Karfreitag 30.03.2018 Stadtkirche Hebräer 9 i.A. (bes.15 + 26b-28) Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Karfreitag - 30.III.2018                                                                                                      

                Hebräer 9, 15 + 26b-28

Liebe Gemeinde!

Sterben ist nicht nur das ewige Gesetz und letzte Geheimnis des leiblichen Lebens, und die Verlusterfahrung der Hinterbliebenen eines Verstorbenen ist nicht nur eine seelische und emotionale Erschütterung.

Vielmehr haben der Vorgang des menschlichen Dahinschwindens und die Tatsache des Nicht-mehr-Seins eines Menschen neben allen persönlichen Schmerzen auch eine völlig nüchterne, glasklare Bilanz und Bedeutung. … Der Tod als Tatsache ist ein juristischer Sachverhalt: Ein Tod hat rechtliche Folgen. Immer. ……. ——

Das ist eine der Schamschwellen, die die leidige Todeswirklichkeit zu einem so entlegenen Anbau der Welt machen, dass wir diesen Raum, auf den die Fluchten unseres Daseins alle hinführen, kaum mehr betreten … und wenn es denn doch sein muss, so erst dann, wenn’s keine Umkehr und also auch keine Vertrautheit damit gibt.

Der Tod jedenfalls löst ungerührt bestehende Rechte auf und schafft rechtlich und ökonomisch neue Verhältnisse Ansprüche des Toten verfallen oder gehen auf den Nächsten über; manche verlieren seelisch und materiell Kostbares durch einen Tod, die anderen gewinnen ein Erbe.

Der Tod ist also ein Umverteiler: Auch das macht ihn in Gesellschaften, denen Haben viel bedeutet, so unbeliebt. … Nehmen und Geben verursacht der Tod, Besitzen dagegen ist bei ihm unmöglich. ——

Der juristisch und praktisch folgenreiche Tod mutet uns allerdings als Karfreitagsthema befremdlich an.

Wo bleiben die erwartbaren geistlichen Motive – Stellvertretung, Sünde, Sühne –, … jene Schlüsselreize, die den Tag der Kreuzigung Jesu bei uns entweder zu einem Hochfest der Dogmatik oder zu einer Generalabrechnung mit überholten, unverständlichen Traditionen machen? …

Nun, diese ganz und gar zentralen theologischen Anliegen sind beim Verfasser des Hebräerbriefes bestens aufgehoben. Aus seiner anspruchsvollen, schöpferischen und schriftgelehrten Meditation über das Kreuzesopfer Jesu stammen mit die wichtigsten Vorgaben für alles Denken und Deuten der Passion.

Aber der hochgebildete, griechischsprechende Judenchrist, der beinah als Erster versuchte, dem betäubenden Schmerz über Jesu Liquidierung durch die Römer einen eigentlichen und ewigen Sinn im Licht der Heiligen Schrift und der apostolischen Predigten abzugewinnen, … dieser hebräische Herkules, der eine Pionieraufgabe der Kreuzestheologie übernahm … er war wirklich von beinah enzyklopädischer antiker Bildung: Er kannte nicht nur die Schriften Israels und seine gottesdienstliche Praxis, er war nicht nur mit der griechischen und jüdischen Philosophie seiner Tage vertraut, er lebte nicht nur als Übersetzer zwischen jüdischer und christlicher und heidnischer Wirklichkeit und wurde dabei zu einem Sprachschöpfer des Griechischen wie nach ihm vielleicht nur noch Luther für unsere Muttersprache, … – nein, der Apostel für die Hebräer war auch schlicht von unerschrockener Eigenständigkeit, ja Originalität.

Als einziger Zeuge im Neuen „Testament“ nimmt er nämlich bewusst wahr und in seine Überlegungen auf, dass dieser zentrale Begriff – das „Testament“ – , den noch wir heute nutzen, ein juristischer ist.

Im Griechischen ist das Wort sogar noch umfassender und vielseitiger ein rechtlicher Terminus: Διαθήκη hat nämlich die Doppelbedeutung von „Bund“ und „Testament“. Es benennt den Bündnis- und den Erbfall, regelt also Zusammenschlüsse und Nachfolge.

Und in seinem vertieften Betrachten und Ergrübeln und Durchforschen des rätselhaften, sinnlos-stummen Todes seines Herrn geht dem Hebräerapostel auf, dass dieser nicht nur ein Opfer gebracht hat, das einen unverbrüchlichen Bund, ein Treue- und Verpflichtungsverhältnis zwischen Gott und den Sündern stiftet.

Feierlich und schauerlich besiegelte Bündnisse sind nämlich nur das eine, das der übliche Begriff bezeichnet, mit dem Christus der „Mittler des neuen Bundes genannt wird.

Das andere ist das Institut und Dokument, die uns ermöglichen, zu übernehmen, was ein Verstorbener uns testamentarisch, also in seinem letzten Willen rechtskräftig hinterlassen hat.

Christi Opfer macht uns demnach zu Partnern und Erben. Er setzt gleichsam sein Leben ein – in seinem vergossenen Blut – um den angefochtenen Bund Gottes mit uns zu festigen, und er verfügt mit seinem letzten Willen, dass sein Tod uns zu Empfängern eines Anspruches macht, den bisher er allein besaß, … des Anspruchs auf Leben in Gott!

Beide Vorgänge sind rechtlich.

Und bei beiden ist der Kreuzestod kein unerklärlicher Unfall, kein bloß brutaler Willkürakt. Die Verteidigung des Gottesbundes mit dem eigenen Leben und die Übertragung eines Erbes nach dem eigenen Tod sind vielmehr jeweils höchst vollmächtige und freie Entscheidungen dessen, der sich einsetzt und über sich verfügt, der sich und das Seinige hingibt … und der das selbst bestimmt. ——

Durch seine sprachschürfende und wägende Nachdenklichkeit hat der Verfasser des Briefs an die Hebräer also eine schlüssige und erhellende Deutung des Karfreitagsgeschehens erreicht, die anders als die heute weithin übliche Kapitulation vor dem Unerklärlichen dieses Sterbens wirklich etwas Sinnvolles darin zu erkennen hilft.

Wenn Israel immer schon den „Bund“ als das Medium bezeugt, in dem das Verhältnis zwischen Gott und Seinen Menschen vermittelt wird, dann ist es fundamental konsequent zu bekennen, dass Christi Tod hier das neue Medium ist: Eine Besiegelung mit bloßer Tinte, mit Handschlag, Schwurritual oder anderen Gesten galt noch nie als angemessen für den singulären Vorgang, dass Sterbliche mit Gott verbündet werden; stattdessen wurde die existentielle Lebensnotwendigkeit dieser Verbindung von Anfang an mit Blut, dem Stoff des Lebens schlechthin bekräftigt.

In der israelitischen Gründungsgeschichte geschah dies mit dem Blut der Opfertiere … auch damals also schon die biblische Sanktion gegen jedwede dem Menschen von außen auferlegte Verletzung; stattdessen wird der Mensch ersetzt, … vertreten.

Weil aber dieser Bund von der menschlichen Seite stets gefährdet, übertreten und verdrängt, vergessen, angezweifelt und bekämpft wurde, darum hat Gott schließlich einseitig … und ganz bewusst den für den Bundesschluss unverbrüchlich verbindlichen Akt vollzogen – abermals durch einen Akt der gültigen Stellvertretung: Besiegelt mit dem Blut des Mittlers, das nicht im Namen der Menschheit, sondern als bekräftigende Gabe Gottes eingesetzt wurde, hat Er den bleibenden Bund vermittelt.

Christi Leben ist also begründend eingegangen in das ewige Bleiben des Bundes.

Und Golgatha ist also der Ort eines theozentrischen Rechtsaktes, einer von Gott mit höchster Bindekraft beschworenen, besiegelten und vollzogenen Ordnung der Weltwirklichkeit. ——

Das ist für unser wildes und resigniertes Denken, das sich mit Ahnungen von Anarchie und Nihilismus und Absurdität abgefunden zu haben scheint, eine Zumutung.

Wir sind es gewohnt, die Kreuzigung Jesu nicht als Rechtsakt, sondern im schreienden Gegensatz als Inbegriff des totalen Unrechts zu betrachten.

Es kommt unserem chaotischen und überforderten, allenfalls noch empathisch-erregten Grundgefühl entgegen, dass wir an Karfreitag das Scheitern der Ordnung, die Entfesselung des Negativen zu erfassen behaupten, dem wir dann mit Notmaßnahmen oder maximalem Tugendterror oder politischer Rhetorik begegnen. …….

Der neuzeitliche Mensch wird jedenfalls um seine ganze krisenhafte Selbstermächtigung gebracht, wenn er hören und bedenken soll, dass das, was empörend und erschöpfend schrecklich auf ihn wirkt, aus einer höheren Sicht und – wagen wir’s?! – aus einer höheren Systematik mit rechten Dingen zugeht, ja sogar das Recht des Menschen allererst, … dann aber auch final begründet. ——               

Diese Deutung des äußerlich, historisch zweifellos völlig ungerechtfertigten und zynischen Pilatus-Urteils im Licht einer souveränen und rechtstiftenden Absicht Gottes, ist für das Christentum nun aber von fundamentaler Wichtigkeit gewesen.

Als Sekte, die das Sinnlose verklärt, als perverse Gemeinschaft des Paradoxen hätte sich die Gemeinde des Gekreuzigten und Auferweckten nicht verständlich machen können in einer Umgebung, die von der reflektierten und praktizierten Gesetzestreue der jüdischen Welt, vom differenzierten logischen Empfinden der Griechen und von den strengen römischen Juristenschulen geprägt war. Ein bloßer Kult des Justizirrtums, ein Ressentiment der a-moralischen Reaktion auf das als Unrecht Erlebte wäre tatsächlich in Jerusalem, in Athen und vor dem Forum der legalistischen Lateiner krachend untergegangen.

Das Kreuz als Symbol für die ersatzlose Auflösung allen Rechtes wäre ein verheerendes … und alsbald implodierendes Zeichen geworden.

Sein eigentlicher Skandal entfaltet sich aber eben auch nicht in solcher Negativität, sondern im kühnen und klaren Argument, dass hier menschliches Unrecht durch eine gültige und gewollte Rechtsetzung Gottes umgekehrt und überboten worden ist. In der Sprache der Alten heißt solche überbietende Korrektur des Unrechts durch höhere Gerechtigkeit: Am Kreuz geschah die Erlösung von den Übertretungen, das Kreuz brachte die Aufhebung der Sünde

So ist nun also die gewaltige und auf die maßgeblichen Rechts- und Denktraditionen Israels und der Heiden zielende Kreuzestheologie des Hebräerbriefs eine kanonische und konstruktive Grundlegung der christlichen Kirche, die nicht antinomistische, also ordnungs- und gesetzesfeindliche Prinzipien, sondern das von Christus mit seinem Opfer verbürgte Gesetz Gottes vertritt: Das Gesetz einer Gerechtigkeit, die Gott in Kraft setzt und anwendet durch die bundesstiftende Hingabe Jesu Christi.

Die rechtliche Gültigkeit dieser Gerechtigkeit ist von Gott durch Blut besiegelt – und vonseiten des Menschen muss sie im Glauben anerkannt werden. ———  

Diese Rechtsordnung Gottes ist am Karfreitag ein für allemal in Kraft getreten.

Die unwiederholbare Gültigkeitserklärung des Bundes ist dem Apostel der Hebräer dabei besonders wichtig, weil sie zur Objektivität des am Kreuz ratifizierten Gottesrechtes notwendig ist. … Gott lässt den Bund und die Verheißung, die Διαθήκη also als Rechtsanspruch und Testament nicht etwa von Fall zu Fall, von Person zu Person, von Situation zu Situation anwenden und gelten, sondern Er hat die apodiktische, die unbedingte Geltung des Zugangs zu Ihm und der Aussichten bei Ihm im einmaligen und für immer hinreichenden Faktum des Kreuzestodes Jesu Christi bestätigt.

Daneben ist kein subjektives Geschehen, kein Einzelereignis, kein privates Erlebnis, keine Gnadenerfahrung im Leben eines Christen von vergleichbarer Bedeutung:

Gerettet wird jeder, der gerettet wird, durch das, was am heutigen Tag in römischer Zeit zwischen dem Gerichtspflaster Gabbatha (vgl. Joh19,13) und der Hinrichtungsstätte Golgatha geschehen ist.

Der unvergleichliche niederländische Erweckungsprediger aus dem Wuppertal – Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803-1875) – hatte also im strengen Sinne recht, wenn er – sonst ganz und gar Pietist – ein subjektives Erlebnis des Durchbruchs zu Glauben und Gotteskindschaft ablehnte und auf die Frage nach seiner Bekehrung schlicht zu antworten pflegte: „Vor  neunzehnhundert Jahren auf Golgatha!“ ——

Mit einem herrlichen, eigentlich rein theologischen Ausdruck der Juristensprache müsste man das Kreuz darum als die „Ewigkeitsgarantie“ des erneuerten, des ewigen Bundes und Testamentes bezeichnen.

Sein unumstößlich ewiger Bestand hat nun aber eine direkte, für jeden Menschen persönliche und dabei doch konsequent rechtliche Folge.

Diese wird vom Apostel des Hebräerbriefes in großer systematischer Stringenz darum auch benannt:

Sterben als das ewige Gesetz und letzte Geheimnis des leiblichen Lebens versetzt jeden Menschen nämlich ein letztes Mal in eine juristische, genauer gesagt eine „forensische“, also gerichtliche Entscheidungssituation.

Die einmalige und unwiderruflich entscheidende Lage, wenn mit der Vollendung des Lebens auch unser Recht und unsere Rechtsansprüche sich erfüllen, indem sie sich entweder als gültig oder nichtig erweisen, … diese einmalige Lage ist nach altchristlicher, d.h. neutestamentlicher Überzeugung aber genauestens verknüpft und gebunden an das einmalige, unwiderrufliche Geschehen des Karfreitag.

… Wessen eigenes Sterben, wessen Biographie und Wesen, wenn sie vollbracht sind, also im schlüssigen Zusammenhang, in einer Rechtsbeziehung zum Tod Jesus Christi stehen, dem wird der in Christus erneute Bund dann auch zum neuen Testament, zum Erbe der Verheißung.

Wer das objektive Recht Gottes also anerkennt, das im Selbstopfer des Mittlers gesetzt und gesiegelt wird, der wird schließlich auch Subjekt dieses Rechtes werden, wenn er die verbürgten Rechtsgüter der Sündenfreiheit, der Gottesnähe, des Heiles und des Lebens empfangen darf.

Die Rechtsbeziehung, die in diesem Bund demnach gesetzt ist, heißt Glauben.

Und der Rechtstitel, den dieses Testament verbrieft, ist die Seligkeit. ———

Gewiss klingt das, was der Hebräerbrief in profunder und präziser Weise auslegt, in unseren viel weniger streng an rabbinischer Kasuistik, philosophischer Verstehenskunst und römischen Rechtssentenzen geschulten Ohren abstrakt, … oder  trocken, … oder befremdlich, … oder alles auf einmal.

Und doch ist es ein bis heute nicht übertroffener Gewinn, wenn wir gerade an Karfreitag nicht den Verzicht auf’s Verstehen und nicht den Triumph des Destruktiven und nicht die Flucht in klagendes oder anklagendes Pathos erleben müssen, sondern in sachlicher  Zucht und Seelenruhe meditieren können:

Menschliches Unrecht scheitert an göttlichem Recht.

Die menschliche Sünde scheitert an der göttlichen Gerechtigkeit.

Und die prinzipielle Norm des Todes scheitert an der göttlichen Liberalität, weil Gott einen Bund und ein Testament gemacht, deren Inhalt ist: Allen, die das Opfer meiner Selbsthingabe in Vollmacht verbindlich bestätigen, gewähre Ich das Leben mit Mir.

Darum ist dieser Tag, an dem wir den Sieg des Rechtes und der Freiheit Gottes über den Sünden- und den Todeszwang bezeugen, unser höchster Feiertag.

… Bis Ostern.

Amen.

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