Ostersonntag 01.04.2018 Stadtkirche 1.Samuel 2,1 - 10 Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Auferstehung des Herrn - 1.IV.2018                                                                                  

                 1.Sam 2, 1-10

Liebe Gemeinde!

Aus aktuellem österlichem Anlass hat mich kürzlich die Frage beschäftigt, woher eigentlich das schöne, anschauliche Wort vom „Eiertanz“ stammen mag?

… Immerhin ist es tatsächlich doch als Lehnwort für deutsche Vorsicht in den angelsächsischen Sprachraum vorgedrungen!

… Allerdings ist die Frage leicht zu beantworten, denn die Deutschen sind gelegentlich vielleicht Eiertänzer, meistens aber vor allen Dingen Langeweiler.

Wer soll’s denn also wohl gewesen sein, wenn mal ein originelles Wort auftaucht? Dreimal darf man raten: Natürlich! Genau! … Goethe nimmt die vermutlich von den Gauklern stammende seltsame Vokabel als Erster in die Schriftsprache auf, als er die hinreißende und mysteriöse kleine Mignon im „Wilhelm Meister“ mehrfach mit dem delikaten Tänzchen zwischen rohen Eiern in Verbindung bringt.

Und weil’s gleich sämtliche Klischees bestätigt, darf auch der Zweite im Bunde nicht fehlen, der den „Eiertanz“ als politische Kunstform in unserem Vaterland sprichwörtlich gemacht hat. Wer wohl? …Na klar: Bismarck, den eine Karikatur in der „Frankfurter Latern’“ schon 1863 graziös im Tutu zeigte, wie er als Prima Ballerina zwischen lauter eiförmigen Zerbrechlich-keiten tänzelt, die Aufschriften wie „Wahlen“, „Reform“ oder „Verfassung“ tragen. … —— Warum mir aber der „Eiertanz“ in dieser Woche überhaupt so wichtig wurde? Nun, weil eine führende evangelische Monatsschrift ein Heft zum Thema „Auferstehung“ herausgegeben hat.

Und wer je einen „Eiertanz“ erleben wollte, der den Namen verdient, muss nur der Theologie zuschauen, wie sie gar nicht mehr weiß, wohin bei diesem Thema noch vorsichtig und gespreizt ihr Füßchen setzen, das doch auf keinen Fall in eins der vielen Fettnäpfe treten darf: „Wörtliches Verständnis“, „leeres Grab“, „leibliche Auferweckung“, „historisches Datum“ …….

… Ach je, ach je!

… Wie schrecklich muss es sein, wenn man Theologe ist und von Ostern reden soll!

…. Gleich hat man vor lauter Ungeschick ein Malheur am Bein, und die Leute könnte denken, man sei naiv oder vorwissenschaftlich oder – Vorsicht: Straußenei! – am Ende gar fromm.

Wohl dem, der sich dabei nicht ziert!

Wohl dem, der Elefant im Porzellanladen ist. …….

Ich jedenfalls bin – weil es Ostern ist! – durchaus in Tanzlaune und will mir keinen Zwang antun, will keine lähmende Vorsicht, keinen Trippelschritt.

Für Leisetreterei und eine Zehenspitzenakrobatik, die es tunlichst meidet, der „Ich-glaube-nur-was-ich-sehe“-Welt auf die Füße zu treten oder den „Wirklich-ist-was-sich-physikalisch-beweisen-lässt“-Leuten in die Quere zu kommen, ist heute nicht der Tag!

… Und meiner Tanzpartnerin, … unserer Vortänzerin ist auch nicht danach.  

Hanna will tanzen!        

Obwohl Hanna uralt ist.

Obwohl Hanna tot ist.

Hanna ist gestorben, als in Bethlehem eine Schar kleiner Jungs lebte, unter denen Hannas langersehnter Sohn Samuel später einmal den Allerkleinsten zum allergrößten König salben würde – David hieß er –, und das war tausend Jahre vor Ostern.

Hanna ist also schon ewig tot.

Aber die Toten sind die allerbesten Ostertänzer.

Je älter, desto losgelassener tanzen sie.

Hannas Tanz- und Osterlied, das wir eben miteinander gebetet haben, ist jedenfalls archaisch, also ein Lied der Jahrtausende, weil es genau den Klang und den Stil, weil es die Form und den Rhythmus der Psalmen hat, die am Tempel von Jerusalem nach Hannas Tagen von den Priestern und Leviten gesungen wurden.

Und wenn die Chöre der Leviten Psalmen sangen, dann begleiteten sie sich mit Schlagzeug und Saiteninstrumenten und dann ging durch die Reihen der ehrwürdig bärtigen Gottesdiener am Heiligtum in ihren hellen Gewändern ein Schwanken und Schwingen, ein Rütteln und Stampfen, ein Beugen und In-die-Hände-Schlagen, das man gesehen haben muss!

Tatsächlich: Das Tanzen gehört zu den schönen Gottesdiensten Israels, weil dort – wie es in einem der Sehnsuchtslieder nach dem Tempel heißt (vgl.Ps.84,3) – sich „Leib und Seele“ freuen in Gott.

Und die Krönung des ganzen Psalters, die großen Halleluja-Lieder an seinem Schluss fordern die ganze Welt auf, den Namen Gottes im Reigen zu loben (vgl.Ps149,3; 150,4)!

Aber wenn schon die alten Männer und die jungen Leviten in Jerusalem tanzten – so wie man es heute noch in den Synagogen sehen kann, wo gichtige und gewichtige Rabbis ganz verzückt mit der Torah-Rolle im Arm walzen können –, um wieviel mehr die Frauen, die die Pauke schlagen (vgl.Ps68,26) und sich dabei an’s größte Vorbild des Befreiungs- und Erlösungsjubels Israels halten können, an Miriam, die Prophetin, die die älteste Musik der Bibel tanzend am Schilfmeer geschaffen hat (vgl.2.Mose15,20f).

Auch Hanna wird es also zum Tanzen gewesen sein, als sie eine eigene Rettung und Erlösung erfuhr: War ihr Leben doch wie Totsein gewesen. Und zwar nicht im übertragenen, sondern im ganz physischen Sinn. Sie nämlich war verdammt dazu, abseits und außerhalb des Segens Gottes zu stehen, den andere unmittelbar erfahren, wenn sie am Wunder der Entstehung des Lebens und seines Weitergehens beteiligt sind. In der archaischen Zeit Hannas war ein unfruchtbares, ein kinderloses Leben wie ihres eine Stufe des Nichtlebens, ein Sein im Tode. Aber aus dieser leiblichen und seelischen Versteinerung, aus diesem Vegetieren im tiefen Schatten der Lebenden und Blühenden wurde Hanna ins Licht und die Bewegung des Lebens gerissen, als sie schließlich doch ein Kind empfing und gebar, dem sie den Freudennamen ihrer Erhörung – den Namen „Samuel“: „Gott hört“ – gab (vgl. 1.Samuel 1).

Diese ganz intime, höchstpersönliche Todes- und Lebenserfahrung besingt ihr gewaltiges Lied nun allerdings in den allgemeinsten, weltumgreifendsten Tönen: Die Stürze und Erhebungen, die Umwälzungen und Begradigungen, die Wiederherstellung und Heilung einer von Mangel und Unrecht gerüttelten und geschüttelten und verfinsterten Weltordnung sind für die dankbare Sängerin Hanna durch eine einzige, lebenswendende Erfahrung anschaulich und begreifbar, plastisch und glaubhaft geworden. … Was sie selbst an Leib und Gliedern bezeugen konnte, das gab ihr auch die Möglichkeit, geschichtliche, ja kosmische Dimensionen und Perspektiven des Heils zu erfassen, die im Untergang der alten und dem Triumph einer neuen Weltwirklichkeit gipfeln werden.

Und so ist der Jubelhymnus aus der grauen Vorzeit Israels, der eine Sprache voller Urbilder spricht – das erhobene, zum Himmel gereckte Horn des Siegers, die zerstörten Waffen des tödlichen Zweikampfs, die Sattheit des Glücks und die Dunkelheit ohne Gott und jener mythische Donner, der Sein Eingreifen auf Erden ankündigt – … so ist dieses prähistorische Lied, das so tief aus der vorösterlichen Zeit so weit in unsre nachösterliche Epoche hinüber-klingt zwar nicht gerade eine zum Trällern geeignete Frühlingsweise, kein gezwitschertes Chanson der Leichtigkeit, aber gerade die Wucht und Macht, die hier in den Worten einer frohen, freien Frau anklingen, versetzen tatsächlich Berge und Abgründe in Bewegung.

Es ist österliche Bewegtheit, es ist das gewaltige Regen und Durchbrechen, das Zerreißen und das Mitreißen, das wir aus dem Osterevangelium kennen, in dem die Grundfesten der Erde tatsächlich wackeln und die Mauern der Wirklichkeit sich verschieben, um die allererste Dynamik, die Urkraft des Schöpfers aus dem toten Felsen hervorbrechen zu lassen.

Dass dieses von Gott unaufhaltsam in Gang gesetzte Andrängen des Lebens gegen die Tore des Todes gerade von einer Frau besungen wird, die in den gefürchteten Wehen der ersehnten Geburt erlebt hat, wie stark es schon auf dem Weg des Anfangs ist, wenn Leben sich durchsetzt, das verleiht dem Hannapsalm seine urtümliche Direktheit.

… Und die macht ihn auch heute, im Kreis der anderen Osterbotschaften der Osterbotinnen Maria Magdalena, Johanna und Maria, des Jakobus Mutter (vgl.Lk24,10) so einzigartig packend.

Weil aus Hannas Worten eben keine bloßen Augen- und Ohrenzeugin des in der Tat leeren Grabes am in der Tat historischen Datum der Auferweckung Jesu Christi spricht, sondern eine Angerührte, … eine, in deren eigenem Leib schon tausend Jahre vor diesem Ereignis das göttliche Beben und Schütteln und Ergriffenwerden begann, das sich am Ostermorgen im Durchbruch des Gekreuzigten durch die Riegel des Totenreiches entlud. ——

Tatsächlich sind also die Toten – wie Hanna – die besten Osterzeugen.

Denn die große Bewegung, die wir Ostern nennen und heute feiern, diese Geburt des wirklichen und unendlichen Lebens, das nicht mehr beginnt, um im Tod zu enden, sondern dessen Beginn dem Tod ein Ende macht, … diese Bewegung hat dort begonnen, wo unser Glaubensbekenntnis eine auffällige Anleihe gerade im Psalm der Hanna macht.

Hanna wagt es ja, den politisch und theologisch und seelsorglich inkorrektesten Satz aller Sätze zu singen: „Der HERR tötet und macht lebendig“, singt sie! … Für einen solchen Gedanken muss man eigentlich schon Bußgeld an eine therapeutische Einrichtung zahlen, weil er so verstörend wirkt.

Aber es ist Hannas Vertrauen, ihre Erfahrung, dass Gott eben eine doppelte Bewegung vollziehen und mitgehen kann, wo uns die Wege einspurig und unumkehrbar erscheinen, … so wie ihre lebendig-tote Aussichtslosigkeit es ja auch war.

Statt also nur dieses Leben als Rahmen zu betrachten, in dem Gott eingreifen und Seine Gegenwart beweisen kann, geht Hannas Bekenntnislied den großen Schritt weiter, … eigentlich muss man sagen: wagt Hannas Bekenntnislied jenen unerhörten Sprung, der vom Leben in’s Nicht-Leben führt, und hält daran fest, dass Gott auch hier nicht abwesend, sondern treu ist!

„Der HERR führt ins Totenreich und wieder hinauf“ singt sie.

Diesem biblisch beinah einzigartigen Satz des Vertrauens aber … einem Satz, in dem Gott nicht von oben handelt, hört und hilft, sondern in dem man tatsächlich einen Eingang Gottes, ja Seinen Abstieg in einen Ihm völlig fernen Abgrund ahnt …, diesem Grundsatz  des Vertrauens der Hanna schließt unser Glaubensbekenntnis sich tatsächlich an mit einer Formulierung, die Ostern schon vor der sonntäglichen Auferstehung Jesu Christi beginnen lässt.

Er, der gekreuzigt, gestorben und begraben war … er ist „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ heißt es da.

Er war also – obwohl tot – nicht leichenstarr und steinern passiv, wie der Tod uns macht, sondern Gottes elementare Kraft bewegte ihn auch im Grab und führte ihn auch dort.

Wohin? – Nun, zu denen, die Ostern noch viel mehr brauchen als die Lebenden. Der Abstieg in das Reich des Todes ist nämlich keine mythologische oder symbolische Redewendung, sondern er beschreibt auf annähernd gelungene Weise den Weg, wie die Gemeinschaft Gottes mit den Toten, die nicht Tote bleiben sollen, eröffnet wurde: Eben indem Jesus Christus auch bei ihnen Einzug hielt, indem er auch in ihre Reihen aufgenommen wurde; so wie Weihnachten ihn zu einem von uns Sterblichen machte, so wurde er durch sein Sterben einer von ihnen, den Gestorbenen … kam unter sie, ging ihnen nach und nahe und brachte Bewegung, brachte Leben unter sie, ... weil er nichts anderes ist und nichts anderes kann. ——

Diese Überzeugung nun, dass Jesus nicht nur den Lebenden, sondern auch den Toten durch sein Kreuz und seine Auferweckung das Heil gebracht hat, beherrscht die österliche Theologie der Ostkirche bis heute: Ihr Osterglaube und ihre Osterbilder sind erfüllt von genau dieser buchstäblich „ergreifenden“ Tatsache, dass unser heutiges Fest im Reich des Todes angefangen hat, wo der Sieg des Lebens damit beginnt, dass Jesus Adam und Eva und alle anderen längst Vergangenen und Vergessenen bei der Hand packt und emporreißt, damit auch sie mit ihm ins neue Leben gelangen. … Und der Wirbel, den sein Erscheinen dort bei den Schatten, im vollständigen Stillstand und Schweigen der Verblichenen und Verwesten verursacht, ist auf vielen Ikonen herrlich anzuschauen.

Zwar war dieses Motiv von „Christus in der Vorhölle“ aufgrund des Glaubensbekenntnisses auch für Albrecht Dürer noch ein selbstverständlicher Bestandteil seiner Holzschnitt- und Radierungsfolgen zur Passion.

Aber in der westlichen Kunst erblickt man dabei – Stichwort: Bismarck – einen siegreichen Feldherrn bei der Einnahme einer Festung und das benommene Glotzen befreiter Geiseln, die gar nicht mehr wissen, was Leben ist und wie es geht.

Die orthodoxe Kunst dagegen hat – bei aller Neigung zu statischer Formensprache – den befreienden Christus im Reich des Todes immer nur mit unglaublicher Dynamik und mit Schwung und Lebhaftigkeit zeigen können, wie er das greise Urelternpaar in Galopp bringt und alles kreist und die toten Massen auf die Beine kommen und ungestüm auffahren ins Licht. …

Das liegt an den Hymnen des östlichen Osterjubels – verfasst von gravitätischen Kirchenvätern, von grüblerischen Mönchen und Popen in steifen Gewändern, mit Kopfputz wie Pilzen, … von Männern also, die den Priestern und Leviten von Jerusalem an heiliger Würde in nichts nachstanden – , aber in allen deren „Anastasis-“, Auferstehungshymnen werden „jauchzende Füße“ und der Reigen der Töchter Zions und das Tanzen der Kirche und der Heiligen und der ganzen Kreatur besungen wann immer es um die Lebendigkeit geht, die Christus, der Sieger überallhin gebracht hat, … bis in die letzten Winkel des Hades, … bis an die Säulen der Erde, … bis dahin, wo der Abgrund von den Osterbässen, vom Herz und Puls des Lebens selber dröhnt.

Während das Abendland also den Totentanz kennt, der uns alle hinabführt, sind die morgenländische und die byzantinische Kirche gemeinsam mit den Psalmen Israels die Sängerinnen eines anderen Tanzes: Der herrlichen, mitreißenden, unaufhaltsamen Bewegung nämlich, mit der Jesus Christus bei den Toten von vor vielen Jahrtausenden angefangen hat und erst beim letzten Menschen aufhören wird, bis alle – einander an den Händen fassend –  ihm lachend und leicht und beschwingt empor in’s Leben folgen und in den Jubel.

Denn der Herr führt ins Totenreich und wieder hinauf.

Darum will Hanna tanzen.

Darum tanzt sie!

Amen.



Vgl. Wilhelm Meisters Lehrjahre, II.Buch, 4.Kapitel; 8.Kapitel; III.Buch, 6.Kapitel.

Im Internet schnell einsehbar unter http://trift.org/diary/tanz-den-eiertanz.

Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft. Ausgabe 4 2018.

Aus dem unerschöpflichen Reichtum der ostkirchlichen Osterhymnen ist hier (beinah willkürlich unter den reichen Belegen) die 5.Ode des Osterkanons des Johannes Damascenus angeklungen, zitiert nach: Osterjubel der Ostkirche. Hymnen aus der fünfzigtägigen Osterfeier der byzantinischen Kirche – Erster Teil: Das Pentekostarion, hg. und übertragen v. P.Kilian Kirchhoff O.F.M., Münster 1940, S.5

 

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