6.S.n.Tr., 12.07.2026, 5. Mose 7, 6–12, Stadtkirche, Limei Teetz
6Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,
8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat
Liebe Gemeinde,
heute möchte ich Sie zu einer kleinen Reise einladen. Wir reisen nicht nach China, nicht nach Portugal und auch nicht an einen anderen Ort. Wir reisen ungefähr 2600 Jahre zurück, in eine Zeit, in der das 5. Buch Mose seine Gestalt bekam. Eine Zeit, die viele Historiker als "Achsenzeit" bezeichnen. Der Begriff stammt von Karl Jaspers. Er meinte damit eine Epoche, in der verschiedenen Kulturen grundlegende Fragen des Menschseins neu stellten. Und zwar mehr oder weniger gleichzeitig, wenn auch in unterschiedlichen Umfeldern und Kontexten. Und doch ist diese Reise keine Flucht in die Vergangenheit. Denn die Fragen, um die es damals ging, sind bis heute dieselben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Was trägt unser Leben? Was gibt uns Orientierung?
Das 5. Buch Mose ist eine Abschiedsrede des Mose. Das Volk Israel steht an der Schwelle zum verheißenen Land. Es ist ein Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft. Hinter dem Volk liegen Jahre der Wüstenwanderung, Zweifel, Murren, Angst und Rettung. Vor ihm liegt das unbekannte Land. Und Mose spricht noch einmal zu ihnen, bevor er Abschied nimmt. Er erinnert das Volk an das Entscheidende: Vergesst nicht, wer ihr seid. Und vergesst nicht, wer Gott ist.
Damals war Israel in einer schweren Lage. Das Nordreich war bereits untergegangen. Viele Menschen waren verunsichert. Fremde Kulte bedrohten den Glauben. Die Frage wurde immer dringlicher: Wer sind wir eigentlich noch? Wenn alles Äußere wankt, wenn politische Sicherheiten fehlen, wenn Macht und Größe nicht mehr tragen, worauf gründet sich dann die Identität eines Volkes?
Genau hier beginnt die große Botschaft unseres Predigttextes. Die Identität des Gottesvolkes beruht nicht auf Macht. Nicht auf Größe. Nicht auf Erfolg. Sie beruht allein auf Gottes Zusage.
Gott liebt zuerst
Unser Predigttext sagt etwas sehr Überraschendes. Nicht weil Israel groß oder stark wäre, hat Gott es erwählt, sondern weil er es geliebt hat.
Das ist der erste und wichtigste Gedanke dieses Textes. Und er ist bis heute ungeheuer tröstlich. Denn unsere menschliche Logik sagt meist etwas anderes. Wir denken: Erst muss ich etwas leisten, dann werde ich angenommen. Erst muss ich mich bewähren, dann darf ich dazugehören. Erst muss ich genug vorweisen, dann kann ich mich auf Zuspruch verlassen.
Doch die Bibel erzählt es anders. Gott liebt zuerst. Gott ruft zuerst. Gott befreit zuerst. Gott handelt zuerst.
Israel hat sich seine Erwählung nicht verdient. Es war nicht das größte Volk, nicht das stärkste, nicht das bedeutendste. Und gerade deshalb ist das so eindrucksvoll: Gottes Liebe hängt nicht an menschlicher Größe. Gott hat Israel aus Ägypten herausgeführt, aus der Knechtschaft befreit und mit starker Hand gerettet. Das Volk lebt nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Liebe.
Das ist nicht nur eine alte Geschichte. Das ist eine Wahrheit für unser ganzes Leben. Wie viele Menschen tragen innerlich die Sorge mit sich: Bin ich gut genug? Reiche ich aus? Werde ich angenommen, so wie ich bin? Der Predigttext antwortet darauf mit einem klaren Nein zur Leistung und einem starken Ja zur Liebe Gottes. Gott nimmt uns an, und deshalb dürfen wir lernen, nach seinem Willen zu leben.
Der Bund Gottes
Hier kommt ein Wort vor, das wir heute kaum noch gebrauchen: Bund.
Wir kennen eher den Begriff Vertrag. Ein Vertrag ist an Bedingungen gebunden. Er gilt, solange beide Seiten ihre Pflichten erfüllen. Wenn eine Seite ausfällt, ist der Vertrag gefährdet. Ein Bund ist etwas Tieferes. Ein Bund ist Beziehung. Ein Bund ist Zusage. Ein Bund ist Treue.
Wenn die Bibel von Gottes Bund spricht, dann meint sie genau das: Gott bindet sich an sein Volk. Nicht, weil dieses Volk so zuverlässig wäre. Nicht, weil es immer treu wäre. Sondern weil Gott treu ist. Sein Bund ist ein Ausdruck seiner Liebe.
Darum beginnt Gottes Handeln nicht mit Forderungen, sondern mit Zusage. Erst ist da die Befreiung aus Ägypten. Erst ist da die Erwählung. Erst ist da die Liebe. Und dann kommen die Gebote.
Das ist entscheidend. Die Gebote sind nicht die Voraussetzung für Gottes Liebe. Sie sind die Antwort auf Gottes Liebe. Sie sind kein Eintrittsticket in Gottes Nähe. Sie sind der Weg, auf dem ein befreites Volk lernen soll, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben.
Darum ist Gottes Gebot nicht zuerst Last, sondern Gabe. Nicht zuerst Einschränkung, sondern Orientierung. Nicht zuerst Druck, sondern Weg zum Leben.
Die Suche der Völker
Und doch ist dieser Glaube nicht nur für Israel bedeutsam. Der Predigttext erinnert uns an etwas viel Größeres. Zur selben Zeit wie zu der am Anfang schon erwähnten “ Achsen-Zeit “haben auch andere Völker nach dem Sinn des Lebens gesucht.
In China fragte Laozi nach dem "Dao". "Dao" kann man in dem ursprünglichen Text von Daodejing mit dem griechischen Wort “Logos“ gleichsetzen, heutzutage wird es häufig als "der Weg" übersetzt . Also der Weg, der alles trägt und in Einklang bringt. In seiner Suche geht es um das rechte Leben, um Harmonie, um die Ordnung des Wirklichen. In der selben Zeit suchte Konfuzius nach der rechten Gestalt des menschlichen Miteinanders, nach Verantwortung, Menschlichkeit und guter Ordnung in Familie und Gesellschaft. In Griechenland fragte Sokrates nach Wahrheit, nach Weisheit, nach dem, was dem Leben Halt gibt und es verstehen lässt.
Diese Fragen sind nicht fern von uns. Sie sind bis heute da. Was ist der rechte Weg? Was ist Wahrheit? Was macht einen Menschen wirklich menschlich? Wie kann ein Leben gelingen? Wie kann Gemeinschaft gut werden? Wie finden wir Orientierung in einer unruhigen Welt?
Es ist bemerkenswert: Die Kulturen der Welt stellten auf verschiedene Weise dieselbe große Frage. Jeder suchte. Jeder sehnte sich nach etwas, das trägt. Jeder spürte: Der Mensch lebt nicht von Brot allein, nicht von Macht allein, nicht von Wissen allein.
Und mitten in diese weltweite Suche hinein spricht Jesus Christus sein großes Wort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“
Das ist nicht einfach ein schöner Satz unter vielen. Es ist eine Antwort. Es ist Gottes Antwort auf die Suche der Menschheit. Jesus ist nicht nur ein Weg unter vielen. Er ist der Weg. Er ist die Wahrheit, nach der Menschen in allen Kulturen suchen. Und er ist das Leben, das stärker ist als Angst, Schuld und Tod.
So wird deutlich: Die asiatische Suche nach dem Dao, die konfuzianische Suche nach geordneter Menschlichkeit und die griechische Suche nach Wahrheit finden ihre Erfüllung in Christus. Nicht weil die anderen Fragen falsch wären. Sondern weil Jesus die Antwort Gottes auf die tiefsten Fragen aller Menschen ist.
Gottes Ernst und Gottes Barmherzigkeit
Unser Predigttext bleibt aber nicht bei der Liebe stehen. Er sagt auch, dass Gott treu ist und dass er den Menschen ernst nimmt.
Das klingt zunächst hart. Doch es gehört zur Wahrheit des Glaubens, dass Gottes Liebe nicht gleichgültig ist. Gottes Liebe ist keine billige Sanftheit. Sie verschweigt das Böse nicht. Sie nimmt Gerechtigkeit ernst. Sie nimmt Verantwortung ernst. Sie nimmt das Leben ernst.
Darum spricht der Text auch davon, dass Gott denen vergilt, die sich hartnäckig von ihm abwenden. Das heißt nicht, dass Gott unbarmherzig wäre. Es heißt vielmehr: Gott ist so ernst mit dem Menschen, dass er ihn nicht seiner Verlorenheit überlässt. Gottes Liebe ist keine Gleichgültigkeit. Gottes Liebe will Leben. Und deshalb nimmt sie das Gericht nicht aus der Wirklichkeit heraus. Gottes Gericht, das hören die Protestanten nicht gerne, weil es es einfacher ist, von Gottes Liebe zu erzählen.
Gerade hier wird Jesus Christus so entscheidend. Denn in ihm begegnen sich Gottes Gerechtigkeit und Gottes Barmherzigkeit in einzigartiger Weise. Am Kreuz trägt Christus selbst die Last der Sünde. Er nimmt die Trennung zwischen Gott und Mensch auf sich, damit wir Vergebung empfangen und neues Leben gewinnen können.
Das ist das Evangelium: Nicht wir müssen uns zu Gott hinaufarbeiten. Gott kommt zu uns herab. Nicht wir schaffen die Brücke. Gott selbst baut sie in Christus. Nicht wir verdienen die Liebe. Gott schenkt sie. Nicht wir retten uns selbst. Christus rettet uns.
Von Gott gesucht
Darum erzählt das Evangelium nicht zuerst von dem Menschen, der Gott sucht. Es erzählt von Gott, der den Menschen sucht.
Das ist der eigentliche Unterschied zwischen Religion und Evangelium. Religion fragt oft nach dem Weg des Menschen zu Gott. Das Evangelium verkündet den Weg Gottes zu uns. Religion sagt: Steig hinauf. Das Evangelium sagt: Gott steigt herab. Religion sagt: Suche. Das Evangelium sagt: Du bist schon gesucht. Religion sagt: Verdiene. Das Evangelium sagt: Du bist geliebt.
In Jesus Christus wird Gott Mensch. Er kommt in unsere Geschichte, in unsere Angst, in unsere Schuld, in unsere Fragen. Er bleibt nicht fern. Er tritt in unsere Wirklichkeit hinein. Und er ruft uns in seine Nähe.
Meine eigene Erfahrung
Heute ist Taufsonntag, wir feiern gemeinsam das Abendmahl, deshalb möchte ich etwas Persönliches erzählen. Vor über zwanzig Jahren stand ich genau hier in dieser Stadtkirche, unten am Taufbecken. Zusammen mit meinen beiden Söhnen wurden wir von Pfarrer Marquardt getauft .
Ich komme aus China und hatte das Privileg, in Deutschland zu studieren und zu leben. Sehr oft wurde ich gefragt: Wo kommst du her? Wo ist deine Heimat? Lange Zeit habe ich mit dieser Frage gerungen. Denn man kann in mehreren Ländern leben und doch innerlich nach Heimat suchen. Man kann überall unterwegs sein und trotzdem das Gefühl haben, nirgends ganz dazuzugehören.
Die Antwort fand ich nicht zuerst in einem Land. Ich fand sie in der Taufe. Seit meiner Taufe weiß ich: Meine tiefste Heimat ist bei Gott. Ich muss mich nicht selbst festlegen oder rechtfertigen. Ich darf wissen: Ich gehöre zu ihm. In der Taufe spricht Gott auch zu mir: Du bist mein.
Das ist eine ungeheuer starke Zusage. Denn sie bedeutet: Mein Leben hängt nicht daran, ob ich überall anerkannt werde. Meine Identität hängt nicht daran, ob ich immer verstanden werde. Meine Heimat ist tiefer als jede geographische Herkunft. Sie liegt in Gottes Ja zu mir.
Taufe und Abendmahl
Darum passen Taufe und Abendmahl so gut zusammen. In beiden Sakramenten hören wir Gottes Zusage nicht nur als Idee, sondern ganz persönlich.
Im Abendmahl hören wir die Worte Jesu: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Das ist dieselbe Sprache wie im Predigttext. Gottes Bund gilt. Seine Liebe gilt. Seine Treue gilt. Nicht weil wir vollkommen wären. Nicht weil unser Glaube immer stark wäre. Sondern weil Christus treu ist.
In der Taufe spricht Gott: Du gehörst zu mir. Im Abendmahl spricht Gott: Ich bleibe bei dir. In der Taufe sagt Gott: Du bist mein. Im Abendmahl sagt Gott: Ich gebe mich für dich.
So werden Taufe und Abendmahl zu sichtbaren Zeichen dessen, was unser ganzer Glaube verkündet: Gott lässt die Seinen nicht los. Er führt sie, trägt sie, vergibt ihnen und hält sie fest.
Schlussgedanke
Liebe Gemeinde, unser Predigttext führt uns heute zu einer großen Gewissheit. Wir leben nicht aus eigener Leistung. Wir leben aus Gottes Liebe. Wir gehören nicht Gott, weil wir alles richtig machen. Wir gehören ihm, weil er uns erwählt, befreit und geliebt hat.
Und genau das ist auch die Antwort auf die Fragen unserer Welt. Auf die Suche nach dem Dao . Auf die Frage nach der rechten Ordnung menschlichen Lebens. Auf die griechische Suche nach Wahrheit. Auf unsere eigenen Fragen nach Sinn, Heimat und Halt.
Jesus Christus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Das ist Gottes Antwort. Nicht als Theorie. Nicht als bloße Lehre. Sondern als lebendige Person. Christus selbst ist der Weg. Christus selbst ist die Wahrheit. Christus selbst ist das Leben.
Darum dürfen wir heute mit Vertrauen nach Hause gehen. Nicht mit Angst. Nicht mit Selbstzweifeln. Nicht mit der Frage, ob wir genügen. Sondern mit der Zusage Gottes: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
Amen.
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Jesaja 40,10
Ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Offenbarung 21,3