Palmsonntag, 28.03.2021, Stadtkirche, Hebräer 11,1 - 2.12, 1 - 3, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Palmarum - 28.III.2021                                                                                                      

           Hebräer 11,1-2 & 12,1-3

Liebe Gemeinde!

Wozu braucht die Welt Zeugen?

– Heute zum Blenden. Als Publikum. Als Beliebtheitsfunktion: Je mehr Menschen etwas gesehen haben, desto schöner muss es sein. Und wenn viele es schön fanden, dann bestätigen die Vielen nicht nur das schön Gefundene, sondern ihr eigenes Schönfinden. Das Angesehene wirkt sich durch die Sichtbarkeit seiner Zuschauer nicht nur auf deren Ansichten aus, sondern steigert zugleich ihr eigenes Ansehen, weil sie das allseits Anerkannte eben auch erkennen und nicht blind für das sind, was so sehenswert ist. Durch dieses Spiel des Spiegelns und Widerspiegelns, das etwas Gesehenes immer mehr vergrößert und sichtbarer macht, werden schottische Briefträger zu Berühmtheiten über Nacht, wenn TikTok ein uriges Seemannslied zum Welterfolg hochschaukelt. Nathan Evans, dem das vor zwei Monaten widerfuhr, hat es wahrscheinlich sogar verdient, dass seine Begabung zur Beliebtheit führte[i].

Doch das Sehen und Gesehen-Werden, das Sehen auf Gesehenes und das Ansehen der Sichtbaren ist dem geradewegs entgegengesetzt, was als die beste biblische Bestimmung des Glaubens gelten muss: Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht und feste Zuversicht dessen, was man hofft.

Wenn doch etwas nicht sichtbar ist, wie soll man dann darauf achten? Wenn etwas nicht schon im Glanz der Sensation strahlt, warum soll man es dann schätzen? …….

Merke: Der Glaube ist unsinnig eigensinnig. Er nutzt nicht die Schneeball-Funktion, die etwas immer größer macht, je man dran kleben bleibt. Stattdessen bedient sich der Glaube solcher Gesetzmäßigkeiten, die dem Entstehen von Popularität gewöhnlich todsicher widersprechen: Ungreifbar, entzogen, abseitig, abstoßend, unansehnlich, unsichtbar … so soll sein Gegenstand doch sein, wenn er sich denn gründet auf das, was man nicht sieht und festmacht am Nicht-Vorhandenen.

Aber kann das überhaupt sein? Kann der christliche Glaube so gegen alle Logik und Mechanik des Aufmerksamkeitsmanagements verstoßen?

Heute ist dafür der Entscheidungstag. Denn heute sind Erfolg und Glaube ganz kurz ganz synchron: Eine schaulustige Menschenmenge hat ihn ausfindig gemacht – und er hat ja zugegebenermaßen mit dem symbolischen Eselsritt über den roten Teppich ein sehenswertes Spektakel inszeniert! – , und siehe da, die Beifallchöre, die enthusiastischen Zeugen von Jesu TikTok-Augenblick machen daraus das, was mit einem ganz von ferne noch an das ursprüngliche Griechisch erinnernden Überschwangsausdruck ein „Hype“ genannt wird.

Palmsonntag, der Einzug in Jerusalem unter den frenetischen Fangesängen ist Jesu Hyper-Erfolg. Ganz kurz ganz oben; ganz kurz ein öffentlicher Darling. … Der verglüht wie alle Sterne.

Die Welle, die am ersten Tag der Karwoche aufbrandet und deren „Hosianna!“-Tosen durch die Jahrhunderte bis zu uns dringt, ist natürlich ein Ereignis, auf dem man gerne weitersurfte:

Der gut angekommene, der gefeierte, der gehypte Jesus ist etwas, das wir bei vielen Gelegenheiten als Motivation empfinden, und auf jeder unserer Konfifreizeiten, bei jedem Kirchentag, bei jeder Evangelisation, bei jeder liturgischen Prozession, in allen Mega-Churches wird es nachgespielt: Jesus Christus, Top of the Pops, Influencer einer weltweit wachsenden community, strahlender Pantokrator … Gottkönig von Byzanz.

… Auch mir werden dabei regelmäßig die Knie weich, wenn ich ihn mir in seiner herrscher-lichen Herrlichkeit vorstelle. Auch ich glaube, dass wir dem Tag entgegengehen, von dem das älteste Lied der Christen spricht[ii]: Wenn alle Knie im Himmel und auch Erden und unter der Erde sich ihm beugen und jede Zunge bekennen wird, dass Jesus Christus der Kyrios ist zur Ehre Gottes, des Vaters (vgl.Phil.2,11)! ———

Aber genau dafür haben wir keine Zeugen! Es gibt in der Christenheit keinen Palmsonntags-Glauben … und wo es ihn gab oder geben sollte, da ist es reiner und tödlicher Irrglaube!

Nicht jenen publikumswirksamen Augenblick der Beliebtheit haben uns die Apostel ja als Grund des Glaubens überliefert, und ihre Missionspredigt war nicht: „Wir haben ihn auf dem Gipfel der Popularität erlebt …“

Ihre Predigt war vielmehr die Predigt vom Kreuz … und dort hat ihn nur einer gesehen, der in seinem eigenen Schmerz auch noch die leidende Mutter, die mater dolorosa als Aufgabe und Halt empfing (vgl. Joh.19,26f), … die andern Zehn aber sahen und bezeugten nichts, weil sie es nicht ertrugen.

Und doch kommt von daher der Glaube, die Zuversicht auf das, was man nur hoffen kann und das Nichtzweifeln an dem, was man weder beobachtet und erkannt noch ausgehalten hat. ———

Das ist die Eigenheit und das Rätsel, aber auch der Sinn und das Wunder des christlichen - biblisch begründeten - Glaubens: Er lebt von Zeugen des Ungesehenen; er lebt von der Festigkeit dessen, was nicht greifbar ist; er lebt von der Sicherheit des Nichtbewiesenen, … von der Tragfähigkeit des Versprochenen, … von der Nähe des Kommenden und vom Bleiben Dessen, Der sein wird, der Er sein wird (vgl.2.Mose3,14).

Und dafür – für das, was wird, … für Den, Der kommt, … für die Wirklichkeit, die alles Wirkliche überholt und für „die Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“ (EG 65,6) – …für das alles haben wir eine Wolke von Zeugen, wie der Hebräerbrief sie in seinem ganzen herrlichen 11.Kapitel schildert: Zeugen, die der unbekannte Gott mehr birgt und schützt als die vertraute Heimat, … Zeugen, die ein Volk, das noch gar nicht existiert, in die endlose Gefahr und Freiheit der Weltgeschichte führen, … Zeugen, die kämpfen und opfern für das, was sein soll und gegen das, was ist, … Zeugen, die mitten in der härtesten, machtvollsten, prächtigsten Realität etwas noch Besseres noch ernster nehmen, als alles, was es schon gibt, was sie noch haben, was sie einst verlieren. ——
Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert ….     

Was aber beschwert uns denn … oder – weil die Aufforderung, es der Wolke von Zeugen nachzutun, weitergeht: „lasst uns ablegen alles, was uns beschwert und die Sünde, die uns umstrickt“ – was ist denn die Sünde?

Offenbar das Vertrauen allein auf das Sichtbare und eine Zuversicht, die nur am Vorhandenen festgemacht wird.

… Aber genau das trifft uns ja bis in jede Faser! Das sind wir doch durch und durch: Menschen, die es gewohnt sind, nein, die es gelernt haben, … mehr noch, die es erforscht und studiert haben, dass man dem kritischen Blick, der wissenschaftlichen Durchleuchtung, dem streng auf das Materielle, das Messbare konzentrierten Sichtweise den Vorzug vor allem allzu Windigen, vor Hirn-, Luft- und Wortgespinsten gibt. Man muss zeigen - also nachweisen und vorrechnen - können, worum es geht, was man draufhat, wieviel man wert ist. Was sich nicht darstellen, was sich nicht sehen lassen kann, ist für uns nichts. ———

Doch was hatte der, der an Palmsonntag populär war, wohl vorzuweisen?

… Geliehener Esel, gestundete Zeit.

Abgelaufen das Schuhwerk, abgewetzt der Rock. Ausgestreuter Same des Wortes, das im Verborgenen unsichtbar wachsen muss und zu gleichen Teilen zertreten wird, davongetragen und verdorrt. Er hatte kein Empfehlungsschreiben von Dem, Der ihn gesandt hatte. Er besaß weniger als die wilden Tiere, die Nester und Gruben ihr Zuhause nennen. Er ließ sich einladen, und feierte das abendliche Finale seines Lebens in einem nur für diese Stunde ihm überlassenen Saal. Ein Einziger aus seiner Mannschaft hat in dieser Bettelwoche von Jerusalem, in der eine arme Frau ihn mit ihrem Scherflein beeindrucken würde, überhaupt etwas verdient, … dreißig Silberlinge.

Am Todestag schließlich musste man ihm sogar das Letzte und Endgültige noch borgen: Geliehener Esel, gestundete Zeit, geborgtes Grab. …….

Palmsonntagsglaube? Eine reine Fiktion. Schneller abgeebbt als jeder Hype von heute.

Wenn wir unser Vertrauen auf den setzen, der einen Tag lang die Gunst der Menschen genoss, dem einen Tag lang eine Kampagne gelang, die für werbende Hochstimmung gut war, dann sind wir leichtgläubiger und dümmer und betrogener, als alle algorithmisch und sozial-medial Verführten von heute. ——

Es sollte etwas anderes sein und bis zu dieser Stunde bleiben, das Glauben an den stummen Todeskandidaten begründet, den die Massen benutzten, um ihren eingebildeten, frustrierten, projizierten, missbräuchlichen Jubel über ihm auszukippen:

Nicht, wie er gewann, sondern wie er verlieren konnte.

Nicht, wie er besaß, sondern wie er verschenkte.

Nicht, wie er ein Hoch herbeiführte, sondern wie er in die Tiefe voranging.

Das, was er aus den Jahren in Galiläa, zwischen Jordan und Genezareth, was er von den Wanderungen bis in die phönizischen Küstengegenden und durch das unheimliche Samarien mitbrachte, das, was er in der Wüste und auf dem Berg Tabor erfahren hatte, war alles nicht sichtbar, war alles nicht greifbar, war alles nichts wert.

Doch es trägt den Glauben.

Weil er lieber gefastet und gedürstet hatte, als teuflisch satt und froh zu werden.

Weil er überall den Schuldnern und den Schuldigen genommen hatte, was sie erstickte … und es selber trug.

Weil er Not nie mied und die Verlorenen, die Nichtse, die unstillbaren Nehmer fand.

Weil er die Gier und den Geiz bezwang, als wären sie machtlos, indem in seiner Gegenwart plötzlich Brot gebrochen und nicht vor andern Hungrigen versteckt wurde.

Weil er mit den jämmerlichen Reichen, die so gefangen sind, trotzdem von der Hoffnung sprach, Gutes zu tun.

Weil er mit den Verworfenen, die in den eigenen Augen und denen der Welt gezeichnet sind, das reine Garnichts, das seine bloße Nähe war, bis zur Verausgabung teilte.

Weil er mit leeren Händen Herzen füllte.

Weil er ohne jede Kunst und alles Werkzeug Zerbrochene heilte und Leben aufbaute.

Und weil er das Böse so an sich rütteln und reißen ließ, dass alle Dämonen, alle Quälgeister, alle Feinde der Menschen, die doch immer nur greifen und besitzen wollen, Reißaus nahmen, wo ihnen die für sie schreckliche Macht seiner selbstlosen Liebe widerstand. … Selbst der Tod, den er erfuhr wie kein zweiter Sterblicher, konnte genau wie der Sturmwind vor seinem schutz- und furchtlosen schlichten Dasein, wo alles sonst alle verlässt, nicht bestehen.

Als solcher – arm bis auf die Knochen, wehrlos bis in den Grund, mittellos in allen seinen Wundern – als solcher hat er sich dem Widerspruch zwischen sich und allen anderen Maßstäben und Mächten ausgeliefert.

Und entgegen allen Devisen, die uns an den Erfolg der Tüchtigsten, das Recht der Starken, die Bedeutung der Blender glauben machen wollen – gegen alle Palmsonntags-Populär-Theologie – , ist Jesus im Verzicht auf das alles, im Aufgeben aller seiner Ansprüche auf Macht und Herrlichkeit und Ruhm und Ehre zum Anfänger und Vollender des Glaubens geworden.

Weil man eben nur darum an ihn glauben konnte und kann … was doch so viel mehr ist, als ihn zu beklatschen oder anzuhimmeln. Man kann das Hoffnungweckende an Jesus gerade nur in seiner Verborgenheit und Versenkung in Leid und Dunkel fassen, darum weil kein Menschenleben nur Palmsonntagshöhe hält, sondern Gethsemane- und Golgathaabgründe nirgends erspart bleiben.

In denen aber gibt es nichts mehr als ihn.

Nur dieser Jesus, der in einer Woche vom Gipfel bis zur Hölle gestürzt wurde, kann alles, was als Glaube anfängt, da noch bewahrheiten und vollenden. —

Und dass er das tut, das haben die, die ihn selbst am Kreuz nicht anzusehen vermochten, erlebt und bezeugt: Dass die Wirklichkeit Gottes nicht messbar ist, sondern unermesslich. … Eine Woche nach Palmsonntag zeigte es sich.

Dass nichts, das einmal bleiben wird, bezahlbar ist, weil es alles nur den einen Preis hat: Dass Gott sich aus freier Gnade mit dem Bleibenden verbindet. … Eine Woche nach Palmsonntag zeigte es sich.

Und dass wir darum nichts von eines Menschen und nichts von Gottes Zukunft vorhersehen oder bestimmen können, sondern wenn irgendetwas, dann Hoffnung ohne jede Bedingung vor uns liegt. Eine Woche nach Palmsonntag … ————

Legen wir also alles ab, was uns in dieser undurchsichtigen, trüben, verworrenen Zeit beschwert. Lösen wir uns von den Bindungen an das, was wir zu beherrschen meinen, das in Wahrheit nur uns beherrscht.

Wir können nichts Besseres tun, als aufzusehen zu Jesus. Und da, wo er ganz und gar verschwindet, uns verloren geht, aufhört – noch in dieser Woche –, … da beginnt das Zeugnis von dem, den wir nicht sehen und doch liebhaben und mit dem wir uns in unaussprechlicher Freude freuen werden am Ziel (vgl.1.Petr.1,8f), wenn er erhöht ist und alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben (vgl.Joh3,15) und jede Zunge bekennt: Kyrios ist Jesus Christus (vgl.Phil.2,11)!   

Amen.  


[i] Hier der (nach der Kritik der click-’n-like-Sitten und -Sehgewohnheiten schön paradoxe!) link zum „viralen“ Wellerman-Shanty (mit Nathan Evans, aber hier natürlich ganz hochkulturell verpackt): https://www.youtube.com/watch?v=LpaDQB1xDyQ  

Unzählige weitere Versionen im Internet und auf den Plattformen belegen den weltweit getroffenen Nerv, den das Lied vom Warten in der Ära eines globalen Festsitzens berührt hat.

[ii] Der sog. „Christus-Hymnus“ (Phil 2,6-11) mit seinem – auch ethisch verstandenen – Motiv von der Selbstentäußerung (Kenosis) des präexistenten Christus in die Sklavengestalt des Hingerichteten, dem seine österlich-eschatologische Erhöhung folgt, ist von altersher die Epistel des Palmsonntag und eine der zentralen Quellen aller christologischen Bekenntnisse und Glaubenssätze.

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