3. So.n.Tr., 20.06.2021, Ps.36,38, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Liebe Schwestern und Brüder,


was hält eigentlich unser Leben zusammen?
Was hält unser Leben zusammen, damit es nicht auseinanderstiebt wie ein Haufen loser Blätter und Gräser, in die der Wind hineinfährt?
Ein Buch wird gebunden, damit die einzelnen Seiten nicht durcheinandergeraten. Ungebunden fände niemand den Zusammenhang. Das Durcheinander ergäbe keinen Sinn. Darum wird ein Buch gebunden. Die einzelnen Seiten bekommen ihren Ort zugewiesen. Sie werden gehalten durch den Buchrücken. Und so wird es lesbar, kann es uns seine Geschichte erzählen, regt es uns an, uns mit dieser in Beziehung zu setzen - auf der Suche nach neuen Anregungen für unser eigenes Lebensskript.
Was nun hält die einzelnen Seiten unseres Lebens zusammen? Ein Leben ist wie ein Buch. Ein Leben, das von nichts zusammengehalten wird, fällt auseinander, wird zusammenhangslos. Was also stiftet Zusammenhang in unserem Leben?
In meinem Berufsleben habe ich Einblicke in ungezählte Biografien bekommen. Die meisten Lebensbücher zeigten liebevoll ausgeschmückte erste Seiten, manche hatten einen prächtigen Buchdeckel. In nicht wenigen fand ich direkt vorneweg ein Inhaltsverzeichnis - das offensichtlich den Lebensweg im Voraus beschrieb und wo Inhalt und Seitenangaben schon bald auseinanderfielen. Da ist es wirklich mit dem Lebensbuch ganz anders als mit Lehrbüchern, in denen die Inhaltsverzeichnisse den Leser, die Leserin sicher auf dem Lehrpfad der Erkenntnisse halten. Wo man sich durchhangeln kann und dann sicher ankommt - in der neuen Erkenntnis. Doch mit dem Lebensbuch verhält es sich so eben nicht.
Und eigentlich wissen wir das ja alle: das Leben verläuft nicht nach Plan. Da mögen Eltern noch so viel Gutes im Sinn haben: das Leben ihrer Kinder folgt keinem noch so überlegten Inhaltsverzeichnis; allenfalls allgemeine Kapitelüberschriften sind sinnvoll: Kindheit - Jugendzeit - Pubertät - Erwachsensein; schon allein, wie umfangreich die einzelnen Kapitel sein werden, steht in den Sternen; und die Corona-Pandemie hat uns neu gelehrt, dass alles ganz anders werden kann.
Das betrifft unser aller Lebensbücher: keiner weiß, wie viele Seiten ihm zur Verfügung stehen werden, keiner weiß, ob es ihm oder ihr immer Freude macht, eine neue Seite in Angriff zu nahmen; keiner, keine weiß, wie viele Zeilen ausgestrichen werden - nicht nur von einem selbst, weil man erkannt hat, da ist etwas schief gelaufen, da wollte ich doch gar nicht hin - sondern auch von anderen, vom Schicksal, von gesellschaftlichen Umbrüchen, von verrückten Zufälligkeiten.
Nicht von ungefähr setzen sich spätestens in der Ausbildung, im Studium Schnellhefter gegenüber Heften und Kladden durch. Da lassen sich immer wieder Blätter dazwischen sortieren oder umsortieren. So ist es mit unserem Lebensgefühl ja oft auch: Flexibilität ist gefragt; aber seien wir ehrlich: solch ein Schnellhefter ist weder sicher noch schön. Nein, eine unverbindliche Sammlung von Blättern mit einzelnen Episoden, mal mehr, mal weniger gelungen - das kann es doch nicht sein mit unserem Leben.
Was also hält unser Leben zusammen, was gibt ihm den Rahmen, was umschließt unser Leben in seinem Auf und Ab, Hin und Her, in all seiner Zufälligkeit?
Vielleicht gibt das Bild auf dem Gottesdienstblatt eine Antwort.
Das Bild und sein Titel „Unter dem Schatten deiner Flügel". Ein Bild, das ich in einer Zeitschrift fand, die mir jemand mal aus Israel mitgebracht hat.

 

Bild zu Predigt Ulrike Heimann

(ulrike.heimann)

Betrachten wir den Hintergrund des Bildes.
Bevor alles begann, am Anfang, so erzählt es die Bibel im 1.Kapitel, war schwarze Nacht.
Am Anfang von Raum und Zeit war Finsternis und Leere.
Und immer wieder gibt es Zeiten in unserem Leben, wo die Nacht uns bedroht und wir in Finsternis zu versinken drohen. Schwarz beherrscht den Bildhintergrund, wenn auch der Mond aufgezogen ist.
Aber aus diesem nächtlichen Hintergrund löst sich eine helle Frauengestalt. Sie schaut auf das Dorf, die Stadt, deren Häuser sich eng aneinanderschmiegen, als wollten sie Schutz suchen vor der dunklen Nacht.
In den Armen der Frau finden sie Schutz. Ihr Auge wacht über den menschlichen Behausungen. Aber mehr noch als ihr Auge fallen ihre Hände auf. In ihnen ist die Stadt geborgen. Solange diese Hände da sind, wir niemand herausfallen und verlorengehen. Die Hände, sie verweisen auf eine Umarmung, auf eine zärtliche, behutsame Umarmung voller Liebe und Fürsorge, sie erzählen von Halt, aber nicht von Festhalten.
Es ist ein Bild von Gott.
Ein Gesangbuchvers fällt mir ein, wo von Gottes Mutterhänden die Rede ist: „Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her ..."
Gott: ein Er mit Mutterhänden! Da sieht man, wie wenig unsere Sprache taugt, das Geheimnis Gottes auszudrücken, es korrekt zu formulieren. Aber so wenig Gott Mann oder Frau ist, auch nicht Quere oder Trans, so sehr verbinden sich in ihm Männliches und Weibliches.
Die Mutterhände Gottes tragen unser Leben, wenn es gelingendes Leben sein soll. Schon im Jerusalem des Jesaja - vor über 2500 Jahren -, in dieser Stadt, die von mächtigen Feinden in den Staub getreten war, wusste man, dass Trost nur von Einem kommt: von dem Gott, der tröstet, wie eine Mutter ihre Kinder tröstet.
„Denn, so spricht der Herr, ...: Ihre Kinder sollen auf den Armen getragen werden und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." (Jes.66,12f.)
Nach allem, was an Schrecklichem geschah und noch geschieht, das ist die Botschaft Jesajas, ist und bleibt Gott derjenige, der seine Stadt und sein Volk nicht aus den Händen gleiten und fallen lässt, sondern der das Zerbrochene und Wankende zusammenhält, ihm Halt schenkt, es auffängt und unterfängt.
Ja, wir dürfen in der bergenden Frauengestalt dieses Bildes Gott selber am Werk sehen. Auch die Form dieser Gestalt, das Dreieck, ist ein Hinweis auf Gott, auf die göttliche Vollkommenheit. Heilig, heilig, heilig - dreimal rufen es die Engel bei Jesajas Berufung aus, dass dieser Gott ein Heil stiftender Gott ist.
In der Dreiecksgestalt dieser Frau offenbart sich also das heilige, das Heil schaffende Handeln Gottes, der sein Volk nicht fallen lässt, sondern durch Tage und Nächte der Geschichte, der Zeit trägt: „Siehe", so sagt es der Psalmist, „der Hüter Israels schläft und schlummert nicht ... dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts." (Ps.121,4ff).

Aber der eigentliche Schlüssel zu diesem Bild ist eine uralte jüdische Legende. Sie geht zurück auf das Jahr 70 unserer Zeitrechnung, auf das Jahr also, in dem die Römer Jerusalem eroberten, den Tempel in Flammen aufgehen ließen und die jüdische Bevölkerung aus dem Land verbannten. Israel verlor damals das Zentrum seines Glaubens und den Mittelpunkt seiner bisherigen Existenz. In diesem entscheidenden Moment der Geschichte - so erzählt es die Legende - erhob sich die göttliche Schechina, Gottes Glanz und Herrlichkeit, löste sich von seinem geschichtlichen Ort und begleitete das niedergeschlagene Volk ins Exil.
Mit anderen Worten: Gott geht mit. Gott scheidet sich nicht von seinem Volk, sondern lässt seinen Glanz noch in der Fremde, im „Elend" wie es das Althochdeutsche Wort sagt, leuchten. Er - oder sollen wir sagen: sie - sammelt das Volk in seiner Zerstreuung „wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel" (Mt.23,37). Wohlgemerkt: die Küken des Huhns sind Nestflüchter, gerade aus dem Ei geschlüpft, erobern sie sich ihre Umwelt. Bei Gefahr haben sie kein festes Nest, in das sie sich zurückziehen können, sondern ihr Schutz ist die stets in ihrer Nähe wachsam weilende Mutter, die Henne, unter deren Flügel sie sich bei Gefahr flüchten. Das Bild von der Henne und den Küken, die unter ihren Flügeln Schutz suchen ist darum nicht nur ein Bild für die Beziehung Gottes zum Volk Israel in der Zerstreuung nach der Zerstörung Jerusalems, sondern auch ein Bild für die Beziehung Gottes zu allen seinen Menschenkindern, deren Lebenswege sie in die Weite führen, in der immer wieder Gefahren lauern - und wo Gott selber dann ihr Schutzort ist. So bekennt es der Beter des Psalms mit dankbarem Staunen: „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben." (Ps.36,38)

Leben in der Zerstreuung, in der Diaspora, das ist ja keineswegs nur das Thema Israels gewesen. Es ist in doppeltem Sinn ein menschliches Thema und damit auch unseres.
Zunächst in geographischer Hinsicht.
Die geschlossenen Lebensräume haben sich aufgelöst. Gerade in den letzten 20 Jahren haben viele Menschen ihre Heimat verloren; noch nie seit dem 2.Weltkrieg gab es so viele Flüchtlinge auf der Welt. Unzählige sind zudem als Wanderarbeiter und Saisonhilfskräfte überall und nirgends zu Hause. Und auch in unserer mobilen Gesellschaft pendeln Hunderttausende freitags abends nach Hause, um am Sonntag Abend oder Montag in aller Frühe ihre Familien wieder zu verlassen und zur Arbeit zu fahren. Corona hat - das ist zu befürchten - hier nur für eine kurze Atempause gesorgt. Dass ein Mensch mit 40 Jahren schon 6-10 mal seinen Wohnort gewechselt hat, ist heute fast normal. Wir laufen bei so vielem „Umtopfen" dabei Gefahr, unsere Wurzeln zu verlieren, herauszufallen aus dem Halt gebenden Gefüge einer Gemeinschaft. Den Zusammenhang, den roten Faden unseres Lebens zu verlieren.
Wir leben aber auch in der Zerstreuung in einem geistigen Sinn. Als ob wir nicht schon genug zerstreut wären, suchen wir auch noch die Zerstreuung - in der Freizeit, im Urlaub. Nicht nur, dass wir unsere Mitte nicht finden, wir suchen sie erst gar nicht, weil wir es bei uns und mit uns allein nicht aushalten. Das Leben wird immer unkonzentrierter und damit kurzatmiger, unruhiger. Die Unruhe stresst und ist ungesund. Dummerweise aber ist die Angst vor der Ruhe und dem Alleinsein mit sich selbst bei vielen so groß, dass sie weiterrennen, bis ihr Körper in Streik tritt: Herzinfarkt, Depression, Burnout.
Das Leben in der Zerstreuung ist zur Krankheit unserer Zeit geworden. Es ist ein Leben, das kein Zentrum mehr hat, sondern im bunten Allerlei aufgeht. Es büßt seine Gestalt ein und zerfällt, zerfleddert in zufällige Einzelteile, ein Haufen Seiten, wie aus einer Mappe herausgerutscht und irgendwie zusammengeschoben. Oder im anderen Bild: wie eine Schar Küken, die neugierig und orientierungslos hin und her rennen und die ganz sicher aufgeschmissen wären, wenn es da nicht die Henne gäbe, unter deren Flügel sie bei Bedarf jederzeit Schutz und Ruhe finden.
„Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben."
In Gottes Gegenwart, da, wo er uns gegenwärtig ist, wo wir uns an ihn erinnern wie in einem Gottesdienst, aber auch wo wir mit ihm das Gespräch suchen im Gebet, zu Hause wie auch beim Spazierengehen in der Natur, da können wir uns sammeln - wir als einzelne, die wir dem Schicksal der Zerstreuung preisgegeben sind. Wir als Gemeinschaft - in der Familie, in den Lebensgemeinschaften, in der Gemeinde - die wir immer bedroht sind vom Zerbrechen der Gemeinschaft, von Konflikten und Auseinandersetzungen, von Destruktivität und Schuld.
Wie wichtig ist es, diesen Schatten- und Ruheplatz zu kennen. Gewiss, für uns heute sind die Strahlen der Sonne oder des Mondes die kleinsten Probleme, die uns zu schaffen machen - obwohl: mit dem Klimawandel könnte die Sonnenstrahlung auch in unseren Breiten zum echten Problem werden. Doch anderes sticht uns dafür um so mehr, reizt uns, plagt uns, und lässt uns auseinanderlaufen. Da läuft jeder dann heiß im Rennen um seinen Lebenserfolg oder verzehrt sich in seinem Engagement für eine bessere Welt.
Wir brauchen die Besinnung und Erinnerung an den Ort, wo Schatten ist. Wo wir ausruhen können, Atem schöpfen. Unter dem Schatten seiner Flügel wollen wir uns sammeln. Und zu uns finden. Uns berühren lassen von den mütterlichen und väterlichen, von den liebevollen Händen Gottes.
Ein letztes zu dem Bild: Es führt ein Weg hinein in die Stadt Gottes. Die Tür steht offen. Zu Gott können wir immer kommen - und wir können auch immer wieder hinaus in unser Leben, wie Küken ja auch immer wieder unter den Flügeln der Henne hervorkommen und munter und neugierig ihre Umgebung erkunden. Gott ist zugänglich und er eröffnet uns Wege ins Leben - immer wieder. Er gibt Halt und Schutz und gewährt Freiheit. Er hält zusammen, was uns aus den Händen fällt und hat versprochen bei uns zu sein, bis er einmal alles vollenden wird, alles zu einem guten, heilvollen Ziel bringen wird.
Darum: gehen wir getrost hinaus in unseren Lebensalltag und beginnen ihn vielleicht jeden Morgen mit einem kleinen Gebet, wie es in Psalm 17 steht: „Behüte mich, Gott, wie einen Augapfel im Auge und beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel." (Ps.17,8)
Amen.

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