07.10.2026, Markus 8, 1 - 9, Tersteegenhaus, Horst Gieseler
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Nahrungsmangel ist auch das Problem, mit dem sich Jesus in der Speisungsgeschichte konfrontiert sieht. Es gibt diese Geschichte im Markusevangelium in zwei Fassungen. In der einen werden 5000 Menschen satt, in der anderen 4000. Aber auf eintausend Personen mehr oder weniger kommt es gar nicht an. Wir konzentrieren uns heute Morgen auf die zweite Version der Erzählung, die Speisung der 4000 aus dem achten Kapitel des Evangeliums. Hören wir Worte aus Markus 8, 1 – 9:
Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. 4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? 5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. 6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. 7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. 8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9 Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.
Amen
„Sie haben nichts zu essen“
Liebe Bewohnerinnen und Bewohner, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, es gibt Sätze in der Bibel, die uns unmittelbar berühren. Einer dieser Sätze steht in unserem heutigen Evangelium. Jesus sagt: „Mich jammert das Volk, denn sie haben nichts zu essen.“ Jesus sieht die Menschen. Er sieht nicht nur eine große Menge. Er sieht einzelne Menschen mit ihrem Hunger, ihrer Müdigkeit und ihrer Bedürftigkeit. Drei Tage sind die Menschen schon bei Jesus. Sie hören ihm zu. Sie wollen bei ihm sein. Und nun haben sie nichts mehr zu essen. Jesus könnte sagen: „Sie sollen nach Hause gehen. Jeder soll sehen, wie er zurechtkommt.“
Aber Jesus tut etwas anderes. Er sagt zu seinen Jüngern: „Gebt ihr ihnen zu essen.“ Und die Jünger schauen auf das, was sie haben: sieben Brote. Ein paar kleine Fische. Sieben Brote – für viertausend Menschen. Das reicht doch niemals! Vielleicht kennen wir dieses Gefühl.
Manchmal schauen wir auf unser Leben und denken: Was habe ich denn noch? Früher konnte ich vieles selbst tun. Ich konnte gehen, wohin ich wollte. Ich konnte einkaufen. Ich konnte vielleicht einen Haushalt führen. Ich konnte anderen helfen. Und dann wird das Leben anders. Man braucht einen Rollator oder einen Rollstuhl. Man braucht Hilfe beim Anziehen oder beim Essen. Man kann nicht mehr alles selbst entscheiden. Man ist darauf angewiesen, dass andere kommen und helfen. Und vielleicht entsteht dann manchmal der Gedanke: „Ich habe nicht mehr viel zu geben.“
Aber genau hier setzt die Geschichte von Jesus an. Die Jünger haben auch nicht viel. Sie haben sieben Brote. Und Jesus sagt nicht: „Das ist zu wenig. Damit können wir nichts anfangen.“ Er nimmt das Wenige, das da ist. Er dankt Gott. Er bricht die Brote. Und er gibt sie den Jüngern. Und die Jünger geben sie den Menschen weiter. Und plötzlich reicht es. Ja, sogar mehr als genug. Alle werden satt.
Vielleicht ist das eine wichtige Botschaft gerade für uns: Gott braucht nicht viel, um viel daraus zu machen. Wir denken oft, wir müssten etwas Großes leisten. Aber bei Gott beginnt vieles ganz klein. Ein freundliches Wort. Ein Händedruck. Ein Lächeln. Ein Gebet. Ein Besuch bei jemandem, der einsam ist. Ein Mitarbeiter, der morgens freundlich ins Zimmer kommt. Eine Bewohnerin, die einer anderen sagt: „Wie geht es Ihnen heute?“ Das alles sieht vielleicht klein aus. Aber für einen Menschen kann es sehr groß sein.
Und noch etwas fällt in dieser Geschichte auf: Jesus sagt: „Mich jammert das Volk.“ Das bedeutet: Jesus lässt sich anrühren von der Not der Menschen. Er sieht den Hunger. Er sieht die Müdigkeit. Er sieht die Bedürftigkeit. Das ist ein tröstlicher Gedanke. Denn auch wir haben manchmal das Gefühl: „Mich sieht ja keiner.“ Vielleicht gibt es Schmerzen, über die wir nicht sprechen. Vielleicht gibt es Erinnerungen, die uns beschäftigen. Vielleicht gibt es die Trauer um einen Menschen, der uns ein Leben lang begleitet hat. Vielleicht gibt es die Angst vor dem, was noch kommt. Vielleicht gibt es auch die Einsamkeit, obwohl ringsum Menschen sind. Jesus sagt uns heute: Ich sehe dich. Ich sehe deine Freude. Ich sehe deine Sorgen. Ich sehe deine Müdigkeit. Ich sehe deine Erinnerungen. Ich sehe auch das, was andere Menschen nicht sehen. Und: Es ist mir nicht gleichgültig. „Mich jammert das Volk.“
Liebe Hausgemeinde, diese Geschichte handelt nicht nur vom Brot. Sie handelt auch davon, dass Menschen nicht allein gelassen werden. Die Menschen sitzen miteinander. Sie hören Jesus miteinander. Sie essen miteinander. Und sie erfahren: Wir gehören zusammen. Vielleicht ist gerade das auch etwas Kostbares in unserem Tersteegenhaus. Man lebt hier nicht mehr allein in der eigenen Wohnung. Man begegnet anderen Menschen. Man sitzt beim Essen zusammen. Man trifft sich im Flur. Man feiert Gottesdienst. Man erzählt einander Geschichten. Manchmal entstehen Freundschaften. Und manchmal reicht schon ein kurzer Kontakt: „Guten Morgen!“ „Wie geht es Ihnen?“ „Schön, dass Sie heute da sind.“ Auch darin kann etwas von dem geschehen, was Jesus in unserer Geschichte tut: Menschen werden nicht allein gelassen.
Und schließlich erzählt Markus: Nachdem alle gegessen hatten, blieben sieben Körbe übrig. Sieben Körbe – obwohl am Anfang nur sieben Brote da waren. Das ist mehr als eine Geschichte über ein Wunder. Es ist ein Zeichen: Bei Gott ist unsere Armut nicht das letzte Wort. Was wir selbst als zu wenig empfinden, kann Gott gebrauchen. Vielleicht denken wir manchmal: „Ich kann nicht mehr viel.“ Dann sagt Jesus: Du musst auch nicht viel können. Dein Leben ist nicht wertlos geworden, weil du manches nicht mehr kannst. Dein Wert hängt nicht davon ab, wie selbstständig du bist. Du bist ein Mensch, den Gott kennt und liebt.
Und vielleicht ist gerade jetzt etwas anderes wichtig geworden: nicht mehr so sehr leisten, sondern empfangen. Nicht mehr alles selbst machen müssen. Sich helfen lassen. Sich beschenken lassen. Sich von Gott tragen lassen. Das kann schwer sein. Aber auch das gehört zum Leben. Vielleicht dürfen wir deshalb heute die sieben Brote als ein Bild für unser eigenes Leben sehen. Wir bringen Gott das, was wir haben: unsere Erinnerungen, unsere Erfahrungen, unsere Freude,
unsere Sorgen, unsere Kraft – und auch unsere Schwäche. Vielleicht ist es manchmal nur ein kleines Stück Vertrauen. Aber wir dürfen es Jesus geben. Und er kann daraus etwas machen.
Liebe Gemeinde hier im Tersteegenhaus, am Ende heißt es: „Und sie aßen und wurden satt.“ Was für ein schöner Satz! Sie wurden satt. Sie bekamen, was sie zum Leben brauchten. Und vielleicht dürfen wir diesen Satz auch geistlich hören: Gott will uns satt machen – an seiner Nähe, an seiner Liebe, an seinem Frieden. Nicht alles in unserem Leben wird dadurch leicht. Nicht jede Krankheit verschwindet. Nicht jede Sorge löst sich auf. Nicht jede Einsamkeit wird sofort überwunden. Aber wir dürfen darauf vertrauen: Jesus sieht uns. Jesus lässt uns nicht allein. Und was uns zu wenig erscheint, ist bei Gott nicht zu wenig.
Darum dürfen wir ihm heute bringen, was wir haben. Unser ganzes Leben. Das, was schön war. Das, was schwer war. Das, was wir noch vor uns haben. Und das, was wir loslassen müssen. Und wir dürfen darauf vertrauen: In Gottes Händen ist unser Leben gut aufgehoben. Amen.
Und der Friede Gottes, der ausgeht von dem Kind in der Krippe und dem Mann am Kreuz, höher denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Glauben und Hoffnung und Liebe. Amen.
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2. Mose 32,31.32
Paulus sprach: Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
Apostelgeschichte 17,23