13.Sonntag nach Trinitatis, 29.08.2021, Stadt- und Jonakirche, 1.Mose 4, 1 - 16a, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth und Jona 13.n.Trin. - 29.VIII.2021                                                                                     

                           1.Mose 4, 1-16a

Liebe Gemeinde!

Vielleicht musste die Bibel um Abels willen geschrieben werden.

Vielleicht musste Israel erwählt werden und durch die Jahrtausende gehen, damit Abel nicht vergessen wird.

Vielleicht ist Jesus Christus Mensch geworden wegen Abels Tod.

Vielleicht sind wir alle getauft nur für Abel, weil sein Blut schreit. ——

So sonderbar dieser Gedanke einer Welt- und Heilsgeschichte im Namen eines einzigen Menschen auch klingen mag … es ist nichts biblischer als eine solche Verdichtung aller Dinge auf einem einzigen Nenner. In Gottes Gegenwart tragen Menschen Namen und nicht Ziffern. In Gottes Gegenwart kann man und will man nicht zählen, weil jede Einzelheit und jeder Einzelne zum Ganzen gehören. Nicht, ob viele fehlen, sondern wenn überhaupt einer fehlt, zerreißt es den Heilsplan Gottes, der nicht in Mengen, sondern in Vollkommenheit besteht.

… Und darum ist nach der Tragödie der Menschen, die ein Leben ohne Gott, aber mit dem Tod wählten, die Tragödie Kains, der den Tod zu seiner Tat und nicht zu seinem Verhängnis machte, in Wahrheit die Tragödie Gottes. Das Ende der paradiesischen Nähe zwischen Schöpfer und Geschöpf hatte zwar bedeutet, dass der Mensch auf eigene Faust leben wollte und musste, … sterbend aber wäre er nicht ausgesetzt, nicht abgeschnitten geblieben in dem Reich seiner Alleinherrschaft, in dem er sich gegen die Gegenwart Gottes ausgedehnt hatte. Sterbend hätte er Gottes sein können.

Der erste Mensch aber, der sterblich geboren wurde, Kain, nahm nicht nur sein Leben in die Hand, sondern machte sie auch zur Faust des Tötens. Ein Mensch also, der sich Leben und Tod anmaßt, … den hat Gott doppelt verloren.

Wenn weder in der Endlichkeit, noch im Enden mehr Raum für Gott bleibt, … dann ist es tragisch, ausweglos, verloren.

Und so musste Gott, seit Kain den Abel erschlug, Wege gehen, die Er im Paradies nicht vorgesehen hatte. Gott musste schon zur Welt, als es den Menschen dorthin zog. Gott musste mit in’s Leidensland, als es dem Menschen im Friedensgarten zu geschützt war. Und endlich dann musste Gott sich in Mord und Totschlag verwickeln lassen, … beinah unmittelbar. Unangekündigt. Ohne Vorbereitung. Weil die Freiheit, die der Mensch sich um den Preis des Sterbenmüssens nahm - seine Freiheit zum Tode -, sofort umschlug in die Freiheit zum Töten.

Da also, als Abel starb – Abel, dessen Opfer dem HERRN wohl gefallen hatte – da fiel die Entscheidung für Gott, zum Opfer für die Opfer zu werden.

Nur so herum können wir das Rätsel der göttlichen Wahl, das Rätsel der Entscheidung, mit dem einen Opfer sich zu verbinden und die Gabe eines Anderen nicht zu wollen, ein wenig ergründen.

Gottes Wahl ist Gottes Vorsehung, so sagen wir und sträuben uns gegen eine Prädestination, die dem Menschen keinen Spielraum ließe. … Wenn aber wirklich Gott die Gabe und die Last der Vorsehung trägt, wenn Er sieht, was ein Mensch vor Ihm wählen wird, dann sind Gottes Entscheidungen, Seine Öffnung oder Sein Verstummen nicht Zwänge, sondern Reaktionen, … nicht Ursachen, sondern Wirkungen. ——

Das zu denken, das zu verstehen, sind wir nicht gewohnt.

Doch der Unsinn, ja Wahnsinn des faulen Denkens, dass Gott alles entscheide und der Mensch nichts, geht eben wirklich schon bei den ersten Irdischen nicht auf. Weder Adam und Eva vor der Welt, noch Kain und Abel in der Welt hätten ihre Geschichten gehabt, wenn sie nur ausführten, was Gottes Vorgabe war!

… Alles, wovon die Bibel berichtet, … alles, was wir selber erleben, ist demnach nicht das Abwickeln oder Aufrollen des Schnürchens, an dem Gott die Dinge zieht oder zappeln lässt, sondern es ist die erschütternde Treue Dessen, Der den von Ihm abgewandten Menschen trotz allem nicht sich selber überlässt.

Die Weltgeschichte und -wirklichkeit zeigen, wie der treue Gott dem unfolgsamen Menschen folgt.

In der Stunde des ersten Gottesdienstes auf Erden haben sich daher alle späteren Gottesdienste bis zu diesem heutigen entschieden. Gott hat sich dem zweifachen blutigen Opfer nicht entziehen können … nicht, weil das geschlachtete Lamm Ihn gnädig stimmte, sondern weil Er dem bald geschlachteten Hirten treu blieb. Seitdem ist Gott auf der Opferseite … nicht als der Fordernde, sondern als Der, Der teilnimmt am Leid, das sich im Opfer spiegelt, Der Sich Selbst ausliefert der Gewalt, die am Opfer entladen wird und Der schließlich tatsächlich den Tod zu Seiner Sache macht, um die religiösen, aber ebenso die politischen, um alle menschlichen und alle unmenschlichen Opfer der Weltgeschichte zu beenden.

Das tut der Gott, Der dem Kain noch vor dem Urverbrechen ein letztes Mal die Freiheit zeigt: „Kain – Du kannst den Kopf hoch und frei tragen … ohne Sünde! Wenn Du aber der Gewalt nicht widerstehst – der Gewalt von Sünde und Schuld – … wie soll es vor der Tür, wie soll es in der Welt, wie soll es in der Zukunft aller Menschen weitergehen?“

……. Wir wissen, wie es weiterging. Brudermord. Bis heute. Sünde und Gewalt in jeder Form, an jeder Tür, an jeder Ecke, in allen Bereichen.

Erschüttert, zerrissen, gequält erfahren wir in unserer unmittelbaren Gegenwart, dass die göttliche Warnung vor der Sünde und die göttliche Hoffnung, Kain werde sich und sie beherrschen, in den Wind geschlagen werden … und zwar von uns allen, bei beinah jedem Schritt, an beinah jeder Schwelle.

So nah wie uns die Folgen der menschlichen Bosheit nun vor die Tür, ja unter die Haut gekrochen sind, haben wir sie dabei vielleicht lange nicht gespürt: Aber dass alles, was wir anfassen, zuschanden wird, dass unser Verstand für einfachste Erkenntnis nicht ausreicht und unser Mitgefühl auf dem Weg zwischen Herz und Hand erlahmt, das können wir nicht mehr leugnen oder der falschen Erbsündenlehre des einflussreichen und wahrhaftig pessimistischen Kirchenvaters Augustin in die Schuhe schieben, dessen Gedenktag gestern war.

Auf katastrophale Weise scheint sich das dunkelste Bild von der Menschheit in unseren Tagen zu erfüllen. Die Völker, die sich für fortschrittlich und rechtsgebunden hielten, zermürben sich in aggressiver Verrohung und Verblödung und verlieren jede Glaubwürdigkeit in einer Welt, die vor der Vernichtung steht. Die Armut und die Not unzähliger Millionen wachsen und treiben in immer aussichtslosere Unfreiheit in völliger wirtschaftlicher Abhängigkeit oder unter religiösem Vorzeichen.

Und die Diktaturen und das Chaos formen eine Menschheit nach ihrem Bild.

Abels Blut schreit und schreit. Es tränkt die vergiftete Erde, die sonst völlig vertrocknete, es fließt in die Meere der Badeurlauber und der in den Tod Flüchtenden, es liegt schwer in der Luft, … schwer wie Zukunft.

Aber – und wenn es auch kein rein erbaulicher Trost ist, so ist es doch die eine Wahrheit, die nicht mit den Lügengebäuden zusammenbricht, die gerade einstürzen – aber: Das Blut Abels ist das Blut dessen, zu dem sich Gott bekannt hat. Ihn hat Gott gnädig angesehen, weil Er in Abel das künftige Opfer erkannte und weil der Weg, den Gott wegen Abel gehen würde, der einzige Weg ist, auf dem Abel und Kain Rettung finden können.

Dieser Weg Gottes fing also an mit einem Mord, den Gott verhindern wollte, … aber Kain weigerte sich.

Dieser Weg Gottes vollzog sich dann in letzter Tiefe schließlich an einem Kreuz, an dem Gott wissend den Mord erlitt, den die Menschheit in sich trägt und den Gott auf sich zog, um ganz und gar der Gott der Opfer zu sein, Der keine Opfer mehr will und sie alle beenden wird.

Denn dieser Weg Gottes vom Feld, auf dem ein Bruder keinen Hüter hatte, ist durch einen Hirten, der allen Bruder wurde, ein Wunderweg geworden. Nicht tötend - wie die Menschen -, sondern getötet hat Gott durch das Blut des ewigen Bundes den großen Hirten der Schafe von den Toten ausgeführt, wie es im Hebräerbrief heißt (13,20).
Und das ist die Feier jedes Gottesdienstes, das ist das österlich Geheimnis, das wir Christen bekennen und dem wir an jedem Auferstehungstag entgegengehen: Dass Gott in Jesus Christus ein zweiter Abel wird, um den ersten Abel und alle, alle seine Schwestern und Brüder aus der Gewalt des Todes, aus dem sinnlosen, endlosen Unrecht, aus der Verlorenheit zu befreien.

Nichts anderes also feiern wir, wann immer wir Gottesdienst halten, als die Fortsetzung des ersten aller Gottesdienste, des Gottesdienstes von Kain und Abel.

Unsere Fortsetzung im Namen Jesu Christi ist zugleich aber eine Umkehrung.

Sie bringt nicht die Spaltung der Menschheitsfamilie in Täter und Opfer hervor, sondern sie hebt sie auf.

Denn dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus nicht nur die Seite und die Hand der Opfer ergreift, das wissen wir, seit Er den Fluch, den Kain auf sich geladen hatte, sofort abwandelte, um nicht ein Gott von jener Art zu sein, von der die Religionskritiker sagen würden, Kain habe diesen Gott nach seinem Bilde schaffen können.

– Nein, auch der Mörder, den Gott so eindringlich zur Freiheit von der Sünde gerufen hatte, macht aus Gott keinen Sklaven der Rache.

Vielmehr überwindet Gott die Sünde, indem er den Sünder vor ihr und vor sich selber schützt.

Das Zeichen, das Er dem Kain auf die Stirn setzt, um ihn vor der Rache, die dem Bösen unweigerlich folgt, zu bewahren, ist ja kein Zeichen der Aussonderung eines Verworfenen, sondern der Eingliederung eines Verlorenen in das Reich einer Hoffnung, die nicht zuschanden werden lässt.

Kain, der Mörder trägt auf seiner Stirn – unsichtbar also für ihn selbst, aber erkennbar für alle Welt – das Zeichen des Gottes seines Bruders, das Zeichen des Gottes seines Opfers. So fängt Gott an, das Werk der Verbindung und der Versöhnung zwischen den Menschen zu vollbringen: Indem er den Täter mit den Folgen seiner Tat verbindet, ohne ihn den Tatenfolgen auszuliefern. Die Tatfolgen in letzter Konsequenz nämlich, die übernimmt Gott selber, wo Er zur Vergebung der Schuld und zum Durchbrechen des Todes das Kreuz des Opfers, das das Kreuz der Sünde ist, erleidet.

Und so wird – nach übereinstimmender kirchlicher Anschauung durch die Jahrhunderte[i] – Kain, der Inbegriff des bewusst ja Gottlosen, bezeichnet mit dem Kreuz, dem Inbegriff des Evangeliums! ——   

Wenn wir das verstehen, dann können wir anfangen zu ahnen, was in der Welt wirklich geschieht und was wirklich die Zeichen dieser Zeit sind: Dass Gott auf dem Flughafen von Kabul sitzt und mit den Verzweifelten bangt, … dass Er das heulende Elend der ungerechten, unentschuldbaren Verlassenheit und der zerbrochenen Zukunftshoffnung Unzähliger trägt, … dass Er sie im Leben und im Sterben nicht verlässt, weil jedes dieser Menschenkinder Abel ist, um dessentwillen die Bibel geschrieben und der Heiland geboren und die Sünde besiegt und der Tod vernichtet werden musste: Das ahnen wir Christen alle.

Und dass Gott zugleich jeden von uns nach Abel fragt – nach dem verleugneten, verstoßenen, vergessenen, dahingegebenen Abel – und dass Er uns Christen mit einer Dringlichkeit fragt, die aus der Dringlichkeit des Liebesgebotes hervorgeht, das niemandem so vertraut und so entscheidend ist wie für uns, das wissen wir ebenfalls.

…. Und auch, dass wir mit den Worten Kains oder mit einem Schweigen antworten, das noch schlimmer ist. …….

Aber dass Gott, … Abels Gott, … der gekreuzigte Gott, … dass unser Gott also überall auf der Erde die Täter, die Mörder, die Kaltschnäuzigen, die Lahmherzigen, die Böswilligen, die Eigenmächtigen, die Unbekümmerten, die Neidischen, die Machthungrigen, die Geldgierigen, die Gewissenlosen, die Gottesfeinde sucht und ihnen das Kreuz – unvorstellbar für sie, für uns aber unbestreitbar – auf die Stirn setzt, damit auch ihnen die Gnade, die den Gnadenlosen bevorsteht, widerfährt: Das ist die einzige, das ist aber auch die ganze Hoffnung dieser Erde.

In meiner Konfirmationsbibel – immer im Gebrauch, bis mir das Schriftbild zuletzt zu klein geworden ist – fehlen seit einigen Jahren die ersten Seiten.

So beginnt sie nun mit den Worten: „…. der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN.“

… Wer von uns aber weiß, was Kain mitträgt und was ihn bewahrt vor jedem, der ihn fände, der weiß auch, dass auch über unserer Zeit, über unserem Leben, das uns doch hinweg zu drängen scheint vom Angesicht des HERRN, der Frieden leuchtet, dem Kain und seine Kinder unstet und flüchtig für immer entgegengehen.

Auch wenn es so zerrissen anfängt, wie meine Bibel … wie jede Bibel:

Abel ist Gottes und Kain trägt Sein Zeichen.

Sei also gegrüßt, heiliges Kreuz: Unsere Hoffnung, unser Frieden[ii]!

Amen.



[i] Die Tradition, das Kreuzzeichen im Kainsmal zu sehen, beruht auf der alten Verbindung unserer Bibelstelle mit Hesekiel 9,4 und Offenbarung 7,3.

[ii] Vgl. den gregorianischen Hymnus: „Salve, crux sancta, salve mundi gloriosa, / vera spes nostra, vera ferens gaudia, / signum salutis, salus in periculis, / vitale lignum vitam portans omnium.” “Sei gegrüßt, heiliges Kreuz! Sei gegrüßt, du herrliche – für uns die wahre – Hoffnung der Welt! / Aufbewahrungsort der wahren Freude, Zeichen des Heils, der Rettung in Gefahren, / lebendiges Holz, das allen das Leben trägt.“

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