2.S.n.Tr., 14.06.2026, Predigt zum Bild „Erdaufgang“, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

 

Liebe Gemeinde, 

„Erdaufgang“ über dem Mondhorizont, so wird dieses Bild, das Sie alle in ihren Händen halten, betitelt. Es ist ein Foto, das bei der Apollo 8 – Mission im Jahr 1968 entstanden ist. Der Anblick dieser Karte fasziniert mich immer wieder neu, auch wenn es seit 1968 viele ähnliche Bilder unserer Erde aus dem Weltraum aufgenommen gibt. Nein, dieser Anblick hat sich bisher nicht abgenutzt.  

 

Bild "Erdaufgang" der NASA

(Bild: NASA, 1968, Apollo 8 Mission)

 

Erdaufgang – ganz korrekt ist dieser Titel ja nicht. Denn über dem Mond steht die Erde fest. Der Mond umkreist die Erde immer in der gleichen Weise. Sie geht niemals auf und niemals unter. Da die Erde sich in einem Tag in der immer gleichen Weise dreht, enthüllt sie dem Betrachter – wohlgemerkt vom Mond aus ! – langsam ihre ganze Pracht, zeigt ihre Ozeane und Kontinente.

Die Erde erleuchtet die Mondlandschaft mit einem intensiven, blauen Licht. So ist auf der Mondseite, die der Erde zugewandt ist, nie wirklich Nacht.

Es gibt ein interessantes Buch mit Aussprüchen und Gedanken von Astronauten und Kosmonauten. Viele von ihnen sagen, der Blick vom Raumschiff zurück auf die Erde, auf diese leuchtende, blau schimmernde Kugel im tiefschwarzen Weltraum habe sie nachhaltig verändert: ihre Einstellung zum Leben, zu ihren Mitmenschen, zu unserer Welt.

Ein Astronaut, der einmal in einer internationalen Crew auf der ISS mitflog, schilderte Folgendes: „Am ersten Tag“, so sagte er, „wenn man in dem Raumschiff um die Erde kreist, deutet noch jeder auf sein Land: Dort, das ist mein Land, da bin ich zuhause. Am dritten oder vierten Tag zeigt jeder auf seinen Kontinent, in dem seine Heimat liegt. Wenn man aber fünf Tage oder länger unterwegs ist“, fuhr der Astronaut fort, „dann achtet niemand mehr auf Länder, auf Kontinente. Da sieht jeder nur noch die Erde als einen ganzen Planeten. Dann sprechen wir nur noch von unserer Erde.“

Diese Frauen und Männer in der Raumstation entdeckten etwas, was sie eigentlich rein theoretisch schon gewusst hatten, aber noch nicht begriffen, noch nie so gesehen haben. Es war wie ein Aha-Erlebnis: die Erde ist ja die gemeinsame Heimat aller Völker und Nationen. Wir sind Kinder der einen Erde, Welt-Bürger – und wir sind es viel mehr als Deutsche, Amerikaner, Russen oder Chinesen. Sprache und Religion, unsere musikalischen Vorlieben und Traditionen, sie mögen uns unterscheiden, aber trennen können sie uns nicht von unserem gemeinsamen Sein: wir sind Kinder der einen Erde, oder wie wir es als Christen religiös formulieren: wir sind alle Kinder Gottes.

Müssen Menschen auf den Mond fahren, um zu dieser Erkenntnis zu kommen? Um zu begreifen, welche Bedeutung das für die Gestaltung unseres Lebens auf diesem wunderbaren Planeten hat, welche Verantwortung wir alle miteinander und füreinander haben? Wenn ich manchmal Politiker reden höre von nationalen Sicherheitsinteressen und Verteidigungsfähigkeit der eigenen Landesgrenzen, dann fällt mir nur noch ein: die müsste man allesamt auf den Mond schießen. Gewiss, eine recht kostspielige Fortbildungsmaßnahme, aber eine, die sich bestimmt rechnen würde für die ganze Erde.

Der russische Kosmonaut Jurij Artjuchin begriff schon vor Jahrzehnten: „Es spielt keine Rolle, in welchem See oder Meer du Verschmutzungen entdeckt hast, in den Wäldern welchen Landes du das Ausbrechen von Bränden bemerkt hast, oder über welchem Kontinent ein Wirbelsturm entsteht. Du bist der Hüter deiner ganzen Erde.“

Diese leuchtende, blau schimmernde Kugel im tiefschwarzen Weltraum, sie ist nicht nur wunderbar, sie ist auch verletzlich, zerbrechlich fast – wie eine Christbaumkugel. Auch diese Einsicht wird in uns wach, wenn wir die Erde aus der Distanz betrachten. Aus dem Abstand heraus können uns überhaupt neue Erkenntnisse zuwachsen. Jesus sagt im Johannesevangelium zu seinen Jüngern, dass sie jetzt noch nicht alles begreifen könnten, was er ihnen zu sagen hätte, dass die Zeit dazu noch nicht reif wäre; aber dass der Geist sie in alle Wahrheit führen würde. (Joh.16,12-13) Die Fähigkeit zum Erkennen und Verstehen geht weiter. Und genauso geht die Offenbarung weiter, sie ist so lange nicht abgeschlossen, solange der Mensch auf dieser Erde leben wird, sich fortentwickelt. Nicht nur geistig, nicht nur technisch-wissenschaftlich – sondern eben auch geistlich-seelisch.

Die Raumfahrt ist sicher eine der größten technischen Fortschritte in der Menschheitsgeschichte. Sie hat viele „Nebenwirkungen“ gezeigt, die heute unseren Alltag leichter machen – das berühmteste Beispiel ist sicher die Teflon-Pfanne. Technisch-wissenschaftlich haben wir also einen großen Schritt nach vorne getan. Die Frage ist: auch geistlich-seelisch? Auch in unserer Menschlichkeit? In welche Wahrheit hat uns da der Geist geführt? Zu welchen Erkenntnissen des Glaubens, des Verständnis unseres Selbst?

Oft habe ich den Eindruck, unsere Seele hinkt der wissenschaftlich-technischen Entwicklung hinterher. Gerade wenn ich sehe, von welchem Geist und Antrieb beseelt die Tech-Milliardäre Jeff Bezoz und Elon Musk ihre Raumfahrtprogramme durchziehen. Mir fällt dazu eigentlich nichts Positives ein, vielmehr kommen mir der „Turmbau zu Babel“ und die „Titanic“ in den Sinn. Wie sollte denn auch aus so viel Hass und Gier, welche die Protagonisten an den Tag legen, etwas Gutes kommen für die Menschheit, für unsere Erde? Wie heißt es von Jesus: „Ein schlechter/fauler Baum kann keine guten Früchte bringen.“ (Mt.7,18) Er bringt schlechte; und wir sollten uns überlegen, ob wir als Menschheitsfamilie uns diese schlechten Früchte leisten können, ob wir es uns leisten können, einzelnen Menschen die Mittel zu lassen, solche schlechten Früchte hervorzubringen.

Nicht nur die Politik hinkt der wissenschaftlich-technischen Entwicklung hinterher. Auch die Theologie, die sich immer schwertut, neu von Gott zu sprechen in einer sich rasant verändernden Welt. Die alten Bilder und Metaphern reichen nicht mehr, das spüren viele. Aber darf man denn wirklich neue Wort-Bilder erfinden, die nicht ausdrücklich durch die Bibel legitimiert sind?

„Der Geist wird euch in alle Wahrheit führen“ – er wird euch fähig machen, auf die Fragen eurer Zeit angemessene Antworten des Glaubens zu geben. Antworten, die dem Leben dienen. Damit es den Menschen nicht buchstäblich zerreißt, er in seiner seelischen Entwicklung nicht hoffnungslos zurückbleibt.

Welche Glaubens-Erkenntnisse also wachsen uns heute zu, wenn wir dieses Bild der Erde betrachten?

Mir sind folgende Gedanken gekommen:

Die Erde ist nicht einfach eine wundervolle Materie-Ansammlung im unendlich weiten und meist leeren Weltraum, auf der es Leben gibt – pflanzliches, tierisches und menschliches Leben. Sie ist nicht nur Lebensraum, der uns zur Verfügung steht, den die wenigen Menschen, fast immer Männer, die Macht und Reichtum an sich gerissen haben, unter sich zur Ausbeutung aufteilen können. Ich erinnere mich noch gut, wie traurig und zornig es mich gemacht hat, als 2007 die Mitteilung in den Nachrichten kam, Russland hätte seine Fahne unter dem Eis der Arktis auf dem Nordpol aufgestellt – als Zeichen, dass diese unterseeischen Gebiete mit ihren Rohstoffen Russland gehören. Der Präsident damals war Putin. Traurig und lächerlich finde ich Überlegungen, dass NASA-Wissenschaftler im Verein mit Elon Musk ernsthaft nach neuem Lebensraum für die Menschheit auf dem Mars suchen und Siedlungen auf dem Mond innerhalb der nächsten 15 Jahre in Angriff nehmen wollen. Nein, die Erde ist nicht einfach nur ein Lebensraum für uns neben anderen. Die Erde – das macht mir dieses Bild klar – die Erde ist als Ganzes eine Lebens-Einheit – mit allem, was auf ihr lebt und webt, kreucht und fleucht. Sie ist ein Lebewesen. Sie teilt mit allem Werden und Vergehen. Sie ist in Bewegung. Sie verändert sich durch die Zeit. Sie ist als Ganze beseelt vom Geist Gottes, ist als Ganze kreativ, schöpferisch. Sie war es und wird es sein solange sie besteht.

In den allermeisten Kulturen und Religionen wurde die Erde als Mutter betrachtet und verehrt – in nicht wenigen noch heute. Die monotheistischen Religionen haben diesen Gedanken leider nicht aufgenommen. In ihrem Verstehenshorizont war die Erde immer nur Schöpfung, Objekt, Sache – zwar eine wundervolle Angelegenheit, ein Fingerzeig auf die Größe, Herrlichkeit und Weisheit Gottes, des Schöpfers, aber keine Wesenheit. Ein Gegenstand des Staunens vielleicht, aber nicht der Liebe. Wie weit gerade diese materialistische Weltsicht zu all den Umwelt- und Klimaproblemen beigetragen hat, die wir heute beklagen, mag jeder für sich bedenken.

Doch da hat sich für mich entscheidend etwas verändert. Und ich kann das nur auf den Geist Gottes zurückführen. Er hat mich gelehrt, beim Anblick dieses Bildes nicht nur über die Schönheit der Erde zu staunen, sondern diese wundervolle, verletzliche Erde zu lieben. Sie mit hineinzunehmen in das Beziehungsnetz der Liebe zu Gott und zu meinen Nächsten.

Und wo ich liebe, da kann mich das Leiden der Erde nicht gleichgültig sein lassen. Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Ressourcen, Raubbau an der Natur ist Leidensgeschichte. Als Christen sagen wir, dass uns in allen Leidenden niemand anderes als Christus selbst entgegentritt – mit dem Anspruch, ihm in seinem Leiden beizustehen und mit unserer Liebe dem Leiden zu wehren, wie es uns nur gerade möglich ist.

In der Tradition dieses Denkens heißt das für mich heute: in der geschundenen Erde begegnet mir der gekreuzigte Christus.

Leiden und Erlösung ist viel zu lange nur auf den Menschen hin gedacht worden, obwohl es einzelne biblische Texte gibt, die einen viel weiteren Horizont des Denkens und Glaubens eröffnen. Alle Kreatur seufzt mit den Menschen um Erlösung aus Leid und Tod, schreibt Paulus im Römerbrief (Rö.8,18ff). Und im Kolosserbrief wird uns ein wahrhaft kosmischer Christus vor Augen gestellt, in dem alles geschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. Er ist vor allem, und es besteht alles in ihm (Kol.1,16-17), heißt es da.

Leiden, Kreuz und Auferstehung beschreiben eine Wirklichkeit, die alles umschließt. Und wenn es von Gott heißt, dass er die Welt geliebt hat, den Kosmos, alles, was er ins Sein gerufen hat, dann sollten wir es ihm gleichtun: uns allem, was ist, in Liebe zuwenden, unsere Erde lieben.

Wer aus der Liebe heraus handelt, der setzt größere Kräfte ein als der, der nur aus Vernunft handelt – wobei ja schon viel gewonnen wäre, wenn alle wenigstens vernünftig in ihrem Umgang mit der Erde und ihren Gaben wären. Aber wer liebt, denkt vom anderen her und ist viel eher bereit, um des anderen willen etwas zu lassen, auf eigene Ansprüche zu verzichten. „Liebe und dann tu, was du willst“, dieser Ausspruch des Kirchenvaters Augustinus könnte für unser Verhältnis zur und unseren Umgang mit der Erde ganz neue Möglichkeiten  eröffnen. Damit auch zukünftige Generationen sich noch an ihrer Schönheit und Lebendigkeit und Vielfältigkeit erfreuen können.

Amen.

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