6.S.n.Tr., 12.07.2026, 5. Mose 7, 6-12, Tersteegenkirche, Doerthe Brandner

DU –

Nicht: Du da hinten!, sondern: Du

Du, die du mir gegenüberstehst; du, den ich anschaue, dir mit meinen Augen in deine Augen blicke. – Du, du Mensch, dich meine ich…

Kennen Sie solch ein DU, liebe Gemeinde? Haben Sie es schon einmal zu Ihnen gesagt gehört?

So ein gemeint sein, gesehen werden…

Bestimmt kennen Sie es, haben es schon einmal erlebt – selbst erfahren oder so DU zu jemand anderem gesagt.

  • Liebende sagen so: DU – wenn sie erkennen: Dieser Mensch ist das DU, mit dem ich ICH sein kann.
  • Eltern sagen so DU, wenn sie ihr neugeborenes Kind zum ersten Mal im Arme halten: Du, kleiner Mensch – so gänzlich neu im Leben und doch in allem vollkommen. DICH will ich halten und begleiten, dass du in dein ICH hineinwächst…

Momente der Lebensfülle.

DU

  • Wer dieses DU hört, spürt – weiß: Ich bin gemeint.

Nicht wegen Leistung, Engagement, Schönheit, sondern weil ich ICH bin und als dieses ICH von dem anderen Menschen als DU gesucht werde.

Eine Lebensgrunderfahrung, die wir – so glaube ich – unbedingt zu unserem Menschsein brauchen. – Und die uns, wenn wir sie einem anderen Menschen geben, eine Ahnung davon gibt, wozu wir Mitmensch sind:

  • Zum DU-sagen im Großen und Kleinen und gerade nicht dazu, uns aneinander zu messen, uns zu vergleichen, uns gegenseitig klein zu halten.

Diese Lebensgrunderfahrung suchen wir – so glaube ich – ein Leben lang und sie bekommt ein Gesicht in unserer Sehnsucht, ausgewählt zu sein.

  • Da sitzt man als Kind im Schulsportunterricht auf der Bank. Die beiden Besten im Sport aus der Klasse dürfen sich ihre Mannschaften für das anstehende Völkerballspiel wählen.

Wann wird der eine oder die andere auf mich zeigen? Hoffentlich als eine der ersten. Hoffentlich gehöre ich nicht zu den Letzten, auf die die Auswählenden mit schiefem Gesicht und der dazugehörigen Geste schließlich sagen: Dann muss ich dich jetzt eben auch noch nehmen.

  • Da sagt die Chefin: Du, du bist die richtige Person für dieses Projekt, für jenes schwierige Kundengespräch, für diesen freiwerdenden Posten.

Ausgewählt sein, lässt einen innerlich wachsen. Wie gut fühlt es sich an, für gut gehalten zu werden! Wie besonders gut fühlt es sich an, wenn jemand anderes sieht, dass man in etwas gut IST und einen deshalb auswählt…

Auch eine Erfahrung, die ich jedem Menschen wünsche.

Von Ausgewähltsein – von ERwähltsein sogar handelt der heutige Predigttext aus dem 5. Buch Mose, dem Buch Deuteronomium, Kapitel 7, Vers 6-12.

Wir hören den Abschnitt nach der Übersetzung der Lutherbibel von 2017.

6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums

aus allen Völkern, die auf Erden sind.

7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt,

weil ihr größer wäret als alle Völker –

denn du bist das Kleinste unter allen Völkern –,

8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielt,

den er euren Vätern geschworen hat.

Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand

und hat dich erlöst von der Knechtschaft,

aus der Hand des Pharaos, des Königs von Ägypten.

9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott,

der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen,

die ihn lieben und seine Gebote halten,

 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie

um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte,

die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut,

so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit,

wie er deinen Vätern geschworen hat.

Mose werden diese prophetischen Worte von den Verfassern des Buches Deuteronomium in den Mund gelegt als Teil seiner letzten großen Rede.

40 Jahre Wüstenwanderung liegen hinter dem Volk. Eine ganze Generation hat nichts anderes als Wüste kennengelernt. Nur wenige von denen, die damals mit Gott tagsüber als Wolkensäule und nachts als Feuersäule vor ihnen herziehend, aus Ägypten geflohen sind, leben noch hochbetagt und sind Zeuginnen und Zeugen der überaus bewegten Geschichte Gottes mit dieser Volksgruppe.

Nun stehen sie an der Schwelle zum gelobten Land. Und Mose steht an der Schwelle des Todes. Er wird das Land nicht betreten.

 

An Lebensschwellen stehend schauen Menschen zurück.

Die Fragen: Was war und was wird sein? Was bleibt und hat Bestand?

werden groß.

Mit den Worten der Hebräer am Rand der Wüste mögen diese Fragen heißen:

  • Bleibt dieser Gott auch in dem fremden Land und in dem neuen Leben vor uns – hinter uns – bei uns?
  • Was gibt uns Sicherheit? Sind Wolken- und Feuersäule nicht recht unzuverlässige und auch ganz anders deutbare Zeichen?
  • Sprechen nicht all unsere erlebten Durststrecken in der Wüste – im eigentlichen Wortsinn und als seelische Not – das „sich-Verhüllen-Gottes“ – gegen ihn und gegen sein zuverlässiges Da-Sein?

Zur Zeit der Abfassung der deuteronomistischen Schriften ist Israel wieder in einer Wüste – in der Wüste seines Exils in Babylon. Und hinter ihm liegt eine lange Geschichte von Eigenmächtigkeit, von dem Weggehen aus Gottes Nähe und den vielfältigen Versuchen, sich selbst groß zu machen.

Und die Fragen, die die Menschen damals im Exil, diesem Bild für ihr Scheitern, bewegt haben und dazu geführt haben, Mose diese und andere Reden in den Mund zu legen, mögen gewesen sein:

  • Kann diese von uns selbst und durch unser Verhalten so belastete Beziehung Bestand haben?
  • Bleibt Gott auch jetzt noch da? 

Martin Luther stellte dieselbe Frage aus seinem durch seine Zeit geprägten Glauben.

  • Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

fragte er

und versuchte mit allen, ihm damals zur Verfüg stehenden Mitteln und der damals üblichen, ja gebotenen Form der Selbstbestrafung von Fasten bis zum Umfallen, seinen nackten Körper Selbstfolter auszusetzten, nächtelangem auf kaltem Steinboden knieendem Beten u.a.m., Gott wohlgesonnen zu stimmen.

 

Wir Heutigen stellen diese Frage – so glaube ich – nicht mehr auf diese Weise – weder mit den Worten der Menschen Israels an der Schwelle zum gelobten Land, noch mit denen derer, die im Exil lebten, noch mit den Worten Martin Luthers.

Unsere Frage heute lautet vielleicht eher:

  • Wie kann es mir gelingen, so gut dazustehen, dass es von anderen gesehen wird und ich die (für mich so nötige) Anerkennung bekomme?

Und in dieser wilden Zeit, in der wir uns als Kirche befinden, in der nichts so zu bleiben droht, wie es einmal war und viele Menschen in Gemeinden voller Verlustsorge sind, dass sie verlieren könnten, was ihnen lieb und vertraut ist, worin sie ihre Stärke und ihr ureigenes Profil sehen…

In diesen Zeiten mag die im Kern selbe Frage in Gemeinden vielleicht so klingen:

  • Wie können wir unser Eigenes wahren und dafür sorgen, dass wir relevant und wichtig bleiben – nicht untergehen neben anderen, die uns den Platz streitig zu machen drohen oder im Neuen, Größeren?

 

Und die Menschen Israels in all den Wüsten, die sie mit ihrer Geschichte bis heute durchlebt haben,

und Martin Luther damals

und wir heute als eigene Menschen ebenso wie als Gemeinde lesen die Worte Mose wie ein Vermächtnis an die, die sie zu welcher Zeit auch immer hören.

Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt (…)

Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt,

weil ihr größer wäret als alle Völker –

denn du bist das Kleinste unter allen Völkern –,

 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielt,

den er euren Vätern geschworen hat.

In diesen Worten aus einer längst vergangenen Zeit und an Menschen eines anderen Volkes an ganz anderen Orten als hier, an Menschen des jüdischen Glaubens – finden wir Worte, die ihnen ebenso gelten wie uns.

Wir hören mit diesen alten Worten, dass Gott sagt:

  • Du, Mensch, wann immer du lebst, wo immer du bist, wie auch immer du glaubst – oder auch nicht glaubst – und wie auch immer du dein Leben deutest und versuchst zu bestehen…
  • Ihr Menschen Israels damals und heute –
  • Ihr Menschen der Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen – der ehemaligen Tersteegenkirchengemeinde
  • Dich – Euch habe ich erwählt.

Nicht habe ich dich, habe ich euch erwählt, weil ihr größer wärt als andere, besser, begabter, schöner, wertvoller gar – eine tollere Gemeinde als andere oder was wir sonst noch ersehnen für uns selbst oder für die Gemeinschaft, die uns wichtig ist.

Ich habe euch erwählt, weil Ihr IHR seid – weil Du DU bist.

DAS gibt euch Wert und Würde.

Nichts, was Ihr tut, fügt dem irgendetwas hinzu.

Nichts, was ihr lasst, kann das von euch nehmen.

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott,

der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält

Exklusiv ist diese Erwählung.

Es ist so, wie wenn ein anderer Mensch einem in die Augen schaut und DU sagt und meint: DU bist DER Mensch schlechthin für mich.

Und universal ist diese Erwählung.

Es ist so wie Eltern mehrerer Kinder jedes ihrer Kinder neugeboren in die Arme nehmen und sagen: DU – du bist DER Mensch, den ich lieben und halten werde, begleiten – und stärken, dass du in dein ICH hineinzuwachsen kannst.

 

Und wenn dies so ist – so exklusiv und universal zugleich – wer wären wir, dass wir glaubten und sagen könnten:

Mir gilt diese Erwählung, dir aber nicht.

Bitter durchzieht unsere christliche Geschichte dieser Hochmut unseren älteren jüdischen Glaubensgeschwistern gegenüber: Ihr mögt einmal erwählt gewesen sein – heute seid ihr es nicht mehr.

Heute gilt die Erwählung uns, die wir an Christus glauben.

Und die Exklusivität der Erwählung durch Gott, die sich in ihrer Universalität erfüllt, wird mit Füßen getreten.

Bitter bestimmt diese Hochmut auch unser christliches Dasein – oftmals versteckt unter der Haltung, die eigentliche Wahrheit erkannt zu haben – in unserem Zusammenleben in der Kirche und als Gemeinden.

Niemand kann – darf sagen: Ich bin erwählt – du aber nicht.

Wir sind wichtiger, weil wir besser sind – ihr seid nicht so gut wie wir und deshalb unwichtiger.

Für niemanden ergibt sich aus dem Zuspruch der Erwählung Gottes die Berechtigung, die Exklusivität für sich im Sinn der Ausschließlichkeit in Anspruch zu nehmen.

  • Für keinen Menschen und für keine Gruppe

Geschieht dies, so hat dies Folgen.

In der Sprache des Ersten Testamentes und der Verfasser des deuteronomistischen Schriftwerkes werden die Folgen als Strafe Gottes beschrieben.

Spätestens seit Martin Luther wissen wir:

Gottes Barmherzigkeit, seine Gnade – Worte, die ich hier gleich verstehe wie seine „Erwählung“ – sind weder verdienbar noch zerstörbar.

Aus ihnen fällt niemand von Gott her raus – was auch immer er oder sie tut oder geschieht.

Und das, liebe Schwestern und Brüder, ist der Grund, warum wir unsere Taufe nie verlieren – auch dann nicht, wenn wir sagen: Sie bedeutet mir nichts. Mit Gott kann ich nichts anfangen. Und aus der Kirche trete ich aus.

 

Die Folgen, von denen der heutige Predigttext spricht, wenn das, was in ihm Erwählung durch Gott genannt wird, ausschließlich für sich selbst oder die eigene Gruppe oder Gemeinde – gleichviel – genommen wird, ist die Erfahrung der Entzweiung:

  • Misstrauen untereinander wächst.
  • Verdächtigungen greifen Raum:
  • Warum verhalten die sich so? Wollen die uns Böses?
  • Angst, getarnt als Stärke, Wissen oder Durchblick treibt dazu zu glauben, immer schon verstanden zu haben, was den oder die anderen angeht, sie motiviert, wie sie sind…

So vergilt Gott ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie

um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

Und die Gräben werden tiefer…

Doch wie kann es anders gehen?

In der biblischen Sprache des Predigttextes heißt die Lösung:

Haltet die Rechte Gottes!

In der Sprache Martin Luthers heißt es:

„Wenn dein Gewissen dich plagt – wenn deine Schuld dich quält,

wenn du nicht mehr weiterweißt – wenn die Kraft nicht reicht,

dann erinnere dich und sage: Ich bin getauft!“

Wie es in unserer heutigen Sprache heißt…

Das herauszufinden, ist unsere – immerwährende und immer wieder neue – Aufgabe als Christenmenschen in unserer Zeit, in der das Besonders-Sein in Leistung und gesellschaftlichem Status Hochkonjunktur hat und die Person am besten lebt, die das Eigene versteht am größten zu machen.

Das in steter Suche miteinander als Gemeinde und als Teil einer Gemeinde zu leben – um mit den Worten vom Beginn des Gottesdienstes zu sprechen: Unser Licht leuchten zu lassen, nicht um selbst gut dazustehen, sondern um anderen die Erlaubnis zu geben ebenfalls zu leuchten* – das ist unsere vordringliche Aufgabe.

Alles andere, das eine Gemeinde, ein Presbyterium, jedes mündige Gemeindeglied auch praktisch zu bewältigen hat, folgt daraus.

 

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder,

lasst uns leben „DU“ zueinander zu sagen, weil Gott zu uns – jedem Menschen „DU“ sagt.

Lasst uns als Gemeinde der Erwählten in der Universalität der Erwählung Gottes leben – und Licht und Segen sein, damit andere ihrem Licht ebenfalls trauen können und wir erkennen: Sie sind ein Segen, so wie wir.

Amen.

 

*Bezug auf den zum Beginn des Gottesdienstes gelesenen Ausschnitt aus der Antrittsrede Nelson Mandelas zum Präsident Südafrikas, in dem er die amerikan. Schriftstellerin Marianne Williamson zitiert:

Unsere tiefste Angst ist nicht die vor unserer Unzulänglichkeit.

Unsere tiefste Angst ist die Angst vor unserer unermesslichen Kraft.

Es ist das Licht in uns, nicht die Dunkelheit, die uns am meisten ängstigt.

Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich von mir sage,

ich bin brillant, ich bin begabt und einzigartig.

Ja, im Grunde genommen: Warum solltest du das nicht sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Wenn du dich klein machst, hilft das der Welt nicht.

Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,

wenn du glaubst, zusammenschrumpfen zu müssen,

damit sich die Leute um dich herum weniger unsicher fühlen.

Wir sind geboren, um Gottes Glanz zu offenbaren, der in uns ist.

Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns,

Gottes Glanz ist in jedem Menschen.

Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen,

geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien,

befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.

 

 

 

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