Drittletzter Sonntag, 12.11.2017 Stadtkirche Lukas 11,14-23 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Drittletzter So. 12.XI.2017                                                                                                 

                       Lukas 11, 14-23

Liebe Gemeinde!

Alles darf man denken, sagen und vertreten – nur mit dem E-Wort darf es sich nicht berühren!

Einzige Ausnahme: Wenn man einen pseudo-aufklärerischen Thriller mit Bestseller-Qualität schreiben oder einen Kassenschlager-Gruselfilm drehen will, der uralte Klischees bestätigt, … dann muss man das E-Wort plakatieren: Triefend Rot und weiße Zackensilhouette auf schwarzem Grund.

…Ansonsten aber gilt: Finger weg davon. Es ist verpönt, verboten und vergessen.

… Alles andere darf man behaupten: Dass Duftbäumchen aus Pressplastik Wohlgeruch ver-breiten, dass das Herumrücken von Möbeln Energieströme im Wohnzimmer freisetzt oder dass ein Bad in Eselsmilch und eine Liegekur in Alufolie ewige Jugend verleihen.

Nur das E-Wort ist tabu: „Exorzismus“.

… Sagt man nicht.

… Kennt man nicht. …….

-          Der Einsatz gegen Besessenheit von Menschen wird – wenn überhaupt –  nur noch als Ausdruck kirchlicher Besessenheit durch Macht gesehen.

-          Die Erlösung von dunklen Mächten wird als Machenschaft obskurer Dunkelmänner gedeutet.

-          Die Entbindung von geistlichen Zwängen wird als Zwangsverhalten der Geistlichen gedeutet.

… Weil es das alles gab und gibt: Zwielichtige, unaufgeklärte, fanatische Manipulationen, bei denen im Namen der Befreiung vom Bösen seelische Abhängigkeit in sinisterer Weise missbraucht wird und nicht zu rechtfertigende Praktiken des Aberglaubens und der Anti-Wissenschaft bei Menschen zu quälender, verletzender Verstrickung statt zur Therapie führten.

Solche Fälle kirchlicher oder laienhafter Geisteraustreibung und Besessenheitsbehandlung, die es in die Schlagzeilen und in das kollektive Bewusstsein geschafft haben, weil sie so brutal und unverantwortlich waren, dürfen aber dennoch nicht den Blick für zweierlei verstellen: Jesu Wirken ist – neben vielem anderen – auch das Wirken eines Exorzisten. Und seine Gemeinde hat den Auftrag und das Charisma, ihrerseits gegen Mächte des Bösen und Geister der Verfinsterung zu kämpfen und sie zu überwinden.

Das ist zweifellos innerhalb dessen, was sich „Landeskirche“ nennt, inzwischen eine völlige Brache. In diesen Winkel des Rettungshandelns Jesu leuchten wir nicht einmal mehr mit der Taschenlampe: So fremd, ja, peinlich und unheimlich ist es uns geworden, dass dort tatsächlich Phänomene auf uns warten, die man als „Dämonen“ kennt, dass Hilfe dort ganz anders aussieht als die Prozesse, die wir verstehen und dass manche Vorgänge geradezu para-psychologisch oder spiritistisch anmuten.

Es ist, als sei Jesus, der Exorzist für uns genauso zweifelhaft wie für seine Skeptiker, Kritiker und Gegner vor zweitausend Jahren. Nur dass wir ihn nicht mit dem „Beelzebul“, dem alten Erzbösen in Verbindung bringen, sondern mit Formen der Unkenntnis und des Unmodernen, die wir verachten.

Allerdings ging auch das den Angreifern Jesu ähnlich: Dass sie seine offenkundigen Heilungserfolge bei Menschen mit besessenen, fremdgesteuerten, vergewaltigten Seelen auf den Beelzebul zurückführten – einen kanaanäischen Obergötzen vom Beginn des letzten vor-christlichen Jahrtausends, den schon Elia bekämpfte (vgl. 2.Könige 1,2f) – … dieser Rückgriff beweist ja, dass sie etwas Vergangenes, etwas in tiefer historischer Ferne längst Vergessenes in Jesu Siegen über die Dämonen witterten. Als eine gegenwärtige Wirklichkeit, als etwas heute Mögliches erschien die Erlösung vom mysteriös Bösen also schon damals nicht mehr. ——

Doch hinter der damaligen Abwehr und Verunglimpfung dieser Wunder steckt das Gleiche wie hinter unserer heutigen Verdrängung und Ignoranz. In einem Wort nämlich: Befremden.

Es ist fremd, es ist unheimlich, es macht Angst, wenn plötzlich Dinge geschehen, die in unserem Weltbild und Erfahrungshorizont nicht vorgesehen sind.

Und darum erklären wir das Befremdende automatisch für hoffnungslos veraltet und lächerlich überholt: Da trifft der Vorwurf der sogenannten „Welt- oder Lebensfremdheit“ heute immer wieder die Kirche und das Christentum, und der verwandte Vorwurf der barbarischen Primitivität wird gegenüber allen Kulturen, Religionen und Lebensweisen erhoben, die wir nicht als bekannt und heimisch ansehen. Doch gerade deshalb – weil wir als Christen heute insgesamt einer Einstellung begegnen, dass unser Glaube etwas befremdlich Überholtes sei – sollten wir unsererseits nichts so rasch als unvertraut, nicht-mehr-zeitgemäß oder nur noch gestrig verwerfen.

Als die Spötter und Zweifler die Geisteraustreibungen Jesu mit der ältesten, verschütteten Vergangenheit, mit dem Kult des Beelzebul in Verbindung brachten, da hatten sie nämlich den Anschluss an ihre Gegenwart verloren.

Denn tatsächlich ist die Wahrnehmung dessen, was es für die einzelne, individuelle Person an dämonischen Angriffen, Blockaden und Fehlsteuerungen geben kann, geradezu ein Ausweis der Modernität in römischer Zeit: Während tausend Jahre zuvor alle geistigen Erfahrungen und Konflikte noch ganz und gar auf der übergeordneten, der transzendenten Ebene Gottes und der Gegengötter stattfanden und das Volk des einen lebendigen Erlösers den Anhängern der vielen toten Götzen gegenüberstand, trat erst Jahrhunderte später auch die Einzelseele als Schauplatz und Beteiligte des Kampfes um Freiheit und Wahrheit in den Blick. … Nicht nur in der großen Welt- und Religionsgeschichte, sondern in Lebensläufen und psychischen Erfahrungen kleiner Menschen sind der Zusammenstoß von Gut und Böse, das Ringen von Recht und Betrug zu erleben. Dieses neue Gespür für die eigene Geschichte und Angreifbarkeit und Not jedes Menschen verdichtet sich in der Zeit Jesu zu der Israel und den heidnischen Kulturen gemeinsamen Erkenntnis, dass es Mächte und Gewalten - geheimnisvolle und offensichtliche - gibt, die Männern, Frauen und Kindern den Frieden, die Selbständigkeit und alle seelischen Kräfte rauben. Der gemeinsame Name für diese unsichtbaren, oft genug in seinem Inneren wirkenden Feinde des Menschen lautet in der Antike: „Dämonen“.

Und dass er diese – die wir heute wahlweise: Prägung, Störung, Trauma, Sucht oder ähnlich nennen – dass er die als die großen Geißeln und Quälgeister der Menschen erkannte und bekämpfte, das macht Jesu Erlösungswerk erst vollständig: Er ist seinem heilsgeschichtlichen Auftrag nach der Heiland der Welt; seine innere Sendung dabei aber ist das Seelenheil, die Heilung der angegriffenen, bedrängten und besetzten Seelen aller Menschen.

Und offensichtlich ergriff gerade diese zweite Seite – die Rettung auch des Einzelnen aus der Gewalt des Bösen – besonders die jungen Leute seiner Zeit, da ja auch die Söhne seiner Verleumder sich als Exorzisten, als Austreiber und Befreier erweisen.

Was aber ist das Geheimnis dieses Heilands und dieser Generation seiner Anhänger und Nachfolger, die sich so leidenschaftlich um befreite Seelen, um unbesetzte Herzen, um innerlich erlöste Menschen kümmerten?

– Nun, im wahrsten Sinne des Wortes „kein Hexenwerk“. Es darf gerade nichts Okkultes, nichts Obskures, nichts Paranormales daran sein, wenn Menschen von ihrem fürchterlichen Ausgeliefertsein an sie beherrschende Fremdmächte loskommen sollen. Sondern dabei gilt die ganz einfache und klare Regel: Heil und Gutes kommen nur vom Heiligen und Guten.

Wo Menschen ihren Lebenssinn, ihren Frieden, ihr Recht durch andere Mittel suchen oder wieder erlangen sollen, wo also Kompromisse mit Kräften, die schaden können, wo Bündnisse mit dem Bösen eingegangen werden, da wird nichts Gutes draus.

Das was Menschen quält, kann man ihnen nicht mit Gewalt austreiben.

Wo Angst, wo Hass, wo zerstörerische Kräfte sich in Herz und Hirn festgesetzt haben, da hilft kein aggressiver Gegenangriff, da zieht der negative Ungeist nur Energie aus der Furcht und den Schrecken, die er zu wecken vermochte.

Wenn wir es mit dem Schlimmen zu tun bekommen, mit den Verneinungen des Menschlichen, die sich alles unterwerfen, alles versklaven wollen, was noch menschliche Züge hat und widersteht, da helfen keine Koalitionen mit der Härte, kein Liebäugeln mit einem Gleichgewicht des Schreckens.

Gegen die teuflische Anfechtung und die teuflische Vernichtungsbereitschaft mitten im Herzen der Menschen hilft keine Teufelei.

Da hilft ausschließlich das Eine, das einzig wirksame und nicht vom Bösen infizierte Mittel: Das unerschütterlich in sich ruhende Vertrauen auf den Stärkeren.

Darum sind landläufige Vorstellungen und Vorurteile über den Exorzismus meistens völlig falsch: Die Idee einer dramatischen, schweißtriefenden Beschwörung, einer wilden, schmerzhaften Austreibung, die bis zum Äußersten geht und in einer Entladung der heftig gegeneinander aufgestauten Spannung des Plus- und des Minuspols gipfelt, … alle die Bilder von frenetisch verbissenem Ringkampf um die Seele und brutalen äußeren Riten treffen nicht das Eigentliche, das sich dabei tatsächlich vollzieht[i].

Tatsächlich ist der Durchbruch durch die Zwänge und Gefangenschaften, die das Gottesebenbild im Menschen entmachten und bis zur Unkenntlichkeit entstellen, zuletzt ein Moment reiner Klarheit: Der Stärkere ist da.

Die Türen gehen auf.

Atemluft geht.

Das Reich Gottes geschieht.

… Das kann nicht ohne Widerstand passieren. Es kann heftige Erschütterungen und erschreckende Umstände geben, wenn in einem Menschen alle ihn ergreifenden und zeichnenden Einflüsse sich lösen und er sein wahres Ich, sein eigenes Leben, sein unverfälschtes Gesicht und Geschick wiedererlangt.

Aber dass ein Umgetriebener, ein innerlich niemals friedlicher, ein verstörter, ein zerrissener, ein unfreier Mensch, den Anderes und Andere steuerten, sich selbst als freies Kind Gottes empfängt und erfährt: Das verdankt sich nicht den bitteren und erschöpfenden Wegen zur Heilung, sondern zuerst und zuletzt dem Ziel, dem Heil selbst.

… Und das gibt es wirklich:

Es gibt Freiheit für jeden noch so entmündigten und passiv gemachten Menschen.

Es gibt ein Unbeschwertsein auch für die grausam Belasteten.

Es gibt die Verheißung aufrechter Haltung für die bis zum Zusammenbruch Gestauchten und Gebeutelten.

Es gibt eine Kraft, die alle Mächte und Gewalten übertrifft, denen Menschen ausgeliefert und verfallen sind.

Und diese Kraft ist die Kraft Gottes, der sich sein Recht an den Menschen nicht nehmen lassen kann.

Gott holt sich den Menschen wieder … wer auch immer sonst ihn beansprucht.

Und der von Gott befreite Mensch, der von nichts und niemand anderem besessene Mensch, der nicht mehr benutzte, nicht mehr verzweckte Mensch, der sich wirklich alleine seinem Schöpfer und Erlöser verdankt: Der ist heil.

Dieses Heilsein ist sein Ziel.

Wie es dazu aber wirklich kommt? … Eben nicht durch Druck. Nicht mit Angst. Nicht indem man Zwang oder Kampf übt.

Sondern das ist ein Exorzismus, dass wir uns sagen und sagen lassen, dass wir für uns selbst und für andere die Sicherheit haben: Der Stärkere ist da!

Das Leid ist schwächer.

Die Angst ist machtlos.

Das Böse ist unterlegen. ———

….... Klingt vielleicht nach Autosuggestion, nach Wunschdenken, nach einem Mantra.

Aber auch von solchen Unterstellungen, Verwechslungen, Ähnlichkeiten gibt es nichts zu fürchten.

Denn die Wahrheit ist das große Entweder-Oder: Entweder alles, was Menschen angreift, zermürbt und zerstört ist so mächtig, so unausweichlich und so endgültig, wie es scheint und wie wir fürchten. Oder aber alles Böse ist tatsächlich wehrlos gegen Den, Den es nicht böse machen, nicht anstecken, nicht verderben, sich nicht unterwerfen kann.

 

Wenn es einen Stärkeren gibt, hat das Böse seine Übermacht verloren.

 

Dass es diesen Stärkeren gibt, an dessen Güte das Böse scheitert, sagt unser Glaube.

 

Und indem das gesagt wird und wir es glauben, geschieht das E-Wort.

 

Unser Glaube also ist der Exorzismus, die Entmachtung und Ablösung aller Gegenmächte durch die Erkenntnis und das Bekenntnis, dass sie uns und die anderen nicht unbegrenzt beherrschen.

 

Wer dem Bösen etwas zutraut, stärkt es nur.

Wer ihm aber einfach nur nicht mehr zutraut, dass es immer bleiben wird, der besiegelt, dass sein Ende gekommen ist.

 

Und so ist unser Glaube der Sieg (vgl. (1.Joh.5,4) und die Befreiung.

Ein Moment reiner Klarheit: Der Stärkere ist da.

Die Türen gehen auf.

Atemluft geht.

Denn die Menschheit gehört dem, der sie von allem anderen löst und für sich befreit.

Jesus.

Amen.



[i] Wobei weder vergessen, noch im Gottesdienst verschwiegen wurde, dass es in der evangelischen Kirche noch immer - hier und da - Erinnerungen an den großen, ernsten und dramatischen Geisterkampf gibt, den Pfarrer Joh.Chr.Blumhardt bis zum Ende des Jahres 1843 austrug, als Gottliebin Dittus – eine von bösen Geistern unglaublich gequälte und entmenschte Angehörige der Möttlinger Kirchengemeinde – endlich aus der Gewalt der sie beherrschenden Anti-Kräfte erlöst wurde (vgl. dazu umfassend: Friedrich Zündel, Pfarrer Johann Christoph Blumhardt – Ein Lebensbild,4.Aufl., Zürich 1883, bes.S.117-160).  

Blumhardts auch auf diese epochale Erfahrung zurückgehendes Lied „Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht“ (EG 375) wurde nach der Predigt  gesungen.

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