10.S.n.Tr., Israelsonntag, 09.08.2026, Lk.19,41-44, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

 

Liebe Gemeinde,

der Israelsonntag ist seit geraumer Zeit wirklich zu einer Herausforderung für alle Predigenden geworden. Es fällt einfach zunehmend schwerer, über das Verhältnis von Kirche und Israel im Sinne einer Zuordnung auf der Ebene des Glaubens zu sprechen – eben das Verhältnis des christlichen Glaubens, der christlichen Religion zu dem jüdischen Glauben, der jüdischen Religion. Einfach deshalb, weil Israel eben nicht für das Judentum steht, sondern heute ein Nationalstaat ist, der die vollen Bürgerrecht nur Jüdinnen und Juden zugesteht und mittlerweile eine religiös-rechtsradikale Regierung hat, die im Schatten des Gaza-Krieges drauf und dran ist, sich auch noch die letzten den Palästinensern im Westjordanland geblieben Gebiete einzuverleiben: in ihren Augen erfüllen sie damit den Willen Gottes, der Israel das ganze Land verheißen hat, wobei sie sich auf Gebiete beziehen, die in den Geschichtsbüchern der Hebräischen Bibel genannt werden. Eines ist dabei schon absehbar: die radikalen Siedler und rechtsradikale Fromme und Politiker werden sich mit der Westbank nicht zufriedengeben. Teile des Libanon, Syriens und auch Jordaniens stehen längst auf ihrer Liste.

Israel kann vor diesem Hintergrund nicht mehr synonym gebraucht werden zum Judentum.

 

Die Aufgabe, die sich uns als Christen stellt, ist unsere Verbundenheit mit dem Judentum zu reflektieren, um nicht noch einmal jüdische Menschen zu diskriminieren, verächtlich zu machen und sie auszugrenzen. Das haben Christen in der Vergangenheit mit gutem christlichen Gewissen – Gott sei es geklagt – immer wieder getan und damit dem völkischen Antisemitismus den Boden bereitet, der zur Katastrophe des Holocaust führte.

 

Als Christen haben wir in unserer Gesellschaft aber auch eine besondere Verantwortung für das, was einmal ausgehend von der Kirche heute in Politik und Gesellschaft zu Judentum und Israel gedacht und gesagt wird. Glaube und Politik sind für uns nicht gänzlich zu trennen, sondern der Glaube ruft uns in die Verantwortung für das Miteinander in unserer Gesellschaft und auch darüber hinaus. Das Wiedererstarken des Antisemitismus bei uns und weltweit kann uns als Christen nicht gleichgültig sein. Ebenso kann es uns aber auch nicht gleichgültig lassen, dass sich unsere Regierung im Begriff „Israel“ verheddert hat und nicht mehr in der Lage zu sein scheint, klar zu sehen, wozu uns die Erinnerung an den Holocaust verpflichtet, was sozusagen die „Staatsräson“ ausmacht:

nämlich nicht zu schweigen, wenn Menschen aufgrund ihres Jüdischseins diskriminiert, ausgegrenzt und angegriffen werden, sondern sich klar an ihre Seite zu stellen. Der Schutz eines rechtsradikal regierten Nationalstaats namens Israel gehört meines Erachtens nicht dazu.

 

Vor diesem Hintergrund habe ich mich für die Predigt am heutigen Israelsonntag für einen Text entschieden, der Glaube und Politik zusammenbringt. Es sind Verse aus dem Lukasevangelium, um die seit vielen Jahren Verantwortliche in unserer Evangelischen Kirche offensichtlich einen großen Bogen machen, weil sie ihnen zu heikel sind – erinnern sie doch auch an die unseligen Zeiten, wo dieser Text, in dem von der Zerstörung Jerusalems die Rede ist, von Christen so ausgelegt wurde, dass diese Tragödie für sie ein Grund zur Freude sei.

 

Ich lese nun die Verse 41-44 aus dem 19.Kapitel des Lukasevangeliums.

„41 Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte

und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:

42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest,

was dir Frieden bringt!

Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.

43 Denn es wird eine schlimme Zeit über dich hereinbrechen:

Deine Feinde werden einen Wall aus spitzen Pfählen

rings um dich errichten. Sie werden dich umzingeln

und von allen Seiten einschließen.

44 Dich und deine Bewohner werden sie restlos vernichten.

Keinen Stein werden sie auf dem anderen lassen –

weil du den Tag nicht erkannt hast,

an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.«

 

Lassen Sie mich zunächst diesen Text kurz geschichtlich einordnen und ihn von einem leider bis heute virulenten Missverständnis befreien, das immer wieder religiösen Antisemitismus befeuert.

Als Lukas sein Evangelium verfasste, hatten die Römer unter dem Befehlshaber Titus wenige Jahre zuvor nach langer Belagerung im Jahr 70 Jerusalem eingenommen, die Bewohner der Stadt, sofern sie nicht schon während der Belagerung durch Hunger und Seuchen umgekommen waren, mit den Verteidigern massakriert oder versklavt, den Tempelschatz und alle Reichtümer geplündert und zuletzt den Tempel mit großen Teilen der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Ein geschichtlich Bedeutsames Ereignis, das auf dem Triumphbogen des Titus in Rom festgehalten wurde und dort bis heute betrachtet werden kann. Seitdem die Römer im Jahr 63 v.Chr. Palästina und Syrien ihrem Herrschaftsbereich einverleibt hatten, hatte es immer wieder Aufstände jüdischer Freiheitskämpfer gegeben. Und immer hatten die Römer brutal zurückgeschlagen und nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie die Macht im Land hatten und behalten wollten. Das hat sicher auch Jesus zu seinen Lebzeiten mitbekommen. Einige seiner Worte zeigen das ganz genau, zum Beispiel das Schwertwort: „Denn alle, die zum Schwert greifen, werden auch durch das Schwert umkommen.“ (Mt.26,52)

Oder in Lk.14,31-32, wo Jesus sagt: „Stellt euch vor:

Ein König will gegen einen anderen König

in den Krieg ziehen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin und überlegt: Sind zehntausend Mann stark genug,

um gegen einen Feind anzutreten, der mit zwanzigtausend Mann anrückt? Wenn nicht, dann schickt er besser Unterhändler, solange der Gegner noch weit weg ist.

Die sollen Friedensverhandlungen führen.“

 

Jesus war bestimmt ein politisch wacher Mensch, der um die Gefahren wusste, die allen Bewohnern im Land drohten, wenn der Konflikt zwischen den Aufständischen und den Römern eskalieren würde. Aber ob der Vers 44 wirklich O-Ton Jesus ist, ist mehr als zweifelhaft. Da meldet sich wohl doch Lukas, der Zeitzeuge der Ereignisse des Jahres 70 war. Und er ist ganz sicher für den zweiten Teil des Verses verantwortlich, der in der Folge einfach verhängnisvoll war – historisch unsinnig und für das Verhältnis der Christen zu den Juden fatal. Da lässt Lukas Jesus nach der Klage in Vers 42 eine Schuldzuweisung anschließen: all das Schreckliche geschieht dir und euch „weil du den Tag nicht erkannt hast, an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.“ Gemeint ist: Gott hat doch Jesus geschickt, den Retter, aber er wurde Jerusalem/Juda nicht als solcher akzeptiert. Wenn alle in Jerusalem an ihn geglaubt hätten, dann stünde der Tempel heute noch in der unversehrten Stadt Jerusalem. Daraus hörten Christen über viele Jahrhunderte: weil die Juden nicht an Jesus glaubten, deshalb wurde Jerusalem mit dem Tempel zerstört. Nicht die Römer waren die Schuldigen, sondern die Juden.

Antisemitismus pur. Ich kann verstehen, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer wohl deshalb einen Bogen um diesen Text machen. Aber in diesen Versen steckt auch viel Bedenkenswertes und deshalb habe ich ihn ausgewählt. Allerdings ist es  unerlässlich, den im Text eingebetteten Antisemitismus klar zu benennen und ihn so zu entlarven.

 

Wichtig für uns heute sind mir die ersten beiden Verse:

„41 Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte

und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:

42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest,

was dir Frieden bringt!“

 

Jesus sieht Jerusalem vor sich, im Zentrum den Tempel, einen der damals großartigsten Sakralbauten im römischen Reich, er sieht und bricht in Tränen aus. Ein mitfühlender Schmerz, der ihn klagen lässt: „Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“ Und natürlich steht das Du Jerusalem für die Menschen in der Stadt und im Land Juda.

Erkennen, was Frieden wachsen lässt. Welcher Weg einzuschlagen ist. Für die politisch Verantwortlichen und auch für die Bewohnerinnen und Bewohner von Stadt und Land.

Damals, zu Jesu Zeiten.

Aber auch heute kommt es darauf an:

Erkennen, was Frieden wachsen lässt.

Du, Jerusalem, Du, Washington, Du, Teheran, Du, Berlin.

Erkenne, was Du dazu beitragen kannst.

Jesus weint damals beim Anblick Jerusalems.

Und ihm würde es auch heute die Tränen in die Augen treiben – über Jerusalem, über diesen unseligen Konflikt im Nahen Osten, über das Unrecht und alle Gewalttaten, die längst vor dem 7.Oktober 2023 das Leben der Menschen in Israel, Palästina, im Libanon, in Syrien und im Iran vergiftet haben.

Warum gelingt es einfach nicht, Frieden in den vorderen Orient zu bringen?

Die Antworten nehmen zuerst immer die aktuell „Schuldigen“ in den Blick. Und es ist ja nicht von der Hand zu weisen: die Verantwortlichen in Israel, in den USA haben unverantwortlich gehandelt und eine kriegerische Auseinander- setzung mit dem Iran in Gang gesetzt, haben das Völkerrecht genauso missachtet wie Putin mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Mit Krieg gegen den Terror rechtfertigt Israel seine Angriffe gegen den Libanon, begeht in Gaza ganz offensichtlich mit dem gleichen Argument Verbrechen gegen die Menschlichkeit und lässt die Regierung Netanjahu es zu, dass rechtsradikale Siedler die Palästinensische Bevölkerung im Westjordanland terrorisieren.

Natürlich wäre ein Schweigen aller Waffen, ein Waffenstillstand, der wirklich von Dauer wäre, ein wichtiger erster Schritt, der die Menschen aufatmen lassen könnte.

Aber noch kein Schritt hin zu einem Zustand, wo Frieden wachsen könnte.

 

Nötig wäre ein Innehalten aller, die Bereitschaft sich ehrlich zu machen: was ist die Ursache, der Grund für all die Konflikte der vergangenen 100 Jahre im Nahen Osten, um Israel und Palästina? Was befeuert immer wieder den Hass und setzt den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt immer wieder neu in Gang?

Ohne diese Bereitschaft, da bin ich mir leider ziemlich sicher, wird es nie Frieden geben in und um Jerusalem.

„Wenn doch auch du heute erkenntest, was dem Frieden dient.“ „Wenn du doch bereit wärst, innezuhalten und hinzusehen, wenn du den Mut aufbrächtest, der geschichtlichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen.“

Und es braucht Mut, denn da wird jede Konfliktpartei auch mit unliebsamen Tatsachen konfrontiert werden.

Doch nur wo Recht und Wahrheit herrschen, nicht das Recht des Stärkeren, nur da kann Frieden Wurzeln schlagen.

Diesen Mut zur Wahrhaftigkeit, zu einem schonungslos ehrlichen Ansehen der Vergangenheit braucht es nicht nur für die unmittelbar beteiligten Nationen und Völker, für die Israelis und Palästinenser, sondern auch für alle, die in der Region in den letzten 200 Jahren als Kolonialmächte zugange waren oder auf andere Weise ihre Wirtschaftsinteressen verfolgt haben. Und auch wir in Deutschland stehen da nicht draußen vor, denn unser Umgang mit dem Holocaust hat uns in eine gefährliche Sackgasse geführt. Unsere Solidarität mit Israel darf nicht unseren Einsatz für Menschenrechte und Völkerrecht beschneiden. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit.

Eine Ursache für das Dilemma, in dem die deutsche Politik sich international befindet, liegt darin, dass wir uns nach 1945 zwar mit dem Antisemitismus und dem Holocaust der Nazizeit auseinandergesetzt haben, aber sträflich versäumt haben, uns mit dem Kolonialismus und dem mit ihm verbundenen Rassismus genauso zu beschäftigen. Der Geschichtsunterricht in den Schulen zeigt da bis heute einen Totalausfall.

 

Der Konflikt in und um Israel/Palästina ist aber ein Konflikt, der in der Kolonialzeit entstanden ist, und in den deutsche und europäische Schuldgeschichten gegenüber den jüdischen Menschen in Europa hinein verwoben sind. Nazideutschland hat sie verfolgt und ermordet, und die anderen Länder haben ihre Grenzen dicht gemacht für die Flüchtenden – einschließlich den USA.

Da gilt es: hinsehen, auch wenn es schmerzt, für Recht und Wahrheit eintreten gegenüber jedermann und nach Wegen suchen, die allen weiterhelfen, die guten Willens sind.

Das tun übrigens auch nicht wenige Juden hier in Deutschland, und auch in Israel. Sie warten dringend darauf, dass gerade deutsche Politiker Kirchenleitungen sich da deutlicher positionieren. Jüdische Menschen in Israel werden dann sicher wohnen können, wenn alle Menschen im Land das gleiche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit genießen, wenn die Menschenrechte für alle gelten.

Dann wäre die Klage Jesu nicht ungehört verhallt:

Wenn doch auch du heute erkenntest, was dem Frieden dient.“

Dass wir erkennen können, dazu hat er uns seinen Geist gegeben. Möge er uns ermutigen, hinzusehen, was war und ist und unsere Augen, Ohren, Herz und Verstand öffnen und weitmachen für eine gerechte, heilvolle Zukunft.

 

 

 

 

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