedachte, Nie-Gewagte.
Hiob provoziert Gott aufs Feld einer möglichen Auferstehung.
So wie Hölderlin - auch so ein Hiob! - seinen Freund Landauer in einer berühmten Elegie zu einem „Gang aufs Land“, in die Freiheit und neue Weite überreden will:
„Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
[…………………]
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn.“
So wirbt Hölderlin um die Möglichkeit eines neu zu erlebenden Bewegens und Redens und Denkens und Daseins.
Und nicht anders Hiob, der tatsächlich auch das Wort finden will, … das Wort, das er Gott als Wahrheit vorhält, … als Möglichkeit, die Er verwirklichen könnte und dann würde wahrhaftig! und wortwörtlich! und weiß Gott! nicht nur der Himmel leuchten, sondern alles würde blühen, so wie man’s noch nie sah:
„Ach, dass Du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis Dein Zorn sich legt,
und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest!
…….
Du würdest rufen und ich Dir antworten;
es würde Dich verlangen nach dem Werk Deiner Hände.
Dann würdest Du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde.
Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.“ ———
Das also wäre der Unterschied, den Hiob gemacht hat.
In der Freiheit seiner Unschuld, in der Rücksichtslosigkeit seines Schmerzes, in der Ehrlichkeit seiner Existenzverzweiflung hat Er Gott unendlich herausgefordert.
Ja, Hiob hat Gott im Leid am Leben und am Sterben tatsächlich zur Unendlichkeit herausgefordert und die wunderbaren Gedanken angedacht, die wunderbaren Worte angedeutet, die wunder-, wunderbare Möglichkeitenfülle aufgestoßen einfach durch sein hemmungsloses Schreien:
Vergebung der Sünden! – Warum nicht?!
Auferstehung der Toten! – Gott, warum nicht?!
Ewiges Leben! – Mein Gott, was denn sonst?!
Und da sehen wir hinter Hiob, unserm Zeitgenossen, unserm Mitmenschen, unserm Jedermann einen Anderen auftauchen, der für alle und jeden der Menschen der Stellvertreter und die Verkörperung ist!
Einen, der alles Leid für alle gelitten hat.
Damit die ungeheuerlich gewagte Wette Hiobs sich tatsächlich erfüllte und Gottes letztes Wort Sein erstes bleiben kann: „Es werde!“
Und damit so „des Himmels Blüte“ beginne und die unverwelkliche Blüte aller Menschen.
Hinter Hiobs Leid sehen wir also sein Leben und unser Leben auferstehen und ewig werden: Durch Jesus, Gottes Antwort auf Hiobs wilden Wunsch, wieder zu grünen vom Geruch des Wassers und Zweige zu treiben wie eine junge Pflanze.
… Und dieser Sommer kommt!
Amen.
♫ EG 148: „Herzlich tut mich erfreuen, die liebe Sommerzeit“
3.ltzt.S.im Ki.jahr, 09.11.2025, Spr.24,10-12 + 31,8-9, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Was für ein Datum, was für eine Zeit, liebe Gemeinde!
Der 9. November birgt mehr Erfahrungen, als alle anderen Tage im Jahr. Er wird oft der „deutsche Tag“ genannt, aber die Erinnerungen und Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden, sind für Menschen aller Nationen und Völker relevant.
Und dann beginnt mit dem heutigen Sonntag auch noch die ökumenische Friedensdekade, die uns jedes Jahr im November einlädt, innezuhalten und uns neu darauf auszurichten, Boten des Friedens zu werden. Sie will uns motivieren, nicht einfach „für den Frieden zu sein“ – wer ist das nicht? - , auch nicht einfach nur für den Frieden zu beten, sondern sich für den Frieden einzusetzen und aufzustehen – und dazu gehört auch: Widerstand zu leisten, wo Menschen um ihre Würde und ihre Lebensmöglichkeit gebracht werden, wo sie unter die Räder von Hass, Gewalt und Unrecht geraten.
„Zukunft braucht Erinnerung, Wahrheit und Klarheit“ - so lautet das Thema der Predigt-Meditation in Verbindung mit Versen aus dem Buch der Sprüche. Wir haben sie gerade in der Lesung gehört. Es geht um eine lebenswerte Zukunft, in der die Menschheitsfamilie ihr Zusammenleben in Freiheit solidarisch und friedlich gestaltet.
Da wir nun einmal nicht nur Kinder unserer Zeit sind, sondern auch von dem geprägt sind, was in der Vergangenheit geschehen ist, müssen wir uns erinnern, um uns selbst zu verstehen. Nur dann können wir erkennen, was zu tun ist, um besser, lebensdienlicher mit Problemen unserer Tage umgehen zu können.
Am 9. November erinnern wir uns an drei Ereignisse: an die Ausrufung der ersten deutschen Demokratie 1918, die einherging mit dem Ende des Kaiserreiches, das Deutschland 1914 in den ersten Weltkrieg geführt hatte. Eine Zeitenwende damals, fürwahr, aber sie hatte keinen glücklichen Verlauf; die Weimarer Republik überlebte gerade 14 Jahre. Der Demokratie fehlten die Demokraten, lautet ein bekanntes Urteil über diese Zeit. Und vor allen Dingen weigerten sich allzu viele, sich zu erinnern, und das heißt: genau hinzusehen, was zu dem furchtbaren Gemetzel auf den Schlachtfeldern nicht nur Europas geführt hat. Man weigerte sich, über die Sünden des Kolonialismus nachzudenken, über den Rassismus, mit dem er alle Gesellschaften vergiftet hatte, was dem christlich beförderten Antisemitismus neue Nahrung gab.
Das führt uns direkt zum zweiten denkwürdigen Ereignis dieses 9. November: dem Pogrom, das die Nazis 1938 organisiert und angestoßen hatten, und das zu unserer Scham und Schande viele zum Mittun motivierte, noch mehr zum passiven Gaffen. Hätte es damals Smartphones gegeben, dann wären sicher Selfies mit brennenden Synagogen viral gegangen. Nach 1945 wollte nicht nur keiner dabei gewesen sein, nein, man hat es nicht gewusst. Man hat auch nicht nachgefragt oder selbst nachgedacht. Man hat sich nicht erinnern wollen.
Der Text aus Sprüche 24 bringt es auf den Punkt: „Sag nicht: Wir haben das nicht gewusst! Denn Gott prüft die Herzen und durchschaut sie. Er wacht über dein Leben und weiß Bescheid. Jeden Menschen zieht er zur Verantwortung für das, was er getan (oder zu tun versäumt) hat.“
Wenn heute an den 9. November 1938 in Gedenkveranstaltungen erinnert wird und darüber geklagt wird, dass der Antisemitismus in unserer Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch ist, ohne gleichzeitig den Rassismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit mit anzusprechen, dann zeigt das, dass wir noch nicht umfassend und tief genug nachgedacht und uns erinnert haben, dass eben noch lange kein Schlussstrich zu ziehen ist. Vergessen wir nicht: der erste Genozid, für den Deutsche verantwortlich waren, war der Genozid an den Herero und Nama in Namibia Anfang des 20.Jahrhunderts. Das Kaiserreich war zwar erst spät Kolonialmacht geworden, aber es hatte sich in gleicher Weise in Menschenfeindlichkeit ausgewiesen, wie die anderen Kolonialmächte seit der „Entdeckung“ Amerikas 1492. Ohne Erinnerung an diese Zeiten, ohne Aufarbeitung dessen, was da geschehen ist, kann es für die Menschheitsfamilie keine gute Zukunft geben. Wir Menschen im Jahr 2025 sind zwar nicht dabei gewesen, aber bis heute sind wir von diesen Ereignissen geprägt – die einen – auch wir - haben von den Geschehnissen in ihrer Folge profitiert, die anderen – die kolonisierten Völker - sind zurückgeworfen worden. „Sag nicht: Wir haben das nicht gewusst! Denn Gott prüft die Herzen und durchschaut sie. Er wacht über dein Leben und weiß Bescheid. Jeden Menschen zieht er zur Verantwortung für das, was er getan (oder zu tun versäumt) hat.“ Jede Zeit hat ihre Verantwortung; sich ihr zu entziehen, sich ihr nicht zu stellen, verbaut einen guten Weg in die Zukunft.
Schola „Bin ich des Bruders Hüter“ DHuT 355
Dass die ökum. Friedensdekade in diesem Jahr mit dem 9.November beginnt, macht eindringlich darauf aufmerksam, dass Frieden ohne Erinnerung und Aufarbeitung der Vergangenheit nicht möglich ist, dass Achtung der Menschenwürde, von Recht und Gerechtigkeit schlicht Voraussetzungen sind für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschheitsfamilie.
Seit dem endgültigen Aufflammen des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, können wir dem Thema „Krieg“ nicht mehr ausweichen. Dass dieser Krieg seit 2014 im Gange war, haben wir als Gesellschaft nicht gesehen, nicht sehen wollen. Mir ist das auch so gegangen. Inwieweit diese Haltung Putin erst dazu ermutig hat, am 24.2.2022 die letzten Hemmungen fallen zu lassen und ganz unverblümt die Auslöschung der Ukraine ins Werk zu setzen, mag dahingestellt sein. Es ist jedenfalls klar: Frieden ist einseitig nicht zu schaffen. Beide Seiten müssen ihn wollen. Und die Voraussetzung ist, dass das Recht Vorrang haben muss vor der Gewalt. Und das haben viele Friedensbewegte in unserem Land, die geprägt wurden von den Ostermärschen der 60er und 70er Jahre und von den Großdemonstrationen der 80er Jahre gegen den NATO -Doppelbeschluss, schmerzvoll lernen müssen und für sehr viele steht dieser Lernprozess noch an: für den Frieden zu sein kann die Bereitschaft einschließen, sich mit Waffen einem Aggressor entgegenzustellen. Es gilt, wie es Dietrich Bonhoeffer sagte, dem Rad in die Speichen zu greifen, um zu verhindern, dass immer mehr unschuldige Zivilisten unter die Räder der Putinschen Soldateska geraten.
Auch bei der Friedensfrage kommen wir nicht daran vorbei, uns darüber Rechenschaft abzulegen, welchen Blick wir auf andere Nationen haben. Was verbinden wir mit ihnen, was prägt unser Verhältnis zu ihnen? Was wollen wir sehen und wovor haben wir die Augen verschlossen? Als Putin vor etwa 20 Jahren die Tschetschenische Hauptstadt Grosny in eine Trümmerwüste bomben ließ wie 2022 Mariopul, hieß es in vielen Medien auch bei uns, dass es gegen islamistische Terroristen ginge. Nach Nine Eleven 2001 war es einfach, um damit durchzukommen. Was ist in solchen Situationen für uns zu tun, um sich für Frieden einzusetzen? Auf jeden Fall sich nicht mit einfachen Antworten abzufinden. Besonders aufmerksam zu sein, wo eigene Ängste und Vorurteile getriggert werden: Islamisten ~ Muslime. Wir müssen genau hinsehen und uns selbst kundig machen. Noch können wir das in unserem Land. Wer sich auf den Weg macht, kann die Wahrheit entdecken und lernt, zwischen Fakten und Propaganda, die es immer auf beiden Seiten gibt, zu unterscheiden.
Genau das fordert unser Glaube: sich darum zu bemühen, die Geister zu unterscheiden. Damit sind nicht theologische Spitzfindigkeiten gemeint, sondern es geht um unser reales Leben mit all seinen Anfechtungen in der Gegenwart.
Schaut genau hin und fragt euch: Was würde Jesus dazu sagen?
Lied „Es ist Krieg, wieder Krieg“
Sich erinnern, was war, in den Spiegel der Vergangenheit zu blicken und zu erkennen, was alles nicht so gut gelaufen ist – im eigenen Leben, im Leben der Familie, der Gesellschaft – das kann schmerzen. Wie kann es da eine gute Zukunft geben? Wäre es nicht viel besser, all die alten Geschichten ad acta zu legen? Wie kann es gelingen, neu anzufangen, neue Wege zu gehen, die hoffen lassen auf ein friedlicheres, gerechteres, lebenswertes Leben für uns und die ganze Menschheitsfamilie?
Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, das erzählt Johannes in einer österlichen Geschichte seines Evangeliums.
Jesus, gezeichnet mit den Wundmalen von Karfreitag, sitzt mit seinen Jüngern zusammen am See Genezareth. Eigentlich ist jetzt doch alles gut. Eigentlich könnte doch jetzt unter die alte Geschichte des Karfreitags mit ihren unerfreulichen und beschämenden Erfahrungen ein Schlussstrich gezogen werden. Jesus ist doch auferstanden. Alles ist gut. Basta.
Doch da ergreift Jesus das Wort und fragt Simon Petrus: Hast du mich lieb? Wie ein Messerstich trifft es den Jünger. Warum fragt Jesus ausgerechnet ihn? Ist es wegen der Sache im Garten Gethsemane, wo er eingeschlafen ist? Aber ja doch, Jesus, ich habe dich lieb! Dann weide meine Schafe, antwortet Jesus – was so viel meint: dann geh ans Werk, an die Arbeit, führe fort, was ich angefangen habe. Petrus atmet auf. Alles gut.
Nach einer Weile fragt Jesus wieder: Simon, hast du mich lieb?
Wieder ist da dieser Stich in der Brust, schlimmer als beim ersten Mal. Ja, er hat Jesus verleugnet. Er hat ihn im Stich gelassen. Etwas leiser antwortet er: Ja, ich habe dich lieb.
Dann weide meine Schafe, antwortet Jesus wieder.
Und noch ein drittes Mal ergeht die Frage: Simon, hast du mich lieb? Petrus schließt die Augen, er sieht sich, wie er voller Panik aus dem Hof des Hauses des Hohenpriesters weggelaufen ist – weg aus Jerusalem, bloß weg. Er sieht in den Spiegel, den Jesus ihm mit dieser einfachen Frage hingehalten hat, erschrocken, beschämt, schuldbewusst. Er macht sich nichts mehr vor. „Herr, du weißt alles, du kennst mich durch und durch; du weißt, was schlecht gelaufen ist, wo ich schuldig geworden bin; aber du weißt dann doch auch, dass ich dich liebhabe.“ Jetzt ist es raus. Jetzt ist er durch den Schmerz durch. Und Jesus sagt: Dann mach dich an die Arbeit, führe fort, was ich angefangen habe. Jetzt kannst du das, weil du dir über dich selbst im Klaren bist. Du wirst deinen Weg in meiner Spur mutig weitergehen.
Eine Erzählung, die ermutigt und uns hoffnungsfroh macht. Wir können das, was war, überwinden und verwandeln.
Wir sind nicht ohnmächtig.
Wir sind beschenkt mit dem Geist, der Jesus erfüllt hat.
In Verbindung mit ihm können und sollen wir dafür einstehen, was er uns ans Herz gelegt hat – furchtlos und voller Vertrauen, dass unsere Guttaten Früchte tragen werden.
Das Lied, das wir gerade gesungen haben, weist darauf hin, dass wir eine ganze Menge bewirken können, um dem Frieden auf Erden den Weg zu bereiten.
Der Glaube geht Hand in Hand mit der Tat,
er befreit uns zu neuen Gedanken.
Eine gute Zukunft braucht unseren Einsatz,
unsere Bereitschaft zur Erinnerung,
braucht Wahrheit im Blick auf Vergangenheit und Gegenwart, auf die Geschichte der Menschheit lokal und global; braucht Klarheit, Ehrlichkeit im Umgang mit sich selbst und mit den Mitmenschen.
Eine gute Zukunft braucht uns als hoffnungsfrohe, mutige Freundinnen und Freunde des Auferstandenen.
Machen wir uns auf den Weg, wir gehen ihn nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit vielen Menschen weltweit und begleitet von Gottes Geist und seinem Segen.
Lassen sie uns zusammen das Lied 371 singen „We shall overcome“.
Es ist das Lied der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika, die ihre Kraft zu zivilem Ungehorsam und Widerstand gegen den allgegenwärtigen Rassismus aus den Gottesdiensten der schwarzen Kirchen bezog, die sich ermutigen ließ von den biblischen Geschichten von Befreiung aus Sklaverei und Unterdrückung. Ein Lied, mit dem wir uns verbunden wissen können mit allen, die heute weltweit aufstehen gegen Hass, Gewalt und Menschenfeindlichkeit.
Wir singen die Strophen 1+3+4+7.
20.S.n.Tr., 02.11.2025, 1.Mose 8,18-22, Tersteegenkirche, Horst Gieseler
"Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften."
Mit diesem Gedicht von Joachim Ringelnatz beginnt die Predigt von Prädikant Horst Gieseler zum 2. November. Was aber hat das mit Noah zu tun? Hören Sie mal rein in den Podcast!
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