9.S.n.Tr., 02.08.2026, Genesis 3, Graf-Recke-Kirche, Peter Krogull
Liebe Gemeinde,
einen gehörigen Teil meiner Kindheit habe ich im Schrebergarten meiner Großeltern im Duisburger Norden verbracht. Besonders gut kann ich mich immer noch an die Anfahrt erinnern, vor allen Dingen an die kleinen, beigen Arbeiterhäuser, die die Zufahrtsstraße säumten. Im Hintergrund der Schrebergartensiedlung lag eine riesige Fabrikhalle, die auf mich den Eindruck machte, als sei sie schon vor vielen Jahren stillgelegt worden. Immer war es dunkel hinter ihren Fenstern. Die meisten Scheiben waren zersplittert. Als Kind stellte ich mir vor, dass „Halbstarke“ dort nachts mit Steinen ihr Unwesen trieben. Was für ein gruseliger Ort!
Sobald man jedoch den Eingang der Gartensiedlung passiert hatte, verschwand die Erinnerung an die unheimliche Umgebung. Die hohen Hecken der Kleingärten boten den perfekten Sichtschutz, zumindest für einen 5-Jährigen. Mir kam es immer so vor, als würde ich eine verzauberte Parallelwelt betreten. Im Mittelpunkt dieser Welt lag für mich die Parzelle der Großeltern mit der typischen Schrebergarten-Ausstattung: Ziergarten-Zugang, Nutzgarten-Ecke, Obstbäume, Rasen, Schaukel, Grill, Laube. Diese „Zutaten“ sorgten dafür, dass sich bei mir immer eine wundervolle Unbeschwertheit einstellte, sobald ich den Garten betrat. Hier war ich Kind, hier durfte ich es sein und mich von den Großeltern mit Comics und Pudding verwöhnen lassen. Überhaupt meine Großeltern: Auch sie schienen wie verwandelt zu sein, sobald sie ihren Garten betraten. Für Alltagssorgen und Arbeitsstress war hier kein Platz. Hier im Garten durften sie nur „Omma“ und „Oppa“ sein. Hier im Garten galt ihre volle Aufmerksamkeit den Pflanzen und dem Enkel und ihre größte Sorge war, wer denn wohl die freigewordene Parzelle nebenan bekommen würde. Wenn ich in der Bibel die Geschichte vom Garten Eden lese, muss ich an den Garten meiner Großeltern denken. Wie viele Deutsche hatten sie sich in den sechziger Jahren mit ihrem Schrebergarten ein eigenes, kleines Paradies geschaffen, eine grüne Gegenwelt zur grauen Arbeitswelt draußen. In den Achtzigern mussten die Großeltern ihr Paradies dann verlassen. Daran war keine Schlange schuld, sondern der Krebs. Irgendwann waren beide so krank, dass sie sich nicht mehr um den Garten kümmern konnten.
Meine Schrebergarten-Faszination war zu dieser Zeit schon lange vorbei. Als Teenager kam mir die Heile-Welt-Idylle im Parzellenformat sehr spießig vor. Heute bin ich dankbar für die Kindheitstage in diesem „Ruhrpott-Garten-Eden“. Für mich hatte diese Zeit etwas von einem kindlichen Zustand der „träumenden Unschuld“. „Träumende Unschuld“ ist eigentlich ein Ausdruck des Theologen Paul Tillich, der damit den Zustand des Menschen vor dem sogenannten „Sündenfall“ bzw. vor seiner Existenz-Werdung bezeichnet.
„Träumende Unschuld“ ist auf jeden Fall eine gute Beschreibung für meine unbeschwerte Schrebergarten-Kindheit; für eine Zeit, die noch weitgehend frei war von Sorgen und Ängsten. Sie merken, dass ich gedanklich gerne in diese Zeit zurückkehre.
Genauso gerne kehre ich als Pfarrer zu den biblischen Paradiesgeschichten zurück, besonders zu Genesis 3. Das hat weniger etwas mit Nostalgie zu tun, als vielmehr mit der Aktualität und der Anschaulichkeit dieser Geschichte. Sie zu lesen ist wie einen geheimnisvollen Garten zu betreten. Hinter jeder Hecke bzw. hinter jedem Vers begegnet einem ein neuer, interessanter Gedanke.
Das macht es mir bei einer Predigt über diese Geschichte auch so schwer, mich auf einen einzelnen Aspekt zu konzentrieren. Diese Geschichte lässt sich nicht auf einen Punkt bringen oder unter einer Überschrift zusammenfassen; schon gar nicht unter „Der Sündenfall“, wie es in der Lutherbibel heißt, obwohl das Wort „Sünde“ in Genesis 3 kein einziges Mal vorkommt.
Lieber will ich einmal den Garten der gesamten Geschichte durchstreifen und dabei einige Gedankenfrüchte auflesen.
Ich freue mich, wenn Sie mitkommen! Doch bitte passen Sie auf! Gleich nach dem Eingang der Geschichte wird es gefährlich. Da ist die Schlange, die uns als Lesende empfängt und in ihren Bann zieht. Wo kommt sie her und wieso gibt es sie überhaupt? Wie kommt es, dass die Schlange so genial argumentiert und so verführerisch auf Eva einredet?
Wenn ich an die Schlange der Paradiesgeschichte denke, kommt meinem Disney-geprägten Gedächtnis sofort die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch in den Sinn. So wie Kaa mit ihren Blicken Mogli hypnotisiert, so hypnotisiert die Eden-Schlange die Lesenden mit ihren Worten und treibt sie zu immer neuen Spekulationen an. Ob es sich bei der Schlange um den Teufel handelt? Die Bibel selbst verliert kein Wort über das Wesen der Schlange oder über ihre Herkunft.
Sie ist einfach da als listiger Teil von Gottes Schöpfung. Diese Schöpfung ist grundsätzlich gut, aber in ihr gibt es auch Wesen und Dinge, die für uns Menschen bedrohlich sind und uns herausfordern. Können wir diese Tatsache akzeptieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen? Das ist eine grundsätzliche Frage der Garten-Geschichte an uns.
Sie begegnet uns auch hinter der nächsten Ecke im Paradies, zu der uns Eva und die Schlange begleiten. Da sehen wir den Baum in der Mitte des Gartens:
„Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“
Was man von diesem Teil der Geschichte „pflücken“ kann, ist eine tiefe Einsicht in das menschliche Wesen. Es fällt uns schwer, Grenzen und Gebote zu akzeptieren. Besonders schwer fällt es uns zu akzeptieren, dass da ein Gott ist, dem wir unser Leben verdanken und der mächtiger ist als wir.
Wir wären gerne so wie Gott und würden gerne so viel wissen wie er. Für mich ist das eine der Pointen dieser Geschichte:
In dem Moment, in dem die Menschen vom Baum der Erkenntnis genascht haben, erkennen sie zuerst einmal, dass sie keine grandiosen Übermenschen sind, sondern nackte Erdlinge. Bei Adam und Eva führt diese Einsicht zur Scham. Ich wünsche mir, dass diese Einsicht bei uns Menschen heutzutage zu etwas mehr Demut und Bescheidenheit führen möge.
Ich denke an die Wissenschaftlerinnen und Forscher, die sich mit der Verlängerung des menschlichen Lebens beschäftigen. Biologisch scheint es realistisch und in Zukunft auch machbar zu sein, dass der Mensch ein wahrhaft biblisches Alter von 150 Jahren erreichen kann. Wenn ich die Forschungsberichte lese, habe ich oft den Eindruck, als gehe es um einen sportlichen Wettkampf zum Erreichen eines Höchstalters. Wäre es nicht erstrebenswerter, die Lebensqualität von alten Menschen zu verbessern? Wahre Erkenntnis bedeutet, seine menschlichen Grenzen zu akzeptieren. Schön wäre es, wenn Wissenschaft und Forschung sich in diesem Gedanken der Paradies-Geschichte wiederfinden könnten.
Worin wir uns vermutlich alle wiederfinden können, ist der Teil der Geschichte, in dem Adam und Eva versuchen, sich vor Gott für ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen. Adam sagt:
„Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Woraufhin Eva meint: „Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.“ Schuld wird verschoben und Verantwor-tung wird von sich gewiesen. Auch hier hält die alte Geschichte uns Menschen einen Spiegel vor. Denn so wird heutzutage immer noch Verantwortung verschoben und lieber ein anderer zum Sündenbock erklärt. So machen es Kinder, so machen es Politiker und Politikerinnen, so machen es wir alle. Schamrot laufen wir an, wenn wir diesen Abschnitt der Geschichte durchstreifen. Aber vielleicht lernen wir ja daraus und machen es beim nächsten Mal besser. Dann hätte die alte Geschichte für uns einen praktischen Nutzen.
Diesen hat auch ihre nächste Ecke. Wir befinden uns hier im „Nutzgarten“ von Genesis 3.
Ich meine die Strafen, die Gott für die Schlange, den Adam und die Eva verhängt. Diesen Strafen merkt man an, dass sie einen besonderen Nutzen haben. Sie wollen erklären, wie etwas geworden ist. Warum ist Feindschaft zwischen der Schlange und dem Menschen?
Warum sind Schwangerschaft und Geburt so schmerzhaft? Warum ist das Leben so arbeitsreich und hart? Die Reime, die die Menschen sich damals auf das Leben gemacht haben, mögen nicht mehr unsere Reime sein, vor allen Dingen nicht der, dass der Mann der Herr der Frau sei. Trotzdem rührt es mich an, wenn ich lese, wie die Menschen damals versucht haben, ihre leidvollen Erfahrungen mit ihrem Glauben an Gott in Einklang zu bringen. Vor dieser Herausforderung stehen wir Menschen heutzutage mehr denn je.
Die Krisen unserer Zeit, besonders die Klimakrise, bedrohen unsere Existenz und die der ganzen Schöpfung.
Was hat Gott damit zu tun? Unsere heutigen theologischen Antworten auf diese Frage kommen meiner Meinung nach oft sehr leise und schmallippig daher. Schnell und gut sind wir darin, von dem leidenden Gott zu sprechen, der immer bei uns ist und uns auch in den Tiefen des Lebens nicht allein lässt. Das ist gewiss richtig, aber es ist ja nicht das Einzige, was man angesichts der Klimakrise über und zu Gott sagen sollte. Ich glaube nicht, dass diese Krisen Strafen Gottes sind. Ich glaube, dass der Mensch für die Monstrosität dieser Krisen verantwortlich ist. Durch unser ausbeuterisches Verhältnis zur Natur und durch unseren globalisierten Lebensstil verschärfen wir sie. Unter diesen Krisen leiden meistens die armen Menschen der südlichen Halbkugel, die am wenigsten dafür können. Wären diese Krisen wirklich Strafen Gottes, würden die Strafen die Verantwortlichen treffen. Was also hat Gott mit diesen Krisen zu tun? Spaziert er durch seinen Paradiesgarten in der Abendkühle, während draußen die Welt brennt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Dem Gott im Garten ist der Mensch nicht egal. Nachdem Gott Adam und Eva bestraft hat, schneidert er den beiden aus Fellen die passende Funktionskleidung für das harte Leben außerhalb des Gartens. Was für eine schöne und seltene Blume, dieses Bild von Gott als liebevollem Schneider! Für mich ist sie der Mittelpunkt der Geschichte vom Garten Eden.
Ich möchte sie pflücken und denen schenken, die immer noch sagen, dass der Gott des Alten Testaments ein strafender und rachsüchtiger Gott sei. Die „Gott-als-Schneider“-Blume ließe sie wissen, dass schon zu Beginn der heiligen Schrift Gott den Menschen liebt und trotz aller Fehler sein Leben will. „Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ Mir macht dieser Vers Hoffnung, dass Gott uns in die Krisen der Zukunft nicht schutzlos hineinlaufen lässt, auch wenn wir selber viel Schuld an ihnen haben.
Der Gott aus dem Garten vergibt dem Menschen und er rüstet ihn aus für die Zukunft. Darum verlieren wir nicht den Mut, ganz egal wie spät es auf der Klimakrisen-Uhr ist. Wir können nicht zurück in Gottes Garten, aber wir können versuchen, diese Welt in einen Garten für alle Menschen zu verwandeln. Das klingt vielleicht kindlich-naiv, aber die träumende Unschuld der Kinder ist der Anfang von allen Dingen, die gut sind.
Amen.
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