Johannistag 24.06.2018 Stadtkirche Johannes 3,30 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Johannistag 2018                                                                                                                

            Johannes 3,30

Liebe Gemeinde!

Halbzeit.

Die Mittelnaht des Jahres ist erreicht, seine Spiegelachse. … Auf der einen Seite Saat, aus der Lebendiges heranreift, auf der anderen Seite Ernte, die das Leben nähren und selber wieder zu Saat werden muss. Und auf dem Scheitelpunkt dieser Symmetrie des Heranwachsens und des Verzehrtwerdens war nun am 21.Juni ein langer Tag voll Licht, dessen Besonderheit im Sonnenjahr schon immer zu allerlei oberflächlicher und tiefer Deutung geführt hat: 

Der Zenit im Zyklus der Natur wird dabei bis heute im schwedischen Brauchtum greifbar, wo alle bis in die helle Mitternacht sich schwindelig um den bekränzten Sommerbaum tanzen und dann unter die Feldblumen am Ackerrain kullern, … und je nachdem ob man zu zweit fällt, bringt der Märzen dem Bauern neues Gesinde oder Erben.

… Und auch die Freimaurer und alle möglichen anderen Geheimlehren und Ideologien bis hin zur völkischen der Nazis haben die Sommersonnenwende als symbolisch aufgeladenen astronomischen Stichtag begangen. Der hellste Tag hat’s einfach in sich.

Darum hat die Kirche einen solchen buchstäblich ins Auge springenden und das Fell kitzelnden Moment, wo Licht und Lebenskraft im Überfluss überall den Hafer jucken lassen, seit alters her natürlich auch deuten müssen und wollen, um nicht bloß den selbstverständlichen Prozessen und Reflexen der Natur dabei zu huldigen.
Und die kirchliche Sinngebung der Jahresmitte hat es wahrhaftig ebenso in sich.

Denn das Spiel mit der theologischen Symbolik unseres Zentralgestirns ist einer der geistreichsten Einfälle am Kirchenjahr.

Geläufig ist uns ja die Erklärung, die Kirche habe die Sonnenwenden des Dezember und des Juni deshalb als Tage der Geburt Christi und des Täufers gewählt, um möglichst anschaulich zu machen, dass der Erlöser der Menschen in der tiefen Finsternis des europäischen Winters als das wahre Licht erscheint, während sich auf dem Gipfel des Mittsommers durch das Zeugnis des Täufers schon wieder das allmähliche Verlöschen der Solarstrahlung ankündigt, die vor der ewigen Helligkeit des kommenden Reiches aber auch getrost verbleichen kann.

Doch bloß eine einfache Korrespondenz ist in dieser Gegenüberstellung von Johanni und Christi Geburt nicht gegeben.

Denn bei genauerem Nachdenken besagen die beiden Daten und ihre Deutungen ja folgendes: In der dunkelsten irdischen Nacht leuchtet uns das himmlisch Hellste auf, … und der hellste irdische Tag weist wegen dieser wahren Erleuchtung wiederum auch nur auf das voraus, was in jener Dunkelheit begann. Sowohl der 24.Dezember wie der 24.Juni beziehen sich also auf Jesu Geburt, und der Tag in der Jahresmitte ist in Wahrheit nur von der gewesenen und von der kommenden Heiligen Nacht her zu verstehen.

Die Mittsommersonne ans sich hat demnach einfach gar keine erhellende Bedeutung …

Dass damit eine polemische, anti-heidnische Spitze gegen alles fromme Feiern des Kosmischen oder der Astrologie geschärft wird, ist deutlich.

Aber mit dieser raffinierten Umdeutung des von den Tagen der Druiden in Stonehenge bis zu den HJ-Aufmärschen in der Kaiserpfalz scheinbar eindeutigen Hochgefühls beim Sonnenhöchststand, ist eine weitere Lehre verbunden, die auch uns durchaus betrifft. Denn auch ohne alt- oder neuheidnisches Pathos ist das Behagen, auf dem Gipfelpunkt der Zeit zu stehen, so etwas wie unser Lebensgefühl: Wir sehen grundsätzlich ja unsere Gegenwart auch als unseren Lebensmittelpunkt, … der Augenblick ist für uns zentral, … das Heute ist der Maßstab aller Dinge. ———

Dass der kirchliche Kalender dieser Vorliebe für die jeweils aktuelle Konstellation der Himmelskörper und der von ihnen beeinflussten Stimmungen nun aber so die Spitze abbricht, ist tatsächlich ein Dämpfer.

… Sollte es wahrhaftig denn völlig unwichtig sein, wie wir uns momentan fühlen? Soll es überhaupt nicht zählen, wenn die äußeren Faktoren alle so günstig und bequem und wohltuend sind wie mitten im Sommer?

Ist das nicht abschreckend weltfremd und lebensfern, so kategorisch anderen Zeitstufen den Vorzug vor der Gegenwart zu geben?!

Ja … – und nein.

Gewiss ist es abschreckend für eine Menschheit, die außerhalb ihres eigenen kleinen Zeitausschnitts nichts weiter wahrnimmt. … Dass wir tatsächlich das Gefühl für alles verloren haben, was jenseits des gegenwärtigen Erlebens liegt, ließe sich an vielen Beispielen zeigen – nicht zuletzt an der absurden Neigung, die Probleme des Tages für die größten Herausforderungen der Geschichte zu erklären und Stabilität, Vernunft, Verträge, Verlässlichkeit zu riskieren, um Stimmungen zu bedienen und kurzsichtige Ziele zu erreichen.

Angesichts der chaotischen Kurzschlüssigkeit der Krisentreiber und der Haurucktribunen unserer Tage ist die Botschaft des Johannistages sehr, sehr ernst zu nehmen in ihrer heilsamen Relativierung des Augenblicks.

… Wer sich nicht mehr erinnern kann, welche Lasten in der Vergangenheit bewältigt wurden, und wer sich nicht einstellen kann auf die der ganzen Welt drohenden Entwicklungen, der wird nie den Blick frei dafür haben, wie verzerrt viele unserer derzeitigen  Parolen und Sorgen tatsächlich sind.

Und wer nie mit Johannes, dem Vorboten des Kommenden zu sagen lernt „ICH MUSS ABNEHMEN, … ich muss hinter den Hoffnungen und Rechten der Zukunft zurücktreten, … ich habe als Vorübergehender keinen dauerhaften Vorrang“, … wer nie diese gelassene Ergebung findet, dass unsere Gegenwart nicht wichtiger und bedeutender als jeder längst verblühte Sommer, jede noch im Schoß des Künftigen schlummernde Möglichkeit ist – der wird ein Tyrann des Augenblicks, ein Diktator flüchtig-zufälliger Launen.

Vor solche Trugschlüsse des Mittsommers – als sei es alles hier und jetzt bei uns auf der Höhe oder zur Entscheidung reif und richtig – … vor solche Trugschlüsse hat die Kirche eine wunderbare  Schranke eingezogen, an der der Größte der Propheten Wache steht (vgl. Matth.11,11), der dem Christus verwandtschaftlich und biographisch am allernächsten war und dann doch gerade aus dieser beinah unmittelbaren Position heraus in den Hintergrund treten musste – … und konnte!

……. ER MUSS WACHSEN!“

Doch nicht nur seine Selbstlosigkeit, sein Absehen-Können von sich macht Johannes zum Maßstab auch für unsere Gegenwart, sondern die unendlich weise und erleuchtete Einbettung, die er seinem und jedem anderen Heute gibt in dem anderen Wort, das zum Abnehmen des eigenen Ego und dem Wachsen des einen Erwählten dazugehört, so wie wir es eben vernahmen: NACH MIR KOMMT, DER VOR MIR WAR“ (vgl. Joh1,30!).

Das ist der eigentliche Sinn des Johannistages: Dass er uns mitten in der Zeit lehrt, dass noch vor uns liegt, was doch schon vor uns war! …….   

Johannes überlässt mit dem Einverständnis ins eigene Schwinden und in die überragende Zukunft Christi seinen eigenen Rang und sein eigenes Schicksal ja nicht einfach bloß einem Jüngeren.

Vielmehr ist er gewiss, dass dieser Jesus als der Messias, als der Christus durch eine ursprüngliche Bestimmung auch endgültig der Herr und das Ziel aller Zeiten und aller Zeitläufte und Lebenswege sein wird: Wer daher seinen Ort und seine Tage, wer sein Leben als einen Ausschnitt aus der viel, viel älteren und längeren Heilsgeschichte Gottes  begreift, der wird umfasst von Christus zuvor und Christus zuletzt.

Und diese Sicht der Zeit und dieses Lebensgefühl eines tiefen Eingebundenseins in etwas, das uns in jeder Richtung und auf jede Weise überragt und übertrifft: Das will uns der heutige Tag, der sich auf das vor einem halben Jahr vergangene und auf das in einem halbe Jahr kommende Weihnachten bezieht, wieder lehren und schenken.

Unsere Gegenwart ist wirklich nicht das Erste und nicht das Letzte, auf das es ankommt.

Ihr Bruchstückcharakter und ihre Begrenzung würden das ohnehin nicht zulassen. Gegenwarten sind stets nur unvollständige Momente und haben keine Dauer.

Sich auszuruhen auf etwas so Endlichem, sich zu identifizieren mit etwas so Unbeständigem wie einer reinen Jetztzeit, das wäre wie das irrlichternde kurze Aufleuchten und Verlöschen der Johanniswürmchen, die in diesen Juni-Nächten durch’s Gebüsch schwärmen.

Vielmehr gilt es vom Täufer zu lernen, dass unserm Leben hier und jetzt immer wieder der Bußruf gilt, die Ansage, dass es nicht einfach weiter geht, sondern dass wir uns ändern müssen, um aus der Befangenheit in unserm ständigen „Das ist jetzt wichtig! Und jetzt ist das wichtig! Und das Jetzt ist jetzt wichtig!“ herauszufinden – und zu lernen, dass wir das wirklich Wichtige nicht finden werden, wenn wir nicht zurück in die Zukunft, in die zukünftige Vergangenheit blicken.

Wirklich und für immer wichtig ist nämlich doch nur, dass wir Jesus Christus kennen, dass wir ihn kennen lernen!

Ohne ihn hat kein Leben Grund und kein Leben Erwartung.

Ohne Jesus Christus wachsen ein paar Jahre lang nur wir, … wie die Seifenblasen wachsen, wenn sie aufgeblasen werden: Bis zum Platzen.

Wenn wir aber wie der einstige Vorbote des Herrn eine Haltung und eine Spannung erreichen, in der wir das von Christus Verkündigte und das von Christus Verheißene als die zwei Dimensionen begreifen, die unser Augenblicksleben um das Woher und Wohin ergänzen und es dadurch vor dem Verbleichen und Verrauchen retten, dann treten Hoffnung und Glaube an die Stelle von Egoismus und Routine.

Denn dann begreifen wir, dass wir gemeinsam mit allen anderen Menschen zwischen den Zeiten[i] stehen: Zwischen dem Weihnachten, an dem die Rettung dieser Welt begann, und dem Wiedersehen, das sie vollenden wird. … Was lange vor uns war, ist ja nicht abgeschlossen, sondern es geht weiter. Das Wunder, dass Gott wirklich unser Leben zu Seinem machen wollte, damit die Menschheit an Seinem Leben einmal genauso teilhaben sollte, … dieses weihnachtliche Wunder verbindet Vergangenheit und Gegenwart ja mit der Zukunft bis zum jüngsten Tag – und mit der Ewigkeit.

… Denn was immer uns vergehen mag, was immer wir vermissen und verlieren: An dieser allesentscheidenden Stelle gibt es tatsächlich nur ein einziges Wachsen und Mehren, eine Steigerung und Zunahme, die ins Unendliche weist: Christus wird immer mehr, immer wichtiger, immer globaler und weltumspannender.

Wenn wir daher nicht immer nur mit unserm panischen und irrationalen Tagesgeschehen beschäftigt wären, sondern uns vor Augen stellten, was mitten durch unsere Gegenwart hindurch alles Vergangene mit jedwedem Kommenden verbindet, … was von Weihnacht zu Weihnacht, was von Winter zu Winter, von Nacht zu Nacht, von Krise zu Krise, von Katastrophe zu Katastrophe, von Unsicherheit zu Unsicherheit wirklich zunimmt, dann würden doch auch wir es erkennen: Die Bedeutung Jesu Christi wächst!

… Immer zentraler wird es, dass wir die Weltregierung nicht in den Händen der Schurken, nicht in den Stimmen der Mehrheiten, nicht bei der Willkür der Mächtigen, nicht in den Fängen der Verbrecher, nicht im Belieben jedes Einzelnen wissen, sondern in der Obhut dessen, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und Erden (vgl. Matth.28,18ff) und der immer wieder neue und andere Menschen sendet, zu sammeln, zu trösten, zu taufen und zu lehren, weil er in jeder Gegenwart, jedem Augenblick, jeder Sekunde verborgen bei uns ist und uns sichtbar und siegreich erwartet.

Jesus Christus – dessen Geburt wir alle heute vor einem halben Jahr gefeiert haben – Jesus Christus ist der Welt näher gekommen, steht ihr direkter noch bevor, als vor 182 ½  Tagen.

… Nicht dass wir ihn zwingend schon in weiteren 182 ½  Tagen leibhaftig werden sehen und empfangen können, … aber seine Versöhnung und  Herrschaft über alle Völker ist doch in Gang gekommen in der Unruhe dieser Zeit.

Denn dass die Welt in Bewegung ist – erschütternd und erschreckend und erstaunlich und erkennbar –, … dass die Geschichte sich dramatisch fortentwickelt und wir ihre Beschleunigung nicht aufhalten, ihre Wendungen kaum noch ahnen, ihre Überraschungen überhaupt niemals vorwegnehmen können … das alles ändert ja nichts daran, sondern bestätigt es nur, dass alles, was wir sind und wissen und können und haben, vergeht und ein anderes, ein Anderer kommt!

Es kommt, der vor uns war. Sein Tag und Seine Zeit brechen an.

Und es wäre töricht, wenn wir das ausgerechnet heute nur mit Sonnenschein und Hochgefühl verbänden.

Dieser Sommersonntag, der uns zurück- und vorausschauen macht, zeigt uns doch, dass die Gegenwart im Vergleich zur Bedeutung und zum Gewicht dessen, was war und was kommt, leicht und gering ist (vgl. Rö8,18; 2.Kor4,17f),  und dass wenn die Zeiten sich ändern wir uns mit ihnen ändern müssen – gemeinsam mit allen alten und neuen, allen hiesigen und allen Glaubensgeschwistern in aller Welt, die sich taufen lassen und auf die Wege des Herrn rufen: Bereit zum Vertrauen, bereit zur Geduld, bereit zur Zuversicht, bereit zur Umkehr, bereit zur Liebe, bereit zum Wagnis, bereit zum Leiden, bereit zum Neuanfang.

Denn wir müssen vergehen. Und Er wächst.

Und Er kommt.

Amen.

Ja, komm, Herr Jesu! (Offenb.22,20)   



[i] „Zwischen den Zeiten“ hieß und sah sich die Zeitschrift der sog. „Dialektischen Theologie“ Karl Barths, Eduard Thurneysens, Rudolf Bultmanns und Friedrich Gogartens, die in den äußerst krisenhaften Jahren 1923 -1933 im Münchner Christian Kaiser Verlag erschien. Dass sie gerade heute wieder einfällt, ist vielleicht kein Zufall. Der berühmte Finger des Täufers auf dem Isenheimer Altar, der so expressiv  gesteigert und unverwandt auf den Gekreuzigten weist, war auch damals das Sinnbild aller sachlichen und dabei wahrlich nicht wirklichkeitsfernen Theologie und wurde nicht nur von Karl Barth in „Zwischen den Zeiten“ ganz bewusst beschrieben und beansprucht..

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