2.So. n. Epiphanias, 14.01.2024, Stadtkirche, Hebräer 12, 12 - 25 i.A., Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.n. Epiphanias - 14.I.2024                                                                                                  

           Hebräer 12, 12 - 18. 22- 25a

Liebe Gemeinde!

Vierzehn Tage später als alle anderen haben wir heute hier ein echtes Silvester-Feuerwerk aus dem Hebräerbrief erlebt: Es kracht und zischt, schlägt donnernd ein wie der Blitz, stäubt Funken und blüht hell auf in schönsten Farben.

Was Böller und Raketen, Sternenregen und Knallfrösche bei mir nicht auslösen, das bewirkt das vorletzte Kapitel des großen geheimnisvollsten Briefes der Bibel spielend. Der Hebräerbrief kann mit seinen pyrotechnischen Effekten elektrisieren, er jagt mir Schauder durch Kopf und Körper, er klingt nach kräftiger Abwehr und jubelndem Einläuten. Er erregt Furcht und den Reflex fest geschlossener Augen … und ist gleichzeitig exotisch schön.

Erschütternd laut und schrecklich ist im Hebräerbrief das wiederholte Dringlichkeitssignal, der große Paukenschlag seiner Warnungen:

„Lasst uns achten auf das Wort, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben!“ (2,1) – BUMM!

„Ermahnt euch selbst alle Tage, solange es »heute« heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werden!“ (3,13) – KNALL!  

„Laßt uns mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht …“ (4,1). – ZISSSCCCHHH!

„Wir wünschen, dass jeder von euch den selben Eifer beweise, die Hoffnung festzuhalten bis ans Ende, damit ihr nicht träge werdet …“ (6,11). – PENG!

„Lasst uns nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht. … Sonst bleibt uns nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird.“ (10,25-27) – KRACH!

„Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer!“ (12,29) – PCHCHUH!!!

Wen diese kritisch-knisternde Pyrotechnik der geschürten Erwartung, der aufgeladenen Hochspannung nicht bis in die Haarwurzeln aufweckt, der ist geistlich nicht mehr zu erreichen:

Der christliche Glaube und die christliche Hoffnung sind ein Stoff wie Zunder, … sie sind eine Ladung glühender Energie. Es drängt in ihnen und durch sie ein Augenblick heran, der es hell auf Erden machen wird: Der Anbruch des Friedensreiches, der Durchbruch der Gerechtigkeit Gottes. Die Zündschnur dieser Zukunft aber, die die Sünde und alle Lebenszerstörungskräfte sprengen wird, ist schon angesteckt. Die Zeit läuft rasch wie das Flämmchen an der Lunte, und man muss sich einstellen auf die Entladung, in der alle Weihnachtswärme, alle Menschenfreundlichkeit Gottes, Seine urknallauslösende Weltliebe, Sein feuriger Neuschöpfungsgeist das tödlich Böse in unserer Wirklichkeit zerreißen und Heilung sprühend vom Himmel regnen oder aus der Erde emporzüngeln lassen wird (vgl. Jes45,8; 63,19-64,1!).

Darum entlädt der Hebräerbrief dieses Trommelfeuer von Silvesterböllern, die das rasche Ende des Alten und den nahen Anfang einer lebensfähigen und lebensfreundlichen und lebenswilligen Welt bekunden: Achtet, mahnt und haltet Euch fest! Die große Stunde von Schluß und Beginn steht unmittelbar bevor.

… Feuerwerk des Glaubens am Abend des Abgesangs, in der Mitternacht der Zeit vorm Morgenglanz der Ewigkeit! ——

Wo allerdings solches Feuerwerk aufsteigt - man konnte sich vor zwei Wochen wieder davon überzeugen -, da stinkt’s auch mächtig, und wehe, eine Salve oder eine ganze Batterie solcher Freudengeschosse und Angstvertreiber geht daneben! Wenn das gute Feuer der ungeduldig machenden frohen Botschaft zu jener Brandwaffe wird, die man in byzantinischer Zeit das „griechische Feuer“ nannte - eine spätantike Vorahnung der Phosphorbombe -, da wird es scheußlich. Freudenfeuer, die zu Verbrennungen oder Flächenbrand führen, sind etwas Gotteslästerliches, weil das ungestüme Lodern der Hoffnung und des Glaubens zwar ungeduldig machen darf und soll, aber nicht unduldsam!

Leider verlassen aber auch im Hebräerbrief – wie überall, wo Menschen mit dem überirdischen Licht Gottes umgehen – manche seiner Leuchtzeichen die richtige Bahn und richten Schaden an: Im Neuen wie im Alten Testament geschieht das unseligerweise oft dort, wo von Esau die Rede ist (vgl. Maleachi 1,3 // Rö.9,13), dem älteren der Zwillinge Isaaks und Rebekkas und direkten Bruder des in Jakob erwählten Volkes Israel. Neutestamentlich könnte man sagen: Wo Esau, das eigenständig-andersartige Ebenbild der zum Glauben Berufenen genannt wird - Esau, der diese Berufung nicht hat -, da liegt oft Schwefel in der Luft. Weil wir den, der ganz wie wir und darin dann doch anders ist, oft am wenigsten ertragen und ja auch am ehesten treffen und verletzen können.

Die schönen Leuchtkugeln und hellen Wecksignale des Hebräerbrief-Feuerwerks – „Die alte, zerstört-zerstörerische Welt vergeht und die neue Zeit zum Leben ist nah: Darum tröstet die Müden …, tut sichere Schritte …,  jagt dem Frieden nach …, jagt der Heiligung nach …“ – diese hell an den Himmel über uns geschriebene Fackelschrift geht leider wie ein Ascheregen nieder auf dem Haupt des Esau, der nicht an den Segen und nicht zur Buße kommen konnte.

Und so hat der starke Hebräerbrief die Schwäche aller Botschaften, die um des Kontrastes willen ihren Glanz vor einer dunklen Folie der Gegnerschaft, des Ausschließens, der Verwerfung entfalten zu müssen meinen.

Solche negativen Begleiterscheinungen des christlichen Trostes und seiner Motivationskraft müssten uns inzwischen allerdings vergangen sein. … Wir dürfen sie jedenfalls nicht mehr zünden, dürfen diese Wurzel der Verbitterung nicht mehr aufgehen lassen … lieber pyrotechnische Lichtblumen: Die Strahlkraft unseres Glaubens verbietet es doch schlicht, dass wir für möglich halten oder behaupten, andere seien dem Licht und der Erleichterung des Evangeliums dauerhaft entzogen. Die Nebelkerzen eines Glaubens, der erst angesichts von trübem Anti-Glauben hell wirken kann, sind ganz bestimmt unter unserer Würde! Uns ist Größeres, Weiteres, Umfassenderes anvertraut als dieses Schattenspiel, andere zu verdunkeln, um besser sichtbar zu werden.

Wir haben das wahre Licht, das unvergleichliche und unüberwindliche, das völlig grenzenlose Licht Gottes gespürt, … mit blinzelnden Augen an der Krippe sogar gesehen, … wir hören, ja wir essen dieses Licht der Welt, … wir nehmen es in uns auf, auch wenn wir es kein bisschen einfangen oder zähmen oder uns dienstbar machen können.

Es ist ein Licht, das man nicht speichern kann: Man muss ständig davon leben.

Es ist ein Licht, das sich nicht horten lässt, … weder aus Sparsamkeit, noch aus Egoismus: Es leuchtet nur, wenn es sich verströmen kann.

Es ist ein Licht, das weder als Teilchen noch als Welle, weder als Hitze noch als Helligkeit auftritt, sondern in allem und durch alles hindurch leuchtet.

Ein Licht, das uns die Welt zeigt, wie wir sie sonst nie sähen: Obwohl sie in Wahrheit so ist. Und ein Licht, das uns gleichzeitig alles verbirgt, weil die Materie in diesem Licht unsichtbar und bedeutungslos wird und tiefe Schatten oder Stellen, an denen für uns gar nichts zu sein scheint, plötzlich erfüllt und zur Quelle werden.

Es ist ein Licht, das man nicht fassen kann, weil es mehr ist als die uns bekannte, als die uns überhaupt zugängliche Welt, die doch seit dieser Woche auch astrophysikalisch wieder nur um ein neues Wunder des Nichtwissens und der Unerklärbarkeit reicher und schöner geworden ist: Eine junge Forscherin aus England hat eine gigantische Ringstruktur von Galaxien im Weltraum entdeckt[i], die nach gängiger wissenschaftlicher Lesart in dieser Dicht gar nicht vorkommen dürfte. Aber gerade das ist Wissenschaft: Zu erkennen, was wir nicht verstehen, sondern zuerst und zuletzt nur bestaunen können.       

Wohin wir also auch blicken: Wir stoßen auf das für uns Unerkennbare, Unergründliche, aber gerade darin nicht auf einen Mangel, ein Defizit, ein Weniger, sondern auf den Überfluss, auf das Darüberhinausgehende, auf das unerschöpfliche Mehr … oder Meer.

Diese Erfahrung, dass es mehr gibt, als wir bisher fassen, einordnen, ergreifen konnten, steht im Hebräerbrief hinter seiner typischsten und am häufigsten missverstandenen Denkfigur.

Dieser Brief, der so alttestamentlich, so vollbiblisch jüdisch und christlich ist wie keine andere Schrift der Urkirche, wird oft bemüht, wenn es um Abwertung des Alten Testaments, um Überbietung des Judentums geht. Da wären wir im schlechten Sinn wieder beim Jakob-und-Esau-Spiel des Einander-in-den-Schatten-Stellens.

Doch wenn der Hebräerbrief die Gesetze und Gebräuche des ersten Bundes als Schatten und Vorbilder bezeichnet (vgl. u.a. Hebr.9,23ff;10,1 usw.), dann spricht er dabei ja gerade von seinem Vertrautesten, vom Heiligsten und Heimatlichsten, vom Sichersten und Segensvollsten, das das Volk Gottes bisher kannte.

… Und von dieser Höhe aus, von diesem Gipfel des Gottgegebenen und Gültigen aus wagt der Brief dann zu sagen: Und nun gibt es noch mehr, es kommt noch mehr, es ist noch mehr vorhanden, als wir bisher ahnen, glauben und bezeugen konnten.

Nicht, dass das Alte schlecht war, soll damit bewiesen werden, sondern dass es noch nicht alles war.

Und an dieser Stelle geht das Feuerwerk erst richtig los. … Auch für uns. … Richtig los: Wenn wir erkennen, dass alles, was wir wissen, lieben und verehren, alles, was wir behaupten, beschwören und beweisen können, noch nicht, … noch längst nicht „Alles“ ist. … Denn ihr seid nicht zu etwas gekommen, das man anrühren konnte.

Da aber, wo das bisher Begriffene und die bisherigen Begriffe aufhören, … wo man nicht mehr sagen kann „Das ist Feuer“ und „Das ist Finsternis“, wo die Macht unserer Gewohnheiten, die Gültigkeit unserer Behauptungen, die Begründung unserer Beweis- und Glaubenssätze endet, … da geht das Feuerwerk los: Da blühen die bengalischen Feuer und regnen die funkenstäubenden Himmelskörper herab aus der Höhe! Da wehen die Farben wie Sternschnuppen über den Horizont, da bündeln sich Strahlen zu Ähren und tanzen Lichter im Reigen, … da ist es so betörend exotisch und spektakulär visuell, dass man den Hals reckt und mit den hungrigen Ohren schlackern muss, dass man „Oh!“ und „Ah!“ schreien und zwischen den Zähnen pfeifen will, weil es viel irrwitziger und lebenssatter zugeht, als wenn Oberkassel und Altstadtufer am Japantag sich von der Meisterkunst der Feuerwerker zu einer Menschheit verwandeln lassen, die nur noch Augen für den Himmel hat.

Der ist es nämlich!

 Vom Himmel und seiner fremd-schillernden, bunt-lockenden Fülle sind die letzten Höhenflüge unseres heutigen Hebräerbriefabschnitts angetrieben. Von dem, was man nicht fassen oder festlegen kann, weil es in so vielen Formen und Bildern schwebt und sich vor unseren staunenden Augen eröffnet:

… Der feste Zionsberg und die pulsierende Stadt des lebendigen Gottes,

… die vergeistigten Myriaden und Chöre der Engel, … das genießerische Festfeiern der Erlösten,

… die paradoxe Schar aus lauter Erstgeborenen, die den Rangstreit von Jakob und Esau längst hinter sich ließen, weil ihre Namen alle für immer beurkundet sind und sie sich also als intime Masse der unzählig Zugehörigen erleben, 

… sie alle: die von Gott Gerichteten und durch das Gericht Geretteten,

… die Geister der Heiligen, der Märtyrer, der Bekenner, der Leuchten und der Kerzen Gottes,

… der ganze Bund, in dem sie alle, in dem wir alle verquickt sind und verknüpft, die nie wieder auflösbare Zukunftsgewissheit, die alles übertrifft, was wir an Sicherem oder Vertrautem schon haben oder einst kannten.

Der Himmel – das, was über alles hinausgeht, was hier war und ist – ist das Thema des Hebräerbriefes. Der Himmel ist es, der sein Feuerwerk auslöst[ii].

Und er ist – in seiner Offenheit und seinem vielfarbenen Glanz, in seiner sprühenden Vitalität und seiner silbrigen, irisierenden, changierenden Schönheit – das, worum es geht!

– Basta!

Gewiss: Wir hätten über die Friedenshoffnung und die Heiligungsmahnung des Hebräerbriefes meditieren können, über die Rivalitäten und Geschwisterlichkeiten, die er in unserer Welt der aggressiv ansteckenden Sünde eindämmen und einüben will; wir hätten über seine Botschaft an die geisteskranken Vertreibungstreiber in unserer Politik diskutieren und die Warnungen vor Verspätung und Zerspaltung bedenken müssen, die unsere Gesellschaft ohne Mumm und unsere Kirchen im Auslaufmodus berühren.

Wir hätten das alles in seiner ganzen Trübheit und besorgniserregenden Aussichtslosigkeit mustern können. Aber dann hätten wir genau das Feuerwerk verpasst, das über dem bleiernen, grauen Horizont des sogenannten Wirklichen in der Weltlichkeit aufleuchtet.

Wir hätten sprechen und klagen können über alles, was wir in seiner Unabsehbarkeit und erst recht über alles, was wir in seiner schrecklichen Absehbarkeit sehen können.

Aber mein Neujahrsvorsatz lautet: Nicht das, sondern was mehr ist, soll uns hier bewegen.

Statt im absehbar Aussichtslosen zu verharren, wünsche ich mir, wünsche ich uns,  … erwarte ich von mir, erwarte ich von uns, dass wir das Unsichtbare ansehen, das Licht, das niemand erkennen kann und das doch über alle Finsternis längst hinausleuchtet.

Weil wir mit diesem Licht getauft sind, … mit diesem Blut!

Weil der Himmel unsere Berufung ist und weil der Himmel – der übertrifft, was wir kennen und erschließt, was wir für ausgeschlossen hielten, – der Ausgangspunkt unsres Glaubens und das Ziel unseres Lebens und unserer Welt ist.

Was wir abseits vom Himmel besprechen, bedenken, betrachten, ist - mit Verlaub - Nebensache.

Mehr, nein Alles in Allem ist das, was heute das Feuerwerk hieß: Das Aufleuchten, die Epiphanie Jesu unter uns, in dieser Welt, in unserem Leben als die Seinen … ein Aufleuchten, eine Epiphanie, die auch unser Herz und unsre Seele, unsern Geist und unser Dasein zum Himmel hin führt, zu dem wir schon gekommen sind, wenn wir mit Jesus leben, wenn wir in Jesus leben und von Jesus leben,

Davon redet Sein Blut, Sein Für-uns-Leben: Vom Himmel für uns und für die ganze Welt.

Sehen wir zu, dass wir den nicht abweisen, der da redet, sondern gesund werden … gesunde Christen, … Menschen im Licht, … Menschen, die dem Himmel gehören.   

Amen.

 

[i] Als Erstes meldete die BBC diese Entdeckung, vgl. https://www.bbc.com/news/science-environment-67950749

[ii] Die beherrschende „Feuerwerk“-Metapher greift die Sinai-Motivik der im Predigttext ausgelassenen Verse auf: Verse, die eine eingehende Entschlüsselung verdienten, weil in ihnen sich die tiefe Verankerung der besonderen Botschaft und Schriftauslegung des Hebräerbriefes in der jüdischen Tradition erweist. Außerdem nimmt die Metapher vorweg, dass die Klimax des 12.Kapitels in der aus 5.Mose 4,24/ 9,3 zitierten Beschreibung Gottes als „verzehrendes Feuer“ besteht. Das theologische Lichtmotiv, zu dem das Feuerwerk führt, ist natürlich wiederum das eigentliche Leitmotiv der Epiphaniaszeit. Und die Dominanz des Himmels am Ende der Predigt entspricht dem Schlussteil des ausgewählten Textabschnitts, der eine herrlich vielschichtige, anregende Collage biblischer Motive des eschatologischen Ziels der Seligkeit in der Gegenwart Gottes aufbietet.  

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