Kantate 29.04.2018 Stadtkirche Apostelgeschichte 16,23-34 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Kantate - 29.IV.2018                                                                                                        

         Apostelgeschichte 16,23-34

Liebe Gemeinde!

Wahrscheinlich sitzen heute wenige hier, die die beiden typischen Merkmale des Christenlebens verkörpern, von denen dieser Bericht aus unserer Frühzeit handelt.

Würde ein Kindergottesdienstkind nämlich – völlig zurecht! – aus dieser Sonntagsschulgeschichte folgern: … Christen sind erschütternd singende Knastbrüder, dann wären wir alle fast ausnahmslos eine Enttäuschung.

Unser Gesang hat wenig von der biblischen Urgewalt kettensprengender Befreiung bewahrt, die uns aus dem Verlies in Philippi entgegenströmt. Jahrhunderte einer ganz anderen, gemessenen und taktvollen Kultivierung haben aus dem Singen eine Kunst und aus der Theologie eine Wissenschaft gemacht und aus dem Glauben eine Idee. Erdbeben und andere Durchbrüche begleiten in aller Regel weder unsere Lieder noch unsere Worte, und die Mächte des gebannten Lauschens, das entfesselte Häftlinge sitzenbleiben macht, … die Mächte der rasenden Angst, die den Augenzeugen einer Gebetsversammlung beinah in den Verzweiflungstod treiben, … die Mächte einer umstürzenden Erlöstheit, die zu plötzlicher Hingabe und Taufbegeisterung führen … sie alle sind uns meistens fremd und fern. ——

Aber sie ruhen nur.

Wir ruhen ja auch: Trotz aller Atemlosigkeit und Arbeitslast der vielen Glieder, die Ehren- und andere Ämter in der Gemeinde ausüben, ist der Zustand der Kirche bei uns vielleicht am ehesten als „stabile Seitenlage“ zu beschreiben. Am Boden - aber doch leidlich gestützt - ruhen wir und sind mit dem Durchkommen beschäftigt, bis die Herzmassage und die Mund-zu-Mund-Beatmung, die der Heilige Geist wie kein anderer Helfer und Retter beherrscht, uns wieder in’s wirkliche Getümmel, in die echte Arbeit von Mission und Bekenntnis zurückführen wird.

Was „Mission“ bedeutet, das ist inzwischen immerhin ja kein Fremdwort mehr, und wie der andere Begriff – „Zeugnis“, „Bekenntnis“ – zurück in die Sprache der Bibel, die die Sprache der Wirklichkeit spricht, zu übersetzen ist, werden wir über kurz oder lang zweifellos auch wieder praktisch lernen: In der Bibelsprache des Neuen Testaments lautet das Wort für „Bekenntnis“ nun einmal schlicht „Martyria“, „Martyrium“.

Weshalb der kleine Mensch aus dem Kindergottesdienst, der gut aufgepasst hat als ihm von Paulus und Silas in Philippi erzählt wurde, eben völlig recht hat: Christen müssen nach dem Beispiel dieser beiden tatsächlich wohl solche sein, die jederzeit im Kittchen landen können.

Zumindest war das ihr Anfang hier in Europa.   

Und diesen Anfang sollte man sich immer wieder vor Augen führen … – je mehr wir das „christliche Abendland“ als Schlagwort feiern, desto nüchterner: Das Christentum in Europa fängt im Knast an!

Ganze zwölf Verse liegen ja in diesem Kapitel der Apostelgeschichte zwischen der Zeitenwende, als der Traum von einem um Hilfe schreienden Mazedonier Paulus zum ersten Mal über die magische Erdteilgrenze hinüber auf unseren Kontinent führte, und der Verhaftung und brutalen Misshandlung der Christusboten!

Zwölf Verse, in denen auf dieser Seite der Dardanellen eine Frau von der anderen Seite getauft wurde – die Purpurkrämerin Lydia –, … doch danach ging alles ganz schnell und schief: Die Apostel bringen nämlich den Geist der Freiheit und der lebendigen Wahrheit – den Geist des auferstandenen und aufgefahrenen Jesus Christus – nach Europa, aber der stört dort das Geschäft.

Das Geschäft, das in Philippi bisher so glänzend lief, ist indes gewiss nicht das Bekenntnis zur Wahrheit, sondern die sensationsfreudige öffentliche Meinungs- und Stimmungs-manipulation, die von einer paranormal, vielleicht auch pathologisch begabten Sklavin betrieben wird (vgl. Apg.16,16ff).

Diese „Magd mit dem Wahrsagegeist“ besitzt das, was jede PR-Agentur sich am meisten wünscht – ein mysteriöses Einfühlungsvermögen in die Menschen und einen indiskreten Mitteilungsdrang –, und ihre Bestimmung ist es, alles, was sie von den Wünschen und Sorgen und Geheimnissen anderer erfasst hat, laut und schrill herauszuplärren, weshalb man sie als Hellseherin und Orakel nutzt und ihr hohen Unterhaltungswert und gewiss auch therapeutische Fähigkeiten zuspricht.

Doch die übersteuerte Enthüllungsschreierei, die Privates herausposaunt und aus Stillem viel Lärm macht, die konnten Paulus und Silas nicht ertragen, als die Magd sich mit geistlichen Werbesprüchen an ihre Fersen heftete: Das Evangelium braucht keine Kampagne und kein Spektakel, wenn es wirken soll.

Und darum treiben die beiden Missionare in Jesu Namen den Geist der großen Lautsprecherin kurzerhand aus.

… Wehe aber denen, die die Geschäfte der Marktschreier und des Marktes bedrohen!

Paulus und Silas trug ihre Unabhängigkeit von solchen beherrschenden Mächten jedenfalls sofort Verhaftung und Misshandlung und Gefangenschaft ein: Und das ist keine linke Agitation, sondern unangenehme biblische Tatsache. … Die Tatsache, die dem Sonntagsschulkind auffällt, dass das Christentum offenbar als eine ärgerniserregende und riskante Sache anfing, für die man geradestehen und Schmerz und Strafe erwarten musste. ———

Diese Tatsache nun, dass unser Bekenntnis und seine möglichen Konsequenzen von Anfang an für Leib und Leben ernst und bleibend waren, bringt uns das kraftvolle und folgenschwere Mitternachtssingen der gefangenen Christusboten für Europa wirklich wieder zu Bewusstsein.

Schließlich sind wir trotz unserer stabilen Seitenlage selber Zeitgenossen unzähliger eingesperrter und gefolterter Christen weltweit, ja wir sind die Generation, die auf Erden die meisten Märtyrer jemals erlebt.

Und obwohl wir uns den Kantate-Sonntag eigentlich als heiteres Festival der schönen Klänge vorstellen, bringen uns diese ernsten Töne vielleicht noch viel mehr an das eigentliche Zentrum unseres Glaubens in seiner gesungenen, geklagten und gebeteten Gestalt heran.

Dass Christen wegen Christus im Gefängnis sitzen, ist nämlich niemals anders gewesen.

Und denken wir zurück, dann fallen uns die prägenden Erfahrungen derer ein, die den Alten heute noch vor Augen stehen: Wir erinnern uns, dass Martin Niemöller über Jahre der „persönliche Gefangene des Führers“ war, und mir bleibt’s eine mahnende Pflicht, dass einer meiner Vorgänger auf der kleinen Kanzel in Schöller, Wilhelm Niesel im Kirchenkampf bittere Haftzeiten erlebte genau wie so viele andere Kandidaten und Theologen der Bekennenden Kirche … ob nun Heinrich Held, erster rheinischer Präses nach dem Krieg oder Karl Immer, der treue Zeuge von Barmen oder Johannes Schlingensiepen oder Wilhelm Busch, um nur ein Paar zu nennen. … Von den Widerständlern Moltke und Dohnanyi, Lehndorff und Trott gleich ganz zu schweigen, … wie von Paul Schneider und Dietrich Bonhoeffer, deren jeweiligen Gefangenschaften wir einige der tiefsten und kostbarsten Zeugnisse des christlichen Glaubens im 20.Jahrhundert verdanken – „Martyria“ für alle Zukunft!

Noch weiter zurückzublicken, wäre spannend und ergäbe ein ähnliches Bild. Zu allen Zeiten saßen Christen in Europa hinter Gittern oder in der Verbannung und haben gerade dort das Zeugnis, die „Martyria“ der Kirche bereichert: Der Puritaner Johan Bunyan mit dem nach der Bibel meistgelesenen Buch in englischer Sprache, der „Pilgerreise zur Ewigkeit“,  Johannes vom Kreuz mit seiner mystischen Erfahrung von der „Dunklen Nacht der Seele“, Thomas Morus mit seinen Gewissens-Briefen vor der Hinrichtung, der Kirchenvater Boëthius mit seinem „Trost der Philosophie“ und allen zuvor die Apostel Johannes mit der Geheimen Offenbarung und Paulus mit den Gefangenschaftsbriefen an die Epheser, Philipper, Kolosser und Philemon.

Die Liste würde endlos, wenn wir nur ein wenig auch nach Osten und Westen und Süden blickten, wo Solschenizyn im Gulag Christ wird, wo Martin Luther King den immer noch nicht erfüllten Traum für Amerika im Gefängnis durch seine bahnbrechenden Gedanken über „gerechte und ungerechte Gesetze“ vertieft[i], oder dorthin, wo in Libyen die 21 Märtyrer vom Februar 2015, die größtenteils aus dem ägyptischen Dorf El-Or kamen, noch in der Gefangenschaft des IS ihrer Gewohnheit als Chorknaben ihrer koptischen Dorfgemeinde nach-gingen und die Liturgie ihrer Kirche sangen, bis ihnen am Mittelmeerstrand als Gruß an Europa die Kehlen durchtrennt wurden[ii]. ……. ——        

Doch wenn uns bei dieser Erinnerung an das jüngste und brutalste Martyrium für Christus nun vielleicht alles im Halse stecken bleiben will, was wir an Kantate sonst mit fröhlichem und freiem Gesang verbinden, dann sind wir eigentlich erst da, wo das Lied und die Musik und die Martyria des Glaubens überhaupt anfangen.

Denn das zeigt uns das mittenächtliche Gotteslob im Kerker von Philippi ja unmissverständlich, was eigentlich geschieht, wenn die Zeugen Christi beten, singen und loben: Urkräfte werden da freigesetzt. Kräfte, die die Welt bewegen und ihre Geschichte verändern. Das aber liegt daran, dass unsere Lieder und Weisen, unsere Gebete und Melodien von Hause aus nicht das sind, was manchmal mit Musik verbunden wird: Sie sind nicht der unmittelbarste, spontane Ausfluss eines individuellen Inneren und seiner Inspiration.

Das Lied der Kirche ist nicht persönlicher Ausdruck im expressionistischen Sinne und auch nicht virtuoser Beweis eines einzelnen Genies oder einer augenblicklichen Seelenbewegung. Denn dass Paulus und Silas in ihrer schrecklichen Tortur, mit den Beinen im Streckblock und in der Dunkelheit eines vermutlich halb unterirdischen und mit Sicherheit ekelerregenden Kerkergewölbes einer musischen Eingebung hätten folgen oder eine Gelegenheitsliturgie aus dem Stehgreif hätten anstimmen können, darf man ausschließen. Was sie vielmehr taten und was die Kraft hatte, sie zu freien Menschen zu machen und ihre Mitgefangenen zur teilnehmenden, nicht auseinanderfallenden Gemeinschaft … das war das urbiblische Psalmensingen.

Mit der Frage, was man in der Nacht lernen, beten und singen soll, fängt bis heute der Talmud an[iii] und greift dabei zurück auf einen Vers aus dem Zentralgebet des Psalters, den 119.Psalm, in dem es heißt (Ps. 119), 61f):

„Der Gottlosen Stricke umschlingen mich; aber dein Gesetz vergesse ich nicht:

Zur Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken für die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.“

Seit Davids Zeiten also ist nach jüdischer Überlieferung das Gebet in der tiefsten Nacht biblische Tradition … und genau in diesen mächtigen Strom reihen sich auch die gefesselten Gefangenen von Philippi ein. Aus diesem Traditionsstrom, der das Gottvertrauen und die Gottesbindung der Jahrhunderte mit sich führt, der angereichert ist mit unzähligen Beweisen des Geistes und der Kraft, schöpfen also die Christusboten, als sie in Europa lahmgelegt werden.

Und ihr Psalmengesang, ihr Mitternachtsgebet an der Schwelle des Abendlandes öffnet tatsächlich die Schleusen des Heils für Europa: Aus den heiligen Liedern des Volkes Israel, mit denen es sein Glauben und Hoffen, sein Kämpfen und seinen Widerstand weiter- und weitergesagt und -gesungen hat, dringen die Gerechtigkeits- und Freiheitsliebe, die Gewissheit und die Gemeinsamkeit des Glaubens auch in’s griechische Gefängnis und erschüttern seine Grundfesten: Dass Gefangene dem Gott der Befreiung, dass Gefolterte dem Gott der wahren Gerechtigkeit, dass Menschen in tiefster Finsternis dem Licht der Welt, dass ohnmächtig Hilflose dem lebendigen Erlöser der ganzen Welt singen und also nahe sein können, das bringt den Kerker um seine Funktion … und deshalb fallen die sinnlosen Fesseln!

Das Einzige, was nun noch bindet, ist eben die Kraft der Glaubens- und Gebetsgemeinschaft, die aus den Psalmliedern, aus den Lobgesängen der Apostel spricht.                         

Diese Kraft der gemeinschaftsstiftenden Singe-Martyria wurde in Philippi auf direkte Weise zur Rettung: Weil die anderen Gefangenen nach dem Wegfall der Fesseln nicht einfach die Flucht ergriffen, sondern in der Gemeinschaft blieben, die aus den alt-neuen Liedern auch bei ihnen entstanden war, darum musste der Kerkermeister nicht seiner panischen Angst wegen Verletzung der Dienstpflicht nachgeben und sich nach dem Ehrenkodex selber entleiben: Vielmehr hat der unerschütterliche Zusammenhalt zwischen Gott und den Seinen, der aus den überlieferten Liedern spricht und sich in ihnen vergegenwärtigt, auch den Bewacher eingebunden, … auch er fand seinen Ort in jener biblischen Gemeinde des Gottes Israels, des Vaters Jesu Christi, die eben in jedem ihrer Lied sich bestätigt und erweitert!

Weil diese biblischen Lieder, weil die Musik der Kirche und die Gesänge der Gemeinde also eben keine Einzelfälle, keine Eintagsklänge, keine Solonummern sind, sondern immer schon erfüllt von menschlicher Glaubenserfahrung, darum eröffnen sie immer auch ein Einstimmen und Einziehen in die Verbundenheit mit den Vielen, die vor uns und nach uns Gott vertrauen und Ihn anfangs- und endlos loben und preisen.

In dieser Fülle unserer Glaubenslieder und unseres Gotteslobes, die über jede persönliche Einzelgeschichte jahrhunderteweit hinausgehen und Tiefstes, Höchstes, Erstes, Letztes mitbringen und aufklingen lassen, … in dieser Fülle ist ihre befreiende Trostmacht und Bekenntniskraft enthalten.

Wir singen als die Gemeinde des einen Gottes eben nirgends und nie alleine, sondern stets in vollen, starken und fröhlichen Chören: Zwar mögen wir selbst gefangen sein wie Paulus und Silas, doch in unseren Psalmen und Lobgesängen singen die Befreiten aller Zeiten mit; wir mögen zuweilen schwarze Mitternacht und keinen Tag mehr vor Augen haben, aber in den heilsgeschichtlichen Worten und Dichtungen der Bibel ist immer doch der Schöpfungs- und Ostermorgen ganz frisch, der alles Singen weckt und auslöst; wir mögen vielleicht auch gar nicht mehr sangesfähig sein, aber wer immer einen Psalm liest, ein Gesangbuch aufschlägt, eine Melodie im Ohr hat, der wird auch stumm und schweigend noch von jenem Strom getragen, der als ewiges, unablässiges Loben, Klagen und Beten durch alle Zeiten fließt und in Gottes Gegenwart mündet.

Und so wird aus Psalmen und Liedern und Martyria das Volk Gottes gebaut und die Gemeinde erhalten und die Geschichte gestaltet, bis niemand mehr in Fesseln oder Lei-den liegt, sondern alle nur noch eingebunden sind und einstimmen in die Freude des Glaubens, der auch um Mitternacht im Gefängnis Gott nur loben kann.

Amen.


[i] Greifbar im Internet z.B. auf der Seite des African Studies Center der University of Pennsylvania unter http://www.africa.upenn.edu/Articles_Gen/Letter_Birmingham.html

[ii] Das Schicksal der 21 Märtyrer von Libyen sollte man sich nicht im Internet vergegenwärtigen, wo ihre Ermordung tatsächlich als professionell geschnittenes Video durch den IS „gepostet“ wurde und eine neue Ära der medialen Perversion eingeleitet hat, sondern indem man das empfehlenswerte Buch liest, das Martin Mosebach über diese jüngsten Blutzeugen des Christentums recherchiert und publiziert hat: Martin Mosebach, die 21, Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer, Reinbek (Rowohlt) 2018.

[iii] Babylonischer Talmud, Traktat Berakhot I,1 (Fol. 3b), hg. v. Lazarus Goldschmidt, Band 1, Nachdruck Frankfurt/M 1996, S.6ff.

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