Letzter Sonntag nach Epiphanias, 31.01.2021, Stadtkirche, 2.Petrus 1,16 - 21, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Letzter n.Epiphanias 31.I.2021                                                                                           

                  2.Petrus 1, 16-21

Liebe Gemeinde!

Das Mutigste, was der neue amerikanische Präsident bisher getan hat, findet sich in seiner Ansprache zur Amtseinführung. Er hat den – nicht bloß von seinem gewissenlosen Vorgänger, sondern ebenso von der ganzen sich für postmodernen haltenden westlichen Welt verächtlich gemachten – Satz gewagt: „Es gibt Wahrheit – und es gibt Lügen!“[i]

Wer kann denn heute einen solchen Satz sagen, obwohl wir alle doch vom Verdacht vergiftet sind, dass jede Aussage und jede Perspektive, dass jedes Prinzip und jede Forschung nur als Ausdruck eines bestimmten Interesses, einer subjektiv motivierten Absicht zu deuten seien?!

„Es gibt Wahrheit – und es gibt Lügen!“

Wer kann denn heute einen solchen Satz sagen, obwohl wir umgekehrt alle von der vermeintlichen Toleranz beseelt sind, die jede Anschauung und jede Phantasie, jede Meinung und jeden Spleen als persönlich und darum auch persönlich gültig schützt, seit wir „Wahrnehmung“ statt Wahrheit als den menschlichen Maßstab nehmen?!

Die Wahrheit hat ausgedient. Das Denken hat sich von ihren und ähnlichen Diktaten befreit und dient – toleriert und gleichzeitig verdächtigt – keinen heiligeren Motiven als Neigungen und Interessen Einzelner. Größeres, Allgemeingültiges, Beständiges bekümmert und verpflichtet grundsätzlich niemanden mehr.

… Zum Glück beschreibt diese teils aggressive und teils progressive Gleichgültigkeit nicht alle gleich gültig. Es gibt immer noch die Wissenschaft und Medizin, die sich dem Anspruch reiner Objektivität verschreiben. Und es gibt Menschen in Politik, Wirtschaft und Justiz, in der Kunst und in der Kirche, die das vertreten, was allen gilt und frommt, und ebenso das, was alle zügelt und begrenzt, weil es nicht in’s Belieben gestellt ist, sondern übergeordnet und unantastbar bleibt, solange irgendjemand ein Gewissen, Augen im Kopf und einen demütigen, nüchternen Geist hat. … Doch dass die Annahme klarer Wahrheit im Gewaber der eigen-mächtigen Meinung und im Nebel gegenseitigen Misstrauens verschwimmt und so an Orientierungskraft verliert, ist leider kaum zu bestreiten.

… Daher muss man tatsächlich fragen, ob es denn überhaupt stimmt, dass es Wahrheit und dass es Lügen gibt? Bringt eine solche Ansage nun endlich eine Rückkehr zur Vernunft oder ist sie doch bloß eine Vereinfachung, die sich einen schlichten, sittlichen Anschein gibt?

… Ist an der Idee von Wahrheit überhaupt etwas Wahres dran?

… Oder lügt, wer von der Wahrheit redet?

… Und sagt die Wahrheit, wer behauptet, alles sei zuletzt doch wohl nur Lüge?

Diese Fragen – auch wenn sie uns schwindelig machen – müssen wir Christen uns immer wieder stellen. Damit wir eines nicht werden … oder sind … oder bleiben: Fertig. ——

Fertige Leute, die alle Antworten haben, denen klar ist, wo lang und wie’s geht, die im Besitz letzter Erkenntnis und unangefochtener Sicherheit sind, … fertige Leute sind tot oder tödlich. Und die Gefahr, dass ausgerechnet wir Christen – die Gemeinde des Auferweckten! – eine solche abschließende, todesstarre Gestalt unbeweglicher Gewissheit annehmen, ist immer wieder eingetreten. Die Versuchung ist ja auch groß, uns vollständiges, lückenloses Bescheidwissen einzubilden: Sind wir doch die einzige Religion, die Gottes Geburtsdatum kennt und darum auch gleich Gottes Buchhaltung mitmacht, indem sie die eigene Zeit praktischerweise einfach seit Seiner Geburt rechnet und auch sonst auf so vertraut erleuchtetem Fuß mit Gott steht, dass wir Ihn den „lieben“ nennen und Ihn, weil Er Mensch geworden ist so verniedlicht haben, dass Er gar kein Eigenleben mehr behält, sondern läuft, wie wir Ihn aufziehen und lässt, was wir Ihm nicht zutrauen. Wir Christen können vor lauter angeblicher Glaubensgewissheit durchaus dem Trugschluss erliegen, Gott sei eine bekannte Größe, ein erforschter Kontinent, ein gelöstes Rätsel, ein abgeschlossener Fall.

… Doch dadurch verpassen wir alles.

Weshalb es buchstäblich ein Geschenk Gottes ist, dass wir immer – wenn wir denn die Bibel ernstnehmen und nicht nur unsere Gewohnheit! – offenen Fragen begegnen und einer bleibenden Freiheit, sobald wir Israel und seine Bibel, sobald wir das Alte Testament und das jüdische Volk hören.

Die unendliche – buchstäblich: niemals beendete – Spannung, Hoffnung und Verheißung, die uns in den hebräischen Schriften und im lebendigen Judentum entgegentreten, bewahren eine hörende, fragende, suchende Christenheit vor der Trostlosigkeit der Fertigen. … Denn das ist Israel nie gewesen und will es und wird es in dieser Welt auch nicht werden: Ein Volk, dessen Werk erledigt, dessen Botschaft überbracht, dessen Wahrheit unangefochten geteilt und praktiziert würde.

Doch eben deshalb ist Israels Zeugnis und Vorbild für alle Zeiten auch so herausfordernd, so aufregend und beschämend, so befremdlich und so existentiell: Menschen, die mit Gott nie abgeschlossen haben, die nie etwas Geringeres als Seinen Willen suchten und dabei nie eine einheitliche, sondern stets eine vielfältige, konkrete, umstrittene Antwort übten auf die Frage, die die Philosophen auf den Zuschauerrängen und in den Hörsälen sich so lebensfern und ungefährlich stellen: „Was ist Wahrheit?“

Israel dagegen hat immer den Kopf hingehalten, um ergriffen und geistreich zu erforschen und kritisch und beharrlich zu insistieren, was der Wille Gottes sei und wie er sich – angefangen bei den unentbehrlichen Zehn Geboten – erfüllen lasse im Alltag der Welt.

Israel hat den Kopf hingehalten und nach Wegen der Freiheit, nach Wegen der Gerechtigkeit, nach Wegen der Ethik gesucht, weil das seine schrecklich herrliche Erwählung, sein tödlich heilsames Lebenswerk ist.

Christen – zumal seit der Reformation – begnügten sich damit, Gottes Wort zu glauben.

Die Juden dagegen haben es beglaubigt. —————

Das alles sollten wir bedacht haben, wenn wir den geheimnisvoll wunderbaren Abschnitt aus dem 2.Petrusbrief betrachten, mit dem heute die Epiphanias-Zeit, die Zeit des weihnachtlichen Glücks zu Ende geht:

2. Petrus 1, 16 -21

„Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln“, … wir sind keinen philosophischen Systemen oder Mythen gefolgt, als die Kraft und das Kommen Jesu Christi zum Wendepunkt unseres Lebens wurden: So hält es der Verfasser dieses Briefes fest, in dem manche einen ganz späten Nachzügler innerhalb des Neuen Testaments und andere den ersten Jünger und das Haupt der Apostel erkennen. So oder so aber – ob der Brief nun zu den ursprünglichsten oder den letzten Zeugnissen des Neuen Testaments gehört – … so oder so erstaunt es allerdings, worauf sich die Überzeugung gründet, dass Jesu Kraft und Kommen schlichtweg entscheidend sind.

Denn der Kristallisationspunkt, der Energieausbruch, durch den die Glaubensahnung der Jünger fest und ihre Messiashoffnung belastbar gemacht wurde, war die Verklärung Jesu auf dem Berg, bei der den neutestamentlichen Zeugen – so macht der 2.Petrusbrief es unmissverständlich klar – die zuverlässigste Beglaubigung zuteilwurde: Das Wort des Vaters, dass Jesus sein geliebter Sohn sei und das Licht der prophetischen Zeugen, die dabei aufstrahlten. Mose und Elia – so berichten es die Evangelien –, der Lehrer der Torah und der glühendste ihrer Deuter waren leibhaft zugegen in der Stunde, in der der Christus-Glaube, der christliche Glaube in Simon Petrus, in Jakobus und in Johannes aufflammte (vgl. Mk. 9,2-13 // Matth.17,1-13 // Lk.9,28-36)

Diese maßgeblich, diese prinzipielle Bindung des christlichen Glaubens an die beiden treuen Zeugen des Mose-Bundes, die Jesus bei seiner Verklärung das unauslöschliche Siegel ihres wechselseitigen, ihres dreiseitigen Einvernehmens – zwischen Gesetz, Propheten und Evangelium – verleihen, ist ein viel zu lange vergessener, verleugneter, verdrängter Grundsatz der Bibel: Nicht, was der erste Apostel oder letzte Zeuge des Neuen Testaments, … ja, überhaupt nicht das, was die christliche Überzeugung über ihn sagen würde, sondern das Licht Israels entscheidet, wen wir in Jesus Christus sehen!

Umso fester haben wir das prophetische Wort!, bekräftigt die heutige Epistel: Umso ernster nehmen wir das Vorbild und den Auftrag Israels, die in Jesus Christus kristallisiert, nein, gerade nicht, sondern …Fleisch geworden sind, … das Vorbild und den Auftrag, Gottes Willen, Gottes Gebot und Gerechtigkeit zu erfüllen und im Leben der Menschheit zu verwirklichen.

Das ist die Quelle der Autorität, auf die sich mit dem 2.Petrusbrief das Neue Testament abschließend beruft.

Das ist das wahre Licht, das Licht der Wahrheit, in dem die, die den Aposteln nachfolgen und nacheifern wollen, ihren Herrn erkennen und bekennen sollen: Die prophetische Predigt, die Mahnung, die Hoffnung, dass es zur weltweiten und endgültigen Aufrichtung des lebendigen und gelebten Bundes kommen wird, den Gott im Gesetz Seiner Gerechtigkeit mit Israel geschlossen und in Jesus Christus für alle Völker eröffnet hat. ————

Wenn wir das als den Maßstab, als das praktische Kriterium der Wahrheit begreifen, was ein Nathan und ein Elia, ein Jesaja und ein Jeremia zu sagen hatten, dann werden wir den Morgenstern, das Licht des Reiches Gottes aufgehen sehen!

Das ist das Ziel und Vermächtnis des Simon Petrus nach dem zweiten Brief, der seinen Namen trägt, und es ist ein Ruf zu Mut und Klarheit, wie sie uns selten zu Gebote stehen!

Denn das prophetische Wort ist das Wort eines lästig unerbittlichen Rufes zu heiliger Ethik und sozialer Moral, … eines Rufes, getrieben vom Heiligen Geist in Gottes Auftrag:

Das prophetische Wort ist die Strafandrohung, die Nathan dem selbstgefälligen König David (vgl.2.Samuel 11+12) und Elia den wachstumsvergötzenden Baalsjüngern in Israel entgegenhielt (vgl. 1.Könige 17ff).

Das prophetische Wort ist die schonungslose Abrechnung des Amos mit den Gierigen und des Hosea mit den Verlogenen in der Gesellschaft.

Das prophetische Wort ist der Traum des Joel von der Freiheit des Geistes und die dem Jona persönlich widerfahrene Bloßstellung unserer Engigkeit.

Das prophetische Wort ist die Herausforderung der Gewalt durch den Glauben, die Jesaja predigte; die Vision vom waffenlosen Frieden, die Micha bewegte; es ist die als Pessimismus verhasste Weitsicht des Jeremia und es ist Hesekiels heilende Utopie von wirklicher Gottes-nähe im Irdischen.

Das prophetische Wort ist die scharfe Schonungslosigkeit Obadjas beim Blick in die Welt und die klagende Dünnhäutigkeit Habakuks; es ist der Zorn Nahums und die Angst des Zephanja.

Das prophetische Wort ist die Befreiungstheologie Haggais und die radikale Liebe zur Gottesherrschaft, die Sacharja erfüllte.

Das prophetische Wort ist schließlich die endzeitliche Bereitschaft zum Gehorsam, die Daniel lebte und die erschreckende, beflügelnde Erlösungsbereitschaft Maleachis. ———

Das prophetische Wort, das in der Dunkelheit den Morgen erhellt, der mit Jesus Christus für immer angebrochen ist, weist uns also tatsächlich zur Wahrheit!

Und zwar nicht zu einer Wahrheit, die man behauptet, mit der man argumentativ oder theoretisch Recht behält und die die Dinge nach unserem Gutdünken zähmt und ordnet, sondern das prophetische Wort, durch das Jesus Christus beglaubigt und wir erleuchtet werden, weist in praktische, gelebte, gehorsam und unendlich zuversichtlich geübte Einwilligung und Einbindung in den Bund und Willen Gottes;und damit über alles Einzelinteresse hinaus auf das für alle für immer Gültige!

Es sagt und verpflichtet uns, dass die Wahrheit Gottes keine leere Figur der Rhetorik – aus eigener Auslegung und menschlichem Willen hervorgebracht – , sondern Form und In-halt unseres gesamten Daseins sei und dass es darum tatsächlich nicht angeht, zu verachten oder zu verschachteln, was wirklich geboten und gut ist: Das Leben, über das Gott gebietet, ehrfürchtig zu schützen; die Schöpfung, die Er mit uns teilt, endlich als Spiegel Seiner Herrlichkeit vor der Vergewaltigung zu verteidigen und echte, soziale, ökonomische Gerechtigkeit in der Welt herbeizuführen, weil nur eine Menschheit, die bereit ist zur Liebe, der gerechten Strafe Gottes entgehen kann. 

Wenn wir dieses prophetische Wort festhalten und am dunklen Ort darauf achten, wird der Morgenstern nicht nur in unseren Herzen aufgehen, sondern für die ganze Welt nicht ewig auf sich warten lassen.

Das ist der Weg der Wahrheit, der Weg Jesu Christi, … dessen Jünger und dessen Kirche dem Licht, das Israel voranträgt und das sich in Jesus verleiblicht und verklärt hat, ehrfürchtig folgen.

Bedenken wir das, so erkennen wir, dass nicht nur ein Satz in der amerikanischen Politik der letzten Tage von wirklicher Leuchtkraft erfüllt war, sondern auch eine Gnade, die der deutschen Politik widerfahren ist, als am Mittwoch (27.Januar: Gedenktag der Shoah) in einem Raum des Bundestages der Schluss der Torah in die gerettete Sulzbacher Schriftrolle[ii] eingetragen wurden, die von den höchsten Vertretern dieses Staates gehalten wurde. —                          

Und wenn wir das Wort nicht nur mit der Hand, sondern mit dem Leben halten, dann werden wir in Wahrheit seine Jünger sein … nie fertig mit Gott, aber durch und für Ihn frei zum Leben in Ewigkeit (vgl.Joh8,31)!

Amen.

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