12.S.n.Tr., 23.08.2026, 1. Kor 3, 9 – 17, Stadtkirche, Doerthe Brandner

Liebe Gemeinde, 

wer etwas bauen will, der braucht eine gute Grundlage.

Um das zu wissen, muss man kein Architekt, keine Bauingenieurin oder eine Maurerin oder ein Zimmermann sein.

Das lernen schon meine kleinen Enkelkinder, die ihre ersten Türme mit Klötzen bauen: auf dem weichen Teppich wird der Turm nicht hoch und fällt viel schneller um als auf dem Parkettboden. Kleine Klötze sind als Unterlage nicht geeignet. Die größten müssen nach unten.

Für den Hausbau gilt dasselbe.

Der Untergrund ist maßgeblich für die Stabilität des Hauses. Spätestens bei Katastrophen wie der Überschwemmung im Ahrtal und anderswo vor fünf Jahren oder wie bei Erdbeben ganz aktuell in Südamerika wird das deutlich: Häuser, die keinen festen Grund haben, weil sie im sumpfigen oder sandigen Gebiet gebaut wurden, fallen als erste um. Und zu Schaden kommen vor allem die Menschen, die in ihnen wohnen.

Auf den Grund kommt es also an.

Das gilt auch im übertragenen Sinn, wenn wir z.B. davon sprechen, uns im Leben etwas aufzubauen.

Einen guten Grund wollen wir als Eltern unseren Kindern legen und meinen damit Bildung und gute Abschlüsse, ein finanzielles Polster, die Fähigkeit, eigene Interessen zu entwickeln und Chancen zu ergreifen.

Um im Leben bestehen und sogar etwas erreichen zu können – ja, dafür braucht man gute Voraussetzungen.

 

Auf den Grund kommt es an!

Das gilt offenbar auch für die Existenz einer Gemeinde.

Der Apostel Paulus erinnert seine Brüder und Schwestern in Korinth mit seinem 1. Brief an sie daran.

Denn offenbar ist die Gemeinde gehörig durchgerüttelt – so sehr, dass sie wie ein Haus bei einer Naturkatastrophe zu wanken und einzustürzen droht.

Was war passiert?

Die Gemeinde zu Korinth ist entzweit. Nachdem Paulus dort gewesen war und das Evangelium von Jesus Christus verkündet hatte, ist es zu Streitigkeiten gekommen. Andere sind gekommen und haben ebenfalls gepredigt. Der Inhalt ihrer Predigt aber war anders – irgendwie nicht so, dass Jesus Christus im Zentrum stand.

Und jetzt droht die Gemeinde in verschiedene Parteien auseinanderzubrechen, in die Paulus-Partei und in die Apollos-Partei, in die Petrus-Partei, ja sogar eine Christus-Partei scheint es gegeben zu haben.

Die Korinther brauchen Rat.

Welcher Weg führt weiter? Welche Richtung ist die richtige?

 

Gemeindeberatung, Coaching, Supervision der Leitenden – das wär’s doch, was die Gemeinde zu Korinth braucht! – Zumindest denken wir heute so.

Und ich glaube, dass Ihnen das ebenso bekannt vorkommen mag wie mir.

In meinem Herkunftskirchenkreis und meiner Herkunftsgemeinde war es ein Thema – hier in Düsseldorf und in Kaiserswerth-Tersteegen ist es das ebenso:

  • Wohin geht die Kirche?
  • Sollen wir eher diesem Weg oder jenem Weg folgen?
  • Wonach und nach wem sollen wir uns richten?

Fragen, die sich viele Gemeinden heute stellen und stellen müssen im Blick auf ihre Existenz in einer Gemeinschaft von Gemeinden als Teil der ganzen Kirche.

Fragen, die umso mehr durchrütteln und eine Gemeinde ins Wanken bringen können, wenn es auch innerhalb einer Gemeinde Uneinigkeit über das Wohin und die Art und Weise Kirche im Ort und mit seinen Menschen zu sein gibt. – Ja, wenn eine Gemeinde von schwelenden Konflikten zermürbt oder offenem

Streit erschüttert ist.

Wie kann das Haus unserer Gemeinde, das ja viel mehr ist als das Gemeindehaus, feststehen,

  • so dass es seiner Bestimmung entspricht,
  • so dass es Unterschiedlichkeit und auch Konflikte aushält, ohne zu zerbrechen
  • vor allem so, dass die Menschen, die in ihm zuhause sind, nicht die ersten Leidtragenden der Fragen und Konflikte sind?

Das sind die Fragen, die Paulus antreiben, und die er für die Menschen der Gemeinde von Korinth in den Fokus rückt – weg von ihrem Konkurrenzgebaren,

und dem Wunsch das Eigene durchzusetzen.

Hören wir auf die Gemeindeberatung des Paulus, wie er sie im 1. Kor 3 in den Versen 9-17 aufgeschrieben hat. Dort lesen wir:

9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist,

habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf.

Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.

11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist,

welcher ist Jesus Christus.

12 Wenn aber jemand auf den Grund baut

Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,

13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden.

Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen;

denn mit Feuer wird er sich offenbaren.

Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

14 Wird jemandes Werk bleiben,

das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.

15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden;

er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid

und der Geist Gottes in euch wohnt?

17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören,

denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

 

Klartext – Paulus redet Klartext.

Kein Abwägen von Für und Wieder von Argumenten der einen und der anderen und auch der dritten Partei, um ja möglichst allen gerecht zu werden.

Auch kein gegeneinander Ausspielen der einzelnen Beteiligten des Konfliktes mit dem Ergebnis einer Seite mehr Recht geben können, als der anderen.

Paulus widersteht auch der Möglichkeit, selbst die Rolle des Retters anzunehmen – dessen der weiß, wie es richtig geht.

Stattdessen Paulus hält den Menschen in dem dem anwachsenden Konflikt entgegen – wir können es in den Versen zuvor lesen:

Wer ist schon Paulus?

Wer ist schon Apollos?

Was soll das sich miteinander Vergleichen, das sich gegenseitig Ausspielen und das schiefe Spähen auf den anderen?

Wir alle sind Mitarbeitende Gottes und wir alle sind selbst auch der Bau an dem es gilt zu bauen.

Und deshalb sehe jedermensch zu, wie er und wie sie baut.

 

Ja, es ist ein ganz handfester Konflikt in der korinthische Gemeinde, auf den Paulus antwortet

Ein Konflikt, der mich an Konflikte erinnert, die auch uns in der Kirche nicht fremd sind.

Da gibt es die Grundsatzdiskussion, was die eigentliche Aufgabe von Kirche ist.           

  • Sich einmischen und sich in den gesellschaftlichen und politischen Fragen unserer Zeit klar positionieren?
  • Oder muss Kirche sich dem Einzelnen zuwenden, Menschen begleiten, Helferin zu Sinnsuche und zum gelingenden Leben sein – in den Krisen des Lebens als stabile Ansprechpartnerin und Begleiterin erscheinen?
  • Was ist in der Gemeindearbeit wichtiger: Personal oder Gebäude? Finanzielle Sicherheit oder das Geben mit vollen Händen an die, die es wirklich nötig haben?

Nicht selten gibt es auch Konkurrenz unter Kolleginnen und Kollegen oder zwischen den Verantwortlichen einzelner Gemeindebereichen und ihren Zentren:

  • Wo ist das Gemeindeleben lebendiger?
  • In welche Kirche kommen mehr Menschen zum Gottesdienst?

Konflikte gehören zum Miteinander dazu.

Meistens kann eine Gemeinde sie aushalten und gut tragen.

Manchmal aber, wenn sich die Kirche insgesamt oder eine Gemeinde sowieso in einer krisenhaften Zeitz befindet, dann können Konflikte zu unüberbrückbarem Streit, zu Verlustgefühlen und Angst werden, neben den anderen unterzugehen;

Dann kann es ein, dass die Gemeindeleitenden nicht zueinander finden oder überfordert sind – oder gefangen im Klein-Klein.

Und dann wächst die Gefahr, dass aus Differenzen, die natürlich zu einer Gemeinde gehören, eine echte Zerreißprobe wird – die schon manche Gemeinde gespalten oder Menschen aus ihr vertrieben hat.

Vor solch einer Zerreißprobe steht nun die Gemeinde zu Korinth, weil Uneinigkeit besteht, auf wen sie sich maßgeblich als ihren Gründer berufen kann: Paulus oder Apollos. Und wer nun in dieser Nachfolge die meiste Bedeutung in der Gemeinde hat und das Wichtigste zu ihrem Erhalt beiträgt.

Und die Antwort, die Paulus auf diesen Konflikt gibt, ist schlicht und ergreifend:

Wir alle sind Mitarbeitende Gottes – und zugleich selbst Gottes Bau.

Deshalb sehe ein jeder / eine jede zu, wie er / sie weiterbaut, welche Materialien ihm / ihr entsprechen und an welcher Stelle eben diese Materialien benötigt werden – sei es nun Gold oder Holz.

Weder die Menschen der Gemeinde in ihrer Unterschiedlichkeit, noch die vordergründig unterschiedliche Wertigkeit der Materialien, die ein Bild für die Gaben der Menschen sind, dürfen gegeneinander ausgespielt werden – sagt Paulus.

Denn ein jeder Mensch ist wichtig, wird mit seinen Möglichkeiten gebraucht und hat seinen Platz – Sei es im Chor, in der Arbeit mit Kindern und  Jugendlichen oder Senior*innen oder im Presbyterium… Mit den Bildern des Paulus gesprochen:

  • Was würde alles passieren, wenn der Dachstuhl eines Hauses statt aus dem scheinbar wertloseren Holz, aus weichem Gold gebaut würde.

Um Vielfalt und Verschiedenheit, die sich gegenseitig befruchten geht es also mit Paulus beim Zusammenleben in und Gestalten einer Gemeinde.

Eine jede hat ihre Verantwortung – aber nicht jeder kann alles.

Denn der Bau an Gottes Haus braucht diejenigen, die mit Holz und Heu zu bauen wissen ebenso wie diejenigen, die Gold und Edelsteine einbringen.

Wichtig ist nicht, was und wie jemand baut, sondern dass er es seinen Gaben entsprechend tut, die sich der Wertung und der Beurteilung anderer entziehen.

  • Die Bewertung und Beurteilung werden später erfolgen, viel später – und sie wird nicht unsere Sache sein, sondern allein Gottes.

Und der wird ganz sicher noch einmal mit ganz anderen Maßstäben messen, als wir es tun, wenn wir uns gegenseitig betrachten und bewerten und messen.

Denn:

„Gott sagt nicht (wie wir): DAS ist der Weg zu mir, DAS aber nicht. Sondern er sagt: Alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, dass es dich zu mir führt.“ – so formuliert es Martin Buber.

Und alles in allem geht es letztlich in guten ebenso wie in schwierigen Zeiten um nichts anderes als um das Reich Gottes…

.. das kommen möge im Himmel und ebenso und schon jetzt auf Erden – auch in diesem Gottesdienst werden wir es wieder mit dem Vaterunser erbitten.

Und wenn es um Gottes Reich geht, geht es immer um seine Menschen – heute hier um uns, so wie damals Paulus um die Korinther.

Deshalb sind auch Alle gemeint und alle in der Gemeinde gerufen, das Ihre dazuzutun, damit das Reich Gottes wächst – um in dem Bilde des Paulus zu bleiben: als Mitarbeitende am Haus mitzubauen – in dem Wissen und der Haltung, selbst als Bau oder Teil dess Baues auch immer pflegbedürftig, manchmal auch erweiterungs- oder sanierungsbedürftig zu sein.

Und mitzubauen geht nur, wenn man nicht vergisst: der Grund auf dem wir unsere Gemeinde auf das Reich Gottes hin gestalten, liegt nicht in uns und unseren Fähigkeiten und Kräften.

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (V. 11) – Sagt Paulus.

Dieser Grund in Jesus Christus ist nicht zu verwechseln mit einem starr gegossenen Fundament.

Es ist eher wie ein in aller Stabilität und Sicherheit beweglicher und dynamischer Boden.

Ein Boden wie die Geschichte Gottes seiner Liebe zu uns, wie sie in Jesus Christus menschlich geworden ist.

Der lebendige Christus ist das Fundament, auf dem wir stehen, und auf dem wir unsere Gemeinde bauen, unser Leben aufbauen können.

Lebendigkeit – das ist die Sicherheit, die uns mit diesem Fundament garantiert ist. Mehr nicht und weniger auch nicht.

Gottes Geschichte mit uns ist in Jesus Christus ein für alle Mal geschrieben.

Aber weil diese Geschichte eine der lebendigen Liebe Gottes ist, ist sie nicht ein für alle Mal festgeschrieben.

Durch alle Zeiten hindurch sucht Gott und begegnet uns immer wieder neu – den Menschen damals in Korinth in ihrer Welt und Glaubenswirklichkeit und uns heute hier in Kaiserswerth, in Lohausen, in Tersteegen – in unserer Welt und Glaubenswirklichkeit.

Gott ist ein lebendiger Gott, der in all seiner konkreten Geschichte mit uns immer auch unvorstellbar bleibt für uns – unfassbar und letztendlich unbegreifbar.

Und deshalb ist das Fundament, das der lebendige Gott in Jesus Christus ist, nicht geeignet, dass wir es zum Fundamentalismus zementieren – auch nicht dazu, es in den Dienst unserer eigenen Meinungen und Ansichten über das Wohl und Wehe der eigenen Gemeinde zu stellen mit Sätzen wie: Das haben wir schon immer so gemacht! Oder: Das war noch nie so!

Damit zerstören wir seine Lebendigkeit.

Das Fundament „Jesus Christus“ kann weder gewusst noch benutzt werden – nur geglaubt kann es werden und dadurch als ein Boden entdeckt werden, der – was Wunder! – zu gleich Quelle ist und deshalb trägt wie Petrus das Wasser trug, als er es auf Jesu Wort hin wagte zu betreten.

Und so, liebe Gemeinde, stehen wir als Kirche, als Gemeinde hier in Kaiserswerth-Tersteegen, genauso wie als einzelne Glaubende immer auf einem beweglichen und dynamischen Grund.

Wir stehen darauf nicht, weil unser christlicher Glaube eine so schwammige, unsichere Angelegenheit wäre,

sondern diese Beweglichkeit und Lebendigkeit macht unseren Glauben wesentlich aus.

In ihr zeigt sich ein und dieselbe ewig gültige die Botschaft Gottes

  • Zu jeder Zeit
  • An jedem Ort, mag er nun Kaiserswerth, Lohausen oder Tersteegen heißen oder noch einen ganz anderen Namen tragen

in vielerlei Weisen durch die unterschiedlichsten Gaben verschiedener Menschen und in unzähligen Sprachen und Gebärden --- und immer als lebendige Gottesgeschichte mit uns, seinen Menschen, Liebe-durchwoben, überraschend, immer wieder neu und genau so frei und lebendig wie Gottes Geist selbst.

 

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Stadtkirche,

unser Glaube ist genau so stabil wie wir es aushalten, vorläufig zu sei und nicht ein für alle Mal festgeschrieben – weder in der Weise wie wir glauben noch in unserer gemeindlichen Existenz.

Und deshalb erweist sich die tragende Kraft unseres Glaubensgrundes, gerade in Krisen:

  • in Krisen der Gemeinde wie der zu Korinth,
  • in krisenhaften Zeiten, die nach Neuüberlegungen und Veränderungen rufen – wie wir als Kirche sie insgesamt z. Zt. erleben
  • in Krisen und Konflikten innerhalb dieser Gemeinde
  • und genauso auch in Krisen des persönlichen Lebens und Glaubens.

Das einzige was nottut, ist, diesen stark-lebendigen, stabil-dynamischen Grund nicht aus dem Glauben zu verlieren und ihn trotz aller Abgründe und Dunkelheiten um ihn herum – in der Welt, in der wir leben, die nach unserer Kirche und Gemeinde greifen mögen und auch in uns selbst – für tragfähig genug zu erachten, um auf ihm gelassen und mutig weiter zu bauen – eine jede mit ihren Gaben, ein jeder an seiner Stelle.

  • Und in allem immer wieder zu fragen: dient das Meine – wohlgemerkt nicht das, was ein anderer tut, sondern immer, das, was ich tue! – noch diesem Grund?

Dann entdecken wir staunend, wie auch uns gänzlich Fernes auf demselben Grund steht.

Also,

liebe Menschen hier in der Stadtkirche und in der Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen,

lasst uns die Gemeindeberatung des Paulus für die Korinther*innen auch für uns nehmen und nicht vergessen: das Fundament müssen nicht wir stabilisieren oder gar bauen. Der Grund ist uns längst gelegt!

Und ihr selbst – ihr, genau diese Gemeinde in der Gemeinschaft aller Gemeinden weltweit – und du Mensch, dieser Gemeinde – ihr seid Bauleute und der Bau selbst zugleich.

Vergesst das doch nicht! Haltet euren Geist und Sinn, euer Miteinander offen für einander, dann bleibt ihr durchlässig für das Fundament und der Geist Gottes wohnt in euch!

Und ihr seid sichtbar für die Welt der Tempel Gottes.

Amen

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