Heiligabend, Christvesper, Mutterhauskirche, "Rom oder Bethlehem", Ulrike Heimann

Thema: „Rom oder Bethlehem - Augustus oder Jesus"

Liebe Gemeinde,

jedes Jahr hören wir sie wieder, die Weihnachtsgeschichte des Lukas, die gute Nachricht schlechthin; eine Geschichte angefüllt mit Bildern, die zu uns sprechen - auch ohne Auslegung; eine Geschichte - erdacht und aufgeschrieben, um eine Botschaft zu den Menschen zu bringen, die sie betrifft mit Haut und Haaren, als Wesen mit Verstand und Gefühl.

Kein Märchen für verträumte Stunden am Kamin, sondern der - wie ich meine - gelungene Versuch, die Geschichte Gottes, die Heilsgeschichte, einzuwurzeln in unsere profane Weltgeschichte, die Wirklichkeit Gottes aufleuchten zu lassen in der Realität unseres Alltags.

Die Weihnachtsgeschichte antwortet auf die tiefste Sehnsucht des menschlichen Herzens nach einer Heilung der Zerrissenheit unseres Lebens, nach Wiederbringung des Paradieses nicht als weltfremde Idylle, sondern als Ort in dieser Welt, wo Gott und Mensch sich begegnen.

Ich lade sie ein, mit mir nachzuspüren, wie diese Begegnung Gott und Mensch aussieht, das Aufeinandertreffen von Heilszeit und Weltzeit - und was sie für beide Teile bedeuten.

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging von dem Kaiser Augustus ..." Mit dieser Weltzeit-Ansage beginnt der Evangelist seine Geschichte. Es ist die Zeit des Kaisers Augustus. Augustus ist nun nicht irgendein Herrscher vor 2000 Jahren, sondern er ist der  Herrscher der damaligen Welt. Er ist der Repräsentant aller denkbaren Macht - was sich ja in seinem zum Eigennamen gewordenen Titel niederschlägt: „Augustus" - der Erhabene, der Anzubetende. Der erste „Gott-Kaiser". Bei ihm lief nicht nur alle weltliche Macht zusammen, sondern er war auch Träger religiöser Hoffnungen und Erwartungen. Das macht eine Inschrift, die 1890 in der Stadt Priene in Kleinasien entdeckt wurde, eindrücklich klar. Dort heißt es anlässlich der Einführung des julianischen Kalenders am Neujahrstag des Jahres 9 v.Chr., der gleichzeitig Geburtstag des Kaisers war: „Dieser Tag, der Geburtstag des Kaisers, hat der Welt ein anderes Gesicht gegeben. Sie wäre dem Untergang verfallen, wenn nicht in dem heute Geborenen für alle Menschen ein gemeinsames Heil aufgestrahlt wäre .... Wer richtig urteilt, wird in diesem Geburtstag den Anfang des Lebens und der Lebenskräfte für sich erkennen ... Die Vorsehung, die über allem Leben waltet, hat diesen Mann zum Heile der Menschen mit solchen Gaben erfüllt, dass er uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt ist.  Jedem Krieg wird er ein Ende setzen und alles herrlich machen. In seiner Erscheinung sind die Hoffnungen der Vorfahren erfüllt. Er hat nicht nur die früheren Wohltäter der Menschheit allesamt übertroffen, es ist unmöglich, dass je ein größerer käme. Mit dem Geburtstag des Gottes beginnt für die Welt das Evangelium, das sich mit seinem Namen verbindet."

Ich denke, wer diesen Text zum ersten Mal gehört hat, ist genauso überrascht, wie ich es war, als ich ihn zum ersten Mal gelesen habe. Die Wortwahl weist unübersehbare Parallelen zu den Texten der biblischen Verkündigung an Weihnachten auf. „Heil strahlt auf", Augustus wird „Heiland" genannt, er bringt ein „Ende des Krieges", in ihm erfüllen sich die „Hoffnungen der Vorfahren", mit seinem Namen verbindet sich das „Evangelium". Diese Worte haben auch eine Entsprechung in der bildenden Kunst. Auf dem Deckblatt des Gottesdienstprogramms sehen sie die Statue des Augustus. Ins Auge fallen der prachtvoll dekorierte Brustharnisch, die gebieterisch die Richtung weisende Hand, die Lässigkeit, mit der er das lanzenförmige Zepter hält. Einsam und unnahbar steht er auf seinem Sockel, steht er da als Herr der Welt, die ihm zu Füßen liegt.

Zu allen Zeiten haben solche Herrschergestalten die Menschen gleichzeitig erschreckt und fasziniert. Ihre unermessliche Macht, diese Macht über Wohl und Wehe der ihnen untergebenen Menschen, diese Macht über Leben und Tod - sie ließ sie über das menschliche Maß hinauswachsen, machte sie zu Trägern göttlicher Verehrung. Wer, wenn nicht sie, wären in der Lage, aus ihrer Machtfülle heraus die Missstände und Nöte der Zeit und Geschichte zu beheben? Wer, wenn nicht der, der die größten Heere unter seinem Oberbefehl hat, kann der Welt den Frieden bringen?

Und damals, zur Zeit des Augustus, herrschte da nicht „Pax augustana", war seine Zeit nicht eine Zeit des Friedens - alle Aufstände niedergeworfen, alle Provinzen eingegliedert in die römische Verwaltung, die Grenzen des riesigen Reiches befestigt und von vielen Legionen gesichert?

War es also ein Wunder, dass die Menschen in ihm den göttlichen Heilsbringer sahen?

 

Die politischen Entwicklungen in den letzten Jahren halten uns doch klar vor Augen, dass offensichtlich keine Gesellschaft, auch keine der Demokratien in der westlichen Welt davor gefeit ist, dass nicht in ihrer Mitte auf einmal einer auftritt, der sich als starker Mann präsentiert, der's schon richten wird, der sich die Wirklichkeit so zurechtbiegt, wie es ihm passt; und wenn er nur dreist genug ist und dabei auch noch über das nötige Kleingeld verfügt, dann wird ihm „geglaubt". Der Verstand bleibt außen vor.

Ist solch eine Gestalt nicht eine immerwährende Versuchung in unserem Denken? Einfach deshalb, weil „Groß-Sein", „Mächtig-Sein", „Reich-Sein" für uns Werte sind, die uns anziehen? Werte, an die wir glauben, weshalb sie für uns zu göttlichen Werten geworden sind. Sodass Menschen geradezu Gott in denen zu begegnen meinen, die in großem Maße über Macht, Ansehen und Reichtum verfügen. Denn darin haben sie ja Anteil an Gott, an seiner Macht, an seinem Reichtum. Darum strecken sie sich aus nach Macht, Ansehen und Reichtum, streben sie nach oben.

Wie hieß es in der Inschrift: „Mit dem Geburtstag des Gottes beginnt für die Welt das Evangelium, das sich mit seinem Namen verbindet."

Wir merken: die Zeit des Augustus ist eben mehr als nur eine historische Zeitangabe. Sie steht vielmehr für ein Menschen- und Gottesbild, das geboren ist aus der Liebe zur Macht.

Das Evangelium des Augustus - ein Evangelium, eine frohe Botschaft für die, die an solcher Macht Anteil haben, die davon ziemlich ungeniert profitieren. Aber das war damals und ist es bis heute eine kleine Minderheit, global wie lokal. Für die überwältigende Mehrheit sah und sieht das Evangelium des Augustus ganz anders aus. Darüber gibt z.B. der Bericht des Römers Laktanz über den Ablauf römischer „Volkszählungen" Auskunft. Dort heißt es:

„Die Steuerbeamten erschienen allerorts und brachten alles in Aufruhr. Die Äcker wurden Scholle für Scholle vermessen; jeder Weinstock und Obstbaum wurde gezählt, jedes Stück Vieh registriert, die Kopfzahl der Menschen wurde notiert. In den Städten wurde die Bevölkerung zusammengetrieben, alle Marktplätze waren verstopft von herdenweise aufmarschierenden Familien. Überall hörte man das Schreien derer, die mit Folter und Stockschlägen verhört wurden; man spielte Söhne gegen Väter aus, die Frauen gegen ihre Ehemänner. Wenn alles vergeblich durchprobiert war, folterte man die Steuerpflichtigen, bis sie gegen sich selbst aussagten. Und wenn der Schmerz gesiegt hatte, schrieb man steuerpflichtigen Besitz auf, der gar nicht existierte. Es gab keine Rücksichtnahme auf Alter und Gesundheitszustand."

 

Dagegen setzt Lukas sein Evangelium - ein Evangelium für die, die unter der Machtentfaltung des römischen Imperiums leiden, die sich nicht im Glanz von Ansehen und Reichtum sonnen können. Ein Evangelium für die, die von den römischen Steuereintreibern ausgepresst werden, für die, die von den anständigen Bürgern gemieden als Hirten ihr kümmerliches Dasein fristen, Gestalten der Nacht, Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Ein Evangelium unter völlig anderen Vor-Zeichen: nicht ein Mann ausgestattet mit Macht, Reichtum und Ansehen, sondern ein Säugling, hilflos, ganz und gar angewiesen.  „Das habt zum Zeichen: ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." Während sich dem Kaiser Augustus als Sohn Gottes die Welt zu Füßen legt, legt sich in diesem Kind Gott selbst der Welt zu Füßen. Ohne Harnisch, ohne Zepter, ohne Lanze - wehrlos in einem Futtertrog.

Wahrhaftig - ein anderes Evangelium!

Die Begegnung Gott - Mensch, eine Begegnung der anderen Art. Ganz anders als bis dahin Menschen sie gedacht haben. Beileibe keine Idylle, wie viele Krippendarstellungen sie hervorrufen, sondern für die Zeitgenossen des Lukas eine unerhörte Provokation. Das Evangelium, das sich mit diesem Namen, mit Jesus, verbindet, das ihn den Heiland nennt, es stellt alle bis dahin gültigen Werte und Vorstellungen von göttlicher Macht auf den Kopf. Rom, auf das alle Straßen der Welt zulaufen, rückt an den Rand - und ein Stall im Rande der kleinen Siedlung Bethlehem in der judäischen Provinz rückt in den Mittelpunkt. Und mit ihm alle die, über deren Existenz die Weltgeschichte achtlos hinweggeht - damals wie heute. Und das deshalb, weil sich Gott so überraschend anders zu erkennen gibt.

Gott wird schwach in dem Kind - damit wir uns unserer Schwachheit nicht mehr schämen brauchen.

Er wird verletzlich und verwundbar - damit wir nicht mehr Stärke vorspielen müssen.

Er wird hilfsbedürftig - damit wir fähig werden, unsere Hilfsbedürftigkeit anzunehmen.

Er wird klein und unscheinbar, damit wir unseren „Gotteskomplex" loswerden, d.h. unser krampfhaftes Bemühen, uns immer nach oben hin zu orientieren. Wir brauchen nicht mehr alles darum zu geben, in die erste Reihe zu kommen, auf den ersten Platz, auf die Titelseite, weil wir glauben, dass sich da unser Lebenstraum erfüllt. Wir brauchen uns nicht selbst zu inszenieren wie Augustus, wie heute Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Erdogan. Da oben gibt es nichts zu gewinnen, da verlieren wir uns nur selbst, auf jeden Fall unseren Anstand, jedes ethische Maß und unsere Fähigkeit zur Empathie.

Das Evangelium, das sich mit dem Namen Jesus verbindet, macht das Kleine groß, befreit uns weg von dem Streben nach Größe hin zu den Menschen an unserem Weg. Der, der da in der Krippe liegt, wird einmal von sich sagen: „Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu Essen gegeben, ich war einsam, und ihr habt mich besucht. Denn was immer ihr irgendeinem der Kleinen und Geringen getan habt, das habt ihr mir getan."

Das Evangelium des Lukas, es ist eine Geschichte von der Macht der Liebe, die er den Menschen einer Welt und Zeit erzählt, deren Geschichte geprägt ist von der Liebe zur Macht.

Und das ist - Gott sei es geklagt - nicht nur die Welt und Zeit des Augustus vor 2000 Jahren, sondern das ist auch unsere Welt heute. Es ist das Evangelium für alle die, die am Rande leben - global wie lokal - und für die, die die Menschen am Rande und im Abseits in ihre Hoffnungen auf Heil und Frieden  miteinschließen. Es ist das Evangelium für die, die nicht nach oben streben, sondern die sehen und wissen, was „unten" geschieht. Diese Menschen hören: Gott begegnet euch in eurer Dunkelheit, in eurer Schwachheit, in eurer Not. Da unten, da ist er, da legt er sich in seiner Liebe euch zu Füßen und schenkt euch damit Würde und Ansehen. Diese Botschaft ist so unerhört neu, dass Lukas sie nur verstehen kann als Botschaft von Engeln gesagt. Wie hätte sie auch von Menschen, die eingebunden, ja ausgeliefert sind in die Sehweise und in die Wertevorstellungen ihrer Zeit, wie hätte sie von diesen erdacht werden können?

Und so kommt sie heute Abend auch an uns heran als ein Evangelium aus einer anderen Welt, in der andere Maßstäbe, andere Werte gelten als in der Welt des Augustus, als eine Botschaft aus Engelmund. Und auch uns rufen sie zu: Fürchtet euch nicht! Lasst euch ein auf etwas ganz anderes, auf etwas völlig Neues: auf die Heiligung des Kleinen, auf die Bewegung hin zu denen, die schwach sind und hilfsbedürftig. Betrachtet die Welt aus der Perspektive Gottes, nämlich von unten. Entdeckt in den Kleinen und Schwachen, in den Armen und an den Rand gedrängten Gottes Macht als Macht der Liebe, die Heil schafft von unten her.

Und wie die Hirten gilt es auch für uns: dass wir hingehen müssen, um zu sehen, was geschehen ist. Dass wir uns auf den Weg machen müssen, Gott in seiner Verletzlichkeit zu finden, mit der er uns aufruft zur Liebe und Zuwendung. Und indem wir zur Liebe finden, indem wir unser Herz anrühren lassen zur Liebe gegenüber dem, der schwach und verletzlich ist, wie ja ein neugeborenes Kind ein einziger Anruf an fürsorgende Liebe ist, werden uns ungeahnte Kräfte und Möglichkeiten zuwachsen. Indem wir tatkräftig lieben, ehren wir Gott und lassen wir den Gott der Liebe wahrhaft mächtig und groß unter uns sein.

Amen.

 

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