18.So.n.Trin., 11.10.2020, Stadtkirche, 5.Mose 30,11-14, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 18.n.Trin. - 11.10.2020                                                                                                     

                    5.Mose 30,11-14

Liebe Gemeinde!

Der Abstand – diese hygienisch-praktische, aber eben auch tief seelische Erfahrung der letzten Monate – hat eine theologische Dimension:

Als Israel – das Volk, in das Gott selbst sich immer deutlicher hineinwob mit Seinen Verheißungen an Abraham, Seiner Torah durch Mose, Seinen Gottesdiensten unter Aaron, Seinen Ämtern für David und Salomo, Seinen Symbolen bei den Propheten, Seiner Gegenwart in Ritus, Recht und Alltag – … als Israel, das Volk der praktischen Gottesnähe nach Babylon verschlagen wurde, da erfuhr es einen solchen Abstandsschock, dass es beinah um seine Existenz kam. Wenn man den Tempel nicht mehr betreten, die Gebote, die am gelobten Land und am geordneten Leben hingen, nicht mehr ausüben, die Gegenwart des Heils am auserwählten Ort und in der geheiligten Art nicht mehr wie selbstverständlich spüren konnte, … was blieb da noch?

Gottes Nähe war entzogen. Der eigene Körper – dessen Waschung und Nahrung und Tätigkeit durch das Gesetz selber zu einem Medium der Gottesverbundenheit geworden war – … der eigene Körper wurde ohne die Torah zu einem sinnlosen, toten Kontaktorgan: Nicht mehr essen und arbeiten und ruhen und leben zu können, wie es die Gebote über Reinheit und Unreinheit vorsahen, hieß sinnlos zu vegetieren, da keine Begegnung mit dem Heiligen, keine heiligenden Berührungen mehr möglich waren.

Die Gottesferne, die für Israel außerhalb des Heiligen Landes herrschte, war die schrecklichste Form des Abstands, die sich nur denken lässt. Keine Wiederannäherung schien vorstellbar. Keine Normalität konnte man sich je wieder erträumen. Denn das, was Israel da in seiner fürchterlichen Quarantäne an den Flüssen Babylons durchlitt, erfuhr man zunächst ja nicht als Prozess der Eindämmung eines Übels, sondern als den endgültigen Schnitt, als Strafe, die für immer vom heilen Leben trennen würde.

Vielleicht – manche Forscher behaupten es so – … vielleicht war es aber wirklich da, in diesem Albtraum von Abstand, von unüberbrückbarer Distanz, den wir das „babylonische Exil“ nennen, dass die tiefste, tröstlichste Flamme der göttlichen Liebe im Herzen Israels zündete!

Denn gerade bei denen, die den Abstandsschock erlebten – bei Jeremia, der nach dem Fall Jerusalems in die Nacht Ägyptens verschleppt wurde (vgl.43), bei Hesekiel, der die Deportation nach Babylon erlebte, beim Tröster Jesaja, der in der Kontaktsperre einer gottesdienstlosen Generation fern vom Zion wirkte – … bei ihnen allen erwacht ein Vertrauen, das das Unmögliche zu glauben wagt: Dass Gott abstandslos ist; dass Sein Bund und Seine Treue nicht bloß an bestimmten Punkten haften, sondern sich überall vergegenwärtigen können.

Diese Erfahrung, dass auch Verschleppung keine Trennung, dass Fremde keine Entfremdung, dass Isolation keine Verlassenheit bringt, ist ein Meilenstein jener Entwicklung Israels, von der der romantische Dichter Novalis gesprochen haben könnte bei seiner Feststellung „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg!“[i]

Jeremia drückt die erstaunliche Gewissheit, dass Gott sich nirgends ausschließen lässt, in dem Satz aus: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ (23,23), der nichts anderes bedeutet als die rhetorische Frage: Bin ich denn nur ein Gott der Heimat und nicht auch ein Gott der Fremde, ein Gott des Exils?

Da aber Israels Glaube nichts Virtuelles an sich hat, keine Abstraktion des bloß Vermeintlichen, des rein Theoretischen, darum nimmt auch der von Seiner Stätte auf dem Zion entwurzelte und durch Nebukadnezars Vernichtungsfeldzug obdachlos gewordene Gott im Augenblick der Tempelzerstörung eine neue Herbergssuche auf … und der Ort, den Er dann einnehmen wird, ist der Ort des Neuen Bundes, von dem die Exilspropheten zu sprechen lernen: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein“ (Jer.31,33).

Das Herz, das innere Allerheiligste, das jeder Mensch in sich trägt, ist die Stelle, an der der Gott Israels Seine Allgegenwart erweist. Hier kann kein äußerer Feind und Feldzug Ihm den Ort streitig machen. Hier findet Er eine Bundeslade, die von Dritten niemals gestohlen werden kann, weil selbst Gefangenen und Sklaven, weil Flüchtlingen und Wanderern, weil Heimatlosen und Bettlern das Herz nicht entrissen werden kann.

Im Herzen bleibt Gott nahe. Hat Gott in einem Herzen Einlass gefunden, hört aller Abstand zu Ihm auf.

Das ist der Neue Bund, der sich in Israels Geschichte vollzieht: Der Gott einer heiligen Heimat wird der Gott aller heiligen Herzen.

Genau diese Entwicklung aber bereitet sich tatsächlich in den 5 Büchern der Torah, den 5 Büchern Moses selber vor. Jedem Bibelleser ist zu allen Zeiten schon aufgefallen, dass das Gesetz vom Sinai doppelt überliefert ist: Was von den Zehn Geboten im 20.Kapitel des Buches Exodus an an Gesetzen und Bestimmungen im 2., 3. und 4.Buch Mose folgt, das wird in verdichteter Form – wieder mit der Voranstellung der Zehn Gebote – im 5.Buch Mose wiederholt.

Schon vor Christi Geburt nannte man dieses letzte Buch der Torah auf Griechisch darum bei den Juden der Diaspora „Deuteronomium“, also „Das Zweite Gesetz“. … Kein anderes, sondern ein neuerlich eindringlich einprägsam gesammeltes Werk, das die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und den Glauben, der sich im Leben nach dem Gesetz äußert, veranschaulicht.

Das Deuteronomium, also die zweite Gestalt, in der die Torah vom Sinai in der Bibel vorliegt, gipfelt nun aber in der kleinen, herzergreifenden Absage an allen Abstand zwischen Gott und Seinen Menschen, den wir heute hörten:

Es ist nicht hoch und fern, was dir gesagt ist, Mensch, und was der HERR von dir fordert (vgl. Micha 6,8), … du musst auch nicht gen Himmel fahren oder mit Flügeln der Morgenröte an’s äußerste Meer oder dich bei den Toten betten, um es zu begreifen (vgl.Ps.139,8f), sondern Gottes Wort und Wille sind dir gegenwärtig, bleiben dir nah, wachsen dir ans Herz, gehen dir in Fleisch und Blut über, bis aus dieser unlöslichen Symbiose zwischen Israels Gott und Israels Innerstem ein neues Herz geworden ist (vgl. Hesekiel 36,26), ein neuer Mensch, … das fleischgewordene Wort! ———

Das alles nun ist wirklich und wahrhaftig der Bund Gottes – der erste und der neue – mit Israel, … und es ist in einer Welt, die immer noch vom Hass auf dieses Israel Gottes (vgl. Galater 6,16) entstellt wird, … es ist in einer Welt, die immer noch an den Stammtischen, in den Parlamenten und auf den Straßen sogar der freien, christlich geprägten Völker eine Welt der Antisemiten ist, eine erschütternde Mahnung, dass wir diesen biblischen Weg, den Gott in die Herzkammer Israels nimmt, ausgerechnet heute hören, …am fröhlichsten der hochheiligen Tage der Synagoge.

Nach dem grässlichen Ereignis von Hamburg, das letzte Woche das Laubhüttenfest überschattet hat, ist gestern abend der Feiertag der Torahfreude, des Gesetzesjubels – Simchat Torah – gekommen, und in den Synagogen in aller Welt nehmen sie wörtlich und machen sie wirklich, was unser Predigttext uns versichert: „Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust!“

Sie tun es gerade in diesen Stunden: Überall nehmen alte und junge Juden freudetrunken die herrlich geschmückten Schriftrollen in den Arm, küssen sie andächtig überschwänglich und drücken sie so sehr an das Herz wie die Liebste, wie den Augenstern … und dann tanzen sie, tanzen selig und tanzen wild, taumeln beglückt und beflügelt daher, drehen sich mit der Torah am Herzen im Kreis, denn sie ist ihnen so nah, … sie ist ihnen so lieb, … sie ist ihnen das Kostbarste innerlich und äußerlich, das sie haben.

Und der Reigen der seligen Geister, die an der Brust das Feuer der Torah spüren und die es entzückt, dass Gott sich uns so unmittelbar, so ohne jeden Abstand, so innig schenkt … er ist eine Frage an uns, … an das christliche Herz!

Die Simchat-Torah-Glückseligkeit angesichts der Nähe des göttlichen Wortes, das uns Herz und Mund und Tat und Leben[ii] füllt, stellt eine ganz einfache Frage, ... eine Frage, derer ich mich nicht mehr schäme.

Es gab Jahre, da war es mir peinlich oder zumindest eine Irritation, dass von mir – oft im höflichsten Ton (dem nämlich, den man selbst nicht zu hören kriegt) – gesagt wurde: „Schade, dass er wohl doch ein Pietist ist“.

Die Bezeichnung ist dabei schnuppe.

……. Die Sache aber ist es nicht!

Denn wenn ich an die selbstvergessene, hingebungsvolle Erfülltheit denke, die ich als Kind bei der Simchat-Torah-feiernden Gemeinde meiner Schulkameraden erlebt habe, dann blutet mir das Herz vor der Frage, die sich uns da stellt: „Simon, des Johannes Sohn, hast du mich lieb?“ (Joh.21,15ff).

Haben wir ihn lieb, der uns so nahe ist?

Haben wir ihn lieb, der nicht vom Himmel geholt werden muss, weil er selber ja kam, … weil er selber ja kam – das fleischgewordene Wort der Nähe ohne Abstand – , … der selbst also kam, um in unserem Mund und in unserem Herzen im Brot und im Wort die unverlierbarste Nähe einzunehmen und unser Tun und Leben ganz zu prägen?

Wissen wir, was das heißt? – Dass dieser Jesus, dieses Wort Gottes, diese Wahrheit, die von Anfang an gewesen ist, auch zu uns keinen Abstand, sondern dichteste Unmittelbarkeit gewählt hat?! Dass er von uns nicht um- und abständlich theoretisiert, sondern schlicht ins uns aufgenommen und heimisch werden will?

… Wissen wir – die so krampfhaft unsere Abwehr aus komplexen Reflektionen und kritischen Reserven errichten – was solche entwaffnende Schlichtheit bedeutet?

– Eben nicht, dass eine Idee, die wir skeptisch geprüft und distanziert erwogen haben, irgendwann in den Fundus unserer Überzeugungen eingehen darf, wo wir sie immer noch auf den Abstand jederzeit wieder veränderlicher Einstellungen halten, sondern dass der Gott von Israels neuem Bund in’s Herz will: Wo man sich nicht zimperlich und spröde wie unsere bindungsunfähige Objektivität gibt, sondern wie ein Mensch, der sich nicht endlos ziert und entzieht, sondern sich öffnet und dann tatsächlich …liebt.

Damit haben die Pietisten aller Zeiten und Färbungen – und es hat sie immer gegeben (wenn auch unter verschiedenen Namen) und es wird sie immer geben! – … damit nun haben die Pietisten, die Frommen tatsächlich einfach recht: Wer erst Himmel und Hölle durchkämmen muss, um logische Gründe dafür oder sachliche Gründe dagegen zu finden, der wird nie auftun, wo einer vor der Herzenstür steht und klopft (vgl.Offenb.3,20)!

Darum sprich nicht: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun!   

Der Heiland will das Herz, so sagen es die Frommen ( – und die Weisheit! [vgl. Sprüche Salomos 23,26]). Und ihn lieben, ist wahrlich mehr als alles andere (vgl. Mk12,33), denn die Liebe zu ihm erfüllt das Gesetz (vgl. Rö13,10), wie er selbst es ja sagt (Joh14,15): „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten!“und seine Gebote sind nicht schwer (vgl.1.Joh5,3).

So nah ist Jesus, das Wort Gottes.

So einfach.

……. Und so zu lieben! ———

Viele Fromme, die man nicht Pietisten, sondern Orthodoxe nennt, haben ausgehend von der Herzensnähe des Wortes, die uns in Deuteronomium begegnet, ihr ganzes Leben tatsächlich auf ein einziges Wort ausgerichtet, auf das Herzensgebet des immer und endlos wiederholten Namens „Jesus!“, der sie tröstet, ihr Tun bestimmt und ihr Ziel vorwegnimmt.

Viele andere Fromme haben in einfachster Offenheit für das biblische Wort Gottes einen Liebesdienst geübt – hier in so vielen Diakonissenherzen! – oder haben in Mission und Gemeindeleben und Ökumene die ganze Wahrheit der Menschennähe Gottes und eines von Gott erfüllten Herzens einfach und tragend bewiesen und beweisen sie überall immer noch!

Es gibt unzählige solcher einfachen Wege, die die Liebe zum nahen Wort Gottes uns führt.

Keiner ist besser als ein anderer, wenn sie nur aus einem reinen Herzen hervorgehen, das das Wort Gottes hört, bewegt und tut.

Und wenn wir vom schlichten Hängen an Gottes Wort gleich mit einem Lied von Dora Rappard singen werden – der Tochter des ersten evangelischen Bischofs von Jerusalem, die in ihrer Kindheit echte Simchat-Torah-Freude am Fuß des Zionsberges erlebt haben wird –, dann wollen wir daran denken, dass tatsächlich nichts hoch, nichts tief, nichts weit, nichts schwer sein kann, das einfach aus der uralten Erfahrung Israels lebt:

„Es ist das Wort ganz nahe bei dir!“

Amen.



[i] „Die Phantasie setzt die künftige Welt entweder in die Höhe oder in die Tiefe oder in der Metempsychose zu uns. Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht ins uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. – Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hingweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.“ Novalis (d.i. Fr.v.Hardenberg), Blütenstaub [16], in: Novalis – Werke in einem Band, Ausgewählt und eingeleitet v. H.-D. Dahnke, Berlin(Ost) und Weimar, 19894, S. 279f.

[ii] Vgl. J.S. Bachs Kantate BWV 147!

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