15.So.n.Trin., 20.09.2020, Stadtkirche, 1.Mose 2, 4 - 25, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 15.n.Trin. - 20.IX.2020                                                                                                         

                1.Mose 2, 4 - 25

Liebe Gemeinde!

Erst ist der Staub: Das ist der Mensch.

Dann ist der Garten: Das ist die Welt.

Dann ist der Auftrag: Das ist der Bund.

Dann endet die Einsamkeit von Menschenfleisch und -bein: Das ist die Liebe. ——

Und aus diesen vier Quellen, die reicher und tiefer sind als Pischon und Gihon, als Euphrat und Tigris strömt alles, was die Schöpfung und Geschichte Gottes und seiner Erde ausmacht:

Mensch und Welt und Bund und Liebe sind Ursprung und Ziel der geschaffenen, uns heute noch vertrauten Wirklichkeit. Zusammen ergeben sie das, was Gott wollte.

… Und es ist die wunderbarste Sicht auf unseren Planeten, die man je gehört hat und die man jemals hören wird.

Selbst wenn wir die frohe Botschaft von Jesus Christus, der liebt bis in den Tod und aus dem Tod heraus liebt, nicht hätten: Schon der Schöpfungsbericht Israels würde uns erkennen lassen, dass Gott der Gott des Evangeliums ist. Denn auf den Eröffnungsseiten der Bibel und der Welt erscheint etwas, das kein Volk, keine Kultur, kein einzelner Mensch sonst kennt: Eine Welt ohne Angst.

Den anderen Religionen und Mythologien der Menschheit ist die Natur dunkles Geheimnis: Überwältigende Gewalt, die sich in den Schrecken vieler Gottheiten, den Kämpfen vieler Mächte, den Forderungen vieler Gebieter ahnen lässt, aber umgeben von Rätseln und durchdrungen von Feindschaft.

Ein Garten, in dem das nackte Tier auf zwei Beinen nicht das schwächste Glied, sondern der geistige Bezugspunkt aller Kreaturen ist, weil es jedes Wesen ansprechen, weil es jedes Wesen durch Nennung aus der Unheimlichkeit befreien und in den Kreis des Urvertrauens ein-gliedern darf, … ein Garten, in dem der Mensch nicht Jäger, nicht Gejagter, sondern Rufer und Entdecker sein darf, bis er zuletzt sogar sich selbst im anderen finden und Liebe fühlen darf … ein solches Bild der Welt ist einzigartig fromm und schön!

Die Titanenkämpfe und phantastischen Zeugungen, die listigen Patente und tragischen Fabeln, denen der unsichere Stamm der Menschenkinder auf halbem Weg zwischen Himmel und Hölle sonst seine Zwitterstellung neben Bestien und Dämonen verdankt, trüben die Harmonie des biblischen Schöpfungsglaubens nicht im mindesten.

Statt der Gärung und Spannung, die andere Mutmaßungen dem Menschenwesen einschreiben, schildert die Überlieferung des Glaubens einen Ursprung unseres Geschlechtes, der Solidarität„Von Staub bist du genommen“und Verantwortung„Bebaue und Bewahre!“mit dem selbstverständlichsten Frieden verbindet: „Sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau und schämten sich nicht.“———     

Auf dieser Stufe abgeklärter, balancierter, ganzheitlicher Kosmologie, in der Mensch und Schöpfung als durch das Wort Verbündete koexistieren, beginnt also das Zeugnis, dem wir Christen verpflichtet sind nachzuleben. —

Wenn das klar ist, dann verstehen wir, warum die gegenwärtige Stunde der Welt eine unvergleichliche Schicksalswende des Christentums ankündigt. …

Vielleicht muss man es aber noch einmal klarer sagen: Das, was in unserer Zeit geschieht und was so viele von uns als nervtötendes Thema der Grünschnäbel beiseite wischen oder als emotionale Politisierung von Kirche, Schule und Gesellschaft abwürgen wollen, um zur sog. „Vernunft“ zurückzukehren, … das bezieht seine Bedeutung für uns Christen nicht aus irgendeiner Ideologie, einem Zeitgeist, einem Trend, sondern aus der Grundlage unseres Glaubens!

Wenn wir erkennen müssen, dass die ersten Seiten der Bibel vor unseren Augen und durch unser Zutun und unser Unterlassen ausradiert werden, dann stehen wir nicht vor Nebenfragen, sondern wir hören den Zünder, der das Zentrum sprengen und uns (wenn überhaupt) zu Zeugen einer rauchenden Ruine, einer klaffenden Leere, eines monströsen Kraters machen wird.

Der Garten Gottes, das Werk der ersten Liebe wird abgeholzt und verbrannt.

Der Mensch verrät seine Berufung.

Es geht zu Ende mit der Schöpfung des Beginns.

„Und siehe, es wird sehr leer …….“ ———

Aber so darf man doch nicht predigen! So etwas will kein Mensch hören!

…… Ich weiß.

… Ich ja auch nicht.

Doch erstaunlicherweise warnt die Bibel seit den Tagen des Elija, und dann seit den Tagen des Amos, des Jeremia, des Johannes und schließlich auch des Mannes aus Nazareth … erstaunlicherweise warnt die Bibel stets und ständig nur vor der Hellseherei und nicht vorm Schwarzmalen! Die Hellseher, die Beschwörer und bezahlten Optimisten sind zu allen Zeiten die Priester Baals gewesen, die verzapften, was man gern hört, weil’s das Gewissen betäubt und den Schlaf befördert. Solche Ohrenbläser der Entwarnung, solche Pillendreher des „Nur-halb-so wild“ waren immer die Lieblinge der Gemeinde. Sie haben goldene Kälber und saftstrotzende Götzen und Götzinnen propagiert; sie haben in Frieden gelullt und Kompromisse gesegnet; sie haben den Kult der praktischen Notwendigkeit und der Göttin der Vernunft gefördert und wacker gegen alle Schwärmer der Umkehr und Erneuerung gekämpft; sie haben sich mit jeder Großmacht und jeder Schlüsselindustrie in’s Bett gelegt und die Anrufung des armen Sankt Florian derart zur Weltreligion pervertiert, dass ihr Gebet um die eigene Verschonung und die Katastrophe im Haus der Fremden ganze Kontinente verbindet; und so strahlen sie bis heute im milden Heiligenschein derer, die großzügig Bequemlichkeiten zugestehen, während die Unruhestifter Gottes in einem fahlen Zwielicht erscheinen, als neideten sie andern bloß deren Komfort, wollten Wohlstand willkürlich vernichten und unschuldige Sektlaunen mürrisch verderben.

Indes: Popularität und Wahrheit sind zweierlei Maßstäbe, und die eine kann süß den Tod bringen, während die andere trotz ihrer Bitterkeit zur Rettung dient.

Gehen wir also nicht dem Geschmack auf den Leim, den eine Botschaft haben mag, sondern suchen wir ihren Gehalt … und wenn er noch so schwerverdaulich wäre.

Jene, die uns heute die Ruhe rauben mit den nüchtern wissenschaftlichen, aber auch mit den parteiisch leidenschaftlichen Warnungen, dass die Rückabwicklung der schönen Schöpfung Gottes sich rasend beschleunigt, sie sprechen die Sprache der wahren, der ungeliebten Propheten. Mit dem ungeliebtesten und radikalsten der Boten Gottes kann man die weltliche Predigt von der ökologischen Passion durchaus als eine Abwandlung jenes „Wortes vom Kreuz“ verstehen, das „denen, die verloren werden, eine Torheit ist“ (vgl.1.Kor.1,18).

Und so muss man den Widerhall dessen, was jede Zeitung, jeder Forschungsbericht, jeder Gang übers Feld und jeder Weg durch den Wald uns nahebringen, leider Gottes in jenes helle, heile Bild der Welt ohne Angst zurückverfolgen, mit dem unser Glaube beginnt:

Diese erstaunliche Harmonie, in der der Mensch aus Staub und die von ihm angesprochene Kreatur dem großen „Es werde!“ klingende Antwort gaben, ist zerrissen.

In den unvorstellbaren Bränden, die den wasserreichen Wald, aus dem wir alle unseren Atem schöpfen, verkohlen lassen, … in den ungebremsten Fluten, die vor Trockenheit dürstende Landstriche plötzlich ersäufen, … im fernen Zerstörungswerk, das das ewige Eis aufbricht, … in den Knochenlandschaften, die auf dem Meeresboden erstarren, wo vor Kurzem noch ungesehene Farbvielfalt blühte, … in allen diesen Folgen des menschlichen Vernichtungsfeldzugs gegen die anderen Gestalten seiner eigenen Geschöpflichkeit leidet Gott!

Das ist keine Naturreligion und keine romantische Häresie – obwohl man sich gewiss fragen kann, was die Eichendorffs Amazoniens und die Caspar David Friedrichs der pazifischen Inselwelt jetzt für Schmerzenswerke schaffen mögen.

Dass aber Gott wirklich mit jeder der unzähligen Arten an Lebewesen, die wir auslöschen und in jedem der unwiederbringlich verlorenen Lebensräume, die wir verwüstet haben, einen Schmerz erleidet, der zurückreicht bis in jene Anfänge, als Er weckte, was jetzt stirbt, das kann jeder ermessen, den der Geist der Schöpfungsgeschichte je berührte.

Die Freude Gottes an Seinem Werk, … die Großzügigkeit, in der Er uns Menschen die Freiheit gab, tatsächlich heimisch und zum Hüter in einer Welt zu werden, die sich nicht uns verdankt, … das Vertrauen, das Gott in Augenmaß und Gehorsam Seines Ebenbildes setzte, das in Eden doch so spürbar nicht die Macht, sondern die Liebe suchte … alle diese Frühlingsgefühle und Freiheiten der neuen Welt sind uns in schrecklicher Eindeutigkeit inzwischen zum Opfer gefallen.

… Tatsächlich wiederholt sich in der Schändung der Natur, ohne die wir doch nicht leben könnten, das Ereignis von Golgatha, wo der Lebendige selbst der blinden Brutalität des Menschen ausgeliefert war, der zerstört, was ihn erhält. ———

Wozu dann aber noch die Geschichte von Eden lesen und hören und in den herrlich unschuldigen Liedern von Neander (EG 504) und Spitta (EG 510) besingen, wenn wir doch nur ihren verzerrten, panischen Nachhall in den furchtbaren Statistiken und ausweglosen Sackgassen unserer Gegenwart aufschnappen und uns eingestehen müssen, dass wir trotz knallharter Erfahrung immer noch bloß butterweiche Antworten auf den Zusammenbruch des so kunstvoll auf einander abgestimmten Systems der ganzen Schöpfung haben?!

Wozu an Gottes Eden erinnert werden, wenn wir bloß das von uns selbst versalzene Sodom bewohnen?

 – Weil wir Christen sind!

Wir sind die, die dort, wo andern die letzte Schwäche und die tiefste Nacht begegnen, die stärkste Kraft erkennen und den hellsten Mut schöpfen sollen.

Wenn uns tatsächlich die Erzählung vom Anfang aller Dinge heute als ein Karfreitagsbericht anmutet und wenn wir in Eden anstelle des Baumes der Erkenntnis und des Lebens das Kreuz erblicken, das Kreuz der geschändeten und gemarterten und verlassenen Kreatur …, dann kann dieser schmerzhafte, aber uns ja nicht fremde Anblick uns nicht entmutigen, sondern nur wecken und wappnen!

So wie Gott durch die Schöpfung die Schönheit der Welt und die Sorge für sie und die Liebe zu ihr mit dem Menschen geteilt hat, so ist auch das Leid der Welt geteiltes Leid, … geteilt mit Dem, Der ausgerechnet als der Gekreuzigte gerade nicht zum Besiegten, sondern zum Befreier wurde. Die Kreuzigung löste ja nicht die endgültige Auslöschung des göttlichen Lebens, sondern schließlich die Überwindung des menschlichen Todes aus.

… Doch nur wer die Augen vor der Passion nicht verschließt, kann erfahren, was Ostern bedeutet.

In gleicher Weise müssen wir heute also schonungslos die Schuld und den Schrecken, die Ursache und den selbstzerstörerischen Wahnsinn der Schöpfungsvernichtung betrachten und bekennen, wenn wir als Christen zu Zeugen dessen werden wollen, was stärker als die Todesmächte in der Menschheit ist.

Ohne die klare Erkenntnis des Unheils, das wir verüben, dringen wir keinesfalls durch zur rettenden Erlösung von dem Bösen, das uns treibt.

Wenn wir also weiter leugnen, was der Mensch aus Staub der Welt antut, die unter seiner Obhut doch gedeihen soll, … wenn wir das weiter leugnen und verdrängen, dass wir allen Kreaturen und unserm eignen Fleisch und Blut ein Golgatha bereiten, dann ist das, was wir nicht einsehen, das Ende.

Verschließen wir aber unsere Augen nicht mehr vor der Passionsgeschichte, die sich heute ereignet, dann setzt die Einsicht in die Wahrheit Hoffnung für Eden frei:

Sehen wir das Kreuz, so sehen wir das Heil.

Gestehen wir unsere Schuld, beginnt der Weg der heilenden Gnade.

Kehren wir um, dann werden wir leben (vgl. Hesekiel 18,32 / EG 589). ——

… Nicht als sei dann ein märchenhaftes „Sesam-öffne-dich“ zurück zum mythologischen Ursprung gefunden.

Aber das, was Eden war, ist ja trotz allem noch gar nicht unwiderruflich vergangen:

Der Staub – der Mensch! – , … der Garten – die Welt! – , … unser Auftrag – der Bund! –  und die Hoffnung, nicht allein zu sein – die Hoffnung der Liebe! – … sie alle reichen doch in’s Hier und Heute; sie sind die Quellen, zu denen wir zurückkehren müssen als zu dem Strom, der von Eden ausgeht.

Die Schöpfung geht darin weiter.

Wenn wir sie so fortleben wollen, wie Gott sie schuf, ist alles noch da: Wir müssen die Kreaturen, ihre Kostbarkeit und ihr Leid nur in Worte fassen und nennen, wir müssen an ihrem Kreuz nur unser Fleisch und Bein erkennen, damit das wunderbare Werk Gottes aus dem Schatten des Todes in das Licht Seiner Zukunft reicht:
Wo Mensch und Welt verbunden sind und keine Angst sie quält.

Wo wir mit Recht zu Gott wieder sprechen dürfen wie die Braut des Hohen Liedes (4,16c): „Mein Freund komme in seinen Garten!“

Amen.  

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