7.S.n.Tr., 19.07.2026, Hebräer 13, 1- 3, Mutterhauskirche, Jonas Marquardt

 Liebe Gemeinde! 

Mit Gefangenenfürsorge und Asyl gewährendem Gastrecht hat nicht nur die gartenhäusliche Geschichte der Diakonie in Kaiserswerth begonnen, sondern die geheimnisvolle, sozial-spirituelle Wirklichkeit der Kirche insgesamt.

Die Kirche ist eine heilige Gemeinschaft, eine Gemeinschaft der Heiligen – so haben wir es gerade im Apostolicum bekannt –, die sich genau deshalb für nichts und für niemanden zu schade ist. Wer meint, die heilige christliche Kirche zeichne sich durch Zimperlichkeit, durch exklusive Statuten der Mitgliedschaft, durch enge Maschen eines moralischen Auslese-Filters aus, der wird eines Besseren belehrt, wenn er nur auf die ältesten Stimmen der Heiligen hört, die sich gegenseitig zum Groß-Sein und Weitherzig-Sein ermutigten, kaum dass auf Erden das Silberjubiläum von Pfingsten gefeiert werden konnte. … Kaum fünfundzwanzig Jahre ist die Gemeinde des Gekreuzigten alt, Der vom Himmel her die Rechtfertigung der Gottlosen durch Seine Weltherrschaft der Liebe lenkt, … kaum fünfundzwanzig Jahre ist die Kirche also alt, da übernimmt sie schon - wie ihr Herr - grenzenlose Verantwortung: Buchstäblich eine Fürsorge ohne Grenzen.

In zwei Worten besteht diese globale Ethik des Hebräerbriefes: „Phil-Adelphía“ und „Philo-Xenía“. Das sind die beiden Grundpole, die das biblische Doppelgebot der Liebe von Anfang an verschmilzt: Die Nächsten und die Fernsten, Bruderliebe also und Fremdenliebe.

Doch im Hebräerbrief wird dieser heilige Anspruch aller Menschen auf unterschiedslose christliche Zuwendung so elegant zugespitzt, wie es nur im wortspielerischen Griechischen gelingt: Dasein für die, die uns unmittelbar ansprechen, wird ebenso wie das Dasein für jene, die uns völlig verschlossen sind und bleiben, mit dem gleichen Verb-Stamm bezeichnet, den wir aus allen möglichen Fremdwörtern für Neigungen kennen: Philo-Sophie und Philo-Logie und Phil-Harmonie und Phil-Anthropie natürlich. Neigung zur Weisheit und zur Vernunft, zum Verbindenden und zu den Menschen. Alle diese können uns sympathisch sein, wenn und weil wir geistigen Zugang zu ihnen finden.

Die „Fremden“ aber – die „Xenoi“, die wir laut dem Hebräerbrief wie unsere Adelphoi, unsre Brüder und Verwandten mögen sollen – sind ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass wir sie nicht kennen und nicht entschlüsseln und enträtseln können, wie jenes, was sonst das Interesse unsrer Sympathie erregt: Xenoi sind die, vor denen der gemeine Mensch bis heute total nervös wird, weil seine eigene chronische Unkenntnis ihn verunsichert. … Da kriegt er’s mit der Angst zu tun, der Möchte-gern-Philosoph und -Menschenfreund, wenn die Xenoi sich zeigen; … da wird er xenophob. … Da wünscht er sich die DDR oder die Hitlerei zurück, weil Volk und Vaterland, Blut und Boden, Feind und Führer so schön einfache Bekannte sind in einer Formel ohne Unbekannte und die Spießerseele von ihrer Überforderung erlösen, nicht zu wissen, wozu und wie sie leben soll.

Doch genau die, die uns vor die Grenzen unseres Wissens und Nachvollziehen-Könnens führen, … genau die, an denen unser Hineindenken und Einfühlen notwendigerweise scheitert: Genau die sollen wir geschwisterlich, also mit beinah Fleisch-und-Blut-Instinkt wie unsere eigenen Abklatsche ansehen und behandeln.

Das aber ist eine dem Verstand und dem Verstehen unmögliche Leistung. Der eng begrenzte Raum unserer Ratio hat solche Weite nicht.

Und trotzdem mutet der Hebräerbrief uns zu, was Jesus der Menschheit insgesamt in letzte Aussicht stellt: Wir werden nicht nach dem gefragt werden, was wir wussten und nicht nach denen, die für uns einfach zu verstehen waren. Sondern nach den Unbekannten wird man uns fragen, und das, was unsrer persönlichen Erkenntnis verborgen blieb, wird das letzten Endes Entscheidende sein (vgl. Matth.25).   

Damit aber niemand sich jetzt aufregt und den Koller kriegt, hier werde das Hohe Lied der Irrationalität angestimmt, rufen wir die heiligen Nothelfer der Philosophie zur Hilfe und erinnern uns an die bewusstseinsscharfe Unwissenheit des Sokrates, … an die Lehre des allervernünftigsten Lehrers des späten Mittelalters - Nicolaus Cusanus -, der auf dem Weg von kritischer Schlussfolgerung des Glaubens auf die „belehrte Unwissenheit“ stieß, … erinnern uns an Immanuel Kant, der die Religion ausdrücklich nur „innerhalb Grenzen der bloßen Vernunft“ zu reflektieren beanspruchte, … erinnern uns an Ludwig Wittgenstein, der das, was jenseits der Verständlichkeits-Sprache ist, dem Schweigen anempfahl, in dem sich vieles ohne unseren Zugriff mitteilt, … und auch an Jürgen Habermas, der unter den vorreflexiven Quellen unsrer säkularen, auf Kommunikation angewiesenen Gesellschaftsordnung zuletzt wieder immer mehr die Religion würdigte.

Es sind also keine bequemen Rückzüge für Denkfaule, wenn wir angesichts des im Jüngsten Gericht Letztgültigen das un- oder hochphilosophische Wort des Hebräerbriefes hören, auf das es ankommt: Es ist das Wort „Unkenntnis“, das Wort „Ahnungslosigkeit“, das Wort „Nicht-Wissen“.

Es ist – um Nikolaus von Kues aufzugreifen – das Wort „Ignoranz“.

Liebt und lebt, handelt und helft unwissend, sagt uns die Stimme des Hebräerbriefes, in der wir die vielen Stimmen hören, die Jesus in seiner Botschaft von der letzten aller Entscheidungen uns ankündigt: Am Schluss nämlich werden die einen wie die anderen vor Ihm stehen und sagen „Wir wussten es nicht!“ ——

Ich wusste nicht, dass Du es bist, der da als Bettler vor den Toren von Amiens kauerte, als ich römischer Legionär im warmen Mantel an Dir vorüberzog.“

Ich wusste nicht, dass Du das warst, als ich ungarische Königstochter Dich in Deiner verreckenden Elendsgestalt einfach aus dem Unrat der kleinen Stadt Eisenach hoch in meine Kemenate bringen ließ, um Dich zu baden und zu betten, damit Du sterben könntest wie ein geliebtes Menschenkind.“

Ich wusste nicht, dass Du das warst, als die Cholera so viele hinraffte und ich die Waisenkinder einfach ins Kaiserswerther Pfarrhaus einziehen lassen musste.“

Wir wussten nicht, dass Du es warst, der auf den Feldern die Baumwolle pflückte als man Dein Fleisch und Blut verkaufte. Wir wussten nicht, dass Du es warst, der an den Webstühlen in Schlesien entkräftet das Bewusstsein verlor, … der auf den leeren Kartoffeläckern Irlands, auf die wegen der Pachtschulden niemand mehr Saatgut ausbringen konnte, verhungern musste, … wir wussten nicht, dass Du es warst, der unter osmanischer Knute ins Verderben der Armenier geschickt wurde und die eigenen Kinder in die Euphratschlucht stieß, um ihnen das Wahnsinnig-Werden im Wüsten-Durst zu ersparen, … wir wussten nicht, dass Du es warst, mit dem gelben Stern auf der Brust im Viehwaggon, … wir wussten nicht, dass Du das warst, … die ganze Zeit!“

Und gerade noch hat alles, was im alten Europa und der seit zweihundertfünfzig Jahren sogenannten „Neuen Welt“ ein wenig Christentum in den Knochen und im Herzen hat, dem Papst über die Schulter geschaut, durch einen leeren Torbogen, der sich auf den trügerisch spielenden Glanz des Mittelmeers auftut, … und der Mann in der weißen Soutane und alle, die mit ihm über den Tellerrand des Kontinents schauten, spürten im Herzen: „Wussten wir’s nicht, Herr, … wussten wir’s nicht, dass Du es warst und bist und sein wirst, der da an unsern Grenzen Schaden nimmt, der an unsrer Festung scheitert, der in unserm Ferienparadies hinabsinkt in das Reich des Todes?“ ……….. ———

Doch der Hebräerbrief spricht eben anders zu uns, als das schlechte oder auch das gute Gewissen. Im Hebräerbrief klagt unsere Ignoranz uns nicht an – wie sie es ja auch beim letzten Zurecht-Bringen nicht tun wird! Auch dann wird es ja auf beiden Seiten - beim Tun, wie beim Unterlassen - heißen: „Wir wussten es nicht!“ …….

Und die Botschaft des Briefs aus der ältesten Zeit sagt uns, dass das genau so sein muss: Es wäre nämlich schlimm und sinnlos und sündig, wenn es etwa von unserem Wissen abhinge, dass oder wann und wo und wem wir helfen!

Vielmehr ist die Erfahrung und Haltung der Anfänge ja diese: Bleibt fest darin und vergesst es nicht, ignorant, … unwissend, … ahnungs- und arglos, fraglos und unbeschränkt zu sein!

Ihr sollt wirklich nichts und Ihr sollt niemanden von Eurem Wissen abhängig machen; nicht Eure Erkenntnis, sondern nur Euer Unwissen, das in aller Unschuld nichts kalkuliert, sondern frei dafür bleibt, kommunizierend zu reagieren auf alles, das es antrifft, kann ja der grundlosen, der abgründigen Weite entsprechen, mit der Gott die Welt umfasst und sie durch Christus zu Sich zieht (vgl. Rö.11,33).   

Darum begegnet weder Gott, noch begegnen Seine Heiligen denen, die sich abhängig machen von ihrem Wissen-Können.

Nein: Ohne ihr Wissen vollziehen Menschen diese Begegnungen; ohne dass sie bewusst be-rieben, berechnend verfolgt, absichtsvoll gelenkt würden, stellt sich seit der Menschwerdung Gottes Sein Unter-uns-Wohnen und die Gegenwart Seiner Boten bei uns ein:

Der Bettler am Tor von Amiens findet wahrhaftig einen ignoranten Helfer.

Die Leprakranken von Eisenach und Marburg geraten wirklich an eine Fürstin, die bewusst nicht unterscheidet, sondern unterschiedslos teilt.

Die zu allem bereiten entronnenen Sklaven durften sich auf der sog. “Underground Railroad” tatsächlich darauf verlassen, dass dieses Netzwerk der Menschlichkeit sie anonym aus den konföderierten Südstaaten der amerikanischen Sklavenhalter unbemerkt weitervermitteln würde, bis sie in den Unionsstaaten des Nordens Menschenrecht und Freiheit erhielten; und nicht anders erging es - wenn auch viel zu selten - den untergetauchten Juden, die in der „Württemberger Pfarrhauskette“ eine verschwiegene und verschworene Gemeinschaft der pietistischen Pfarrer, Pfarrfrauen und -familien antrafen, die sie ohne jede weitere Erkundigung schlicht wie entfernte Verwandte aufnahmen und dann bei Nacht und Nebel zur nächsten Station dieses rettenden Geflechts von Glaubensgeschwistern weiterleiteten, wo man nie wusste, wer im Dämmern an der Hintertür klopfen würde, … wo man hingegen aber umso genauer wusste, was im 13. Kapitel des Hebräerbriefes steht: Nämlich eben dies, dass wir nicht wissen, sondern nur helfen sollen.

Anonym geht Gott durch die Welt, anonym Seine Heiligen.

* * * * * * *

Und doch wollen wir - auch wenn ihr unwissender Glaube, ihr wagemutiges Vertrauen auf die namenlose Nähe der Gnade danach niemals fragte - immerhin die Erinnerung an Johanna und Egon Stöffler aus dem Pfarrhaus in Köngen am Rande der schwäbischen Alb wachrufen, wo Christa und Hanna groß wurden, die hier solange gelebt haben und nun auf dem Fronberg-friedhof schlafen, bis sie beim Wachwerden Dessen Antlitz schauen, Der in ihrer Kindheit als beklommener, abgerissener, zu Tode gehetzter jüdischer Tischgenosse der großen Stöffler-Familie hörte, wie man Ihn dort bei jeder Mahlzeit herbeirief: „Komm, Herr Jesus, sei Du unser Gast …“!  ——

Gerade für die namensvergessene evangelische Kirche aber, die aus dem Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Glaubenden innerhalb der heiligen Kirche geschlossen hat, dass alle Menschen vor der Heiligkeit des HERRN gleich nebensächlich seien, … gerade für die evangelische Kirche mit ihrem allgemeinen Priestertum, das zur allgemeinen persönlichen Teilnahmslosigkeit in Sachen des Christlichen zu verflachen droht, ist das Blicken auf St. Martin und auf die Hl. Elisabeth von Thüringen, … ist das Blicken auf Friederike Fliedner, die am Grab einer Tochter der Hl. Elisabeth großgeworden ist, und auf Harriet Tubman, die große Fluchthelferin der Underground Railroad, die die Sklaven, die sie rettete, mit dem Ehrennamen „Moses“ nannten, … ist das Blicken auf Karen Jeppe und Johannes Lepsius und viele, die unendlich Tapferes und Treues an den Armeniern leisteten, ebenso wie auf die Eheleute Stöffler wichtig.

Es ist wichtig unter den Unzähligen die Eigentümlichen, die Besonderen, die Heiligen zu entdecken, deren Zahl und Wesen, deren Tun und Wahrhaftigkeit man ohnehin nie vollständig und ganz erfassen könnte. 

Es ist wichtig auf sie zu blicken, eben weil es überhaupt nicht auf unser Wissen ankommt, sondern auf unser Vertrauen auf das, was wir nicht wissen müssen.

Wir müssen nicht wissen, wer alles schon als Engel unter den Menschen bezeichnet wurde: Mathilda Wrede, „der Engel der Gefangenen“ oder Elsa Brandström, „der Engel von Sibirien“; … „unsere“ Florence Nightingale, „der Engel von Sewastopol“ oder die vier oder fünf Ordensschwestern, jüdischen Heldinnen und - ja auch - Kommunistinnen Stanisława Leszczyńska, Maria Stromberger, Angela Autsch, Malka Zimetbaum, Orli Reichert-Wald, die als Gegenstück zum Todesengel Josef Mengele alle ausgerechnet als die „Engel von Auschwitz“ galten und weiterleben; …  Paul Takashi Nagai, „der Engel von Nagasaki“, … die heilige Teresa, „der Engel der Slums von Kalkutta“, … Sr. Dr. Ruth Pfau, „der Engel der Leprakranken“ in Karatschi, … Sally Becker, die unerschrockene britische Helferin im Bosnien-Krieg, die als „der Engel von Mostar“ galt.

* * * * * * *

– Engel überall auf Erden; – Engel mitten in den Höllen; – Engel unter uns.   

Indem wir sie nur nennen, erfassen wird, dass es unmöglich wäre zu wissen, wie viele es gibt. Nur das verrät die Aufzählung, dass diese Engel unter uns so zahlreich sind, dass wir ihrer ohne jedes Wissen gewiss sein können.

Und eben deshalb ist es wichtig, dass wir der Heiligen wieder gedenken: Weil wir sie nicht zählen könnten, sondern glauben dürfen, dass ihrer unzählige sind. ——

Und das ist alles, was uns aufgetragen ist: Nicht zu vergessen, dass wir weder jemals wissen können, noch müssen, wie viele da sind, sondern dass wir nur – so lange wir noch im Leibe leben – an alle in den Nöten, Schranken und Fesseln dieser Welt Gefangenen denken in einem doppelten Vertrauen: Unerkannt ist uns überall die Not Gottes nahe, und anonym sind überall Seine Boten und Helfer da.

 

Gott begegnet in den Leidenden und in aller Hilfe.

Wir mögen davon noch so wenig verstehen und erkennen, wir mögen noch so ignorant sein, was die Sehnsucht Gottes und Seine Gegenwart betrifft.

Beide sind unendlich nah.

 

Leben wir als die, die das nicht wissen, aber auch nicht vergessen können:

In Hunger und Heiligkeit ist alles Gott.

 

Und wir sollen Gott in beidem lieben.

Amen.

  

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