Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus, 27.01.2019, Stadtkirche, Klagelieder 3 i.A., Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 27.I.2019 – Gedenktag für die Opfer des Holocaust                                                                                     

                  Klagelieder 3 i.A.

Liebe Gemeinde!

Im Tun der biblischen Menschen gibt es eine seltsame Doppelung. Sie verhalten sich unter  zwei scheinbar verschiedenen Gefühlsregungen ganz gleich: … Ob sie Schuld empfinden oder Schmerz – ob sie sich also als Täter oder als Opfer des Bösen erfahren –, ist ihre Reaktion erstaunlicherweise jeweils die selbe: Wer des Schrecklichen angeklagt oder durch Schreckliches getroffen ist, tut alles Schöne und Heile von sich. …….

Und der Sünder und der Trauernde erkennen einander an Sack und Asche.

Jakob zerreißt sein Kleid und legt das härene Tuch des Büßers um seine Lenden als man ihm den vermeintlichen Tod Josephs, seines Lieblings meldet (vgl. 1.Mose 37,34), und Esthers Oheim, der fromme Mardochai, zerreißt seine Kleider, legt den Sack an und streut Asche auf sein Haupt, als ihm der geheime Plan zur Vernichtung der Juden Persiens bekannt wird (vgl. Esth. 4,1) – nicht anders als Jahrhunderte zuvor Thamar, die Tochter König Davids, die eigenhändig ihr buntes Kleid zerriss und Asche auf ihr duftendes Haar warf, nachdem ihr Halb-Bruder sie vergewaltigt hatte (vgl.2.Samuel 13,19).

Diese Reaktion der Hinterbliebenen, der Opfer von Tücke und Gewalt gleicht nun aber genau dem Verhalten, das der heilige König Josia von Juda an den Tag legte, als er zum ersten Mal nach Jahrhunderten wieder das ganze Gesetz Gottes hörte, das man in einem Tempel-Archiv entdeckt hatte: Die beinah vergessene Urkunde vom Sinai fuhr dem frommen Herrscher so durch Mark und Bein, als er erfasste, dass Gottes Volk sich nach völlig anderen Maßstäben richtete, dass er bei der ersten Lesung der Torah sofort die Kleider zerriss (vgl. 2.Könige 22,11) – nicht anders als der König von Ninive, den die Gerichtsdrohung des fremden Propheten Jona so traf, dass er den Purpur ablegte, sich in einen Sack hüllte und in die Asche setzte, um seine Reue über das Unrecht seiner Zivilisation der brutalen Gier zu bezeugen (vgl. Jona 3,6).

Und so begegnen sich die Schuldigen und die Unschuldigen, Missetäter und Leidtragende in der Bibel in der Tracht Hiobs, der in seinem Unglück sein Gewand zerriss, das Haar schor, sich auf die Erde setzte und dort in der Asche die Schwären seines Leibes mit einer Scherbe schabte (vgl. Hiob 1,20 + 2,8). ———

……. Was aber ist nach Auschwitz?

Wer kann sich noch Asche auf’s Haupt streuen, seit das Zeichen der Schuld und Trauer seine Unschuld verloren hat?!

Wer kann sich zur Buße noch nackt auf die Erde setzen, seit sogar die Menschenhaut kein untätowiertes Blatt mehr ist, sondern das Medium der Entmenschung, der Träger jener Ziffern, mit denen die Würger die Würde ihrer Opfer durch Einbrennen auslöschten, als sie Person und Name durch Stückzahl und saubere Mordbuchführung am Objekt ersetzten?!

Wer könnte auch nur zum Zeichen der Trauer sein Kleid auftrennen, ohne an das Heer von Sternen zu denken, die auf jeden Rock und jedes Hemd und jeden Mantel genäht waren, um noch in der Finsternis der Hölle den Teufeln zu zeigen, dass sie sich an Kindern des Himmels vergriffen?! …….

Wer könnte überhaupt noch so biblisch davon reden, so altorientalisch, so abendländisch, in so entrücktem hohen Ton, ohne daran zu denken, dass Pathos und Schwulst – die Krankheit und der Krebs der Lüge am Leib der Sprache – das Tötungsgift zu erzeugen halfen, das in die Köpfe und Kommandos und die Geschichte unseres Volkes, unserer Familien drang und aus uns den weltweiten Inbegriff der schöngeistigen Bestie machte?! ——

Was aber können wir dann, wenn uns offenkundig nicht einmal die biblischen Ausdrucksmuster der Bestürzung über verlorene Leben und verwirkte Unschuld mehr bleiben? ——

Die ungeheure Solidarität, die sich in der grundsätzlich gemeinsamen Haltung von Trauernden und Büßenden zeigt, ist allerdings von unserer Seite auch nie ernsthaft gesucht worden:

Wo man die schreienden Menschheitsverbrechen der Nazi-Zeit überhaupt betrachtete, trat eine doppelte Möglichkeit der Reaktion gar nicht in den Blick.

Vielmehr gab es ein striktes und tatsächlich auch unvermeidliches Entweder-Oder, das die Zeitzeugen, die als Überlebende einst zum Volk der Verbrecher oder zu Angehörigen der Verfolgten zählten, schied in solche, die die nie-dagewesene Scham und Schande des Holocaust und solche, die seinen Schmerz und namenloses Leid davontrugen.

Wer zu der einen Gruppe gehörte, konnte die Perspektive der anderen nicht einnehmen: Wer in den Kreis gehörte, aus dem der Massenmord an den Juden, den Polen, den Sinti und Roma, den Oppositionellen, den Homosexuellen, den Kranken und Behinderten hervorgegangen war, wer feige oder billigend oder tatkräftig mitwirkend diesen Bruch mit allem Recht und aller Kultur seinen Lauf hatte nehmen lassen, dem war es – wahrhaftig – verwehrt, mit etwas anderem als bodenloser Reue zu reagieren, wenn er begriff, dass unter einem Urteil der Geschichte steht, wer immer solches miterlebt hat. ……. Das Urteil – nicht moralisch, nicht persönlich, schlicht historisch – „Und du warst auch einer, dessen Lebens-jahre teilhatten an der Herrschaft des Todes.“ ——

Die Bitterkeit dieser Tatsache, dass die Herrschaft des Todes Daten unserer Geschichte bezeichnet, hat auch aus Unbeteiligten – Unschuldigen und Nachgeborenen – eine Gemeinschaft des Schuldgefühls gemacht, … eines Schuldgefühls, das sie tragen mussten, weil die weitaus meisten wirklich Schuldigen dazu nicht bereit waren, … so verbogen, so verdorben hat die Schuld sie. ——

Doch in dieser Erinnerungsgemeinschaft des Schuldgefühls und der Selbstanklage, in der wir stehen und in die wir gehören, … in dieser Erinnerungsgemeinschaft eines ständigen kritischen Verdachts und Urteils im Blick auf die eigene Rolle und Geschichte und Veranlagung, konnte sich bei so viel – noch einmal: nötiger! – Selbstbezogenheit die andere Seite der Sack-und-Asche-Theologie der Bibel eben nicht einstellen.

Die bittere Bußbereitschaft, zu der wir erzogen wurden und die die Kirche in Deutschland – viel zu spät – nun überwiegend prägt, hat eine Ausschließlichkeit angenommen, die das andere Motiv des biblisch überlieferten Schmerz-Rituals verdrängte: Die tiefe, tiefe Bestürzung und ein einfach abgrundtiefe Weh der Trauer sind uns sonderbar fremd geblieben.

Wo immer die Erinnerung an den unglaublichen, in unserm Land, von unsren Vorgängern geplanten und begrüßten und vollzogenen Massenmord nicht verleugnet wurde, führte sie zu einer moralischen Reaktion, … einer verzweifelten oder grimmig lehrhaften Anwendung; so als sei das Schlimmste und Ungeheuerlichste an den Sünden unsrer Nazi-Vergangenheit, wie sie uns und unsern Stolz, unsre Unschuld, unser Selbstverständnis trübten und zerbrachen; so als müssten wir alle Bosheit und Verbrechen künftig strikt durch Gutes und Vorbildlichkeit ausgleichen. …….

Aber in Auschwitz ist nicht das deutsche Volk das Opfer geworden und die Erinnerung an Auschwitz soll nicht der Versöhnung der Welt der Mörder mit sich selbst dienen … und sei’s in dem heiligen Schwur: „Nie wieder! Wir haben es verstanden! Wir haben uns geändert!“.

In Auschwitz und Treblinka und Majdanek und Sobibor und Mauthausen und Bergen-Belsen und Buchenwald und Sachsenhausen und Ravensbrück und Dachau und an unzähligen anderen Stätten des Greuels sind zuerst und zuletzt Gottes Kinder – Seine teuren erzauserwählten und geliebten Abrahams-Nachkommen, … die glühend frommen Kinder Mariens, der Königin von Polen, … Seine fahrenden Kinder der Landstraße, … die Gott entlaufenen und in Widerstand und Tod Ihm heimlich dann doch so treuen Kommunisten, … die schwachen, hilfsbedürftigen „Krüppel und Blöden“, wie man damals noch sagte, denen Jesus am liebsten und stärksten die Hände auflegte – ……. Gottes Kinder sind dort zur Schlachtbank geführt worden und aus den Gaskammern in die Öfen voller Menschenleiber und aus den rauchenden Schloten und dem kalten Kehricht als Asche auf die Felder, Asche in den Wind, Asche in alle Welt gekommen.

… Man hat Gott da um das Seine gebracht, … man hat Gottes Liebe ins Leere geschickt mit den Tausenden, Tausenden, Tausenden pulverisierten, zerstreuten Leichen. ——

Und wem das nicht zuerst und zuletzt das Herz bricht, der kann sich damit noch so viel befassen, der kann noch so ernsthaft eine politische oder weltanschauliche Lehre daraus ziehen …,  – der allerletzten Ernst, um dessentwillen das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus tatsächlich in die Kirche und den Gottesdienst gehört, wird nicht dadurch klar, dass man die Vergangenheit als Warnung und Imperativ für die Zukunft begreift.

Dieser Vergangenheit müssen wir nämlich schlicht um ihrer selbst willen gedenken! Nicht nur, was man nun nach dem krassesten Frevel menschlicher Geschichte machen und was aus Christenheit und Abendland und Menschenrecht werden soll nach einem Morden, das in letzter Konsequenz der Menschheit und Europas und der Kirche Selbstmord bedeutete,  … nicht nur die Suche nach einer Lehre aus alledem betrifft und bewegt seither die Gemeinde Gottes, sondern ganz abgesehen davon, ganz abgesehen von uns also geht es um die von unsrer Seite nie auflösbare, nie abschließbare Qual der Erinnerung an jedes einzelne Opfer, an jedes einzelne von Gottes misshandelten und vernichteten Kinder, um ihre Leiden und ihren Tod!

Um diese völlige Leere, diesen tödlichen Verlust, diesen Riss, diesen Bruch, diese klaffend unheilbare Wunde, um diese Abwesenheit jeglichen Sinns geht es.  …….

Auschwitz und der Holocaust dürfen also nicht in jene technische Perspektive des „Wozu?“ – „Wozu kann uns das bringen? Wozu kann das die Menschheit motivieren?“ – gerückt werden … denn auch das ist noch eine Verzweckung, eine Verdinglichung, ein Nutzen des Abgrunds.

Darum aber finden wir uns heute statt bei der seit Jahrzehnten erhobenen und erwogenen Frage nach unserer Schuld und  Buße bei einem Klagen ohne Fragen, bei einem Schmerz um andere, der nicht behoben, nicht vergessen werden kann.

Aus den büßenden Tätern müssen solche werden, die die sprichwörtliche Unfähigkeit zu trauern[i] hinter sich lassen und sich stumm oder mit Tränen niedersetzen in die Asche, wo aus ganz anderen Gründen und doch an keinem anderen Ort die Betrübten, die Be-raubten, die Verfolgten sitzen.

… Nicht, weil Christen und Deutsche damit die Verantwortung umgehen oder abweisen könnten.

Das wird bis zu jenem Tag, an dem die Toten auferstehen und das Gericht gehalten wird, niemals möglich sein. Immer werden die Seiten unserer Geschichte im aufgeklärten, modernen, technischen 20.Jahrhundert ja den weltweit lesbaren Eintrag enthalten: „Hier herrschte im Leben des deutschen Volkes und im Glauben der christlichen Kirche unverhüllt der Tod“.

Doch die Bibel kennt nun einmal nicht von ungefähr den atemberaubenden Gleichklang, die unverdiente und ungerechtfertigte und letztlich unvorstellbare Gemeinsamkeit im Verhalten der Schuldigen und der Traurigen.

Die Bibel kennt sie ……. —

Wenn wir also – obwohl das bis vor Kurzem im Täter-Opfer-Verhältnis undenkbar war – tatsächlich erfahren, dass es äußerlich keine Unterscheidung zwischen dem geben mag, was Buße und was Trauer ist, und wenn wir folglich in unsrem Holocaust-Gedenken zwischen Klägern und Angeklagten ein gemeinsames Grundgefühl der Klage, einen Austausch geteilten Schmerzes gewahren und gewähren sollten, dann sprechen Sack und Asche doch wirklich auch zu uns noch einmal neu und anders:

Ihre doppelte Verwendung als Ausdruck der gegensätzlichen Grundgefühle nach Auschwitz weist darauf, dass die Radikalität von Schuld dort, wo sie radikale Trauer wird, nicht jene endgültige Unterscheidung und Trennung der Sünder von Gott bedeutet, die wir eigentlich wahrhaftig fürchten müssten.

… Wo radikales Schuldbekenntnis zu radikalem Mitleiden führt, da führt es uns von Gott nicht fort, sondern vielmehr hinein in das Leiden, in die Schmerzen, in die Schuld-last, die Er selber trägt. ……. ——

Wie unheilbar die Wunde, wie unüberbrückbar der Abgrund, die wir Auschwitz nennen, darum auch bleiben: Die biblische Botschaft bleibt auch … die Botschaft, dass Verbrecher wie Zerbrochene, dass Sünder wie Unschuldige eines gemeinsam unendlich nötig haben – – – – – Gott! … Gott, bei dem Buße und Leid zum selben Ziel führen, … zu jenem Herzen, das durch Menschen gebrochen wird und das durch diesen Gottes-schmerz – und durch nichts anderes! – uns Menschen doch heilt. ———

Und so ist das große Klagelied Israels, an dem wir schuldig sind und mit dem wir dennoch trauern, hoffen und glauben sollen … das große Klagelied Israels, das Lied seiner Buße und Trauer ist schon immer auch ein Lied des Trostes gewesen … und bleibt es immer für alle, deren Herz in Sack und Asche geht:

 

„Der HERR hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht …;

Er läßt mich den Weg verfehlen;

… Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen“,

heißt es da. Und im gleichen Schrei der Reue und des Schmerzes:        

„Die Güte des HERRN ist’s, daß wir nicht gar aus sind,

Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu

und Deine Treue ist groß.

Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele,

darum will ich auf Ihn hoffen“

(Klagelieder 3 i.A.).

Amen.



[i] Vgl. das 1967 veröffentlichte Buch von Margarete und Alexander Mitscherlich: „Die Unfähigkeit zu trauern“ und die damit seit den 60er-Jahren verbundene Diskussion über Verdrängung und Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit.

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0157-525 718 39
Lohausen: 0157-589 207 26