Gedenktag der Entschlafenen 26.11.2017 Stadtkirche Offenbarung 14,13 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Ewigkeitssonntag - 26.XI. 2017                                                                                         

                Offenbarung 14,13

Liebe Gemeinde!

Man solle nicht „Totensonntag“ sagen, heißt es immer.

Der eigentlich korrekte Begriff für diesen letzten Auferstehungsfeiertag im Kirchenjahr sei „Ewigkeitssonntag“:

… Auf die, die dann anbricht, wenn alles abbricht, sollen wir schauen.

Auf das Ufer, an dem unsere schäumende und zu Gischt verwehende Zeit anbrandet.

Auf das Größte, Festeste und Unendlichste.

… Doch auch wenn wir das von Herzen gerne wollen – hinüber auf das gelobte Land dort im unwandelbaren Licht zu blicken –, reicht das im Sturm und Strudel der Vergänglichkeit manchem Seefahrer einfach nicht. Zu zerzaust, zu zerrissen sind die Gefühle und Wahrnehmungen, wenn man einmal Schiffbruch erlebt hat, wenn man Zeuge wurde, wie die Tiefe und das Dunkel Mitreisende und Gefährten verschlingen. Versunken sind sie, die eben noch an unsrer Seite durch das Leben zogen. … Wir sind hier, immer noch oben, immer noch Luft und Wind ausgesetzt, mal im Tosen, mal in schrecklich stummer, quälender Flaute.

… Doch sie? Hat ein Abgrund sie geschluckt? Sind sie von der Urflut, dem Chaos oder dem Schweigen erfasst worden und uns für immer entrissen?

… Lohnt sich da unsere Überfahrt überhaupt noch? Wartet denn irgendwo wirklich ein Hafen? Gibt es das Land, das sie die „Ewigkeit“ nennen tatsächlich – oder irren wir bloß ohne Leitstern und ohne Ziel vergeblich über einer trügerischen Finsternis, die früher oder später aufreißen und auch uns in sich einsaugen wird? ——  

Wer sich mit solchen Fragen trägt, … mit Fragen, die den jenseitigen weiten Horizont der Ewigkeit verblassen lassen, weil das einzelne Bild eines Abwesenden, eines Vermissten so sehr in den Gedanken brennt – wer sich mit solchen Fragen trägt, der kann verstehen, dass der große, ernste Abschluss des Kirchenjahres mit seiner Botschaft vom Ende und vom Ewigen nicht nur vom Volksmund einen anderen Namen empfangen hat: Es war ein sentimentaler, aber auch tatsächlich frommer König – der immer etwas gehemmte und von seiner Verantwortung in den Befreiungskriegen und ihren massakerartigen Völkerschlachten belastete Friedrich Wilhelm III. von Preußen, – der den Ewigkeitssonntag 1816 offiziell zum „Gedenktag der Entschlafenen“ bestimmte.

Und nicht nur die Abertausende Opfer der napoleonischen Konflikte, sondern auch die Trauer und Erinnerung, die immer noch seiner früh verstorbenen Gemahlin Luise galten, ließen die königlich angeordnete Erinnerungsfeier für die Toten sehr rasch zu einem Tag werden, den die evangelischen Kirchen aus Überzeugung begingen. Die Bitterkeit von Witwen und Waisen, die das große Blutvergießen hinterlassen hatte, aber auch der Schmerz jeder anderen Familie um ihre Angehörigen fand an diesem Tag den Anlass, mit dem Gedanken an die verlorenen Geliebten vor den ewigen Gott zu treten und zu erfahren, dass dort nicht nur Unermessliches und Endgültiges zählt und zu finden ist, sondern jeder Einzelne, jeder Einsame.

Die allgemeine, ungerührte, hohe Ewigkeit und die persönliche, unruhige Sehnsucht nach den nächsten Menschen verbinden sich also in diesem historisch bedingten und seelisch doch so unbedingten letzten Gottesdienst des Kirchenjahres.

Weil wir aber keine abstrakten Ideen, keine Konzepte oder Dogmen brauchen, wenn uns Tränen, Traurigkeit und Tragik das Hoffen und das Glauben schwer machen, darum ist es nur recht und menschlich, dass die Gemeinde sich seit zweihundert Jahren nicht die korrekte Bezeichnung, sondern das Herzensanliegen dieses Tages zu eigen gemacht hat, und wenn sie ihn benennt, dann auch diejenigen mit anspricht, um die es schon 1816 ging und immer gehen wird, solange wir Sterblichen noch leben. Es geht uns um die Toten, die wenn ihr Leben im Sterben verlischt ja nicht auch zugleich aus unserem Leben gelöscht werden.  

…Wir tragen sie mit uns, sie bewegen und begleiten uns innerlich weiter.

Wenn jedoch  ihre Gesichter und Namen, ihre Gestalt und Geschichte vor Gott keinen Ort mehr hätten, wenn wir im Gottesdienst nicht von ihnen sprächen und nicht mit ihnen im Herzen beten und singen, predigen und bekennen dürften, … dann wäre es schlimm um die Kirche bestellt. Dann wäre es unmenschlich im Haus des menschgewordenen Gottes.

Und so dürfen wir dankbar sein, dass alle theologische Vorsicht, die dem Tod nicht zu viel Macht einräumen mag, es nicht vermocht hat, die Tiefe lebendiger Verbundenheit zuzuschütten, die im landläufigen Namen „Totensonntag“ steckt. Denn Verbundenheit ist es und bleibt es, dass wir an diesem Tag nicht alleine für uns nach drüben, in die Ewigkeit blicken, sondern dass wir es mit jenen Gedanken und jenem Verlangen tun, die den Toten gelten … und sie auch nennen. ———

… Dann aber sind wir wieder in jenem Bild und jener Wirklichkeit der ungewissen Überfahrt, des bedrohten und unheimlichen, des von Nebelbänken und rückwärtsgewandter Angst erschwerten Weges durch die Zeit:

Liegt vor uns wirklich etwas oder rechnen wir nicht statt mit der Entdeckung einer neuen Welt wie die Seefahrer des Mittelalters damit, dass man am Ende auf nichts mehr stößt, sondern einfach herausfällt aus der Wirklichkeit?

Und ist unseren Toten nicht genau das widerfahren, … dass sie zwar verschwunden, aber nirgends angekommen sind?

… Wo sind sie also, … die, deren Name und Bild und Gedächtnis der heutige Schluss des Glaubensjahres lebendig hält?

Wo sind sie?

Wie steht es um sie? ……. ———

Und da hören wir von ganz weit vorne, vom Bug des christlichen Zeitkreuzers, vom Ausguck des Anfangs einen Seher rufen, den Seher Johannes.

Und was er uns zur Antwort auf alle Fragen der Trauer und der Traurigkeit zuruft, das ist wie der Entdeckerruf der Pilgerväter und wie der Strahl des höchsten Leuchtturms über dem fernsten der sieben Weltmeere!

Denn der Seher Johannes, der noch zur ersten Generation der Apostel gehörte, die im Licht des Ostersieges den Tod schon für endgültig entwaffnet hielten und hofften, lebend zum Reich Gottes eingehen zu dürfen, … dieser Johannes, der nicht erwartete, was kam – nämlich dass Leiden und Verfolgung und Martyrium und Trübsal mit aller Macht über die Auferstehungs-Gläubigen losbrachen …dieser Johannes sieht, dass das Land der Lebenden dennoch in Sicht ist, auch wenn der Tod seine Glaubensgeschwister verschlingt.

Und diese Entdeckung schreit er kräftig durch die Nacht und sie trägt bis zu uns heute.

Gekleidet aber ist die Meldung über das Schicksal der Verstorbenen in die Urform der Heilszusagen Christi, in die alt-ehrwürdige und kräftige Gestalt der Seligpreisungen. Mit Seligpreisungen fängt also nicht nur Jesu Verkündigung bei der Bergpredigt an – nach dem biblischen Vorbild des Psalters, der den gleichen Auftakt hat –, sondern Seligpreisungen durchziehen auch das letzte Buch der Bibel. …

Seligpreisungen: Eigentlich aber sind das doch Eröffnungen, die einen Zugang schaffen und Lust machen sollen, sich einem Lebensweg anzuschließen und in eine Lebensweise ein-zuüben.

„Selig ist, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, … sondern hat seine Lust am Gesetz des HERRN; … der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen.“ (Psalm1)

Seligpreisungen sind Aufrufe, mit denen der Beter David und der Messias Jesus den Sinn und den Lohn eines Lebens nach Gottes Wegweisung offenbaren und zur Nachfolge ermutigen.

Seligpreisungen sind Verheißungen eines Anfangs, dem der Zauber echten „Segens“ innewohnt.  … „Versucht’s, befolgt’s, ahmt’s nach – und Ihr werdet die Fülle, den Frieden, die Freude finden“: So öffnet sich der Horizont der Zukunft, wo immer uns eine biblische Seligpreisung ermutigt und bestärkt.—

Und darum ist es tatsächlich ein echter Durchbruch, eine endgültige Entdeckung wenn am Schluss des Neuen Testaments, an der Schwelle der himmlischen Welt sich genau das wieder findet, womit die irdischen Lebens- und Glaubenswege anheben.

Ende und Anfang entsprechen sich also!

Was Gott durch seine Boten, was er durch seinen Sohn verheißen hat – dass es wirklich möglich ist, Segen und Seligkeit zu finden –, das erfüllt sich tatsächlich.

Wer mit Gott anfängt, findet bei Gott auch Vollendung!

Wer auf Gott hin aufbrach und lebte, der gelangt auch zum Gott der Lebendigen.

Wer sich von Gott hat leiten lassen, den nimmt Er am Ende zu Ehren an.

Es ist tatsächlich so!, ruft der Seher Johannes, der am Anfang in die schwarze Nacht des Todes stiert: Nichts ist verloren bei den Toten, sondern die in dem Herrn sterben, der sie ursprünglich einst rief, an denen wird Gottes Zusage des sinnvoll gesegneten, seligen Lebens trotz allem unzweifelhaft wahr!

Nichts fehlt mehr, nichts quält mehr, wo eine Lebensreise im Zeichen des Glaubens, im Vertrauen auf Segen wie auch immer an ihr Ziel kommt.

Dort, wo das Suchen und Versuchen, dort, wo das Wollen und Wirken eines Menschen nicht mehr fort zu führen sind, da ist dennoch nicht etwa alles zu ende, sondern da findet es alles zur Ruhe, die verheißen ist. ——

Darum müssen wir vielleicht diesen Tag, an dem wir aus Liebe zu unseren Verstorbenen nach ihnen fragen und mit ihnen im Herzen nach Trost begehren, einmal wirklich ganz so begehen, dass wir mit ihren - nicht unseren! - Augen und Ohren nach dem Guten forschen, und müssen darum vielleicht unsere - nicht ihre! - Lage als das in Wahrheit Ungewisse betrachten, als das, was nicht dauerhaft aufgeklärt ist, sondern immer noch angefochten und rätselhaft.

Denn auf unserer Lebensreise sind bisher nur die Rufe zum Einsatz, die Winke und Signale, dass alles eine Richtung und einen Sinn haben soll, erklungen, … auf unserer Lebensreise sind bisher nur die Seligpreisungen, die dem Dasein seinen Anstoß und seine Dynamik geben, laut geworden: Wir sind getauft, wir haben unsere Aufgaben und Erfahrungen ergriffen, wir leisten und wir leiden, wir lieben und lassen einander, wir sind auf dem richtigen Kurs oder vollkommen verwirrt, wir hoffen, zweifeln, kämpfen, kapitulieren, … wir wünschen und neiden und vermissen und träumen und kommen zuweilen voran und bleiben auch wieder zurück, wir wären gern treu und scheuen den Schmerz und scheitern an der Sanftmut und bemühen uns um Barmherzigkeit und jagen dem Frieden nach und wünschten uns stärker oder getroster und bangen und hoffen und drehen uns im Kreis und wissen nicht aus, noch ein. …

Kein Wunder also, dass wir verstört und voller Not sind. Unser Leben ist im Lauf, es rast oder hängt fest, … es ist voller Anfänge und halber Sachen und mancher Erträge, doch hat es dabei keine unzerstörbare Gestalt und keine unumkehrbar gefestigte Prägung. ……. Immer kann’s anders kommen, immer kann es zerstoßen werden oder sich verfangen, alles kann sich noch auflösen, alles kann sich verselbständigen. …….

Wir sind im Fluß, das Leben läuft, wir rudern gegen seine Strömungen oder reiten seine Wellen, es wiegt und schaukelt uns harmlos und heimlich und spült uns mit einem Mal völlig anderswo hin, treibt ganz verkehrt oder schwindelerregend  vorbei und wir wüssten so gerne, ob und wie es gelingen und festgehalten werden wird.

Der eine Ruf aber, das eine Licht, das große Ziel, die uns erreichen und erscheinen, wenn vorne im Schiffsbug der ersten Christen der Seher sich hören lässt, … der Ruf und das Licht, die zeigen uns plötzlich unsere Toten ganz neu: Sie sind nicht mehr hin- und hergeworfen, … sie sind nicht mehr im Strudel der Zeit, … sie schwimmen nicht.

Ihre Mühe und ihr Tun verlieren sich nicht mehr wie unsere verschwommenen Tage und Taten.

Ihr Aufbruch hat zum Ziel geführt!

Ihr gelungenes – auch ihr verschwendetes – Menschsein ist zu einem Ganzen geworden: Alle Einzelheiten des Stückwerks, das wir erleben, sind bei den Toten zu Teilen der Einheit geworden, die ein Mensch erreicht, wenn er ganz dem Herrn gehört und in Ihm bleiben darf.

Da, wo nichts mehr zerfällt.

Wo niemand mehr in tausend Richtungen kreuz und quer will und doch nicht kann, wo man sich selber nicht mehr widersprechen muss, sondern Gott das Urteil und die Wahrheit anvertrauen und überlassen darf.

Da, wo aus dem Mancher- und Allerlei, aus dem Wenigen und Vorübergehenden das geworden ist, als was Jesus Christus es von Anfang gepriesen hat: Ein im Segen gerundetes, ein im Glücken zusammengefasstes, ein von Gott gehaltenes und begnadetes Leben, ein seliges Einkehren in heiles, … geheiltes, … geheiligtes Dasein. Nicht gewirkt und gemacht und wieder verwirkt und verdorben durch uns – sondern vollkommen geborgen und verschont im endlos großen Frieden, den die Kinder Gottes, die Werke seiner Hände erfahren, wenn sie nicht mehr ohne und gegen Ihn, sondern in Ihm sind.

Da folgt alles andere nach – das, was uns selber zu tun und zu bringen gegeben war –, …. alles folgt nach.

Aber der Friede Gottes: Der ist da und bleibt!

Da, wo die Toten sind, die in Ihm leben!

Da wo sie leben, deren Sterben die Seligpreisung verwirklicht: „Im Herrn sein“.

Das ist der „Sabbat“, der „Sonntag der Toten“: Ihre herrlich Ruhe, der Glanz und der Frieden ihrer Gegenwart in Gottes Gegenwart.

Und dahin – nirgendwo sonst – wollen und kommen auch wir mit ihnen!

Amen.  

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