20.S.n.Tr., 18.10.2026, Mk 2, 23-28, Mutterhauskirche, Ute Grießl

„Gnade sei mit euch von Gott unserem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist. Amen.“

Liebe Gemeinde,

was ist ein lohnender Sonntag für Sie?

Wir teilen gerade ein Stück des Sonntags, in dem wir gemeinsam diesen

Gottesdienst feiern.

Ich frage mich:

Was mag für Sie ein erfüllter Sonntag sein?

Ein stärkender, ein schöner, ein lohnender Sonntag?

Was unterscheidet diesen Tag von einem Wochentag? Was bedeutet Ihnen

der Sonntag?

In meiner Kindheit arbeiteten beide Eltern sehr viel. Nur am Sonntag war es

anders. Es gab feines Essen mit Nachtisch. Nachmittags ging die ganze

Familie spazieren, oder wir spielten ‚Mensch ärgere dich nicht‘. Wir hatten

Zeit.

Der heutige Predigttext führt uns zum Thema Sonntag. Er handelt vom

Sabbat.

Natürlich war es eine andere Zeit, eine andere Gesellschaft, ein anderes

Leben. Aber die Juden hatten und haben diesen einen besonderen Tag. Wir

Christinnen und Christen haben das übernommen. Es lohnt sich, einmal

nachzuschauen, was daraus geworden ist.

Ich lese aus dem 2. Kapitel des Markusevangeliums die Verse 23-28:

„23 Es begab sich einmal, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging,

und seine Jünger rissen unterwegs Ähren ab.

24 Die Pharisäer stellten ihn nachher zur Rede: Sieh doch! Warum tun deine

Jünger am Sabbat etwas, was nicht erlaubt ist?“

25 Und Jesus antwortete ihnen mit einer Erzählung aus den Heiligen Schriften:

„Habt ihr nie gelesen, was König David tat, als er Hunger hatte, er und seine Leute?

Denn sie hatten nichts mehr zu essen. 26 David ging in das Haus

Gottes und aß die Schaubrote vom Altar, die doch niemand essen darf

außer den Priestern! David gab auch seinen Begleitern von diesen

geweihten Broten.“

27 Und dann Jesus sagte zu ihnen etwas Grundsätzliches:

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der

Mensch um des Sabbats willen.“

28 So zeigte sich der Menschensohn als Herr auch über den Sabbat.

Mit diesen Worten verteidigt Jesus das Verhalten seiner Jünger. Schauen wir

noch einmal in die Geschichte:

Jesus ist mit seinen Jüngerinnen und Jüngern am Sabbath zu Fuß unterwegs.

Sie kommen durch ein Kornfeld, und die Jünger reißen ein paar Ähren ab,

um die Körner zu kauen.

Das ist im ersten Testament eine im Prinzip erlaubte Handlung: Man durfte mit

den Händen Ähren ausraufen, um sie gleich zu essen, das war „Mundraub“.

Man durfte aber nicht das Feld eines anderen mit der Sichel abernten. Das

war Diebstahl.

Die Pharisäer werfen den Jüngern auch nicht Diebstahl vor, sondern den

Bruch der gebotenen Sabbatruhe.

Es gab eine strenge Richtung unter den Pharisäern, die schon das Abreißen

der Ähren mit der Hand als „Ernte-arbeit“ deuteten, und das Zerreiben der

Ähren zwischen den Händen als „Dreschen“: Deshalb sei es am Sabbat

verboten. Zu diesem Verständnis des Sabbatgebots sollte Jesus Stellung

nehmen.

Jesus sagt weder ja noch nein zu dem Vorwurf. Er konfrontiert

seine Kritiker vielmehr mit der Begebenheit aus dem Leben von König David,

der in einer Notlage etwas Verbotenes tat:

David hat die Brote vom Altar genommen, mit seinen Gefährten geteilt und

gegessen, geweihte Brote, die nur die Priester essen durften.

Und das war in Ordnung, weil sie Hunger hatten.

Das heißt: die Linderung menschlicher Not ist für Jesus wichtiger als das

Einhalten der Sabbatregeln.

Mit König David als Zeugen will Jesus das Gebot „Du sollst den Feiertag

heiligen“ neu einordnen.

Er will seinen Sinn zurückgewinnen.

Es geht ihm um den Inhalt des Sabbatgebots: Gott schenkt allen Menschen

einen freien Tag! Gott will das Leben fördern! Grundsätzlich gilt für Jesus:

Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den

Sabbat.

Jesus will den Sinn des Gebots in der Tiefe verstehen, verkünden und leben.

Die formale Auslegung, die im Laufe der Zeit immer kleinteiliger geworden

war, war für Jesus ein Irrweg. Es geht ihm um die Freiheit der Menschen!

Ich möchte verstehen, wie die Pharisäer auf ihre extrem strenge Sabbat-

Praxis gekommen waren.

Als das Volk Israel von den Babyloniern besiegt und ins Exil verschleppt

worden war (587 vor Chr.) brauchten sie eine spirituelle Verarbeitung dieser

kollektiven traumatischen Erfahrung: Wie können wir jetzt und hier unseren

Glauben an den einen Gott leben, der uns damals aus der Knechtschaft in

Ägypten befreit hat? Wie können unseren Glauben bewahren in einem

fremden Land mit anderen Gottheiten, einer anderen Religion? Wer sind wir,

und was unterscheidet uns von den anderen?

Und hier war und ist der Sabbat eins der besonderen Zeichen, ein

„Alleinstellungsmerkmal“, das sie von den anderen Völker unterscheidet.

Regelmäßig, auffallend– und wohltuend.

Der Sabbat hat ihre Identität gestärkt und sichtbar gemacht.

Der jüdische Denker Asher Ginzberg formulierte in den zwanziger Jahren des

vorigen Jahrhunderts: "Mehr als Israel den Sabbat bewahrt hat, hat der

Sabbat Israel bewahrt."

Das Einhalten des Sabbatgebots ist für Juden und Jüdinnen ein Bekenntnis zu

ihrem Gott, dem Schöpfer und Befreier.

Der Sabbat ist ein Geschenk Gottes für alle gesell-schaftlichen Schichten, für

Arme und Reiche, für Fremde und Einheimische und auch für die Tiere:

Keiner muss an diesem Tag arbeiten.

Soweit geht Jesus mit, aber er verweigert sich der Rigidität der Auslegung. Er

lehnt die Engherzigkeit ab, die sich auf die Einhaltung der Form, auf

nachprüfbare Äußerlichkeiten bezieht.

Jesus versteht in der Tiefe, was Gott will und legt das Sabbatgebot

menschenfreundlich aus.

Seine Haltung ist radikaler als die der Pharisäer:

Jesus will, dass Menschen mitdenken und Verantwortung übernehmen,

anstatt nach immer noch präziseren Vorschriften zu suchen.

Den Feiertag heiligen – ja mit der Ausnahme:

Wenn wir selbst oder ein anderer Mensch oder überhaupt ein Lebewesen in

Not ist, dann gilt das Gebot der Liebe. So hat Jesus gelebt.

In anderen Sabbatgeschichten hat er Menschen geheilt.

Die Liebe geht vor. Auch zu sich selbst!

Die Liebe steht über allem.

Daher ist seine Essenz: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der

Mensch für den Sabbat. Der Sabbat ist von Gott zu unserem Wohl

geschaffen!

Wenn ich unseren Lebensstil, unsere Sonntage anschaue, denke ich: Die

meisten Menschen haben nicht das Problem, dass sie am Sonntag nicht

arbeiten dürfen. Im Gegenteil!

Unser Problem – mindestens das vieler Berufstätiger - ist eher, dass sie allzu oft

am Sonntag arbeiten, arbeiten müssen oder

meinen, arbeiten zu müssen.

Was pressen wir nicht alles in den Sonntag hinein: Die Bügelwäsche,

Abrechnungen, Texte, die zu Ende geschrieben werden müssen,

Präsentationen für die Kollegen, Pflichtbesuche, Garten und Keller. Oft mit

dem Gefühl: Ein Tag reicht nicht, ich bräuchte eine ganze Woche frei.

Die Vorstellung von einem wirklich arbeitsfreien Sonntag weckt Sehnsucht in

mir. –

Wie wäre es denn, wenn wir aussteigen könnten aus dem Getrieben Sein,

aus dem Zuviel an Arbeit, an Hektik, an Sorgen.

Wie wäre es, sich und anderen Ruhe zu gönnen, und das regelmäßig, einmal

in der Woche einen ganzen Tag? Wie wäre es, Zeit zu haben, bei sich selbst

und bei Gott anzukommen?

Dann wäre der Sonntag ein Geschenk für uns. Gottes Geschenk der Freiheit.

Denn wir sind keine Maschinen, die 24/7 arbeiten können, die rund um die

Uhr funktionieren, die telefonisch, per Mail und auf welchem Kanal auch

immer permanent zu erreichen sind.

Gott sagt:

Du musst nicht ständig arbeiten.

Du musst nicht ständig etwas leisten.

Du darfst den Feiertag heiligen.

Du musst nicht ständig erreichbar sein.

Du musst nicht jede Minute nutzen.

Du darfst den Feiertag heiligen.

Du bist mehr als dein beruflicher Erfolg.

Du bist mehr als dein Kontostand.

Du bist ein Mensch, Gottes Geschöpf, einzigartig und kostbar.

Du darfst den Feiertag heiligen.

Dieser Lebensstil wäre ein Bekenntnis zu Gott: Regelmäßig, auffallend – und

wohltuend.

Dieser Lebensstil würde unsere Identität stärken und unsere Sichtbarkeit als

glaubende Menschen deutlich erhöhen.

Ich wünsche Ihnen wohltuenden Sonntage! Amen.

Und der Friede Gottes, der allen Verstand überragt, bewahre unsere Herzen

und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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