Altjahresabend 2021, Stadtkirche, Johannes 8,31f, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Altjahrsabend 2021                                                                                                             

              Johannes 8,31f

Liebe Gemeinde!

Was nun endet, war ein Jahr der Schrecken, … Schrecken beinah apokalyptischen Ausmaßes: Feuer wütete weltweit, … sogar die Frostböden Sibiriens standen in Flammen. Fluten zur Sommerzeit haben in unserer unmittelbaren Heimat Zerstörung und Tod gebracht. Der Hunger hat himmelschreiendes Leid im Jemen geweckt, das dort den Krieg begleitet und ihm in Afghanistan nun ungehindert folgen wird. Und was die Krankheit vermag, ist allerorten die Morgen- und die Abendlitanei. Dass auf Erden die Verzweiflung wächst, dass die Menschheit in Umwälzung gerät, dass die Meere Gräber und die Wälder Mauern werden und manche zum Mars wollen, um dem irdischen Elend zu entrinnen, fügt sich zu einem Bild, dessen Züge von Breughel’scher Unübersichtlichkeit bei größer Klarheit sind: „Der Triumph des Todes“ ist keine finstere Vision des 16.Jahrhunderts, sondern die Überschrift über das, was wir als gebundene Chronik der Menschheit im 2021.Jahr nach Christi Geburt heute Abend abschließen werden. …

So bitter das klingt und so bunt und hell wiederum viele Blätter und Blüten gewesen sein mögen, die wir trotz alledem in unseren eigenen Erinnerungen an dieses Jahr einlegen und aufbewahren werden, … so wenig fällt es eigentlich doch aus dem Rahmen unserer Erwartungen. So lange ich denken kann, sehe ich uns alle voller Sorgen. 

Wir Deutschen - und wir Evangelischen nun in ganz besonderer Weise! - waren lange vorm Zusammenschrumpfen der Welt in der Globalisierung ja immer schon für Sorgen im planetaren Maßstab zuständig: … Der Frieden! … Die Gerechtigkeit! … Die Natur! … Die Zukunft der Erde!

Philosophischere Verantwortung, wichtigeres Wesen zur Weltgenesung kann es nicht geben. … Und nichts davon ist Nebensache!

Aber kann all unser Sorgen - Betonung auf „unser“ Sorgen - die Hauptsache ersetzen?

Wissen wir indes überhaupt, was die Hauptsache ist?

… Oder haben wir gerade das vielleicht vergessen? …

Denn eins haben wir vernachlässigt unter all den großen Themen, die eines Hegel oder Marx würdig wären und aller anderer, die alles erklären und vollenden zu müssen meinen, … eines unter all den großen Themen hat niemand bebrütet, der das Welten-Ei des Kolumbus begackerte.

Das Entscheidende berührt hat nur der Erzfeigling dieser Erde, und als er merkte, was die Befassung mit diesem Thema bedeuten würde, ließ er es wie eine heiße Kartoffel fallen.

… Genug aber der lächerlichen Vergleiche bei etwas, das uns wirklich angeht wie unser tägliches Brot: Die ungestellte Frage, das unbestellte Feld ist … die Wahrheit.

Um die Wahrheit haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten wenig Sorgen gemacht. Unsere Systeme waren ja scheinbar intakt. Was Dinge bedeuten, war klar. Und wie man zu den Fakten eine Meinung findet, ergab sich aus Anschauungen, die durch Argumente und Logik geformt und verändert wurden. Dass wir dabei trotzdem ideologische Gegensätze kannten und teilweise bitter parteiische Konflikte, ließ die wahrhaftig entgegengesetzten Wege zur Wahrheit spüren. Aber dass man zur Wahrheit kommen müsse - und sie nicht schon habe - und dass man sich schließlich bei ihr treffen werde - dass sie also verbinde und nicht trenne -, das immerhin schien längere Zeit allgemein denkbar. … Dass ohne Chancen für alle Menschen, ohne den Blick über das bloß eigene Bedürfen und Besitzen hinaus kein sinnvoller, kein zuträglicher Weg in die Zukunft möglich werde - und nichts anderes als Wege zur Zukunft sind menschliches Denken und Handeln selbst in ihren schlichtesten Formen -, das war der vermutete Mittel- und Haltepunkt unserer unterschiedlichsten Ansätze.

Vermittlung der Unterschiede bis zur objektiven Stimmigkeit, Ausgleich geistiger Gegensätze im letztlich Sachlichen, Verbindung des Einzelnen zu Großem: So dachte man sich wohl - naiv - die Wirkung der Wahrheit.

Doch das war vielleicht immer schon eine Illusion und ist heute, beim Siegeszug des blanken Subjektivismus endgültig vorbei: Wahrheit ist, was mir gefällt, nicht das, was allen gilt. Wahrheit hat jene Bedeutung, die ich ihr beilege, nicht eine Überzeugungskraft, der ich mich und notfalls auch meinen Willen beuge. Darum wird sie nurmehr behauptet und nicht bewiesen. Auf diese Weise ist Wahrheit eine den Fall ab- und die gegenteilige Auffassung ausschließende Größe, und längst nicht mehr etwas, das Aufschluss über meine Fehler bietet und mir mehr erschließt als mein Vorurteil erfasste. Solche Wahrheit verpflichtet mich nicht, sondern ich eigne sie mir an, sie dient meinen Zwecken. …….

Wenn wir es aber dabei belassen - bei dieser ungeheuerlichen Gleichsetzung zwischen Gefühl und Wahrheit, zwischen Meinung und Wahrheit, zwischen Lüge und Wahrheit - dann ist das Ende des Christentums besiegelt.

Denn der Kern unseres Glaubens ist es doch eben, ganz persönlich zwischen der Wahrheit und mir zu unterscheiden: Ein anderer ist die Wahrheit, nicht ich! Und darum kann das Ziel nicht sein, dass ich die Wahrheit besitze, sondern dass ich ihr treu bin.

Das liegt aber daran, dass wir nicht loskommen von dem, den Pilatus, der Wahrheitsfeigling schnell von einer populistischen Stimmung wegbrüllen ließ (vgl. Joh18,28-38). Wie da ein Mensch stand und selber nicht seinen Wahrheitswahn herausschrie, sondern stillschwieg, obwohl das unglaubliche, beneidenswerte Wort von ihm im Umlauf war, dass er selber die Wahrheit sei (vgl.Joh14,8), das brachte Pilatus aus der Fassung. Wieso machte dieser wahre Mensch nicht einen Triumph aus seiner Botschaft und Haltung, wie wir anderen das mit unseren Schnapsideen und Einbildungen unternehmen? Wieso war dieser Sendbote des größten Anspruchs so seltsam unmissionarisch, so gar nicht militant? Musste er denn nicht im herrischen Bewusstsein, dass er und er allein die Weisheit und das Gute kenne, jeden anderen mit Verachtung strafen und mit Vernichtung bedrohen, wie gewöhnliche Leute in ihrer Unsicherheit vor den eigenen Grundsätzen es immer wieder tun? Wieso war dieser Eingeweihte in alle Geheimnis-se, dieser Bringer bleibender Erleuchtung - das alles hatte man schließlich über ihn und von ihm gehört - so souverän passiv, statt panisch aggressiv? … Es scheint nicht weit her zu sein mit solcher Wahrheit, muss Pilatus geschlossen haben. Was soll sie denn eigentlich sein, wenn sie einen nicht zu fragloser Selbstsicherheit und knallharter Überlegenheit führt? … Wenn man sie fesseln kann, … abführen, … töten? …….

Was solche Wahrheit, die nicht auf ihrem Recht besteht, die nicht auf Durchsetzung getrimmt ist, vermag? – Sie kann uns frei machen.

Die, die meinen, sie müssten immer Recht haben und behalten, … die die meinen, sie könnten das ihres Erachtens Richtige erzwingen und durchsetzen, sind ja Sklaven. Sklaven jener Sorte, die uns heute anonym umgeben, … Sklaven wie wir.

… Wem sie, wem wir als Treiber unterworfen sind? – Einem Gangsterpaar wie Bonnie und Clyde, nur grausamer. Einem Moloch-Duo, das Blut saugt, Leben frisst und keine Gnade kennt: Maxi und Ego heißen sie. Das Ich und sein Erfolg. Die wollen Recht haben. Sich behaupten. Gewinnen. Das Ich und sein Erfolg wollen herrschen.

Und wir kuschen. Schalten Vernunft, Augenmaß und Anstand aus, um das Himmelfahrtskommando der Egomanie, des Größenwahns eines kleinen Mannes, einer kleinen Frau zu exekutieren.

Dabei entsteht die lebensgefährlich lügenhafte Täuschung, die wir das Projekt unseres Lebens nennen: Wirklichkeit verdrängen, Mitbewerber ausschließen, Belohnungsmechanismen des Selbst blindlings bedienen und immer mehr steigern, und dabei unausstehlich, … unglücklich, … unmenschlich werden bis zur Vollendung.

Das ist die Sklaverei, von der wir befreit werden können! Nicht jedoch auf dem Weg, den wir verfolgen. Der hoffnungslos falsche Weg zur Freiheit, den wir immer noch grimmig behaupten, besteht im Zerstören von Bindungen.

Je mehr wir Beschränkungen abwerfen … je mehr wir fordern … je mehr wir erwarten … je mehr wir werden, haben und sein können, desto unbegrenzter scheinen wir uns.

Dass gerade dieser Wahn in die Schrecken unserer Zeit führt – weil eine Welt, aus der jeder mehr entnehmen als zurückgeben will, der Auslöschung verfallen ist, weil das Kollektiv von ungezügelten Einzelinteressen grenzenlosen Konflikt schürt, und weil die unfassbare Torheit der Sterblichkeitsleugnung viel zu viel an der menschlichen Natur nur noch künstlich zulässt – … dass alle unsre Ansprüche an das Dasein also es immer mehr aushöhlen und untergraben, dämmert den meisten allmählich.

Darum sehen wir ja die Freiheiten schwinden.

Einerseits bringen Vernunft und Rücksicht Beschränkungen hervor, die vor Kurzem noch unvorstellbar waren, auf der anderen Seite führen Angst und Geiz zu immer engeren Kreisen, in denen wir uns noch sicher fühlen, während außerhalb unserer Isolationsblasen eine Welt wartet, vor der man sich lieber verbarrikadiert. Dagegen aber helfen die verzweifelten Manipulationen an der Wahrheit, die wir zuhauf erleben, rein gar nichts. Zu behaupten, ja zu glauben, dass es eine Krankheit oder Krise nicht gebe oder dass die nüchtern nötigen Maßnahmen in Wirklichkeit verborgenen Zwecken dienten, ist ein Beispiel dafür, wie die willkürliche Ermächtigung über die Wahrheit Menschen in erstickend tiefe Lügen einspinnt.

Was aber führte zur Befreiung? … Wenn nun ich oder ein anderer die Wahrheit nach seiner Lesart und Überzeugung propagierte? Wenn man aus Fakten Monstranzen macht … also Schau- und Vorzeigeinstrumente?

… Auf Tatsachen, die in der Monstranz präsentiert werden, reagieren allzu viele ja inzwischen mit Gegendemonstrationen, und Fakten kontert man mit Alternativen.

Es könnte daher sein, dass es kein Rückzug aus der Debatte und kein Aufgeben der vernünftigen Diskussion und ihrer kostbaren Frucht - der rechtsstaatlichen Demokratie - ist, wenn wir Christen uns auf eine andere Weise in den unversöhnlichen Streit der Wahrheit und der Anti-Wahrheit begeben.

Indem wir nämlich - nicht zur Abwechslung, sondern in demütigem Ernst! - nicht behaupten, wir hätten die Wahrheit. Indem wir nicht uns selbst zu Hütern des wissenschaftlich oder rational Richtigen aufschwingen - so sehr Ratio und Wissenschaft uns lieb und teuer sein müssen -, sondern etwas anderes vermitteln: Dass wir zutiefst getrost leben können ohne absolute Ansprüche an unser Erkenntnis- und Unterscheidungsvermögen, weil wir die letzte Wahrheit nicht beherrschen, sondern verehren.

Die letzte, die bleibende Wahrheit nämlich besteht vor aller Zeit und in wirklicher Unbegrenztheit nicht in einer Formel, einem System oder auch nur einem Modell: Die Wahrheit, die uns befreit von allen unseren Sorgen, Lügen und Begierden besteht in der Schöpfung, der Rettung und der Heilung der Welt durch Gott. Oder noch klarer ausgedrückt: Nur aus und in Gottes Liebe zu dieser trudelnden, selbstzerfleischenden, von Menschen bedrohten und Menschen bedrohenden Welt … nur aus und in Gottes Liebe kann es damit richtig werden. 

Wer das auch in diesem Jahr und im nächsten, wer das in unserer Zeit erkennen darf: Dass die Welt nicht verloren ist und auch nicht verloren geht, der kann Freiheit finden.

Weil sich das, was bei Gott Zukunft hat, wirklich nicht allein auf mich und meinen Gebrauch, mein Gutdünken beschränken lässt! Wenn diese erschreckend unerklärliche Welt, die sich scheinbar immer weiter weg von aller Kontrolle und Selbstkontrolle entfernt, nicht herrenlos ist, obwohl sie eben nicht mir ausschließlich dient - und ich ihr nicht -, dann muss ich weder für den Sinn aller Dinge bürgen noch allein ihre Rettung betreiben, noch weniger aber muss ich dann die Gelegenheit des Daseins so nutzen und beherrschen, als sei es darin alles zu finden. In Wahrheit ist alles weiter als mein Radius, eigenwilliger und gleichberechtigter als unsere illusionäre Idee von der menschlichen Solomacht und in Segen wie Entsetzen so unbezwinglich für jeden von uns, dass wir wirklich nur in der Freiheit existieren können, nicht selbst über Welt und Wahrheit zu gebieten.

Nicht, weil wir keine Verantwortung trügen.

Sondern weil wir die Anmaßung nicht fortführen, die den menschlichen Geist alles ausschlachten und sich nirgends begrenzen lässt.

Wir sind begrenzt. Das Jahresende zeigt es uns anschaulich.

Aber das ist nicht unser Verhängnis, sondern unsere Verschonung: Dass wir die großen Belange der Welt nicht alleine schultern und die Zukunft nicht bloß aus dem begrenzten Stoff der Zeit schaffen und die bleibende Wahrheit nicht aus eigener Macht behaupten müssen.

Sondern glauben dürfen, dass das alles in Jesus Christus liegt und nicht in uns.

Darum gehen wir frei von uns, frei vom Alten, frei von allem auf das Neue zu – durch den, der allein Weg und Wahrheit und Leben ist: Jesus Christus.

Amen.

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