9.S.n.Tr., 18.08.2019, Phil.3,(4b-6)7-14, StK + MhK, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

wenn man in diesen Tagen und Wochen die Zeitungen aufschlägt oder die Nachrichtensendungen im Rundfunk oder Fernsehen einschaltet, dann ist da viel Beunruhigendes zu hören und zu sehen. Das Geschehen in unserer Gesellschaft, in Europa, auf dieser Welt kennt keine Sommerfrische, Mutter Erde kann nicht die Seele baumeln lassen. Konflikte und Katastrophen machen keine Pause, weshalb verantwortungsbewusste Regierungscheffinnen und - chefs auch im Urlaub  immer erreichbar sind. Wenn also das echte Leben, die Realität so risikobehaftet und unberechenbar ist, dann - so hoffen und denken jedenfalls nicht wenige - dann sollte doch wenigstens mit der Religion, dem Glauben alles berechenbar und verlässlich-sicher sein. Irgendetwas Sicheres braucht es doch, um gerade in unsicheren Zeiten Mensch zu bleiben.

Ohne Geborgenheit und Verlässlichkeit im Innersten geht es einfach nicht.

Besuchen deshalb nicht auch von Ihnen hier die Meisten sonntags vormittags einen Gottesdienst? Um sich vergewissern und bestärken zu lassen: ja, mein Glaube trägt mich; er ist eine sichere Grundlage für mein Leben im Alltag, im Beruf? Wird einem das nicht gerade auch durch die bekannten und vielleicht seit Kinderzeiten vertrauten Liedtexte und -melodien vermittelt, die ja oftmals für den Glauben wichtiger waren und sind als die biblischen Texte und Lesungen?

Doch so einfach ist es leider nicht mit der Religion und dem  Glauben, auch nicht mit der christlichen Religion, dem christlichen Glauben. Jede echte Religion ist riskant. Der Gottesglaube führt den Menschen immer wieder in Situationen, in denen etwas gewagt werden will.

Genau das ist das übergreifende Thema der verschiedenen Texte und Lesungen für den 9.Sonntag nach Trinitatis.

Das Evangelium, das wir vorhin in der Lesung gehört haben, die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle, erzählen davon, dass das Reich Gottes den vollen Einsatz verlangt - ein Alles oder Nichts - und das natürlich bei jedem vollem Einsatz das Risiko mitläuft, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben; es kann auch danebengehen, was wir uns vornehmen, wofür wir uns stark machen.

Wer mit Gott unterwegs ist, ist halt noch nicht am Ziel, sondern unterwegs und muss auf Überraschungen gefasst sein. So ist es jedenfalls Paulus ergangen, davon handelt der Predigttext aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi.

Paulus bezieht sich dabei auf andere Verkündiger des Evangeliums, die darauf bestehen, dass alle vor ihrer Taufe erst einmal richtige Juden werden müssen, weil Jesus ja Jude gewesen ist; und das hieß: sie mussten die jüdischen Gebote und Regeln einhalten und sich beschneiden lassen. Paulus sieht das zu diesem Zeitpunkt aber völlig anders:

(„Wenn andere meinen, sie könnten mit irdischen Vorzügen großtun - ich hätte viel mehr Grund dazu.

5 Ich wurde beschnitten, als ich eine Woche alt war. Ich bin von Geburt ein Israelit aus dem Stamm Benjamin, ein Hebräer von reinster Abstammung. Was die Stellung zum Gesetz angeht, so gehörte ich zur strengen Richtung der Pharisäer.

6 Mein Eifer ging so weit, dass ich die christliche Gemeinde verfolgte. Gemessen an dem, was das Gesetz vorschreibt, stand ich vor Gott ohne Tadel da.)

7 Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt.

8 Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.

9 Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat.

10 Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus: Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod,

11 hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.

12 Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat.

13 Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe. Aber die Entscheidung ist gefallen! Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt.

14 Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen. Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat."

 

Wer mit Gott unterwegs ist, der ist vor keiner Überraschung sicher. Das hat Paulus selbst erlebt. Dabei war er sich so sicher gewesen, den richtigen Glauben zu haben, die richtige Haltung: fromm war er, sehr fromm; der Glaube, die Thora, die waren ihm heilig; alle 613 Gebote befolgte er mit großer Ernsthaftigkeit; und weil diese Gebote alle Ketzer verdammten, tat er alles ihm Mögliche, um diese Abtrünnigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Doch dann - die große Wende. Aus dem Verfolger wurde der Verkündiger.  Und das, was ihm bis dahin Halt und Sicherheit gab, was ihm heilig und tröstlich war - das alles hat seinen Wert verloren, „ja, ich halte es für bloßen Dreck."

Starke Worte eines Konvertiten. Wir kennen Vergleichbares bei Menschen unserer Tage, die ihre Religion wechseln und an ihrer alten Religion kein gutes Haar mehr lassen. Menschlich-psychologisch vielleicht nachvollziehbar, aber nicht der Sache wirklich dienlich.

Für Paulus jedenfalls steht fest: „Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert. Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören."

Die theologische Wende bei Paulus heißt: vor Gott gut dastehen nicht durch das eigene Tun, sondern sich einfach von ihm angenommen und geliebt zu begreifen; Gottes Liebe als Geschenk und nicht als Lohn. Diese Erkenntnis ist für ihn untrennbar mit Jesus Christus verbunden, vor allen Dingen mit dem Geschehen auf Golgatha und mit der Botschaft der Auferstehung. Paulus hofft für sich, an diesem Christus-Geschick Anteil zu bekommen. Das ist sein Lebensziel: durch Leiden und Tod zur Auferstehung zu gelangen.

Ein Ziel, das er sich nicht so einfach ausgesucht hat. Christus, so Paulus, hat von mir Besitz ergriffen; nicht sein Ego hat sich dieses Ziel erwählt, sondern der „Christus in mir", Christus, sein anderes Ich - in der Psychologie: das Selbst. Christus hat mich auf diese Spur gesetzt und darum muss ich einfach auf dieses Ziel hin leben. „Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe. Aber die Entscheidung ist gefallen! Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen. Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat."

 

Liebe Gemeinde, das ist die überraschende Erfahrung mit Gott, die Paulus gemacht hat. Das, was ihm unverrückbar heilig war, das wurde ihm aus der Hand und aus dem Herzen gerissen; die Religion, der Glaube - er ist genauso risikobehaftet wie das ganze Leben; Sicherheiten und Gewissheiten können von einer zur anderen Stunde zerbröseln. Aber das liegt dann nicht allein an der Situation, in die ein Mensch hineingerät, sondern das liegt vor allen Dingen daran, dass Gott eben ein lebendiger Gott ist. Dass er selber mitgeht - mit seiner Schöpfung, dass er mitten drin ist im Alltag seiner Geschöpfe, in die Entwicklungen der Geschichte auf diesem Globus hineinverwickelt ist. Ein Gott, der eben nicht „alles so herrlich regieret", wie es das bekannte Lied von Joachim Neander noch formuliert, der vielmehr selber Schmerzen leidet aufgrund all der schlechten Regierungen in dieser Welt, der mit den Hungernden und Verfolgten mit-leidet, der - um es menschlich auszudrücken - einfach nicht begreifen kann, wie sehr die Menschheit sich verrannt hat in Nationalismen und im Machtstreben, in der Ausbeutung der Natur und in der
Gier nach immer mehr Reichtum und Konsum.

Ein Gott, der mit-leidet und der, weil er das Leben liebt, die Hoffnung nicht aufgegeben hat, die Hoffnung, dass die Menschheit auf dieser Erde eine Zukunft hat, eine gute Zukunft. Dazu braucht er aber unseren Einsatz. Er braucht Menschen, die sich von ihm, von seinem Geist, von Christus auf eine neue Spur setzen lassen - auf die Spur des Lebens, eines Lebens in Gerechtigkeit und Frieden im Einklang mit der Schöpfung. Er braucht Menschen, die bereit sind, zu einer wahrhaft paulinischen Wende, die sich erschüttern lassen. Die vom hohen Ross des Fortschritts-, Wachstums- und Wohlstandsdenkens herunter steigen oder auch herunterfallen, die die Stimme des kosmischen Christus hören: Mensch, warum zerstörst du mich und damit dich selber, deine Mitmenschen, alle Mitgeschöpfe?

Paulus hatte es aus dem Sattel geworfen, so beschreibt es jedenfalls Lukas in der Apostelgeschichte. Ihm blieb die schmerzliche Erkenntnis nicht erspart, auf dem falschen Weg gewesen zu sein; und ein anderer, einer, der zu der Gemeinschaft des neuen Weges, wie die Christen damals genannt wurden, gehörte, musste ihm dann erst die Augen öffnen - für den neuen Weg (siehe Apg.9).

Und wo stehen wir? Welche Rolle spielt die Religion, der Glaube in unserem Leben, in unserem Alltag? Wie weit gehen Glaube und Alltag auseinander? In wie weit leben wir da in zwei Welten? Dabei gibt es doch nur eine Wirklichkeit, die alles umfasst - das Sichtbare und das Unsichtbare.

Ich möchte an dieser Stelle einmal von meinem religiösen Herkommen erzählen und von meiner Wende, die wesentlich anders dahergekommen ist als damals bei Paulus; aber die Zeiten sind ja auch sehr viel anders.

Ich bin in einem sehr frommen Umfeld groß geworden; die biblischen Geschichten waren mir von frühester Kindheit vertraut; der Besuch des sonntäglichen Kindergottesdienstes war selbstverständlich. Und weil der Sonntag Gottesdiensttag war, war es für mich auch klar, dass ich nicht Mitglied in einem Volleyballverein werden konnte, da die Vereinsspiele grundsätzlich sonntags vormittags angesetzt wurden.

Das war zwar schade, aber es ging ja um das ewige Leben.

Ins Theologiestudium bin ich mit dem festen Vorsatz gegangen, mir meinen Glauben nicht kaputtmachen zu lassen. Ich hatte ja den richtigen, den christlichen, den evangelischen Glauben, den Glauben, den Paulus verkündet hatte und den ich ebenso verkünden wollte. Mein Glaubensziel war das ewige Leben, das deutlich ein Leben nach dem Tod war.

Die Wende, die Bekehrung kann ich nicht mit einem einzigen Ereignis verbinden; bei mir zeigte Gott, dass er viel Geduld hat und die Hoffnung nicht aufgibt. Glaubensgewissheiten in Frage zu stellen und sich auf Neues einzulassen, das ist alles andere als leicht. Über Gott anderes zu denken als die ganzen theologischen Väter, auch anderes als ein Martin Luther, als ein Karl Barth, ja selbst als ein Paulus - einfach weil es mir nur so möglich ist, Glauben und Verstand beieinander zu halten - das hat mich zumindest immer wieder tief verunsichert. Aber es ist genau dieser neue Weg, auf dem ich in ganz intensiver Weise Gott erfahren, erlebt habe. Und genau dieses Erleben und Erfahren, darauf kommt es an, das ist lebendiger Glaube und das ermöglicht eine Hinwendung zu dieser Wirklichkeit. Gott ist wahrlich „größer"; keine Religion kennt ihn in Gänze; kein menschliches Gehirn wird jemals begreifen, wie er ist. Das mahnt zur Demut. Gott ist Liebe, das habe ich von Jesus gelernt; aber die Liebe ist nichts, was ich anbeten soll, sondern die Liebe möchte meinen Einsatz, mein Tun. Gott ist als Gott der Liebe nur dann in dieser Welt präsent, wenn wir lieben. Das schenkt die Einsicht und den Mut, auch in der gesellschaftlichen und politischen Realität scheinbar unabänderliche Gewissheiten loszulassen, um wirklich neue Wege einzuschlagen, um so dem Willen Gottes zu entsprechen. Es ist die Verantwortung des Menschen, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu sorgen.

Es ist verhängnisvoll gewesen, dass besonders in den Kirchen der Reformation die Betonung auf der Rechtfertigung„allein aus Glauben" zu einer Abwertung der „Werke" geführt hat. Dabei zeigt doch das Tun in dieser Welt, ob wir wirklich Menschen sind, die glauben - d.h. die darauf vertrauen, dass Gott für sie sorgt und sie mit allen anderen Geschöpfen alles auf dieser Erde haben, was sie brauchen.

Die heraufziehende Klimakatastrophe ist in meinen Augen ein unüberhörbarer Ruf zu einem grundlegend neuen Denken, Arbeiten und Wirtschaften. Jeder einzelne ist gefordert und wir gemeinsam als Kirchengemeinde, als Stadtgemeinde, in unserer Gesellschaft. Alles muss auf den Prüfstand - alle Ansprüche, alle Bequemlichkeiten, alles liebgewordene Selbstverständliche. Vieles wird losgelassen werden müssen - nicht, weil der Einzelne es sich nicht mehr leisten kann, sondern weil die Erde mit ihren Ressourcen und ihrer Endlichkeit es sich nicht mehr leisten kann. Mit Blick auf uns hier im Düsseldorfer Norden hat der Wochenspruch da eine ganz neue Aktualität: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern." (Lk.12,48b)

Es wird vieles in 20 Jahren ganz anders sein müssen. Aber es geht tatsächlich um alles oder nichts. Darum dass die Kinder von heute Bedingungen vorfinden, in denen ein menschenwürdiges Leben möglich ist.

Um darüber nachzudenken, wie dieser neue Weg aussehen könnte, um seine Ängste und Sorgen zu teilen, die mit den kommenden Veränderungen zu tun haben, um sich ermutigen zu lassen von Gottes Kraft, in der Gemeinschaft seine Gegenwart zu spüren, dazu könnte unsere Gemeinde doch genau der richtige Raum sein. Wie schreibt Paulus: „Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe. Aber die Entscheidung ist gefallen! Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu" -

und das ist angesichts unserer gegenwärtigen Situation: alles Menschenmögliche zu tun, um den Lebensraum Erde für die kommenden Generationen zu erhalten und sich so neu der Verantwortung zu stellen, die Gott uns Menschen übertragen hat. Wir können sicher sein: Gott geht dabei an unserer Seite.

Amen.

 

 

 

 

 

 

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