Rogate 06.05.2018 Stadtkirche Kolosser 4,2-6 Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Rogate - 6.V.2018                                                                                                               

              Kolosser 4, 2 -6

Liebe Gemeinde!

Wenn die Welt voller Flieder und Butterblumen und Kastanienkerzen und Feiertage ist, wenn man Zwitschern hört und will, dann fängt auch bei uns an, was Gershwins song in unnachahmlich warmen Farben fließen läßt: „Summertime, and the livin’ is easy“ …. Sommertage, und das Leben wird leicht!

… In diese leichten Tage nun, die wärmer, länger, heiterer werden, fällt bei uns alljährlich aber ein unterschätzter Sonntag, der uns nicht wie seine beiden vorigen Schwestern mit ihrem umwerfenden Charme und Temperament eine eindrückliche Begegnung beschert.

… Wer die Damen „Jubilate!“ und „Kantate!“ erlebt hat, die überbordend fröhlich und impulsiv daherkommen und einen ungebeten zu Feiernden und Singenden machen, der ist beim Dritten in der Reihe der Aufforderungssonntage vermutlich immer schon auf der Hut:

Der dritte Imperativ nach „Jauchzt!“ und „Singt!“ hat es allemal schwerer.

… Und sein Anliegen, jetzt in der fünften Woche des neuen Osterlebens – „Betet!“ –, ist nicht so spontan und ansteckend wie die Lust und Laune und der Klang der jubelnden Vorgängerinnen. … Denn – das kann man von alters her aus der Gebetslehre der alten Kirche, der Ostkirche und der christlichen Orden lernen – denn das Beten ist kein Spaßbetrieb, kein stimmungsvoller Selbstläufer wie Gesang und Gelächter es sein können: Beten, das lehrt die Not und nicht die Neigung, so weiß es bis heute ja die landläufige Spruchweisheit.

… Mit anderen Worten: Wer will das schon? … Jetzt, wo die Maisonne uns die Haut kitzelt und sogar die Friedhöfe im Rausch der Rhododendronblüte sind und man die träge Zeit der langen Abende zwischen Wasserplanschen und Würstchenbraten genüsslich dehnen könnte.

„Rogate!“?

… Nicht wirklich?!

Doch dieser klare Nachteil einer meist nur widerwillig befolgten Aufforderung ist schon in früheren Zeiten akut gewesen. Und das hat dem Sonntag Rogate sein eigentliches, sein stiefmütterlich vergessenes Gepräge gegeben. Er verdankt seinen Namen nämlich nicht in erster Linie dem Gesetz der Serie, die nach den gern gehörten Imperativen „Freut euch und singt“ nun einfach noch ein weiteres erbauliches Ausrufezeichen setzen wollte, sondern dieser Sonntag ist ein Tag der praktischen Übung, ein Tag der buchstäblichen „Feldforschung“ der Kirche. Nach der österlichen Festfreude und der überschwänglichen Frühlingsblüte tritt am ersten Sonntag des ersten nachösterlichen Monats, beim Übergang zu den Wochen des Wachsens und Reifens der Saat zur Ernte die Alltagssorge der Welt wieder in den Blick der Gemeinde: Wird es ein Jahr, das die Hungrigen satt macht? Wird es ein Sommer, der für den nächsten Winter reicht? Wächst die irdische Zukunft oder werden Leib und Leben welken müssen?

Und aus diesen sehr praktischen, sehr lebensnahen Fragen der alten landwirtschaftlichen Welt gewann der heutige Tag seinen Namen und sein Programm. Weil sich nun, im Sternzeichen des schuftenden, ackernden Stieres der wirklich kritische und arbeitsreiche Abschnitt des bäuerlichen Jahres ankündigt, darum dienten dieser Sonntag und die drei Bitttage bis Christi Himmelfahrt der inneren und äußeren Einstellung auf die Arbeit und der herzlichen Bitte um Gottes Segen für deren Erträge. 

„Rogate!“, „Betet!“ war also keine rein rhetorische Ermutigung zu etwas, das Menschen nicht unbedingt gern und freiwillig tun, sondern dieser dritte Aufmunterungssonntag in Folge ging vom Wort zur Tat über, von der Erinnerung an das, was not ist, zu dessen Vollzug:

An Rogate wurde eben nicht über das Beten geredet, sondern es geschah konkret, mit beiden Beinen, beiden Händen und allen Kräften der Seele und des Körpers, indem man Flurprozessionen durch die Felder und Bittgänge über Land unternahm.

Nicht die Predigt über die geistliche Kunst, sondern der Marsch durch das weltliche Gelände des Betens machen also diesen unterschätzten Sonntag aus, der meint und übt, was sein Name sagt.

Und wenn wir heute auch nicht zwischen Butterblumen und Saatgrün, Holunderdolden und schießendem Unkraut mit einer Litanei durch die Gemarkung ziehen, so will der Rogate-Sonntag doch auch uns an der Schnittstelle von Hören und Tun, von richtigen Gedanken und nötiger Anwendung praktisch in’s Gebet führen.

Auch die Sommertage, die uns leichter leben lassen, fallen nämlich unter das weise apostolische „Sowohl-als-auch“, mit dem der Abschnitt aus dem Kolosserbrief schließt: „Redet freundlich – aber spart auch nicht am Salz!“

Diese Klammer – dass Freundlich-Schönes und Salzig-Ernste zusammengehören – ist überhaupt von allergrößter Wichtigkeit, weil sie der Verlockung der Einseitigkeit entgegenwirkt: … Gerade jetzt in den leichten, lichten Tagen könnte man ja versucht sein, endlich die düsteren Gedanken hinter sich zu lassen, … alle die quälenden Probleme dieser Erde, … die vielen Mängel und die ganze Not der Menschheit mit den Wintermänteln einzumotten und ein Lebensgefühl der leichten Kost, der nicht-belastenden Obststückchen zu pflegen.

… Auch mir als Prediger wäre es bestimmt manchmal angenehmer, bloß Flöckchen zu raspeln und bekömmlich mundgerechte Diäthäppchen aufzutischen, die man gut runterkriegt und an denen niemand sich verschluckt oder würgt.

… Man könnte ja wirklich mal bloß vom Frühling oder von den Dingen, auf die wir stolz sein können, sprechen, von unserer Energie und unseren Erfolgen und unserer Entspannung, von all den schönen, wohltuenden und befriedigenden Seiten des Lebens, die gerade in Blüte stehen. Warum muss das immer verdorben werden durch Erinnerung an das Elend auf Erden, durch Sorge um die Zerstörung der doch immer noch prachtvollen Natur, durch Skepsis gegen eine Wirtschaft und Industrie, die auf Betrug beruhen und endlich erst „ehrlicher“ zu werden versprechen? …….

Der Grund dafür, dass christliches Reden und Denken es nicht beim Sonnenschein belassen können, sondern auch den Schatten und das Schmutzige sehen, nennen und beheben wollen, liegt letztlich im Gebet als unserem ersten und größten Auftrag.

Würden wir nur für uns und nur zueinander reden, dann wären unsere Gesprächsgegenstände garantiert hübsch und hell. Weil wir gerne glänzen, …vor uns selber ebenso wie im Miteinander.

Doch wenn wir beten, dann wenden wir uns an den Herrn der Welt, den Schöpfer der Wirklichkeit, das Opfer der großen Störung, die wir Sünde nennen, und den Boten und Richter der Wahrheit.

Wer vor Ihm, der alles weiß und sieht und teilt und trägt und heilt und schließlich wiederherstellt, lügen oder an Salz sparen wollte, der wäre nicht bei Verstand.

Betend kann man Gott nichts vormachen.

Beten bedeutet, die Wahrheit auszusprechen – im Dank ebenso wie in der Bitte und der Klage.

Weil die Gemeinde aber diesen Auftrag und dieses Recht hat – dem Vater des Lichts und der Wahrheit ihrerseits die ganze Wirklichkeit und Wahrheit vorzulegen und anzuvertrauen –, darum wird nur die betende Kirche auch eine ehrliche Kirche sein. Und die Kirche, die die Wahrheit nicht unterschlägt, wird durch ihre Wahrnehmung des Wirklichen unweigerlich auch zur bekennenden, bittenden und anbetenden Kirche werden. ——

Aus der Wirklichkeit kommt also wirkliches Beten für uns. … Nicht nur Blümchenbeten, sondern auch Dornenbeten; nicht nur überm Schönen werden wir beten, sondern auch überm Schweren, nicht nur Glanz, sondern auch Gestank wird in unserem Gebet vorkommen, wenn es sich mitten in dieser Welt und mit dieser Welt zu Gott wendet.

Damit aber ist es eben gerade nicht eine fromme Form, die der Gegenwart fremd geworden sein muss, sondern eigentlich das glatte Gegenteil. Beten ist aktives In-der-Welt-Sein, Beten ist Beteiligung an den Tatsachen und an ihrer Änderung, Beten ist Hinschauen und Aussprechen und hoffnungsvolles Dranbleiben, wo andere lieber weghören und dichtmachen.

Und darum genau ist der Rogate-Sonntag so ein wichtiger, wegweisender Anlass:

Weil er nicht weniger als den Übergang markiert zwischen dem herrlichen Evangelium von Ostern, das der Frühling uns geschenkt hat, und dessen kräftigem Einwurzeln und Durchdringen in der Welt – begossen mit Heiligem Geist und Menschenschweiß –, bis es Früchte bringt, … bis es zur Ernte kommt.

Beten heißt also den von Gott ausgesäten Samen von Leben, Heil und Gnade bei seinem Aufgehen und Gedeihen zu fördern und Arbeit auf dem Feld, auf dem der Glaube wachsen soll, zu übernehmen. ——

Damit kommen wir aber endlich zu den Worten des Paulus an die Kolosser.

Denn dieser Rogate-Ruf – „Seid beharrlich im Gebet!“ – ist eine klare Aufforderung zur Mitarbeit: Der gefangene Apostel ruft die junge Gemeinde damit auf, ihn und sein Missionswerk nach Kräften zu unterstützen. Gewiss dürften die Kolosser nicht versucht haben, ihn mit Brechstangen oder Protestkundgebungen vor dem Statthalter aus seiner Haft in Ephesus befreien, weil er sie doch bat, durch ihr Gebete eine Tür für das Wort aufzutun, und ebenso sicher werden sich die wenigsten der kleinen Handwerker, Tagelöhner und römischen Damen in Kolossä ihm als Wanderprediger angeschlossen haben, als er schließlich weiterziehen konnte, um das Geheimnis Christi zu sagen.

Und doch ist es keine Rhetorik, wenn Paulus sie um ihr Gebet bittet und sie damit zu seinen Fürsprechern, Befreiern und Mitarbeitern macht. Denn betend – also an der Wahrheit in der Wirklichkeit vor Gott beteiligt – können und sollen wir Menschen Dinge tun und Aufgaben teilen, die weit über unseren Standort und unseren direkten Radius hinaus reichen. So wie die Kolosser als Betende zu Unterstützern und Helfern der Weltmission werden sollten – denn Paulus war ja nicht bei ihnen gewesen, um nur einen kleinen Kultverein im türkischen Lykostal zu gründen, sondern um der weltweiten Verbreitung und Wirkung des Evangeliums zu dienen –, so sollen auch wir durch unser beharrliches und weises und waches Beten die, die draußen sind einbeziehen und niemals aufgeben.

Das ist die akute, die hochaktuelle Aufgabe unseres Gebetes, durch die wir die Zeit auskaufen, d.h. jede Gunst der Stunde, jeden Ruf eines Augenblicks nutzen sollen: Wir sollen sehen, was draußen ist … und was los ist mit denen draußen, … wir sollen uns mit unserem Beten auf die Welt und das Weltliche einstellen! In Vorsicht und Weitblick, in Kritik und leidenschaftlicher Zuversicht, in Geduld und Barmherzigkeit und unbeschränkter Beteiligung.

Mit diesem Durchbeten der Gegenwart, mit diesem Mit-Gott-Mitwirken, mit diesem Sich-Hineinknien und Einstehen für alles und alle tut sich also die Ackerfläche auf, die wir an Rogate mit unserer Flurprozession, mit unserem Gebetsmarsch umschreiten sollen, um darauf eine gesegnete Ernte zu erbitten.

Der Acker ist die Welt – mit ihren Disteln und Dornen, ihrer Frucht und ihrem Korn. Und das Wachstum und die Ernte sind das Heilen und das Heil dieser Welt.

… Dafür können wir nichts tun, mag man meinen. Da reichen unsere Möglichkeiten nicht hin, unsere Kräfte nicht und auch nicht unsere Geduld.

… Wie können wir den Hunger im Jemen, die Gewalt in Syrien, die Hoffnungslosigkeit hinter der Sahara, den Leidensdruck der weltweiten Hungerlöhne, die Tristesse des Unglaubens in der 1.Welt, die globale Vernichtung der Natur, die Mätzchen der Mächtigen und die Trägheit des Menschen an sich, … wie können wir die Gifte der Vergangenheit, die Probleme der Gegenwart, den Raubbau an der Zukunft lösen, ändern, aufhalten, umdrehen?

……. Genauso, wie die Kolosser Paulus aus dem Gefängnis freikriegen und die Weltmission voranbringen konnten: Was uns leibhaftig und persönlich, was uns technisch und politisch nicht möglich ist, liegt doch im Gebet als weites, offenes Feld vor uns.

Wir müssen nur anfangen, die Zeit auszukaufen, den Auftrag anzunehmen und die Zukunft, die da draußen aufbricht, als weltumfassende Gebetsaufforderung an uns zu verstehen.

Das ist der große, aktive Dienst, den die Gemeinde Jesu Christi buchstäblich immer und für jeden Ort leisten kann, indem sie unermüdlich mitbetet in allen Anliegen, die nach Gott schreien.

Darin zeigen sich ihre Berufung und ihre Verantwortung: Dass sie wirklich hinhört und -schaut nach draußen und dass sie die Wahrheit darüber dann auch vor Gott ausbreitet, Ihn bestürmt oder Ihn stützt in dem Vielen, das sich unserer eigenen Zuständigkeit und Wirkung entzieht.

Zu beten haben wir immer, wenn wir wirklich Christen sein wollen! ——

Da muss ein evangelischer Pfarrer wohl nicht den Papst zitieren, dessen erste Aufforderung an die Menge vor dem Petersdom das Priestertum aller Gläubigen kommentarlos bestätigt hat: „Betet für mich!“ rief Franziskus den Leuten genauso zu wie schon Paulus es tat.

Das aber ist nicht irgendein Ruf, sondern unsere Berufung, unser Dienst, unser Lebensauftrag als Christen! ……. Und darum ist es unerklärlich, wenn in unserer Gemeinde der Gebetskreis seit vielen Jahren aus dem sprichwörtlichen Fähnlein der sieben Aufrechten besteht.

Der nicht zu überschätzende heutige Sonntag will das jedenfalls ändern.

Er ist nicht dem Reden über das Beten gewidmet, sondern er ist ein Marschbefehl: Los, geht beten! Zieht durch die Zeiten und um die Welt und hört nicht auf zu beten!

Und wenn der Weißdorn verblüht und die Vergissmeinnicht längst verwelkt sind, wenn der Sommer vorüber und nichts mehr leicht ist … auch dann vergesst das eine Entscheidende dennoch niemals:

Rogate! Betet!

Nur dann wird Euer Leben in der Welt schließlich Frucht tragen und gesegnet sein!

Amen.

 

Fürbitten

 

Herr, die schöne, salzige Welt – Deine Schöpfung, die Heimat Deiner Kinder – bringen wir vor Dich.

Wir tragen sie auf dem Herzen und blicken Sie mit Deinen Augen der Liebe und des Mitleids an.

 

Du siehst sie:

Kennst jedes Gesicht,

… siehst jede Spur,

… spürst jeden Kummer,

… kümmerst Dich um alles, was da lebt.

 

Darum kennst Du auch die Wunden,

die Schmerzen,

die zitternde Angst,

die lähmende Erschöpfung,

den stechenden Hunger,

das ganze große Elend.

 

Herr, wie wenig können wir für die Vielen tun, die Du liebst.

Aber wir bitten Dich um zweierlei:

 

  • Nutze und verändere uns mit allen unseren Möglichkeiten und Gaben, dass unser Besitz und unsere Zeit, unsere Kräfte und unsere Hoffnung auch für andere Frucht bringen und Schutz und Freiheit.
  • Und gieß Deinen Geist auch in unser Denken, Glauben und Träumen aus, dass wir mit der Welt nicht fertig werden und die Dinge nicht auf sich beruhen lassen und die Erwartung nicht aufgeben und die Menschheit nicht vergessen in ihrer nackten Wirklichkeit, sondern dass wir beten und beten und beten und Zeugen und Boten Deines Reiches bleiben und mit Dir und den Deinen verbunden dem Tag entgegenharren, an dem wir Dich nichts mehr fragen werden, weil die Wahrheit und das Recht, weil Schönheit und Frieden, weil Heil und Herrlichkeit uns alle mit Dem verbinden und vereinen, Der uns zu beten lehrt:

Vater unser im Himmel …….

 

 

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0157-525 718 39
Lohausen: 0157-589 207 26