2.Sonntag nach Epiphanias, 15.01.2023, Stadtkirche, Johannes 2, 1 - 11, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.S.n.Epiphan. - 15.I.2023                                                                                                  

                     Johannes 2, 1-11

Liebe Gemeinde!

Manche werden wissen - was nicht wichtig ist -, dass die hiesigen Predigten, wenn ich sie ins Internet einstelle, eine Überschrift abkriegen. In aller Regel kurzfristig, beim Speichern, und spontan als eine Art rückblickender Kurzfassung der Kernaussage.

Bei der heutigen Predigt ging es anders. Sie wird die rätselhafte Überschrift tragen „Tegel in Kana“.

… Damit kann man nichts anfangen, denn die Ineinssetzung zweier geographischer Angaben ist einfach nur unsinnig. Tegel ist ein ehemals dörflicher Vorort nordwestlich von Berlin, wo das Anwesen und der Friedhof der Familie von Humboldt etwas Weltoffenes und wissenschaftlich Freigeistiges mit märkisch-bescheidener Verträumtheit verbanden; und über das Dorf Kana in Galiläa streiten die Gelehrten und die Pilger und die Bevölkerung seit Jahrhunderten, denn mindestens zwei Siedlungen im Umkreis von Nazareth beanspruchen, Schauplatz des ersten Wunders Jesu zu sein.

Was soll also die Verbindung eines Fleckens in der brandenburgischen Streusandbüchse mit einem Weiler in Israels nördlichem Hügelland?

… Zunächst einmal vielleicht nicht mehr als dies: Uns zu zeigen, dass Jesus die Welt verändert hat.

Seit Er auf dieser Erde wandelte, sind Seine Spuren, ist der Eindruck Seiner Wirklichkeit bis in die Erdkunde eingewandert. Ob historisch zu Recht oder „nur“ aus einer inneren Überzeugung von Menschen heraus: Es gibt unzählige Stellen und Punkte auf dem Globus, an denen sich eine damalige, eine später gelebte, eine heute geglaubte Verbindung mit Jesus Christus niederschlägt. … Er hat nicht nur Geschichte, sondern auch Geographie geschrieben.

Wir hier, in Kaiserswerth leben auch an einem Jesus-Ort, einem Ort, der seine Entwicklung und Rolle schlicht der Tatsache verdankt, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde und keine Generation seither ohne vielfältige Bezüge zu Ihm existierte, handelte und Ihm diente, indem sie in Fleisch und Stein, in Ethik und Architektur die Welt zu Seinem Gedächtnis veränderte.

… Doch warum „Kana und Tegel“?

Welches lebendige, weltverändernde Jesus-Bild symbolisieren diese beiden Dörfer?

Dazu muss man einen dritten geographischen Raum betreten, einen Raum, den wir alle viel lieber längst wieder am Rand unseres Gesichtskreises verschwimmen ließen. Doch wir müssen weiter hinschauen. Dort tobt die Geschichte auch des neuen Jahrs 2023: Die Geschichte nicht nur der schleichenden Gewalt gegen das Leben auf Erden, mit der wir uns abgefunden haben, sondern auch die Geschichte der mörderischen Heimtücke von Menschen gegen Menschen, die Geschichte eines irrwitzigen Hasses gegen völlig Unschuldige, die Geschichte der finstersten Brutalität im hellsten Tageslicht, … eine Geschichte des Wahnsinns und der Sünde, mit der wir uns aber ebenfalls abzufinden drohen, wenn man merkt, wie die Ukraine in unseren Nachrichten und Gedanken allmählich in den Hintergrund rückt.

Doch immerhin ist das niederträchtige Verachten und Verwüsten menschlichen Lebens so schmerzhaft gegenwärtig, dass ich in dieser Woche an Kana nicht wie sonst denken konnte:

Jedes Mal wenn ich versucht habe, mir das harmlos-schöne Hochzeitsfest vorzustellen, mit dem das hohe Evangelium des Johannes beginnt, war es anders als sonst. Nicht die ausgelassenen jüdischen Hochzeiten mit Schmaus und Tanz, die ich als Kind erleben konnte, … nicht die lebensfrohen Bilder, die Brueghel von Bauernhochzeiten mit Jesus als Gast gemalt hat, … nicht die schönen feierlichen Kirchenbilder, auf denen Maria als Fürsprecherin und der Kellermeister als vorweggenommener Liturg des Abendmahls erscheint.

Nein, dieses Jahr stehen mir plötzlich wieder Hochzeitsbilder in schwarz-weiß vor Augen: Die Bilder der jungen Großeltern und ihrer Geschwister und Gleichaltrigen. … Liebespaare, gewiss, … auch schöne Paare, schöne Brautkleider, … hier und da sogar schöne Brautsträuße. Aber die Bräutigame auf diesen Bildern tragen etwas, das den Ernst auch auf den Zügen ihrer Bräute erklärt. Sie stehen in Uniform da.

… Und zwei schreckliche Kreuze stechen auf diesen Hochzeitsbildern ins Auge: Die Hakenkreuze der Sünde auf allen Abzeichen … und die unsichtbaren Kreuze, die in der Rückschau über den bald Gefallenen und den blutjungen Witwen aufzutauchen scheinen.

Hochzeitsfest der Todeskandidaten. Brautwalzer der bald wieder durch letzte Gewalt Getrennten: Wenn man dieses Bild vor Augen hat, versteht man noch viel besser, wieso Maria, die Mutter der Freude für den Wein sorgt. „Sollen sie doch tanzen dürfen und sich freuen, die armen Menschenkinder, deren Lebens- und Liebesfeste so im Schatten des nahen Todes stehen. Jede Stunde, jeder Tropfen Glück sei ihnen gegönnt.“ …….

Natürlich ist auf der Hochzeit, bei der diese mütterlichen Gefühle den Menschen schlicht etwas von der Leichtigkeit des Seins gönnen, noch nicht die große, entscheidende Stunde des Menschensohnes gekommen, … die Stunde von Golgatha, die Stunde, in der der Tod besiegt wird, die Stunde des Ostermorgen, in der das wirkliche Leben gefeiert werden soll.

Es ist noch nicht Jesu wirkliches Wunder, wenn er - durch seine Mutter bewegt - eine schwerelose Nacht der Fröhlichkeit ermöglicht.

Aber eine jüdische Hochzeit ist immer eine trotzige Feier der Zukunft gewesen, selbst wenn die Pogromreiter am Rand des Dorfes standen, selbst wenn die Hakenkreuzfahnen und die „Judenfrei“-Schilder überall wie giftige Pilze sprossen.

… Heiliger Marc Chagall!, Du weißt es, dass dennoch immer irgendwo eine Braut und ein Bräutigam über der brennenden Welt schweben. … Und Jesus taucht seinen Pinsel in Chagalls Tuschkasten und malt mit Wasserfarbe den buntesten, fröhlichsten Reigen, den ein Bordeaux oder Montepulciano oder ein süßer Karmelwein überhaupt anstoßen können: … Wie sie tanzen, … wie die Kapelle spielt, … wie das ewig tröstliche Wort des Propheten Jeremia (33,11), das bei jeder jüdischen Hochzeit endlos gesungen wird, sich wieder einmal erfüllt: „Trotz der Verwüstung Jerusalems soll man dennoch wieder hören den Jubel der Freude und Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut …“ … Das ganze Stetl, das ganze Ghetto singt und schluchzt und wirbelt – „L’chaim: Zum Leben!“ – im Takt der Messias-Hoffnung auf die Erlösung zu, die ein weiteres Paar, ein neues Haus in Israel um einen Schritt näher-bringt. …….

Doch nun sind wir in Witebsk, in Weißrussland gelandet und suchen eigentlich ja nach Kana und Tegel: ´

Kana, das Dorf der Unbeschwerten, in dem Maria die gut jüdische Aufgabe der Hochzeitsvermittlung übernimmt, indem sie für Jesu vorösterlichen Wunderanfang[i] sorgt, … ein Wunderanfang, der einer kleinen Festgemeinde einen Vorgeschmack der ewigen Seligkeit schenkt durch die schlichte Erfahrung: Alle sind da … und nichts fehlt … und siehe, alles ist sehr gut! ——

Auf dieses selige Hochzeitsfest gehen wir ja alle zu: Besonders wieder seit am 27.November 2022 das Kirchenjahr neu anfing und wir es währen des ganzen Advent singen konnten „Macht euch bereit / zu der Hochzeit! / Ihr müsset ihm entgegengehn!“ (EG 147,1)

Christ-Sein bedeutet, diese Hochzeitseinladung zu haben. Unsere Tage sind die Vorbereitung dafür, … die Zeit, sich zu freuen, sich auf das einzustellen, was in der Gegenwart der Liebe die richtige Gabe und der schönste Schmuck sein wird, und in die gelöste innere Bereitschaft zum Mitfeiern des Festes zu finden, das nicht enden soll.

Das ist die Zukunftsdimension des biblischen Hochzeitsbildes: Wir alle erkennen uns darin als Gäste in spe … und das wortwörtlich: Wir sind die zur Hoffnung Gebetenen, wir sind die nach und nach eintreffende Tischgesellschaft der Zuversicht.

Das ist Kana. ———    

Was aber ist dann nur mit Tegel?

… Tegel ist die Todeszelle. Es erinnert uns – die Eingeladenen des Lammes, das im himmlischen Jerusalem goldene und silberne und diamantene und edelsteinfarbene Hochzeit mit der Menschheit feiern wird, … Jaspis-Hochzeit, Saphir-Hochzeit, Chalzedon-Hochzeit, Smaragd-Hochzeit, Sardonyx-Hochzeit bis zur Amethyst-Hochzeit in der spektakulären Farbenpracht und Licht- und Liebesfülle, von der in der Bibel ganz am Schluss die Offenbarung (21,19ff) spricht – … Tegel erinnert uns, die Eingeladenen des Lammes, an die Kreuze, die über den Häuptern von Braut und Bräutigam hier in unserer Gegenwart erscheinen.

Die Zukunft, die hier entsteht, die Hoffnungen, die hier genährt werden, die Träume und Pläne des Lebens, die wir hier feiern und - um im Kana-Bild zu bleiben - erwartungsfroh begießen: Sie stehen alle unter dem Vorbehalt, unter dem unsere Großeltern heirateten, unter dem sämtliche Liebesgeschichten und Lebensentwürfe der heutigen Ukraine sich entfalten und der auch über den menschlichen Schicksalen der russischen Soldaten und überhaupt aller unserer Mitmenschen waltet. Es ist der Vorbehalt, dass Jesu erstes Wunder nicht sein letztes ist:

In Kana schenkte er Freude für einen Augenblick und eine überschaubare Schar.

Für deren Augen in diesem Moment, für diese Augenzeugen offenbarte Jesus in Kana seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.

Doch ein größeres, ein noch nicht erschienenes, ein unvollendetes Wunder steht noch aus. Am Schluss des Johannesevangeliums (20,30f) deutet der Verfasser es ja an, wenn er - nach etlichen Osterberichten - schreibt: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“      

Dass wir das Leben haben: Das ist das Ziel der Taten, Wunder und Zeichen, das ist das Ziel der Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung Jesu.

Das Leben zu haben: Genau das aber ist auch die Hoffnung und Verheißung, die Kana, den Ort der hochzeitlichen Lebensfreude, mit Tegel, der Todeszelle verbindet.

Dass Tegel diese Todeszelle ist, dass es eindringlich vor Augen steht, wenn wir Liebe im Schatten des Verlustes und menschliche Bindungen, über denen die gewaltsame Trennung schwebt, betrachten, das liegt für uns natürlich an der Gestalt und Geschichte Dietrich Bonhoeffers, der im Tegeler Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis anderthalb Jahre lang eingesperrt war, bis man ihn ins Reichssicherheitshauptamt, das Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße verlegte, von wo er schließlich zur Hinrichtung in Flossenbürg abtransportiert wurde.

Die junge Maria von Wedemeyer und ihr Verlobter, Dietrich Bonhoeffer stehen vielen Menschen vermutlich vor Augen als ein solches Paar, deren Miteinander gar nicht betrachtet werden kann, ohne dass über ihnen oder in ihrem Rücken sich schon das Dunkel zusammenbraut – zusammen-„braut“! -, das ihre Leben überschatten und zerstören würde.

Wenn wir auf sie blicken, auf zwei Menschen, die zusammen sein wollten und denen es nicht vergönnt war, … denn erkennen wir in ihnen die jungen und nicht mehr so jungen ukrainischen Männer und Frauen, ja, die sämtlichen Menschen, deren Beziehungs- und Vertrauensgeflecht zerrissen worden ist und die das einfach Alltagsleben, das gewöhnliche Glück und das Glück der Gewohnheit überhaupt nicht mehr finden können, von dem das Paar in Kana vielleicht geträumt hat.

Wir erkennen in den Hochzeitern von damals die Bedrohten und Todgeweihten von heute, … die Menschheit, die nicht weiß, was morgen sein wird, … unsere Kinder und Kindeskinder, die befürchten, dass nach ihnen nichts und niemand mehr gesegnet und gewöhnlich wird leben können auf diesem von einer einzigen Spezies so entwerteten und dem Schöpfer entwendeten Planeten. …  

Aber weil wir Tegel in Kana finden, Kiew in Kana, Soledar in Kana, Bakhmut in Kana, … darum soll uns auch das andere Wasserzeichen immer wieder durchscheinen durch alle Bilder, die wir vor Augen haben. Es stehen ja nicht nur die unsichtbaren Kreuze über den Häuptern der Sterblichen, die morgen oder in diesem Jahr oder doch erst in vielen, vielen Jahrzehnten sterben werden.

Sondern überall, wo Kana ist – wo mitten im Tanz das Malheur, mitten im Glück die Tragik, mitten im Leben das Ende gegenwärtig bleibt –, da ist auch jener Gast von Kana zugegen!

… Und Seine Mutter bittet Ihn um Hilfe und sie weist uns auf Ihn hin.

Und dann erkennen wir, dass Jesus das Wasserzeichen der gesamten Welt ist: Wo immer uns das Glück ausgeht, wo uns der Wein ausgeht, die Luft ausgeht, die Zeit ausgeht, da müssen wir das Bild der Welt, da müssen wir die Lage und die Frage unseres Lebens vor das Licht Seiner Herrlichkeit halten.

… Denn dann wird es wie das geheimnisvolle Wasserzeichen sichtbar werden, dass Er da ist. Um Wunder zu tun. … Die kleinen, die wir kaum bemerken: Freude des Alltags. Zeit wie immer.

Aber auch die großen, die wir kaum für möglich halten. Die Wunder, die zum letzten und endgültigen Wunder führen, wenn aus dem Wasserzeichen die klare Offenbarung wird, die Gegenwart Jesu in Seinem Reich, an Seinem Tisch, bei Seinem Mahl, … der Kelch des Heils (vgl. Ps.116,13), in den Er voll einschenkt und mit dem Er Gutes und Barmherzigkeit uns alle erquicken lässt in Seinem Hause, in dem wir bleiben werden immerdar (vgl. Ps.23), weil jede Frau und jeder Mann und jedes Kind dort das Leben haben werden in Seinem Namen (vgl. Joh.21,31)!  

Das ist das Ziel des ersten Wunders in Kana.

Und davon hat der in Tegel gefangene Bonhoeffer gezehrt und gelebt, und aus der Prinz-Albrecht-Straße hat er davon geschrieben und gesungen, so wie wir jetzt davon singen wollen (EG 65):

„Von guten Mächten treu und still umgeben, / behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr.

…….“

Amen.

 

[i] Der barocke Choral von Heinrich Arnold Stockfleth „Wunderanfang, herrlich’s Ende, / wo die wunderweisen Hände / Gottes führen ein und aus …“ steht heute nicht mehr im Stammteil des EG.

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