Konfirmation, 03.10.2020, Mutterhauskirche, Psalm 73, 1+ 23, Jonas Marquardt

 

Predigt Mutterhauskirche Konfirmation 3.X.2020                                                                                           

                   Psalm 73, 1 + 23

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Eigentlich dachte ich inzwischen, es höre vielleicht nie auf … und das war ein schöner Gedanke: Mit Euch hätte ich durchaus alt werden können, nachdem wir Euer eigentliches Haltbarkeitsdatum im Frühjahr, als Ihr frisch und rosig und bereit wart, sang- und klanglos überschritten hatten und uns ab Ende Mai dann im Gras draußen wiedersahen und Ihr da in der Sonne wie Fallobst immer länger vor Euch hinreiftet und immer älter wurdet und inzwischen alle irgendwo auf dem Weg zur 15 seid und es Herbst geworden ist und man an diesem Wochenende einen Doppelfeiertag begeht, der das, was uns die Geschichte und die Natur an guten Gaben schenken, feiert, … und noch immer seid Ihr meine ewigen Konfirmandinnen und Konfirmanden  … und die Zeit steht still, nur dass Ihr wieder Schule habt, … aber das stört Eure tiefinnere Gelassenheit auch nicht so furchtbar … und demnächst kommt Weihnachten und dann ist das unglaubliche und ja auch scheußlich Jahre 2020 irgendwann vorbei … und noch immer sitzt Ihr da an der frischen Luft im Gemeindegarten und schneit vielleicht ein wenig ein, falls man nochmals downgelocked wird, …und vielleicht muss man Euch dann neue Masken umbinden, weil die Mode sich ja ändert und die Jungs sich demnächst mal die Backen schaben wollen und die Mädchen auch den unteren Teil des Gesichtes schminken, und der wunderbar vertraute, dauerhafte Jahrgang, der 2018 anfing und mit dem das ewige Jetzt, der verweilende Augenblick erreicht zu sein scheint, ist immer noch da, … nur ein bisschen eingewachsen in jenem versunkenen Paradies, in dem Ihr an der Luft trocknet und konserviert werdet … und die Kleinen, die ein Jahr nach Euch angefangen haben, werden eingesegnet und Ihr bleibt immer noch wie schrumpelnden Apfelringe da und nichts ändert sich, und nachdem man Euch einmal aus der gewöhnlichen Spur der Beschleunigung und der Entwicklung und der Fortbewegung rausgebracht hat, bleibt Ihr unabänderlich stillgestellt, homegeschooled und ortsgebunden, … und es hört nie auf. ————

Von wegen! Natürlich hört es auf.

Weil alles vorübergeht. Weil nichts jemals bleibt, wie es war. Und weil ja gerade dieses Tag-der-deutschen-Einheit-&-Erntedank-Wochenende uns historisch und biologisch zeigt, dass jeder Traum und jeder Alptraum endet und dass alle Frühlinge erntereif werden und dass Ihr ab jetzt eben keine Konfirmandinnen und Konfirmanden mehr seid, sondern Ex-, … Gewesene!

Denn natürlich habt auch Ihr Euch verändert in der unvermutet langsamen Zeit, die hinter uns liegt und die Euch Erfahrungen gebracht hat, die wir nicht vorhersehen konnten und nun nicht mehr rückgängig machen.

Unser Leben ist unplanbar: Das nennt man seine Geschichtlichkeit.

Unser Leben ist unaufhaltsam: Das ist seine Endlichkeit.

Unser Leben ist überraschend und es ist bedroht; es ist tief und doch leicht; es schlägt Purzelbäume und es kann sich stauen; unser Leben nimmt sich Freiheiten und es bedarf der Pflichten; still und unbewusst strömt es dahin und plötzlich wird’s getroffen und schlagartig nehmen wir es wahr.

Unser Leben hat keinen Bestand, und was kommt, wissen wir alle nicht.

Nur dass Ihr, die Herbstkonfirmanden 2020 mehr an Erfahrungen im Großen und im Kleinen habt, als jeder andere Jahrgang seit 70 Jahren, das wissen wir: Euch hat sich – ohne Schaden, aber doch auch ohne Zweifel – gezeigt, dass nichts sicherer ist als das Ungewisse und dass kein noch so gewöhnlicher Mensch ohne die gesamte Menschheit existiert.

Und so sitzt Ihr also nun hier. In einer Zeit, die man vielfach eine „Krisenzeit“ nennt. … Und was tut Ihr?

Ihr entscheidet Euch bewusst und mit einer halbjährigen zusätzlichen Bedenkzeit, dass Ihr Euch zur verfolgtesten Religion weltweit (denn das ist das Christentum!) bekennen wollt und Ihr tut es - als G8ler - näher am Abitur als an der Grundschule.

Das ist bemerkenswert. … Und es lässt mich eine sprachliche Verwirrung aufklären, die sich angesichts des Fremdwortes für Eure heutige Tat immer häufiger einschleicht.

Ihr seid keine Konformaten, sondern Konfirmanden. Konform zu sein oder gemacht zu werden, ist etwas Verheerendes. Es bedeutet Masse zu werden: Gleich schön, gleich stark,

gleich gültig wie ein reproduziertes Heer von Avataren oder Clonen oder Memes.

Versprecht Euch, so etwas nicht zu werden, nicht zu wollen!

Wenn Ihr heute einen Glauben bestätigt, der mit seiner Botschaft von Gott, Der in Christus Mensch wird, mit seiner Botschaft von einer Liebe, die unsere Schuld auslöscht und einem Leben, das den Tod vernichtet, nicht für alle Welt selbstverständlich ist, dann bedeutet das doch gerade, dass Ihr eine andere Wirklichkeit und einen anderen Maßstab behauptet, als sehr viele andere Menschen.

Aber nachdem wir gerade vom Leben insgesamt sahen, dass es erstens anders kommt und zweitens als man denkt, scheint mir, Ihr seid gerade dann am besten für’s Leben gerüstet, wenn auch Ihr anders seid, nicht konform. … Sondern konfirm!

„Firm“ heißt fest. Befestigt, nicht zementiert; nicht aus Beton und doch unerschütterlich!

Wenn Ihr so seid – und wer immer Euch da im Garten hockend beim Gespräch, bei der Bibellektüre, beim Beten gesehen hat, als sei das Alles das Gewöhnlichste von der Welt, der kann es nur glauben – wenn Ihr also firm seid, dann könnt Ihr getrost und fröhlich leben!

Denn nur die innerlich Festen, die, die eine Haltung und einen Halt haben, die nicht immer gleich flatterig werden und sich nicht dauernd fragen, ob sie gut oder sehr gut oder die Besten waren oder ob sie etwa scheitern, … nur solche firmen Leute können die Brise und den Wind, der kommt, den Sturm, der drohen mag, unerschüttert bestehen.

Warum? Weil sie das „N“ kennen, das schönste Zeichen unseres Alphabets. Es ist nämlich der beste Wegweiser durch das Leben, … das Leben, das für feste Menschen drei Richtungen hat:

Leben strebt empor. Pflanzen wachsen, Krabbelnde richten sich auf, Vierzehnjährige – wenn sie nicht durch Bequemlichkeit versaut sind – wollen weit hinausschießen über das, was bisher für den Gipfel gehalten wurde. Recht so! Man kann nicht immer nur niedergehalten werden. Sucht senkrecht nach oben! Lasst Euch von der Sonne helfen, spürt den Kitzel hohen Anspruchs, nehmt andere mit auf Wege ans Licht …denn alleine überragend sein zu wollen, heißt der erste Baum zu sein, den’s fällt.

Aber seid nach allem, was das letzte halbe Jahr uns lehrte, nicht naiv: Erinnert Euch, dass die Dinge und Ihr mit ihnen irgendwann an ihre Grenze stoßen. Und so habt die Würde und die Reife auch den zweiten Teil des Lebens – den Herbst, wenn Ihr so wollt – genauso mutig und dankbar und gespannt zu erfahren: Dass man vom Berg auch wieder herunter zu steigen hat, dass Höhe nur einen Blick für Niedriges bedeutet und dass wir endlich werden müssen, was wir waren … Menschen, die vor vielen Jahren miteinander im Gras saßen und die genauso verdorren müssen wie damals der Rasen.

Doch dann, Ihr Lieben!, … dann kommt das, was uns fest macht und so unglaublich frei und so unendlich zuversichtlich! Dann kommt der dritte Strich des N, der zeigt, dass es nicht nur um Auf- und Abschwung, um Mehren und Mindern, um Top und Tiefe geht, sondern dass wir Christen, die man auch „Nazarener“ nennt – besonders da, wo sie verfolgt werden –, ganz, ganz anders, unerwartet, unerklärlich, unerschrocken, unerschütterlich glauben, lieben und hoffen dürfen.

Kein Mensch, der dem lebendigen Gott gehört, kann nämlich so weit unten, so abgestürzt, so reingefallen sein, dass dort im Abgrund der letzte Punkt für ihn wäre.

Nein (fängt mit „N“ an!)! Niemals (fängt mit „N“ an!)! Neu wird alles werden (fängt mit „N“ an und hört damit auf!)!

Es gibt für die, die auf Jesus Christus getauft sind, eine Perspektive, die sich immer und überall in einem einzigen Wörtchen ausdrücken lässt, einem Wort, das Luther – so wie er es gerne tat – ab und zu in die Bibel eingefügt hat, auch wenn es zunächst gar nicht da stand. Nicht immer hat Luther in seinen Einfügungen Recht gehabt, aber wenn er das Wörtchen „Dennoch“ wählt, dann trifft er ins Schwarze, trifft in die Wirklichkeit, trifft hoffentlich auch in Euer Herz!

„Dennoch“ zu sagen, heißt die Freiheit zu kennen, die nicht nur Wachstum und Welken, sondern auch die dritte Dimension umfasst: Dass Gott mitten in allem Guten und Bösen und allem Schönem wie Schlechtem zum Trotz wirklich ist und Wunder tut, … noch und noch, neu und neu!

Dass es nie so anders und nie so furchtbar, aber auch nie so langweilig und nie so alltäglich zugehen wird in Eurem Leben, dass Ihr nicht sagen könntet „Dennoch bleibe ich stets an Dir, Gott!“: Das ist mein größter, tiefster Wunsch für Euch.

Sagt Euch dies „Dennoch“: Gegen allen Zweifel und gegen alle Gewöhnung.

Sagt Euch dies „Dennoch“: Wenn Ihr Sorgen habt und genauso wenn Ihr mal selbstzufrieden werdet.

Sagt in der Krise „Dennoch“ und sagt‘s wenn Ihr feiert … und manchmal ist das ja zur gleichen Zeit.

Sagt es oben und unten, sagt’s in Glück und Leid.

Denn auf dem schönen Buchstaben „N“, der gleich doppelt darin vorkommt, werdet Ihr schließlich ja in die neue Welt hinauf geführt, in die Nähe, ja, in die Gegenwart Gottes, Der es hört und Der es wahrmacht, was Ihr jetzt konfirmiert, also bekennt (Ps.73,23):

„Dennoch bleibe ich stets an Dir, HERR, denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand, Du leitest mich nach Deinem Rat und nimmst mich am Ende zu Ehren an!“

AmeN!

 

Alle anzeigen
Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+