19.S.n.Tr., 11.10.2026, Lk.11,24-26, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Text/Thema: Lk.11,24-26 Gegen den alten-neuen Ungeist 

Der Wochenspruch für die heute begonnene Woche tut einfach gut: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jer.17,14) So wie Jeremia hier betet, so beten wir heute gerne auch: Gott, heile mich, mach mich gesund; lass alles wieder gut werden. Du kannst das. Und wenn wir dann in den Evangelien lesen, dass Jesus immer wieder Kranke gesund gemacht hat, sie von allen möglichen Gebrechen geheilt hat, dass er Dämonen, unreine Geister ausgetrieben hat und so Menschen befreit hat zu einem neuen Leben, dann sehen wir uns darin bestätigt: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Aber damit machen wir es uns zu einfach.

Liebe Gemeinde, nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und auch Berlin konnte ich heute einfach nicht über einen der vorgelegten Texte predigen.

Stattdessen lasse ich Worte zu uns sprechen, die Jesus, nachdem er einen Menschen von einem bösen Geist befreit hatte, zu den Umstehenden sagte, zu allen, die Ohren haben und hören wollen – damals wie heute. Sie stehen im Lukasevangelium Kapitel 11,24-26, in der Basisbibel unter der Überschrift „Ausgetriebene Geister können zurückkehren“:

 

»Wenn ein böser Geist einen Menschen verlässt,

irrt er in trockenen Steppen umher.

Er sucht nach Ruhe, aber er findet sie nicht.

Dann sagt er sich:

›Ich will in mein altes Haus zurückkehren,

aus dem ich ausgezogen bin.‹

Er geht zurück und findet es sauber und aufgeräumt vor.

Da macht er sich auf

und bringt noch sieben weitere böse Geister mit.

Die sind sogar schlimmer als er selbst.

Sie ziehen ein und wohnen dort.

Am Ende geht es diesem Menschen

noch schlechter als am Anfang.«

 

Hand aufs Herz, liebe Gemeinde, wer von Ihnen ist diesen Versen schon einmal begegnet? In der Perikopenordnung der Evangelischen Kirche sind sie schlichtweg nicht enthalten, sodass sie wenigstens alle 6 Jahre einmal als Predigttext oder Lesung zur Sprache kämen. Und dabei sind sie es unbedingt wert, dass wir uns mit ihnen beschäftigen. Wie nötig das ist, haben die letzten 5 Wochen uns eindringlich vor Augen geführt. Und im Grunde genommen ist es seit Anfang der 90er Jahre klar: wir haben in Deutschland - wieder - ein Problem mit Rechtsextremismus und Rassismus. Und genauso lange haben wir immer wieder wohlfeile Vorschläge hören können, wie der braune Sumpf trockenzulegen sei. Nachdem die Parteien sich lange geziert haben, über ein Verbot der AfD ernsthaft nachzudenken, scheinen sie zumindest begriffen zu haben, dass eine erwiesen rechtsradikale Partei eben nicht eine Partei wie alle anderen ist, mit der man sich halt auseinandersetzen muss. Wer Hass und Hetze verbreitet und Menschenfeindlichkeit im Programm hat, der kann in einer freiheitlichen, auf das Recht gegründeten Demokratie nicht mitspielen.

Doch allein damit wird es gewiss nicht getan sein. Viel gefährlicher als gedacht wirkt sich die neue Internet-Freiheit aus, die offensichtlich auch eine Freiheit ist, Rassenhass und Fremdenfeindlichkeit verpackt in krudes National-Geschwafel über die sozialen Medien zu verbreiten. Ein weltweites Phänomen unserer Zeit, dem eben nicht nur junge Menschen erliegen.

Gewiss, so wichtig es ist, dass endlich die im Scheinwerferlicht stehenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens offen und deutlich Stellung beziehen gegen rechts, so unerlässlich ist es, dass wir alle, jeder und jede einzelne, uns fragen, wo wir stehen - auch fragen, wo wir gestanden haben, dass es - wieder - soweit kommen konnte, dass z.B. die Forderung nach massenhafter Remigration heute für Millionen Wählerinnen und Wähler ein Grund ist, der AfD ihre Stimme zu geben – ein Wort, das in seinen Konsequenzen vergleichbar ist mit Vertreibung und eine Menschenrechtsverletzung beinhaltet. Gewaltsames Vorgehen ist da eingepreist. Und genauso schlimm: dass es für Millionen Wähler völlig egal ist, ob Remigration im Wahlprogramm der AfD steht, weil sie es aus Frust und Wut den anderen Parteien heimzahlen wollen. Ganze Landkreise in den östlichen Bundesländern können schon seit Jahren damit „werben“, quasi „ausländerfrei“ zu sein. Der letzte Skandal: In der Stadt Heidenau bei Dresden dürfen künftig keine Stolpersteine mehr verlegt werden. Das hat der Stadtrat am 25.9.2026 beschlossen - auf Antrag von AfD, CDU und einem Bürgerbündnis. Das Ergebnis: 13 Ja-Stimmen, 6 Nein-Stimmen, eine Enthaltung. Die Stadtverwaltung hatte sich gegen den Antrag ausgesprochen. Im Alltag soll man wohl nicht mehr daran erinnert werden, welche Folgen Ausgrenzung gehabt hat und auch zukünftig haben kann. Die Erinnerungskultur soll auf den Friedhof ausgelagert werden.

Ich weiß noch genau, dass ich als Schülerin nie verstehen konnte, wieso es zur Machtergreifung 1933 kommen konnte, dass ich meine Großmutter gefragt habe, warum sie denn nichts unternommen hätte. Sollen in 10, 15 Jahren junge Menschen dann mich und alle die, die heute als Wählerinnen und Wähler Verantwortung für unser Gemeinwesen tragen, fragen: wo seid ihr gewesen? Habt ihr denn nichts gelernt aus der Geschichte?

Und das auch mit Blick auf unsere Kirchen und Gemeinden: wo seid ihr gewesen? Wie konntet ihr einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen? Habt ihr nicht gesehen, wie viel Angst eure Mitmenschen hatten – weil sie keinen deutschen Pass haben, oder einfach nur eine dunkle Hautfarbe, einen fremdländisch klingenden Namen, einer anderen Religionsgemeinschaft angehören oder eine andere sexuelle Orientierung? Ihr Protestanten: wo habt ihr protestiert, nicht nur im Gebet, sondern laut und vernehmlich?

Ja, die Worte Jesu treffen uns heute schmerzhaft.

Was vielleicht beim ersten Lesen irgendwie antiquiert und mythologisch wirkt, „Ausgetriebene Geister können zurückkehren“, das ist brennend aktuell. Wir müssen nur bereit sein, Jesu Worte als etwas zu begreifen, das mit unserem ganz alltäglichen Leben zu tun hat. Von einem bösen Geist ist die Rede, der ausgefahren ist, also zunächst weg ist - dann aber wiederkommt, sein ehemaliges „Zuhause“ „leer, sauber und aufgeräumt/geschmückt (in Lutherübersetzung)“ vorfindet und alles noch viel schlimmer macht als es vorher je gewesen ist.

Was hier in bildhafter Sprache geschildert wird, betrifft sowohl den einzelnen Menschen wie eine Gruppe, eine soziale Gemeinschaft wie eben unsere Gesellschaft.

Der böse Geist - es ist in unsere Wirklichkeit übersetzt der Geist des Nationalsozialismus, all das braune Gedankengut von Rassenwahn und Fremdenhass, von Blut und Boden, Nation und Familie. 12 Jahre, von 1933 bis 1945, hatte er sein Haus fest im Griff - und musste es erst und nur deshalb verlassen, weil der Krieg verloren ging. Er wurde nicht eigentlich ausgetrieben von innen nach außen, sondern von draußen zum Abzug gezwungen. Wenn er ausgetrieben worden wäre, dann hätte das bedeutet, dass sich die „Hauseigentümer“ mit ihm hätten gründlich auseinandersetzen müssen. Dass sie in dieser Auseinandersetzung der Tatsache ins Auge hätten sehen müssen, wie tief fast alle Deutschen von braunem Gedankengut beeindruckt und durchdrungen waren, wie sehr alle dem Rausch-Gift nationaler und völkischer Größe verfallen waren. In ihrem 1967 erschienenen Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ haben Alexander und Margarete Mitscherlich sehr pointiert herausgestellt, was eben nach 1945 nicht passiert ist, kollektiv nicht passiert ist: eine wirkliche Bearbeitung des Geschehens. Der böse Geist, er wurde, weil es die äußere Situation - die Alliierten nämlich – nicht anders zuließ, gezwungenermaßen rausgesetzt und dann wurde verdrängt und verleugnet. Das eigene Haus, es wurde buchstäblich gekehrt und geschmückt. Der Wiederaufbauwille und die Wiederaufbauleistung in den Jahren nach 1945, besonders nach der Währungsreform 1948 waren enorm. Das deutsche Wirtschaftswunder zog alle Aufmerksamkeit auf sich - besonders die Aufmerksamkeit der Deutschen selbst. Die Partei hat seit damals die größten Wahlchancen, der das Wahlvolk am ehesten zutraut, den Wohlstand zu mehren. Bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre fiel gar nicht auf, dass in das so propper wieder hergerichtete Haus gar kein neuer Geist eingekehrt war, dass es „leer“ war. Es war mit Konsumgütern gefüllt – und wird das bis heute. Aber es war kein wirklich neuer Geist vorhanden. Darauf aufmerksam gemacht zu haben, ist das Verdienst der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre. In den 70er Jahren dann der Versuch, Versäumtes nachzuholen. Ich erinnere an den Kniefall Willi Brandts in Warschau, aber auch an die Majdanek-Prozesse hier in Düsseldorf. Und ich erinnere an all die abwehrenden Reaktionen, die diese Bemühungen begleiteten.

Aber alle diese einzelnen Bemühungen, sie scheinen eben nichts grundlegend so aufgearbeitet zu haben, dass das Haus nicht nur von Kriegsschäden gereinigt und mit neuem Mobiliar bestückt worden war, sondern auch von einem neuen Geist beseelt worden wäre. Nach dem Mauerfall in den 90er Jahren scheinen wir an der Stelle im Text gewesen zu sein, wo der böse Geist, nachdem er eine Weile durch dürre Stätten gestreift ist, „zu sich spricht: ›Ich will in mein altes Haus zurückkehren, aus dem ich ausgezogen bin.‹

Er geht zurück und findet es sauber und gut eingerichtet vor.

Vorbereitet zum Beispiel durch Äußerungen wie „Kinder statt Inder“ (Rüttgers), durch eine Aktion wie „Ja zur Integration - Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft“ (Koch), durch einen Satz wie „Wer Multikulti will, nimmt knallhart in Kauf, dass die Kriminalität steigt.“ (Beckstein, Innenminister Bayern) oder durch Bemerkungen über unsere „durchrasste Gesellschaft“ (Stoiber) - wohlbemerkt, alles aus dem Munde angesehener bundesdeutscher Politiker von Parteien mit dem „C“ in den 90er Jahren – die Nennung der Namen der Protagonisten erspare ich mir hier. (Wer sie erfahren will, kann nach dem Gottesdienst gerne zu mir kommen.)

Und dann, in unserem Jahrhundert, befördert von globalen Ereignissen wie Nine Eleven und für unsere Gesellschaft spätestens seit 2015 können wir Jesu Worte nicht mehr überhören:

„Da macht der zurückgekehrte böse Geist sich auf

und bringt noch sieben weitere böse Geister mit.

Die sind sogar schlimmer als er selbst.

Sie ziehen ein und wohnen dort.“

 

Ganz erschrocken stellen wir heute fest, dass die rechte Szene sich längst nicht mehr nur aus jenen primitiven Typen zusammensetzt, die Glatzen haben, Springerstiefel tragen, Bier saufen und Ausländer und Obdachlose zusammenschlagen, ja totschlagen. Sondern dass es smarte Geschäftsleute unter ihnen gibt, die geschickt ihre Vorteile aus der Mediengesellschaft ziehen. Die im Internet genauso präsent sind wie im Verlagswesen. Die die Instagram und Facebook äußerst geschickt und skrupellos einsetzen, um Vorurteile und Hass zu schüren und unsere Gesellschaft zu spalten. Und dabei können sie auf ein internationales Netzwerk zurückgreifen, auf Superreiche, die keinen Hehl daraus machen, dass sie liberale Demokratien verachten.

 

Liebe Gemeinde, meine ganze Hoffnung ist: diese Versammlung böser Geister hat sich noch nicht zur Gänze in dem Haus eingerichtet, sodass wir noch die Chance haben, den einen bösen Geist samt Spießgesellen dieses Mal wirklich auszutreiben - von innen nach außen. Ihn auszutreiben und einen anderen, neuen Geist in unser Haus, in unsere Gesellschaft hereinzuholen und ihm die Schlüssel anzuvertrauen - den Geist der Toleranz, den Geist der Wahrhaftigkeit, den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit - eben den Geist Jesu Christi. Wir brauchen diesen Geist nicht nur in der Kirche, im Gottesdienst, sondern in unserem Alltag, an unserem Arbeitsplatz, in den Schulen, in unseren Familien, in unserer Nachbarschaft, in unserer Freizeit.

Den Geist der Wahrhaftigkeit, der uns dazu bringt, zunächst einmal ehrlich mit uns selbst zu sein und hinzusehen, wo wir selbst empfänglich sind für „braunes Gedankengut“. Wo wir uns Angst machen lassen vor dem Fremden. Wo wir unsere Vorurteile pflegen und gerne bestätigen lassen. Sich all das einzugestehen und einander zu bekennen als Zeichen, dass wir uns gegenseitig darin bestärken müssen, diesen Ungeist in uns zu bekämpfen und nicht über uns herrschen zu lassen, das heißt, dem Geist Jesu Wohnung zu geben.

Wir brauchen den Geist der Toleranz, der uns dazu bringt, die anderen in ihrem Anderssein anzunehmen, ihnen unter uns Raum zum Leben zu gewähren. Toleranz heißt nicht: ich nehme den anderen an, wenn er sich mir angepasst hat, wenn er ist wie ich. Die Grenze der Toleranz ist erst da erreicht, wo der andere seinerseits anderen keinen Raum zum Leben gewährt, ihre Menschenwürde nicht achtet.

Wir brauchen den Geist der Kraft/des Mutes, der Liebe und der Besonnenheit. Was ist eine Liebe, hier die Nächstenliebe wert, wenn sie uns nicht dazu bringt, uns mutig nach außen zu erkennen zu geben, uns an die Seite derer zu stellen, die in unserem Land in die Außenseiterrolle gedrückt werden und damit potentielle Opfer von Gewalt sind? Es ist erschreckend, wie viele Menschen in den östlichen Bundesländern aber auch schon in NRW mittlerweile Angst vor Übergriffen und Gewalt haben: Obdachlose, Menschen mit Einschränkungen, Menschen, die keine weiße Hautfarbe und keine typisch deutschen Namen haben, queere Menschen, jüdische und muslimische Mitmenschen. Das darf uns niemals gleichgültig sein lassen, denn Gott fragt uns: Wo ist dein Bruder, deine Schwester? Ihre Not schreit zum Himmel! Wo bist da du? Der Geist der Kraft will unseren Mut mobilisieren. Den Mut, uns zu zeigen und uns zusammenzuschließen, um Widerstand zu leisten gegen Dummheit und Hass, Menschenverachtung und Intoleranz. Und dieser Geist ist ja auch hier in Düsseldorf am Werk, das konnte ich am 12. September auf der großen Demonstration gegen Rechts erleben. Es tat einfach gut, mit so vielen auf der Straße unterwegs zu sein.

 

Besonnenheit ist wichtig, aber sie darf nicht mit Rückzug aus der öffentlichen Verantwortung verwechselt werden. Nicht nur die in gewählten Ämtern stehenden Politikerinnen und Politiker sind gefragt, sondern jeder und jede einzelne von uns. Zu lange schon ist geschwiegen worden, wenn offen und versteckt ausländerfeindliche Sprüche gefallen sind. Wie entsetzlich normal wird heute schon das Wort „Remigration“ verwendet, ein Wort, das nicht weniger bedeutet als Vertreibung und Entrechtung von Mitbürgerinnen und -bürgern. Weghören ist nicht mehr möglich und Wegsehen auch nicht. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Tim.1,7)

Oder wie es in der Basisbibel heißt: „Der Geist, den Gott uns geschenkt hat, lässt uns nicht verzagen. Vielmehr gibt er uns Kraft, Liebe und Besonnenheit.“

Es ist ein Geist der Tat, der sich zeigt.

 

Gott hat ihn uns gegeben, damit wir ihn auch in unserem Alltag, in unserer Gesellschaft einsetzen. Lassen wir diesen Geist reichlich in uns und unter uns wohnen! 

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