Heiligabend, Christvesper, Micha 5,1-4a, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

„Kommt, lasst uns gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat." 

So haben wir es gerade wieder gehört, liebe Gemeinde, aus dem Evangelium des Lukas.

Lasst uns gehen nach Bethlehem. Bethlehem, heute eine kleine Stadt im palästinensischen Autonomiegebiet im Westjordanland. Damals, vor 2000 Jahren, ein Dorf in der röm. Provinz Judäa. Bethlehem - in unseren christlichen Ohren ein Signalwort, das uns sofort an Weihnachten denken lässt. Bethlehem, der Ort, an dem Jesus geboren wurde. In vielen Weihnachtsliedern so besungen: „Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein", gedichtet von Friedrich von Spee, 17. Jahrhundert, bis „In einer Höhle zu Bethlehem", getextet von Klaus Berg, vertont von Oskar Gottlieb Blarr, 20. Jahrhundert. Die Erzählungen der beiden Evangelisten Lukas und Matthäus lassen Jesus beide in Bethlehem geboren werden, auch wenn sie sich sonst erheblich voneinander unterscheiden. Bethlehem - ein geographischer Ort auf, den es „gibt", der real ist, in unserer Wirklichkeit mit ihrer Geschichte festzumachen.


Aber Bethlehem ist mehr. Es ist ein Symbol. Ein Symbol der Verheißung und der Hoffnung, ein Ort, in dem der Himmel die Erde berührt. Ein Symbol für eine Welt, die anders ist als die Welt heute, aber eine Welt, die eben keine Utopie ist, sondern schon da, nicht in Vollendung, sondern im Anfang - wie es uns die Engel jedes Jahr verkünden: Euch ist heute der Heiland geboren - in Bethlehem.
Die Liturgiereform von 2017 hat uns in diesem Jahr für den Heiligen Abend einen neuen Predigttext beschert, der uns zu einem weihnachtlichen Nachdenken über Bethlehem einlädt - jenseits der Hirten- und Stallromantik, in die das Weihnachtsevangelium des Lukas oft abzugleiten droht. Eben mit viel mehr Bezug zu dieser unserer Welt und Realität. Er steht im Buch des Propheten Micha im 5.Kapitel; ich lese die Verse 1 bis 4a in der Übersetzung der Basis-Bibel.
„Du aber, Bethlehem Efrata, bist zu klein, um zu den Landstädten Judas zu zählen. Doch aus deiner Mitte soll einer kommen, der Herrscher sein wird in Israel. Seine Wurzeln reichen zurück bis in die Urzeit, seine Herkunft steht von Anfang an fest. Darum wird die Not nur so lange anhalten, bis eine Frau das Kind zur Welt gebracht hat. Dann wird der Rest seiner Geschwister heimkehren zu den Menschen in Israel. Er wird auftreten und sein Volk weiden. Dazu gibt ihm Adonaj die Kraft und die Macht. Sie liegt in dem Namen Adonajs, seines Gottes. Dann wird man wieder sicher im Land wohnen können. Denn seine Macht reicht bis zum Rand der Welt. Er wird sich für den Frieden stark machen."
Als diese Verse geschrieben wurden, da sah es düster aus für Israel, für Juda. Die Babylonier hatten Jerusalem zerstört und die Oberschicht ins Exil verschleppt. Das Nordreich Israel war schon Jahrzehnte vorher von den Assyrern ausradiert worden. Was macht man, wenn die Gegenwart so hoffnungslos ist? Wie soll man da Zuversicht aufbringen für die Zukunft? Menschen in einer solchen Lage retten sich vielfach in die Verklärung der Vergangenheit: früher war alles besser. Man träumt von der alten Größe und Stärke.
Das tut Micha hier allerdings nicht. Denn er weiß nur zu genau, dass die Vergangenheit nicht nur gut war, nicht in Juda, nicht in Israel. Seit den Zeiten von König David war die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinandergegangen, Ungerechtigkeit und Unrecht hatten um sich gegriffen, Korruption und Unfähigkeit der Davididen hatten beide Reiche ruiniert und dazu eine schier ausweglose außenpolitische Lage zwischen rivalisierenden Großreichen, denen man entweder als Vasall dienen durfte oder die einen als Truppenaufmarschgelände auf ihren Eroberungszügen missbrauchten. Nein, auf das Haus Davids will Micha nicht mehr setzen. Mit den Davididen ist er durch. Da muss etwas Neues kommen - und doch muss dieses Neue die wirklich großen, guten, alten Träume und Hoffnungen umschließen, die Sehnsucht nach Recht und Gerechtigkeit, nach einem sicheren Leben, wo jeder von seiner Hände Arbeit leben kann, wo die Felder nicht von den durchziehenden Heeren feindlicher Reiche zertrampelt werden, die Viehherden nicht geraubt, wo man einfach sicher und im Frieden wohnen kann. Das sind weiß Gott uralte Sehnsüchte und Hoffnungen und sie sind lebendig bis in unsere Tage. Ist es uns eigentlich bewusst, wie unglaublich privilegiert wir hier sind in Deutschland, dass wir seit 76 Jahren im Frieden leben können? Wo zeigen wir da eine entsprechende Dankbarkeit gegenüber Gott und all den Menschen, die dieses Glück nicht mit uns teilen?
Wie gesagt: auf die Dynastie der Davididen kann und will Micha nicht mehr für die Zukunft bauen; überhaupt auf die Mächtigen, die Großen, die Klugen will er nicht mehr setzen, denen sind die kleinen Leute, die am Rande leben und um ihr Überleben tagein tagaus kämpfen, letztlich egal. Die haben den Bund, der am Sinai geschlossen wurde zwischen Israel und Gott, längst vergessen. Sie haben verdrängt, dass Gott ein Herz hat für die Armen und Kleinen, für die Fremden, Witwen und Waisen. Dass es ihm zuerst und zuletzt um Gerechtigkeit geht, um Gemeinschaftsgerechtigkeit, darum, dass jeder Mensch ein Leben in Würde führen kann.
Und dafür steht als reales Symbol Bethlehem.
Bethlehem, nicht Jerusalem, nicht die Hauptstadt mit dem Zion, dem Tempelberg, sondern das kleine Kaff Bethlehem.
Was hat ihn dazu gebracht? Nun: Bethlehem Efrata spielt auf Gottes Weg mit seinem Volk eine stetige Rolle. Bethlehem ~ das Haus des Brotes. Jener Ort, an dem Rahel über der Geburt ihres Sohnes stirbt; sie nennt ihn „Ben-Oni", Sohn meines Unglücks, der Vater Jakob gibt ihm den Namen „Ben-Jamin", Sohn des Glücks. Bethlehem, der Ort in dem die Ausländerin Ruth ihr Auskommen, einen Lebenspartner und eine Heimat findet; Bethlehem, der Ort, auf dessen Feldern David die Schafe seines Vaters hütete und wo er als jüngster und kleinster seiner Brüder zum König gesalbt wurde, wo der Prophet Samuel die Weisheit formulierte: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an." (1.Sam.16,7)
Bereits in diesen Worten klingt jener Sichtwechsel an, der viel später die Geburt des Gott gemäßen und gefälligen Retters eben nicht in der „Hauptstadt" mit ihren Palästen, Villen und dem Tempel, sondern auf dem Land und in einer Krippe liegend erzählen lässt.
Du aber, Bethlehem Efrata, bist zu klein, um zu den Landstädten Judas zu zählen. Doch aus deiner Mitte soll einer kommen, der Herrscher sein wird in Israel. Seine Wurzeln reichen zurück bis in die Urzeit, seine Herkunft steht von Anfang an fest." Das heißt doch: er wird ein Mensch sein nach dem Herzen Gottes, ein Mensch, der Gottes Leidenschaft für das Leben teilt, der sein Tun ausrichten wird am Tun Gottes, dessen Name Barmherzigkeit, Güte und Geduld ist und der gerade den Kleinen und Schwachen in Liebe zugewandt ist.
Er wird auftreten und sein Volk weiden." Er wird eben nicht wie alle anderen Herrscher von oben nach unten herunter-willküren, nicht mit harter Hand durchgreifen, sondern sich an Gottes Herrschaftsstil orientieren, an dem Hirten Israels. Er wird Israel, ja im Tiefsten alle Menschen - denn Israel steht biblisch immer als pars pro toto, als das eine Volk für alle Völker - weiden, d.h. für sie Sorge tragen wie ein guter Hirte für seine Schafe, für die weißen genauso wie für die schwarzen, für die starken wie für die schwachen, für die folgsamen genauso wie für die verbockten. „Dazu gibt ihm Adonaj die Kraft und die Macht." Und auch die Geduld und Ausdauer. „Dann wird man wieder sicher im Land wohnen können." Und genau da liegt der schmerzliche Stachel bloß vor uns: wann ist dann? Eines ist doch offensichtlich: die Erfüllung dieser Vision von gerechter Herrschaft, von Frieden und sicherem Wohnen steht noch aus. Dieser eine ist noch nicht geboren, der Messias, auf den Israel immer noch sehnsüchtig wartet. Das ist offensichtlich, das wird uns jeden Tag in den Nachrichten vor Augen gestellt. In wie vielen Bildern ziehen da Leid und Unrecht, Verzweiflung und Hilflosigkeit, himmelschreiende Ungerechtigkeit und abgrundtiefer Hass an uns vorbei - soviel, dass wir es kaum noch ertragen können und vielfach abstumpfen und verdrängen. Die Weltgeschichte - eine Via Dolorosa; schon immer und auch im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Auch da hat das Elend nicht aufgehört. Auch die Geburt Jesu ist in dem Sinne nicht die eine Geburt gewesen, von der Micha schreibt, dass mit dem Erscheinen dieses Einen aller Not ein Ende gesetzt wird, dass man dann wieder sicher im Lande wohnen kann. Als Lukas und Matthäus ihre Evangelien schrieben, da lag Jerusalem in Trümmern, waren die Kinder Israels zu hunderttausenden gefallen, ermordet, versklavt oder in alle Welt zerstreut. Was brachte sie - trotzdem! - dazu, diesen Text aus Micha auf Jesus von Nazareth zu beziehen, ihn als Messias zu sehen, obwohl er offensichtlich nicht der erhoffte Messias Israels war, nicht sein konnte angesichts seines Scheiterns am Kreuz?
Um was ging es ihnen, als sie das kleine Bethlehem zum Geburtsort des Jesus von Nazareth machten - wobei Nazareth ein ebenso unbedeutendes Nest in Galiläa war?
Meine Antwort: weil sie in der Begegnung mit diesem Jesus eine neue Sichtweise gelernt haben wie gut 500 Jahre vor ihnen Micha angesichts des Scheiterns seines Volkes Israel. Scheitern, Leid und Tod sind in unseren Augen reine Zeichen für Misserfolg. Wer Erfolg haben will, darf sich nicht an Menschen orientieren, die davon gezeichnet sind. Und was will man mit einem Gott, der einen gerade vor Scheitern, Leid und Tod nicht bewahrt? So, liebe Gemeinde, sieht die Welt - auf die Geschichte, auf Bethlehem. Sie sieht, was vor Augen ist. Aber Micha, Matthäus und Lukas haben sich sozusagen die Brille Gottes aufgesetzt, mit seinen Augen gesehen - auf die Geschichte, auf Bethlehem, auf Jesus von Nazareth. Und sie haben erkannt: das Kleine ist das Große, das Unbedeutende das Bedeutsame, im Scheitern liegt Heil, im Tod ist Leben. „Er wird auftreten und sein Volk weiden. Dazu gibt ihm Adonaj die Kraft und die Macht. Sie liegt in dem Namen Adonajs, seines Gottes." Und dieser Name heißt „Ich bin für euch da - und ich bin barmherzig, gnädig, langmütig, reich an Güte und Treue." Mit diesen Worten umschreibt Gott selbst seinen biblischen Gottesnamen JHWH am Berg Sinai beim Bundesschluss mit Israel (Ex.34,6)
Und wo immer Menschen Barmherzigkeit erfahren, wo man ihnen aus der Not hilft, wo man geduldig mit ihren Schwächen umgeht, wo sie erleben, dass sie eine neue Chance erhalten, wenn sie sich verrannt haben, wenn sie Fehler gemacht, Schuld auf sich geladen haben - immer da ist Gott am Werk in Gestalt einer seiner Hirtinnen und Hirten, die seine Liebe zu den Kleinen und Schwachen teilen. Immer da berührt der Himmel die Erde, immer da ist das Reich Gottes gegenwärtig, immer da ist Bethlehem - dieses Haus des Brotes, werden die Hungrigen satt, die Traurigen getröstet, die Einsamen und an den Rand Gedrängten in die Mitte geholt.
Bethlehem ist real-politisch bis heute nicht zum Friedenssymbol geworden und - wenn wir ehrlich sind - das Kind in der Krippe in Bethlehems Stall ist erwachsen geworden als Jesus von Nazareth nicht zur erfolgreichsten Gestalt der Weltgeschichte geworden. Aber unzählige Menschen haben durch die Jahrhunderte den Mann aus Nazareth als Begleiter und Beschützer in Erfolg und Misserfolg, in Glück und Verzweiflung, in Krankheit und Todesnot erfahren, erlebt - seine so andere Macht und Kraft, die aus dem Namen Gottes erwächst.
„Kommt, lasst uns gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist und die Gott uns kund gemacht hat."

Bethlehem, der Kraftort für alle Kraftlosen, für alle Verzweifelten, für alle am Rande.
Bethlehem, viel mehr als ein Flecken auf der Landkarte Palästinas.
Bethlehem, ein Ort der Hoffnung für unsere Welt, für Gottes geliebte Welt, wo Himmel und Erde sich verbinden, wo das Kleine das Große wird und das Große eine Chance hat, sich wahrhaft menschlich zu zeigen.

Rudolf Otto Wiemer gibt uns mit seinem Gedicht eine Wegbeschreibung an die Hand, wie wir nachhaltig und klimaneutral diesen Ort erreichen können:

Sage, wo ist Bethlehem?

Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Musst nur gehen, musst nur sehen -
Bethlehem ist überall.

Sage, wo ist Bethlehem?
Komm doch mit, ich zeig es dir!
Musst nur gehen, musst nur sehen -
Bethlehem ist jetzt und hier.

Sage, wo ist Bethlehem?
Liegt es tausend Jahre weit?
Musst nur gehen, musst nur sehen -
Bethlehem ist jederzeit.

Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe, wo der Stall?
Musst nur gehen, musst nur sehen -
Bethlehem ist überall.

Also: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem - heute - morgen und jeden Tag im neuen Jahr Weihnachten erleben.

Amen.

 

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