10.S.n.Tr., Israelsonntag, 09.08.2026, Lk.19,41-44, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
der Israelsonntag ist seit geraumer Zeit wirklich zu einer Herausforderung für alle Predigenden geworden. Es fällt einfach zunehmend schwerer, über das Verhältnis von Kirche und Israel im Sinne einer Zuordnung auf der Ebene des Glaubens zu sprechen – eben das Verhältnis des christlichen Glaubens, der christlichen Religion zu dem jüdischen Glauben, der jüdischen Religion. Einfach deshalb, weil Israel eben nicht für das Judentum steht, sondern heute ein Nationalstaat ist, der die vollen Bürgerrecht nur Jüdinnen und Juden zugesteht und mittlerweile eine religiös-rechtsradikale Regierung hat, die im Schatten des Gaza-Krieges drauf und dran ist, sich auch noch die letzten den Palästinensern im Westjordanland geblieben Gebiete einzuverleiben: in ihren Augen erfüllen sie damit den Willen Gottes, der Israel das ganze Land verheißen hat, wobei sie sich auf Gebiete beziehen, die in den Geschichtsbüchern der Hebräischen Bibel genannt werden. Eines ist dabei schon absehbar: die radikalen Siedler und rechtsradikale Fromme und Politiker werden sich mit der Westbank nicht zufriedengeben. Teile des Libanon, Syriens und auch Jordaniens stehen längst auf ihrer Liste.
Israel kann vor diesem Hintergrund nicht mehr synonym gebraucht werden zum Judentum.
Die Aufgabe, die sich uns als Christen stellt, ist unsere Verbundenheit mit dem Judentum zu reflektieren, um nicht noch einmal jüdische Menschen zu diskriminieren, verächtlich zu machen und sie auszugrenzen. Das haben Christen in der Vergangenheit mit gutem christlichen Gewissen – Gott sei es geklagt – immer wieder getan und damit dem völkischen Antisemitismus den Boden bereitet, der zur Katastrophe des Holocaust führte.
Als Christen haben wir in unserer Gesellschaft aber auch eine besondere Verantwortung für das, was einmal ausgehend von der Kirche heute in Politik und Gesellschaft zu Judentum und Israel gedacht und gesagt wird. Glaube und Politik sind für uns nicht gänzlich zu trennen, sondern der Glaube ruft uns in die Verantwortung für das Miteinander in unserer Gesellschaft und auch darüber hinaus. Das Wiedererstarken des Antisemitismus bei uns und weltweit kann uns als Christen nicht gleichgültig sein. Ebenso kann es uns aber auch nicht gleichgültig lassen, dass sich unsere Regierung im Begriff „Israel“ verheddert hat und nicht mehr in der Lage zu sein scheint, klar zu sehen, wozu uns die Erinnerung an den Holocaust verpflichtet, was sozusagen die „Staatsräson“ ausmacht:
nämlich nicht zu schweigen, wenn Menschen aufgrund ihres Jüdischseins diskriminiert, ausgegrenzt und angegriffen werden, sondern sich klar an ihre Seite zu stellen. Der Schutz eines rechtsradikal regierten Nationalstaats namens Israel gehört meines Erachtens nicht dazu.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich für die Predigt am heutigen Israelsonntag für einen Text entschieden, der Glaube und Politik zusammenbringt. Es sind Verse aus dem Lukasevangelium, um die seit vielen Jahren Verantwortliche in unserer Evangelischen Kirche offensichtlich einen großen Bogen machen, weil sie ihnen zu heikel sind – erinnern sie doch auch an die unseligen Zeiten, wo dieser Text, in dem von der Zerstörung Jerusalems die Rede ist, von Christen so ausgelegt wurde, dass diese Tragödie für sie ein Grund zur Freude sei.
Ich lese nun die Verse 41-44 aus dem 19.Kapitel des Lukasevangeliums.
„41 Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte
und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:
42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest,
was dir Frieden bringt!
Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.
43 Denn es wird eine schlimme Zeit über dich hereinbrechen:
Deine Feinde werden einen Wall aus spitzen Pfählen
rings um dich errichten. Sie werden dich umzingeln
und von allen Seiten einschließen.
44 Dich und deine Bewohner werden sie restlos vernichten.
Keinen Stein werden sie auf dem anderen lassen –
weil du den Tag nicht erkannt hast,
an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.«
Lassen Sie mich zunächst diesen Text kurz geschichtlich einordnen und ihn von einem leider bis heute virulenten Missverständnis befreien, das immer wieder religiösen Antisemitismus befeuert.
Als Lukas sein Evangelium verfasste, hatten die Römer unter dem Befehlshaber Titus wenige Jahre zuvor nach langer Belagerung im Jahr 70 Jerusalem eingenommen, die Bewohner der Stadt, sofern sie nicht schon während der Belagerung durch Hunger und Seuchen umgekommen waren, mit den Verteidigern massakriert oder versklavt, den Tempelschatz und alle Reichtümer geplündert und zuletzt den Tempel mit großen Teilen der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Ein geschichtlich Bedeutsames Ereignis, das auf dem Triumphbogen des Titus in Rom festgehalten wurde und dort bis heute betrachtet werden kann. Seitdem die Römer im Jahr 63 v.Chr. Palästina und Syrien ihrem Herrschaftsbereich einverleibt hatten, hatte es immer wieder Aufstände jüdischer Freiheitskämpfer gegeben. Und immer hatten die Römer brutal zurückgeschlagen und nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie die Macht im Land hatten und behalten wollten. Das hat sicher auch Jesus zu seinen Lebzeiten mitbekommen. Einige seiner Worte zeigen das ganz genau, zum Beispiel das Schwertwort: „Denn alle, die zum Schwert greifen, werden auch durch das Schwert umkommen.“ (Mt.26,52)
Oder in Lk.14,31-32, wo Jesus sagt: „Stellt euch vor:
Ein König will gegen einen anderen König
in den Krieg ziehen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin und überlegt: Sind zehntausend Mann stark genug,
um gegen einen Feind anzutreten, der mit zwanzigtausend Mann anrückt? Wenn nicht, dann schickt er besser Unterhändler, solange der Gegner noch weit weg ist.
Die sollen Friedensverhandlungen führen.“
Jesus war bestimmt ein politisch wacher Mensch, der um die Gefahren wusste, die allen Bewohnern im Land drohten, wenn der Konflikt zwischen den Aufständischen und den Römern eskalieren würde. Aber ob der Vers 44 wirklich O-Ton Jesus ist, ist mehr als zweifelhaft. Da meldet sich wohl doch Lukas, der Zeitzeuge der Ereignisse des Jahres 70 war. Und er ist ganz sicher für den zweiten Teil des Verses verantwortlich, der in der Folge einfach verhängnisvoll war – historisch unsinnig und für das Verhältnis der Christen zu den Juden fatal. Da lässt Lukas Jesus nach der Klage in Vers 42 eine Schuldzuweisung anschließen: all das Schreckliche geschieht dir und euch „weil du den Tag nicht erkannt hast, an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.“ Gemeint ist: Gott hat doch Jesus geschickt, den Retter, aber er wurde Jerusalem/Juda nicht als solcher akzeptiert. Wenn alle in Jerusalem an ihn geglaubt hätten, dann stünde der Tempel heute noch in der unversehrten Stadt Jerusalem. Daraus hörten Christen über viele Jahrhunderte: weil die Juden nicht an Jesus glaubten, deshalb wurde Jerusalem mit dem Tempel zerstört. Nicht die Römer waren die Schuldigen, sondern die Juden.
Antisemitismus pur. Ich kann verstehen, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer wohl deshalb einen Bogen um diesen Text machen. Aber in diesen Versen steckt auch viel Bedenkenswertes und deshalb habe ich ihn ausgewählt. Allerdings ist es unerlässlich, den im Text eingebetteten Antisemitismus klar zu benennen und ihn so zu entlarven.
Wichtig für uns heute sind mir die ersten beiden Verse:
„41 Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte
und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:
42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest,
was dir Frieden bringt!“
Jesus sieht Jerusalem vor sich, im Zentrum den Tempel, einen der damals großartigsten Sakralbauten im römischen Reich, er sieht und bricht in Tränen aus. Ein mitfühlender Schmerz, der ihn klagen lässt: „Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“ Und natürlich steht das Du Jerusalem für die Menschen in der Stadt und im Land Juda.
Erkennen, was Frieden wachsen lässt. Welcher Weg einzuschlagen ist. Für die politisch Verantwortlichen und auch für die Bewohnerinnen und Bewohner von Stadt und Land.
Damals, zu Jesu Zeiten.
Aber auch heute kommt es darauf an:
Erkennen, was Frieden wachsen lässt.
Du, Jerusalem, Du, Washington, Du, Teheran, Du, Berlin.
Erkenne, was Du dazu beitragen kannst.
Jesus weint damals beim Anblick Jerusalems.
Und ihm würde es auch heute die Tränen in die Augen treiben – über Jerusalem, über diesen unseligen Konflikt im Nahen Osten, über das Unrecht und alle Gewalttaten, die längst vor dem 7.Oktober 2023 das Leben der Menschen in Israel, Palästina, im Libanon, in Syrien und im Iran vergiftet haben.
Warum gelingt es einfach nicht, Frieden in den vorderen Orient zu bringen?
Die Antworten nehmen zuerst immer die aktuell „Schuldigen“ in den Blick. Und es ist ja nicht von der Hand zu weisen: die Verantwortlichen in Israel, in den USA haben unverantwortlich gehandelt und eine kriegerische Auseinander- setzung mit dem Iran in Gang gesetzt, haben das Völkerrecht genauso missachtet wie Putin mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Mit Krieg gegen den Terror rechtfertigt Israel seine Angriffe gegen den Libanon, begeht in Gaza ganz offensichtlich mit dem gleichen Argument Verbrechen gegen die Menschlichkeit und lässt die Regierung Netanjahu es zu, dass rechtsradikale Siedler die Palästinensische Bevölkerung im Westjordanland terrorisieren.
Natürlich wäre ein Schweigen aller Waffen, ein Waffenstillstand, der wirklich von Dauer wäre, ein wichtiger erster Schritt, der die Menschen aufatmen lassen könnte.
Aber noch kein Schritt hin zu einem Zustand, wo Frieden wachsen könnte.
Nötig wäre ein Innehalten aller, die Bereitschaft sich ehrlich zu machen: was ist die Ursache, der Grund für all die Konflikte der vergangenen 100 Jahre im Nahen Osten, um Israel und Palästina? Was befeuert immer wieder den Hass und setzt den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt immer wieder neu in Gang?
Ohne diese Bereitschaft, da bin ich mir leider ziemlich sicher, wird es nie Frieden geben in und um Jerusalem.
„Wenn doch auch du heute erkenntest, was dem Frieden dient.“ „Wenn du doch bereit wärst, innezuhalten und hinzusehen, wenn du den Mut aufbrächtest, der geschichtlichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen.“
Und es braucht Mut, denn da wird jede Konfliktpartei auch mit unliebsamen Tatsachen konfrontiert werden.
Doch nur wo Recht und Wahrheit herrschen, nicht das Recht des Stärkeren, nur da kann Frieden Wurzeln schlagen.
Diesen Mut zur Wahrhaftigkeit, zu einem schonungslos ehrlichen Ansehen der Vergangenheit braucht es nicht nur für die unmittelbar beteiligten Nationen und Völker, für die Israelis und Palästinenser, sondern auch für alle, die in der Region in den letzten 200 Jahren als Kolonialmächte zugange waren oder auf andere Weise ihre Wirtschaftsinteressen verfolgt haben. Und auch wir in Deutschland stehen da nicht draußen vor, denn unser Umgang mit dem Holocaust hat uns in eine gefährliche Sackgasse geführt. Unsere Solidarität mit Israel darf nicht unseren Einsatz für Menschenrechte und Völkerrecht beschneiden. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit.
Eine Ursache für das Dilemma, in dem die deutsche Politik sich international befindet, liegt darin, dass wir uns nach 1945 zwar mit dem Antisemitismus und dem Holocaust der Nazizeit auseinandergesetzt haben, aber sträflich versäumt haben, uns mit dem Kolonialismus und dem mit ihm verbundenen Rassismus genauso zu beschäftigen. Der Geschichtsunterricht in den Schulen zeigt da bis heute einen Totalausfall.
Der Konflikt in und um Israel/Palästina ist aber ein Konflikt, der in der Kolonialzeit entstanden ist, und in den deutsche und europäische Schuldgeschichten gegenüber den jüdischen Menschen in Europa hinein verwoben sind. Nazideutschland hat sie verfolgt und ermordet, und die anderen Länder haben ihre Grenzen dicht gemacht für die Flüchtenden – einschließlich den USA.
Da gilt es: hinsehen, auch wenn es schmerzt, für Recht und Wahrheit eintreten gegenüber jedermann und nach Wegen suchen, die allen weiterhelfen, die guten Willens sind.
Das tun übrigens auch nicht wenige Juden hier in Deutschland, und auch in Israel. Sie warten dringend darauf, dass gerade deutsche Politiker Kirchenleitungen sich da deutlicher positionieren. Jüdische Menschen in Israel werden dann sicher wohnen können, wenn alle Menschen im Land das gleiche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit genießen, wenn die Menschenrechte für alle gelten.
Dann wäre die Klage Jesu nicht ungehört verhallt:
„Wenn doch auch du heute erkenntest, was dem Frieden dient.“
Dass wir erkennen können, dazu hat er uns seinen Geist gegeben. Möge er uns ermutigen, hinzusehen, was war und ist und unsere Augen, Ohren, Herz und Verstand öffnen und weitmachen für eine gerechte, heilvolle Zukunft.
9.S.n.Tr., 02.08.2026, Genesis 3, Graf-Recke-Kirche, Peter Krogull
Liebe Gemeinde,
einen gehörigen Teil meiner Kindheit habe ich im Schrebergarten meiner Großeltern im Duisburger Norden verbracht. Besonders gut kann ich mich immer noch an die Anfahrt erinnern, vor allen Dingen an die kleinen, beigen Arbeiterhäuser, die die Zufahrtsstraße säumten. Im Hintergrund der Schrebergartensiedlung lag eine riesige Fabrikhalle, die auf mich den Eindruck machte, als sei sie schon vor vielen Jahren stillgelegt worden. Immer war es dunkel hinter ihren Fenstern. Die meisten Scheiben waren zersplittert. Als Kind stellte ich mir vor, dass „Halbstarke“ dort nachts mit Steinen ihr Unwesen trieben. Was für ein gruseliger Ort!
Sobald man jedoch den Eingang der Gartensiedlung passiert hatte, verschwand die Erinnerung an die unheimliche Umgebung. Die hohen Hecken der Kleingärten boten den perfekten Sichtschutz, zumindest für einen 5-Jährigen. Mir kam es immer so vor, als würde ich eine verzauberte Parallelwelt betreten. Im Mittelpunkt dieser Welt lag für mich die Parzelle der Großeltern mit der typischen Schrebergarten-Ausstattung: Ziergarten-Zugang, Nutzgarten-Ecke, Obstbäume, Rasen, Schaukel, Grill, Laube. Diese „Zutaten“ sorgten dafür, dass sich bei mir immer eine wundervolle Unbeschwertheit einstellte, sobald ich den Garten betrat. Hier war ich Kind, hier durfte ich es sein und mich von den Großeltern mit Comics und Pudding verwöhnen lassen. Überhaupt meine Großeltern: Auch sie schienen wie verwandelt zu sein, sobald sie ihren Garten betraten. Für Alltagssorgen und Arbeitsstress war hier kein Platz. Hier im Garten durften sie nur „Omma“ und „Oppa“ sein. Hier im Garten galt ihre volle Aufmerksamkeit den Pflanzen und dem Enkel und ihre größte Sorge war, wer denn wohl die freigewordene Parzelle nebenan bekommen würde. Wenn ich in der Bibel die Geschichte vom Garten Eden lese, muss ich an den Garten meiner Großeltern denken. Wie viele Deutsche hatten sie sich in den sechziger Jahren mit ihrem Schrebergarten ein eigenes, kleines Paradies geschaffen, eine grüne Gegenwelt zur grauen Arbeitswelt draußen. In den Achtzigern mussten die Großeltern ihr Paradies dann verlassen. Daran war keine Schlange schuld, sondern der Krebs. Irgendwann waren beide so krank, dass sie sich nicht mehr um den Garten kümmern konnten.
Meine Schrebergarten-Faszination war zu dieser Zeit schon lange vorbei. Als Teenager kam mir die Heile-Welt-Idylle im Parzellenformat sehr spießig vor. Heute bin ich dankbar für die Kindheitstage in diesem „Ruhrpott-Garten-Eden“. Für mich hatte diese Zeit etwas von einem kindlichen Zustand der „träumenden Unschuld“. „Träumende Unschuld“ ist eigentlich ein Ausdruck des Theologen Paul Tillich, der damit den Zustand des Menschen vor dem sogenannten „Sündenfall“ bzw. vor seiner Existenz-Werdung bezeichnet.
„Träumende Unschuld“ ist auf jeden Fall eine gute Beschreibung für meine unbeschwerte Schrebergarten-Kindheit; für eine Zeit, die noch weitgehend frei war von Sorgen und Ängsten. Sie merken, dass ich gedanklich gerne in diese Zeit zurückkehre.
Genauso gerne kehre ich als Pfarrer zu den biblischen Paradiesgeschichten zurück, besonders zu Genesis 3. Das hat weniger etwas mit Nostalgie zu tun, als vielmehr mit der Aktualität und der Anschaulichkeit dieser Geschichte. Sie zu lesen ist wie einen geheimnisvollen Garten zu betreten. Hinter jeder Hecke bzw. hinter jedem Vers begegnet einem ein neuer, interessanter Gedanke.
Das macht es mir bei einer Predigt über diese Geschichte auch so schwer, mich auf einen einzelnen Aspekt zu konzentrieren. Diese Geschichte lässt sich nicht auf einen Punkt bringen oder unter einer Überschrift zusammenfassen; schon gar nicht unter „Der Sündenfall“, wie es in der Lutherbibel heißt, obwohl das Wort „Sünde“ in Genesis 3 kein einziges Mal vorkommt.
Lieber will ich einmal den Garten der gesamten Geschichte durchstreifen und dabei einige Gedankenfrüchte auflesen.
Ich freue mich, wenn Sie mitkommen! Doch bitte passen Sie auf! Gleich nach dem Eingang der Geschichte wird es gefährlich. Da ist die Schlange, die uns als Lesende empfängt und in ihren Bann zieht. Wo kommt sie her und wieso gibt es sie überhaupt? Wie kommt es, dass die Schlange so genial argumentiert und so verführerisch auf Eva einredet?
Wenn ich an die Schlange der Paradiesgeschichte denke, kommt meinem Disney-geprägten Gedächtnis sofort die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch in den Sinn. So wie Kaa mit ihren Blicken Mogli hypnotisiert, so hypnotisiert die Eden-Schlange die Lesenden mit ihren Worten und treibt sie zu immer neuen Spekulationen an. Ob es sich bei der Schlange um den Teufel handelt? Die Bibel selbst verliert kein Wort über das Wesen der Schlange oder über ihre Herkunft.
Sie ist einfach da als listiger Teil von Gottes Schöpfung. Diese Schöpfung ist grundsätzlich gut, aber in ihr gibt es auch Wesen und Dinge, die für uns Menschen bedrohlich sind und uns herausfordern. Können wir diese Tatsache akzeptieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen? Das ist eine grundsätzliche Frage der Garten-Geschichte an uns.
Sie begegnet uns auch hinter der nächsten Ecke im Paradies, zu der uns Eva und die Schlange begleiten. Da sehen wir den Baum in der Mitte des Gartens:
„Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“
Was man von diesem Teil der Geschichte „pflücken“ kann, ist eine tiefe Einsicht in das menschliche Wesen. Es fällt uns schwer, Grenzen und Gebote zu akzeptieren. Besonders schwer fällt es uns zu akzeptieren, dass da ein Gott ist, dem wir unser Leben verdanken und der mächtiger ist als wir.
Wir wären gerne so wie Gott und würden gerne so viel wissen wie er. Für mich ist das eine der Pointen dieser Geschichte:
In dem Moment, in dem die Menschen vom Baum der Erkenntnis genascht haben, erkennen sie zuerst einmal, dass sie keine grandiosen Übermenschen sind, sondern nackte Erdlinge. Bei Adam und Eva führt diese Einsicht zur Scham. Ich wünsche mir, dass diese Einsicht bei uns Menschen heutzutage zu etwas mehr Demut und Bescheidenheit führen möge.
Ich denke an die Wissenschaftlerinnen und Forscher, die sich mit der Verlängerung des menschlichen Lebens beschäftigen. Biologisch scheint es realistisch und in Zukunft auch machbar zu sein, dass der Mensch ein wahrhaft biblisches Alter von 150 Jahren erreichen kann. Wenn ich die Forschungsberichte lese, habe ich oft den Eindruck, als gehe es um einen sportlichen Wettkampf zum Erreichen eines Höchstalters. Wäre es nicht erstrebenswerter, die Lebensqualität von alten Menschen zu verbessern? Wahre Erkenntnis bedeutet, seine menschlichen Grenzen zu akzeptieren. Schön wäre es, wenn Wissenschaft und Forschung sich in diesem Gedanken der Paradies-Geschichte wiederfinden könnten.
Worin wir uns vermutlich alle wiederfinden können, ist der Teil der Geschichte, in dem Adam und Eva versuchen, sich vor Gott für ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen. Adam sagt:
„Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Woraufhin Eva meint: „Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.“ Schuld wird verschoben und Verantwor-tung wird von sich gewiesen. Auch hier hält die alte Geschichte uns Menschen einen Spiegel vor. Denn so wird heutzutage immer noch Verantwortung verschoben und lieber ein anderer zum Sündenbock erklärt. So machen es Kinder, so machen es Politiker und Politikerinnen, so machen es wir alle. Schamrot laufen wir an, wenn wir diesen Abschnitt der Geschichte durchstreifen. Aber vielleicht lernen wir ja daraus und machen es beim nächsten Mal besser. Dann hätte die alte Geschichte für uns einen praktischen Nutzen.
Diesen hat auch ihre nächste Ecke. Wir befinden uns hier im „Nutzgarten“ von Genesis 3.
Ich meine die Strafen, die Gott für die Schlange, den Adam und die Eva verhängt. Diesen Strafen merkt man an, dass sie einen besonderen Nutzen haben. Sie wollen erklären, wie etwas geworden ist. Warum ist Feindschaft zwischen der Schlange und dem Menschen?
Warum sind Schwangerschaft und Geburt so schmerzhaft? Warum ist das Leben so arbeitsreich und hart? Die Reime, die die Menschen sich damals auf das Leben gemacht haben, mögen nicht mehr unsere Reime sein, vor allen Dingen nicht der, dass der Mann der Herr der Frau sei. Trotzdem rührt es mich an, wenn ich lese, wie die Menschen damals versucht haben, ihre leidvollen Erfahrungen mit ihrem Glauben an Gott in Einklang zu bringen. Vor dieser Herausforderung stehen wir Menschen heutzutage mehr denn je.
Die Krisen unserer Zeit, besonders die Klimakrise, bedrohen unsere Existenz und die der ganzen Schöpfung.
Was hat Gott damit zu tun? Unsere heutigen theologischen Antworten auf diese Frage kommen meiner Meinung nach oft sehr leise und schmallippig daher. Schnell und gut sind wir darin, von dem leidenden Gott zu sprechen, der immer bei uns ist und uns auch in den Tiefen des Lebens nicht allein lässt. Das ist gewiss richtig, aber es ist ja nicht das Einzige, was man angesichts der Klimakrise über und zu Gott sagen sollte. Ich glaube nicht, dass diese Krisen Strafen Gottes sind. Ich glaube, dass der Mensch für die Monstrosität dieser Krisen verantwortlich ist. Durch unser ausbeuterisches Verhältnis zur Natur und durch unseren globalisierten Lebensstil verschärfen wir sie. Unter diesen Krisen leiden meistens die armen Menschen der südlichen Halbkugel, die am wenigsten dafür können. Wären diese Krisen wirklich Strafen Gottes, würden die Strafen die Verantwortlichen treffen. Was also hat Gott mit diesen Krisen zu tun? Spaziert er durch seinen Paradiesgarten in der Abendkühle, während draußen die Welt brennt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Dem Gott im Garten ist der Mensch nicht egal. Nachdem Gott Adam und Eva bestraft hat, schneidert er den beiden aus Fellen die passende Funktionskleidung für das harte Leben außerhalb des Gartens. Was für eine schöne und seltene Blume, dieses Bild von Gott als liebevollem Schneider! Für mich ist sie der Mittelpunkt der Geschichte vom Garten Eden.
Ich möchte sie pflücken und denen schenken, die immer noch sagen, dass der Gott des Alten Testaments ein strafender und rachsüchtiger Gott sei. Die „Gott-als-Schneider“-Blume ließe sie wissen, dass schon zu Beginn der heiligen Schrift Gott den Menschen liebt und trotz aller Fehler sein Leben will. „Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ Mir macht dieser Vers Hoffnung, dass Gott uns in die Krisen der Zukunft nicht schutzlos hineinlaufen lässt, auch wenn wir selber viel Schuld an ihnen haben.
Der Gott aus dem Garten vergibt dem Menschen und er rüstet ihn aus für die Zukunft. Darum verlieren wir nicht den Mut, ganz egal wie spät es auf der Klimakrisen-Uhr ist. Wir können nicht zurück in Gottes Garten, aber wir können versuchen, diese Welt in einen Garten für alle Menschen zu verwandeln. Das klingt vielleicht kindlich-naiv, aber die träumende Unschuld der Kinder ist der Anfang von allen Dingen, die gut sind.
Amen.
7.S.n.Tr., 19.07.2026, Hebräer 13, 1- 3, Mutterhauskirche, Jonas Marquardt
Liebe Gemeinde!
Mit Gefangenenfürsorge und Asyl gewährendem Gastrecht hat nicht nur die gartenhäusliche Geschichte der Diakonie in Kaiserswerth begonnen, sondern die geheimnisvolle, sozial-spirituelle Wirklichkeit der Kirche insgesamt.
Die Kirche ist eine heilige Gemeinschaft, eine Gemeinschaft der Heiligen – so haben wir es gerade im Apostolicum bekannt –, die sich genau deshalb für nichts und für niemanden zu schade ist. Wer meint, die heilige christliche Kirche zeichne sich durch Zimperlichkeit, durch exklusive Statuten der Mitgliedschaft, durch enge Maschen eines moralischen Auslese-Filters aus, der wird eines Besseren belehrt, wenn er nur auf die ältesten Stimmen der Heiligen hört, die sich gegenseitig zum Groß-Sein und Weitherzig-Sein ermutigten, kaum dass auf Erden das Silberjubiläum von Pfingsten gefeiert werden konnte. … Kaum fünfundzwanzig Jahre ist die Gemeinde des Gekreuzigten alt, Der vom Himmel her die Rechtfertigung der Gottlosen durch Seine Weltherrschaft der Liebe lenkt, … kaum fünfundzwanzig Jahre ist die Kirche also alt, da übernimmt sie schon - wie ihr Herr - grenzenlose Verantwortung: Buchstäblich eine Fürsorge ohne Grenzen.
In zwei Worten besteht diese globale Ethik des Hebräerbriefes: „Phil-Adelphía“ und „Philo-Xenía“. Das sind die beiden Grundpole, die das biblische Doppelgebot der Liebe von Anfang an verschmilzt: Die Nächsten und die Fernsten, Bruderliebe also und Fremdenliebe.
Doch im Hebräerbrief wird dieser heilige Anspruch aller Menschen auf unterschiedslose christliche Zuwendung so elegant zugespitzt, wie es nur im wortspielerischen Griechischen gelingt: Dasein für die, die uns unmittelbar ansprechen, wird ebenso wie das Dasein für jene, die uns völlig verschlossen sind und bleiben, mit dem gleichen Verb-Stamm bezeichnet, den wir aus allen möglichen Fremdwörtern für Neigungen kennen: Philo-Sophie und Philo-Logie und Phil-Harmonie und Phil-Anthropie natürlich. Neigung zur Weisheit und zur Vernunft, zum Verbindenden und zu den Menschen. Alle diese können uns sympathisch sein, wenn und weil wir geistigen Zugang zu ihnen finden.
Die „Fremden“ aber – die „Xenoi“, die wir laut dem Hebräerbrief wie unsere Adelphoi, unsre Brüder und Verwandten mögen sollen – sind ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass wir sie nicht kennen und nicht entschlüsseln und enträtseln können, wie jenes, was sonst das Interesse unsrer Sympathie erregt: Xenoi sind die, vor denen der gemeine Mensch bis heute total nervös wird, weil seine eigene chronische Unkenntnis ihn verunsichert. … Da kriegt er’s mit der Angst zu tun, der Möchte-gern-Philosoph und -Menschenfreund, wenn die Xenoi sich zeigen; … da wird er xenophob. … Da wünscht er sich die DDR oder die Hitlerei zurück, weil Volk und Vaterland, Blut und Boden, Feind und Führer so schön einfache Bekannte sind in einer Formel ohne Unbekannte und die Spießerseele von ihrer Überforderung erlösen, nicht zu wissen, wozu und wie sie leben soll.
Doch genau die, die uns vor die Grenzen unseres Wissens und Nachvollziehen-Könnens führen, … genau die, an denen unser Hineindenken und Einfühlen notwendigerweise scheitert: Genau die sollen wir geschwisterlich, also mit beinah Fleisch-und-Blut-Instinkt wie unsere eigenen Abklatsche ansehen und behandeln.
… Das aber ist eine dem Verstand und dem Verstehen unmögliche Leistung. Der eng begrenzte Raum unserer Ratio hat solche Weite nicht.
Und trotzdem mutet der Hebräerbrief uns zu, was Jesus der Menschheit insgesamt in letzte Aussicht stellt: Wir werden nicht nach dem gefragt werden, was wir wussten und nicht nach denen, die für uns einfach zu verstehen waren. Sondern nach den Unbekannten wird man uns fragen, und das, was unsrer persönlichen Erkenntnis verborgen blieb, wird das letzten Endes Entscheidende sein (vgl. Matth.25).
Damit aber niemand sich jetzt aufregt und den Koller kriegt, hier werde das Hohe Lied der Irrationalität angestimmt, rufen wir die heiligen Nothelfer der Philosophie zur Hilfe und erinnern uns an die bewusstseinsscharfe Unwissenheit des Sokrates, … an die Lehre des allervernünftigsten Lehrers des späten Mittelalters - Nicolaus Cusanus -, der auf dem Weg von kritischer Schlussfolgerung des Glaubens auf die „belehrte Unwissenheit“ stieß, … erinnern uns an Immanuel Kant, der die Religion ausdrücklich nur „innerhalb Grenzen der bloßen Vernunft“ zu reflektieren beanspruchte, … erinnern uns an Ludwig Wittgenstein, der das, was jenseits der Verständlichkeits-Sprache ist, dem Schweigen anempfahl, in dem sich vieles ohne unseren Zugriff mitteilt, … und auch an Jürgen Habermas, der unter den vorreflexiven Quellen unsrer säkularen, auf Kommunikation angewiesenen Gesellschaftsordnung zuletzt wieder immer mehr die Religion würdigte.
Es sind also keine bequemen Rückzüge für Denkfaule, wenn wir angesichts des im Jüngsten Gericht Letztgültigen das un- oder hochphilosophische Wort des Hebräerbriefes hören, auf das es ankommt: Es ist das Wort „Unkenntnis“, das Wort „Ahnungslosigkeit“, das Wort „Nicht-Wissen“.
Es ist – um Nikolaus von Kues aufzugreifen – das Wort „Ignoranz“.
Liebt und lebt, handelt und helft unwissend, sagt uns die Stimme des Hebräerbriefes, in der wir die vielen Stimmen hören, die Jesus in seiner Botschaft von der letzten aller Entscheidungen uns ankündigt: Am Schluss nämlich werden die einen wie die anderen vor Ihm stehen und sagen „Wir wussten es nicht!“ ——
„Ich wusste nicht, dass Du es bist, der da als Bettler vor den Toren von Amiens kauerte, als ich römischer Legionär im warmen Mantel an Dir vorüberzog.“
„Ich wusste nicht, dass Du das warst, als ich ungarische Königstochter Dich in Deiner verreckenden Elendsgestalt einfach aus dem Unrat der kleinen Stadt Eisenach hoch in meine Kemenate bringen ließ, um Dich zu baden und zu betten, damit Du sterben könntest wie ein geliebtes Menschenkind.“
„Ich wusste nicht, dass Du das warst, als die Cholera so viele hinraffte und ich die Waisenkinder einfach ins Kaiserswerther Pfarrhaus einziehen lassen musste.“
„Wir wussten nicht, dass Du es warst, der auf den Feldern die Baumwolle pflückte als man Dein Fleisch und Blut verkaufte. Wir wussten nicht, dass Du es warst, der an den Webstühlen in Schlesien entkräftet das Bewusstsein verlor, … der auf den leeren Kartoffeläckern Irlands, auf die wegen der Pachtschulden niemand mehr Saatgut ausbringen konnte, verhungern musste, … wir wussten nicht, dass Du es warst, der unter osmanischer Knute ins Verderben der Armenier geschickt wurde und die eigenen Kinder in die Euphratschlucht stieß, um ihnen das Wahnsinnig-Werden im Wüsten-Durst zu ersparen, … wir wussten nicht, dass Du es warst, mit dem gelben Stern auf der Brust im Viehwaggon, … wir wussten nicht, dass Du das warst, … die ganze Zeit!“
Und gerade noch hat alles, was im alten Europa und der seit zweihundertfünfzig Jahren sogenannten „Neuen Welt“ ein wenig Christentum in den Knochen und im Herzen hat, dem Papst über die Schulter geschaut, durch einen leeren Torbogen, der sich auf den trügerisch spielenden Glanz des Mittelmeers auftut, … und der Mann in der weißen Soutane und alle, die mit ihm über den Tellerrand des Kontinents schauten, spürten im Herzen: „Wussten wir’s nicht, Herr, … wussten wir’s nicht, dass Du es warst und bist und sein wirst, der da an unsern Grenzen Schaden nimmt, der an unsrer Festung scheitert, der in unserm Ferienparadies hinabsinkt in das Reich des Todes?“ ……….. ———
Doch der Hebräerbrief spricht eben anders zu uns, als das schlechte oder auch das gute Gewissen. Im Hebräerbrief klagt unsere Ignoranz uns nicht an – wie sie es ja auch beim letzten Zurecht-Bringen nicht tun wird! Auch dann wird es ja auf beiden Seiten - beim Tun, wie beim Unterlassen - heißen: „Wir wussten es nicht!“ …….
Und die Botschaft des Briefs aus der ältesten Zeit sagt uns, dass das genau so sein muss: Es wäre nämlich schlimm und sinnlos und sündig, wenn es etwa von unserem Wissen abhinge, dass oder wann und wo und wem wir helfen!
Vielmehr ist die Erfahrung und Haltung der Anfänge ja diese: Bleibt fest darin und vergesst es nicht, ignorant, … unwissend, … ahnungs- und arglos, fraglos und unbeschränkt zu sein!
Ihr sollt wirklich nichts und Ihr sollt niemanden von Eurem Wissen abhängig machen; nicht Eure Erkenntnis, sondern nur Euer Unwissen, das in aller Unschuld nichts kalkuliert, sondern frei dafür bleibt, kommunizierend zu reagieren auf alles, das es antrifft, kann ja der grundlosen, der abgründigen Weite entsprechen, mit der Gott die Welt umfasst und sie durch Christus zu Sich zieht (vgl. Rö.11,33).
Darum begegnet weder Gott, noch begegnen Seine Heiligen denen, die sich abhängig machen von ihrem Wissen-Können.
Nein: Ohne ihr Wissen vollziehen Menschen diese Begegnungen; ohne dass sie bewusst be-rieben, berechnend verfolgt, absichtsvoll gelenkt würden, stellt sich seit der Menschwerdung Gottes Sein Unter-uns-Wohnen und die Gegenwart Seiner Boten bei uns ein:
Der Bettler am Tor von Amiens findet wahrhaftig einen ignoranten Helfer.
Die Leprakranken von Eisenach und Marburg geraten wirklich an eine Fürstin, die bewusst nicht unterscheidet, sondern unterschiedslos teilt.
Die zu allem bereiten entronnenen Sklaven durften sich auf der sog. “Underground Railroad” tatsächlich darauf verlassen, dass dieses Netzwerk der Menschlichkeit sie anonym aus den konföderierten Südstaaten der amerikanischen Sklavenhalter unbemerkt weitervermitteln würde, bis sie in den Unionsstaaten des Nordens Menschenrecht und Freiheit erhielten; und nicht anders erging es - wenn auch viel zu selten - den untergetauchten Juden, die in der „Württemberger Pfarrhauskette“ eine verschwiegene und verschworene Gemeinschaft der pietistischen Pfarrer, Pfarrfrauen und -familien antrafen, die sie ohne jede weitere Erkundigung schlicht wie entfernte Verwandte aufnahmen und dann bei Nacht und Nebel zur nächsten Station dieses rettenden Geflechts von Glaubensgeschwistern weiterleiteten, wo man nie wusste, wer im Dämmern an der Hintertür klopfen würde, … wo man hingegen aber umso genauer wusste, was im 13. Kapitel des Hebräerbriefes steht: Nämlich eben dies, dass wir nicht wissen, sondern nur helfen sollen.
Anonym geht Gott durch die Welt, anonym Seine Heiligen.
* * * * * * *
Und doch wollen wir - auch wenn ihr unwissender Glaube, ihr wagemutiges Vertrauen auf die namenlose Nähe der Gnade danach niemals fragte - immerhin die Erinnerung an Johanna und Egon Stöffler aus dem Pfarrhaus in Köngen am Rande der schwäbischen Alb wachrufen, wo Christa und Hanna groß wurden, die hier solange gelebt haben und nun auf dem Fronberg-friedhof schlafen, bis sie beim Wachwerden Dessen Antlitz schauen, Der in ihrer Kindheit als beklommener, abgerissener, zu Tode gehetzter jüdischer Tischgenosse der großen Stöffler-Familie hörte, wie man Ihn dort bei jeder Mahlzeit herbeirief: „Komm, Herr Jesus, sei Du unser Gast …“! ——
Gerade für die namensvergessene evangelische Kirche aber, die aus dem Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Glaubenden innerhalb der heiligen Kirche geschlossen hat, dass alle Menschen vor der Heiligkeit des HERRN gleich nebensächlich seien, … gerade für die evangelische Kirche mit ihrem allgemeinen Priestertum, das zur allgemeinen persönlichen Teilnahmslosigkeit in Sachen des Christlichen zu verflachen droht, ist das Blicken auf St. Martin und auf die Hl. Elisabeth von Thüringen, … ist das Blicken auf Friederike Fliedner, die am Grab einer Tochter der Hl. Elisabeth großgeworden ist, und auf Harriet Tubman, die große Fluchthelferin der Underground Railroad, die die Sklaven, die sie rettete, mit dem Ehrennamen „Moses“ nannten, … ist das Blicken auf Karen Jeppe und Johannes Lepsius und viele, die unendlich Tapferes und Treues an den Armeniern leisteten, ebenso wie auf die Eheleute Stöffler wichtig.
Es ist wichtig unter den Unzähligen die Eigentümlichen, die Besonderen, die Heiligen zu entdecken, deren Zahl und Wesen, deren Tun und Wahrhaftigkeit man ohnehin nie vollständig und ganz erfassen könnte.
Es ist wichtig auf sie zu blicken, eben weil es überhaupt nicht auf unser Wissen ankommt, sondern auf unser Vertrauen auf das, was wir nicht wissen müssen.
Wir müssen nicht wissen, wer alles schon als Engel unter den Menschen bezeichnet wurde: Mathilda Wrede, „der Engel der Gefangenen“ oder Elsa Brandström, „der Engel von Sibirien“; … „unsere“ Florence Nightingale, „der Engel von Sewastopol“ oder die vier oder fünf Ordensschwestern, jüdischen Heldinnen und - ja auch - Kommunistinnen Stanisława Leszczyńska, Maria Stromberger, Angela Autsch, Malka Zimetbaum, Orli Reichert-Wald, die als Gegenstück zum Todesengel Josef Mengele alle ausgerechnet als die „Engel von Auschwitz“ galten und weiterleben; … Paul Takashi Nagai, „der Engel von Nagasaki“, … die heilige Teresa, „der Engel der Slums von Kalkutta“, … Sr. Dr. Ruth Pfau, „der Engel der Leprakranken“ in Karatschi, … Sally Becker, die unerschrockene britische Helferin im Bosnien-Krieg, die als „der Engel von Mostar“ galt.
* * * * * * *
– Engel überall auf Erden; – Engel mitten in den Höllen; – Engel unter uns.
Indem wir sie nur nennen, erfassen wird, dass es unmöglich wäre zu wissen, wie viele es gibt. Nur das verrät die Aufzählung, dass diese Engel unter uns so zahlreich sind, dass wir ihrer ohne jedes Wissen gewiss sein können.
Und eben deshalb ist es wichtig, dass wir der Heiligen wieder gedenken: Weil wir sie nicht zählen könnten, sondern glauben dürfen, dass ihrer unzählige sind. ——
Und das ist alles, was uns aufgetragen ist: Nicht zu vergessen, dass wir weder jemals wissen können, noch müssen, wie viele da sind, sondern dass wir nur – so lange wir noch im Leibe leben – an alle in den Nöten, Schranken und Fesseln dieser Welt Gefangenen denken in einem doppelten Vertrauen: Unerkannt ist uns überall die Not Gottes nahe, und anonym sind überall Seine Boten und Helfer da.
Gott begegnet in den Leidenden und in aller Hilfe.
Wir mögen davon noch so wenig verstehen und erkennen, wir mögen noch so ignorant sein, was die Sehnsucht Gottes und Seine Gegenwart betrifft.
Beide sind unendlich nah.
Leben wir als die, die das nicht wissen, aber auch nicht vergessen können:
In Hunger und Heiligkeit ist alles Gott.
Und wir sollen Gott in beidem lieben.
Amen.
6.S.n.Tr., 12.07.2026, 5. Mose 7, 6–12, Stadtkirche, Limei Teetz
6Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,
8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat
Liebe Gemeinde,
heute möchte ich Sie zu einer kleinen Reise einladen. Wir reisen nicht nach China, nicht nach Portugal und auch nicht an einen anderen Ort. Wir reisen ungefähr 2600 Jahre zurück, in eine Zeit, in der das 5. Buch Mose seine Gestalt bekam. Eine Zeit, die viele Historiker als "Achsenzeit" bezeichnen. Der Begriff stammt von Karl Jaspers. Er meinte damit eine Epoche, in der verschiedenen Kulturen grundlegende Fragen des Menschseins neu stellten. Und zwar mehr oder weniger gleichzeitig, wenn auch in unterschiedlichen Umfeldern und Kontexten. Und doch ist diese Reise keine Flucht in die Vergangenheit. Denn die Fragen, um die es damals ging, sind bis heute dieselben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Was trägt unser Leben? Was gibt uns Orientierung?
Das 5. Buch Mose ist eine Abschiedsrede des Mose. Das Volk Israel steht an der Schwelle zum verheißenen Land. Es ist ein Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft. Hinter dem Volk liegen Jahre der Wüstenwanderung, Zweifel, Murren, Angst und Rettung. Vor ihm liegt das unbekannte Land. Und Mose spricht noch einmal zu ihnen, bevor er Abschied nimmt. Er erinnert das Volk an das Entscheidende: Vergesst nicht, wer ihr seid. Und vergesst nicht, wer Gott ist.
Damals war Israel in einer schweren Lage. Das Nordreich war bereits untergegangen. Viele Menschen waren verunsichert. Fremde Kulte bedrohten den Glauben. Die Frage wurde immer dringlicher: Wer sind wir eigentlich noch? Wenn alles Äußere wankt, wenn politische Sicherheiten fehlen, wenn Macht und Größe nicht mehr tragen, worauf gründet sich dann die Identität eines Volkes?
Genau hier beginnt die große Botschaft unseres Predigttextes. Die Identität des Gottesvolkes beruht nicht auf Macht. Nicht auf Größe. Nicht auf Erfolg. Sie beruht allein auf Gottes Zusage.
Gott liebt zuerst
Unser Predigttext sagt etwas sehr Überraschendes. Nicht weil Israel groß oder stark wäre, hat Gott es erwählt, sondern weil er es geliebt hat.
Das ist der erste und wichtigste Gedanke dieses Textes. Und er ist bis heute ungeheuer tröstlich. Denn unsere menschliche Logik sagt meist etwas anderes. Wir denken: Erst muss ich etwas leisten, dann werde ich angenommen. Erst muss ich mich bewähren, dann darf ich dazugehören. Erst muss ich genug vorweisen, dann kann ich mich auf Zuspruch verlassen.
Doch die Bibel erzählt es anders. Gott liebt zuerst. Gott ruft zuerst. Gott befreit zuerst. Gott handelt zuerst.
Israel hat sich seine Erwählung nicht verdient. Es war nicht das größte Volk, nicht das stärkste, nicht das bedeutendste. Und gerade deshalb ist das so eindrucksvoll: Gottes Liebe hängt nicht an menschlicher Größe. Gott hat Israel aus Ägypten herausgeführt, aus der Knechtschaft befreit und mit starker Hand gerettet. Das Volk lebt nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Liebe.
Das ist nicht nur eine alte Geschichte. Das ist eine Wahrheit für unser ganzes Leben. Wie viele Menschen tragen innerlich die Sorge mit sich: Bin ich gut genug? Reiche ich aus? Werde ich angenommen, so wie ich bin? Der Predigttext antwortet darauf mit einem klaren Nein zur Leistung und einem starken Ja zur Liebe Gottes. Gott nimmt uns an, und deshalb dürfen wir lernen, nach seinem Willen zu leben.
Der Bund Gottes
Hier kommt ein Wort vor, das wir heute kaum noch gebrauchen: Bund.
Wir kennen eher den Begriff Vertrag. Ein Vertrag ist an Bedingungen gebunden. Er gilt, solange beide Seiten ihre Pflichten erfüllen. Wenn eine Seite ausfällt, ist der Vertrag gefährdet. Ein Bund ist etwas Tieferes. Ein Bund ist Beziehung. Ein Bund ist Zusage. Ein Bund ist Treue.
Wenn die Bibel von Gottes Bund spricht, dann meint sie genau das: Gott bindet sich an sein Volk. Nicht, weil dieses Volk so zuverlässig wäre. Nicht, weil es immer treu wäre. Sondern weil Gott treu ist. Sein Bund ist ein Ausdruck seiner Liebe.
Darum beginnt Gottes Handeln nicht mit Forderungen, sondern mit Zusage. Erst ist da die Befreiung aus Ägypten. Erst ist da die Erwählung. Erst ist da die Liebe. Und dann kommen die Gebote.
Das ist entscheidend. Die Gebote sind nicht die Voraussetzung für Gottes Liebe. Sie sind die Antwort auf Gottes Liebe. Sie sind kein Eintrittsticket in Gottes Nähe. Sie sind der Weg, auf dem ein befreites Volk lernen soll, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben.
Darum ist Gottes Gebot nicht zuerst Last, sondern Gabe. Nicht zuerst Einschränkung, sondern Orientierung. Nicht zuerst Druck, sondern Weg zum Leben.
Die Suche der Völker
Und doch ist dieser Glaube nicht nur für Israel bedeutsam. Der Predigttext erinnert uns an etwas viel Größeres. Zur selben Zeit wie zu der am Anfang schon erwähnten “ Achsen-Zeit “haben auch andere Völker nach dem Sinn des Lebens gesucht.
In China fragte Laozi nach dem "Dao". "Dao" kann man in dem ursprünglichen Text von Daodejing mit dem griechischen Wort “Logos“ gleichsetzen, heutzutage wird es häufig als "der Weg" übersetzt . Also der Weg, der alles trägt und in Einklang bringt. In seiner Suche geht es um das rechte Leben, um Harmonie, um die Ordnung des Wirklichen. In der selben Zeit suchte Konfuzius nach der rechten Gestalt des menschlichen Miteinanders, nach Verantwortung, Menschlichkeit und guter Ordnung in Familie und Gesellschaft. In Griechenland fragte Sokrates nach Wahrheit, nach Weisheit, nach dem, was dem Leben Halt gibt und es verstehen lässt.
Diese Fragen sind nicht fern von uns. Sie sind bis heute da. Was ist der rechte Weg? Was ist Wahrheit? Was macht einen Menschen wirklich menschlich? Wie kann ein Leben gelingen? Wie kann Gemeinschaft gut werden? Wie finden wir Orientierung in einer unruhigen Welt?
Es ist bemerkenswert: Die Kulturen der Welt stellten auf verschiedene Weise dieselbe große Frage. Jeder suchte. Jeder sehnte sich nach etwas, das trägt. Jeder spürte: Der Mensch lebt nicht von Brot allein, nicht von Macht allein, nicht von Wissen allein.
Und mitten in diese weltweite Suche hinein spricht Jesus Christus sein großes Wort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“
Das ist nicht einfach ein schöner Satz unter vielen. Es ist eine Antwort. Es ist Gottes Antwort auf die Suche der Menschheit. Jesus ist nicht nur ein Weg unter vielen. Er ist der Weg. Er ist die Wahrheit, nach der Menschen in allen Kulturen suchen. Und er ist das Leben, das stärker ist als Angst, Schuld und Tod.
So wird deutlich: Die asiatische Suche nach dem Dao, die konfuzianische Suche nach geordneter Menschlichkeit und die griechische Suche nach Wahrheit finden ihre Erfüllung in Christus. Nicht weil die anderen Fragen falsch wären. Sondern weil Jesus die Antwort Gottes auf die tiefsten Fragen aller Menschen ist.
Gottes Ernst und Gottes Barmherzigkeit
Unser Predigttext bleibt aber nicht bei der Liebe stehen. Er sagt auch, dass Gott treu ist und dass er den Menschen ernst nimmt.
Das klingt zunächst hart. Doch es gehört zur Wahrheit des Glaubens, dass Gottes Liebe nicht gleichgültig ist. Gottes Liebe ist keine billige Sanftheit. Sie verschweigt das Böse nicht. Sie nimmt Gerechtigkeit ernst. Sie nimmt Verantwortung ernst. Sie nimmt das Leben ernst.
Darum spricht der Text auch davon, dass Gott denen vergilt, die sich hartnäckig von ihm abwenden. Das heißt nicht, dass Gott unbarmherzig wäre. Es heißt vielmehr: Gott ist so ernst mit dem Menschen, dass er ihn nicht seiner Verlorenheit überlässt. Gottes Liebe ist keine Gleichgültigkeit. Gottes Liebe will Leben. Und deshalb nimmt sie das Gericht nicht aus der Wirklichkeit heraus. Gottes Gericht, das hören die Protestanten nicht gerne, weil es es einfacher ist, von Gottes Liebe zu erzählen.
Gerade hier wird Jesus Christus so entscheidend. Denn in ihm begegnen sich Gottes Gerechtigkeit und Gottes Barmherzigkeit in einzigartiger Weise. Am Kreuz trägt Christus selbst die Last der Sünde. Er nimmt die Trennung zwischen Gott und Mensch auf sich, damit wir Vergebung empfangen und neues Leben gewinnen können.
Das ist das Evangelium: Nicht wir müssen uns zu Gott hinaufarbeiten. Gott kommt zu uns herab. Nicht wir schaffen die Brücke. Gott selbst baut sie in Christus. Nicht wir verdienen die Liebe. Gott schenkt sie. Nicht wir retten uns selbst. Christus rettet uns.
Von Gott gesucht
Darum erzählt das Evangelium nicht zuerst von dem Menschen, der Gott sucht. Es erzählt von Gott, der den Menschen sucht.
Das ist der eigentliche Unterschied zwischen Religion und Evangelium. Religion fragt oft nach dem Weg des Menschen zu Gott. Das Evangelium verkündet den Weg Gottes zu uns. Religion sagt: Steig hinauf. Das Evangelium sagt: Gott steigt herab. Religion sagt: Suche. Das Evangelium sagt: Du bist schon gesucht. Religion sagt: Verdiene. Das Evangelium sagt: Du bist geliebt.
In Jesus Christus wird Gott Mensch. Er kommt in unsere Geschichte, in unsere Angst, in unsere Schuld, in unsere Fragen. Er bleibt nicht fern. Er tritt in unsere Wirklichkeit hinein. Und er ruft uns in seine Nähe.
Meine eigene Erfahrung
Heute ist Taufsonntag, wir feiern gemeinsam das Abendmahl, deshalb möchte ich etwas Persönliches erzählen. Vor über zwanzig Jahren stand ich genau hier in dieser Stadtkirche, unten am Taufbecken. Zusammen mit meinen beiden Söhnen wurden wir von Pfarrer Marquardt getauft .
Ich komme aus China und hatte das Privileg, in Deutschland zu studieren und zu leben. Sehr oft wurde ich gefragt: Wo kommst du her? Wo ist deine Heimat? Lange Zeit habe ich mit dieser Frage gerungen. Denn man kann in mehreren Ländern leben und doch innerlich nach Heimat suchen. Man kann überall unterwegs sein und trotzdem das Gefühl haben, nirgends ganz dazuzugehören.
Die Antwort fand ich nicht zuerst in einem Land. Ich fand sie in der Taufe. Seit meiner Taufe weiß ich: Meine tiefste Heimat ist bei Gott. Ich muss mich nicht selbst festlegen oder rechtfertigen. Ich darf wissen: Ich gehöre zu ihm. In der Taufe spricht Gott auch zu mir: Du bist mein.
Das ist eine ungeheuer starke Zusage. Denn sie bedeutet: Mein Leben hängt nicht daran, ob ich überall anerkannt werde. Meine Identität hängt nicht daran, ob ich immer verstanden werde. Meine Heimat ist tiefer als jede geographische Herkunft. Sie liegt in Gottes Ja zu mir.
Taufe und Abendmahl
Darum passen Taufe und Abendmahl so gut zusammen. In beiden Sakramenten hören wir Gottes Zusage nicht nur als Idee, sondern ganz persönlich.
Im Abendmahl hören wir die Worte Jesu: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Das ist dieselbe Sprache wie im Predigttext. Gottes Bund gilt. Seine Liebe gilt. Seine Treue gilt. Nicht weil wir vollkommen wären. Nicht weil unser Glaube immer stark wäre. Sondern weil Christus treu ist.
In der Taufe spricht Gott: Du gehörst zu mir. Im Abendmahl spricht Gott: Ich bleibe bei dir. In der Taufe sagt Gott: Du bist mein. Im Abendmahl sagt Gott: Ich gebe mich für dich.
So werden Taufe und Abendmahl zu sichtbaren Zeichen dessen, was unser ganzer Glaube verkündet: Gott lässt die Seinen nicht los. Er führt sie, trägt sie, vergibt ihnen und hält sie fest.
Schlussgedanke
Liebe Gemeinde, unser Predigttext führt uns heute zu einer großen Gewissheit. Wir leben nicht aus eigener Leistung. Wir leben aus Gottes Liebe. Wir gehören nicht Gott, weil wir alles richtig machen. Wir gehören ihm, weil er uns erwählt, befreit und geliebt hat.
Und genau das ist auch die Antwort auf die Fragen unserer Welt. Auf die Suche nach dem Dao . Auf die Frage nach der rechten Ordnung menschlichen Lebens. Auf die griechische Suche nach Wahrheit. Auf unsere eigenen Fragen nach Sinn, Heimat und Halt.
Jesus Christus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Das ist Gottes Antwort. Nicht als Theorie. Nicht als bloße Lehre. Sondern als lebendige Person. Christus selbst ist der Weg. Christus selbst ist die Wahrheit. Christus selbst ist das Leben.
Darum dürfen wir heute mit Vertrauen nach Hause gehen. Nicht mit Angst. Nicht mit Selbstzweifeln. Nicht mit der Frage, ob wir genügen. Sondern mit der Zusage Gottes: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
Amen.
6.S.n.Tr., 12.07.2026, 5. Mose 7, 6-12, Tersteegenkirche, Doerthe Brandner
DU –
…
Nicht: Du da hinten!, sondern: Du
Du, die du mir gegenüberstehst; du, den ich anschaue, dir mit meinen Augen in deine Augen blicke. – Du, du Mensch, dich meine ich…
Kennen Sie solch ein DU, liebe Gemeinde? Haben Sie es schon einmal zu Ihnen gesagt gehört?
So ein gemeint sein, gesehen werden…
Bestimmt kennen Sie es, haben es schon einmal erlebt – selbst erfahren oder so DU zu jemand anderem gesagt.
- Liebende sagen so: DU – wenn sie erkennen: Dieser Mensch ist das DU, mit dem ich ICH sein kann.
- Eltern sagen so DU, wenn sie ihr neugeborenes Kind zum ersten Mal im Arme halten: Du, kleiner Mensch – so gänzlich neu im Leben und doch in allem vollkommen. DICH will ich halten und begleiten, dass du in dein ICH hineinwächst…
Momente der Lebensfülle.
DU
- Wer dieses DU hört, spürt – weiß: Ich bin gemeint.
Nicht wegen Leistung, Engagement, Schönheit, sondern weil ich ICH bin und als dieses ICH von dem anderen Menschen als DU gesucht werde.
Eine Lebensgrunderfahrung, die wir – so glaube ich – unbedingt zu unserem Menschsein brauchen. – Und die uns, wenn wir sie einem anderen Menschen geben, eine Ahnung davon gibt, wozu wir Mitmensch sind:
- Zum DU-sagen im Großen und Kleinen und gerade nicht dazu, uns aneinander zu messen, uns zu vergleichen, uns gegenseitig klein zu halten.
Diese Lebensgrunderfahrung suchen wir – so glaube ich – ein Leben lang und sie bekommt ein Gesicht in unserer Sehnsucht, ausgewählt zu sein.
- Da sitzt man als Kind im Schulsportunterricht auf der Bank. Die beiden Besten im Sport aus der Klasse dürfen sich ihre Mannschaften für das anstehende Völkerballspiel wählen.
Wann wird der eine oder die andere auf mich zeigen? Hoffentlich als eine der ersten. Hoffentlich gehöre ich nicht zu den Letzten, auf die die Auswählenden mit schiefem Gesicht und der dazugehörigen Geste schließlich sagen: Dann muss ich dich jetzt eben auch noch nehmen.
- Da sagt die Chefin: Du, du bist die richtige Person für dieses Projekt, für jenes schwierige Kundengespräch, für diesen freiwerdenden Posten.
Ausgewählt sein, lässt einen innerlich wachsen. Wie gut fühlt es sich an, für gut gehalten zu werden! Wie besonders gut fühlt es sich an, wenn jemand anderes sieht, dass man in etwas gut IST und einen deshalb auswählt…
Auch eine Erfahrung, die ich jedem Menschen wünsche.
Von Ausgewähltsein – von ERwähltsein sogar handelt der heutige Predigttext aus dem 5. Buch Mose, dem Buch Deuteronomium, Kapitel 7, Vers 6-12.
Wir hören den Abschnitt nach der Übersetzung der Lutherbibel von 2017.
6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.
Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums
aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt,
weil ihr größer wäret als alle Völker –
denn du bist das Kleinste unter allen Völkern –,
8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielt,
den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand
und hat dich erlöst von der Knechtschaft,
aus der Hand des Pharaos, des Königs von Ägypten.
9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott,
der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen,
die ihn lieben und seine Gebote halten,
10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie
um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte,
die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut,
so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit,
wie er deinen Vätern geschworen hat.
Mose werden diese prophetischen Worte von den Verfassern des Buches Deuteronomium in den Mund gelegt als Teil seiner letzten großen Rede.
40 Jahre Wüstenwanderung liegen hinter dem Volk. Eine ganze Generation hat nichts anderes als Wüste kennengelernt. Nur wenige von denen, die damals mit Gott tagsüber als Wolkensäule und nachts als Feuersäule vor ihnen herziehend, aus Ägypten geflohen sind, leben noch hochbetagt und sind Zeuginnen und Zeugen der überaus bewegten Geschichte Gottes mit dieser Volksgruppe.
Nun stehen sie an der Schwelle zum gelobten Land. Und Mose steht an der Schwelle des Todes. Er wird das Land nicht betreten.
An Lebensschwellen stehend schauen Menschen zurück.
Die Fragen: Was war und was wird sein? Was bleibt und hat Bestand?
werden groß.
Mit den Worten der Hebräer am Rand der Wüste mögen diese Fragen heißen:
- Bleibt dieser Gott auch in dem fremden Land und in dem neuen Leben vor uns – hinter uns – bei uns?
- Was gibt uns Sicherheit? Sind Wolken- und Feuersäule nicht recht unzuverlässige und auch ganz anders deutbare Zeichen?
- Sprechen nicht all unsere erlebten Durststrecken in der Wüste – im eigentlichen Wortsinn und als seelische Not – das „sich-Verhüllen-Gottes“ – gegen ihn und gegen sein zuverlässiges Da-Sein?
…
Zur Zeit der Abfassung der deuteronomistischen Schriften ist Israel wieder in einer Wüste – in der Wüste seines Exils in Babylon. Und hinter ihm liegt eine lange Geschichte von Eigenmächtigkeit, von dem Weggehen aus Gottes Nähe und den vielfältigen Versuchen, sich selbst groß zu machen.
Und die Fragen, die die Menschen damals im Exil, diesem Bild für ihr Scheitern, bewegt haben und dazu geführt haben, Mose diese und andere Reden in den Mund zu legen, mögen gewesen sein:
- Kann diese von uns selbst und durch unser Verhalten so belastete Beziehung Bestand haben?
- Bleibt Gott auch jetzt noch da?
Martin Luther stellte dieselbe Frage aus seinem durch seine Zeit geprägten Glauben.
- Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? –
fragte er
und versuchte mit allen, ihm damals zur Verfüg stehenden Mitteln und der damals üblichen, ja gebotenen Form der Selbstbestrafung von Fasten bis zum Umfallen, seinen nackten Körper Selbstfolter auszusetzten, nächtelangem auf kaltem Steinboden knieendem Beten u.a.m., Gott wohlgesonnen zu stimmen.
Wir Heutigen stellen diese Frage – so glaube ich – nicht mehr auf diese Weise – weder mit den Worten der Menschen Israels an der Schwelle zum gelobten Land, noch mit denen derer, die im Exil lebten, noch mit den Worten Martin Luthers.
Unsere Frage heute lautet vielleicht eher:
- Wie kann es mir gelingen, so gut dazustehen, dass es von anderen gesehen wird und ich die (für mich so nötige) Anerkennung bekomme?
Und in dieser wilden Zeit, in der wir uns als Kirche befinden, in der nichts so zu bleiben droht, wie es einmal war und viele Menschen in Gemeinden voller Verlustsorge sind, dass sie verlieren könnten, was ihnen lieb und vertraut ist, worin sie ihre Stärke und ihr ureigenes Profil sehen…
In diesen Zeiten mag die im Kern selbe Frage in Gemeinden vielleicht so klingen:
- Wie können wir unser Eigenes wahren und dafür sorgen, dass wir relevant und wichtig bleiben – nicht untergehen neben anderen, die uns den Platz streitig zu machen drohen oder im Neuen, Größeren?
Und die Menschen Israels in all den Wüsten, die sie mit ihrer Geschichte bis heute durchlebt haben,
und Martin Luther damals
und wir heute als eigene Menschen ebenso wie als Gemeinde lesen die Worte Mose wie ein Vermächtnis an die, die sie zu welcher Zeit auch immer hören.
Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.
Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt (…)
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt,
weil ihr größer wäret als alle Völker –
denn du bist das Kleinste unter allen Völkern –,
sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielt,
den er euren Vätern geschworen hat.
In diesen Worten aus einer längst vergangenen Zeit und an Menschen eines anderen Volkes an ganz anderen Orten als hier, an Menschen des jüdischen Glaubens – finden wir Worte, die ihnen ebenso gelten wie uns.
Wir hören mit diesen alten Worten, dass Gott sagt:
- Du, Mensch, wann immer du lebst, wo immer du bist, wie auch immer du glaubst – oder auch nicht glaubst – und wie auch immer du dein Leben deutest und versuchst zu bestehen…
- Ihr Menschen Israels damals und heute –
- Ihr Menschen der Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen – der ehemaligen Tersteegenkirchengemeinde
- Dich – Euch habe ich erwählt.
Nicht habe ich dich, habe ich euch erwählt, weil ihr größer wärt als andere, besser, begabter, schöner, wertvoller gar – eine tollere Gemeinde als andere oder was wir sonst noch ersehnen für uns selbst oder für die Gemeinschaft, die uns wichtig ist.
Ich habe euch erwählt, weil Ihr IHR seid – weil Du DU bist.
DAS gibt euch Wert und Würde.
Nichts, was Ihr tut, fügt dem irgendetwas hinzu.
Nichts, was ihr lasst, kann das von euch nehmen.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott,
der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält
Exklusiv ist diese Erwählung.
Es ist so, wie wenn ein anderer Mensch einem in die Augen schaut und DU sagt und meint: DU bist DER Mensch schlechthin für mich.
Und universal ist diese Erwählung.
Es ist so wie Eltern mehrerer Kinder jedes ihrer Kinder neugeboren in die Arme nehmen und sagen: DU – du bist DER Mensch, den ich lieben und halten werde, begleiten – und stärken, dass du in dein ICH hineinzuwachsen kannst.
Und wenn dies so ist – so exklusiv und universal zugleich – wer wären wir, dass wir glaubten und sagen könnten:
Mir gilt diese Erwählung, dir aber nicht.
Bitter durchzieht unsere christliche Geschichte dieser Hochmut unseren älteren jüdischen Glaubensgeschwistern gegenüber: Ihr mögt einmal erwählt gewesen sein – heute seid ihr es nicht mehr.
Heute gilt die Erwählung uns, die wir an Christus glauben.
Und die Exklusivität der Erwählung durch Gott, die sich in ihrer Universalität erfüllt, wird mit Füßen getreten.
Bitter bestimmt diese Hochmut auch unser christliches Dasein – oftmals versteckt unter der Haltung, die eigentliche Wahrheit erkannt zu haben – in unserem Zusammenleben in der Kirche und als Gemeinden.
Niemand kann – darf sagen: Ich bin erwählt – du aber nicht.
Wir sind wichtiger, weil wir besser sind – ihr seid nicht so gut wie wir und deshalb unwichtiger.
Für niemanden ergibt sich aus dem Zuspruch der Erwählung Gottes die Berechtigung, die Exklusivität für sich im Sinn der Ausschließlichkeit in Anspruch zu nehmen.
- Für keinen Menschen und für keine Gruppe
Geschieht dies, so hat dies Folgen.
In der Sprache des Ersten Testamentes und der Verfasser des deuteronomistischen Schriftwerkes werden die Folgen als Strafe Gottes beschrieben.
Spätestens seit Martin Luther wissen wir:
Gottes Barmherzigkeit, seine Gnade – Worte, die ich hier gleich verstehe wie seine „Erwählung“ – sind weder verdienbar noch zerstörbar.
Aus ihnen fällt niemand von Gott her raus – was auch immer er oder sie tut oder geschieht.
Und das, liebe Schwestern und Brüder, ist der Grund, warum wir unsere Taufe nie verlieren – auch dann nicht, wenn wir sagen: Sie bedeutet mir nichts. Mit Gott kann ich nichts anfangen. Und aus der Kirche trete ich aus.
Die Folgen, von denen der heutige Predigttext spricht, wenn das, was in ihm Erwählung durch Gott genannt wird, ausschließlich für sich selbst oder die eigene Gruppe oder Gemeinde – gleichviel – genommen wird, ist die Erfahrung der Entzweiung:
- Misstrauen untereinander wächst.
- Verdächtigungen greifen Raum:
- Warum verhalten die sich so? Wollen die uns Böses?
- Angst, getarnt als Stärke, Wissen oder Durchblick treibt dazu zu glauben, immer schon verstanden zu haben, was den oder die anderen angeht, sie motiviert, wie sie sind…
So vergilt Gott ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie
um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Und die Gräben werden tiefer…
Doch wie kann es anders gehen?
In der biblischen Sprache des Predigttextes heißt die Lösung:
Haltet die Rechte Gottes!
In der Sprache Martin Luthers heißt es:
„Wenn dein Gewissen dich plagt – wenn deine Schuld dich quält,
wenn du nicht mehr weiterweißt – wenn die Kraft nicht reicht,
dann erinnere dich und sage: Ich bin getauft!“
Wie es in unserer heutigen Sprache heißt…
Das herauszufinden, ist unsere – immerwährende und immer wieder neue – Aufgabe als Christenmenschen in unserer Zeit, in der das Besonders-Sein in Leistung und gesellschaftlichem Status Hochkonjunktur hat und die Person am besten lebt, die das Eigene versteht am größten zu machen.
Das in steter Suche miteinander als Gemeinde und als Teil einer Gemeinde zu leben – um mit den Worten vom Beginn des Gottesdienstes zu sprechen: Unser Licht leuchten zu lassen, nicht um selbst gut dazustehen, sondern um anderen die Erlaubnis zu geben ebenfalls zu leuchten* – das ist unsere vordringliche Aufgabe.
Alles andere, das eine Gemeinde, ein Presbyterium, jedes mündige Gemeindeglied auch praktisch zu bewältigen hat, folgt daraus.
Deshalb, liebe Schwestern und Brüder,
lasst uns leben „DU“ zueinander zu sagen, weil Gott zu uns – jedem Menschen „DU“ sagt.
Lasst uns als Gemeinde der Erwählten in der Universalität der Erwählung Gottes leben – und Licht und Segen sein, damit andere ihrem Licht ebenfalls trauen können und wir erkennen: Sie sind ein Segen, so wie wir.
Amen.
*Bezug auf den zum Beginn des Gottesdienstes gelesenen Ausschnitt aus der Antrittsrede Nelson Mandelas zum Präsident Südafrikas, in dem er die amerikan. Schriftstellerin Marianne Williamson zitiert:
Unsere tiefste Angst ist nicht die vor unserer Unzulänglichkeit.
Unsere tiefste Angst ist die Angst vor unserer unermesslichen Kraft.
Es ist das Licht in uns, nicht die Dunkelheit, die uns am meisten ängstigt.
Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich von mir sage,
ich bin brillant, ich bin begabt und einzigartig.
Ja, im Grunde genommen: Warum solltest du das nicht sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Wenn du dich klein machst, hilft das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,
wenn du glaubst, zusammenschrumpfen zu müssen,
damit sich die Leute um dich herum weniger unsicher fühlen.
Wir sind geboren, um Gottes Glanz zu offenbaren, der in uns ist.
Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns,
Gottes Glanz ist in jedem Menschen.
Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien,
befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.
2.S.n.Tr., 14.06.2026, Predigt zum Bild „Erdaufgang“, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
„Erdaufgang“ über dem Mondhorizont, so wird dieses Bild, das Sie alle in ihren Händen halten, betitelt. Es ist ein Foto, das bei der Apollo 8 – Mission im Jahr 1968 entstanden ist. Der Anblick dieser Karte fasziniert mich immer wieder neu, auch wenn es seit 1968 viele ähnliche Bilder unserer Erde aus dem Weltraum aufgenommen gibt. Nein, dieser Anblick hat sich bisher nicht abgenutzt.

(Bild: NASA, 1968, Apollo 8 Mission)
Erdaufgang – ganz korrekt ist dieser Titel ja nicht. Denn über dem Mond steht die Erde fest. Der Mond umkreist die Erde immer in der gleichen Weise. Sie geht niemals auf und niemals unter. Da die Erde sich in einem Tag in der immer gleichen Weise dreht, enthüllt sie dem Betrachter – wohlgemerkt vom Mond aus ! – langsam ihre ganze Pracht, zeigt ihre Ozeane und Kontinente.
Die Erde erleuchtet die Mondlandschaft mit einem intensiven, blauen Licht. So ist auf der Mondseite, die der Erde zugewandt ist, nie wirklich Nacht.
Es gibt ein interessantes Buch mit Aussprüchen und Gedanken von Astronauten und Kosmonauten. Viele von ihnen sagen, der Blick vom Raumschiff zurück auf die Erde, auf diese leuchtende, blau schimmernde Kugel im tiefschwarzen Weltraum habe sie nachhaltig verändert: ihre Einstellung zum Leben, zu ihren Mitmenschen, zu unserer Welt.
Ein Astronaut, der einmal in einer internationalen Crew auf der ISS mitflog, schilderte Folgendes: „Am ersten Tag“, so sagte er, „wenn man in dem Raumschiff um die Erde kreist, deutet noch jeder auf sein Land: Dort, das ist mein Land, da bin ich zuhause. Am dritten oder vierten Tag zeigt jeder auf seinen Kontinent, in dem seine Heimat liegt. Wenn man aber fünf Tage oder länger unterwegs ist“, fuhr der Astronaut fort, „dann achtet niemand mehr auf Länder, auf Kontinente. Da sieht jeder nur noch die Erde als einen ganzen Planeten. Dann sprechen wir nur noch von unserer Erde.“
Diese Frauen und Männer in der Raumstation entdeckten etwas, was sie eigentlich rein theoretisch schon gewusst hatten, aber noch nicht begriffen, noch nie so gesehen haben. Es war wie ein Aha-Erlebnis: die Erde ist ja die gemeinsame Heimat aller Völker und Nationen. Wir sind Kinder der einen Erde, Welt-Bürger – und wir sind es viel mehr als Deutsche, Amerikaner, Russen oder Chinesen. Sprache und Religion, unsere musikalischen Vorlieben und Traditionen, sie mögen uns unterscheiden, aber trennen können sie uns nicht von unserem gemeinsamen Sein: wir sind Kinder der einen Erde, oder wie wir es als Christen religiös formulieren: wir sind alle Kinder Gottes.
Müssen Menschen auf den Mond fahren, um zu dieser Erkenntnis zu kommen? Um zu begreifen, welche Bedeutung das für die Gestaltung unseres Lebens auf diesem wunderbaren Planeten hat, welche Verantwortung wir alle miteinander und füreinander haben? Wenn ich manchmal Politiker reden höre von nationalen Sicherheitsinteressen und Verteidigungsfähigkeit der eigenen Landesgrenzen, dann fällt mir nur noch ein: die müsste man allesamt auf den Mond schießen. Gewiss, eine recht kostspielige Fortbildungsmaßnahme, aber eine, die sich bestimmt rechnen würde für die ganze Erde.
Der russische Kosmonaut Jurij Artjuchin begriff schon vor Jahrzehnten: „Es spielt keine Rolle, in welchem See oder Meer du Verschmutzungen entdeckt hast, in den Wäldern welchen Landes du das Ausbrechen von Bränden bemerkt hast, oder über welchem Kontinent ein Wirbelsturm entsteht. Du bist der Hüter deiner ganzen Erde.“
Diese leuchtende, blau schimmernde Kugel im tiefschwarzen Weltraum, sie ist nicht nur wunderbar, sie ist auch verletzlich, zerbrechlich fast – wie eine Christbaumkugel. Auch diese Einsicht wird in uns wach, wenn wir die Erde aus der Distanz betrachten. Aus dem Abstand heraus können uns überhaupt neue Erkenntnisse zuwachsen. Jesus sagt im Johannesevangelium zu seinen Jüngern, dass sie jetzt noch nicht alles begreifen könnten, was er ihnen zu sagen hätte, dass die Zeit dazu noch nicht reif wäre; aber dass der Geist sie in alle Wahrheit führen würde. (Joh.16,12-13) Die Fähigkeit zum Erkennen und Verstehen geht weiter. Und genauso geht die Offenbarung weiter, sie ist so lange nicht abgeschlossen, solange der Mensch auf dieser Erde leben wird, sich fortentwickelt. Nicht nur geistig, nicht nur technisch-wissenschaftlich – sondern eben auch geistlich-seelisch.
Die Raumfahrt ist sicher eine der größten technischen Fortschritte in der Menschheitsgeschichte. Sie hat viele „Nebenwirkungen“ gezeigt, die heute unseren Alltag leichter machen – das berühmteste Beispiel ist sicher die Teflon-Pfanne. Technisch-wissenschaftlich haben wir also einen großen Schritt nach vorne getan. Die Frage ist: auch geistlich-seelisch? Auch in unserer Menschlichkeit? In welche Wahrheit hat uns da der Geist geführt? Zu welchen Erkenntnissen des Glaubens, des Verständnis unseres Selbst?
Oft habe ich den Eindruck, unsere Seele hinkt der wissenschaftlich-technischen Entwicklung hinterher. Gerade wenn ich sehe, von welchem Geist und Antrieb beseelt die Tech-Milliardäre Jeff Bezoz und Elon Musk ihre Raumfahrtprogramme durchziehen. Mir fällt dazu eigentlich nichts Positives ein, vielmehr kommen mir der „Turmbau zu Babel“ und die „Titanic“ in den Sinn. Wie sollte denn auch aus so viel Hass und Gier, welche die Protagonisten an den Tag legen, etwas Gutes kommen für die Menschheit, für unsere Erde? Wie heißt es von Jesus: „Ein schlechter/fauler Baum kann keine guten Früchte bringen.“ (Mt.7,18) Er bringt schlechte; und wir sollten uns überlegen, ob wir als Menschheitsfamilie uns diese schlechten Früchte leisten können, ob wir es uns leisten können, einzelnen Menschen die Mittel zu lassen, solche schlechten Früchte hervorzubringen.
Nicht nur die Politik hinkt der wissenschaftlich-technischen Entwicklung hinterher. Auch die Theologie, die sich immer schwertut, neu von Gott zu sprechen in einer sich rasant verändernden Welt. Die alten Bilder und Metaphern reichen nicht mehr, das spüren viele. Aber darf man denn wirklich neue Wort-Bilder erfinden, die nicht ausdrücklich durch die Bibel legitimiert sind?
„Der Geist wird euch in alle Wahrheit führen“ – er wird euch fähig machen, auf die Fragen eurer Zeit angemessene Antworten des Glaubens zu geben. Antworten, die dem Leben dienen. Damit es den Menschen nicht buchstäblich zerreißt, er in seiner seelischen Entwicklung nicht hoffnungslos zurückbleibt.
Welche Glaubens-Erkenntnisse also wachsen uns heute zu, wenn wir dieses Bild der Erde betrachten?
Mir sind folgende Gedanken gekommen:
Die Erde ist nicht einfach eine wundervolle Materie-Ansammlung im unendlich weiten und meist leeren Weltraum, auf der es Leben gibt – pflanzliches, tierisches und menschliches Leben. Sie ist nicht nur Lebensraum, der uns zur Verfügung steht, den die wenigen Menschen, fast immer Männer, die Macht und Reichtum an sich gerissen haben, unter sich zur Ausbeutung aufteilen können. Ich erinnere mich noch gut, wie traurig und zornig es mich gemacht hat, als 2007 die Mitteilung in den Nachrichten kam, Russland hätte seine Fahne unter dem Eis der Arktis auf dem Nordpol aufgestellt – als Zeichen, dass diese unterseeischen Gebiete mit ihren Rohstoffen Russland gehören. Der Präsident damals war Putin. Traurig und lächerlich finde ich Überlegungen, dass NASA-Wissenschaftler im Verein mit Elon Musk ernsthaft nach neuem Lebensraum für die Menschheit auf dem Mars suchen und Siedlungen auf dem Mond innerhalb der nächsten 15 Jahre in Angriff nehmen wollen. Nein, die Erde ist nicht einfach nur ein Lebensraum für uns neben anderen. Die Erde – das macht mir dieses Bild klar – die Erde ist als Ganzes eine Lebens-Einheit – mit allem, was auf ihr lebt und webt, kreucht und fleucht. Sie ist ein Lebewesen. Sie teilt mit allem Werden und Vergehen. Sie ist in Bewegung. Sie verändert sich durch die Zeit. Sie ist als Ganze beseelt vom Geist Gottes, ist als Ganze kreativ, schöpferisch. Sie war es und wird es sein solange sie besteht.
In den allermeisten Kulturen und Religionen wurde die Erde als Mutter betrachtet und verehrt – in nicht wenigen noch heute. Die monotheistischen Religionen haben diesen Gedanken leider nicht aufgenommen. In ihrem Verstehenshorizont war die Erde immer nur Schöpfung, Objekt, Sache – zwar eine wundervolle Angelegenheit, ein Fingerzeig auf die Größe, Herrlichkeit und Weisheit Gottes, des Schöpfers, aber keine Wesenheit. Ein Gegenstand des Staunens vielleicht, aber nicht der Liebe. Wie weit gerade diese materialistische Weltsicht zu all den Umwelt- und Klimaproblemen beigetragen hat, die wir heute beklagen, mag jeder für sich bedenken.
Doch da hat sich für mich entscheidend etwas verändert. Und ich kann das nur auf den Geist Gottes zurückführen. Er hat mich gelehrt, beim Anblick dieses Bildes nicht nur über die Schönheit der Erde zu staunen, sondern diese wundervolle, verletzliche Erde zu lieben. Sie mit hineinzunehmen in das Beziehungsnetz der Liebe zu Gott und zu meinen Nächsten.
Und wo ich liebe, da kann mich das Leiden der Erde nicht gleichgültig sein lassen. Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Ressourcen, Raubbau an der Natur ist Leidensgeschichte. Als Christen sagen wir, dass uns in allen Leidenden niemand anderes als Christus selbst entgegentritt – mit dem Anspruch, ihm in seinem Leiden beizustehen und mit unserer Liebe dem Leiden zu wehren, wie es uns nur gerade möglich ist.
In der Tradition dieses Denkens heißt das für mich heute: in der geschundenen Erde begegnet mir der gekreuzigte Christus.
Leiden und Erlösung ist viel zu lange nur auf den Menschen hin gedacht worden, obwohl es einzelne biblische Texte gibt, die einen viel weiteren Horizont des Denkens und Glaubens eröffnen. Alle Kreatur seufzt mit den Menschen um Erlösung aus Leid und Tod, schreibt Paulus im Römerbrief (Rö.8,18ff). Und im Kolosserbrief wird uns ein wahrhaft kosmischer Christus vor Augen gestellt, in dem alles geschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. Er ist vor allem, und es besteht alles in ihm (Kol.1,16-17), heißt es da.
Leiden, Kreuz und Auferstehung beschreiben eine Wirklichkeit, die alles umschließt. Und wenn es von Gott heißt, dass er die Welt geliebt hat, den Kosmos, alles, was er ins Sein gerufen hat, dann sollten wir es ihm gleichtun: uns allem, was ist, in Liebe zuwenden, unsere Erde lieben.
Wer aus der Liebe heraus handelt, der setzt größere Kräfte ein als der, der nur aus Vernunft handelt – wobei ja schon viel gewonnen wäre, wenn alle wenigstens vernünftig in ihrem Umgang mit der Erde und ihren Gaben wären. Aber wer liebt, denkt vom anderen her und ist viel eher bereit, um des anderen willen etwas zu lassen, auf eigene Ansprüche zu verzichten. „Liebe und dann tu, was du willst“, dieser Ausspruch des Kirchenvaters Augustinus könnte für unser Verhältnis zur und unseren Umgang mit der Erde ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Damit auch zukünftige Generationen sich noch an ihrer Schönheit und Lebendigkeit und Vielfältigkeit erfreuen können.
Amen.
Veranstaltungskalender

Gemeindebüros

Adresse
Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Adresse
Tersteegenplatz 1
40474 Düsseldorf
Tel.: 0211 43 41 66
Öffnungszeiten
| Mo - Fr | 10:00 - 15:00 Uhr |
| Mi | geschlossen |
Öffnungszeiten
| bitte erfragen, | |
| Sommerferien |
Spendenkonto
Ev. Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen
DE38 3506 0190 1088 5230 39
.