12.n.Trin. 19.08.2018 Stadt- und Jonakirche 1.Teil der Predigtreihe: "Was ist Heiligkeit?" Offenbarung 4, 5 - 8: Gottes Heiligkeit

Predigt Kaiserswerth & Jona 12.n.Trin. - 19.VIII.2018 / Predigtreihe: „Was ist Heiligkeit?“                             

               Heiligkeit Gottes – Offenbarung 4, 5- 8

Liebe Gemeinde!

Wir müssen zurück zu den Quellen, zu den Brunnen, aus denen lebenspendende Offenbarung einen lebensfähigen Glauben speist.

Wir müssen nach Jahrzehnten und noch viel längeren Perioden der liturgischen, der theologischen und politischen Staubtrockenheit in unserer evangelischen Kirche endlich wieder zum frischen Wasser, mit dem wir doch alle getauft sind: Zum Geist, … zur Liebe, … zur Gegenwart Gottes, in denen man Leib und Seele baden soll, in die man sich versenken und aus denen man gerettet auftauchen darf. …….

Wir brauchen dringend, dringend Seine Segensflut. ——

Das hat dieser dürre Sommer uns mehr als nur bildlich gezeigt:

Wenn wir nicht wirklich umkehren und mit Haupt und Gliedern in der westlichen Welt einer schier tödlichen Energieverschleuderung absagen, dann wird unstillbarer Durst – äußerlich wie innerlich – das Ende der  Geschichte bedeuten.

Und darum ist es dringlicher als je zuvor, dass wir Christen zu den Heilsbrunnen, zu den tiefsten Wasseradern der Wirklichkeit zurückrufen, in denen genug strömt, um die sterbende Welt zu erquicken und die Selbstverbrennung der Menschen zu löschen: Barmherzigkeit, Gnade, Geduld und Treue Gottes fließen ja weiterhin, und wer sich nicht zu schade dafür ist, kann knien und sich am Ufer dieser Segensströme satttrinken – wie die Kämpfer, die Gideon berief, weil sie nicht besoffen von ihren eigenen Fähigkeiten waren, sondern einfach ihren Schmacht spürten und unbekümmert aufleckten, was dagegen half (vgl.Richter7,5-7). —

Allerdings – und dass es ein „Allerdings“ gibt, zeugt davon, dass wir vom wirklichen, lebendigen Gott und nicht nur von einer menschlichen Phantasie sprechen – … allerdings also ist es nicht so, dass alles einfach gut würde, wenn wir die große Menschenfreundlichkeit, die Güte und Großzügigkeit wiederentdeckten, die Gott dieser Welt schon vor ihrer Schöpfung und mit ihrer Erschaffung vorgelebt hat.

Denn die gütigen Seiten Gottes, die Eigenschaften, die aus Ihm auf der heutigen religiösen Schwundstufe des westlichen Denkens den harmlos verzwergten „lieben Gott“ gemacht haben, sind nicht alles.

Gott ist nicht nur als das Planschbecken oder die Sprinkleranlage vorzustellen, die  zur Abkühlung unseres überhitzten Planeten nötig sind, denn Er selber ist Feuer und Glut.

Wenn es irgendeine Annäherung an die ureigenste, ursprünglichste, unvergleichlichste Eigenheit Gottes, die wir Seine „Heiligkeit“ nennen, gibt, dann ist es eine Grunderfahrung, die Kinder überall und zu allen Zeiten gemacht haben: Einerlei ob sie an den Torffeuern Grönlands oder den Freiluftfeuerstellen der Kalahari groß wurden, ob sie die riesigen gusseisernen Herde der Großmütterzeiten oder die elektrischen Kochplatten der DDR-Einbauküchen erlebten … jedes Kind lernt früh und eindrücklich die scharfe Warnung: „Heiß!“

Ich selber erinnere mich an die Faszination, die dieser magische Abwehrzauber bedeutete: Man erstarrte in der Nähe des gefährlichen Herdes und doch war es nicht nur Angst, sondern ebenso mächtige Anziehung, die jeden Schritt näher heran genauso lähmte wie jedes Zurückweichen.

Dieses Phänomen einer Kraft, die verletzen und zugleich ja auch am Leben erhalten kann, dieses Wunder einer Gefahr (!), die Behagen und Schutz vor der Kälte spendet, dieses frühkindliche Gewarnt- und Gewärmt-Werden ist die unmittelbarste Veranschaulichung der Heiligkeit.

Der Vergleich zeigt uns: Gott ist – anders als Seine Liebe und Gnade – nichts, das wir einfach aufnehmen könnten.

Gott ist nicht ab- und erst recht nicht auszuschöpfen.

Gott ist – so lebensnotwendig Er auch immer ist – nicht greifbar.

Wer Ihm zu nahe kommt, vergeht. ——

Das ist die erste Bedeutung des fast allen Kulturen und Religionen vorliegenden Geheimnisses der Heiligkeit: Vom Zentrum aller Wahrheit und allen Lebens schlägt uns eine derartige Kraft entgegen, dass sie uns zum Schmelzen bringt. Das Höchste, das Beste, das Wichtigste in der Welt ist mehr, als Menschen fassen können. … Wer die Wahrheit nackt, das Licht ohne Schirm, die Macht als solche erblickt, verfällt ihrer Allgewalt widerstands- und rettungslos.

Darum umgibt in vielen Religionen alles, was für heilig gehalten wird, auch eine Schutzzone, auf der Fluch und Strafe liegen, die vor der Berührung, vor unmittelbarem Kontakt und direkter Beziehung schützen. Das „Tabu“ schützt vor Überwältigung und warnt die Sterblichen vor dem Preis der Unsterblichkeit … kostet sie doch immer das Leben. ———

Ehe wir jedoch dieser Spur der Religionswissenschaft folgen und uns in Verhältnisse und Beobachtungen einwickeln lassen, die von der Südsee bis zu den asiatischen Hochkulturen gelten mögen und auch in den abendländischen Zivilisationen der Antike wirken, müssen wir an den Anfang unserer Überlegungen zurück: Wir wollten Wasser des Lebens aus dem Brunnen der Offenbarung, aus den Quellen des Juden- und des Christentums schöpfen.

Und da begegnet der auffallende Umstand, dass wir eben zwar den brennenden Dornbusch beschrieben haben, dessen die Mitte nicht vernichtendes Feuer Sterbliche doch auf heiligen Abstand hält … aber diese erste Begegnung mit der verzehrenden Heiligkeit Gottes ist biblisch betrachtet eben nicht der Anfang aller Dinge!

Die Bibel fängt nicht an mit der Psychologie des Faszinierenden und Erschreckenden, das sonst aller Begegnung mit der Überwelt und dem Jenseits zugrunde liegt, sondern sie erzählt uns ein ganzes, geliebtes langes Buch lang – nämlich im Ersten Buch Mose, in den unvergesslichen Ur- und Vätergeschichten der Genesis – nur vom Werden der Welt, von ihrer Ordnung und Unordnung, von der Vielfalt der Menschheit und dem winzigen Senfkorn der heimat- und dann rechtlosen Abrahamskinder, von ihrer Sehnsucht, ihrem Segen und ihrem Sturz in die Sklaverei.

Und in diesen Grundlagen der Überlieferung von Gott dem Schöpfer und Erlöser ist alles nüchtern, ist nichts „transzendent“ oder „numinos“, … und in alledem kommt der Gedanke der „Heiligkeit“ daher überhaupt auch nur einmal, im Blick auf den Sabbat als geheiligten Tag vor (vgl.1.Mose2,3).

Dass Gott, Der hinter und in aller Natur und Geschichte wirkt und regiert, unheimlich wäre…, dass Er erhaben und unfassbar sein muss: Das ist ganz und gar nicht die Hauptlektion, mit der die Offenbarung Gottes anfängt.

Das Geheimnisvolle an Seiner Macht, … das von allen unseren Erwartungen und Vorstellungen Unabhängige, das Ihn auszeichnet, taugt also gerade nicht als allgemeine Voraussetzung des Gottesverhältnisses der Menschheit, und es steht bewusst auch nicht im ersten Buch der Bibel, … diesem Buch des Weltlichen, nicht des Heiligen.

Menschen sollen sich Gott nicht unterwerfen, nur weil Er eine so namenlose, eine so unvergleichliche Hoheit und Weisheit verkörpert und eine grenzenlose Potenz darstellt: Dieser biblisch eindeutige Vorbehalt bleibt eine grundsätzliche Anfrage an den Islam ebenso wie an alle natürlichen Religionen, die verehren, was immer Gänsehaut erregt und Schauder erweckt, was immer unserer Erkenntnis unzugänglich ist oder uns sonstwie dominant beeindruckt.

Solchen instinktiven Unterwerfungen setzt die Bibel mit der Genesis ein Buch der Aufklärung und der Liebe zum Detail, zum Geringen, zum Einzelmenschen, zum schwachen Stamm der Erwählten entgegen: Nicht das Dogma von der unwidersprechlichen Stärke, sondern die unerfindliche Vorliebe für das Unwahrscheinliche und Nebensächliche eröffnet also den Bund mit unserem Gott.  ……. Und erst, wo Mensch und Menschheit diesem Gott Vertrauen entgegenbringen, wo sie Ihm ihre Not anvertrauen – das Unrecht in der ägyptischen Sklaverei, die Hoffnung auf eine gerechte Zukunft, die Bereitschaft, sich für die leidenden Brüder einzusetzen, … also alles das, was Moses bewegte – erst da, auf der Grundlage des Vertrauens erweist sich Gott dann auch als ganz und gar heilig.

Denn da, wo Menschen Gott vertrauen, … da wird es tatsächlich wichtig zu begreifen, dass Er trotzdem noch lange nicht und niemals von unseren Vorstellungen geformt, von unseren Bedürfnissen bestimmt wird!!

… Wir sollen vielmehr lernen – so wie Mose es am brennenden Dornbusch erfuhr und Jesaja bei seiner Berufung und Petrus als er nach dem wunderbaren Fischzug die Macht seines Meisters erkannte (vgl.Lk5,8!) – wir sollen lernen, dass der Gott, Dem wir trauen und Den wir lieben, tatsächlich heilig ist! Denn Seine Heiligkeit bedeutet und garantiert eben: Er ist nicht bloß unsere Fortsetzung mit anderen Mitteln, … Er ist nicht die vergrößerte oder allmächtig zurechtgemachte Kraft unseres Wunschdenkens, … Er ist nicht der Gehilfe unserer Launen oder die praktische Lösung für unsere Zwickmühlen.

… Nein, Er – der Gott, ohne Den wir verloren wären – ist heilig, und das bedeutet: Ganz anders.

… Ganz anders! Er ist höher, als es für uns bequem ist und wir es gerne hätten.

Er wird entscheiden, handeln und retten auf Seine ganz unabhängige, ganz eigenständige Weise und nicht nach unseren Träumen.

Nie wird Er unser Spielzeug, unser Instrument, unser Erfüllungsgehilfe sein:

Weil Er heilig ist, ist Er frei!

Diese Qualität der Heiligkeit – dass sie nämlich die Unmöglichkeit bedeutet, dass der Heilige selber unterworfen werden könnte– ist die ganz andere Kehrseite des landläufigen religiösen Verständnisses: Wo andere Kulte und Kulturen sich dem, was sie als heilig erleben, ergeben, bedeutet das biblische Zeugnis vom heiligen Gott, dass die Glaubenden Ihn freigeben.

Da Gott sich als der Heilige erst zu erkennen gibt, nachdem Er den Vätern Israels schon lange bekannt und darum auch von Mose anerkannt war, zielt Seine Heiligkeit nicht auf die Unterwerfung aller, die Ihm angehören und folgen, sondern auf ihre Zustimmung und ihr Zutrauen: Er ist der Heilige, Dessen unnahbare und unzähmbare Freiheit Israel und die Kirche demütig, aber eben auch getrost bestätigen und bejahen sollen. Denn dass in Ihm eine so kraftvolle, eine so unbezwingliche Energie und Leidenschaft brennen, dass man sich verhebt und versündigt, wenn man Ihn meint handhaben und durchschauen zu können, das ist keine einschüchternde Drohung mehr, sondern ein Segen für Seine Gemeinde.

Wäre Er nicht himmelhoch der HERR, Den kein Maß ausmessen, keine Wissenschaft er-klären, keine Hellsicht vorhersagen kann, dann wäre das doch kein Vorteil, sondern eine bittere Enttäuschung für die, die Ihn gerade als Diesen bejahen und bekennen.

Seine unfassbare und unkontrollierbare Heiligkeit nämlich versklavt die Ihm ergebenen Menschen nicht, sondern ermutigt und erhebt sie gerade: Sie werden ja freier und größer, je mehr sie Gott Seine Größe und Freiheit überlassen. … Denn auch wenn man Ihm nichts vorschreiben und nichts vormachen kann, sondern nur in Ehrfurcht und Zuversicht Seinen Ratschluss und  Seine Wunder bezeugen und anbeten darf, so ist doch die ungezügelte Flamme, … das nur von Ihm gewusste, gewollte und gewählte Wehen Seines Geistes der wahre Inhalt des Glaubens.

Wir glauben an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Erwähler und Erretter Israels, den Vater Jesu Christi und Versöhner der Welt ja nicht, weil wir Seine Wege lenken, Seine Entscheidungen beeinflussen, Seine Taten selber er-ledigen könnten, sondern weil Er rein aus eigener Vollmacht und eigener Liebe Sich einlässt, ja Sich einbindet in unsere verworrene, verzweifelte und verlorene Wirklichkeit.

Wir glauben an Ihn, nicht weil wir alles schon kennen und wissen, was von Ihm kommt und was bei Ihm möglich ist, sondern gerade weil die Erfahrungen und Verheißungen der Bibel uns Seine einzigartige Unvorhersehbarkeit und Seine herrliche Souveränität lehren.

Wir glauben – weil wir Ihm vertrauen –, dass Er heilig ist und damit alle unsere Erwartungen und Hoffnungen übertreffen und auf wunderbare, ungeahnte Weise in den Schatten stellen wird, wenn Er die Schöpfung vollendet und Sein Reich kommt. ——

Das ist der Glutkern des von uns unerreichbaren, des für uns unnahbaren Geheimnisses der Heiligkeit Gottes: Nur Er allein ist so lebendig und so stark, dass alle unsere Gedanken und unser Begreifen hier scheitern.

…. Wir müssten tatsächlich bersten oder uns in reinen Begeisterungsflammen auflösen, wenn wir Ihn in Seiner Mitte erfassen und begreifen wollen.

Und darum ist die Mahnung vor der Hitze der Heiligkeit Gottes wahrhaftig angebracht: Etwas so Durchdringendes wie Gott ist kein harmloses Etwas, sondern das allesverschlingende und  umwälzende und vollkommene und eines Tages dann allumfassende, universale, ganze Geheimnis des liebenden und geliebten Lebens.

Vor diesem Geheimnis – von dem wir auch schon hier und jetzt, noch in gebührender Ferne und Demut gewärmt und ergriffen sind – müssen wir Ehrfurcht wahren, aber wir müssen es nicht unterwürfig fürchten!

Vielmehr ist die angemessene, die irdisch und überirdisch einzig angemessene Antwort auf die Heiligkeit Gottes, dass wir sie jubelnd feiern!

Und dieses Lob Seiner Herrlichkeit, das auch unser Amt ist, dieses bejahende Bekenntnis der Heiligkeit des HERRN Zebaoth, das hören wir die Seraphim bei Jesaja (6,3) und die himmlischen Gestalten der Offenbarung (4,8) nimmermüde, ohne Ende, ohne Ziel zu allen Zeiten und für immer erheben.

Es ist die Grundmelodie jeder Lebensäußerung des Glaubens.

Es ist das Lied der ganzen Erde ebenso wie es das Lied der Ewigkeit ist.

Aus diesem Feuer strömt dann tatsächlich das Wasser, das wir suchen, strömen die Quellen der Gnade und des Vertrauens, … aus dem Feuer der heiligen Fackeln und Flammen, die das gläserne Meer umgeben, fließen Glaube, Hoffnung und Liebe in die durstige Welt.

Wenn wir das erkennen und bejahen – dass nicht die bedingungslose und also missbrauchbare Güte, sondern die freie Heiligkeit Gottes, die sich in ihr zeigt, uns retten – dann wird tatsächlich alles gut werden.

Wir müssen dafür aber nicht nur lernen, dass Barmherzigkeit und Liebe gut, sondern mehr noch dass sie heilig sind: Unüberwindlich, … erste, letzte, bleibende Kraft Gottes!

Und darum stimmen auch wir ein und bekennen ohne Unterlass:

„Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth!“

Amen. 

 

Fürbitten

 

Herr, Deine Heiligkeit geht über Bitten und Verstehen.

Sie ist die Macht von Tod und Leben, und sie bewegt das Nichts und das All.

Und dennoch ist sie unser Heil.

 

Denn Du hast Dich aus freien Stücken zur Schöpfung entschieden

und den Geschöpfen zugewandt

und uns Menschen durch den unauflöslichen Bund mit Abraham, in Christus verbunden.

 

Nicht unserer starre Furcht, sondern unsere reine Zuversicht hast Du da geweckt.

 

Und so bringen wir Dir – dem Höchsten und Heimlichsten – doch voller Vertrauen ALLES:

Die ganze Welt, … die ganze Not der Welt.

Wir befehlen Dir den Durst, den alles leidet, an:

Wie der Hirsch nach frischem Wasser, so lechzt die Welt nach Erneuerung und Erlösung.

Nach dem lebendigen Gott suchen alle Menschen, … bewusst oder unbewusst.

Nach Deiner Gegenwart dürstet es alle – die Traurigen, die Wartenden, die Ängstlichen, die Leidenden, die Sterbenden.   

 

Weil Du ohne unser Verdienst und Zutun Dich uns so gnädig und so herrlich zeigst, darum legen wir Dir ALLE, ALLES an Dein heiliges Herz.

 

Lass uns aus Deiner unerschöpflichen Kraft leben …. ob wir gleich sterben.

Lass uns in Deinem unauslöschlichen Licht Dich selbst erkennen, die wir doch blind sind.

Lass uns mit allen Engeln und Erzengeln und dem ganzen himmlischen Heer Dich bekennen und preisen, Dich ehren und loben in Ewigkeit … obwohl wir Sünder sind.

Denn Du, Herr, bist HEILIG – HEILIG – HEILIG!

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