Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 08.11.2020, Stadtkirche, 1.Thessalonicher 5, 1 - 6, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Drittletzter Sonntag - 8.XI.2020                                                                                         

                1.Thessalonicher 5, 1 – 6

Liebe Gemeinde!

Mit dem ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher beginnt 17 Jahre nach der Auferstehung Jesu Christi das Neue Testament, beginnt die Gemeinde Jesu Christi, … die Kirche, … unser eigenes heutiges Dasein als Christen.

Es ist ein fröhlicher kleiner Brief, ziemlich persönlich, spontan, lebensklug, unsystematisch, warm.

Und wenn man an den Rhabarber denkt, mit dem Zusammenschlüsse heutzutage anfangen – Diskussionen und Abstimmungsverfahren und Protokolle und Präliminarien und dann Statuten und Satzungen und Strategiepapiere –, oder wenn wir an das Tamtam denken, mit dem gegenwärtig Bewegungen losgehen – Aufrufe und Aufmärsche und Aufsehen und virale Wellen und Postings und Hashtags und dann Mobs und Demos und Kampagnen –, … dann wundert man sich und kann sich am Heiligen Geist nur freuen, dass die allergrößte Bewegung und umfassendste Versammlung in der gesamten Menschheitsgeschichte – die heilige christliche Kirche – mit einer derart unaufgeregten, beiläufigen Selbstverständlichkeit ans Tageslicht der Geschichte tritt.

An diesem 1.Thessalonicherbrief lässt sich wirklich das Senfkorngleichnis (vgl.Mk4,31f par.) bestätigen. Ein noch unspektakulärerer Anfang ist kaum vorstellbar, so einfach ist das organische Geschehen, das sich da entfaltet: Einige Menschen, in die durch den Zugvogel Paulus der Same der Heilsbotschaft aus dem jüdischen Land, vom Sohn Davids gefallen ist, sind auf dem Boden der europäischen Mittelmeerküste zusammengewachsen, in ihrem Gemeindekern schlägt das Evangelium Wurzeln und wird weiter streuen und nach Jahrhunderten, Jahrtausenden ist diese erstmals in Thessaloniki bezeugte kleinblättrige Pflanzung der Stamm für aktuell zweieinhalb Milliarden Triebe.

Dann muss sich aber der Bauplan für das gewaltige Wachstumswunder in den frühesten Spuren dieses Phänomens nachweisen lassen?! Eine technische Analyse muss in der DNA der Urzelle das Material isolieren können, aus dem alles Weitere hervorgehen konnte?!

— Nun, das mag in biologischer Hinsicht ein nachvollziehbarer Zugang sein. Doch in theologischer Hinsicht führt größere Bescheidenheit zu umso größerem Staunen. Denn dass im 1.Thessalonicherbrief keineswegs alles enthalten ist, was schließlich zur Entfaltung des Neuen Testaments, der kirchlichen Überlieferung, der zweifelnden und glaubenden Bewegung des Christentums und seiner globalen Fruchtbarkeit bis heute führen würde, … das ist gerade kein Mangel, sondern die Stärke unseres Ursprungs.

Der älteste Paulusbrief redet nicht vom Kreuz Christi und enthält keine Rechtfertigungslehre, er polemisiert nicht gegen Gegner und ordnet weder Liturgie noch Ämter, er beschreibt keine Sakramente und beweist nichts aus der Schrift. Er bezeigt bloß unmittelbar Verbundenheit – wie jedes gelegentliche Gespräch – und klärt eine dringend gestellte Frage auf.

… Die aber hat es in sich! In Thessaloniki waren die ersten Christen nicht darauf vorbereitet gewesen, dass es noch Leid und Sterben geben könne, nachdem vor gerade einmal anderthalb Jahrzehnten doch der Tod besiegt worden war. …….

Doch es gab sie.

Der Triumph von Ostern ist in nichts der Abschluss.

Sondern er ist Erstling einer Ernte, die bis zur vollen Reife noch lange wachsen wird (vgl.1.Kor15,20).

Und darum ist die alles entscheidende Kraft, die die Entwicklung der Bibel und der Kirche und des Christentums eröffnete, nicht als die lückenlose Vollständigkeit einer Grundlage, die alles Künftige vorprogrammiert, zu suchen, sondern gerade im Mut zur Lücke.

Das Geheimnis unseres Glaubens von den Tagen des Völkerapostels an bis heute ist es doch, dass er in die Weite wachsen und sich verbreiten kann, dass er Halt findet und emporrankt, wo auch immer ein Spalt, ein Fleckchen Erde, ein wenig Abfall sich zeigt, gerade genug, um einem zähen Schössling erste Entfaltung zu ermöglichen: Das kann dann auf den Hügeln Galiläas, in den Gassen Jerusalems, entlang der Handelswege bis zur Pracht von Damaskus, in den Häfen Griechenlands oder unter den Straßen von Rom sein, ebenso aber auch in der Wüste Ägyptens oder an der ganzen Küste Nordafrikas und in den kaukasischen Bergwelten.

Überall fand es einen anderen Boden und andere Bedingungen – das Pflänzchen des Christusglaubens –, aber es hat sich allüberall eingesenkt und seither auf der ganzen Welt inkulturiert.

Weil es lichtwärts wächst.

Das ist sein ganzes Geheimnis! ———

Was im ersten Moment wie ein öder Allgemeinplatz und dann wie eine esoterische Stereotype klingt, ist doch nur die eigentlich befreiende Botschaft, die der erste Thessalonicherbrief in seiner Licht-Theologie entwickelt.

„Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis“ bedeutet ja schlicht, dass Christen keinerlei Verborgenheit, keine Ummantelung, keine Schutz- und Schlupfwinkel brauchen, sondern sorglos in’s Blaue, in’s Freie, in die Offenheit wachsen können. … Natürlich wissen wir trotzdem auch von christlicher Geheimnistuerei, vom Festklammern in irgendwelchen Nischen, vom Eingraben in vermeintlich geschützten Stellungen und vom Genügen an allerhand Schattenplätzen, in denen nichts Helles, sondern ziemlich Obskures im Namen der Kirche wuchert.

… Aber das ändert nichts daran, dass der Anfang und das Ziel allen Gemeinde- und Glaubenswachstums in der unbegrenzt leuchtenden, durchsichtigen Klarheit liegt, die Gott rief – „Es werde Licht“ (1.Mose1,3) – und die Er ist – „Ich bin das Licht“ (Joh8,12) – und die wir bei Ihm finden werden – „denn die Herrlichkeit des Herrn erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm!“ (Offenb21,23).

Und darum wachsen wir Christen und wächst die Gemeinde Jesu Christi, seine Kirche einfach  still und stark dem Licht entgegen: Durch Nacht und Nebel, Angst und Druck, Durst und Fieber hindurch zum Tag, der kein Ende hat, an dem nichts mehr im Schweigen der Gefängnisse und Gräber verborgen, nichts mehr von der Lüge unterschlagen, unterdrückt und ausgeblendet, nichts mehr hässlich wie die Sünde sein wird.

Dieses Wachsen in den Tag Gottes hinein, dieses Bereitsein dafür, dass es hell und frei und gerecht, … dass es wunderbar zugehen wird, wenn alle Schatten endlich fliehen, ist der Grund dafür, dass Christen nicht verschlafen, sondern gespannt und aufgeweckt sein sollen: Nicht aus Angst, sondern wegen der Vorfreude darauf, dass es Licht werde!

Solche Freude an Transparenz und Aufklärung, solche – sprechen wir mal ausnahmsweise mit Goethe! – „Sonnenhaftigkeit“[i] im Gemüt und in der Haltung von Christen, die sich vor keinem Kommenden scheuen, ist also die Botschaft des fröhlichen ersten Thessalonicherbriefs, der so vieles ungesagt lässt.

Der Mut zur Lücke, das Wagnis, nicht in der Sorge, nicht im Klein-mut, sondern in der Öffnung zu immer mehr innerer und äußerer Helligkeit zu existieren, lässt unseren Glauben – geschichtlich wie persönlich – schließlich auch die Rätsel der Dunkelheiten überstehen, die genauso wenig wie alles andere schon vorgezeichnet und damit abgeschlossen sind, aber wahrhaftig auch nicht ständig auf- und nachgezählt werden müssen!  

Der Apostel Paulus begegnet der Anfechtung und Herausforderung und Bekämpfung und vermeintlichen Widerlegung des christlichen Glaubens durch die andauernde Wirklichkeit des Todes in der Welt ja eben nicht mit einem systematisch lückenlosen Gegenentwurf.

Als Lösung des Fragekatalogs der Geschichte ist das Christentum nicht zu gebrauchen. Denn in Wahrheit ist es ja das Warten und das Wachsen auf die weltweite Klarheit hin und nicht etwa selber schon das endgültige Licht.

Darum lässt auch das erste, was wir als Christen buchstäblich schriftlich haben, alles offen:

Von den Zeiten und Stunden – von den Problemen und Schmerzen, den Reibungsverlusten und der Ausdauer – ist es nicht nötig euch zu schreiben.

… Das ist die ursprünglichste Auskunft darüber, wie wir mit dem Ungeklärten und Unerklärlichen des Daseins umgehen sollen: Nicht verlogen, als wären wir schlauer im Vergleich zu anderen Menschen, … bloß gelassen!

Auch für Menschen, die mit Jesus Christus leben und die Ihn erwarten, hat die Welt nun einmal keinen auf die Minute fixierten Fahrplan und läuft die Zukunft nicht getaktet nach minutiösem Drehbuch, so dass man Einzelnes sicher vorhersagen und Entwicklungen irrtumsfrei berechnen könnte.

Aber gerade diese Erfahrung, die das Jahr 2020 uns allen so existentiell nahegebracht hat und täglich noch näher bringt, stellt uns noch einmal vor die Alternative des Anfangs:

Brauchen wir die Enge und Sicherheit, die in der Abschottung von allem Lebendigen und Unberechenbaren – in der Finsternis also – herrschen, oder bleiben wir zum zunehmenden Himmelslicht des Reiches Gottes gewendet, das uns auf seiner Bahn vieles bringt und zeigt, von dem wir uns unter Tage, in der Schutzhöhle der Zukunftsverängstigten nichts träumen ließen?! …….

In dieser Grundfrage – Starre oder Offenheit? hartverschlossener Kern oder verletzliches Hinauswagen ins Wachsende? – zeigt sich, dass die Botschaft Jesu Christi die Welt, die wir kennen, nicht festigt, sondern im Gegenteil deren Festgelegtes verunsichert, … zeigt sich also, dass uns mit dem Evangelium tatsächlich nicht Bestätigung, sondern Überraschung verkündet wird, und dass das Neue Testament, das aus dem harmlosen kleinen Thessalonicherbrief wachsen sollte, nicht Garantie, sondern Anarchie in unsere Perspektiven bringt! …….

An nichts aber wird diese Tendenz zum Unvorhergesehenen, zum unplanbar unserm Zugriff Entzogenen in der christlichen Erwartung so deutlich wie an jenem eigentümlich unbürgerlichen Bild, das in den Evangelien, den Briefen und der Offenbarung[ii] übereinstimmend als beste Illustration des unabwendbaren Eingreifens Gottes in die Statik der weltlichen Verhältnisse begegnet. Die Welt ist nicht dagegen abzusichern, dass Gott nach Seinem Belieben in sie fasst und das Ihre an Sich nimmt. … Nichts kann die Welt vor Ihm sicher machen. … Denn Er kommt „wie ein Dieb in der Nacht! ——

Dieses mehr als gewagte, dieses kriminelle Bild hätte niemand erfunden und dem Heiligen des Höchsten in den Mund gelegt (vgl.Matth24,43par.)! Wir dürfen darum gewiss sein, dass wir Jesus selbst vernehmen, wenn wir von Seiner Zukunft, Seiner Wiederkehr als einem ungebetenen nächtlichen Überfall hören.

Doch der springende Punkt dieser bildlichen Redeweise ist nicht die Drohung, die bis heute allen gut, indes völlig nutzlos verbarrikadierten Wohlhabenden den Schweiß auf die Stirn treibt, sondern dass diese Metapher Funken aus ihrer sonnenhaften Witzigkeit schlägt: Der da nämlich kommt und die Welt überrumpeln wird, ist doch der Herr!

Wie und wo aber sollte der Herr aller Dinge, ihr Schöpfer und Eigentümer ein „Dieb“ sein können, … wie und wo außer in der geist- und sinnlosen Angst derer, die nicht begriffen haben, was sich und wer wem gehört?!

— Der Dieb, der da kommt, ist Der, der es nicht einmal „wie einen Raub behielt, Gott gleich zu sein“, sondern alles dahingab (vgl.Phil2,6; Rö8,32). Der Dieb, der da kommt und die Nacht für die Ungläubigen so unheimlich macht, ist kein anderer als der helle Morgenstern (vgl.2.Petr1,19), der Aufgang aus der Höhe (vgl.Lk1,78), das Licht, das alle Menschen erleuchtet (vgl.Joh1,9). Dieser Ruhestörer und Verbrecher, der aus dem Nichts auftaucht, ist der plötzliche Richter, Der Seinen Überfluss an Gerechtigkeit mit unwiderstehlicher Vollmacht gegen unsern Mangel tauscht und so einen Ausgleich schafft (vgl.2.Kor8,9ff), der zwar alle berechenbaren Werte wertlos macht und die eben noch Reichen mithin leer ausgehen lässt, aber die Hungrigen füllt er dafür wahrlich und ewig mit Gütern (vgl.Lk1,53)!

Dieser Coup – zugleich Staats- wie Geniestreich – ist das Licht, das der Welt blüht und die nüchtern nicht zu datierende, aber täglich frisch zu erwartende Hoffnung, die allem bevorsteht.

In ihrem Licht ist das Christentum bis heute immer in die Zeit hineingewachsen, dem hellen Tag entgegen.

Und niemand hat die unbedingte christliche Offenheit für das große Ziel, dem alles lichtwärts zustrebt, so ausgesprochen, so ausgeseufzt und -gejubelt wie die kleine Therese von Lisieux, die 1897 auf ihrem wahrhaftig quälenden Sterbelager, auf dem sie immer wieder in die Nacht des Zweifels und den Abgrund des Nihilismus getaucht wurde[iii], immer wieder sagte:

„Ich fürchte den Dieb nicht. Ich sehe ihn von ferne, und ich hüte mich zu schreien: Haltet den Dieb! Im Gegenteil, ich rufe ihn und sage: Hierher bitte, hierher bitte!“[iv]

Denn sie wusste wie der Apostel, dass wir Kinder des verstohlen, aber unaufhaltsam kommenden Lichtes und Tages sind.

Auf den hin ist aber und bleibt alles offen: Denn wenn er einbricht, bricht er an!

Wohl denen, die das nicht als das Ende fürchten, sondern darin den Anfang erkennen!

Amen.



[i] Vgl. Goethes Gedicht: „Wär nicht das Auge sonnenhaft, / Die Sonne könnt es nie erblicken; / Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, / Wie könnt uns Göttliches entzücken?“, in: Goethes Gedichte in zeitlicher Folge, hgg v. H.Nicolai, Frankfurt/M 19907, S. 556.

[ii] Da neben der gemeinsamen Überlieferung, die sich in Matth24,43 Lk 2,39 / 1.Thess 5, 2 + 4 / 2.Petr.3,10 und Offenb.3,3 + 16,15 findet, auch das (koptische) Thomasevangelium das Logion vom Dieb in der Nacht kennt (vgl. ThomEv (Logion 21) in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung – I.Bd.: Evangelien, hgg.v. W.Schneemelcher, Tübingen 19875, S. 102) ist dessen gewiss nicht erfindliche, dafür aber ununterdrückbare Eigenheit mit umso größerer Sicherheit als „historisch“ zu betrachten. Interessant ist, dass sich im Umkreis dieses Logions im ThomEv auch das Senfkorngleichnis findet (Logion 20) und kurz davor ein weiterer Gedanke, der sich mit der Predigtintention berührt, obwohl deren Anmerkungen erst nachträglich erarbeitet wurden: „Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, wie unser Ende sein wird. Jesus sagte: Da ihr entdeckt habt den Anfang, warum sucht ihr das Ende? Denn da, wo der Anfang ist, wird auch das Ende sein. Selig, wer sich an den Anfang (im Anfang) halten wird, und er wird das Ende erkennen, und er wird den Tod nicht schmecken“ (Logion 18, aaO, S.101).    

[iii] Vgl. dazu:  Jean-Francois Sixt, Licht in der Nacht: Die (18) letzten Monate im Leben der Therese von Lisieux. Mit einem Vorwort für die deutsche Ausgabe von Ulrich Dobhan, Würzburg 1997.

[iv] Hier zitiert nach: Therese von Lisieux, Ihm kann ich alles sagen – Gebete der Liebe. Mit einer Einführung von Waltraud Herbstrith, München u.a. 19984, S.97.

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