16.S.n.Tr., 20.09.2026, 2.Tim. 1,7-10, Jonakirche, Limei Teetz
Liebe Gemeinde,
vor über 2500 Jahren lebte in China der große Philosoph Konfuzius.
Eines Tages fragte ihn sein Schüler Zilu nach dem Tod.
Konfuzius antwortete mit einem kurzen Satz:
„未知生,焉知死。 – Wenn wir das Leben noch nicht verstehen, wie können wir dann den Tod verstehen?“
Ich finde diesen Satz sehr ehrlich.
Wir Menschen können über den Tod nachdenken. Wir können ihn fürchten. Wir können versuchen, ihn zu verdrängen. Aber aus eigener Erfahrung können wir nicht sagen, was jenseits des Todes liegt.
Konfuzius richtet deshalb den Blick zunächst auf dieses Leben: Lerne, als Mensch zu leben. Lerne, Verantwortung zu übernehmen. Lerne, mit deinen Mitmenschen gut umzugehen.
Darin steckt große Weisheit.
Und doch geht das Evangelium noch einen entscheidenden Schritt weiter.
Denn es gibt Einen, der nicht nur über den Tod gesprochen hat. Einen, der selbst durch den Tod gegangen ist – und lebt: Jesus Christus.
Paulus schreibt: „Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“
Das ist die große Botschaft dieses Sonntags: Der Tod ist noch da. Wir erleben Abschied, Krankheit und Trauer. Aber der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Christus hat ihm die letzte Macht genommen.
Und wenn wir ein wenig tiefer in unseren Predigttext schauen, entdecken wir etwas Überraschendes.
Paulus schreibt an Timotheus nicht nur über Tod und Ewigkeit. Er erinnert ihn zuerst daran, woher sein Glaube kommt.
Kurz vor unserem Predigttext nennt Paulus zwei Frauen: Lois, die Großmutter des Timotheus, und Eunike, seine Mutter.
Der Glaube des Timotheus ist nicht einfach in einer plötzlichen Erleuchtung vom Himmel gefallen. Er hat Menschen gehabt, die ihm diesen Glauben vorgelebt und weitergegeben haben.
Eine Großmutter. Eine Mutter. Zwei Generationen, die etwas Kostbares nicht für sich behalten haben.
Das berührt mich besonders.
Viele von Ihnen wissen, dass ich selbst erst als Erwachsene Christin geworden bin. Ich hatte keine christliche Großmutter, die mir biblische Geschichten erzählte, und keine Mutter, die mit mir betete.
Andere Menschen haben mir von Jesus Christus erzählt. Menschen haben den Glauben weitergegeben – und dadurch kam das Evangelium auch in mein Leben.
Und genau darum schreibt Paulus an Timotheus:
„Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn.“
Glaube will weitergegeben werden.
An unsere Kinder und Enkelkinder. An Freunde. An Menschen, die uns begegnen.
Nicht aufdringlich. Nicht besserwisserisch. Aber auch nicht ängstlich und verschämt.
Denn Paulus sagt:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Drei Worte. Kraft. Liebe. Besonnenheit.
Und ich glaube, diese drei Worte können gerade auch für unsere Gemeinde Wegweiser sein.
Der Geist der Kraft – Dynamis
Das griechische Wort für Kraft heißt „Dynamis“. Wir hören darin unser Wort „Dynamik“.
Aber Paulus meint nicht die Kraft, mit der einer sich gegen den anderen durchsetzt. Es ist Gottes Kraft – eine Kraft, die sogar dort Leben schaffen kann, wo wir nur noch Tod sehen.
Unsere Gemeinden erleben zurzeit viele Veränderungen. Vertraute Pfarrerinnen und Pfarrer sind in den Ruhestand gegangen oder haben andere Aufgaben übernommen. Menschen, die über viele Jahre das Gemeindeleben geprägt haben, fehlen plötzlich.
Das kann traurig machen. Es kann Unsicherheit auslösen. Und manches Neue fühlt sich zunächst fremd an.
Aber gerade da sagt Paulus: Gott hat uns den Geist der Kraft gegeben.
Nicht ein bestimmter Pfarrer und nicht eine bestimmte Pfarrerin trägt die Kirche. Auch wir Prädikantinnen und Prädikanten tragen sie nicht.
Christus trägt seine Kirche.
Wenn Gottes Dynamis sogar aus dem Tod neues Leben schaffen kann, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass er auch seine Gemeinde durch Veränderungen hindurchführen kann.
Der Geist der Liebe – Agape
Das zweite Wort heißt „Agape“.
Agape ist nicht nur ein schönes Gefühl. Diese Liebe wird konkret: trösten, teilen, dienen; den anderen annehmen – trotz seiner Macken, Fehler und Kanten.
Und vielleicht gehört zur Agape auch etwas ganz Einfaches: miteinander reden, statt übereinander.
Natürlich dürfen wir unterschiedlicher Meinung sein. Auch in einer Gemeinde. Wir dürfen sagen, wenn uns etwas nicht gefällt oder wenn wir uns etwas anders wünschen.
Aber wie sagen wir es?
Sprechen wir mit dem Menschen – oder nur über ihn?
Hören wir auch zu?
Geben wir einander Zeit?
Die christliche Gemeinde lebt nicht davon, dass alle denselben Geschmack haben oder immer derselben Meinung sind. Sie lebt davon, dass wir trotz unserer Unterschiede Geschwister in Christus bleiben.
Vielleicht ist gerade das heute ein wichtiges Zeugnis des Evangeliums: dass Menschen verschieden sein können und sich trotzdem nicht voneinander abwenden.
Der Geist der Besonnenheit – Sophrosyne
Und dann nennt Paulus die Besonnenheit. Auf Griechisch: „Sophrosyne“.
Besonnenheit bedeutet, das rechte Maß zu finden.
Nicht alles hinunterschlucken. Aber auch nicht jedes Ärgernis sofort groß machen.
Nicht schweigen, wenn ein Gespräch notwendig ist. Aber so reden, dass der andere nicht verletzt oder bloßgestellt wird.
Besonnenheit fragt: Was dient jetzt dem Frieden? Was hilft weiter? Was baut die Gemeinde auf?
Kraft ohne Liebe kann hart werden.
Liebe ohne Besonnenheit kann orientierungslos werden.
Besonnenheit ohne Kraft kann mutlos werden.
Aber Paulus stellt alle drei zusammen: Kraft, Liebe und Besonnenheit.
So wirkt Gottes Geist.
Und dann verstehen wir vielleicht auch besser, warum Paulus so mutig sprechen kann.
Er selbst sitzt als Gefangener da. Er weiß nicht, was mit ihm geschehen wird. Er muss sogar mit seinem Tod rechnen.
Und trotzdem schämt er sich des Evangeliums nicht.
Warum?
Weil er weiß: Mein Leben liegt nicht in der Hand der Mächtigen. Mein Leben liegt in Gottes Hand.
Darum passt auch die heutige Tageslosung so wunderbar dazu:
„Die dein Heil lieben, lass allewege sagen: Der HERR sei hoch gelobt!“
Und im zweiten Timotheusbrief hören wir:
„Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“
Hier schließt sich für mich der Kreis zu Konfuzius.
„未知生,焉知死。 – Wenn wir das Leben noch nicht verstehen, wie können wir dann den Tod verstehen?“
Konfuzius erinnert uns daran, dieses Leben verantwortlich zu leben.
Das Evangelium widerspricht dem nicht. Aber es schenkt uns noch etwas dazu: eine Hoffnung, die über dieses Leben hinausgeht.
Wir müssen das Geheimnis des Todes nicht selbst lösen.
Gott hat uns eine Antwort gegeben – nicht als philosophische Theorie, sondern in einer Person: Jesus Christus.
Er sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Darum lernen wir von Christus nicht nur, wie wir leben können. In ihm erfahren wir auch, wem wir im Sterben vertrauen dürfen.
Liebe Gemeinde,
gleich feiern wir miteinander das Heilige Abendmahl.
Und vielleicht wird das, worüber wir heute gesprochen haben, dort ganz konkret.
Wir kommen mit unseren unterschiedlichen Geschichten an einen Tisch.
Mit unterschiedlichen Meinungen.
Mit unseren Stärken und Schwächen.
Mit unserer Freude und unserer Sorge.
Niemand muss vorher beweisen, dass er besser ist als der andere.
Christus selbst lädt uns ein.
Wir empfangen dasselbe Brot und denselben Kelch. Wir leben von derselben Gnade.
Das Abendmahl erinnert uns an Jesu Tod – aber es verkündet zugleich: Der Gekreuzigte lebt.
Es ist ein Vorgeschmack auf das große Fest, zu dem Christus uns einmal in seinem Reich versammeln wird.
Darum dürfen wir heute an seinen Tisch kommen mit dem Geist, den Gott uns schenkt:
mit Kraft, wenn wir mutlos geworden sind,
mit Liebe, wenn das Miteinander schwierig geworden ist,
und mit Besonnenheit, wenn wir nicht wissen, welcher Weg der richtige ist.
Und dann gehen wir wieder hinaus in unseren Alltag – nicht im Geist der Furcht, sondern getragen von der Hoffnung:
„Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“
Darum können wir mit der Tageslosung sagen:
„Der HERR sei hoch gelobt!“
Amen.
13.S.n.Tr., 30.08.2026, Apg 6, 1-7, Stadtkirche, Doerthe Brandner
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag führt uns mitten hinein in die Geschichte eines Übergangs.
Übergänge sind Zeiten, in denen das Alte nicht mehr ist, aber noch nachschwingt und weiterklingt, und das Neue zwar schon im Blick, aber noch nicht wirklich mit Leben gefüllt ist.
Wir kennen solche Übergänge, denn sie gehören zu unserem Leben. Ein von vielen Menschen als besonders markant erlebter Übergang, ist z. Bsp. der Wechsel aus dem aktiven Berufsleben in den Ruhestand.
Wer schon einmal einen Übergang erlebt hat – sei es im eigenen Lebenszyklus oder durch Umstrukturierung im beruflichen Umfeld oder anderswo, weiß:
Übergänge haben es in sich.
Sie können Überraschungen bergen.
Sie fordern den Beteiligten nicht selten viel ab.
Wer sich im Übergang befindet, ist genötigt, sich neu zu sortieren, alte Rollen und Muster zu verlassen, die Dinge anders zu ordnen und es womöglich auszuhalten, dass manches erst einmal wie Versuch und Irrtum aussieht, bis eine neue Form gefunden ist, die bis zum nächsten Übergang stabil bleibt.
In Übergängen liegt deshalb auch Konfliktpotential, denn zu der Unsicherheit in den Formen und Strukturen, gesellt sich häufig eine Dünnhäutigkeit der beteiligten Personen.
In die Geschichte eines Übergangs mit dünnhäutigen Personen, einem Konflikt und der Notwendigkeit, die Dinge neu zu ordnen, führt uns der heutige Predigttext.
Er steht in der Apostelgeschichte des Lukas, die gelesen werden kann als die Geschichte des Übergangs der Jünger*innen Jesu aus der Zeit des innigen Zusammenseins mit ihm, in die Rolle der Repräsentat*innen einer neuen wachsenden religiösen Bewegung.
Zur Erinnerung:
Das Pfingstereignis mit der Predigt des Petrus, nach der sich 3000 Menschen spontan hatten taufen lassen, liegt einige Zeit zurück.
Erste neue Formen des Miteinanders sowohl in geistlicher Hinsicht:
- Formen des Gebets, des gemeinsamen Gottesdienstes, der Feier des Abendmahls –
als auch in praktischer Hinsicht:
- eine Willkommenskultur, die keinen Unterschied zwischen aramäisch sprechenden und griechisch sprechenden Juden machte, die sich taufen ließen oder einfach mal so „gucken kamen“, gleiche Wertschätzung allen gegenüber unabhängig von sozialem Status, Vermögen oder Geschlecht.
hatten sich etabliert.
Man fängt an, diese neue religiöse Bewegung mit diesen besonderen Formen der Gemeinschaft und des Miteinanders auch von außen wahrzunehmen. Immer mehr Menschen interessieren sich für sie, kommen dazu, lassen diese Gemeinschaft wachsen.
Wunderbar!
Und – wie das eben auch ist: Mehr Menschen bedeutet auch mehr Unterschiedlichkeit in Herkunft, Lebensweisen, Ansichten und auch in Gefühlen und Sensibilitäten.
Je größer die Gemeinschaft also, desto mehr Konfliktpotential.
Hören wir, was Lukas der Evangelist, in seiner Fortsetzung des Evangeliums über die damals aktuelle Situation, über einen aufbrechenden Konflikt und die Lösung und die Neusortierung der Gemeinde erzählt – und welchen Effekt das alles hatte.
Ich lese aus Apg 6, 1-7:
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm,
erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde
gegen die hebräischen,
weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen:
Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen
und zu Tische dienen.
3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte,
die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind,
die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus,
einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas
und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.
6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus,
und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.
Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.
Davon träumen wir!
Oder, liebe Schwestern und Brüder?
- Dass Konflikte in der Gemeinde gelöst werden;
- dass weise und mit dem Geist Gottes begabte Menschen gefunden werden, die bereit sind, ein verantwortliches Amt in der Gemeinde zu übernehmen und das Presbyterium darin zu unterstützen, dass einerseits ALLE gesehen und angemessen wahrgenommen werden, andererseits sich das Presbyterium auf seine Leitungsaufgaben konzentrieren kann;
- und dass die Früchte davon sichtbar werden, indem die Zahl der Gemeindeglieder auch hier in Kaiserswerth-Tersteegen groß wird, so wie die Zahl der Jünger – und ich ergänze und Jüngerinnen – groß wurde in Jerusalem.
Davon träumen wir!
- Träumen Sie davon?
Und wenn ja, wenn Sie sich in diesem Traum irgendwo wiederfinden, können Sie sagen, was das genau für ein Traum ist – welcher Wunsch, welche Hoffnung – vielleicht sogar Sehnsucht –sich für Sie mit ihm verbindet?
- Für diese Gemeinde – und womöglich auch eine Hoffnung, eine Sehnsucht, ein Wunsch für Sie selbst?
- Ist es die Sehnsucht nach Harmonie an diesem Ort, an dem Sie beheimatet sind und sich geborgen fühlen möchten?
- Ist es der Wunsch, dass mehr Menschen bereit sind, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen – auch um als Engagierte selbst etwas mehr entlastet zu werden?
- Ist es die Hoffnung, dass die Kirchengemeinde relevant bleibt, unübersehbar und unüberhörbar im Konzert aller Gemeinden in Düsseldorf?
- Und ist die Hoffnung auf sichtbare Größe womöglich durchwoben von Sorge oder Angst unterzugehen?
Ist es noch etwas ganz anderes, wovon Sie für diese Kirchengemeinde träumen?
Fragen, die Sie selbstverständlich jetzt hier nicht öffentlich beantworten sollen.
Fragen, die aber helfen können, auf die Spur dessen zu kommen, was einen selbst oder ein Gremium wie das Presbyterium antreibt.
Und Fragen, die es möglicherweise wert sind, einmal gemeinsam in einem geschützten Raum bedacht zu werden – z. Bps. bei einer Presbyteriumsklausur, um gemeinsam auf die Spur zu kommen, worum es Ihnen eigentlich geht und ob das für alle dasselbe ist.
Worum es denen geht, von denen unser Predigttext erzählt, wird nur knapp angedeutet:
In der jungen Gemeinde zu Jerusalem gibt es zwei größere Gruppen, die sich je länger, je mehr ihrer Unterschiedlichkeit bewusstwerden:
- Die aramäisch sprechende Gruppe und die griechisch sprechende Gruppe.
Offenbar fühlen sich die Letzteren von den Ersteren nicht angemessen wahr-genommen und gesehen.
Zumindest im Blick auf ihre Witwen sprechen sie es aus.
Ob das tatsächlich der Kern des Problems ist oder einfach diejenigen vorgeschoben werden, die damals keine eigene Stimme hatten und die deshalb weder zustimmen noch widersprechen konnten – das wissen wir nicht.
Deutlich ist nur, dass der Konflikt so groß ist, dass die zwölf Apostel ihn ernst nehmen und sogleich reagieren:
Sie rufen die Gemeinde zusammen, unterbreiten ihr den Lösungsvorschlag, einige aus der Gruppe derer auszuwählen, zu der die nicht genug beachteten Witwen gehören, und sie damit zu beauftragen, dafür zu sorgen, dass niemand
übersehen, vergessen oder absichtlich weniger beachtet und bedacht wird.
- Problem erkannt – Problem benannt – Problem gebannt.
So einfach und so klar stellt es sich hier in dieser Geschichte dar.
Dieser Text handelt also vom lösungsorientierten Umgang mit einem Konflikt.
Er handelt von Kommunikation und Delegation,
davon Verantwortung zu übernehmen und sich in der übernommenen Zuständigkeit aus Verantwortung selbst zu begrenzen und die Verantwortung auch und gerade mit denen zu teilen, die Teil des Konfliktes sind und somit deren Kompetenz anzuerkennen.
Vor allem aber handelt der Text von Demut.
Die zwölf Apostel handeln pragmatisch.
Dass ihr Handeln zum Segen führt, legen sie Gott anheim.
Sie können sich kein Handeln, keine Veränderung, keine Neuverteilung von Aufgaben und Zuständigkeiten – ich würde heute sagen: keine Strukturveränderung ohne Gebet und sowohl Bitte um, als auch Zuspruch des Segens vorstellen.
- Hier, in dieser biblischen Stelle liegt die Wurzel unseres kirchlichen Handelns, wenn wir neue Mitarbeitende in Haupt-, Neben-, oder Ehrenamt einführen:
Wir stellen sie und uns in allem Tun in Gottes Segen und vertrauen sie und uns dem Wirken des Heiligen Geistes an.
Doch ich frage mich: Welche Bedeutung dieses segnende Handeln zum Beginn einer jeden offiziellen Tätigkeit für Sie in dieser Gemeinde hat – ich frage mich dies für alle Gemeinden und für die ev. Kirchen insgesamt.
Und ich frage mich, ob es eine einmalige Handlung zum Beginn eines Dienstes bleibt oder ob und wie es in den Gemeindealltag wirkt, sodass dem Geist Gottes Raum geschaffen wird.
In der Jerusalemer Gemeinde wirkt der Geist Gottes kräftig und mächtig. Die Gemeinde wächst und gedeiht weiter. Sogar frühere Gegner Jesu und seiner Jünger schließen sich ihr an.
Das Wachstum der Gemeinde rein quantitativ war in der Zeit des jungen Christentums wesentlich und existenziell für die Frage nach seinem Bestehen.
Ohne dieses quantitative Wachstum und seine Verbreitung über die ganze damals in Vorderasien und Europa bekannte Welt, hätte die christliche Religion wohl kaum die Bedeutung weltweit entwickeln können, die sie durch die vergangenen Jahrhunderte hatte und bis heute hat – als Grundlage von Philosophie und Weltanschauung, als Orientierung für politisches Handeln und als eine wesentliche Wurzel der Demokratie.
- Das sind die guten Früchte des Christentums.
Giftige Früchte aus Selbstherrlichkeit, mangelnder Demut und Machtverliebtheit gerade auch innerhalb der Kirche und aus ihr heraus gibt es – Gott sei’s geklagt – auch reichlich. Sie sind nicht zu vergessen und brauchen an anderer Stelle Beachtung.
Zurück ins Jetzt:
Auch heute gibt es in Kirche und Gemeinden Probleme, die es gilt zu erkennen, sie offen zu benennen, und sie dann pragmatisch und zielgerichtet zu lösen.
Der Wunsch:
- Immer mehr zu werden,
- Wahrgenommen zu werden und im Gespräch der Menschen zu sein,
bestimmt kirchliches und gemeindliches Handeln zur Lösung dieser Probleme aus meiner Sicht zurzeit besonders stark.
Er motiviert dazu, sich immer wieder Neues und Besonderes, Spektakuläres auszudenken:
- einfach heiraten, Tauffeste, Events mit hohem Unterhaltungswert.
Nicht selten gehen Gemeinden oder Kirchenkreise in eine Art unausgesprochene Konkurrenz: Seht, was wir hier alles auf die Beine stellen.
Seht, wieviel hundert Menschen zu uns gekommen sind – wie unsere Angebote boomen.
Das Wort „Niederschwelligkeit um nah bei den Menschen zu sein“ hat Potential zu einem Heilswort zu werden.
Und ich denke:
- Spektakuläre und eventhafte Veranstaltungen haben ihren Sinn. Als Lösung für die Probleme unserer Kirche heute halte ich sie nicht für geeignet.
Auch für uns als Kirche heute geht es nach meiner Überzeugung darum zu wachsen, jedoch nicht im quantitativen Sinn.
Das Wachstum, dass wir benötigen – und wenn ich wir sage, denke ich an unsere Kirche im umfassenden Sinn – unsere Kirche, die auch durch diese Gemeinde Kaiserswerth-Tersteegen ein Gesicht bekommt –
das Wachstum, dass wir m. E. benötigen, muss ein anderes sein.
Denn ich bin der festen Überzeugung, dass es für uns als Kirche heute nicht mehr darum geht, wieder mehr zu werden, quantitativ zu wachsen. Es muss ein qualitatives Wachstum sein.
Und mit qualitativ meine ich auch nicht die Annahme, dass in einer Optimierung der kirchlichen Angebote nach den Richtlinien des Qualitätsmanagements aus der Wirtschaft, die Investition in noch mehr fachliche Expertise und Professionalität die Lösung der Probleme liegt.
Mit qualitativ meine ich das, worin die ureigentliche Qualität unserer Kirche und jeder Gemeinde vor Ort liegt – ihr Alleinstellungsmerkmal im Kanon unzähliger Angebote und Optionen, nämlich: der Sinnhaftigkeit und des WOZU des eigenen Lebens in einer Gemeinschaft, die sich nicht aus sich selbst heraus definiert, auf die Spur zu kommen.
Deshalb verabschiede ich mich von dem Wort: „qualitativ“ und sage lieber: „wesentlich“. –
Für unsere Kirche und für jede Gemeinde vor Ort geht es aus meiner Sicht darum, wesentlich zu werden – nicht im Sinn von maßgeblich, sondern im Sinn: ihrem ureigenen Wesen entsprechend.
Die Maßgeblichkeit von Kirche und von einer Gemeinde vor Ort – heute wird oft von Relevanz gesprochen – diese Relevanz muss Kirche, muss keine Gemeinde selbst herstellen.
Die Relevanz ist uns gegeben. Sie liegt in Gott und seiner Mensch-gewordenen Botschaft, dass er sich unsere Welt und jeden einzelnen Menschen – und auch unsere Kirche(!) – unbedingt angehen lässt.
Sie liegt in Christi Predigt in Wort und Tat, mit der diese unbegreifliche Zuwendung, dieses Mensch-Verbundensein Gottes von allem Anfang an Gestalt bekam.
Sie liegt in der Kraft des Segens, die ohne Berechnung des Ertrags und in Absehen von dem möglichen eigenen Profit – persönlich oder als Gemeinde – wirkt.
Darauf sich zu besinnen –
biblisch gesprochen umzukehren,
sich erneut hinzuwenden zu dem Grund, der sie trägt – Jesus Christus,
zu dem Wissen, aus sich selbst heraus nichts zu können
und dass deshalb Gottes Kraft gerade in der kleinen Kraft derer mächtig ist, die mit ihren Grenzen leben – und sich um nichts anderes mehr zu kümmern, als um das ureigene Wesen von Kirche stark zu machen –
darum geht es heute!
Um Re-ligio geht es: Rück-Anbindung, was Religion wörtlich meint.
Und darum, angebunden an Gott zu leben und aus seinem Segen zu handeln.
Liebe Gemeinde,
nicht größer werden müssen unsere Gemeinden heute. Das war überlebensnotwenig zur Zeit des jungen Christentums. Es wird in einer späteren Zeit mglw. auch wieder wichtig werden – und dann wird es auch geschehen!
Unsere Zeit heute und die Gesellschaft in der wir leben, ja die Welt in ihrer aktuellen Gestalt, braucht keine Menge und keine Masse.
Sie braucht nicht auch noch im Bereich der Religion ein Höher – Schneller – Weiter – Mehr.
Kein Make church great again! und kein: Diese oder jene Gemeinde zuerst!
Das führt zu nichts Gutem – weder säkular noch kirchlich.
Davon wissen schon die Heiligen Jüdischen Schriften als eine der Ur-Versuchungen des Menschen zu berichten. Wir finden sie unserem ersten Testament in der Geschichte des Turmbaus zu Babel:
- Mehr – Höher – Weiter geht immer nur bis zu einem gewissen Punkt gut. Dann stürzt das ganze Wachstumskonstrukt zusammen.
Wachstum muss anders gehen. Dieser Sommer hat es uns wieder gelernt:
Der Baum, die Pflanze, die ihre Wurzeln in die Tiefe hat wachsen lassen, übersteht auch Dürre.
Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute ist eine Geschichte des Übergangs.
Wir als Kirche und Sie als Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen befinden sich in einem Übergang.
Übergänge brauchen Klarheit im Blick auf die Situation und das Erkennen von Problemen.
Sie brauchen Offenheit und Mut, um sie zu benennen.
Sie brauchen Tatkraft und Verantwortungsübernahme gepaart mit Einsicht in die eigenen Grenzen, Mut zum Delegieren und zum Aushalten dessen, dass Lösungen es mglw. auch ganz anders aussehen, als jemals gedacht.
Vor allem aber brauchen Übergänge starke Wurzeln.
Deshalb ist die vordringliche Aufgabe von Kirche insgesamt und von jeder Gemeinde vor Ort – auch von Ihnen hier in Kaiserswerth-Tersteegen? – dass wir alle Wachstumsträume in die Größe und Weite aufgeben und in die Tiefe wachsen.
Dass wir uns loslassen hinein in den Grund, der uns trägt und uns von da her nähren lassen, stärken, gründen, weiten.
Und ich bin sicher das Wort Gottes wird sich ausbreiten und selbst seine Kritiker und die größten Skeptikerinnen werden von unserer Kirche und von dieser Gemeinde angezogen werden und staunen.
Amen
13.S.n.Tr., 30.08.2026, Apg 6, 1 - 7, Tersteegenkirche, Horst Gieseler
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst (Ps 127,1 - Monatsspruch) Amen.
Der heutige Predigttext aus der APG 6, 1 – 7 markiert einen Übergang in der Geschichte der Urgemeinde. Zum einen liegt die Frühgeschichte der Gemeinde mit anfänglicher Gütergemeinschaft bereits zurück. Zum anderen kommt mit der Erwähnung griechisch sprachiger Gemeindeangehöriger die Ausdehnung der christlichen Gemeinschaft über Jerusalem hinaus in den Blick. Dies wird ebenfalls deutlich in der Bestimmung der sieben Männer. Alle tragen Namen griechischen Ursprungs. Der Aspekt der Ausdehnung des christlichen Glaubens wird im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte auch daran deutlich, dass sich zwei der sieben, Stephanus und Philippus, als Verkündiger des Evangeliums, also ebenso wie die Zwölf „Diener des Wortes“ erweisen. Beides, der Dienst des Wortes, wie der Dienst der täglichen Versorgung werden im Griechischen mit „diakonia“ bezeichnet.
Hören wir zunächst den heutigen Predigttext:
1In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam. Amen.
Liebe Gemeinde,
manchmal beginnt etwas Wichtiges mit einem ganz einfachen Satz: „Bei uns kommt jemand zu kurz.“ So beginnt auch die Geschichte, die uns heute in der Apostelgeschichte erzählt wird. Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem wächst. Immer mehr Menschen schließen sich den Aposteln an. Es gibt viel Begeisterung, viel Aufbruch, viel Gemeinschaft. Aber mitten in diesem Wachstum entsteht ein Problem: Die Witwen der griechisch sprachigen Gemeindeglieder werden bei der täglichen Versorgung übersehen. Man könnte sagen: Das große Ganze funktioniert – aber einige Menschen fallen durch das Netz. Und genau hier beginnt die Geschichte von der Entstehung des diakonischen Dienstes in der christlichen Gemeinde.
Zum ersten – Probleme entstehen: Wo Menschen zusammenkommen, entstehen auch Probleme. Wir kennen das. Wo Menschen miteinander leben und arbeiten, da gibt es nicht nur Harmonie. Es gibt Missverständnisse, unterschiedliche Interessen und manchmal auch Ungerechtigkeit. Die Gemeinde in Jerusalem war keine ideale Gemeinschaft. Auch dort gab es Unterschiede. Da waren die hebräisch sprechenden Judenchristen und die griechisch sprechenden. Da gab es unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Prägungen und unterschiedliche Lebensgeschichten. Und nun heißt es: „Es erhob sich ein Murren.“ Das klingt zunächst nicht besonders geistlich. Aber bemerkenswert ist: Die Apostel hören hin. Sie sagen nicht: „Das bildet ihr euch nur ein.“ Sie sagen auch nicht: „Das war schon immer so.“ Und sie sagen schon gar nicht: „Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun.“ Sie nehmen die Klage ernst.
Das ist ein wichtiger Punkt für jede Gemeinde: Eine Gemeinde Jesu Christi muss eine Gemeinde sein, in der Menschen gehört werden. Gerade diejenigen, die leicht übersehen werden. Die Witwen in Jerusalem konnten sich offensichtlich nicht einfach selbst helfen. Sie waren darauf angewiesen, dass die Gemeinschaft sie mitträgt. Und deshalb ist die Frage bis heute aktuell: Wer wird bei uns vielleicht übersehen?
Wer sitzt zwar unter uns, aber wird kaum wahrgenommen? Wer kommt nicht zu Wort? Wer braucht Hilfe, wagt aber nicht, darum zu bitten? Wer ist einsam? Wer fühlt sich fremd? Wer hat den Eindruck: „Für mich ist hier eigentlich kein Platz“?
Der 13. Sonntag nach Trinitatis stellt uns genau diese Frage: Wie gehen wir mit unserem Nächsten um?
Zum zweiten - Die Apostel erkennen ihre Grenzen:
Nun geschieht etwas Bemerkenswertes. Die Apostel sagen: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.“ Das klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas hart und auch nicht verständlich. Aber es geht nicht darum, dass die Apostel den Dienst an den Menschen geringachten. Im Gegenteil. Sie wissen: Es braucht beides. Es braucht die Verkündigung des Evangeliums. Und es braucht die konkrete Hilfe für Menschen. Es braucht das Wort. Und es braucht das Brot. Es braucht den Gottesdienst. Und es braucht die Sorge um den Menschen. Es braucht Gebet. Und es braucht praktische Nächstenliebe. Die Apostel erkennen allerdings: Wir können nicht alles selbst tun. Und das ist eine wichtige Erkenntnis – auch für uns.
Manchmal denken Menschen in der Kirche: „Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.“ Und irgendwann sind sie erschöpft. Vielleicht kennen wir das auch persönlich. Man übernimmt eine Aufgabe. Dann noch eine. Und irgendwann merkt man: Es wird zu viel. Die Apostel zeigen uns etwas anderes: Verantwortung abzugeben ist kein Zeichen von Schwäche. Es kann ein Zeichen von Vertrauen sein. Vertrauen darauf, dass Gott anderen Menschen ebenfalls Gaben gegeben hat.
Zum dritten - Sie suchen Menschen mit Gaben:
Die Gemeinde soll sieben Männer auswählen. Und nun fällt auf, welche Eigenschaften genannt werden: Sie sollen „einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit“ sein. Es geht also nicht einfach darum, irgendeine praktische Aufgabe zu verteilen. Es geht um Menschen, die ihren Dienst aus dem Glauben heraus tun. Die Gemeinde Jesu braucht Menschen mit unterschiedlichen Begabungen. Nicht alle müssen predigen. Nicht alle müssen organisieren. Nicht alle müssen im Gottesdienst vorne stehen. Nicht alle müssen Leitungsverantwortung übernehmen. Aber jeder und jede kann etwas beitragen. Der eine kann gut zuhören. Die andere kann Menschen zusammenbringen. Einer kann organisieren. Eine andere kann trösten. Jemand hat ein Herz für Kinder. Jemand anderes für ältere Menschen. Einer kann handwerklich helfen. Eine kann Musik machen. Ein anderer kann gut mit Zahlen umgehen. Und wieder jemand anderes merkt einfach, wenn es einem Menschen nicht gut geht. Gott braucht nicht nur die Begabten im Rampenlicht. Gott braucht Menschen, die treu und aufmerksam ihren Dienst tun. Dann lebt die Gemeinde.
Viertens - Diakonie beginnt mit offenen Augen:
Vielleicht ist das Entscheidende an dieser Geschichte gar nicht die Einrichtung eines neuen Amtes, liebe Gemeinde heute Morgen. Vielleicht ist es etwas viel Einfacheres: Die Gemeinde bekommt offene Augen. Sie entdeckt Menschen, die bisher übersehen wurden. Das ist Diakonie. Diakonie bedeutet im Grunde: Ich sehe den anderen. Ich sehe nicht nur meine eigenen Bedürfnisse. Ich sehe nicht nur die Menschen, die mir ähnlich sind. Ich sehe auch den, der anders ist. Den Schwachen. Den Kranken. Den Einsamen. Den Fremden. Den Menschen, der Hilfe braucht.
Jesus erzählt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Ein Mensch liegt am Weg. Andere gehen vorbei. Aber einer bleibt stehen. Er sieht ihn. Und aus dem Sehen wird Handeln. Das ist vielleicht eine der einfachsten und zugleich schwierigsten Aufgaben christlicher Gemeinde: Nicht wegzusehen.
Fünftens - „Es ist nicht recht, dass …“:
Dieser Satz aus der Apostelgeschichte lässt sich heute weiterdenken. Es ist nicht recht, wenn Menschen in unserer Gesellschaft durchs Raster fallen. Es ist nicht recht, wenn alte Menschen vereinsamen. Es ist nicht recht, wenn Kinder mit ihren Sorgen allein bleiben. Es ist nicht recht, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer sozialen Situation weniger Chancen haben. Es ist nicht recht, wenn jemand krank oder einsam ist und niemand nach ihm fragt. Und es ist auch nicht recht, wenn Kirche so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie die Menschen außerhalb ihrer eigenen Mauern nicht mehr sieht. Aber zugleich müssen wir aufpassen, dass daraus kein moralischer Zeigefinger wird.
Denn das Evangelium sagt uns nicht: „Strengt euch mehr an, dann seid ihr gute Christen.“ Das Evangelium sagt: Gott hat euch zuerst angesehen. Gott hat uns nicht übersehen. Gott kennt unsere Namen. Gott kennt unsere Sorgen. Gott kennt unsere Stärken und unsere Grenzen. Und weil Gott uns sieht, können auch wir anfangen, andere zu sehen.
Sechstens - Die Gemeinde wächst:
Am Ende unserer Geschichte steht ein erstaunlicher Satz: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß.“ Die Gemeinde wächst. Und zwar nicht trotz der neuen Aufgabenverteilung, sondern offenbar gerade auch dadurch. Die Gemeinde wird nicht kleiner, wenn Verantwortung geteilt wird. Sie wird größer. Sie wird lebendiger. Sie wird glaubwürdiger. Denn Menschen erfahren: Hier geht es nicht nur um Worte. Hier wird das Evangelium gelebt. Hier werden Menschen nicht allein gelassen. Hier wird geteilt. Hier wird geholfen. Hier wird zugehört. Hier ist einer für den anderen da. Und vielleicht ist genau das eine wichtige Botschaft für unsere Gemeinden heute.
Wir leben in einer Zeit, liebe Gemeinde, in der viele Menschen nach Orientierung suchen. Manche suchen nach Gott. Manche suchen nach Gemeinschaft. Manche suchen einen Ort, an dem sie angenommen werden. Manche würden niemals sagen: „Ich suche eine christliche Gemeinde.“ Aber vielleicht kommen sie trotzdem irgendwann in Berührung mit einem Menschen, der ihnen zuhört. Mit jemandem, der sie besucht. Mit einer helfenden Hand. Mit einem offenen Herzen. Und vielleicht erfahren sie dadurch etwas von dem Gott, von dem wir sagen: Er sieht dich. Du bist nicht vergessen. Du bist nicht allein.
Schlussendlich - Was heißt das für uns? :
Vielleicht können wir diese Geschichte mit drei einfachen Fragen mit nach Hause nehmen: Wen sehe ich? Nicht nur die Menschen, die mir vertraut sind. Wem kann ich dienen? Nicht unbedingt mit großen Dingen. Manchmal reicht ein Anruf, ein Besuch, ein offenes Ohr oder eine helfende Hand. Und schließlich: Was kann ich einbringen? Welche Gabe hat Gott mir gegeben? Vielleicht muss es gar nichts Großes sein. Vielleicht ist es gerade die kleine, treue Aufgabe, die niemand besonders bemerkt. Aber Gott sieht sie.
Liebe Gemeinde, die erste christliche Gemeinde hatte Probleme. Sie hatte unterschiedliche Menschen. Sie hatte Missverständnisse. Sie hatte Murren. Sie hatte organisatorische Schwierigkeiten. Mit anderen Worten: Sie war eine ganz normale menschliche Gemeinschaft. Wie unsere neue große Gemeinde Kaiserswerth-Tersteegen.
Aber diese Urgemeinde hatte etwas Besonderes: Sie blieb nicht bei ihrem Problem stehen. Sie hörte hin. Sie suchte nach einer Lösung. Sie teilte Verantwortung. Und sie entdeckte Menschen, die ihre Gaben einbringen konnten. So wurde aus einem Problem eine neue Aufgabe. Und aus einer Krise entstand etwas Neues.
Vielleicht ist das auch für uns heute in Kaiserswerth-Tersteegen eine Ermutigung: Wir müssen keine perfekte Gemeinde sein. Aber wir dürfen eine Gemeinde sein, die hinsieht. Eine Gemeinde, die zuhört. Eine Gemeinde, die Verantwortung teilt. Eine Gemeinde, in der niemand vergessen werden soll. Sorgende Gemeinschaft. Nachbarschaft.
Denn der Grund unseres Handelns ist nicht, dass wir uns damit einen Platz bei Gott verdienen. Der Grund ist vielmehr: Wir sind selbst von Gott gesehen worden. Darum können wir einander sehen. Wir sind von Gott angenommen worden. Darum können wir einander annehmen. Wir haben von Gott empfangen. Darum können wir weitergeben. Und vielleicht wird dann auch heute etwas von dem wahr, was damals über die erste Gemeinde gesagt wurde: „Das Wort Gottes breitete sich aus.“ Nicht nur durch schöne Worte. Sondern durch Menschen, die das Wort Gottes mit ihrem Leben sichtbar machen. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
12.S.n.Tr., 23.08.2026, 1. Kor 3, 9 – 17, Stadtkirche, Doerthe Brandner
Liebe Gemeinde,
wer etwas bauen will, der braucht eine gute Grundlage.
Um das zu wissen, muss man kein Architekt, keine Bauingenieurin oder eine Maurerin oder ein Zimmermann sein.
Das lernen schon meine kleinen Enkelkinder, die ihre ersten Türme mit Klötzen bauen: auf dem weichen Teppich wird der Turm nicht hoch und fällt viel schneller um als auf dem Parkettboden. Kleine Klötze sind als Unterlage nicht geeignet. Die größten müssen nach unten.
Für den Hausbau gilt dasselbe.
Der Untergrund ist maßgeblich für die Stabilität des Hauses. Spätestens bei Katastrophen wie der Überschwemmung im Ahrtal und anderswo vor fünf Jahren oder wie bei Erdbeben ganz aktuell in Südamerika wird das deutlich: Häuser, die keinen festen Grund haben, weil sie im sumpfigen oder sandigen Gebiet gebaut wurden, fallen als erste um. Und zu Schaden kommen vor allem die Menschen, die in ihnen wohnen.
Auf den Grund kommt es also an.
Das gilt auch im übertragenen Sinn, wenn wir z.B. davon sprechen, uns im Leben etwas aufzubauen.
Einen guten Grund wollen wir als Eltern unseren Kindern legen und meinen damit Bildung und gute Abschlüsse, ein finanzielles Polster, die Fähigkeit, eigene Interessen zu entwickeln und Chancen zu ergreifen.
Um im Leben bestehen und sogar etwas erreichen zu können – ja, dafür braucht man gute Voraussetzungen.
Auf den Grund kommt es an!
Das gilt offenbar auch für die Existenz einer Gemeinde.
Der Apostel Paulus erinnert seine Brüder und Schwestern in Korinth mit seinem 1. Brief an sie daran.
Denn offenbar ist die Gemeinde gehörig durchgerüttelt – so sehr, dass sie wie ein Haus bei einer Naturkatastrophe zu wanken und einzustürzen droht.
Was war passiert?
Die Gemeinde zu Korinth ist entzweit. Nachdem Paulus dort gewesen war und das Evangelium von Jesus Christus verkündet hatte, ist es zu Streitigkeiten gekommen. Andere sind gekommen und haben ebenfalls gepredigt. Der Inhalt ihrer Predigt aber war anders – irgendwie nicht so, dass Jesus Christus im Zentrum stand.
Und jetzt droht die Gemeinde in verschiedene Parteien auseinanderzubrechen, in die Paulus-Partei und in die Apollos-Partei, in die Petrus-Partei, ja sogar eine Christus-Partei scheint es gegeben zu haben.
Die Korinther brauchen Rat.
Welcher Weg führt weiter? Welche Richtung ist die richtige?
Gemeindeberatung, Coaching, Supervision der Leitenden – das wär’s doch, was die Gemeinde zu Korinth braucht! – Zumindest denken wir heute so.
Und ich glaube, dass Ihnen das ebenso bekannt vorkommen mag wie mir.
In meinem Herkunftskirchenkreis und meiner Herkunftsgemeinde war es ein Thema – hier in Düsseldorf und in Kaiserswerth-Tersteegen ist es das ebenso:
- Wohin geht die Kirche?
- Sollen wir eher diesem Weg oder jenem Weg folgen?
- Wonach und nach wem sollen wir uns richten?
Fragen, die sich viele Gemeinden heute stellen und stellen müssen im Blick auf ihre Existenz in einer Gemeinschaft von Gemeinden als Teil der ganzen Kirche.
Fragen, die umso mehr durchrütteln und eine Gemeinde ins Wanken bringen können, wenn es auch innerhalb einer Gemeinde Uneinigkeit über das Wohin und die Art und Weise Kirche im Ort und mit seinen Menschen zu sein gibt. – Ja, wenn eine Gemeinde von schwelenden Konflikten zermürbt oder offenem
Streit erschüttert ist.
Wie kann das Haus unserer Gemeinde, das ja viel mehr ist als das Gemeindehaus, feststehen,
- so dass es seiner Bestimmung entspricht,
- so dass es Unterschiedlichkeit und auch Konflikte aushält, ohne zu zerbrechen
- vor allem so, dass die Menschen, die in ihm zuhause sind, nicht die ersten Leidtragenden der Fragen und Konflikte sind?
Das sind die Fragen, die Paulus antreiben, und die er für die Menschen der Gemeinde von Korinth in den Fokus rückt – weg von ihrem Konkurrenzgebaren,
und dem Wunsch das Eigene durchzusetzen.
Hören wir auf die Gemeindeberatung des Paulus, wie er sie im 1. Kor 3 in den Versen 9-17 aufgeschrieben hat. Dort lesen wir:
9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist,
habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf.
Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist,
welcher ist Jesus Christus.
12 Wenn aber jemand auf den Grund baut
Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden.
Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen;
denn mit Feuer wird er sich offenbaren.
Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
14 Wird jemandes Werk bleiben,
das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden;
er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid
und der Geist Gottes in euch wohnt?
17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören,
denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.
Klartext – Paulus redet Klartext.
Kein Abwägen von Für und Wieder von Argumenten der einen und der anderen und auch der dritten Partei, um ja möglichst allen gerecht zu werden.
Auch kein gegeneinander Ausspielen der einzelnen Beteiligten des Konfliktes mit dem Ergebnis einer Seite mehr Recht geben können, als der anderen.
Paulus widersteht auch der Möglichkeit, selbst die Rolle des Retters anzunehmen – dessen der weiß, wie es richtig geht.
Stattdessen Paulus hält den Menschen in dem dem anwachsenden Konflikt entgegen – wir können es in den Versen zuvor lesen:
Wer ist schon Paulus?
Wer ist schon Apollos?
Was soll das sich miteinander Vergleichen, das sich gegenseitig Ausspielen und das schiefe Spähen auf den anderen?
Wir alle sind Mitarbeitende Gottes und wir alle sind selbst auch der Bau an dem es gilt zu bauen.
Und deshalb sehe jedermensch zu, wie er und wie sie baut.
Ja, es ist ein ganz handfester Konflikt in der korinthische Gemeinde, auf den Paulus antwortet
Ein Konflikt, der mich an Konflikte erinnert, die auch uns in der Kirche nicht fremd sind.
Da gibt es die Grundsatzdiskussion, was die eigentliche Aufgabe von Kirche ist.
- Sich einmischen und sich in den gesellschaftlichen und politischen Fragen unserer Zeit klar positionieren?
- Oder muss Kirche sich dem Einzelnen zuwenden, Menschen begleiten, Helferin zu Sinnsuche und zum gelingenden Leben sein – in den Krisen des Lebens als stabile Ansprechpartnerin und Begleiterin erscheinen?
- Was ist in der Gemeindearbeit wichtiger: Personal oder Gebäude? Finanzielle Sicherheit oder das Geben mit vollen Händen an die, die es wirklich nötig haben?
Nicht selten gibt es auch Konkurrenz unter Kolleginnen und Kollegen oder zwischen den Verantwortlichen einzelner Gemeindebereichen und ihren Zentren:
- Wo ist das Gemeindeleben lebendiger?
- In welche Kirche kommen mehr Menschen zum Gottesdienst?
…
Konflikte gehören zum Miteinander dazu.
Meistens kann eine Gemeinde sie aushalten und gut tragen.
Manchmal aber, wenn sich die Kirche insgesamt oder eine Gemeinde sowieso in einer krisenhaften Zeitz befindet, dann können Konflikte zu unüberbrückbarem Streit, zu Verlustgefühlen und Angst werden, neben den anderen unterzugehen;
Dann kann es ein, dass die Gemeindeleitenden nicht zueinander finden oder überfordert sind – oder gefangen im Klein-Klein.
Und dann wächst die Gefahr, dass aus Differenzen, die natürlich zu einer Gemeinde gehören, eine echte Zerreißprobe wird – die schon manche Gemeinde gespalten oder Menschen aus ihr vertrieben hat.
Vor solch einer Zerreißprobe steht nun die Gemeinde zu Korinth, weil Uneinigkeit besteht, auf wen sie sich maßgeblich als ihren Gründer berufen kann: Paulus oder Apollos. Und wer nun in dieser Nachfolge die meiste Bedeutung in der Gemeinde hat und das Wichtigste zu ihrem Erhalt beiträgt.
Und die Antwort, die Paulus auf diesen Konflikt gibt, ist schlicht und ergreifend:
Wir alle sind Mitarbeitende Gottes – und zugleich selbst Gottes Bau.
Deshalb sehe ein jeder / eine jede zu, wie er / sie weiterbaut, welche Materialien ihm / ihr entsprechen und an welcher Stelle eben diese Materialien benötigt werden – sei es nun Gold oder Holz.
Weder die Menschen der Gemeinde in ihrer Unterschiedlichkeit, noch die vordergründig unterschiedliche Wertigkeit der Materialien, die ein Bild für die Gaben der Menschen sind, dürfen gegeneinander ausgespielt werden – sagt Paulus.
Denn ein jeder Mensch ist wichtig, wird mit seinen Möglichkeiten gebraucht und hat seinen Platz – Sei es im Chor, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oder Senior*innen oder im Presbyterium… Mit den Bildern des Paulus gesprochen:
- Was würde alles passieren, wenn der Dachstuhl eines Hauses statt aus dem scheinbar wertloseren Holz, aus weichem Gold gebaut würde.
Um Vielfalt und Verschiedenheit, die sich gegenseitig befruchten geht es also mit Paulus beim Zusammenleben in und Gestalten einer Gemeinde.
Eine jede hat ihre Verantwortung – aber nicht jeder kann alles.
Denn der Bau an Gottes Haus braucht diejenigen, die mit Holz und Heu zu bauen wissen ebenso wie diejenigen, die Gold und Edelsteine einbringen.
Wichtig ist nicht, was und wie jemand baut, sondern dass er es seinen Gaben entsprechend tut, die sich der Wertung und der Beurteilung anderer entziehen.
- Die Bewertung und Beurteilung werden später erfolgen, viel später – und sie wird nicht unsere Sache sein, sondern allein Gottes.
Und der wird ganz sicher noch einmal mit ganz anderen Maßstäben messen, als wir es tun, wenn wir uns gegenseitig betrachten und bewerten und messen.
Denn:
„Gott sagt nicht (wie wir): DAS ist der Weg zu mir, DAS aber nicht. Sondern er sagt: Alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, dass es dich zu mir führt.“ – so formuliert es Martin Buber.
Und alles in allem geht es letztlich in guten ebenso wie in schwierigen Zeiten um nichts anderes als um das Reich Gottes…
.. das kommen möge im Himmel und ebenso und schon jetzt auf Erden – auch in diesem Gottesdienst werden wir es wieder mit dem Vaterunser erbitten.
Und wenn es um Gottes Reich geht, geht es immer um seine Menschen – heute hier um uns, so wie damals Paulus um die Korinther.
Deshalb sind auch Alle gemeint und alle in der Gemeinde gerufen, das Ihre dazuzutun, damit das Reich Gottes wächst – um in dem Bilde des Paulus zu bleiben: als Mitarbeitende am Haus mitzubauen – in dem Wissen und der Haltung, selbst als Bau oder Teil dess Baues auch immer pflegbedürftig, manchmal auch erweiterungs- oder sanierungsbedürftig zu sein.
Und mitzubauen geht nur, wenn man nicht vergisst: der Grund auf dem wir unsere Gemeinde auf das Reich Gottes hin gestalten, liegt nicht in uns und unseren Fähigkeiten und Kräften.
„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (V. 11) – Sagt Paulus.
Dieser Grund in Jesus Christus ist nicht zu verwechseln mit einem starr gegossenen Fundament.
Es ist eher wie ein in aller Stabilität und Sicherheit beweglicher und dynamischer Boden.
Ein Boden wie die Geschichte Gottes seiner Liebe zu uns, wie sie in Jesus Christus menschlich geworden ist.
Der lebendige Christus ist das Fundament, auf dem wir stehen, und auf dem wir unsere Gemeinde bauen, unser Leben aufbauen können.
Lebendigkeit – das ist die Sicherheit, die uns mit diesem Fundament garantiert ist. Mehr nicht und weniger auch nicht.
Gottes Geschichte mit uns ist in Jesus Christus ein für alle Mal geschrieben.
Aber weil diese Geschichte eine der lebendigen Liebe Gottes ist, ist sie nicht ein für alle Mal festgeschrieben.
Durch alle Zeiten hindurch sucht Gott und begegnet uns immer wieder neu – den Menschen damals in Korinth in ihrer Welt und Glaubenswirklichkeit und uns heute hier in Kaiserswerth, in Lohausen, in Tersteegen – in unserer Welt und Glaubenswirklichkeit.
Gott ist ein lebendiger Gott, der in all seiner konkreten Geschichte mit uns immer auch unvorstellbar bleibt für uns – unfassbar und letztendlich unbegreifbar.
Und deshalb ist das Fundament, das der lebendige Gott in Jesus Christus ist, nicht geeignet, dass wir es zum Fundamentalismus zementieren – auch nicht dazu, es in den Dienst unserer eigenen Meinungen und Ansichten über das Wohl und Wehe der eigenen Gemeinde zu stellen mit Sätzen wie: Das haben wir schon immer so gemacht! Oder: Das war noch nie so!
Damit zerstören wir seine Lebendigkeit.
Das Fundament „Jesus Christus“ kann weder gewusst noch benutzt werden – nur geglaubt kann es werden und dadurch als ein Boden entdeckt werden, der – was Wunder! – zu gleich Quelle ist und deshalb trägt wie Petrus das Wasser trug, als er es auf Jesu Wort hin wagte zu betreten.
Und so, liebe Gemeinde, stehen wir als Kirche, als Gemeinde hier in Kaiserswerth-Tersteegen, genauso wie als einzelne Glaubende immer auf einem beweglichen und dynamischen Grund.
Wir stehen darauf nicht, weil unser christlicher Glaube eine so schwammige, unsichere Angelegenheit wäre,
sondern diese Beweglichkeit und Lebendigkeit macht unseren Glauben wesentlich aus.
In ihr zeigt sich ein und dieselbe ewig gültige die Botschaft Gottes
- Zu jeder Zeit
- An jedem Ort, mag er nun Kaiserswerth, Lohausen oder Tersteegen heißen oder noch einen ganz anderen Namen tragen
in vielerlei Weisen durch die unterschiedlichsten Gaben verschiedener Menschen und in unzähligen Sprachen und Gebärden --- und immer als lebendige Gottesgeschichte mit uns, seinen Menschen, Liebe-durchwoben, überraschend, immer wieder neu und genau so frei und lebendig wie Gottes Geist selbst.
Liebe Schwestern und Brüder hier in der Stadtkirche,
unser Glaube ist genau so stabil wie wir es aushalten, vorläufig zu sei und nicht ein für alle Mal festgeschrieben – weder in der Weise wie wir glauben noch in unserer gemeindlichen Existenz.
Und deshalb erweist sich die tragende Kraft unseres Glaubensgrundes, gerade in Krisen:
- in Krisen der Gemeinde wie der zu Korinth,
- in krisenhaften Zeiten, die nach Neuüberlegungen und Veränderungen rufen – wie wir als Kirche sie insgesamt z. Zt. erleben
- in Krisen und Konflikten innerhalb dieser Gemeinde
- und genauso auch in Krisen des persönlichen Lebens und Glaubens.
Das einzige was nottut, ist, diesen stark-lebendigen, stabil-dynamischen Grund nicht aus dem Glauben zu verlieren und ihn trotz aller Abgründe und Dunkelheiten um ihn herum – in der Welt, in der wir leben, die nach unserer Kirche und Gemeinde greifen mögen und auch in uns selbst – für tragfähig genug zu erachten, um auf ihm gelassen und mutig weiter zu bauen – eine jede mit ihren Gaben, ein jeder an seiner Stelle.
- Und in allem immer wieder zu fragen: dient das Meine – wohlgemerkt nicht das, was ein anderer tut, sondern immer, das, was ich tue! – noch diesem Grund?
Dann entdecken wir staunend, wie auch uns gänzlich Fernes auf demselben Grund steht.
Also,
liebe Menschen hier in der Stadtkirche und in der Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen,
lasst uns die Gemeindeberatung des Paulus für die Korinther*innen auch für uns nehmen und nicht vergessen: das Fundament müssen nicht wir stabilisieren oder gar bauen. Der Grund ist uns längst gelegt!
Und ihr selbst – ihr, genau diese Gemeinde in der Gemeinschaft aller Gemeinden weltweit – und du Mensch, dieser Gemeinde – ihr seid Bauleute und der Bau selbst zugleich.
Vergesst das doch nicht! Haltet euren Geist und Sinn, euer Miteinander offen für einander, dann bleibt ihr durchlässig für das Fundament und der Geist Gottes wohnt in euch!
Und ihr seid sichtbar für die Welt der Tempel Gottes.
Amen
12.S.n.Tr., 23.08.2026, „Gott – Glaube – Geld...", Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
„Gott – Glaube – Geld : wie geht das zusammen?“
Predigt-Meditation 1
Das ist so eine Sache mit dem lieben Geld; auch wenn es das Sprichwort gibt, dass Geld nicht glücklich macht, so gibt es doch kaum einen Menschen, der nicht glücklich wäre, wenn er mehr Geld hätte, als er hat. Ob er dann glücklicher wäre als vorher, das ist die Frage, aber das Streben nach Geld, nach Reichtum, nach Wohlstand, das ist in fast allen Gesellschaften tief verwurzelt. So tief, dass wir uns im Bemühen darum schon gar nicht mehr fragen, ob das denn normal ist, ob es dem menschlichen Wesen angemessen ist. Manchmal hilft ein Blick von außen, um sich heilsam verunsichern zu lassen. Hören wir darum Worte des Häuptlings Tuiavii aus Tiavea, einem Dorf auf einer der Inseln des Samoa-Archipels in der Südsee. Er schrieb sie um 1900 für seine polynesischen Landsleute auf, nachdem er als Missionsschulzögling die Gelegenheit erhalten hatte, mit einer Völkerschaugruppe Europa zu bereisen. Was er erlebte und sah, versetzte ihn ein um das andere Mal in kopfschüttelndes Staunen.
Lesung: Vom runden Metall und schweren Papier
Vernunftvolle Brüder, horcht gläubig auf und seid glücklich, dass ihr das Arge nicht kennt und die Schrecken des Weißen. – Ihr alle könnt mir bezeugen, dass der Missionar sagt, Gott sei die Liebe. Ein rechter Christ täte gut, sich immer das Bild der Liebe vor Augen zu halten. Dem großen Gott allein gälte darum auch die Anbetung des Weißen. Er hat uns belogen …Denn das runde Metall und das schwere Papier, das sie Geld nennen, das ist die wahre Gottheit der Weißen. Sprich einem Europäer vom Gott der Liebe – er verzieht sein Gesicht und lächelt. Lächelt über die Einfalt deines Denkens. Reich ihm aber ein blankes, rundes Stück Metall oder ein großes, schweres Papier – sogleich leuchten seine Augen … Geld ist seine Liebe, Geld ist seine Gottheit. … Das Geld allein ist der wahre Gott des Papalagi, so dies Gott ist, was wir am höchsten verehren.
Es ist dir aber auch in den Ländern des Weißen nicht möglich, auch nur einmal von Sonnenaufgang bis -untergang ohne Geld zu sein. Du würdest deinen Hunger und Durst nicht stillen können, du würdest keine Matte finden zur Nacht. Du musst zahlen, das heißt Geld hingeben, für den Boden, auf dem du wandelst, für den Platz, auf dem deine Hütte steht, für deine Matte zur Nacht, für das Licht, das deine Hütte erhellt. … Selbst für deine Geburt musst du zahlen, dass du gestorben bist, auch dafür, dass man deinen Leib in die Erde gibt. Ich habe nur eines gefunden, für das in Europa noch kein Geld erhoben wird, das jeder betätigen kann, soviel er will: das Luftnehmen. Doch ich möchte glauben, dass dies nur vergessen ist …. Es gibt viele Weiße, die häufen das Geld auf, welches andere für sie gemacht haben, bringen es an einen Ort, der gut behütet ist, bringen immer mehr dahin, bis sie eines Tages auch keine Arbeiter mehr für sich brauchen, denn nun arbeitet das Geld selbst für sie. Wie dies möglich ist ohne eine wilde Zauberei, habe ich nie ganz erfahren, aber es ist in Wahrheit so, dass das Geld immer mehr wird, wie Blätter an einem Baum, und dass der Mann reicher wird, selbst wenn er schläft. Wenn nun einer viel Geld hat, viel mehr als die meisten Menschen, soviel, dass hundert, ja tausend Menschen sich ihre Arbeit damit leicht machen könnten – er gibt ihnen nichts: er legt seine Hände um das runde Metall und setzt sich auf das schwere Papier mit Gier und Wollust in seinen Augen. Und wenn du ihn fragst: „Was willst du mit deinem vielen Geld machen? Du kannst hier auf Erden doch nicht viel mehr als dich kleiden, deinen Hunger und Durst stillen?“ – so weiß er dir nichts zu antworten, oder er sagt: „Ich will noch mehr Geld machen. Immer mehr. Und noch mehr.“ Und du erkennst bald, dass das Geld ihn krank gemacht hat. Er ist krank und besessen, weil er seine Seele an das runde Metall und schwere Papier hängt und nie genug haben und nicht aufhören kann, möglichst vieles an sich zu reißen. Er kann nicht so denken: Ich will ohne Beschwerde und Unrecht aus der Welt gehen, wie ich hineingekommen bin; denn der große Geist hat mich auch ohne das runde Metall und schwere Papier auf die Erde geschickt. Daran denken die wenigsten. Die meisten bleiben in ihrer Krankheit, werden nie mehr gesund im Herzen und freuen sich der Macht, die ihnen das viele Geld gibt.
Orgelspiel
Predigt-Meditation 2
Ja, Geld ist nicht nur einfach Geld. Es kann krank machen, es kann töten, es verleiht Macht und Einfluss. Und deshalb muss man darüber sprechen.
Wie ist das mit dem Geld? Seit wann gibt es überhaupt Geld? Und wie spricht die Bibel über Geld und Reichtum?
Die längste Zeit hat der Homo Sapiens ohne Geld auf dieser Erde gelebt und es auch nicht vermisst. Er lebte als Sammler und Jäger in überschaubaren Gruppen und jeder Mann und jede Frau trug zum Leben der Gemeinschaft bei mit den Gaben und Fähigkeiten, die sie jeweils hatten, die ihnen von Gott als „Vermögen“ auf den Weg ins Leben mitgegeben worden waren. Eigentlich galt einige Jahrhunderttausende lang das, was Lukas in der Apostelgeschichte von der Urgemeinde in Jerusalem geschrieben hat: „Sie lebten in enger Gemeinschaft, hielten zusammen und verfügten gemeinsam über ihren Besitz; alles, was sie hatten – an Nahrung, an Kleidung, an Kenntnissen, die sie sich angeeignet hatten – verteilten sie so, dass jeder und jede hatte, was sie brauchte.“ (in Anlehnung an Apg.2,42-45) Nur so konnten sie als Spezies überleben.
Doch dann wurde Homo Sapiens Sapiens sesshaft; diese Entwicklung dauerte etwa 4000 Jahre. In dem Zeitraum von ca. 16.000 – 12.000 v.Chr. lernte der Mensch, Getreide anzubauen, domestizierte Schaf, Ziege und Rind und machte entsprechende Erfindungen von Werkzeugen, die ihm das Leben leichter machten. Er verstand sich immer mehr als Individuum, wollte frei und unabhängig sein. Sicherheit fand er in festen Häusern, nicht mehr in der Gemeinschaft mit anderen. Der andere wurde ihm zum Konkurrenten. Die Worte „WIR“ und „UNSER“ verloren ihren Wert; „ICH“ und „MEIN“ traten an ihre Stelle. Die Bibel erzählt uns im 4. Kapitel des 1. Buch Mose eine Geschichte, die ziemlich gut zusammenfasst, was in diesen Jahren der Sesshaftwerdung des Menschen geschah: die Geschichte von Kain und Abel, in der der Neid von Kain Besitz ergriff, der Neid auf Abel, der offensichtlich mehr mit Erfolg und Glück gesegnet war in seinem Tun als Viehzüchter und Hirte als er, der offenbar als Bauer eine Missernte zu verkraften hatte. In früheren, paradiesischen Zeiten kein Problem, denn da teilten alle Erfolg und Misserfolg. Doch nun, im Zeichen des Fortschritts, ist jeder seines Glückes oder Unglückes Schmied.
Ja, die Bibel weiß darum, dass es an Gottes Segen liegt, wenn die Erde ihren Ertrag gibt, wenn das Vieh von Seuchen verschont bleibt. Der Mensch der Bibel weiß, dass er ein Geschöpf ist, das geboren wird und vergänglich ist, nicht nur stark, sondern auch schwach, angewiesen auf andere.
Aber die Bibel erzählt eben auch, dass er mit diesem Status nicht zufrieden ist. Der Mensch will größer sein als er ist. Er will bedeutender, mächtiger sein als sein Nachbar: aus der egalitären Struktur der früheren Sammler- und Jäger- Gesellschaften entwickelten sich hierarchische Strukturen auf allen Ebenen – in der Familie, in der Sippe, im Volk - mit Oberhäuptern, Patriarchen und Königen. Mag der Ursprung der Bedeutsamkeit und des Ansehens einer Person – fast ausschließlich männlicher Personen – ab und zu in der Frühzeit auch in einer echten Leistung gefußt haben, die sie zum Wohl der Gemeinschaft erbracht hatten – z.B. die Rettung aus großer Gefahr – sehr bald begründete sie sich aber in Reichtum, im Besitz an Land und Vieh, an menschlicher Arbeitskraft/Sklaven und an Kostbarkeiten – vor allen Dingen an Gold und Silber. Mit Silber und Gold, zu Münzen geprägt, beherrschten die Mächtigen den Handel und das wirtschaftliche Leben der Menschen.
In der Tat: Geld regiert schon sehr lange die Welt.
Diesem geschichtlichen Sog waren auch die Israeliten ausgesetzt. Auch sie ließen sich vom „Fortschritt“ blenden, wollten unbedingt einen König haben wie alle anderen Völker, wollten oben mitmischen. Warnende Stimmen gab es, die im Namen Gottes auftraten – wie den Propheten Samuel. Aber der Sog war so stark, dass Gott kapitulierte, so können wir es im 1. Buch Samuel 8 lesen.
Mit der Absetzung Gottes als König über sein Volk, mit der Abwendung von dem, was Gottes Königtum ausgezeichnet hat, nämlich die Akzeptanz der Gleichwertigkeit aller und den Wertmaßstab der Gemeinschaftsgerechtigkeit, die Leben für alle im Sinn hat, damit begann keine goldene Zeit, sondern nahmen Ungerechtigkeit und Willkür die Menschen in den Würgegriff.
Die Schriftpropheten sind voll von Klagen über diese Entwicklungen. Korruption und Gier verbreiten sich auf allen Ebenen – nicht nur bei denen ganz oben, sondern bis nach unten.
Dazu ein Text aus Amos 8,4-7:
4 Hört her, die ihr auf dem Armen herumtrampelt!
Die Bedürftigen im Land, die wollt ihr ruinieren!
5 Ihr sagt: »Wann ist der Neumondtag vorbei?
Dann können wir wieder Getreide verkaufen.
Wann ist der Sabbat endlich vorüber?
Dann wollen wir unsere Kornsäcke öffnen.
Beim Verkauf geben wir weniger Getreide her
und verlangen einen höheren Preis dafür.
Beim Abwiegen verwenden wir falsche Gewichte.
6 Auch den Abfall des Getreides verkaufen wir noch!«
Für Geld kauft ihr den Hilflosen als Arbeitskraft
und den Armen zum Preis von einem Paar Schuhe.
7 Doch der HERR hat bei sich geschworen:
Niemals werde ich vergessen, was sie getan haben!
Orgelspiel
Predigt-Meditation 3
Selbst wenn wir annehmen, dass Geld vor langer Zeit einmal als Tauschmittel erfunden wurde, da es einfach besser, weil leichter zu transportieren war als Getreidesäcke, Nutztiere, Holz und Mineralien, und so den Warenaustausch über große Entfernungen möglich machte, so wurde aus dem bloßen Mittel schnell ein Zweck: das Geld an sich wurde begehrenswert. Und ist es bis heute geblieben – egal ob im Strumpf unter der Matratze, im Safe als Bargeld oder als Goldbarren, auf dem Konto in der Bank, als Aktie im Depot oder ganz neu als Kryptogeld in einer Cloud.
Mit Gold und Geld Hand in Hand kam die Gier, ein Virus, der die Menschheit scheinbar fest im Griff hat. Und der nicht nur die leiden lässt, die viel haben, sondern noch mehr denen Leiden verschafft, denen das Nötigste fehlt. Und mittlerweile wird die ganze Erde dadurch in Mitleidenschaft gezogen.
Es geht tatsächlich um die Wahl: Haben oder Sein.
In den weisheitlichen Schriften der hebräischen Bibel finden sich viele Sprüche, die zeigen, wie wenig sich der Mensch in den letzten 3000 Jahren verändert hat, Sätze wie die folgenden:
Wer das Geld liebt, will mehr davon.
Und wer den Reichtum liebt, bekommt nie genug. (Pred.5,9)
Mit einem Armen will keiner etwas zu tun haben.
Der Reiche aber hat viele Freunde. (Spr.14,20)
Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt. Wer sich Geld leiht, wird zum Sklaven dessen, von dem er es geliehen hat.
(Spr.22,7)
Setz nicht alles daran, reich zu werden!
Oder hast du deinen Verstand aufgegeben? (Spr.23,7)
Aber die „Erfindung“ des Geldes war nicht einfach aus der Welt zu schaffen, das wusste man schon in biblischen Zeiten. Also musste man sich dazu verhalten. Musste man sich auf das Sein besinnen, darauf, was Menschsein bedeutet.
Der Mensch ist ein sterbliches Wesen. Er ist ein Geschöpf, das eine begrenzte Zeit auf dieser Erde lebt und dann davon muss, wie es in der hebräischen Bibel heißt. Er hat sein Leben von Gott, der für ihn ein gutes Leben will in Gemeinschaft mit allen anderen und in der Ausrichtung auf seinen Schöpfer hin. Richtschnur dafür sind die Weisungen Gottes, die ein Zusammenleben der Menschen in Freiheit und Gerechtigkeit im Sinn haben.
Im Buch Tobit, das zu den weisheitlichen Apokryphen der Hebräischen Bibel zählt, gibt es ein gutes Beispiel von solchem Umgang mit Geld. Der alte Vater Tobias ist erblindet und in finanzielle Not geraten. Da erinnert er sich daran, wie er in bessern Jahren einem damals in Not geratenen Freund eine beträchtliche Geldsumme geliehen hat. Er gibt den Schuldschein seinem Sohn Tobias und beauftragt ihn, zu diesem Freund in eine weit entfernte Stadt zu reisen und sich die Leihgabe zurückzuholen. Folgende Ratschläge gibt er seinem Sohn mit auf den Weg:
Lesung
„Alle deine Tage, Kind, gedenke des Herrn!
Vollbringe alle Tage deines Lebens gerechte Taten
und wandle nicht auf den Wegen des Unrechts!
Denn wer die Wahrheit tut,
wird mit seinen Werken zu gutem Erfolg geführt.
Wende dein Angesicht von keinem Armen ab,
dann wird sich Gottes Angesicht nicht von dir abwenden!
Wie es dir möglich ist:
Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen!
Wenn dir wenig möglich ist,
fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!
So sammelst du dir einen guten Schatz für den Tag der Not.
Denn Almosen retten aus dem Tod und lassen nicht in die Finsternis geraten.
Von deinem Brot gib den Hungernden
und von deinen Kleidern den Nackten. (Tobit 4,5-10.16a)
Und in den Sprüchen findet sich folgendes Gebet:
Um zwei Dinge bitte ich dich, mein Gott,
verweigere sie mir nicht, bevor ich sterbe:
Bewahre mein Leben vor Falschheit und Lüge!
Lass mich nicht arm und auch nicht reich werden,
gib mir einfach nur das tägliche Brot!
Sonst besteht die Gefahr, dass ich zu viel habe,
dich verleugne und frage: „Wer ist der HERR?“
Oder es besteht die Gefahr, dass ich zu wenig habe,
stehle und den Namen meines Gottes missbrauche.
(Spr.30,7-9)
Lied EG 494,1-3 „In Gottes Namen fang ich an“
Predigt-Meditation 4
Von Jesus überliefern uns die Evangelien, besonders das Lukasevangelium, eine gegenüber Geld und Besitz sehr kritische Haltung. Er sah, wie sehr der Besitz und die Sorge um ihn, um die Wahrung des Wohlstands die Menschen korrumpierte und von ihnen Besitz ergriff. Er sah, wie schädlich diese Begehrlichkeit nach immer mehr war: schädlich für den, der sich selbst an das Mehr-Haben-Wollen verlor, und schädlich für alle, denen so das Nötigste zum Leben vorenthalten wurde. Das Nie-Genug-Haben der Wenigen, ihre Gier und Selbstbezogenheit führte dazu, dass nicht genug mehr da war für das Leben aller anderen. Hören wir dazu einen Text aus dem Lukasevangelium:
Lesung Lukas 16,19-29
16,19 »Einst lebte ein reicher Mann.
Er trug einen Purpurmantel und Kleider aus feinstem Leinen.
Tag für Tag genoss er das Leben in vollen Zügen.
20 Aber vor dem Tor seines Hauses
lag ein armer Mann, der Lazarus hieß.
Sein Körper war voller Geschwüre.
21 Er wollte seinen Hunger
mit den Resten vom Tisch des Reichen stillen.
Aber es kamen nur die Hunde
und leckten an seinen Geschwüren.
22 Dann starb der arme Mann,
und die Engel trugen ihn in Abrahams Schoß.
Auch der Reiche starb und wurde begraben.
23 Im Totenreich litt er große Qualen.
Als er aufblickte, sah er in weiter Ferne Abraham
und Lazarus an seiner Seite.
24 Da schrie er: ›Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir!
Bitte schick Lazarus,
damit er seine Fingerspitze ins Wasser taucht
und meine Zunge kühlt.
Ich leide schrecklich in diesem Feuer!‹
25 Doch Abraham antwortete: ›Kind, erinnere dich:
Du hast deinen Anteil an Gutem schon im Leben bekommen – genauso wie Lazarus seinen Anteil an Schlimmem.
Dafür findet er jetzt hier Trost, du aber leidest.
26 Außerdem liegt zwischen uns und euch
ein tiefer Abgrund.
Selbst wenn jemand wollte,
könnte er von hier nicht zu euch hinübergehen.
Genauso kann keiner von dort zu uns herüberkommen.‹
27 Da sagte der Reiche: ›So bitte ich dich, Vater:
Schick Lazarus doch wenigstens zu meiner Familie.
28 Ich habe fünf Brüder. Lazarus soll sie warnen,
damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen!‹
29 Aber Abraham antwortete:
›Sie haben doch Mose und die Propheten:
Auf die sollen sie hören!‹
Jesus steht, was seine Haltung zu Geld und Besitz angeht, in der Tradition der Propheten. Das Streben nach Reichtum, das Sich-Verlassen auf Geld und Besitz, das war für Amos, Jeremia, Jesaja und die anderen Propheten Götzendienst. Jesus knüpft da an und spricht vom Geld und Besitz als Mammon, ein Wort aus dem Aramäischen, das nur an zwei Stellen - im Lukasevangelium (16,13) und im Matthäusevangelium (6,24) - in der Griechischen Bibel vorkommt und es bis in unsere Sprache hineingeschafft hat. Mammon, der Götze Geld.
Lk.16,13
Kein Diener kann gleichzeitig zwei Herren dienen!
Entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben.
Oder er wird dem einen treu sein und den anderen verachten.
Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen.
Für Jesus ist klar: wessen Leben sich um Geld, um wirtschaftlichen Erfolg dreht, der hat die Verbindung zu Gott als seinem Schöpfer und Ratgeber verloren; es gibt hier kein sowohl als auch: am Sonntag Vormittag und wenn es einem schlecht geht, dann ist Gott im Fokus, ansonsten aber, wenn man im Geschäft ist, wenn man seinen eigenen Interessen folgt, dann muss es doch erlaubt sein, das Beste für sich herauszuholen.
Nein, sagt Jesus da, denn du lebst nicht allein auf der Welt, sondern da leben noch deine Schwestern und Brüder, alle Kinder des einen Vaters im Himmel. Wenn du die aus dem Blick verloren hast – gerade die Armen und Schwachen – dann hast du auch Gott aus dem Blick verloren.
Wie du mit deinem Geld und deinem Besitz umgehst, ist nicht nur eine rein weltliche Angelegenheit, sondern hat auch mit deinem Glauben, mit deinem Gottesbild zu tun.
Auf wen also verlässt du, Mensch, dich?
Wem vertraust du?
Wessen Prägung trägst du - und zeigst du sie mit dem, was du tust und wonach du strebst?
Orgelspiel
Predigt-Meditation 5
„Pecunia non olet.“ – Geld stinkt nicht.
Im antiken Rom wurde Urin als Rohstoff für die Ledergerbung und Wäschereinigung genutzt. Um die Staatskasse zu füllen, führte Vespasian eine Latrinensteuer auf öffentliche Toiletten ein. Als sein Sohn Titus die Steuer kritisierte, hielt Vespasian ihm das Geld aus den ersten Einnahmen unter die Nase und fragte, ob der Geruch ihn störe. Titus verneinte, woraufhin Vespasian sagte: „Pecunia non olet.“ – Geld stinkt nicht. (Diese Feststellung wird seitdem immer gerne angeführt, wenn darauf verwiesen wird, dass die Herkunft von Geld keine moralische Bewertung zulässt.)
Etwas anders sah es Franz von Assisi, der Mann, der wie kein anderer das Leben in der Nachfolge Jesu ernstgenommen und eingeübt hat, dessen Todestag sich am 3.Oktober zum 800. Mal jährt. Für ihn selbst war klar: er wollte sich ganz und gar nicht mit Geld und Besitz befassen und belasten. Aber er wusste eben auch, dass Geld in der Geschichte nun mal eine Realität war. Er hat uns auch einen Satz zum Thema „Geld“ hinterlassen, der leider längst nicht so bekannt ist wie der Ausspruch von Kaiser Vespasian, der es aber verdient hätte, auf allen Tischvorlagen zu stehen, wenn Investment-Banker und Firmenchefs zu Besprechungen zusammenkommen. Er lautet: „Messet dem Mist und dem Geld denselben Wert zu.“ Ob Franziskus an Vespasians Bonmot gedacht hatte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ging es ihm nicht um die Feststellung, dass Geld wie Mist stinkt. Ihm ging es um den Gebrauch des Geldes.
Ja, Geld mag stinken wie Mist. Und es stinkt um so mehr, je mehr es angehäuft wird. Doch kein Bauer käme auf die Idee, den Misthaufen als Wert an sich zu bewahren. Vielmehr wird es ihm darum gehen, den Mist auf seinen Feldern und Äckern zu verteilen, damit das Land seinen Ertrag bringt. Damit alles wächst und gedeiht. Geld, Vermögen ist dafür da, unter die Leute gebracht zu werden und so für das Wachsen und Gedeihen der Gesellschaften zu sorgen. Das angehäufte, zusammengeraffte Vermögen in den Händen weniger – das stinkt einfach zum Himmel, aber unter die Menschen gebracht kann es den Reichtum an Möglichkeiten aufblühen lassen, die Gott jedem Menschenkind mit auf den Lebensweg gegeben hat.
„Messet dem Mist und dem Geld denselben Wert zu.“
Franz von Assisi knüpfte mit seinem Satz an einen Ratschlag Jesu an, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.“
Oder in der Übersetzung der Basisbibel: „Nutzt das Geld, an dem so viel Unrecht haftet, um euch Freunde zu machen.“ (Lk.16,9a)
Freunde, nicht Spießgesellen, um mit ihnen immer mehr Geld zu scheffeln – wie es die Super-, die Überreichen tun, wenn sie sich gegenseitig zu ihren Partys einladen, um gemeinsam nach noch mehr Anlagemöglichkeiten und Steuerschlupflöchern zu suchen. Freunde unter den Menschen, die über kein oder viel zu wenig Geld verfügen, um ihrer Not abzuhelfen. Geben ohne eigennützige Berechnung. Aber im Bewusstsein, damit etwas für das Reich Gottes zu geben.
Gott – Glaube – Geld. Sie haben viel miteinander zu tun.
Solange es einem darauf ankommt, viel Geld zu haben – läuft etwas ziemlich schief.
Gott fragt uns nicht, wieviel Geld wir gemacht haben.
Sondern er fragt uns: Was machst du mit deinem Geld?
Und so gefragt, sollten wir nicht vergessen, worauf es Gott ankommt: Auf Gemeinschaftsgerechtigkeit und Güte.
Darauf, dass ER unsere Wertvorstellungen prägt,
dass wir mit unserem Leben,
auch mit unserem Umgang mit Geld, ihn widerspiegeln.
Lied „Herr, lass deine Wahrheit“ (Mennonitisches Gesangbuch 419)
- Herr, lass deine Wahrheit / uns vor Augen stehn,
lass in deiner Klarheit / Lug und Trug vergehn.
- Gib uns reine Herzen, / mach uns dienstbereit
und zu hellen Kerzen / in der Dunkelheit.
- Lass uns selbstlos werden, / wende unsern Sinn
auf der ganzen Erde / zueinander hin.
- Liebe uns erfülle; / lenke Herz und Hand,
weil dein Liebeswille / alle Welt umspannt.
- Lass uns in der Stille / hören deinen Plan
und tun, was dein Wille / uns hat kundgetan.
- In die Zeitenwende / hast du uns gestellt.
Hier sind Herz und Hände / für die neue Welt.
(Text: Liselotte Corbach 1953)
10.S.n.Tr., Israelsonntag, 09.08.2026, Lk.19,41-44, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
der Israelsonntag ist seit geraumer Zeit wirklich zu einer Herausforderung für alle Predigenden geworden. Es fällt einfach zunehmend schwerer, über das Verhältnis von Kirche und Israel im Sinne einer Zuordnung auf der Ebene des Glaubens zu sprechen – eben das Verhältnis des christlichen Glaubens, der christlichen Religion zu dem jüdischen Glauben, der jüdischen Religion. Einfach deshalb, weil Israel eben nicht für das Judentum steht, sondern heute ein Nationalstaat ist, der die vollen Bürgerrecht nur Jüdinnen und Juden zugesteht und mittlerweile eine religiös-rechtsradikale Regierung hat, die im Schatten des Gaza-Krieges drauf und dran ist, sich auch noch die letzten den Palästinensern im Westjordanland geblieben Gebiete einzuverleiben: in ihren Augen erfüllen sie damit den Willen Gottes, der Israel das ganze Land verheißen hat, wobei sie sich auf Gebiete beziehen, die in den Geschichtsbüchern der Hebräischen Bibel genannt werden. Eines ist dabei schon absehbar: die radikalen Siedler und rechtsradikale Fromme und Politiker werden sich mit der Westbank nicht zufriedengeben. Teile des Libanon, Syriens und auch Jordaniens stehen längst auf ihrer Liste.
Israel kann vor diesem Hintergrund nicht mehr synonym gebraucht werden zum Judentum.
Die Aufgabe, die sich uns als Christen stellt, ist unsere Verbundenheit mit dem Judentum zu reflektieren, um nicht noch einmal jüdische Menschen zu diskriminieren, verächtlich zu machen und sie auszugrenzen. Das haben Christen in der Vergangenheit mit gutem christlichen Gewissen – Gott sei es geklagt – immer wieder getan und damit dem völkischen Antisemitismus den Boden bereitet, der zur Katastrophe des Holocaust führte.
Als Christen haben wir in unserer Gesellschaft aber auch eine besondere Verantwortung für das, was einmal ausgehend von der Kirche heute in Politik und Gesellschaft zu Judentum und Israel gedacht und gesagt wird. Glaube und Politik sind für uns nicht gänzlich zu trennen, sondern der Glaube ruft uns in die Verantwortung für das Miteinander in unserer Gesellschaft und auch darüber hinaus. Das Wiedererstarken des Antisemitismus bei uns und weltweit kann uns als Christen nicht gleichgültig sein. Ebenso kann es uns aber auch nicht gleichgültig lassen, dass sich unsere Regierung im Begriff „Israel“ verheddert hat und nicht mehr in der Lage zu sein scheint, klar zu sehen, wozu uns die Erinnerung an den Holocaust verpflichtet, was sozusagen die „Staatsräson“ ausmacht:
nämlich nicht zu schweigen, wenn Menschen aufgrund ihres Jüdischseins diskriminiert, ausgegrenzt und angegriffen werden, sondern sich klar an ihre Seite zu stellen. Der Schutz eines rechtsradikal regierten Nationalstaats namens Israel gehört meines Erachtens nicht dazu.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich für die Predigt am heutigen Israelsonntag für einen Text entschieden, der Glaube und Politik zusammenbringt. Es sind Verse aus dem Lukasevangelium, um die seit vielen Jahren Verantwortliche in unserer Evangelischen Kirche offensichtlich einen großen Bogen machen, weil sie ihnen zu heikel sind – erinnern sie doch auch an die unseligen Zeiten, wo dieser Text, in dem von der Zerstörung Jerusalems die Rede ist, von Christen so ausgelegt wurde, dass diese Tragödie für sie ein Grund zur Freude sei.
Ich lese nun die Verse 41-44 aus dem 19.Kapitel des Lukasevangeliums.
„41 Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte
und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:
42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest,
was dir Frieden bringt!
Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.
43 Denn es wird eine schlimme Zeit über dich hereinbrechen:
Deine Feinde werden einen Wall aus spitzen Pfählen
rings um dich errichten. Sie werden dich umzingeln
und von allen Seiten einschließen.
44 Dich und deine Bewohner werden sie restlos vernichten.
Keinen Stein werden sie auf dem anderen lassen –
weil du den Tag nicht erkannt hast,
an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.«
Lassen Sie mich zunächst diesen Text kurz geschichtlich einordnen und ihn von einem leider bis heute virulenten Missverständnis befreien, das immer wieder religiösen Antisemitismus befeuert.
Als Lukas sein Evangelium verfasste, hatten die Römer unter dem Befehlshaber Titus wenige Jahre zuvor nach langer Belagerung im Jahr 70 Jerusalem eingenommen, die Bewohner der Stadt, sofern sie nicht schon während der Belagerung durch Hunger und Seuchen umgekommen waren, mit den Verteidigern massakriert oder versklavt, den Tempelschatz und alle Reichtümer geplündert und zuletzt den Tempel mit großen Teilen der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Ein geschichtlich Bedeutsames Ereignis, das auf dem Triumphbogen des Titus in Rom festgehalten wurde und dort bis heute betrachtet werden kann. Seitdem die Römer im Jahr 63 v.Chr. Palästina und Syrien ihrem Herrschaftsbereich einverleibt hatten, hatte es immer wieder Aufstände jüdischer Freiheitskämpfer gegeben. Und immer hatten die Römer brutal zurückgeschlagen und nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie die Macht im Land hatten und behalten wollten. Das hat sicher auch Jesus zu seinen Lebzeiten mitbekommen. Einige seiner Worte zeigen das ganz genau, zum Beispiel das Schwertwort: „Denn alle, die zum Schwert greifen, werden auch durch das Schwert umkommen.“ (Mt.26,52)
Oder in Lk.14,31-32, wo Jesus sagt: „Stellt euch vor:
Ein König will gegen einen anderen König
in den Krieg ziehen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin und überlegt: Sind zehntausend Mann stark genug,
um gegen einen Feind anzutreten, der mit zwanzigtausend Mann anrückt? Wenn nicht, dann schickt er besser Unterhändler, solange der Gegner noch weit weg ist.
Die sollen Friedensverhandlungen führen.“
Jesus war bestimmt ein politisch wacher Mensch, der um die Gefahren wusste, die allen Bewohnern im Land drohten, wenn der Konflikt zwischen den Aufständischen und den Römern eskalieren würde. Aber ob der Vers 44 wirklich O-Ton Jesus ist, ist mehr als zweifelhaft. Da meldet sich wohl doch Lukas, der Zeitzeuge der Ereignisse des Jahres 70 war. Und er ist ganz sicher für den zweiten Teil des Verses verantwortlich, der in der Folge einfach verhängnisvoll war – historisch unsinnig und für das Verhältnis der Christen zu den Juden fatal. Da lässt Lukas Jesus nach der Klage in Vers 42 eine Schuldzuweisung anschließen: all das Schreckliche geschieht dir und euch „weil du den Tag nicht erkannt hast, an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.“ Gemeint ist: Gott hat doch Jesus geschickt, den Retter, aber er wurde Jerusalem/Juda nicht als solcher akzeptiert. Wenn alle in Jerusalem an ihn geglaubt hätten, dann stünde der Tempel heute noch in der unversehrten Stadt Jerusalem. Daraus hörten Christen über viele Jahrhunderte: weil die Juden nicht an Jesus glaubten, deshalb wurde Jerusalem mit dem Tempel zerstört. Nicht die Römer waren die Schuldigen, sondern die Juden.
Antisemitismus pur. Ich kann verstehen, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer wohl deshalb einen Bogen um diesen Text machen. Aber in diesen Versen steckt auch viel Bedenkenswertes und deshalb habe ich ihn ausgewählt. Allerdings ist es unerlässlich, den im Text eingebetteten Antisemitismus klar zu benennen und ihn so zu entlarven.
Wichtig für uns heute sind mir die ersten beiden Verse:
„41 Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte
und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:
42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest,
was dir Frieden bringt!“
Jesus sieht Jerusalem vor sich, im Zentrum den Tempel, einen der damals großartigsten Sakralbauten im römischen Reich, er sieht und bricht in Tränen aus. Ein mitfühlender Schmerz, der ihn klagen lässt: „Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“ Und natürlich steht das Du Jerusalem für die Menschen in der Stadt und im Land Juda.
Erkennen, was Frieden wachsen lässt. Welcher Weg einzuschlagen ist. Für die politisch Verantwortlichen und auch für die Bewohnerinnen und Bewohner von Stadt und Land.
Damals, zu Jesu Zeiten.
Aber auch heute kommt es darauf an:
Erkennen, was Frieden wachsen lässt.
Du, Jerusalem, Du, Washington, Du, Teheran, Du, Berlin.
Erkenne, was Du dazu beitragen kannst.
Jesus weint damals beim Anblick Jerusalems.
Und ihm würde es auch heute die Tränen in die Augen treiben – über Jerusalem, über diesen unseligen Konflikt im Nahen Osten, über das Unrecht und alle Gewalttaten, die längst vor dem 7.Oktober 2023 das Leben der Menschen in Israel, Palästina, im Libanon, in Syrien und im Iran vergiftet haben.
Warum gelingt es einfach nicht, Frieden in den vorderen Orient zu bringen?
Die Antworten nehmen zuerst immer die aktuell „Schuldigen“ in den Blick. Und es ist ja nicht von der Hand zu weisen: die Verantwortlichen in Israel, in den USA haben unverantwortlich gehandelt und eine kriegerische Auseinander- setzung mit dem Iran in Gang gesetzt, haben das Völkerrecht genauso missachtet wie Putin mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Mit Krieg gegen den Terror rechtfertigt Israel seine Angriffe gegen den Libanon, begeht in Gaza ganz offensichtlich mit dem gleichen Argument Verbrechen gegen die Menschlichkeit und lässt die Regierung Netanjahu es zu, dass rechtsradikale Siedler die Palästinensische Bevölkerung im Westjordanland terrorisieren.
Natürlich wäre ein Schweigen aller Waffen, ein Waffenstillstand, der wirklich von Dauer wäre, ein wichtiger erster Schritt, der die Menschen aufatmen lassen könnte.
Aber noch kein Schritt hin zu einem Zustand, wo Frieden wachsen könnte.
Nötig wäre ein Innehalten aller, die Bereitschaft sich ehrlich zu machen: was ist die Ursache, der Grund für all die Konflikte der vergangenen 100 Jahre im Nahen Osten, um Israel und Palästina? Was befeuert immer wieder den Hass und setzt den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt immer wieder neu in Gang?
Ohne diese Bereitschaft, da bin ich mir leider ziemlich sicher, wird es nie Frieden geben in und um Jerusalem.
„Wenn doch auch du heute erkenntest, was dem Frieden dient.“ „Wenn du doch bereit wärst, innezuhalten und hinzusehen, wenn du den Mut aufbrächtest, der geschichtlichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen.“
Und es braucht Mut, denn da wird jede Konfliktpartei auch mit unliebsamen Tatsachen konfrontiert werden.
Doch nur wo Recht und Wahrheit herrschen, nicht das Recht des Stärkeren, nur da kann Frieden Wurzeln schlagen.
Diesen Mut zur Wahrhaftigkeit, zu einem schonungslos ehrlichen Ansehen der Vergangenheit braucht es nicht nur für die unmittelbar beteiligten Nationen und Völker, für die Israelis und Palästinenser, sondern auch für alle, die in der Region in den letzten 200 Jahren als Kolonialmächte zugange waren oder auf andere Weise ihre Wirtschaftsinteressen verfolgt haben. Und auch wir in Deutschland stehen da nicht draußen vor, denn unser Umgang mit dem Holocaust hat uns in eine gefährliche Sackgasse geführt. Unsere Solidarität mit Israel darf nicht unseren Einsatz für Menschenrechte und Völkerrecht beschneiden. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit.
Eine Ursache für das Dilemma, in dem die deutsche Politik sich international befindet, liegt darin, dass wir uns nach 1945 zwar mit dem Antisemitismus und dem Holocaust der Nazizeit auseinandergesetzt haben, aber sträflich versäumt haben, uns mit dem Kolonialismus und dem mit ihm verbundenen Rassismus genauso zu beschäftigen. Der Geschichtsunterricht in den Schulen zeigt da bis heute einen Totalausfall.
Der Konflikt in und um Israel/Palästina ist aber ein Konflikt, der in der Kolonialzeit entstanden ist, und in den deutsche und europäische Schuldgeschichten gegenüber den jüdischen Menschen in Europa hinein verwoben sind. Nazideutschland hat sie verfolgt und ermordet, und die anderen Länder haben ihre Grenzen dicht gemacht für die Flüchtenden – einschließlich den USA.
Da gilt es: hinsehen, auch wenn es schmerzt, für Recht und Wahrheit eintreten gegenüber jedermann und nach Wegen suchen, die allen weiterhelfen, die guten Willens sind.
Das tun übrigens auch nicht wenige Juden hier in Deutschland, und auch in Israel. Sie warten dringend darauf, dass gerade deutsche Politiker Kirchenleitungen sich da deutlicher positionieren. Jüdische Menschen in Israel werden dann sicher wohnen können, wenn alle Menschen im Land das gleiche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit genießen, wenn die Menschenrechte für alle gelten.
Dann wäre die Klage Jesu nicht ungehört verhallt:
„Wenn doch auch du heute erkenntest, was dem Frieden dient.“
Dass wir erkennen können, dazu hat er uns seinen Geist gegeben. Möge er uns ermutigen, hinzusehen, was war und ist und unsere Augen, Ohren, Herz und Verstand öffnen und weitmachen für eine gerechte, heilvolle Zukunft.
9.S.n.Tr., 02.08.2026, Genesis 3, Graf-Recke-Kirche, Peter Krogull
Liebe Gemeinde,
einen gehörigen Teil meiner Kindheit habe ich im Schrebergarten meiner Großeltern im Duisburger Norden verbracht. Besonders gut kann ich mich immer noch an die Anfahrt erinnern, vor allen Dingen an die kleinen, beigen Arbeiterhäuser, die die Zufahrtsstraße säumten. Im Hintergrund der Schrebergartensiedlung lag eine riesige Fabrikhalle, die auf mich den Eindruck machte, als sei sie schon vor vielen Jahren stillgelegt worden. Immer war es dunkel hinter ihren Fenstern. Die meisten Scheiben waren zersplittert. Als Kind stellte ich mir vor, dass „Halbstarke“ dort nachts mit Steinen ihr Unwesen trieben. Was für ein gruseliger Ort!
Sobald man jedoch den Eingang der Gartensiedlung passiert hatte, verschwand die Erinnerung an die unheimliche Umgebung. Die hohen Hecken der Kleingärten boten den perfekten Sichtschutz, zumindest für einen 5-Jährigen. Mir kam es immer so vor, als würde ich eine verzauberte Parallelwelt betreten. Im Mittelpunkt dieser Welt lag für mich die Parzelle der Großeltern mit der typischen Schrebergarten-Ausstattung: Ziergarten-Zugang, Nutzgarten-Ecke, Obstbäume, Rasen, Schaukel, Grill, Laube. Diese „Zutaten“ sorgten dafür, dass sich bei mir immer eine wundervolle Unbeschwertheit einstellte, sobald ich den Garten betrat. Hier war ich Kind, hier durfte ich es sein und mich von den Großeltern mit Comics und Pudding verwöhnen lassen. Überhaupt meine Großeltern: Auch sie schienen wie verwandelt zu sein, sobald sie ihren Garten betraten. Für Alltagssorgen und Arbeitsstress war hier kein Platz. Hier im Garten durften sie nur „Omma“ und „Oppa“ sein. Hier im Garten galt ihre volle Aufmerksamkeit den Pflanzen und dem Enkel und ihre größte Sorge war, wer denn wohl die freigewordene Parzelle nebenan bekommen würde. Wenn ich in der Bibel die Geschichte vom Garten Eden lese, muss ich an den Garten meiner Großeltern denken. Wie viele Deutsche hatten sie sich in den sechziger Jahren mit ihrem Schrebergarten ein eigenes, kleines Paradies geschaffen, eine grüne Gegenwelt zur grauen Arbeitswelt draußen. In den Achtzigern mussten die Großeltern ihr Paradies dann verlassen. Daran war keine Schlange schuld, sondern der Krebs. Irgendwann waren beide so krank, dass sie sich nicht mehr um den Garten kümmern konnten.
Meine Schrebergarten-Faszination war zu dieser Zeit schon lange vorbei. Als Teenager kam mir die Heile-Welt-Idylle im Parzellenformat sehr spießig vor. Heute bin ich dankbar für die Kindheitstage in diesem „Ruhrpott-Garten-Eden“. Für mich hatte diese Zeit etwas von einem kindlichen Zustand der „träumenden Unschuld“. „Träumende Unschuld“ ist eigentlich ein Ausdruck des Theologen Paul Tillich, der damit den Zustand des Menschen vor dem sogenannten „Sündenfall“ bzw. vor seiner Existenz-Werdung bezeichnet.
„Träumende Unschuld“ ist auf jeden Fall eine gute Beschreibung für meine unbeschwerte Schrebergarten-Kindheit; für eine Zeit, die noch weitgehend frei war von Sorgen und Ängsten. Sie merken, dass ich gedanklich gerne in diese Zeit zurückkehre.
Genauso gerne kehre ich als Pfarrer zu den biblischen Paradiesgeschichten zurück, besonders zu Genesis 3. Das hat weniger etwas mit Nostalgie zu tun, als vielmehr mit der Aktualität und der Anschaulichkeit dieser Geschichte. Sie zu lesen ist wie einen geheimnisvollen Garten zu betreten. Hinter jeder Hecke bzw. hinter jedem Vers begegnet einem ein neuer, interessanter Gedanke.
Das macht es mir bei einer Predigt über diese Geschichte auch so schwer, mich auf einen einzelnen Aspekt zu konzentrieren. Diese Geschichte lässt sich nicht auf einen Punkt bringen oder unter einer Überschrift zusammenfassen; schon gar nicht unter „Der Sündenfall“, wie es in der Lutherbibel heißt, obwohl das Wort „Sünde“ in Genesis 3 kein einziges Mal vorkommt.
Lieber will ich einmal den Garten der gesamten Geschichte durchstreifen und dabei einige Gedankenfrüchte auflesen.
Ich freue mich, wenn Sie mitkommen! Doch bitte passen Sie auf! Gleich nach dem Eingang der Geschichte wird es gefährlich. Da ist die Schlange, die uns als Lesende empfängt und in ihren Bann zieht. Wo kommt sie her und wieso gibt es sie überhaupt? Wie kommt es, dass die Schlange so genial argumentiert und so verführerisch auf Eva einredet?
Wenn ich an die Schlange der Paradiesgeschichte denke, kommt meinem Disney-geprägten Gedächtnis sofort die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch in den Sinn. So wie Kaa mit ihren Blicken Mogli hypnotisiert, so hypnotisiert die Eden-Schlange die Lesenden mit ihren Worten und treibt sie zu immer neuen Spekulationen an. Ob es sich bei der Schlange um den Teufel handelt? Die Bibel selbst verliert kein Wort über das Wesen der Schlange oder über ihre Herkunft.
Sie ist einfach da als listiger Teil von Gottes Schöpfung. Diese Schöpfung ist grundsätzlich gut, aber in ihr gibt es auch Wesen und Dinge, die für uns Menschen bedrohlich sind und uns herausfordern. Können wir diese Tatsache akzeptieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen? Das ist eine grundsätzliche Frage der Garten-Geschichte an uns.
Sie begegnet uns auch hinter der nächsten Ecke im Paradies, zu der uns Eva und die Schlange begleiten. Da sehen wir den Baum in der Mitte des Gartens:
„Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“
Was man von diesem Teil der Geschichte „pflücken“ kann, ist eine tiefe Einsicht in das menschliche Wesen. Es fällt uns schwer, Grenzen und Gebote zu akzeptieren. Besonders schwer fällt es uns zu akzeptieren, dass da ein Gott ist, dem wir unser Leben verdanken und der mächtiger ist als wir.
Wir wären gerne so wie Gott und würden gerne so viel wissen wie er. Für mich ist das eine der Pointen dieser Geschichte:
In dem Moment, in dem die Menschen vom Baum der Erkenntnis genascht haben, erkennen sie zuerst einmal, dass sie keine grandiosen Übermenschen sind, sondern nackte Erdlinge. Bei Adam und Eva führt diese Einsicht zur Scham. Ich wünsche mir, dass diese Einsicht bei uns Menschen heutzutage zu etwas mehr Demut und Bescheidenheit führen möge.
Ich denke an die Wissenschaftlerinnen und Forscher, die sich mit der Verlängerung des menschlichen Lebens beschäftigen. Biologisch scheint es realistisch und in Zukunft auch machbar zu sein, dass der Mensch ein wahrhaft biblisches Alter von 150 Jahren erreichen kann. Wenn ich die Forschungsberichte lese, habe ich oft den Eindruck, als gehe es um einen sportlichen Wettkampf zum Erreichen eines Höchstalters. Wäre es nicht erstrebenswerter, die Lebensqualität von alten Menschen zu verbessern? Wahre Erkenntnis bedeutet, seine menschlichen Grenzen zu akzeptieren. Schön wäre es, wenn Wissenschaft und Forschung sich in diesem Gedanken der Paradies-Geschichte wiederfinden könnten.
Worin wir uns vermutlich alle wiederfinden können, ist der Teil der Geschichte, in dem Adam und Eva versuchen, sich vor Gott für ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen. Adam sagt:
„Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Woraufhin Eva meint: „Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.“ Schuld wird verschoben und Verantwor-tung wird von sich gewiesen. Auch hier hält die alte Geschichte uns Menschen einen Spiegel vor. Denn so wird heutzutage immer noch Verantwortung verschoben und lieber ein anderer zum Sündenbock erklärt. So machen es Kinder, so machen es Politiker und Politikerinnen, so machen es wir alle. Schamrot laufen wir an, wenn wir diesen Abschnitt der Geschichte durchstreifen. Aber vielleicht lernen wir ja daraus und machen es beim nächsten Mal besser. Dann hätte die alte Geschichte für uns einen praktischen Nutzen.
Diesen hat auch ihre nächste Ecke. Wir befinden uns hier im „Nutzgarten“ von Genesis 3.
Ich meine die Strafen, die Gott für die Schlange, den Adam und die Eva verhängt. Diesen Strafen merkt man an, dass sie einen besonderen Nutzen haben. Sie wollen erklären, wie etwas geworden ist. Warum ist Feindschaft zwischen der Schlange und dem Menschen?
Warum sind Schwangerschaft und Geburt so schmerzhaft? Warum ist das Leben so arbeitsreich und hart? Die Reime, die die Menschen sich damals auf das Leben gemacht haben, mögen nicht mehr unsere Reime sein, vor allen Dingen nicht der, dass der Mann der Herr der Frau sei. Trotzdem rührt es mich an, wenn ich lese, wie die Menschen damals versucht haben, ihre leidvollen Erfahrungen mit ihrem Glauben an Gott in Einklang zu bringen. Vor dieser Herausforderung stehen wir Menschen heutzutage mehr denn je.
Die Krisen unserer Zeit, besonders die Klimakrise, bedrohen unsere Existenz und die der ganzen Schöpfung.
Was hat Gott damit zu tun? Unsere heutigen theologischen Antworten auf diese Frage kommen meiner Meinung nach oft sehr leise und schmallippig daher. Schnell und gut sind wir darin, von dem leidenden Gott zu sprechen, der immer bei uns ist und uns auch in den Tiefen des Lebens nicht allein lässt. Das ist gewiss richtig, aber es ist ja nicht das Einzige, was man angesichts der Klimakrise über und zu Gott sagen sollte. Ich glaube nicht, dass diese Krisen Strafen Gottes sind. Ich glaube, dass der Mensch für die Monstrosität dieser Krisen verantwortlich ist. Durch unser ausbeuterisches Verhältnis zur Natur und durch unseren globalisierten Lebensstil verschärfen wir sie. Unter diesen Krisen leiden meistens die armen Menschen der südlichen Halbkugel, die am wenigsten dafür können. Wären diese Krisen wirklich Strafen Gottes, würden die Strafen die Verantwortlichen treffen. Was also hat Gott mit diesen Krisen zu tun? Spaziert er durch seinen Paradiesgarten in der Abendkühle, während draußen die Welt brennt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Dem Gott im Garten ist der Mensch nicht egal. Nachdem Gott Adam und Eva bestraft hat, schneidert er den beiden aus Fellen die passende Funktionskleidung für das harte Leben außerhalb des Gartens. Was für eine schöne und seltene Blume, dieses Bild von Gott als liebevollem Schneider! Für mich ist sie der Mittelpunkt der Geschichte vom Garten Eden.
Ich möchte sie pflücken und denen schenken, die immer noch sagen, dass der Gott des Alten Testaments ein strafender und rachsüchtiger Gott sei. Die „Gott-als-Schneider“-Blume ließe sie wissen, dass schon zu Beginn der heiligen Schrift Gott den Menschen liebt und trotz aller Fehler sein Leben will. „Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ Mir macht dieser Vers Hoffnung, dass Gott uns in die Krisen der Zukunft nicht schutzlos hineinlaufen lässt, auch wenn wir selber viel Schuld an ihnen haben.
Der Gott aus dem Garten vergibt dem Menschen und er rüstet ihn aus für die Zukunft. Darum verlieren wir nicht den Mut, ganz egal wie spät es auf der Klimakrisen-Uhr ist. Wir können nicht zurück in Gottes Garten, aber wir können versuchen, diese Welt in einen Garten für alle Menschen zu verwandeln. Das klingt vielleicht kindlich-naiv, aber die träumende Unschuld der Kinder ist der Anfang von allen Dingen, die gut sind.
Amen.
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