3.So. n. Trin., 03.07.2022, Stadtkirche, Hesekiel 18 i.A., Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 3.S.n.Trin. - 3.VII.2022                                                                                                      

                        Hesekiel 18 i.A.

Liebe Gemeinde!

Hesekiels Geschichte, das ist die Geschichte einer großen Einsamkeit. Nachdem alles zerfallen war, was Zusammenhalt gibt. Hesekiel, ein Übriggebliebener. Ein Sägespan, davongefegt mit dem Kehricht. Ein Blatt, vom Stamm gerissen, windgetrieben. Ein aus dem Zusammenhang herausgesprengtes Atom. Der Mensch, mit dem es zuendegeht. ————

Seitdem Mose vor mehr als einem halben Jahrtausend seinen Bruder Aaron und dessen Söhne zu Israels Priestern geweiht hatte (vgl. 2.Mose29/ 3.Mose8), stifteten die Ordnungen der Priester schon auf der Wanderung durch die Wüste, später in den Tagen der vorstaatlichen Anarchie und schließlich in allem Auf und Ab der Politik und Heilsgeschichte des Davidsreiches den unabänderlichen kultischen Rhythmus und Rahmens des Lebens: Die Priester maßen die Zeit und heiligten Ruhe- und Festtag; ihr Dienst entsündigte, versöhnte und schaffte dem Volk Segen; ihr Wissen und Urteil bedeuteten Krankheit wie Genesung, Gemeinschaftsfähigkeit oder pädagogische Buße, Rechtsspruch und Strafe.

Die Priester trugen das Miteinander des Volkes Gottes, seine Berufung und sein Erbe, die Erwählung und die Ethik, die es auszeichneten, durch die Zeiten.

Und dann riss die Tradition ab.

Der Tempel - die Mitte dessen, was Israel als Königreich von Priestern und heiliges Volk (vgl.2.Mose19,6) ausmachte - wurde von Nebukadnezar geplündert (vgl.2.Könige 24,13ff), der Gottesdienst, der seit dem Exodus der Puls des von Gott belebten Israel gewesen war, wurde unterbrochen, König, Priesterschaft und Würdenträger wurden deportiert, und nach einem weiteren Jahrzehnt kläglicher Agonie wurde schließlich das Haus des HERRN in Jerusalem verbrannt (vgl.2.Könige25,9).

… Was von Moses Zeiten an getragen hatte, war nicht mehr. ———

Hesekiel aber, ein junger Priester aus Jerusalem (vgl. Hes.1,3), fand sich schon unter den ersten Deportierten. Und die Erfahrung, dass alles Heilende und Heilige vergehen konnte, prägte ihn natürlich tief. Priester außer Diensten. Gottesmann außerhalb der Ordnungen Gottes. Künder jenseits aller Heilsgeschichte.

… Wir merken: Die Geschichte eines Verlassenen, die zugleich Millionen Zeitgenossen vertraut sein dürfte: Mensch ohne Heimat. Entwurzelter. Auch in geistlicher Hinsicht, auch im Glauben ein obdachlos Gewordener. —

Was aber sagt dieser Ausgestoßene, dieser Vereinzelte, nicht mehr in der Tradition Geborgene, nicht mehr nehmend und geben in die Überlieferung Eingebundene uns?

Was sagt der Gott Israels, Der auch seiner christlichen Gemeinde zumutet, ein „auserwähltes Geschlecht, die königliche Priesterschaft, … das Volk des Eigentums“ zu sein (1.Petr.2,9), uns durch Hesekiel in unserer Zeit der Zersplitterung und Abnutzung, in unserer bröckelnden Epoche des verdunsteten Glaubens, zerstörten Vertrauens und der unterbrochenen Ketten zwischen Herkommen und Ziel, zwischen verschwindender Religion und verschwommener Richtung?

Was Gott zu diesem Sonderfall eines Priesters und Propheten ohne Gemeinde sagt, … was Gott uns Heutigen sagt, die wir in unserm Exil radikaler Individualität meinen, besonders frei zu sein und in Wirklichkeit völlig gezwungen leben, …was Gott also zu und durch Hesekiel sagt, das ist ganz erstaunlich und zutiefst ungewohnt, es ist ein Bruch und ein Beginn, wie sie nicht häufig in der Geschichte des Glaubens sein mögen.

Gott fängt mit einer Bauernweisheit an, die von der anthropologischen Genetik bis zur Soziologie, ja auch der Psychologie jede Wissenschaft vom Menschenwesen unterschreiben würde: Fremde Vergangenheit und Kollektiverfahrung prägen unbewusst auch den Einzelnen. Der Speicher des allgemeinen und gesammelten Erlebens schlägt sich leiblich und seelisch, schlägt sich als Altlast und Reflex, als Warnmechanismus und vererbte Gewohnheit nieder in allen Gliedern eines Abstammungszusammenhangs. Die „sauren Trauben“ - Leid, Mangel und Bitterkeit der Alten – hinterlassen ihre Spuren auch in den Jungen.

… Niemand ist also ganz er selbst, … in uns allen treffen wir auch auf die anderen.  

Das ist zugleich Binsenweisheit und tiefe Wahrheit. Während es in fernöstlichen Kulturen  selbstverständlich ist, dass nicht der aus der Gemeinschaft isolierte, sondern der als Glied in die Gesellschaft eingebettete und verbundene Mensch das Denken bestimmt, fühlen wir Westeuropäer seit der Aufklärung uns nicht im unverbrüchlichen Zusammenhang mit anderen, sondern in der Loslösung von ihnen angemessener wahrgenommen als die Person, die wir sind: Unsere Glaubensgemeinschaft oder unser Volk, die Familie und der Stand haben ihre Sicherheit wie ihren Zwang, uns zu bestimmen, verloren. Erst unabhängig von ihnen sehen wir unser Eigentliches sich abzeichnen. Und müssen es daher auch immer werbewirksamer aufweisen und vorzeigen. …  Die vielen Mücken in einem Schwarm aus Solitären führen einen sonderbaren Tanz, der keine großen gemeinsamen Bewegungen – wie etwa bei den Staren, die zusammen so geheimnisvoll dreidimensionale Wolken und Wirbel an den Himmel zaubern können – erreicht.

Und doch ist diese scheinbar so moderne, so nachreligiöse Welt des Individualismus nicht ohne Gott entstanden. Vielmehr wurzelt sie - und das sollte ihr klar sein! - in der Katastrophe des Exils und der Einsamkeit Hesekiels.

Kann ein Mensch ohne die äußere Sinnstiftung und den großen Halt einer Glaubens- und Lebensgemeinschaft mit anderen überhaupt bestehen, oder löst er sich selber nicht doch auf, wenn die Gebilde, die ihn von allen Seiten umfingen, sich auflösen? - Das ist die Lebensfrage des verlorenen Propheten, und auf sie antwortet Gott mit einer radikalen Wende: Der Gott der Väter, der Gott der verheißenen Nachkommen, der Gott des auserwählten Volkes, der Gott, Der aus dem einzelnen Abraham die Gemeinschaft aller Glaubenden - zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer - machen wollte, … Er teilt die Verbannung und Zerstreuung, Er nimmt teil an der Auflösung der Zusammenhänge und der bitteren Vereinzelung. Gott geht mit ins Exil, das an Stelle der kollektiven Heilsordnung dem Menschen nur noch Einzelschicksale bringt.

Das Sprichwort, das vom Einfluss der Vorgänger auf die Nachfolger berichtet, kann darum gelöscht werden, sagt Gott. Denn mit jedem aus dem Nest gefallenen Küken, mit jedem aus dem Heft gerissenen und unbeschriebenen Blatt, mit jedem vaterlandslosen und mutterseeleneinsamen Waisenkind, mit jedem stolzen Einzelgänger, der noch eine Jungfrauengeburt für zu viel bürgerliche Familie hielte und stattdessen glaubt, sich selbst geboren zu haben, … mit jedem Einsiedler aus Not oder Neigung will und wird Gott dennoch eine eigene Geschichte haben!

Es ist nicht unabänderlich so, dass Gott nur in den langen Linien der kontinuierlichen Tradition, der verlässlich verbürgten Überlieferungsketten, die Jahrhunderte durchziehen, seine Zeichen setzen, seine Botschaft vermitteln könnte.

Nein, Gott, Der im Anfang war, ja, Der der Anfang ist, bleibt zu allen Zeiten anfängerfreundlich. Gott sieht in niemanden bloß die Fortsetzung eines Gewesenen, sondern die wunderbare Möglichkeit eines Werdenden. Was immer hinter uns liegt … oder fehlt, was immer uns hervorgebracht hat …. oder vor uns abgerissen ist: Gott achtet nicht auf das Ergebnis, das wir sind oder auf das, was in uns zum Ziel kommt und zum Ende.

Sondern der Schöpfer sieht uns schöpferisch. Der Lebensspender spannt neuen Lebenslinien aus, wo wir uns in tödlichen Stricken der Vergangenheit verfangen.

Er will den Abbruch nicht, Er will den Tod nicht.

Er will, dass weitergeht, was Er angefangen hat, und darum macht Er Schluss mit aller Konsequenz und öffnet die inkonsequenten, die keiner Zwangsläufigkeit folgenden, sondern nur freiwillig zu entdeckenden Tore der Veränderung.

Am Tod des Sünders - also an der fatalen Folge des Bisherigen - kann der Urheber der unendlichen Möglichkeiten des Lebens, kann der Urheber der Möglichkeit des unendlichen Lebens wahrhaftig niemals Gefallen finden!

Und darum richtet Er Hesekiel, dem Propheten am - vorläufigen - Ende der Geschichte Israels den wunderbaren Bruch mit den Zusammenhängen aus, die bisher bindend, sinnstiftend und prägend waren:

Es muss möglich sein und es ist möglich, dass die in Israels Herkunft zutiefst verankerte und bisher unangefochtene und unumkehrbare Gültigkeit der Generationenfolge verwandelt wird.

Es muss möglich sein und es ist möglich, dass statt der heiligen Solidarität der unlöslich verwobenen Geschlechterreihen das revolutionäre Prinzip der Augenblicks-Gnade und des Spontan-Heils für jedes Menschenkind eine Rettung und eine Perspektive gestattet, die nicht vorgegeben und vorgelebt waren.

Es muss und ist bei Gott möglich, jeden Punkt, sogar den Schlusspunkt zu einem Ausgangspunkt werden zu sehen und jede Sekunde, sogar die letzte dazu zu nutzen, das Leben anzufangen. ———

Wie sehr diese befreiende, Zeit und Raum aufsprengende Heilszusage ein Gericht über die Geschichte und eben wirklich ein Freispruch für jene ist, die nicht mehr die Vergangenheit, sondern nur die Gegenwart gestalten können, hat vielleicht noch keine Generation so eindringlich gehört, wie die unsere. Die Antwort, die Gott dem Hesekiel gab auf die Frage, ob man dennoch leben könne, auch wenn alles Bisherige zerbrach, ist die zentrale und vitale Botschaft für unsere Zeit. Um unserer Kinder willen, um des jungen und des ungeborenen Lebens willen, müssen wir - gerade die treuen Empfänger und Bewahrer der Glaubenstradition - es ohne Schmerz zu fassen lernen, dass die Vergangenheit nicht die Quelle unseres Heils, sondern ein Verhängnis sein kann, aus dem wir den Ausweg suchen müssen, den der Gott Hesekiels, der Gott und Vater Jesu Christi weist.

Nicht in der Wiederherstellung alles zusammengebrochenen „Es-war-einmal …“, sondern im glaubensmutigen Hören und Vertrauen auf das „Es werde!“ liegt ja die Zukunft.

Wir müssen die Lasten – die Tat-, die Denk- und Lebenssünden des Bisherigen – wirklich abwerfen. So müssen wir also endlich lernen, dass der Pazifismus, in dem wir uns traditionell eingerichtet haben, ebenso schuldhaft ist und schuldig macht wie das uralte Kriegstreiben; wir müssen lernen, dass die Erfahrung inzwischen eine schlechtere Lehrmeisterin sein mag als die Erfindung: wir müssen lernen, dass Gewohnheit nicht sicher macht, sondern erstickt, und dass Ungewissheit Bereitschaft wecken kann und Hoffnung schürt; wir müssen lernen, dass die alten Götter stürzen - der Wohlstand und die Macht des Westens - und dass wir ein Zeitalter zu erhoffen haben, in dem nichts Überirdisches - außer Gott! - mehr gelten darf und alles Lebendige sich als sterblich und irdisch wird begegnen und bescheiden müssen.

Alle diese Lehren, die die Menschheit aus der Sippenhaft der Vergangenheit lösen und in die Hoffnungs- und Haftungsgemeinschaft von morgen stellen können, müssen wir lernen – auf den schmerzvollen und drängenden Gebieten der Politik, der Wirtschaft und der Technik.

Wir aber - jeder Einzelne von uns verbliebenen Christenmenschen, die die Erfahrung des scheinbaren Endes der Glaubensgeschichte berühren, ja schmerzen mag - … wir müssen die wahre Gestalt dieses Bruches mit dem Gestern, dieses Abschieds von der Vergangenheit, dieses Bereitwillig-und-von-Herzen-Neuanfangens betrachten. Denn dann wird uns das Sonderbare geschehen, dass wir in dem, was heute die Zukunft schlechthin bedeutet, nicht das Unbekannte, sondern das Vertraute erblicken dürfen.

Was der Welt den Schritt zum Überleben eröffnen wird, das kennen wir, … und wenn wir es erst wiedererkannt haben, dann können wir uns freuen wie die Könige und Priester und Propheten, die wir tatsächlich immer noch sein dürfen.

Denn die Rettung - der Zukunftsweg der Welt - ist das Herz unseres Glaubens.

… Nur dass dieses Innerste, von dem die Bibel seit Hesekiel durchdrungen ist und dass wir dann im Evangelium in seiner tiefsten und weitesten Form erfahren dürfen, uns nicht in seiner ganzen umstürzenden Durchbruchswahrheit vor Augen steht.

Wir haben uns daran gewöhnt, wir spüren die Erschütterung darin kaum noch.

Es scheint uns - völlig, völlig zu Unrecht! - langweilig, ja selbstverständlich … oder aber es scheint uns verstaubt und unverständlich zu sein, dieses Herzstück unseres Glaubens.

Dabei ist es das Wunder, das die Welt aus ihrem Zerfall und Untergang reißt.

Es ist das Wunder, das dieser verdammten Zeit der plötzlichen Flächenbrände und Weltbeben, dieser Zeit, in der gespenstische Schrecken wiederkehren und die Doppelgänger uralter Tragödien und Traumata einander verheerend überbieten, … es ist das Wunder, das dieser Endzeit die Wende ankündigt und sie zu einem Anfang macht.

Es ist das Wunder der Vergebung der Sünden.

Das Wunder, dass Gott nichts und niemanden den Lauf nehmen lässt, den alles vermeintlich nehmen wird und muss, sondern dass Gott Umkehr als Anfang annimmt und Verzeihung wie eine Geburt geschehen lässt.

Die Vergebung der Sünden, … der Ruf, dass wir umkehren, … die unvorstellbare Verheißung, dass nichts verhängt ist, sondern alles bloß abhängt von der schlichten, dringenden Entscheidung, das Untragbare zu lassen und das Unverhoffte zu wagen: Dieses Allerbeste und Allerheiligste und Allerwichtigste und Allereinfachste des Christentums müssen wir wieder als das zu lieben und zu loben lernen, von dem die Welt leben wird!

Die Welt wäre wirklich am Ende, es wäre um uns und alle geschehen, wenn es keine Vergebung der Sünden gäbe!

Hätte Gott nicht zu Hesekiel gesprochen: „Ich habe keinen Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben“, … und hätte Gott daraufhin nicht in Jesus Christus Seine Arme den Umkehrenden bis in den Tod hinein ausgebreitet und Seine Liebe zum Leben bis zum Sieg über den Tod bewahrheitet, dann wäre unsere Geschichte zuende.

Doch die Vergebung der Sünden stößt alle Türen auf.

Es gibt Zukunft!

Das Leben ruft uns – im Namen Gottes!

Da werden uns Herz und Geist und mit ihnen die Welt und die Zeit neu! —

Und mit dieser Botschaft endet die Endzeit.

Gott, fang Du nun mit uns an, was Dein Wille ist!

Amen.

 

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