Rogate, 10.05.2026, 1.Mose 18,16-33, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
„Beten“, das ist das Thema dieses Sonntags. Beten, das ist die Weise, mit Gott in Beziehung zu kommen – in Dank, Lob, Bitte, Klage und Fürbitte. Beten, das verbindet uns mit Menschen unterschiedlichster Kultur und Religion. Und es verbindet uns über die Zeiten hinweg auch mit den Menschen der Bibel. Der Predigttext erzählt uns eine Geschichte, in der es auch ums Beten, um eine Fürbitte geht. Dass es sich um eine sehr alte Geschichte handelt, wird daran deutlich, dass in ihr drei himmlische Wesen in der Gestalt von Männern auftreten und Kontakt zu den Menschen aufnehmen – und dass dieses für beide Seiten völlig normal ist. In der Ikonographie der Orthodoxen Kirche werden die drei als Engel dargestellt. Im Text selbst wird nahegelegt, dass einer von den Dreien Gott selbst ist.
Die Drei hatten Abraham besucht und ihm und Sara die Geburt des lange verheißenen Sohnes angekündigt. Hören wir nun, wie die Geschichte weitergeht:
Die Männer brachen auf, und Abraham begleitete sie.
Als sie auf Sodom, wo sich Lot, Abrahams Neffe, niedergelassen hatte, hinuntersahen, dachte Adonaj:
»Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten,
was ich vorhabe? Er soll doch zum Stammvater
eines großen und mächtigen Volkes werden.
Alle Völker der Erde sollen durch ihn gesegnet sein.
Denn hierfür habe ich ihn ausgewählt:
Er soll seine Söhne und seine Nachkommen dazu bringen,
auf dem Weg Adonajs zu bleiben.
Er soll sie lehren, sich an Recht und Gerechtigkeit zu halten.
Dann wird Adonaj erfüllen,
was er Abraham verheißen hat.«
Adonaj sagte:
»Ja, die Klagen über Sodom und Gomorra sind groß,
und ihre Vergehen wiegen schwer.
Ich will hinabsteigen und die Klagen prüfen,
die vor mich gekommen sind:
Haben sie wirklich so schlecht gehandelt oder nicht?
Ich will es wissen.«
Zwei von den Männern machten sich auf nach Sodom.
Adonaj aber blieb bei Abraham zurück.
Abraham trat näher und fragte:
»Willst du wirklich Gerechte und Frevler ohne Unterschied vernichten? Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt.
Willst du sie trotzdem vernichten? Willst du den Ort nicht verschonen wegen der 50 Gerechten darin?
Das kannst du doch nicht tun
und den Gerechten wie den Frevler töten!
Dann würde es den Gerechten ergehen wie den Frevlern.
Nein, das kannst du nicht tun.
Der Richter der ganzen Welt begeht doch kein Unrecht.«
Adonaj antwortete:
»Wenn ich in der Stadt Sodom 50 Gerechte finde,
verschone ich ihretwegen den ganzen Ort.«
Aber Abraham fuhr fort:
»Ich bin nur Staub und Asche.
Dennoch habe ich es gewagt, mit dem Herrn zu reden.
Vielleicht sind es 5 weniger als 50 Gerechte.
Willst du wegen der 5 die ganze Stadt zerstören?«
Da sagte er: »Nein, ich werde sie nicht zerstören,
wenn ich dort 45 Gerechte finde.«
Abraham richtete noch einmal das Wort an ihn:
»Vielleicht lassen sich dort nur 40 finden.«
Er antwortete: »Wegen der 40 werde ich es nicht tun.«
Abraham sagte: »Mein Herr, sei mir nicht böse,
wenn ich weiterspreche.
Vielleicht lassen sich dort nur 30 finden.«
Er entgegnete: »Wenn ich dort 30 finde,
werde ich es nicht tun.«
Abraham fing wieder an: »Ich habe es nun einmal gewagt,
mit dem Herrn zu verhandeln. Vielleicht sind es nur 20.«
Er antwortete:
»Wegen der 20 werde ich Sodom nicht zerstören.«
Abraham redete weiter:
»Mein Herr, sei mir nicht böse,
wenn ich noch ein letztes Mal das Wort ergreife.
Vielleicht gibt es dort nur 10 Gerechte.«
Er erwiderte:
»Wegen der 10 werde ich die Stadt nicht zerstören.«
Adonaj ging fort,
nachdem er das Gespräch mit Abraham beendet hatte.
Daraufhin kehrte Abraham in sein Lager zurück.
Liebe Gemeinde,
eine merkwürdige Geschichte mit einer auf den ersten Blick mindestens fragwürdigen Vorstellung davon, was das Beten betrifft. Auf der anderen Seite enthält das Gespräch Abrahams mit Adonaj aber auch eine gute Nachricht für unsere Welt: Von Anfang bis Ende wird Gottes Interesse an den Menschen deutlich, ihr Ergehen, ihr Tun und Lassen lassen ihn nicht kalt, sondern im Gegenteil: das Klagen und Weinen derer, die unter ihren gewalttätigen Mitmenschen leiden, sind zu seinen Ohren gekommen und fordern sein Eingreifen heraus. Doch weil er kein Despot ist, der auf Gerüchte hin losschlägt, will er sich erst genau informieren, was Sache ist. Es geht ihm um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Die Geschichte lässt uns an den Gedanken Gottes teilhaben:
»Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten,
was ich vorhabe? Er soll doch zum Stammvater
eines großen und mächtigen Volkes werden.
Alle Völker der Erde sollen durch ihn gesegnet sein.
Denn hierfür habe ich ihn ausgewählt:
Er soll seine Söhne und seine Nachkommen dazu bringen,
auf dem Weg Adonajs zu bleiben.
Er soll sie lehren, sich an Recht und Gerechtigkeit zu halten.
Dann wird Adonaj erfüllen,
was er Abraham verheißen hat.«
Nein, der Gott Abrahams ist wahrhaftig kein Despot. Er geht nicht hin und handelt einfach in seiner Machtfülle, sondern er bezieht Abraham in seine Überlegungen betreffs Sodom und Gomorra mit ein. Damit zeigt Gott, wie viel ihm die Verbindung mit Abraham bedeutet und wie hoch er Abraham als Bündnispartner achtet. Gott offenbart sich ihm, Gott lässt ihn teilhaben an seinen Plänen, Gott stellt ihn nicht einfach vor vollendete Tatsachen.
Adonaj sagt:
»Ja, die Klagen über Sodom und Gomorra sind groß,
und ihre Vergehen wiegen schwer.
Ich will hinabsteigen und die Klagen prüfen,
die vor mich gekommen sind:
Haben sie wirklich so schlecht gehandelt oder nicht?
Ich will es wissen.«
Gott handelt also nicht auf Gerüchte hin. Aber er ist auch keiner, der gleichgültig über allem Elend steht. Gott lässt sich von dem, was er hört, bewegen und kommt selbst herab, um zu prüfen, was tatsächlich in den beiden Städten vor sich geht. Gott hat Interesse daran, wie Menschen miteinander umgehen. Und wenn es wie in Sodom und Gomorra so weit kommt, dass Machtmissbrauch und Einschüchterung an der Tagesordnung sind, dass Gewalt sich über jegliches Recht hinwegsetzt und Fremde zur Zielscheibe von Hass und Demütigungen gemacht werden und Männer wie Frauen, Junge und Alte sexuellen Übergriffen ausgeliefert sind, dann lässt Gott das nicht kalt. Dann will er das nicht einfach so weitergehen lassen. Dann will er diesem Unheil ein Ende setzen. Das alles sagt Gott zu Abraham.
Und dann hält er inne und wartet, was Abraham antworten wird, bzw., wie ein Ausleger etwas überspitzt formuliert, dass Gott hier tatsächlich auf Abrahams Seelsorge wartet.
Dieser Gedanke, dass Gott den Menschen nicht nur gebraucht wie ein Werkzeug, sondern dass Gott den Menschen tatsächlich braucht im Sinne von „nötig hat“, dieser Gedanke ist in der christlichen Tradition weitgehend fremd geblieben. Aber in der jüdischen Tradition ist dieser Gedanke in vieler Hinsicht zum Tragen gekommen. So kann es im Midrasch Wayiqra heißen: „Die Gerechten fügen Kraft hinzu der oberen Gewalt“, das heißt: die Gerechten stärken Gott. Oder ich denke an ein noch weitergehendes Zitat des 1.Talmudtraktates Berakhot, wo es heißt: „Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Wer sich mit der Thora und Liebeswerken befasst und mit der Gemeinde betet, dem rechne ich an, als hätte er mich und meine Kinder von den weltlichen Völkern erlöst.“ In diesem Sinn ist schließlich auch zu verstehen, was der große jüdische Philosoph des 20.Jahrhunderts, Franz Rosenzweig, behauptet, wenn er sagt: „Gott spricht: Ohne euch kann ich nichts tun, ja, ohne euch kann ich nicht sein. Wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich nicht.“
Was uns Christen im ersten Moment fremd, vielleicht sogar anstößig erscheint, halte ich für sehr nachdenkenswert. Ich sehe bei uns die große Gefahr, Gott gegenüber in einer bloßen Anspruchshaltung zu verharren, die unsere Trägheit im Beten und Handeln noch verstärkt und ich glaube deshalb, es wäre auch für uns hilfreich, uns vor Augen zu halten, dass Gottes Entgegenkommen tatsächlich so weit geht, dass er auf unsere Antwort, auf unsere „Solidarität“ mit ihm angewiesen ist.
Abraham jedenfalls entzieht sich Gottes Erwartung nicht. Und an dem, was er Gott antwortet, merkt man, dass er Gott „kennt“. Das bedeutet mehr, als mit dem Verstand zu begreifen und Bescheid zu wissen. Kennen im hebräischen Sinne hat mit dem Herzen zu tun und ist eine Umschreibung für tiefe Liebe. Aus solcher liebevollen Gotteserkenntnis heraus spricht Abraham Gott auf seine Barmherzigkeit an. Er weiß, dass die Barmherzigkeit das Wesen Gottes ist und Kern all seines Tuns – auch seines Strafens. Nur weil Gott die Schreie der Opfer menschlicher Willkür und Rücksichtslosigkeit erbarmen, hat er sich aufgemacht zum Gericht. Weil Gott von Herzen Anteil nimmt am Leben der Menschen, will er nicht alles so weitergehen lassen.
Abraham spricht Gott auf seine Barmherzigkeit hin an, und im Vertrauen darauf, dass Gottes Erbarmen größer ist als sein Zorn, bittet er um Verschonung der Städte, wenn auch nur 50 Gerechte in ihnen leben.
Ich weiß nicht, ob Ihnen das Erstaunliche an Abrahams Bitte sofort klar ist. Abraham verhandelt mit Gott nicht um die Rettung der wenigen Unschuldigen. In seiner Fürbitte geht es um die Vielzahl der Schuldigen! Abraham kennt dabei sehr wohl das Maß menschlicher Bosheit – er versucht nicht, die Größe der Schuld irgendwie herunterzureden. Doch seine Hoffnung ist das noch größere Maß von Gottes Barmherzigkeit. Deshalb bittet er, wenn auch nur 50 Gerechte zu finden sind, möge Gott doch alle verschonen. Und deshalb traut er sich, die Vorbedingung für die Rettung der Städte immer niedriger zu handeln.
Und Gott lässt sich ganz auf Abraham ein. Sind auch nur 10 Gerechte in Sodom und Gomorra zu finden, sagt er schließlich, „so will ich sie nicht verderben um der zehn willen“.
Liebe Gemeinde, was Abraham hier mit seiner Fürbitte für Menschen tut, deren Wandel er zutiefst verabscheut, das ist nichts anderes als konkrete Feindesliebe. Wir können von ihm lernen, nicht müde zu werden, Gott auf seiner Barmherzigkeit zu behaften, nicht aufzuhören, Fürbitte zu halten, und zwar nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter, und nach Kräften vor Gott einzutreten für eine Verschonung der Welt vor ihrer Zerstörung.
Damals, so erzählt die Bibel, sind Sodom und Gomorra nicht dem Gericht entgangen. Aber das Gespräch zwischen Abraham und Gott wirft ein neues Licht auf den Untergang dieser beiden Städte. Denn nicht die übergroße Bosheit der Einwohner war letztlich dafür ausschlaggebend, sondern der Mangel an Gerechten! Nicht einmal zehn gab es unter den Tausenden von Ungerechten.
Der Mangel an Gerechten – das ist das Problem. Bis heute. Wobei wir uns klar machen müssen, wer im Geist der Bibel als ein Gerechter bezeichnet wird. Gerecht meint nicht, das ist ein Mensch ohne jeden Fehler. Gerecht ist einer, der sich darum bemüht, sein Leben danach auszurichten, was dem Willen Gottes für das Zusammenleben der Menschen entspricht. Gemeinschaftsgerechtigkeit, darum geht es. Sein eigenes Wohlergehen an das Wohlergehen seiner Mitmenschen zu binden, das Ich in das Wir einzubringen, sodass es allen nützt. Wer so lebt und handelt, der lebt und handelt dem Reich Gottes gemäß, so nannte das Jesus von Nazareth. Und darauf kommt alles an – sollte es zumindest, wenn wir unseren Glauben ernst nehmen.
An solchen Gerechten mangelte es in Sodom und mangelt es heute in unserer Gesellschaft. Das können wir in fast allen politischen Debatten verfolgen, wenn es um die Reformen in unseren sozialen Systemen geht, egal auf welcher Ebene – im Parlament, in den Talkrunden im Fernsehen und bei zufälligen Gesprächen unterwegs. Jeder verteidigt seine eigenen Interessen und gefährdet damit – ob er es will oder nicht – den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, unsere Demokratie. Das Sprichwort „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Das mag lustig sein, ist aber zerstörerisch für eine Gemeinschaft. 1933 haben das viel zu viele getan. Martin Niemöller hat nach 1945, als die deutschen Städte reihenweise in Feuersbrünsten untergegangen waren (wie die Bibel es von Sodom und Gomorra erzählt), auch sein eigenes Versagen gegenüber dem Nationalsozialismus so formuliert: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Die schweigende Mehrheit besteht nie aus Gerechten.
Eine andere Feststellung lautete treffend: die Weimarer Demokratie ist nicht von den Nazis zerstört worden. Sie ist zugrunde gegangen am Mangel an Demokraten.
Rogate heißt dieser Sonntag. Betet. Beten heißt nicht, die Hände in den Schoß legen und Gott mal machen lassen. Ora et labora – heißt die Grundregel der Benediktiner. Dietrich Bonhoeffers Überzeugung ließ ihn formulieren: Darauf kommt es heute an: zu beten und das Gerechte zu tun.
Sorgen wir uns darum, dass es nie wieder an Gerechten mangelt. Das ist es, was diese alte Erzählung aus dem 1. Buch Mose uns mahnend mitgeben möchte.
Amen.
Jubilate, 26.04.2026, Joh.15,1-12, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
„Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2.Kor.5,17)
Der Wochenspruch für diesen Sonntag ruft uns noch einmal kraftvoll das Thema der Jahreslosung in Erinnerung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb.21,5)
Wie das geht mit dem Neuwerden, was es mit uns und unserem Leben zu tun hat, das bringt uns das Evangelium des heutigen Tages näher, das auch der vorgeschlagene Predigttext ist. Auf dem Gottesdienstblatt haben sie ihn vor Augen. Warum ich einige Verse in einer anderen Drucktype geschrieben habe, werde ich im Verlauf der Predigt noch erörtern. Und ebenso, warum ich den vorgegebenen Abschnitt, die Verse 1-8, ergänzt habe durch die Verse 9-12.
1 »Ich bin der wahre Weinstock.
Mein Vater ist der Weinbauer.
2 Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt.
Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt,
damit sie noch mehr Frucht bringt.
3 Ihr seid schon rein geworden durch das Wort,
das ich euch verkündet habe.
4 Bleibt mit mir verbunden,
dann bleibe ich mit euch verbunden.
Eine Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht tragen.
Dazu muss sie mit dem Weinstock verbunden bleiben.
So könnt auch ihr keine Frucht tragen,
wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm,
bringt reiche Frucht.
Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen.
6 Wer nicht mit mir verbunden bleibt,
wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe
und vertrocknet.
Man sammelt die vertrockneten Reben ein
und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.
7 Wenn ihr mit mir verbunden bleibt
und meine Worte in euch bewahrt, dann gilt:
Ihr dürft bitten, was immer ihr wollt –
und eure Bitte wird erfüllt werden.
8 Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar,
dass ihr viel Frucht bringt
und euch als meine Jünger erweist.«
9 »Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch.
Haltet an meiner Liebe fest!
10 Ihr haltet an meiner Liebe fest,
wenn ihr meine Weisungen befolgt.
Ich befolge ja auch die Weisungen meines Vaters
und halte so an seiner Liebe fest.
11 Das habe ich zu euch gesagt,
damit meine Freude euch ansteckt.
Die Freude wird euch ganz und gar erfüllen!
12 Das ist mein Gebot:
Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe.“
Das Bildwort vom Weinstock und den Reben ist einer der bekanntesten Abschnitte aus dem Johannesevangelium. Ich nehme es sehr gerne als Abschlusswort bei Abendmahlsfeiern, weil es in sinnenfälliger Weise Verbundenheit ausdrückt, dieses „Ihr in mir und ich in euch“, welches der Christus Jesus uns damit zuspricht, das Zusammengehören aller mit ihm und aller untereinander – symbolisiert durch den Kreis, den die am Abendmahl Teilnehmenden bilden.
Verbundenheit, das ist das große Thema, das im 15. Kapitel des Johannesevangeliums entfaltet wird und auch die anderen biblischen Texte für den Sonntag Jubilate durchzieht.
Da ist die Verbundenheit des Christus Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden, die Kreuz und Tod nicht zerstören konnten; eine bleibende Verbundenheit, die ewiges, unzerstörbares Leben in sich trägt.
Da ist die Verbundenheit des Schöpfers mit seiner Schöpfung, die Verbundenheit des Vaters mit seinen Kindern, die alle Religions- und Kulturgrenzen überspannt – so wie es Lukas in der Apostelgeschichte den Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen, dem geistig-intellektuellen Zentrum der Antike, bekennen lässt: „In ihm leben, weben und sind wir alle.“
Im Bewusstsein solcher Verbundenheit zu leben, das ist Grund zum Jubeln – „Jubilate!“ Der heutige Sonntag will uns Appetit darauf machen, ebenfalls in solches Verbunden Sein einzutreten. Was es erfordert, welche Geisteshaltung unsererseits nötig ist, das erschließt sich in den Versen des Bildwortes vom Weinstock und den Reben.
Dabei ist es schon entscheidend, unter welchem Vorzeichen wir den Text lesen. Er kann nämlich auch so verstanden und damit missverstanden werden, dass er gerade nicht verbindend wirkt, sondern spaltend. Wobei ich bei den Versen bin, die kursiv gedruckt sind. So ist in Vers 6 wenig von der Freude zu spüren, die mit Jesus in die Welt gekommen ist. „Wer nicht mit mir verbunden bleibt,
wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe
und vertrocknet.
Man sammelt die vertrockneten Reben ein
und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.“
Das klingt es bedrohlich nach Gericht und Verworfenwerden. Da schimmert ein apokalyptisches Gottesbild durch, das Angst und Schrecken hervorruft. Da steht Gott da und sortiert aus: die Schlechten, alle, die den falschen Glauben haben, die nicht rein sind - ab ins Feuer. Und alles Gute steht den wahren Gläubigen zu, sie sollen alles bekommen, was sie sich nur wünschen – siehe Vers 7.
Die Texte der Bibel sind selten stringent, viele bergen Widersprüche in sich, die auf den ersten Blick kaum zu erkennen sind; in unserem Fall wohl auch deshalb, weil wir unsere Mitmenschen gerne durch eine dualistische Brille betrachten: da sind die Guten und da sind die Bösen; wir hier und die anderen dort. Wir haben den richtigen Glauben, die anderen haben einen falschen. Und die mit dem falschen Glauben, mit der falschen Einstellung müssen weg. So denken viele. Sie sehen sich dann bestätigt von diesem biblischen Text in Vers 6. Dass dieser Text aber gerade nicht dem entspricht, was Gottes Wille ist, wie Jesus ihn uns nahegebracht hat, sondern Menschenwort, das mit dem dualistischen Virus befallen ist, das kommt ihnen nicht in den Sinn. Ja, dieser 6.Vers hat für viel zu viele schreckliche Folgen gehabt. Es ist einer der zentralen Bibelworte, welche die Inquisition seit dem 12.Jahrhundert buchstäblich befeuert hat. Haben sich die Inquisitoren doch die Rolle des Weingärtners angeeignet und alle, die nicht den in ihren Augen richtigen Glauben hatten, dem Feuer übergeben. Und leider ist das dualistische Denken auch heute in vielen Kirchen weit verbreitet; ein erschreckendes Beispiel geben gerade die fundamentalistischen Kirchen und Gemeinden in den USA, wo christliche Nationalisten den Ton in der Regierung bestimmen und eigentlich alles verraten, wofür Jesus eingetreten ist.
Es reicht eben nicht, biblische Texte zu lesen und damit zu agitieren. Es kommt darauf an, mit welchem Geist wir sie lesen und sie auf unser Leben beziehen, durch welche Brille wir sie betrachten: durch die Brille der Verbundenheit und Liebe zu allen und allem, was lebt – oder eben durch die Brille der Spaltung und des Hasses.
Schauen wir uns einmal mit der Brille der Verbundenheit und Liebe ausgestattet die Bildrede vom Weinstock und den Reben an.
„Ich bin der wahre Weinstock“, sagt der Christus Jesus.
Wahr steht hier für „der Wahrheit verpflichtet“ und zwar der Wahrheit, die von Gott herkommt. Gott, den Jesus Vater nennt und dem die Pflege des Weinstocks obliegt.
Ein Weinbauer oder Weingärtner herrscht nicht über seinen Weinberg, sondern er pflegt ihn, er kümmert sich um ihn, er dient ihm, damit die Weinstöcke gedeihen können. Eine Parallele dazu findet sich in der Schöpfungserzählung, wo ja den Menschen die Pflege der Erde als Aufgabe übertragen wird: damit alles blühen und Frucht bringen kann.
(Einwurf: auch dieser Auftrag wurde kolossal missverstanden als Auftrag und Erlaubnis, sich alles „untertan“ zu machen, sich alles anzueignen und auszubeuten.)
Wie sieht nun die Tätigkeit eines Weinbauern aus?
Er sieht sich im Frühjahr den Weinstock an und begutachtet die Austriebe, die Reben, die sich entwickelt haben. Er erkennt, welche Austriebe vielleicht durch Frost schon so geschädigt sind, dass sie keine Fruchtansätze mehr zeigen werden. Er schneidet sie heraus, damit die anderen Reben sich besser entwickeln können. Später kommt er dann immer wieder vorbei und „reinigt“ die fruchttragenden Reben. Das mache ich bei meinen Tomatenpflanzen ähnlich: ich knipse in den Abzweigungen die Ansätze neuer Stängel heraus, damit die Kraft nicht in immer neue Stängel und Blätter geht, sondern in die oberen Triebe mit schon sichtbaren Fruchtansätze.
Die Reinigung der Reben, die Fürsorge des Weinbauern für Weinstock und Reben – das ist ein Bildwort, das uns zur Meditation einlädt:
Wo habe ich in meinem Leben Gottes Fürsorge erlebt?
Wo habe ich erlebt, dass Hemmnisse, die mich eingeengt haben, weggenommen wurden?
Wo habe ich erlebt, dass ich selbst mich von etwas lösen, trennen musste, dass ich eine Einstellung ändern musste, damit ich „zukunftsfähig“ wurde, damit sich in meinem Leben etwas zum Positiven verändern konnte?
Wo ging und geht es darum, sich zu beschränken, die Kräfte nicht zu verzetteln, sich zu fokussieren auf das, was man als „sein Ding“ erkennt?
Ja, in mancherlei Hinsicht schießt bei uns vieles einfach ins Kraut – die Ansprüche an das Leben: dies wollen wir noch haben, dahin wollen wir noch unbedingt reisen, in diese Kreise aufsteigen, den nächsten Karriereschritt tun – und wir vergessen, dass wir eigentlich Früchte bringen sollen – Früchte, die nicht nur uns ernähren, sondern auch andere und das zur Ehre und Freude Gottes.
Darum geht es in unserem Text: Gott hat uns dazu bestimmt, Früchte, gute Früchte zu bringen. Und dafür müssen wir wissen, woher wir unsere „Nahrung“ nehmen. Wir müssen wissen und anerkennen, dass wir auf die Verbundenheit mit Christus angewiesen sind. Dass wir Wesen sind, die sich selbst nicht genügen können, sondern auf Beziehung angewiesen sind - um zu leben, um das zu entwickeln, was in uns angelegt ist, um eben gute Früchte hervorzubringen. Von Gott, von Christus, von dem, was Jesus uns vorgelebt und verkündigt hat, von daher wachsen uns Kraft und Orientierung für unser Tun und Lassen zu.
In dem Ihnen vorliegenden Text ist auch der letzte Satz in Vers 5 kursiv gedruckt. Warum ich ihn damit als nicht hilfreich für uns gekennzeichnet habe, ja, als geradezu dem widersprechend, was der Christus Jesus im 15.Kapitel von seiner Beziehung zu seinen Freundinnen und Freunden entfaltet, das will ich gerne sagen.
Der Satz „Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen / nichts tun.“ macht uns klein und übersieht, dass – um im Bild zu bleiben – erst das Zusammenspiel von Weinstock und Reben Früchte hervorbringt. Weinstock und Reben sind aufeinander angewiesen. Um es theologisch zu sagen: Gott braucht uns, er braucht Menschen, um sein Reich auf dieser Erde zu bauen, um gegen Ungerechtigkeit, Lüge und Hass
Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe aufzurichten und sich ausbreiten zu lassen. Deshalb müssen wir den Satz anders formulieren: „Um das Werk Gottes auf dieser Erde zu tun, brauchen wir einander: ihr braucht mich - die Kraft und die Orientierung, die ich für euch mit meinem Leben und Wirken bin; und ich brauche euch - euer Vertrauen und eure Tatkraft, eure Stimmen, Hände und Füße, mit denen ihr weiterführt, was ich begonnen habe.“
Und ebenso verzichtbar ist für uns Heutige Vers 3. „Ihr seid schon rein geworden durch das Wort, das ich euch verkündet habe.“ Es geht da um die in der jüdischen Glaubensvorstellung sehr wichtige rituelle Einteilung in rein und unrein. Wenn man sich Gott nähern will, zum Beispiel zum Gottesdienst im Tempel, dann muss man „rein“ sein; man darf nicht mit unreinen Dingen in Berührung gekommen sein, z.B. darf ein Mann nicht mit seiner Ehefrau gemeinsam zu Tisch sitzen und essen, wenn wie gerade ihre Tage hat, wenn sie menstruiert. Auf jeden Fall muss er (und auch sie nach dem Ende ihrer Menstruation) sich rituell reinigen, um von Gott akzeptiert zu werden. Doch um ein solches Verständnis von Reinigung geht es Jesus nicht. Vielmehr hat er seinen Freunden und Freundinnen ein anderes Verständnis von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen vermittelt – etwa so:
„Ihr habt doch von mir gehört, dass ihr immer zu Gott kommen könnt, dass ihr ihm immer willkommen seid, so wie es euch gerade geht. Gott, der mein Vater und euer Vater ist, ist euch in Liebe verbunden wie er mir in Liebe verbunden ist.“
Genau das steht in den Versen 9 bis 12, die ich deshalb dem Abschnitt des Evangeliums hinzugefügt habe:
9 »Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch.
Haltet an meiner Liebe fest!
10 Ihr haltet an meiner Liebe fest,
wenn ihr meine Weisungen befolgt.
Ich befolge ja auch die Weisungen meines Vaters
und halte so an seiner Liebe fest.
11 Das habe ich zu euch gesagt,
damit meine Freude euch ansteckt.
Die Freude wird euch ganz und gar erfüllen!
12 Das ist mein Gebot/meine Weisung:
Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe.“
Es geht um die Liebe.
In der Liebe gibt es kein oben und unten.
In der Liebe begegnen wir uns und dem Christus auf Augenhöhe.
In der Liebe teilen wir alles mit ihm und er mit uns und wir mit allen.
In der Liebe steht das Wir ganz oben und das Ich geht darin auf, bringt seine Frucht und teilt sie aus.
So kommt Gott zu seinem Ziel, alles mit Freude zu erfüllen.
Trotz aller Schwierigkeiten und Dunkelheiten in dieser Zeit und Welt: das ist immer noch und immer wieder Grund zum Jubeln!
Quasimodogeniti, 12.04.2026, Jesaja 40, 26-31, Tersteegenkirche, Doerthe Brandner
Im heutigen Predigttext aus Jesaja richtet Gott seine Worte durch den Propheten an sein verzagtes Volk. Den gesamten Gottesdienst aus der Tersteegenkirche können Sie HIER als Podcast nachhören, die Predigt beginnt bei Minute 22:50.
Ostersonntag, 05.04.2026, 1. Kor 15, (12-18) 19-28, Stadtkirche, Doerthe Brandner
Liebe Ostergemeinde,
zwei zeitlich nahe beieinander gelegene Gespräche aus den letzten zwei Wochen gehen mir nach.
Im ersten Gespräch erzählte mir mein Gegenüber von ihrer Teilnahme an einer Trauerfeier, die von einem freien Redner gestaltet worden war.
Schön und anschaulich habe der Redner das Leben der Verstorbenen in Worte gebracht, doch kein Wort habe die Besucherin wirklich berührt.
Nichts wäre zur Sprache gekommen, was auch der sehr zerstrittenen anwesenden Familie die Tür zu der Ahnung geöffnet hätte, dass es jenseits von Streit und Zerwürfnis einen Raum und die Gegenwart EINES gibt, der alle Gebrochenheit hält.
In dem Erleben meiner Gesprächspartnerin war es, als wäre Segen – Segen für die Verstorbene, ebenso wie für die heil-lose Familie, ebenso wie für alle anderen Betroffenen in ihrer Trauer versagt worden.
Leer sei sie anschließend nach Hause gegangen.
Im zweiten Gespräch erzählte ein Kollege von dem tragischen, plötzlichen Tod einer jungen alleinerziehenden Mutter. Ihr kleiner, 8-jähriger Sohn hat noch anderthalb Tage bei der toten Mutter in der Wohnung verbracht, bevor sie gefunden und er aus der Situation erlöst wurde.
Weitere Familie gibt es nicht, nur ein paar – nicht verwandte, dem kleinen Jungen einigermaßen nahestehende – Menschen.
Dann als Pfarrer in die Begegnung mit dem kleinen Sohn, mit Arbeitskolleginnen und anderen, der Mutter und dem kleinen Jungen irgendwie verbundenen Menschen, gehen zu müssen und zu wollen, hieß für ihn, die absolute eigene Hilflosigkeit auszuhalten.
Für die Trauerfeier Worte zu finden für etwas, was sich jeglichen Worten sperrt, grenzte an das Unmögliche.
Als einzige Möglichkeit gab es für ihn – so erzählte der Kollege – einzustehen, als Mensch, gar nicht zuerst als Pfarrer, als Mensch, der, ohne die Mutter oder das Kind zuvor zu kennen, auch erschüttert ist – als solcher, ebenfalls erschütterter Mensch, mit seinem Da-Sein als Pfarrer, mit behutsamen Gesten und tastenden Worten einzustehen dafür, dass das Leben – alles und wir alle – in unserer Gebrochenheit und Todeserfahrung jeglicher Art nicht im augenblicklichen und diesseitigen Er-Leben aufgehen, sondern dass es etwas gibt – einen gibt – Gott gibt – von dem alle Gebrochenheit und jeder Mensch heil-sam umfasst ist.
- Mit allem eigenen Suchen und Hoffen, einzustehen dafür, dass weder abgrundtiefer Schmerz, noch größtes Entsetzen, noch der Tod eine alles Leben abschneidende Grenze ist.
Und als der Kollege davon erzählte, kamen mir die alten liturgischen, an jedem Grab gesprochenen, Worten in den Sinn:
Wir fragen den Tod ins Angesicht:
Wo ist dein Sieg?
Gott sei Dank, dass er uns durch Jesus Christus, seinen Sohn, unseren Herrn,
den Sieg schenkt über die Todesmacht.
Wir feiern Ostern, liebe Gemeinde.
In der Osternacht haben wir uns mit dem Wasser aus dem Taufbecken erinnert, dass wir alle in Christi Tod getauft sind, damit wir leben.
Und wir haben das Licht der Osterkerze entzündet und bei seinem sich Ausbreiten durch den dunklen Kirchenraum den Hymnus „Exultet“ „das „Frohlocket ihr Engel des Himmels“ gehört.
Immer wieder und in vielen Weisen singen wir heute Morgen jubelnd das österliche Halleluja.
Heute darf die Freude sprudeln.
Und wenn Ostern vorbei ist, darf sie nicht versiegen. Dann muss aus der Osterfreude ein stetig fließender Bach werden, der auch in tödlich dürrer Lebenslandschaft nicht versiegt, sondern die Kraft hat, weiter vom Leben zu zeugen.
Sonst bleibt unser Glaube und das, was ihn im Kern ausmacht, reiner Mythos oder schlichte Vertröstung oder einfach Unsinn, weil es verstandesmäßig nicht zu fassen ist.
Verstandesmäßig nicht fassen konnten wohl auch die Menschen der frühen Gemeinde zu Korinth die Auferstehungsbotschaft.
Ob sie sich zu einem intellektuellen Lehrstreit hatten hinreißen lassen, diese Menschen damals in der frühen Gemeinde, und die Argumente, dass eine Auferstehung der Toten – eine leibhaftige sogar – doch jeglicher Vernunft spotte;
Oder ob sie angesichts der eigenen Willkürerfahrung durch die sie Beherrschenden das Vertrauen in Gottes Lebenskraft verloren haben – wir können es nicht mehr entscheiden.
Paulus, dem die Gemeinde zu Korinth wie eigene Kinder am Herzen liegt, hört von den Fragen, von ihren Zweifeln, die vielleicht sogar so tief gehen, dass sie zu einer Glaubens- und Seelennot der korinthischen Menschen werden. Also schreibt er ihnen aus Ephesus seinen ersten Brief.
Ein ganzes langes Kapitel widmet er dieser alles entscheidenden Frage unseres Glaubens und Lebens, der Frage nach der Wahrheit und der Kraft der Auferstehung Jesu Christi und deren Folgen für uns, die Lebenden.
In den Versen vor unserem Predigttext begibt sich Paulus in eine Argumentation des „Was wäre, wenn“ und buchstabiert durch, was wäre, wenn Christus nicht auferstanden wäre oder seine Auferstehung nicht bedeuten würde, dass auch wir auferstehen.
Ob er die Menschen von Korinth argumentativ überzeugen konnte? Vielleicht ja, vielleicht nein.
Viel gewichtiger, weil tiefer in das Leben greifend, scheint mir alles Folgende in diesem Auferstehungskapitel zu sein.
Denn dann, nach seinen dialektischen Ausführungen, schwenkt Paulus weg von den Argumenten und lenkt den Blick auf die Bedeutung und die Konsequenzen des Auferstehungsglaubens.
So als wolle er sagen:
Entweder ihr glaubt die allumfassende Auferstehung oder ihr glaubt sie nicht. Wenn ihr sie nicht glaubt, können wir das Gespräch hier – und ich ergänze: und wir unseren Gottesdienst – beenden.
Wenn ihr aber diesen Sprung wagt und das Un-Mögliche glaubt, dann aber…
Nun aber – sagt Paulus, der einstmals als Saulus den Sprung gewagt hat, mit tiefer Gewissheit über die Wahrheit und Größe der Folgen dieses von außen betrachtet absurden Glaubenskern.
Nun aber…
Ich lese den Predigttext für den heutigen Ostersonntag aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde zu Korinth die Verse 20 – 28 aus Kapitel 15.
20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen,
die entschlafen sind.
21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus;
danach die Christus angehören, wenn er kommen wird;
24danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird,
nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
25Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat«
26Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.
27Denn »alles hat er unter seine Füße getan«
Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen,
so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.
28Wenn aber alles ihm untertan sein wird,
dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat,
auf dass Gott sei alles in allem.
Nun aber ist Christus auferweckt.
IST – nicht wird, nicht wurde, sondern IST.
Die Auferstehung Jesu Christi, die die Frauen am frühen ersten Ostermorgen in Furcht und Schrecken versetzt hat, ist keine zu erinnernde, vergangene Geschichte. Sie IST eine bleibende Wahrheit.
Deshalb, liebe Gemeinde:
Nun aber IST es Ostern.
Wir feiern, dass das, was damals für die selber im Todesdunkel sitzenden Jünger*innen Jesu ALLES vom Kopf auf die Füße stellte, HEUTE genauso geschieht und in unser Leben ebenso greift, wie damals der erste Ostermorgen in das der Jüngerinnen zuerst und dann auch der Jünger.
Denn Ostern, die Auferstehung Jesu Christi, ist Anfang – so lese ich in den Worten des Paulus.
Und sie bedeutet Ende – und darin auch wieder Anfang.
Die Auferstehung Jesu ist der Anfang des Lebens und das Ende des Todes – und deswegen der Anfang von etwas ganz und gar Neuem – einer neuen Zeit, einer neuen Dimension – die hier und jetzt beginnt und sich einstmals vollendet.
Die Auferstehung ist deshalb nicht die Verlängerung von dem, was wir schon kennen, ins Jenseits hinein – lediglich unterbrochen durch so was Lästiges wie das Sterbenmüssen:
- Wir sehen uns wieder in einer besseren Zeit.
- Im Himmel wird sie wieder laufen können und Fahrradfahren – was sie hier so gerne tat, und was sie in ihren letzten Lebensjahren so sehr vermisst hat.
Sich Wiedersehen, so wie es einmal war? Fahrradfahren im Himmel?
Schöne Bilder. Tröstliche Gedanken, die keinem Menschen genommen werden sollen, wenn er trauert.
Und doch – nehme ich Paulus ernst, keine Bilder, die etwas von dem beschreiben, was einmal sein wird.
Sondern mit Paulus wird einstmals sein, was – gänzlich unbegreiflicherweise – JETZT schon ist:
Denn
alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt
hat Christus vernichtet.
Herrschaft, Macht und Gewalt
Was Paulus meint, ist all das, dem wir hier unterworfen sind –
- Willkürlich ihre Macht Missbrauchende damals und heute Menschen – anderswo auf der Welt und Menschen, die bei uns Schutz suchen, wissen davon besser zu reden als wir.
- Zwang, sich einbiegen zu müssen in ein System, das nicht dem Leben dient – manches Schulkind mit besonderen Gaben und Bedarfen mag wissen, wie sich das anfühlt
- Und Herrschaft – darin lese ich nicht nur die anderen, die herrschen, sondern auch alles, was mich beherrscht und was längst nicht immer von woanders herkommt, sondern gerade so oft und noch öfter aus mir selbst.
All das gehört so oder so zu unserer menschlichen Lebenswirklichkeit.
Niemand – so bin ich sicher – der dem, was lebensfeindlich ist, nicht in irgendeiner Weise in seinem Leben begegnen würde.
Wie viel Lebenszeit verbringen wir damit, alle unsere Kraft zu mobilisieren, um mit diesem Lebensfeindlichen im Großen und Kleinen irgendwie klarzukommen!
- Dabei würden wir es doch so gerne vermeiden und stattdessen festhalten, was wir jedes Jahr wieder durch Urlaube und Alltags-Highlights in unser Leben zu holen suchen. –
„Wir“ – bitte nehmen Sie sich aus dem „Wir“ heraus, wenn ich es sage und Sie sich darin nicht wiederfinden.
- Dazu kommen all diese drängenden Probleme unserer Zeit. Mächtig sind sie – in ihrer Unausweichlichkeit. Nennen muss ich sie hier nicht. Wir alle wissen um sie. Lassen wir sie an uns heran, können sie uns gewaltig zusetzen. Und manchmal ist es einfach zu viel… und wir ziehen uns zurück in die Ecken unseres Daseins, die wir vor all dem zu verschließen suchen.
Doch spätestens im Angesicht des Todes können wir der lebensverneinenden Kraft, die von Anfang an zu unserem Leben dazu gehört, nicht mehr ausweichen.
Jeder Mensch kommt einmal an die Grenze seines Lebens. Und ob wir uns mit dem Tod auseinandersetzen wollen oder nicht, eines Tages wird sich der Tod mit uns auseinandersetzen.
Kein „Daran-vorbei“ gibt es.
Dass wir der Macht des Todes ausweichen könnten – das ist weder die Osterbotschaft, noch kann es unsere Hoffnung sein.
Der einzige Weg zum Leben ist der hindurch.
In Jesus ist Gott diesen „Hindurch-Weg“ gegangen.
Theologische Allgemeinplätze?
Ich versuche sie in unser Erleben zu holen:
- Stellen Sie sich vor, Sie sind im Urlaub und stehen vor der Entscheidung, an diesem Tag entweder eine Wanderung an der nicht einfach zu bewältigenden Steilküste zu machen oder am Strand zu liegen.
Ich glaube, je nachdem wie Sie sich entschieden haben, werden Sie sich am Abend anders fühlen – anders erfüllt – anders lebendig.
- Oder stellen Sie sich vor, an Sie wird im Beruf eine Aufgabe herangetragen – keine einfache, triviale Aufgabe, deren Lösung Sie einiges kosten wird. Und Sie haben die Möglichkeit, diese Aufgabe an eine Ihnen zugestellte Mitarbeiterin zu delegieren.
Ich bin sicher, wenn Sie sich der Aufgabe selber stellen und Kraft und Zeit in sie setzen – am Ende fühlen Sie sich stärker, zufriedener auch, als vorher und als wenn Sie die Aufgabe delegiert hätten.
Alltaganforderung, die selbstverständlich nichts mit der letzten großen Herausforderung des Todes zu tun haben.
Alltagssituationen, die mir dennoch eine Ahnung geben, was es bedeuten mag, einstmals erst durch das HINDURCH die Fülle des Lebens zu kosten.
Mit ihnen bekomme ich eine lebens- und alltagstaugliche Ahnung, was Paulus meint, wenn er in dem letzten Vers unseres Predigttextes sagt:
28Wenn aber alles Gott untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.
Wenn Gott ALLES in ALLEM ist, so ist Gott in jeder Lebenssituation, in jedem Menschenringen und in jeglicher Körper- Seelen- Geistesnot, die ein Mensch irgend erfahren kann.
Dann ist Gott in jeder Lebensbrüchigkeit.
Dann ist er da, wenn das Leben selbst zerbricht.
Dann ist Gott im Tod.
Denn zurück im Leben bleiben Jesu Leib – und Seele – ja mit den tödlichen Wundmalen gezeichnet.
Und darin, dass Gott sich selber vom Tod zeichnen lässt,
- dass er den Tod nicht verneint und nicht umgeht, sondern ihn von dem Leben umfasst, das jeden Tod ebenso wie unser menschliches Begreifen übersteigt;
- darin, dass Gott so alles umfassend ALLES in ALLEM ist,
darin liegt das Leben und liegt die Hoffnungskraft angesichts von tief erschütternden Todeserfahrungen – wie die, von der ich zu Beginn berichtet habe.
Doch noch erschütternder ist die Begegnung mit dem allen Tod überwindenden Leben, denn in ihr bleiben wir nicht festgelegt auf Ausweglosigkeit und Gelähmt in Trauer.
Die Begegnung mit dem Leben, an der der Verstand zweifelt, die das Herz aber jenseits allem Sagbaren glaubt, bringt in Bewegung –
So wie die Frauen und nach ihnen allen Jünger nach ihrer Erstarrung angesichts des Todes wieder in Bewegung geraten.
Ihr vorheriger Weg mit Jesus wird zu einem neuen Weg mit Christus – einem Weg, der spätestens ab Pfingsten hinaus in die Weite des Lebens führt – die Weite des Lebens, die bedeutet zu Menschen nah und fern und mit ihnen in die Todesmächte ihres Lebens.
- So hat es Paulus und nicht nur er erfahren.
Wenn wir, liebe Schwestern und Brüder,
Ostern für wahr-nehmen und eine Ostergemeinde sind –
Menschen, die das Leben in jeglicher Todesmacht glauben,
dann wird unsere heute jubelnde Osterfreude zu einem steten Bach, der auch in der Lebensdürre nicht versiegt und aus dem wir Kraft und Hoffnung schöpfen – nicht nur für uns, sondern ebenso für die Menschen, die uns anvertraut sind und denen wir in ihren Todeserfahrung in ihrem Leben begegnen.
Dann SIND wir Zeuginnen und Zeugen der einen großen Wirklichkeit Gottes, in der unser gebrochenes Leben und unsere zu Tode verletzte Welt umfasst sind.
Wir sind Zeuginnen und Zeugen, weil die Auferstehungswahrheit zur Wahrheit unseres Lebens geworden ist.
Christus ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!
Halleluja!
Karfreitag, 03.04.2026, 2.Kor.5,19-21, Tersteegenkirche, Horst Gieseler
Den Gottesdienst mit Prädikant Horst Gieseler können Sie HIER als Podcast hören. Die Predigt beginnt bei 29:09min.
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