13.S.n.Tr., 30.08.2026, Apg 6, 1 - 7, Tersteegenkirche, Horst Gieseler
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst (Ps 127,1 - Monatsspruch) Amen.
Der heutige Predigttext aus der APG 6, 1 – 7 markiert einen Übergang in der Geschichte der Urgemeinde. Zum einen liegt die Frühgeschichte der Gemeinde mit anfänglicher Gütergemeinschaft bereits zurück. Zum anderen kommt mit der Erwähnung griechisch sprachiger Gemeindeangehöriger die Ausdehnung der christlichen Gemeinschaft über Jerusalem hinaus in den Blick. Dies wird ebenfalls deutlich in der Bestimmung der sieben Männer. Alle tragen Namen griechischen Ursprungs. Der Aspekt der Ausdehnung des christlichen Glaubens wird im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte auch daran deutlich, dass sich zwei der sieben, Stephanus und Philippus, als Verkündiger des Evangeliums, also ebenso wie die Zwölf „Diener des Wortes“ erweisen. Beides, der Dienst des Wortes, wie der Dienst der täglichen Versorgung werden im Griechischen mit „diakonia“ bezeichnet.
Hören wir zunächst den heutigen Predigttext:
1In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam. Amen.
Liebe Gemeinde,
manchmal beginnt etwas Wichtiges mit einem ganz einfachen Satz: „Bei uns kommt jemand zu kurz.“ So beginnt auch die Geschichte, die uns heute in der Apostelgeschichte erzählt wird. Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem wächst. Immer mehr Menschen schließen sich den Aposteln an. Es gibt viel Begeisterung, viel Aufbruch, viel Gemeinschaft. Aber mitten in diesem Wachstum entsteht ein Problem: Die Witwen der griechisch sprachigen Gemeindeglieder werden bei der täglichen Versorgung übersehen. Man könnte sagen: Das große Ganze funktioniert – aber einige Menschen fallen durch das Netz. Und genau hier beginnt die Geschichte von der Entstehung des diakonischen Dienstes in der christlichen Gemeinde.
Zum ersten – Probleme entstehen: Wo Menschen zusammenkommen, entstehen auch Probleme. Wir kennen das. Wo Menschen miteinander leben und arbeiten, da gibt es nicht nur Harmonie. Es gibt Missverständnisse, unterschiedliche Interessen und manchmal auch Ungerechtigkeit. Die Gemeinde in Jerusalem war keine ideale Gemeinschaft. Auch dort gab es Unterschiede. Da waren die hebräisch sprechenden Judenchristen und die griechisch sprechenden. Da gab es unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Prägungen und unterschiedliche Lebensgeschichten. Und nun heißt es: „Es erhob sich ein Murren.“ Das klingt zunächst nicht besonders geistlich. Aber bemerkenswert ist: Die Apostel hören hin. Sie sagen nicht: „Das bildet ihr euch nur ein.“ Sie sagen auch nicht: „Das war schon immer so.“ Und sie sagen schon gar nicht: „Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun.“ Sie nehmen die Klage ernst.
Das ist ein wichtiger Punkt für jede Gemeinde: Eine Gemeinde Jesu Christi muss eine Gemeinde sein, in der Menschen gehört werden. Gerade diejenigen, die leicht übersehen werden. Die Witwen in Jerusalem konnten sich offensichtlich nicht einfach selbst helfen. Sie waren darauf angewiesen, dass die Gemeinschaft sie mitträgt. Und deshalb ist die Frage bis heute aktuell: Wer wird bei uns vielleicht übersehen?
Wer sitzt zwar unter uns, aber wird kaum wahrgenommen? Wer kommt nicht zu Wort? Wer braucht Hilfe, wagt aber nicht, darum zu bitten? Wer ist einsam? Wer fühlt sich fremd? Wer hat den Eindruck: „Für mich ist hier eigentlich kein Platz“?
Der 13. Sonntag nach Trinitatis stellt uns genau diese Frage: Wie gehen wir mit unserem Nächsten um?
Zum zweiten - Die Apostel erkennen ihre Grenzen:
Nun geschieht etwas Bemerkenswertes. Die Apostel sagen: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.“ Das klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas hart und auch nicht verständlich. Aber es geht nicht darum, dass die Apostel den Dienst an den Menschen geringachten. Im Gegenteil. Sie wissen: Es braucht beides. Es braucht die Verkündigung des Evangeliums. Und es braucht die konkrete Hilfe für Menschen. Es braucht das Wort. Und es braucht das Brot. Es braucht den Gottesdienst. Und es braucht die Sorge um den Menschen. Es braucht Gebet. Und es braucht praktische Nächstenliebe. Die Apostel erkennen allerdings: Wir können nicht alles selbst tun. Und das ist eine wichtige Erkenntnis – auch für uns.
Manchmal denken Menschen in der Kirche: „Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.“ Und irgendwann sind sie erschöpft. Vielleicht kennen wir das auch persönlich. Man übernimmt eine Aufgabe. Dann noch eine. Und irgendwann merkt man: Es wird zu viel. Die Apostel zeigen uns etwas anderes: Verantwortung abzugeben ist kein Zeichen von Schwäche. Es kann ein Zeichen von Vertrauen sein. Vertrauen darauf, dass Gott anderen Menschen ebenfalls Gaben gegeben hat.
Zum dritten - Sie suchen Menschen mit Gaben:
Die Gemeinde soll sieben Männer auswählen. Und nun fällt auf, welche Eigenschaften genannt werden: Sie sollen „einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit“ sein. Es geht also nicht einfach darum, irgendeine praktische Aufgabe zu verteilen. Es geht um Menschen, die ihren Dienst aus dem Glauben heraus tun. Die Gemeinde Jesu braucht Menschen mit unterschiedlichen Begabungen. Nicht alle müssen predigen. Nicht alle müssen organisieren. Nicht alle müssen im Gottesdienst vorne stehen. Nicht alle müssen Leitungsverantwortung übernehmen. Aber jeder und jede kann etwas beitragen. Der eine kann gut zuhören. Die andere kann Menschen zusammenbringen. Einer kann organisieren. Eine andere kann trösten. Jemand hat ein Herz für Kinder. Jemand anderes für ältere Menschen. Einer kann handwerklich helfen. Eine kann Musik machen. Ein anderer kann gut mit Zahlen umgehen. Und wieder jemand anderes merkt einfach, wenn es einem Menschen nicht gut geht. Gott braucht nicht nur die Begabten im Rampenlicht. Gott braucht Menschen, die treu und aufmerksam ihren Dienst tun. Dann lebt die Gemeinde.
Viertens - Diakonie beginnt mit offenen Augen:
Vielleicht ist das Entscheidende an dieser Geschichte gar nicht die Einrichtung eines neuen Amtes, liebe Gemeinde heute Morgen. Vielleicht ist es etwas viel Einfacheres: Die Gemeinde bekommt offene Augen. Sie entdeckt Menschen, die bisher übersehen wurden. Das ist Diakonie. Diakonie bedeutet im Grunde: Ich sehe den anderen. Ich sehe nicht nur meine eigenen Bedürfnisse. Ich sehe nicht nur die Menschen, die mir ähnlich sind. Ich sehe auch den, der anders ist. Den Schwachen. Den Kranken. Den Einsamen. Den Fremden. Den Menschen, der Hilfe braucht.
Jesus erzählt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Ein Mensch liegt am Weg. Andere gehen vorbei. Aber einer bleibt stehen. Er sieht ihn. Und aus dem Sehen wird Handeln. Das ist vielleicht eine der einfachsten und zugleich schwierigsten Aufgaben christlicher Gemeinde: Nicht wegzusehen.
Fünftens - „Es ist nicht recht, dass …“:
Dieser Satz aus der Apostelgeschichte lässt sich heute weiterdenken. Es ist nicht recht, wenn Menschen in unserer Gesellschaft durchs Raster fallen. Es ist nicht recht, wenn alte Menschen vereinsamen. Es ist nicht recht, wenn Kinder mit ihren Sorgen allein bleiben. Es ist nicht recht, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer sozialen Situation weniger Chancen haben. Es ist nicht recht, wenn jemand krank oder einsam ist und niemand nach ihm fragt. Und es ist auch nicht recht, wenn Kirche so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie die Menschen außerhalb ihrer eigenen Mauern nicht mehr sieht. Aber zugleich müssen wir aufpassen, dass daraus kein moralischer Zeigefinger wird.
Denn das Evangelium sagt uns nicht: „Strengt euch mehr an, dann seid ihr gute Christen.“ Das Evangelium sagt: Gott hat euch zuerst angesehen. Gott hat uns nicht übersehen. Gott kennt unsere Namen. Gott kennt unsere Sorgen. Gott kennt unsere Stärken und unsere Grenzen. Und weil Gott uns sieht, können auch wir anfangen, andere zu sehen.
Sechstens - Die Gemeinde wächst:
Am Ende unserer Geschichte steht ein erstaunlicher Satz: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß.“ Die Gemeinde wächst. Und zwar nicht trotz der neuen Aufgabenverteilung, sondern offenbar gerade auch dadurch. Die Gemeinde wird nicht kleiner, wenn Verantwortung geteilt wird. Sie wird größer. Sie wird lebendiger. Sie wird glaubwürdiger. Denn Menschen erfahren: Hier geht es nicht nur um Worte. Hier wird das Evangelium gelebt. Hier werden Menschen nicht allein gelassen. Hier wird geteilt. Hier wird geholfen. Hier wird zugehört. Hier ist einer für den anderen da. Und vielleicht ist genau das eine wichtige Botschaft für unsere Gemeinden heute.
Wir leben in einer Zeit, liebe Gemeinde, in der viele Menschen nach Orientierung suchen. Manche suchen nach Gott. Manche suchen nach Gemeinschaft. Manche suchen einen Ort, an dem sie angenommen werden. Manche würden niemals sagen: „Ich suche eine christliche Gemeinde.“ Aber vielleicht kommen sie trotzdem irgendwann in Berührung mit einem Menschen, der ihnen zuhört. Mit jemandem, der sie besucht. Mit einer helfenden Hand. Mit einem offenen Herzen. Und vielleicht erfahren sie dadurch etwas von dem Gott, von dem wir sagen: Er sieht dich. Du bist nicht vergessen. Du bist nicht allein.
Schlussendlich - Was heißt das für uns? :
Vielleicht können wir diese Geschichte mit drei einfachen Fragen mit nach Hause nehmen: Wen sehe ich? Nicht nur die Menschen, die mir vertraut sind. Wem kann ich dienen? Nicht unbedingt mit großen Dingen. Manchmal reicht ein Anruf, ein Besuch, ein offenes Ohr oder eine helfende Hand. Und schließlich: Was kann ich einbringen? Welche Gabe hat Gott mir gegeben? Vielleicht muss es gar nichts Großes sein. Vielleicht ist es gerade die kleine, treue Aufgabe, die niemand besonders bemerkt. Aber Gott sieht sie.
Liebe Gemeinde, die erste christliche Gemeinde hatte Probleme. Sie hatte unterschiedliche Menschen. Sie hatte Missverständnisse. Sie hatte Murren. Sie hatte organisatorische Schwierigkeiten. Mit anderen Worten: Sie war eine ganz normale menschliche Gemeinschaft. Wie unsere neue große Gemeinde Kaiserswerth-Tersteegen.
Aber diese Urgemeinde hatte etwas Besonderes: Sie blieb nicht bei ihrem Problem stehen. Sie hörte hin. Sie suchte nach einer Lösung. Sie teilte Verantwortung. Und sie entdeckte Menschen, die ihre Gaben einbringen konnten. So wurde aus einem Problem eine neue Aufgabe. Und aus einer Krise entstand etwas Neues.
Vielleicht ist das auch für uns heute in Kaiserswerth-Tersteegen eine Ermutigung: Wir müssen keine perfekte Gemeinde sein. Aber wir dürfen eine Gemeinde sein, die hinsieht. Eine Gemeinde, die zuhört. Eine Gemeinde, die Verantwortung teilt. Eine Gemeinde, in der niemand vergessen werden soll. Sorgende Gemeinschaft. Nachbarschaft.
Denn der Grund unseres Handelns ist nicht, dass wir uns damit einen Platz bei Gott verdienen. Der Grund ist vielmehr: Wir sind selbst von Gott gesehen worden. Darum können wir einander sehen. Wir sind von Gott angenommen worden. Darum können wir einander annehmen. Wir haben von Gott empfangen. Darum können wir weitergeben. Und vielleicht wird dann auch heute etwas von dem wahr, was damals über die erste Gemeinde gesagt wurde: „Das Wort Gottes breitete sich aus.“ Nicht nur durch schöne Worte. Sondern durch Menschen, die das Wort Gottes mit ihrem Leben sichtbar machen. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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