14.n.Trin., 17.09.2017, Stadtkirche, Markus 1,40-45 (im Rahmen der Predigtreihe: "Reformation und Diakonie), Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 14.n.Trin. - 17.IX.2017                                                                                                                                    

                     Markus 1, 40-45

Liebe Gemeinde!

In den Randbemerkungen Luthers zur letzten Ausgabe seiner deutschen Bibelübersetzung findet sich zum ersten Kapitel des Markusevangeliums ein einziger Kommentar.

Das ist erstaunlich wenig, denn dieses erste Markuskapitel – von dem wir heute wissen, dass damit überhaupt die Gattung eines „Evangeliums“ erfunden wurde – ist so rasant angefüllt wie ein Spielfilm im Zeitraffer oder ein Comic, bei dem auf einer Seite zwanzig Szenen begegnen: Das Wirken Johannes des Täufers und die Epiphanie bei Jesu eigener Taufe, die vierzig Tage, die der Christus vor seinem Tun in der Wüsteneinsamkeit verbrachte und dann das Scheitern des Satan an ihm, die Verkündigung Jesu, seine ersten Jüngerberufungen und Sabbatpredigten und Dämonenaustreibungen und Wunderheilungen und Erfolge drängen sich da in nicht einmal vierzig Versen zu einem furiosen Auftakt der Erlösung der bösen, traurigen und kranken Welt.

Doch in dieser aufwühlenden Bild- und Handlungsflut hat Luther nur eine feste Stelle gefunden, an der er den Anker eines Kommentars auswerfen und festmachen konnte: Es ist die Notiz, dass „Jesus gewaltig lehrte und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mk1,22).

Zu diesem Urteil über Jesu Predigt in Vollmacht schreibt Luther also nun:

„Das ist / seine predigt war als eines der es mit ernst meinet / Vnd was er sagte / das hatte ein gewalt / vnd lebet / als hette es hende und füsse. Nicht wie die Lumpenprediger / die da her speien vnd geifern / das man drüber vunlust vnd grewel gewinnet.“

Man sieht sofort, dass der Punkt, an dem Luther mit allem Nachdruck und Nachahmungstrieb einhakt, genau jene Gabe, jenes Charisma ist, durch das er die evangelische Kirche weckte: Ernste, unabweisbar vollmächtige Verkündigung, auf der Glaube und Gemeinde beruhen, … eine lebendige Predigt, die anders als die  hölzern schematische Drohkunst seiner Gegner Lust und Freude weckt. ———

Diese Grundlage der Kirche – die Vollmacht, „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen VI) – diese Grundlage der Kirche des Wortes findet Luther also auch im ersten Kapitel des ältesten Evangeliums. Und sie steht dort ja wirklich auch. …

Aber viel klarer und ausführlicher schildert uns der Anfang aller Überlieferungen von Jesus doch eigentlich eine andere Seite seines Auftretens. Nicht als reinen Prediger oder Lehrer stellt Markus uns den Sohn Gottes vor, sondern als einen, dessen Worte Taten sind und dessen Botschaft spürbare Kraftübertragung. Jesus bewirkt nicht nur die Lebensveränderung, die die Nachfolge für seine ersten Jünger bedeutet und nicht nur die Buße und Umkehr, zu der seine Reich-Gottes-Mission ruft, sondern mit Jesu Erscheinen beginnt eine Kette von gezielten, aber auch von unbeabsichtigten physischen Wohltaten und Wundern.

Jesu Kraft und Vollmacht sind nämlich keine seelischen Phänomene allein und sie gelten auch nicht nur den Seelen, sondern sie greifen genauso in den Bereich des Stofflichen hinein: Er verändert, ja, er erlöst doch die Welt … wie sollte er da also nicht auch den physischen Leib und das irdische Leben derer verändern, die er berührt oder die ihn berühren?!

Diese uns fremde, praktische Grunderfahrung mit Jesus Christus schlägt uns nun aber gerade im Markusevangelium besonders entgegen, in dem es ein sonderbares Geheimhaltungsgebot gibt: Wieder und wieder beschwört Jesus hier die Menschen, ihn nicht zu verraten und seine Bewegungen nicht preiszugeben.

Er will zunächst unerkannt und frei seinen Weg gehen, der unaufhaltsam an das Kreuz führt, an dem die Leiden und die Schmerzen aller Welt ihn treffen sollen.

Doch während man im Markusevangelium nirgends hört, dass jemand die diskreten Worte, die seelsorgliche Einzelzuwendung, die geheimnisvolle und einstweilen geheime Lehre des galiläischen Wanderpredigers ausplaudert, wird vom ersten Kapitel an deutlich, dass die praktischen Wirkungen, die seine Gegenwart, sein helfendes Eingreifen, seine Machtworte gegen Krankheit und Not entfalten, sich einfach nicht verschweigen lassen!

Während die Verkündigung Jesu also noch verborgen bleiben konnte, durchdrangen seine Taten schon die Welt.

Und mit dieser Beobachtung des Evangelisten Markus – dass die Leute nicht durch Predigten, wohl aber durch Heilung und Hilfe unwiderstehlich bewegt werden – … mit dieser Erkenntnis von der ansteckenden Wirkung dessen, was man Menschen Gutes tut, hätte die Kirche eigentlich auch zu Luthers Zeiten und für Luther eine ganz konkrete, ganz praktische Richtung nehmen müssen!

Wir sind eben nicht nur die Kirche des Wortes, sondern durch die Taufe werden wir zum Leib jenes Wortes gemacht, das Fleisch wurde.

Eben nicht bloß die Botschaft der Wahrheit begründet uns, trägt uns und lebt in uns, sondern ebenso die Erfahrung von Befreiung und Rettung aus Unrecht, Krankheit, Hunger und Trübsal. … Eine bloß predigende und bezeugende Kirche, eine Kirche der Thesen und Theorien allein hat es nie gegeben und soll es auch nie geben.

Wo Christus lebendig ist und wirkt, da müssen sich seine Liebe und Barmherzigkeit auch wirklich in Menschenleben in Gestalt von Gesundheit und Stärkung, von Nahrung und Schutz auswirken. ——

Jesus ist ja der Sohn Dessen, Der heißt „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2.Mose 3,14), und er trägt – wenn wir dem Urevangelium nach Markus folgen – einen ähnlichen Namen wie der Vater. Als ihn der Aussätzige nämlich mit dem Satz „Willst du, so kannst du“ um Heilung bittet, da antwortet Jesus: „Ich will’s“. Und so müssen wir ihn seitdem immer neu ungläubig-gläubig anrufen: „Willst du, so kannst du“, um immer wieder neu zu hören: „Ich will ja, ich will!“

Jesus ist der große helfende „Ich will“.

Sein ganzes Geheimnis und auch seine ganze Offenbarung sind seinem Hilfswillen geschuldet, seine Sendung und sein Dasein dienen einzig und allein dazu, der hilflosen Menschheit der Helfer zu sein.

Er, dessen Name „Jeschu’a“ schon buchstäblich nichts anderes als „Nothelfer“ und „Retter“ bedeutet, ist ja gekommen, damit das menschliche Los in allem leichter, damit es frei und hoffnungsvoll und würdig und ein Lob des Schöpfers werden könne und nicht mehr von Sünde zerfressen, von Leiden vergiftet und vom Tod endgültig ausgelöscht wird.

Diesem einen Ziel aber dient alles in seinem Leben vor und nach seinem Tod am Kreuz: Jeder satte Magen, jeder versöhnte Feind, jeder begnadigte Schuldige, jeder getröstete Traurige, jeder laufende Lahme, jeder hörende Taube, sehende Blinde, gereinigte Leprakranke, jedes lachende Kind, jeder genesene Todeskandidat, jeder von den Toten auferweckte Mensch zeigt es ja, dass Jesus nicht nur als Prophet oder Offenbarer gekommen ist wie Zarathustra oder Mohammed – oder Luther –, sondern dass er der wahre Heiland ist, der wirkliche Messias, der tatsächliche Erlöser. ——

Und nun steht Luther plötzlich da, … zwischen den eindrucksvollen Lehrern, den Stiftern großer Denkschulen und religiöser Bewegungen.

Das hat er vielleicht nicht verdient, … auch nicht, dass man ihn zwischen Sokrates und Jesus Sirach, zwischen Thomas von Aquin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel – oder wie die Erneuerer, die Reformer und Vollender des menschlichen Denkens sonst noch heißen mögen – einfach mit den Philosophen und Scharlatanen und Blendern und Geistesgrößen durcheinanderwirft.

……. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie setzten bei der Weltanschauung an – während Jesus Brot bricht, wo man hungert, Dämonen austreibt, die Menschen verbiegen und Spucke und Erde anrührt, um Ausgelaugte und Gezeichnete mit der Heilsalbe des helfenden Schöpfers zu kurieren, …  um schließlich dann sein Blut und Leben für die ganze Welt zu geben.

Jesus – der „Ich will“ und „Ich kann“ – hat also das schlichteste Mittel, um seine Wahrheit zu erweisen: Sein Tun.

Und eben das war Luthers Not:

Dass die Wahrheit Jesu auch in unserem Tun Schule machen will, dass der Beweis des Geistes und der Kraft in den Unternehmungen und Anstrengungen der Christen für die Anderen, die Angewiesenen bestätigt und geleistet werden soll … das war ihm zutiefst unheimlich – obwohl er es genau erkannte.

Luther wusste, dass die Liebe den Christenmenschen ebenso zu einem dienstbaren Knecht aller Dinge und jedermann untertan macht, wie ihn der Glaube zu einem freien Herrn über alles und alle erhebt.

Selbstverständlich wusste Luther das und meinte es niemals anders, als dass die Gerechtfertigten auch ein dankbar tätiges Leben und Streben nach Heiligung beweisen würden. … Und doch war es ihm unmöglich, die notwendigen Tatfolgen des Glaubensgehorsams beim Menschen ohne Sorge um das alleinseligmachende Werk Jesu zu fordern.

Immer lauerte beim Reden vom Tun des Glaubens der für ihn schreckliche Gedanke, dass dieses Tun als Müssen und das Gemusste dann als Leistung und die Leistung schließlich als Verdienst verstanden werden könnte.  … Ehe er aber irgendeiner Praxis das Wort redete, die wie eine zweite Quelle des Guten neben der einzigartigen Gerechtigkeit Jesu Christi hätte wirken können, hielt Luther sich lieber zwanghaft zurück.

Die Hauptsache für ihn war das Vertrauen auf das, was kein Mensch selber machen und erreichen, sondern nur passiv annehmen und empfangen kann. Daneben duldete er keine missverständliche Erwartung an die eigenen Aktivitäten des Menschen.

Und so versagte er – aus Liebe zu Jesu einzigartiger Liebe – der lutherischen Kirche ein Amt ihrer Nächstenliebe.

Dass schon zur Urgemeinde in Jerusalem die sieben Armenpfleger, die Diakone gehörten, um die soziale Verantwortung auszuüben, die sich in der Nachfolge Jesu selbstverständlich ergibt (vgl. Apg.6): Von der calvinistischen Reformation wurde diese Notwendigkeit des Helfens im Namen des „Ich will“ immer schon als wesentliche Lebensäußerung der Kirche Jesu Christi verstanden.

Die lutherische Kirche dagegen blieb dreihundert Jahre lang im Helfen und Lieben gelähmt, eine auf Verkündigung und Glauben beschränkte Gemeinschaft, deren Einzelne Gutes tun sollten ohne doch einen verbindlichen Dienst der Gemeinde an der Menschheit und ihren Bedürfnissen zu kennen: Auch das gehört zu den Wahrheiten, an die wir uns dieses Jahr erinnern müssen.

Und es ist eine alte, selbstkritische Erkenntnis des Luthertums selber, dessen strammer Vertreter Wilhelm Löhe – der Diakonissenvater in Neuendettelsau – schon vor anderthalb Jahrhunderten schrieb: In der Nachfolge Luthers hatte man „gar viel zu tun mit Aufrechterhaltung der reinen Lehre, und es ist aus diesen und andern Gründen, wenn schon nicht zu rechtfertigen, doch zu entschuldigen, dass die Kirche der Reformation ihrer Lehre und Einsicht nicht alsbald das praktische Leben und den Glanz der Werke der Barmherzigkeit folgen ließ.“ ——

Nein, lieber Bruder Löhe, lieber Vater Luther.

Nein!

Es ist nicht zu entschuldigen, dass man in Jesu Namen nicht seinen Willen zur Hilfe, nicht seine ganze Lebens- und Sterbensmission als die unmittelbare Regung erkannte, die auf uns über- und in seiner Kraft auch durch uns weitergehen muss!

Es ist nicht zu entschuldigen, dass aus Angst vor dem Müssen das heilige Wollen gedämpft und erstickt worden ist!

Es ist nicht zu entschuldigen, dass die Diakonie, die originäre Lebensäußerung der Kirche des großen Helfers dreimal hundert Jahre brauchte, ehe sie nicht mehr als Ablenkung oder Versuchung zu angemaßter Werkgerechtigkeit, sondern als das Leben und Wollen und Tun Jesu in seiner Gemeinde betrachtet wurde.  

Beinahe schämt man sich ja gegenüber den katholischen Kirchenlehrern und Denkern und Vorbildern, deren Heiligkeit niemals durch ihre Dogmatik oder ihre Predigt bestätigt wurde, sondern ausschließlich durch Hilfe und Heilung, die sie in Jesu Namen wirkten und weitergaben.

Tun, nicht Reden ist Zeugnis der herrlichen Gegenwart Jesu Christi unter uns.

Und du, Vater Luther, hast es doch selber in deiner kleinen, hellen Randnotiz zum ersten Kapitel des ältesten Evangelium so ausgedrückt:

„Vnd was Christus sagte / das hatte ein gewalt / vnd lebet / als hette es hende und füsse!                

Hände und Füsse muss daher auch der Glaube an ihn haben, Hände und Füsse müssen sich in seiner Nachfolge regen: Durch Helfen und Heilen, durch Pflegen und Trösten, durch Stärken und Eintreten für die Schwachen!

Hände und Füsse des Glaubens.

Hände und Füsse der Liebe.

Hände und Füsse der Hilfe.

Hände und Füsse, von deren Wirkung und Wohltaten eine mächtigere Kraft und Kunde ausgehen, als von allen Gedanken und Worten.

So stark, dass Jesus Christus schließlich wirklich niemandem und nirgends mehr verborgen bleiben wird – denn „sie kommen zu ihm von allen Enden“ … zu ihm, dem Helfer, der will und der kann.

Amen.   

 

 

 

Fürbitten

 

Herr, dazu soll es nie wieder kommen:

Dass wir wissen, was nottut,

dass wir einsehen, was Dein Wille und unsere Nachfolge wären

und dass wir dann nicht handeln, sondern abseits stehen.

 

Du hast mit Deinem Leben,

mit Deinem Wollen und Können,

mit Deiner Allmacht und Ohnmacht,

mit Deiner Liebe und Deinem Mitleid das Los aller Menschen wenden wollen

und liebst und wirkst und rettest auch heute,

bis endlich alle Welt Dich loben wird und niemals vergessen,

was Du ihr Gutes getan hast.

 

Darum bitten wir Dich, dass Dein Geist in unsere Hände und Füße,

in unsere Herzen und Gedanken fährt,

und uns auf Wegen des Friedens

zu den Aufgaben des Helfens

an die Orte des Leidens

in den Dienst an den Anderen führt!

 

Lass überall, wo Deine Kirche ist

auch Licht für die Verirrten,

Brot für die Hungrigen,

Fürsprache für die Unterdrückten,

Trost für die Leidtragenden,

Heilung für die Kranken,

Hoffnung für die Verzweifelten,

Liebe für die Vergessenen,

Versöhnung für die Feinde zu finden sein.

 

Lass uns die Gnade, von der wir leben,

das Wunder Deiner Barmherzigkeit, das wir durch Christus empfangen

und die herrliche Zuversicht des Lebens, das Du uns schenken willst,

nicht umsonst und nicht vergebens genießen,

sondern lass den Glauben, die Hoffnung, die Liebe in uns Frucht bringen.

 

Den Schmerz der ganzen Welt,

die Gewalt und die Dunkelheit unserer Gegenwart,

die ausweglosen Konflikte der Religionen und Völker

und die herzlose Selbstsucht unserer ganzen Kultur

wollen wir auf uns nehmen,

wollen wir nicht schweigend verschlimmern,

sondern angreifen und abbauen, wo es in unserer Macht steht

und bittend und hoffend aushaltend,

weil Du sie nicht dulden,

sondern auflösen und für immer beenden willst.

 

Lass uns in diesem Vertrauen auf Dich

den Dienst der dankbaren Liebe,

das Leben der heilenden Hoffnung,

die Gewissheit des tragenden Glaubens

auf allen Wegen mit den Menschen

und Dir, ihrem treuen Erlöser teilen,

bis wir am Ziel sind

und Dich loben in Ewigkeit!

 



[i] So die berühmte paradoxe Ausgangsthese der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“(1520).

Wilhelm Löhe, Von der Barmherzigkeit – Sechs Kapitel für jedermann, zuletzt ein siebtes für Dienerinnen der Barmherzigkeit (1858/60), in: Ders., Gesammelte Werke Bd. IV  Die Kirche in ihrer Bewegung Mission – Diakonie, Neuendettelsau 1962, S. 517. 

Alle anzeigen