13.S.n.Tr., 30.08.2026, Apg 6, 1-7, Stadtkirche, Doerthe Brandner

Liebe Gemeinde, 

der Predigttext für den heutigen Sonntag führt uns mitten hinein in die Geschichte eines Übergangs.

Übergänge sind Zeiten, in denen das Alte nicht mehr ist, aber noch nachschwingt und weiterklingt, und das Neue zwar schon im Blick, aber noch nicht wirklich mit Leben gefüllt ist.

Wir kennen solche Übergänge, denn sie gehören zu unserem Leben. Ein von vielen Menschen als besonders markant erlebter Übergang, ist z. Bsp. der Wechsel aus dem aktiven Berufsleben in den Ruhestand.

Wer schon einmal einen Übergang erlebt hat – sei es im eigenen Lebenszyklus oder durch Umstrukturierung im beruflichen Umfeld oder anderswo, weiß:

Übergänge haben es in sich.

Sie können Überraschungen bergen.

Sie fordern den Beteiligten nicht selten viel ab.

Wer sich im Übergang befindet, ist genötigt, sich neu zu sortieren, alte Rollen und Muster zu verlassen, die Dinge anders zu ordnen und es womöglich auszuhalten, dass manches erst einmal wie Versuch und Irrtum aussieht, bis eine neue Form gefunden ist, die bis zum nächsten Übergang stabil bleibt.

In Übergängen liegt deshalb auch Konfliktpotential, denn zu der Unsicherheit in den Formen und Strukturen, gesellt sich häufig eine Dünnhäutigkeit der beteiligten Personen.

 

In die Geschichte eines Übergangs mit dünnhäutigen Personen, einem Konflikt und der Notwendigkeit, die Dinge neu zu ordnen, führt uns der heutige Predigttext.

Er steht in der Apostelgeschichte des Lukas, die gelesen werden kann als die Geschichte des Übergangs der Jünger*innen Jesu aus der Zeit des innigen Zusammenseins mit ihm, in die Rolle der Repräsentat*innen einer neuen wachsenden religiösen Bewegung.                                                   

Zur Erinnerung:

Das Pfingstereignis mit der Predigt des Petrus, nach der sich 3000 Menschen spontan hatten taufen lassen, liegt einige Zeit zurück.

Erste neue Formen des Miteinanders sowohl in geistlicher Hinsicht:

  • Formen des Gebets, des gemeinsamen Gottesdienstes, der Feier des Abendmahls –

als auch in praktischer Hinsicht:

  • eine Willkommenskultur, die keinen Unterschied zwischen aramäisch sprechenden und griechisch sprechenden Juden machte, die sich taufen ließen oder einfach mal so „gucken kamen“, gleiche Wertschätzung allen gegenüber unabhängig von sozialem Status, Vermögen oder Geschlecht.

hatten sich etabliert.

Man fängt an, diese neue religiöse Bewegung mit diesen besonderen Formen der Gemeinschaft und des Miteinanders auch von außen wahrzunehmen. Immer mehr Menschen interessieren sich für sie, kommen dazu, lassen diese Gemeinschaft wachsen.

Wunderbar!

Und – wie das eben auch ist: Mehr Menschen bedeutet auch mehr Unterschiedlichkeit in Herkunft, Lebensweisen, Ansichten und auch in Gefühlen und Sensibilitäten.

Je größer die Gemeinschaft also, desto mehr Konfliktpotential.

Hören wir, was Lukas der Evangelist, in seiner Fortsetzung des Evangeliums über die damals aktuelle Situation, über einen aufbrechenden Konflikt und die Lösung und die Neusortierung der Gemeinde erzählt – und welchen Effekt das alles hatte.

Ich lese aus Apg 6, 1-7:

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm,

erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde

gegen die hebräischen,

weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen:

Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen

und zu Tische dienen.

3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte,

die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind,

die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 

4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus,

einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas

und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 

6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 

7 Und das Wort Gottes breitete sich aus,

und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.

Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam. 

 

Davon träumen wir!

Oder, liebe Schwestern und Brüder?

  • Dass Konflikte in der Gemeinde gelöst werden;
  • dass weise und mit dem Geist Gottes begabte Menschen gefunden werden, die bereit sind, ein verantwortliches Amt in der Gemeinde zu übernehmen und das Presbyterium darin zu unterstützen, dass einerseits ALLE gesehen und angemessen wahrgenommen werden, andererseits sich das Presbyterium auf seine Leitungsaufgaben konzentrieren kann;
  • und dass die Früchte davon sichtbar werden, indem die Zahl der Gemeindeglieder auch hier in Kaiserswerth-Tersteegen groß wird, so wie die Zahl der Jünger – und ich ergänze und Jüngerinnen – groß wurde in Jerusalem.

Davon träumen wir!

  • Träumen Sie davon?

Und wenn ja, wenn Sie sich in diesem Traum irgendwo wiederfinden, können Sie sagen, was das genau für ein Traum ist – welcher Wunsch, welche Hoffnung – vielleicht sogar Sehnsucht –sich für Sie mit ihm verbindet?

  • Für diese Gemeinde – und womöglich auch eine Hoffnung, eine Sehnsucht, ein Wunsch für Sie selbst?

 

  • Ist es die Sehnsucht nach Harmonie an diesem Ort, an dem Sie beheimatet sind und sich geborgen fühlen möchten?
  • Ist es der Wunsch, dass mehr Menschen bereit sind, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen – auch um als Engagierte selbst etwas mehr entlastet zu werden?
  • Ist es die Hoffnung, dass die Kirchengemeinde relevant bleibt, unübersehbar und unüberhörbar im Konzert aller Gemeinden in Düsseldorf?
  • Und ist die Hoffnung auf sichtbare Größe womöglich durchwoben von Sorge oder Angst unterzugehen?

Ist es noch etwas ganz anderes, wovon Sie für diese Kirchengemeinde träumen?

 

Fragen, die Sie selbstverständlich jetzt hier nicht öffentlich beantworten sollen.

Fragen, die aber helfen können, auf die Spur dessen zu kommen, was einen selbst oder ein Gremium wie das Presbyterium antreibt.

Und Fragen, die es möglicherweise wert sind, einmal gemeinsam in einem geschützten Raum bedacht zu werden – z. Bps. bei einer Presbyteriumsklausur, um gemeinsam auf die Spur zu kommen, worum es Ihnen eigentlich geht und ob das für alle dasselbe ist.

 

Worum es denen geht, von denen unser Predigttext erzählt, wird nur knapp angedeutet:

In der jungen Gemeinde zu Jerusalem gibt es zwei größere Gruppen, die sich je länger, je mehr ihrer Unterschiedlichkeit bewusstwerden:

  • Die aramäisch sprechende Gruppe und die griechisch sprechende Gruppe.

Offenbar fühlen sich die Letzteren von den Ersteren nicht angemessen wahr-genommen und gesehen.

Zumindest im Blick auf ihre Witwen sprechen sie es aus.

Ob das tatsächlich der Kern des Problems ist oder einfach diejenigen vorgeschoben werden, die damals keine eigene Stimme hatten und die deshalb weder zustimmen noch widersprechen konnten – das wissen wir nicht.

Deutlich ist nur, dass der Konflikt so groß ist, dass die zwölf Apostel ihn ernst nehmen und sogleich reagieren:

Sie rufen die Gemeinde zusammen, unterbreiten ihr den Lösungsvorschlag, einige aus der Gruppe derer auszuwählen, zu der die nicht genug beachteten Witwen gehören, und sie damit zu beauftragen, dafür zu sorgen, dass niemand

übersehen, vergessen oder absichtlich weniger beachtet und bedacht wird.

  • Problem erkannt – Problem benannt – Problem gebannt.

So einfach und so klar stellt es sich hier in dieser Geschichte dar.

Dieser Text handelt also vom lösungsorientierten Umgang mit einem Konflikt.

Er handelt von Kommunikation und Delegation,

davon Verantwortung zu übernehmen und sich in der übernommenen Zuständigkeit aus Verantwortung selbst zu begrenzen und die Verantwortung auch und gerade mit denen zu teilen, die Teil des Konfliktes sind und somit deren Kompetenz anzuerkennen.

Vor allem aber handelt der Text von Demut.

Die zwölf Apostel handeln pragmatisch.

Dass ihr Handeln zum Segen führt, legen sie Gott anheim.

Sie können sich kein Handeln, keine Veränderung, keine Neuverteilung von Aufgaben und Zuständigkeiten – ich würde heute sagen: keine Strukturveränderung ohne Gebet und sowohl Bitte um, als auch Zuspruch des Segens vorstellen.

  • Hier, in dieser biblischen Stelle liegt die Wurzel unseres kirchlichen Handelns, wenn wir neue Mitarbeitende in Haupt-, Neben-, oder Ehrenamt einführen:

Wir stellen sie und uns in allem Tun in Gottes Segen und vertrauen sie und uns dem Wirken des Heiligen Geistes an.

Doch ich frage mich: Welche Bedeutung dieses segnende Handeln zum Beginn einer jeden offiziellen Tätigkeit für Sie in dieser Gemeinde hat – ich frage mich dies für alle Gemeinden und für die ev. Kirchen insgesamt.

Und ich frage mich, ob es eine einmalige Handlung zum Beginn eines Dienstes bleibt oder ob und wie es in den Gemeindealltag wirkt, sodass dem Geist Gottes Raum geschaffen wird.

 

In der Jerusalemer Gemeinde wirkt der Geist Gottes kräftig und mächtig. Die Gemeinde wächst und gedeiht weiter. Sogar frühere Gegner Jesu und seiner Jünger schließen sich ihr an.

 

Das Wachstum der Gemeinde rein quantitativ war in der Zeit des jungen Christentums wesentlich und existenziell für die Frage nach seinem Bestehen.

Ohne dieses quantitative Wachstum und seine Verbreitung über die ganze damals in Vorderasien und Europa bekannte Welt, hätte die christliche Religion wohl kaum die Bedeutung weltweit entwickeln können, die sie durch die vergangenen Jahrhunderte hatte und bis heute hat – als Grundlage von Philosophie und Weltanschauung, als Orientierung für politisches Handeln und als eine wesentliche Wurzel der Demokratie.

  • Das sind die guten Früchte des Christentums.

Giftige Früchte aus Selbstherrlichkeit, mangelnder Demut und Machtverliebtheit gerade auch innerhalb der Kirche und aus ihr heraus gibt es – Gott sei’s geklagt – auch reichlich. Sie sind nicht zu vergessen und brauchen an anderer Stelle Beachtung.

Zurück ins Jetzt:

Auch heute gibt es in Kirche und Gemeinden Probleme, die es gilt zu erkennen, sie offen zu benennen, und sie dann pragmatisch und zielgerichtet zu lösen.

Der Wunsch:

  • Immer mehr zu werden,
  • Wahrgenommen zu werden und im Gespräch der Menschen zu sein,

bestimmt kirchliches und gemeindliches Handeln zur Lösung dieser Probleme aus meiner Sicht zurzeit besonders stark.

Er motiviert dazu, sich immer wieder Neues und Besonderes, Spektakuläres auszudenken:

  • einfach heiraten, Tauffeste, Events mit hohem Unterhaltungswert.

Nicht selten gehen Gemeinden oder Kirchenkreise in eine Art unausgesprochene Konkurrenz: Seht, was wir hier alles auf die Beine stellen.

Seht, wieviel hundert Menschen zu uns gekommen sind – wie unsere Angebote boomen.

Das Wort „Niederschwelligkeit um nah bei den Menschen zu sein“ hat Potential zu einem Heilswort zu werden.

Und ich denke:

  • Spektakuläre und eventhafte Veranstaltungen haben ihren Sinn. Als Lösung für die Probleme unserer Kirche heute halte ich sie nicht für geeignet.

Auch für uns als Kirche heute geht es nach meiner Überzeugung darum zu wachsen, jedoch nicht im quantitativen Sinn.

Das Wachstum, dass wir benötigen – und wenn ich wir sage, denke ich an unsere Kirche im umfassenden Sinn – unsere Kirche, die auch durch diese Gemeinde Kaiserswerth-Tersteegen ein Gesicht bekommt –

das Wachstum, dass wir m. E. benötigen, muss ein anderes sein.

Denn ich bin der festen Überzeugung, dass es für uns als Kirche heute nicht mehr darum geht, wieder mehr zu werden, quantitativ zu wachsen. Es muss ein qualitatives Wachstum sein.

Und mit qualitativ meine ich auch nicht die Annahme, dass in einer Optimierung der kirchlichen Angebote nach den Richtlinien des Qualitätsmanagements aus der Wirtschaft, die Investition in noch mehr fachliche Expertise und Professionalität die Lösung der Probleme liegt.

Mit qualitativ meine ich das, worin die ureigentliche Qualität unserer Kirche und jeder Gemeinde vor Ort liegt – ihr Alleinstellungsmerkmal im Kanon unzähliger Angebote und Optionen, nämlich: der Sinnhaftigkeit und des WOZU des eigenen Lebens in einer Gemeinschaft, die sich nicht aus sich selbst heraus definiert, auf die Spur zu kommen.

Deshalb verabschiede ich mich von dem Wort: „qualitativ“ und sage lieber: „wesentlich“. –

Für unsere Kirche und für jede Gemeinde vor Ort geht es aus meiner Sicht darum, wesentlich zu werden – nicht im Sinn von maßgeblich, sondern im Sinn: ihrem ureigenen Wesen entsprechend.

Die Maßgeblichkeit von Kirche und von einer Gemeinde vor Ort – heute wird oft von Relevanz gesprochen – diese Relevanz muss Kirche, muss keine Gemeinde selbst herstellen.

Die Relevanz ist uns gegeben. Sie liegt in Gott und seiner Mensch-gewordenen Botschaft, dass er sich unsere Welt und jeden einzelnen Menschen – und auch unsere Kirche(!) – unbedingt angehen lässt.

Sie liegt in Christi Predigt in Wort und Tat, mit der diese unbegreifliche Zuwendung, dieses Mensch-Verbundensein Gottes von allem Anfang an Gestalt bekam.

Sie liegt in der Kraft des Segens, die ohne Berechnung des Ertrags und in Absehen von dem möglichen eigenen Profit – persönlich oder als Gemeinde – wirkt.

Darauf sich zu besinnen –

biblisch gesprochen umzukehren,

sich erneut hinzuwenden zu dem Grund, der sie trägt – Jesus Christus,

zu dem Wissen, aus sich selbst heraus nichts zu können

und dass deshalb Gottes Kraft gerade in der kleinen Kraft derer mächtig ist, die mit ihren Grenzen leben – und sich um nichts anderes mehr zu kümmern, als um das ureigene Wesen von Kirche stark zu machen –

darum geht es heute!

Um Re-ligio geht es: Rück-Anbindung, was Religion wörtlich meint.

Und darum, angebunden an Gott zu leben und aus seinem Segen zu handeln.

 

Liebe Gemeinde,

nicht größer werden müssen unsere Gemeinden heute. Das war überlebensnotwenig zur Zeit des jungen Christentums. Es wird in einer späteren Zeit mglw. auch wieder wichtig werden – und dann wird es auch geschehen!

Unsere Zeit heute und die Gesellschaft in der wir leben, ja die Welt in ihrer aktuellen Gestalt, braucht keine Menge und keine Masse.

Sie braucht nicht auch noch im Bereich der Religion ein Höher – Schneller – Weiter – Mehr.

Kein Make church great again! und kein: Diese oder jene Gemeinde zuerst!

Das führt zu nichts Gutem – weder säkular noch kirchlich.

Davon wissen schon die Heiligen Jüdischen Schriften als eine der Ur-Versuchungen des Menschen zu berichten. Wir finden sie unserem ersten Testament in der Geschichte des Turmbaus zu Babel:

  • Mehr – Höher – Weiter geht immer nur bis zu einem gewissen Punkt gut. Dann stürzt das ganze Wachstumskonstrukt zusammen.

Wachstum muss anders gehen. Dieser Sommer hat es uns wieder gelernt:

Der Baum, die Pflanze, die ihre Wurzeln in die Tiefe hat wachsen lassen, übersteht auch Dürre.

 

Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute ist eine Geschichte des Übergangs.

Wir als Kirche und Sie als Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen befinden sich in einem Übergang.

Übergänge brauchen Klarheit im Blick auf die Situation und das Erkennen von Problemen.

Sie brauchen Offenheit und Mut, um sie zu benennen.

Sie brauchen Tatkraft und Verantwortungsübernahme gepaart mit Einsicht in die eigenen Grenzen, Mut zum Delegieren und zum Aushalten dessen, dass Lösungen es mglw. auch ganz anders aussehen, als jemals gedacht.

Vor allem aber brauchen Übergänge starke Wurzeln.

Deshalb ist die vordringliche Aufgabe von Kirche insgesamt und von jeder Gemeinde vor Ort – auch von Ihnen hier in Kaiserswerth-Tersteegen? – dass wir alle Wachstumsträume in die Größe und Weite aufgeben und in die Tiefe wachsen.

Dass wir uns loslassen hinein in den Grund, der uns trägt und uns von da her nähren lassen, stärken, gründen, weiten.

Und ich bin sicher das Wort Gottes wird sich ausbreiten und selbst seine Kritiker und die größten Skeptikerinnen werden von unserer Kirche und von dieser Gemeinde angezogen werden und staunen.

Amen

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