6.S.n.Tr., 28.07.2019, 1. Petrus 2, 2-9, Stadtkirche, Daniel Kaufmann

Liebe Schwestern und Brüder,

„Alles beginnt mit der Sehnsucht, 
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres."

Nelly Sachs, eine Jüdin, die den Holocaust überlebte, beginnt mit diesen Worten eines ihrer berühmtesten Gedichte.

Mit dieser Sehnsuchtsthematik beginnt auch unser heutiger Predigttext aus dem Petrusbrief.  Ich lese uns den für heute vorgeschlagen Text aus 1. Petrus 2, 2-9

Da heißt es:

2 Habt Sehnsucht nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil,

3 da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar.

5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.

6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist,

8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. 9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;

 

1. "Alles beginnt mit der Sehnsucht." Wir sind sehnsüchtig wie die neugeborenen Kindlein nach der vernünftigen, lauteren Milch. Für unser Leben als Christ ist das geradezu die Überschrift schlechthin. Wir sind Sehnsuchtsleute, Menschen, in deren Herzen Raum für mehr, Größeres ist.

Genauer und konkret: Für das Wort, das wir uns nicht selber sagen können, das uns vielmehr gesagt wird, das uns von Gott gesagt ist, dass von der Freundlichkeit Gottes erzählt, dass uns die Zuwendung unseres Gottes nahebringt, dass von der Sehnsucht Gottes nach unserer Gemeinschaft berichtet. Diese Sache mit der Sehnsucht berührt ein Thema, das Zeit und Ewigkeit, Gott und Mensch, Unendlichkeit und den Ort, an dem ich lebe, zusammenbindet und verknüpft. Und uns daran erinnert, dass in unserem Herzen Raum für mehr, für Schöneres, für Größeres ist.

Diese Sehnsucht durchzieht wie ein Cantus Firmus unsere Glaubensgeschichte. (Mose seufzt auf dem Berg Sinai: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen" (2. Mose 33,18) Die Jünger sagen bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor begeistert: „Lass uns hier Hütten bauen." (Lukas 9,33)

Vom Kirchenlehrer Augustinus ist überliefert: „Unruhig sei unser Herz bis es Ruhe findet in Gott." Mystiker wie Gerhard Tersteegen haben zahlreiche Gedichte und Lieder geschrieben:

Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben,
aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder:
Ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir, du in mir,
lass mich ganz verschwinden,
dich nur sehn und finden."

Dorothe Sölle sagt es ein wenig kämpferischer, aber in ähnlicher Dringlichkeit:

Es muss noch mehr als alles geben!". Mehr als all das, was uns vorgesetzt wird an angeblich wichtigem, Bedeutendem und Bemerkenswertem.

 

Wir sind sehnsüchtig nach der Fülle des Lebens und Daseins, wir sind süchtig nach dem Leben, dass Gott unser Schöpfer uns geben und schenken möchte.

Eine andere Frage ist, ob wir uns dieser Sehnsucht so ohne weiteres anvertrauen.

Wer aus dem Vollen schöpfen möchte, wer mehr als alles anstrebt steht in Gefahr am Ende mit leeren Händen dazu stehen. Muss nach allem Tun und Machen vielleicht eingestehen, dass es nur für kleine Portionen gereicht hat. Muss mit Enttäuschungen rechnen. Nicht wenige schrauben die Erwartungen entsprechend zurück. Oder dimmen die Unruhe zu einer flackernden Funzel herunter. Anders Petrus in seinem Brief, der bei seinen Lesern diese Sehnsucht geradezu neu befördern und wecken will. Weil sie uns die Tiefe und den Sinn des Daseins wie nichts sonst erschließen kann. Weil es bei dieser Sehnsucht um mehr geht als um Unterhaltung und Entertainment. Weil diese Sucht nach Leben sich nicht auf Kaufen und Konsum reduzieren lässt. Weil diese Sucht nach letztem Sinn nicht in der Arbeit, im Job oder im Hamsterrad der Karriere gefangen ist. Weil diese Sucht nach mehr sich weder im Essen noch im Trinken erschöpft. Weil diese Sucht nicht auf Mager oder Fett, auf Körpergewicht und Body - Maß - Index fixiert bleibt. Weil diese Sucht nicht mit Tabletten, Aufputschmittel oder Drogen zu höheren Bewusstseinszuständen kommen möchte. Das alles sind Süchte, die ins Leere, in die Leere führen. Die uns hungrig und unzufrieden und rastlos und gelangweilt und zutiefst unzufrieden zurücklassen. Die Sehnsucht nach Gott ist die einzige Sucht, die uns auf gesunde und fruchtbare Weise mit dem Ursprung und Ziel unseres Lebens verbinden kann. Und dann ernährt wie nichts anderes sonst.

Wie die Mutter mit ihrer Milch das Kind bringt uns diese Sehnsucht zu den Quellen, von und aus denen wir leben können. Sie bringt uns in die Nähe und in die Gemeinschaft Gottes.

2. "Alles beginnt mit der Sehnsucht.
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres."

Wir sind Menschen, die Sehnsucht haben nach der Quelle des Lebens, nach Gott. Zu diesem mehr gehört auch die Sehnsucht nach einem Menschen, an dem man sich orientieren, aufrichten, ausrichten kann. Der einem sagt, wo es lang geht, mit Klima und Datenschutz, selbstbestimmtem Leben und Sterben, würdevollem alt und lebenssatt werden. Wir wollen gerne wissen, wie das Miteinander in Buntheit und auseinanderdrifteten Lebenswelten gelingen kann und welche Schritte nötig sind, damit eine Gesellschaft ihre Identität, ihre Werte und ihre Lebensmelodie nicht aus den Augen verliert. Der Erwartungsdruck ist da ja enorm, hoch, groß oft überdimensional hoch. Und es gehört zu den ernüchternden Erfahrungen unserer Tage, dass die hoch gehypten, mit vielen Klicks versehenen Meinungsmacher, Influencer und Medienstars, die Messiasse unserer Tage ihren Glanz, ihre Faszination oder Zauber meist über Nacht oder doch schneller als gedacht verlieren. Oder sich herausstellt, dass hinter der Fassade eine Reihe der altbekannten menschlichen Abgründe, Unvollkommenheiten und Schieflagen lauert. Insofern ist Petrus, unser Briefeschreiber ausgesprochen mutig. Er schreibt uns, den Getauften, ins Stammbuch, dass wir mit unserer Sehnsucht nach letzter Glaubwürdigkeit fündig werden können bei Jesus Christus, dem Eckstein, den Stein des Anstoßes, den Stein des Ärgernisses.

 

Bei Jesus - Petrus wird nicht müde das immer wieder zu betonen -  bei Jesus  sind wir mit dieser Sehnsucht nach letzter Glaubwürdigkeit richtig. Gerade weil sich an ihm die Geister scheiden. Er eckt an und reizt zur Entscheidung. Mit seiner bedingungslosen Liebe zu den Sündern, zu denen, die am Rande stehen und mit denen wir eher nicht zu tun haben wollen. Mit seiner kompromisslosen Parteinahme für die, die wenig Bildung, keine Lobby und in der Regel nur die unattraktiven Plätze im Konzert der Wichtigen und Einflussreichen bekommen. Mit seiner schier grenzenlosen Empathie für Menschen, die aus dem Tritt gekommen sind, durch Krankheit, durch Streit in der Familie, durch Unzufriedenheit mit sich selbst. Mit seinem geradezu naiven Vertrauen auf die Möglichkeiten Gottes, wenn es um Heilung und Umkehr, Sündenvergebung und Neuanfang geht. Mit seinen aufwühlenden Statements zu Tod und Leben, mit seiner unerhört einseitigen und entlarvenden Kritik des herkömmlichen Frömmigkeitsbetriebes. Mit seinem unerbittlichen Insistieren auf dem Vorrang des Menschlichen vor allen Gesetzen und Regeln.

 

Wir, das heißt auch die Kirche, arbeiten uns seit 2000 Jahren daran ab, dass Jesus womöglich gar nicht so radikal anders, nicht so grundsätzlich eindeutig und nicht so vorbehaltlos in seiner Zuwendung zu den Menschen gewesen ist. Dass die Worte der Bergpredigt lediglich ein Anreiz sein sollen, um in die richtige Richtung zu gelangen. Denn erfüllbar und lebbar sei das alles nicht, bestenfalls für die Klassenbesten und frömmsten Gemüter. Wir haben das Evangelium für alle einigermaßen heruntergedampft auf ein Maß, dass wir für schaff- und erfüllbar halten. Was wir mit unserem gut bürgerlichen Leben einigermaßen in Einklang zu bringen glauben können. Es ist bei uns wie bei der Geschichte von den Gänsen, von denen der dänische Philosoph und Schriftsteller Kierkegaard erzählt:

 

Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredte Gänsereich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergisst nicht, dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher, und ihr Leben bequem."

"Christentum ist Brandstiftung", hat Kierkegaard seinen Zeitgenossen vielleicht ein wenig undiplomatisch, aber unmissverständlich entgegengeschleudert, "und ihr macht da was Warmes, Gemütliches draus und regelt das Feuer, das von Jesus ausgeht, auf Zimmertemperatur herunter, macht eure traditionellen Feste und Traditionen, wo niemals was Ansteckendes draus folgt, wo folgenlos über Liebe und Licht räsoniert wird, Aber fliegen tut keiner, abheben und diese Welt aus den Angeln heben tut keiner. Denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher und das Leben ist bequem." (Das Korn ist auch für den Pfarrer gut, der Hof ist auch für den Pfarrer sicher und das Leben ist auch für den Pfarrer bequem)

 

Und doch und daran werden wir heute Morgen mit Petrus erinnert, gibt es diese Sehnsucht, die über gutes Korn, sicheren Hof und bequemes Leben hinausgeht. Es gibt diese Sehnsucht nach einer Authentizität, die sich nicht in dem Machbaren und Möglichen erschöpft. Es gibt diese Sehnsucht nach einem, der den Ärger, den Streit, den Widerspruch zu uns durchhält aushält und dafür auch sein Leben einsetzt. Um im Bild mit den Gänsen zu bleiben:

Es gibt auch bei uns diese Sehnsucht zu fliegen. Und bevor wir da allzu theoretisch abgleiten, wie, wo und wann wir da in geeigneter Weise anknüpfen können, sei an Martin Niemöller mit seiner recht einfachen, schlichten, aber eindringlichen Frage erinnert: Was würde Jesus dazu sagen...? Was würde Jesus sagen zu Klima, Datenschutzverordnung, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit für alle, Zuflucht für Gestrandete? Die Tücke liegt vermutlich darin, dass wir da keine fertigen Antworten, Konzepte hätten, sondern selbst im hier und jetzt und mit unserem eigenen Leben Antworten suchen und finden müssten. Und dabei auch in die eine oder andere Sackgasse geraten würden. Was aber durchweg kein Schaden wäre, sondern uns erfrischend nah in die Gefolgschaft Jesu brächte. Die Jünger sind bei aller Wertschätzung ihrer Kompetenzen ja vor allem Menschen, die dazu lernen und ihren Horizont immer mehr erweitern - bekanntlich dann so weit, dass die frohe Botschaft über etliche Umwege auch uns hier in Kaiserswerth erreichen konnte.

 

3. „Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres."

Wir sind Menschen die Sehnsucht haben nach der Quelle des Lebens, nach Gott.

Wir sind Menschen, die Sehnsucht haben nach dem wahren Menschen Gottes, nach Jesus. Und wir sind Menschen, die Sehnsucht haben nach etwas, was das Göttliche auch in uns sichtbar und spürbar macht. In der christlichen Tradition ist hier in der Regel von dem Geist Gottes die Rede, von dem ja auch in dem dritten Teil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses Einiges genannt wird. Der in uns Wohnung nehmen will und wird, der uns mit Gottes Gegenwart er- und ausfüllen will. Der uns in besonderer Weise vergewissert, dass wir Gottes Kinder sind. Petrus sagt es in seinem Brief ähnlich eindrücklich: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, das ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht."

 

Angesichts dieser Titelsammlung kann man fast ein wenig schwindelig werden. So viele Orden auf einmal sind wir ja gar nicht gewohnt. Zumindest, wenn man das ernst nimmt und für sich gelten lässt. Wir sind erwählt, persönlich mit Namen gemeint und von Gott in Anspruch genommen. Die Taufe ist das große „Ja" Gottes über unser Leben und das gilt für Zeit und Ewigkeit. Wir sind königlich, und das meint: in dieser Gemeinschaft muss keiner mehr buckeln und sich krumm machen, hier darf jeder aufrecht gehen. Wir sind priesterlich, und das meint: in dieser Gemeinschaft hat jeder und jede einen direkten Zugang zu Gott, die herkömmliche Hierarchie vor dem Altar wird ein für allemal überwunden, es braucht keinen zusätzlichen Stellvertreter in welcher Amtskleidung auch immer, um mit Gott in Kontakt zu kommen. Wir sind Heilige und das meint: Wir dürfen einmal von uns und unsere Leistungen, Talenten und vorzeigbaren Qualitäten absehen, sie sind für unser Gottesverhältnis nicht entscheidend, wir sind von Gott für gut befunden, er verleiht uns dieses Prädikat „heilig", denn er sieht uns mit den Augen Jesu, und das sind die Augen der Liebe, die alles, die selbst den Tod überwindet. Und wir gehören zu Gott, sind Gottes Menschen, sind Gottes Volk und als solches gehören wir zu der Familie der Kinder Gottes, die mit ihm verbunden sind für alle Zeiten der Welt. Und wir dürfen diese ausgesprochen ermutigende Botschaft allen sagen, die es noch nicht wissen, noch nicht gehört haben, denen diese Gegenwart Gottes in ihrem Leben noch nicht begegnet ist, aus welchem Grund auch immer.

 

Nelly Sachs schreibt:

„Alles beginnt mit der Sehnsucht,

immer ist im Herzen Raum für mehr,

für Schöneres, für Größeres -

Das ist des Menschen Größe und Not:

Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft und Liebe.

Und wo Sehnsucht sich erfüllt,

dort bricht sie noch stärker auf -

Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott,

mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?

So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,

Dich zu suchen,

und lass sie damit enden,

Dich gefunden zu haben."

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

 

Pfr. Daniel Kaufmann

 

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20