3.So.n..Epiphanias, 26.01.2020, Stadtkirche, Apostelgeschichte 10,21 - 35, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 3.n.Epiphanias - 26.I.2020                                                                                                  

 

          Apostelgeschichte 10,21-35

In diesem Gottesdienst feierte der verehrte Amtsbruder, Vorgänger und Freund, Pastor Achim Engels mit der Gemeinde seinen 90. Geburtstag. Ihm ist die Predigt in dakkbarer Verbundenheit in der geteilten zweifachen Liebe zu Christus und Israel gewidmet.

 

Liebe Gemeinde!

 

Landschaft auf der Landkarte lässt sich leicht lesen: Norden und Süden sind klar, Meer und Land und Höhenunterschiede sind alle eindeutig markiert und man spaziert mühelos über die wissenschaftlich genaue Skizze dahin. … Leider nur ist die Orientierung im wirklichen Gelände ganz anders und auch das Bewältigen der auf den Meter genau erfassten Entfernungen wird zu etwas ganz anderem, wenn man’s nicht auf dem Atlas, sondern auf der Landstraße unternehmen soll.

 

Genauso wie mit dem Raum verhält es sich auch mit der Zeit: Der Kalender besteht aus lauter exakten, gleichen Einheiten, in denen wir säuberlich und logisch schlüssig alles unterbringen könnten, was ansteht und sich vollziehen soll. Selbst ein Schaltjahr ergänzt das System nur um eine weitere 24-stündige Größe, … weil die 5 Stunden 48 Minuten und 45 Sekunden, die eigentlich pro Kalenderjahr überschüssig wären und nicht in das geordnete Ganze passen wollen, eben zu unregelmäßig sind, um anders als gerundet von uns erlebt zu werden.

 

Wirklichkeit ist nämlich schwieriger zu fassen als Theorie. Darum ist sie mit ihren räumlichen Unebenheiten, mit ihren plastischen Hindernissen und Grenzen und ihren zeitlichen Dehnungen und Sprüngen und völligen Anomalien etwas ganz anderes als man bei reiner Außenbetrachtung meinen sollte:

 

Was könnte schon zwischen Helmstedt und Marienborn für ein Zauberbann liegen, dass die paar Kilometer zwischen beiden Orten mehr als bloß ein kleiner Spaziergang wären?

 

Was sollte zwischen Januar 1933 und Mai 1945 schon Exorbitantes haben geschehen können, dass kein Zeitabschnitt der Menschheitsgeschichte diesen hundertpaarunddreißig Monaten zu vergleichen wäre? ——

 

Ja, …., was unterscheidet stets vergleichbare Maß- und Kalendereinheiten in Raum und Zeit so sehr voneinander, dass ihre scheinbar neutrale Logik eigentlich zum Trug, zur Täuschung führt? … Es ist der Mensch. Der Mensch, der aus etlichen hundert Metern einen Graben macht, der unüberwindlich wird. Der Mensch, der nur wenige Sonnenjahre braucht, um eine so ungeheuerliche Finsternis zu verbreiten, wie sie eigentlich nicht von dieser Welt sein kann. ———

 

Zeit und Raum mögen klar und konstant sein und die Weisheit des Schöpfers bezeugen; der Mensch aber macht sein Chaos aus ihnen, … in den Tagen Noahs, … im 20.Jahrhundert, … in der Epoche, die wir gerade verschwommen vor uns zu ahnen beginnen.

 

Was aber macht Gott? …….

 

Es wäre einfach und unwürdig – unwürdig für Ihn wie für uns –, wenn Gott wie ein Zimmermädchen ständig bloß wieder Ordnung machte, wo wir Menschen das heillose, schreckliche Durcheinander anrichten, auf das wir uns so gut verstehen. Wenn Gott nur geradeböge, was wir krümmen, wenn Er nur zusammenstückte, was wir zerfleddern, wenn Er nur herrichtete, was wir zugrunde richten … – und Er tut das alles wahrhaftig und zuletzt ja doch! …. wenn aber Gott nun nur das Aufräumkommando hinter der Spur menschlicher Verwüstung wäre, dann wäre Er ein Knecht der Sünde und ein Handlanger des Bösen, indem er die Müllabfuhr der Welt darstellte.

 

Und darum hat Gott Menschen in den Bund mit Sich, hat Er Menschen in Seinen Dienst gerufen: Damit Er nicht alleine Derjenige wäre, Der gut macht, was andere böse meinten, Der aufhellt, was andere verdunkeln, Der säubert, was andere besudeln, … damit also nicht nur das Böse, sondern auch der Widerstand dagegen, damit also auch das Gute Menschengeschichte sei.

 

Seit Abraham nämlich ist es ein Gemeinschaftswerk zwischen Gott und den Seinen, die innere Nacht und die äußere Verwirrung der Menschheit zu beheben und zu heilen. Die Erwählten Gottes, das heilige Volk, das Er ruft, sind als Helfer und Heiler der von Zerstörung bedrohten Welt gewollt.

 

Wenn man die Mission Israels zusammenfassen sollte, wäre nämlich das ihre Grundlage: „Bringt die Welt durch Euer Recht zurecht! Setzt sie zusammen durch Euer Gesetz! Reinigt sie durch Eure Reinheit! Heilt sie durch Eure Heiligkeit!“

 

Und in alledem: „Helft dem helfenden Gott! Löst mit die Aufgaben des Erlösers! Ertragt, was Er trägt!“ ———

 

Wenn wir diesen hochnotwendigen Sinn der Berufung der Väter und des Volkes Israel vor Augen haben – dass sie im Chaos der Geschichte, in dem Menschen Zeit und Raum verderben und vernichten, Gerechtigkeit und Frieden, ausgehend von ihrem Land durch ihren Sabbat, ihre Feste, ihren Alltag bezeugen und verbreiten sollten –, dann wundert es uns weniger, dass kein Volk an so vielen Orten hat leben müssen und dass in der Weltgeschichte aus Licht und Dunkelheit die erhabensten und abgründigsten Momente jeweils Daten der Geschichte Israels sind: Die unglaubliche neue Freiheit, die Exodus und Sinai und Ostern beweisen und die unaussprechliche alte Bosheit, die sich am Karfreitag und bei den Kreuzzügen und in Auschwitz entblößt. ———

 

Diese Erinnerung daran, was Israels Auftrag ist, war nötig, um den Wendepunkt zu verstehen, an den der heutige Predigttext uns stellt. Der kleine Schritt, den Simon Petrus, der christusgläubige fromme Jude aus Galiläa über die Schwelle des judenfreundlichen römischen Hauptmanns Kornelius tat, war in etwa von der Größenordnung der historischen Fußbewegung Neil Armstrongs bei der Mondlandung: Gering für einen Einzelnen und doch eine folgenreichste Pionierleistung im Rahmen der Menschheitsgeschichte.

 

… Nicht nur darum ging es aber dabei, dass der vielleicht ja wirklich etwas provinzielle Gesichtskreis eines Fischers vom Genezareth erweitert wurde.

 

… Nicht nur um die Überwindung der religiös begründeten jüdischen Scheu vor den unappetitlichen Sitten der Heiden ging es.

 

Und auch nicht nur um die Ausbreitung des Evangeliums und das Wachstum der Kirche, die aus dem heilsgeschichtlichen Heimatboden Israels in die globale Fremde und Weite aller Völker und Nationen ausgreifen sollte.

 

Sondern durch das Zögern auf beiden Seiten – auf Seiten des Besatzungssoldaten mit seiner Sehnsucht nach Gott, wie auf Seiten des Hauptes der nachpfingstlichen Kirche, die ja wahrhaftig kein Hauptquartier hatte, sondern in der anrüchigen Gewöhnlichkeit einer Gerberwerkstatt in Joppe Unterschlupf fand – … durch das Zögern auf beiden Seiten also, die sich auf nichts wirklich Gemeinsames hätten verständigen können, brach Gott hindurch, um die Zahl derer zu mehren, die dem Schaden der Welt zuleibe rücken, indem sie in den heiligen Leib des Messias eingegliedert werden.

 

Anders gesagt: Durch das Zögern des judenchristlichen Apostels Petrus und die Befangenheit des proselytischen Heiden Kornelius brach Gott hindurch, um den jüdischen Auftrag, Bauleute des Reiches Gottes zu werden[i], unter alle Völker der Erde zu bringen.

 

Und diese Erweiterung der Gemeinschaft, die dem Chaos trotz und dem Leben dient, die dem Sinnlosen das Gute entgegenhält und in die endlosen Furchen der Todesmächte die Saat der Hoffnung ausbringt, … diese Erweiterung der Gemeinschaft, die Gottes Werk menschlich unter Menschen begleitet und bestärkt, ist ein Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte! ———

 

Man hätte ihn allerdings nie, … niemals so sehen dürfen, wie man ihn unerträglich und unverzeihlich lange sah: Als sei in Cäsarea das Evangelium und mit ihm die Erwählung von den Kindern Israels übergegangen in die Befehlsgewalt der römischen Weltmacht und der heidnischen Völker.

 

Kornelius empfing ja die tolldreiste Idee, er könne den Vertrauten des Gekreuzigten und Auferstandenen aus Nazareth in sein Haus einladen – das Haus eines aus dem Tätervolk!, das Haus eines Angehörigen der Mordarmee! – ausdrücklich mit dem Hinweis darauf, dass die Almosen, die er als römischer Hauptmann der jüdischen Bevölkerung zugewendet hatte, ihn zu dieser nie dagewesenen Kühnheit berechtigten. „Dein Gebet ist erhört worden und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott“: Das war der türöffnende Vorgang!

 

Und ist damit am Anfang der heidenchristlichen Zukunft genau die gleiche Formulierung, wie Dietrich Bonhoeffer sie wählte für das, was den Getauften nach dem selbstverschuldeten Ende der christlichen Ära noch übrig bleiben würde: „Beten und das Tun des Gerechten“[ii].

 

Der religiöse hebräische Ausdruck für das Almosengeben, ist nämlich doppeldeutig. Die Vokabel „Zedakah“ bedeutet im engeren Sinn wohltätige Spendenmittel, … im eigentlichen, weiten Sinn aber bezeichnet „Zedakah“ das Ideal und Ziel des jüdischen Lebens nach der Torah insgesamt: „Gerechtigkeit“!   

 

Beten und Gerechtes tun: Das können, … dürfen, … SOLLEN auch die Heiden! Das ist die weltgeschichtliche Wendung, die uns am heutigen Tag bezeugt wird.  ———

 

Doch diese Weltwende, die den Beginn der weltweiten Kirche und der menschheitlichen Ökumene als das Reich des Gottes Israels bezeichnet, ist ganz bestimmt nicht trügerisch auf der Landkarte zu lokalisieren oder auf dem Zeitstrahl der Kirchengeschichte als ein Fixpunkt einzutragen. …

 

… Es ist nicht damals in Raum und Zeit fertig geschehen und vollendet worden, dass die Mission Israels, Gott zu begleiten bei Seinem Rettungs- und Gerechtigkeitsweg für die sich um’s Heil bringende Welt, zur gemeinsamen Sache aller Menschen wurde.

 

… Es ist nicht in Cäsarea Maritima, zwischen Haifa und Tel Aviv an einem Tag in den vierziger Jahren des 1.Jahrhunderts nach Christi Geburt geschehen, dass Gott Seine Gemeinde endgültig um das Herzstück Israel herum zur universalen Kirche erweitert hätte.

 

… Es ist nicht damals und dort geschehen, weil es dort und damals zwar begann, aber seither so heftig fehlschlug, so übel verkannt, so kaltblütig verraten, … so himmelschreiend verleugnet wurde, dass man sich fragen muss, ob es überhaupt als historisches Faktum gelten darf, dass Juden und Heiden zusammengehören in der Gemeinde Jesu Christi??? …….  

 

Können wir das wirklich beanspruchen? Können wir tatsächlich – wie Kornelius es konnte – die Apostel des Messias, die Propheten Israels bitten, sich zu uns zu gesellen und uns einzubinden in ihre heilige Gemeinschaft mit Gott? …….

 

Gestern hätte unsere Kirche nach der neu geordneten Gestalt des Kirchenjahres wieder den Tag der Berufung des Paulus zu feiern gehabt: Ein Tag, der uns die Fortsetzung des Durchbruchs im Haus des Kornelius – wo tatsächlich Gottes Heiliger Geist Menschen in römischer Uniform eingegossen wurde! – im riesigen Maßstab des Lebenswerkes des Völkerapostels vor Augen führt.

 

Doch wenn man im neuen Lektionar die letzte Lesung für diesen Gedenktag des großen Heidenmissionars und Lieblings der evangelischen Theologie vor Augen hat, dann heißt es dort: „Viele die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein“ (Matth.19,30). … Und blättert man nach diesem unheimlichen Satz, der alle sichere Ordnung rückgängig macht und alle Gewissheiten aufhebt, nur eine Seite im Lektionar weiter, dann folgt auf den 25.Januar die Liturgie des 27.Januar, …. die Liturgie des offiziellen kirchlichen Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. … Dessen letzte Lesung aber endet mit den Worten (Lk22,62): „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“. …………    

 

Wir dürfen also nicht so sicher sein, dass wir auf die Entstehung der wahren Kirche, die alle Völker mit dem Volk Gottes verbindet, als Vergangenheit zurückblicken.

 

Wenn wir vor Augen haben, was wir morgen als unsere jüngste Vergangenheit erkennen müssen, dann rückt die Kirche Jesu Christi, in der Petrus aus Kapernaum und Kornelius von der italischen Legion zusammengehören, in tiefe Schatten.

 

Oder aber … wenn wir es wagen wie der heidnische Hauptmann von damals, mehr zu erbitten, als wir verdient hätten, … oder aber die Kirche Jesu Christi, in der auch wir an der Mission Gottes zur Erlösung der Welt und zur Versöhnung der Menschen beteiligt werden, rückt in das Licht der Zukunft:

 

… Sind wir denn heute nun endlich, endlich bereit, allem Hass, der Menschen von Menschen trennt, abzuschwören?

 

… Sind wir bereit, endlich die mutlosen Vorurteile gegenüber den Anderen – den kulturell, religiös oder weltanschaulich Fremden – abzulegen und unser eigenes Leben als Wagnis zu beginnen, das auch sie in den Bund mit Gott einladen und auch ihren Platz darin freihalten will?

 

… Sind wir bereit, zwar nicht eine bessere Welt zu verkörpern – die wird Gott alleine schaffen, wenn Sein Tag kommt – …, aber eben doch eine andere Lebensweise in der Welt zu suchen, als die von Gier und Gewalt und Gewinn gezeichnete Gottlosigkeit?

 

… Sind wir bereit für’s „Beten und Tun des Gerechten“?

 

… Sind wir bereit, Gott zu fürchten und zu tun, was Ihm angenehm ist und aus allen Völkern der Menschheit – so wie Israel – zur wirklichen Gemeinschaft des lebendigen Gottes zusammen zu wachsen?

 

… Sind wir bereit, die heilige, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen zu werden?

 

Dann möge Gott uns nicht als einzelne Personen ansehen, sondern als den einen Leib Seines geliebten Sohnes!

 

Dann wird in Raum und Zeit das Ewige anfangen, „das Heil, für das Er uns geschaffen hat“[iii]!

 

Amen.

 



[i] Vgl. dazu den Aufsatz von Franz Rosenzweig: Die Bauleute – Über das Gesetz (1923), in: Ders., Kleinere Schriften, Berlin (Jüdischer Buchverlag), 1937, S.106-121, in dem es vom umfassenden Ethos des Judentums heißt: „Damit aber ist jede Grenzlinie durchbrochen, die beiden Welten, die des jüdischen Verbotenen und die des erlaubten Unjüdischen fließen ineinander. Es gilt nun kein Nebeneinander von jüdischem und unjüdischem Tun mehr; hier wie dort umzäunt uns überlieferte Form, dort wie hier umblüht uns gewachsene Freiheit. Das Reich des Tubaren ist ein eines geworden“ (aaO, S.115).

Zum Motiv der Bauleute vgl. ebenso Zinzendorfs Lied „Wir wolln uns gerne wagen“ (EG 254)!         

[ii] Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hgg. v. Chr. Gremmels u.a. (DBW Bd.8), Gütersloh 1998, aus den für Bonhoeffers Großneffen und Patenkind bestimmten „Gedanken zum Tauftag von Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge“: „Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ (aaO, S.435)   

[iii] Vgl. Dietrich Bonhoeffer, „Von guten Mächten treu und still umgeben“ (EG 65,2). 

Alle anzeigen