Pfingstsonntag, 24.05.2026, Gen 11,1-8 u. Apg 2, 1-21, Jonakirche, Doerthe Brandner
Liebe Gemeinde,
Eine Szene am Frühstückstisch vor zweieinhalb Wochen in Victoria auf Vancouver Island in British Columbia, Kanada:
Da ist der 2 ½ jährige Augustin.
Da ist sein Vater.
Da ist seine Mutter und auf dem Arm der Mutter der neugeborene, gerade drei Tage alte Caspian.
Und da bin ich, die Großmutter, zu Besuch aus dem fernen Deutschland.
Die Gespräche gehen hin und her, wie es eben am Frühstückstisch so ist.
Da sagt Augustin:
I want bitte lapte trinken.
Und während seine Mutter noch ansetzt, ihrem älteren Sohn auf Rumänisch zu antworten und sein Vater sagt: Moment, ich hole dir Milch. – habe ich, die ich ganz nah am Kühlschrank sitze, seine Tür schon geöffnet.
Fünf Menschen – oder vier Menschen, wenn man den Kleinsten an dieser Stelle noch nicht berücksichtigt – und drei Sprachen gemeinsam an einem Tisch:
Da ist meine Schwiegertochter, die Deutsch zwar ganz gut versteht und auch die wichtigsten Dinge sagen kann, deren Muttersprache aber Rumänisch ist.
Da ist mein Sohn und da bin ich, die wir inzwischen das eine oder andere rumänische Wort kennen, die Sprache aber mitnichten beherrschen und unsere Muttersprache ist Deutsch.
Und da ist der kleine Augustin, dessen Muttersprache Rumänisch, dessen Vatersprache Deutsch und dessen Alltags- und die gemeinsame Familiensprache Englisch ist.
Und der deshalb immer mal wieder alle drei Sprachen, die er kennt und schon ganz gut beherrscht, vermischt und herauskommt so etwas wie: I want bitte lapte trinken.
Ist nun das, was sich da am Küchentisch ereignet hat, und was sich eigentlich ständig und alltäglich in dieser Familie ereignet, babylonische Sprachverwirrung, liebe Gemeinde, oder doch eher Pfingsten?
Ja, was ist Pfingsten überhaupt und hat es etwas mit dem alltäglichen Leben zu tun?
Lassen Sie uns noch einmal den beiden Texten für heute folgen.
Der erste, der sog. Turmbau zu Babel erscheint so gar nicht pfingstlich. Eher wie ein Gegenentwurf zu dem, was in der Apostelgeschichte erzählt wird: Statt Einheit und Verständigung: einander nicht verstehen und Zerstreutheit.
Zumindest habe ich es so gelernt.
Ich kenne diese Geschichte seit Kindertagen. Gerne wurde sie im Kindergottesdienst erzählt. In der Grundschule habe ich dazu im Religionsunterricht ein Bild gemalt – daran erinnere ich mich noch. Und in meiner Kinderbibel stand sie auch.
Der erhobene Zeigefinger in der Geschichte und so wie sie damals erzählt wurde, war unübersehbar und unüberhörbar war die Moral von der Geschicht:
Mensch, überheb dich selbst in deiner Größe nicht, sonst kommt Gott mit seinem Strafgericht!
Pfingstlich?
Wohl eher nicht. Eher gegenpfingstlich.
Doch kann es sein, dass für dieses Fest eine biblische Geschichte ausgewählt
wird, nur deshalb, um die Aussage der eigentlichen Geschichte zu Pfingsten wie auf einer Negativfolie umso stärker strahlen zu lassen?
Diese eigentliche Pfingstgeschichte, wie sie in der Apostelgeschichte des Lukas steht.
Auch sie kenne ich seit Kindertagen.
Auch mit ihr war mir seit Kindertagen klar: Pfingsten ist, wenn alle Menschen dieselbe Sprache sprechen, also alles, was sie unterscheidet und trennt, nicht mehr ist.
Und wenn das geschieht, dann beginnt die Kirche.
Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, dieser christlichen Gemeinschaft und Institution, in der alles anders ist – besser sogar, weil sich dort die Menschen versammeln, die von Gottes Geist berührt sind…
Ist das, liebe Gemeinde, Pfingsten?
Ich sehe diese Deutungen der beiden Geschichten, die meinen kindlichen Glauben ich in früheren Tagen geprägt haben und ich denke:
Das ist Pfingsten nicht!
Denn ein Gott, der nach moralischen Kategorien handelt, Verfehlungen bestraft und die Menschen mit der Strafe sich selbst überlässt – so wie es die Geschichte vom Turmbau zu Babel erst einmal nahe zu liegen scheint – dieser Gott wiederspricht dem Gott, den ich inzwischen glaube.
Er passt auch nicht zu dem Gott, der an Pfingsten in Jerusalem einfach rückgängig macht, was er Äionen zuvor in Babel getan hat.
Der Gott, von dem Lukas in seiner Apostelgeschichte erzählt, ist einer, der da ist und zu den Menschen kommt – einer, der sich mit seiner Kraft auf wundersame Weise mit den Menschen in ihrer Schwachheit, ihren Zweifeln und Sorgen – ja auch in ihrer Gebrochenheit und Fehlerhaftigkeit – verbindet, sodass der Mut größer wird als die Angst, die Gabe zur Begegnung stärker als der Sog der Vereinzelung und das einander Verstehen sogar über Unterschiede und Grenzen hinweg möglich wird.
Es ist derselbe Gott, von dem Lukas in seinem Evangelium von Jesus Christus berichtet hat und mit ihm die anderen Evangelisten auch.
Und es ist derselbe Gott, der auf dieselbe zugewandte, da-seiende und mitgehende Weise von allem Anfang an bei seinen Menschen war in den Wüsten ihres Lebens wie damals auf dem Weg der Hebräer aus Ägypten in das versprochene Land. – Und öfter.
Und von genau diesem Gott erzählt auch die Geschichte vom Turmbau zu Babel.
Kein anderer Gott tritt dort auf den Plan und sein Handeln ist nicht das Gegenhandeln zu ihm in der Pfingstgeschichte.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist die Voraussetzung und Ergänzung von Pfingsten. Durch sie bleibt das Pfingstereignis nicht eine einmalige ekstatische Erfahrung, sondern enthüllt, dass es inmitten allem menschlichen Miteinander gegründet ist.
Nehmen wir also einen zweiten Blick nach Babel in die Zeit unendliche lang vor unserer Zeitrechnung und nach Jerusalem in die Zeit rund 2000 Jahre zurück – und kommen wir Pfingsten damals und vor damals – damit auch heute – hier und im fernen British Columbia – auf die Spur.
Da ist also zuerst das Pfingstereignis zu Babel:
Lesen wir genau, entdecken wir, dass die einheitliche Sprache, von der berichtet wird, gar nicht schon immer bestand. Im Gegenteil: nach Noah und der Sintflut hatten sich die Menschen in großer Vielfalt entwickelt: Unzählige Gruppen, die sich zusammengefunden hatten und ihre Identität in Sprachen und kulturellen Eigen- und Besonderheiten weiter entfalteten.
Im 10. Kapitel des Buches Genesis unmittelbar vor der Turmbaugeschichte lesen wir davon.
Bis eine einzelne Macht auftritt. Nimrod – so wird dort erzählt – war der erste, der Macht gewann auf Erden.
Und in dem Zusammenhang, so wird weitererzählt, war es dann gekommen, dass alle Welt eine Sprache hatte. Alles Bunte, alles Verschiedene, alles Eigen-Willige und Lebendig-Chaotische wird in einer Einheitssprache zusammengedampft.
Bekannt kommt mir das vor.
Das gab es schon mal – immer wieder gab es das – in unserer Geschichte sowieso – und anderswo auch – und es gibt es auch heute:
Menschen, die die Größenfantasie haben, sie könnten die Welt unter ihrer Herrschaft in allen Teilen gleich machen und die ihre Macht darauf bauen, dass sich das, was gleich ist, besser kontrollieren und beherrschen lässt als bunte und kreative Verschiedenheit.
- Ich glaube kaum, dass es nötig ist die früheren und heutigen „Nimrods“ beim Namen zu nennen. Allzu bekannt sind sie sowieso!
Und Gott?
Keinesfalls wird erzählt, dass Gott eifersüchtig auf dieses irdische Muskelspiel wird oder seine Macht gefährdet sieht.
Was wäre denn das auch für ein Gott, der in Konkurrenz zu fragwürdig-mächtigen Menschen geht!
Gott fährt nicht drein wie ein Irrwisch und wie ebenfalls ein Alleinherrscher in alles dreinfährt, was ihn bedrohen und seinen Machtanspruch mindern könnte!
- Auch hier spare ich es mir, historische oder aktuelle Beispiele zu nennen.
Gott unterbricht diese Dynamik der Gleichmacherei aus Profilierungssucht und Profitgier eines einzelnen Mächtigen.
Gott unterbricht die Größenfantasien, in deren Dienst nur das Alles-Gleiche stehen kann – eine vereinheitlichte Sprache und Kultur – und auch besondere geschlechtsspezifische Lebensentwürfe und Identitäten, und was es sonst noch alles gibt, das unterschiedlich ist und die Buntheit des Lebens spiegelt – und das gleich gemacht wird, weil es als Bedrohung empfunden wird.
Am Ende der Geschichte vom Turmbau zerstreut Gott die Menschen in alle Länder – und hilft ihnen damit aus der Enge des Einerlei in die Weite der Möglichkeiten.
Statt sich nach oben hin zu strecken und in die Höhe zu wachsen – wie das Bild des Turmes die Größenfantasie beschreibt – werden die Menschen in die Weite gewiesen, die Raum gibt für ihre vielfältige Entfaltung.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel also weder eine Geschichte vom Strafgericht Gottes, noch eine Anti-Pfingstgeschichte.
Sondern eine Geschichte von Gottes Wirken, das Grenzen sprengt und Lebensraum weitet. Sie ist sie eine Pfingstgeschichte.
Und nun die zweite Pfingstgeschichte aus Jerusalem vor rund 2000 Jahren und nach den, die Jünger*innen Jesu dreimalig und nachhaltig erschütternden, Erfahrungen – erst der Erfahrung von Jesu gewaltsamem Tod und dann der von seiner wundersamen Auferstehung und schließlich der seiner Rückkehr in die Einheit mit Gott.
Noch sind die Jünger*innen dabei, zu verarbeiten und zu begreifen, was das alles war und bedeutet, was sie erlebt haben.
Verborgen – vielleicht auch verkrochen – haben sie sich gemeinsam in einem Haus in Jerusalem bei geschlossenen Fenstern und Türen.
Die Stadt ist zu dem nächsten großen Fest wieder voller Menschen aus allen Winkeln der damals bekannten Welt.
Das – so stelle ich mir vor – holt das jüngst Erlebte um so stärker wieder hoch und damit womöglich auch die Angst oder zumindest die Besorgnis, ob „die Stadt“ evt. noch nicht vergessen hat, was erst vor kurzem geschehen ist und sie, als Anhänger*innen dieses Jesus, erneut ins Fadenkreuz der Vorwürfe des politischen Aufruhrs und in Gefahr geraten könnten.
Und so steht am Anfang dieser Geschichte zwar nicht die Gleichmacherei aus Größenfantasien, aber der Rückzug in die Vereinzelung aus Angst.
Auch Angst lässt Buntheit blass werden und Vielfältigkeit verschwimmen.
Und so wie Gott in die Gleichmacherei des Größenwahns fährt, so fährt er auch hier in Angst und Besorgnis der Jünger*innen hinein.
Er weitet ihre engen Herzen und Sinne und öffnet das verschlossene Haus, sodass das vielfältige Leben um dieses Haus herum ihnen nicht mehr feindlich wirkt, sondern es die Jünger*innen genau dorthin zieht…
Und das Wunder geschieht: Sie finden eine Sprache, mit der Begegnung mit dem Fremden möglich wird, und die Fremden verstehen sie.
Mit keinem Wort wird erzählt, dass dieses Verstehen und einander Verständigen deshalb möglich wurde, weil plötzlich alle EINE Sprache sprachen und alle Unterschiede aufgehoben waren.
Im Gegenteil: Trotz – in und mit ihrer Verschiedenheit verstehen die Menschen einander auf überraschende und neue Weise.
Ein Wunder! Ja!
Doch das noch größere Wunder der Pfingsterzählung nach Apg 2 ist in meinen Augen das Wunder der Leichtigkeit, mit der dieses einander Verstehen möglich wird.
Keine Anstrengung des mühsamen Lernens einer anderen Sprache!
Keine emotionale und Beziehungsarbeit, die „normalerweise“ nötig sind, wenn Menschen miteinander leben – erst recht, wenn sie durch unterschiedliche Herkunft und Kulturen geprägt sind wie diese Familie in Kanada im Kleinen – wie unsere Gesellschaft hier, wie die Menschheitsfamilie der ganzen Weltim Großen!
Sondern einfach Begegnung von Ich und Du in Anerkennung der Verschiedenheit und – so verstehe ich es – im tiefen Wissen, dass es jenseits aller Verschiedenheit etwas gibt, das größer ist als alles Klein-Klein der Unterschiede, und das deshalb nicht nur TROTZ aller Unterschiedlichkeit verbindet, sondern die Verschiedenheit zu einem Reichtum werden lässt.
Kein Wunder, dass Menschen in solcher einem Begegnungserleben wie berauscht wirken!
In diesem Sinn berauscht sind die Jünger*innen wahrscheinlich wirklich.
Aber eben nicht vom süßen Wein, sondern von der überwältigenden Erfahrung, dass es etwas gibt, das sie zusammenführt und verbindet, und dass dies die Kraft hat, sie zu tragen.
- Die Kraft zu tragen, wenn Unterschiede offensichtlich sind und zu Trennendem zu werden drohen –
- Die Kraft die Verbundenheit schafft, auch wenn man sich nicht oder nicht immer versteht –
In der Pfingsterzählung des Lukas nennt Petrus diese Kraft in seiner Predigt „Jesus Christus“, in dem Gott sich jenseits aller persönlichen Individualität und kulturellen Unterschiedlichkeit der Menschheit ALLEN gleich gemacht hat und sich jedem Menschen als Gott-Bruder in Leben und Lachen, Weinen und Sterben zur Seite stellt.
Paulus nennt diese Kraft: Gotteskindschaft, die niemanden auslässt und alle umfasst.
Mit unseren älteren jüdischen Geschwistern im Glauben an den einen Gott hören wir, dass die Bibel diese Kraft „Gottebenbildlichkeit“ nennt.
Diese Kraft, die verbindet und trägt und nicht uns Menschen gleich macht, aber uns Menschen überall auf der Welt gleich SEIN lässt.
- Der kleine Augustin aus Victoria und sein kleiner Bruder Caspian werden diese Kraft, die ihn in einer Gemeinschaft großer Verschiedenheit aufwachsen lassen, vielleicht einmal „Familie“ nennen.
Die Pfingsterzählung ist deshalb eine Empowerment-Erzählung. Eine Kraft-Schub-Erzählung gegen alles, was das Leben und die Entfaltung von Menschen hindert und für ein Leben ALLER in der Freiheit der Kinder Gottes.
Dieser Freiheit, die anerkennt, dass jeder Mensch in seinen eigenen Grenzen lebt und denkt und handelt – allen voran man selber – und Gottes Geist in jedem Menschen wirkt und danach strebt, sich über alle individuellen Grezen hinweg durch alle Eigen-Arten zum Guten für den Mitmenschen, die Menschenschwester, den Menschenbruder neben einem, zu entfalten.
So ist Vielfalt möglich und wird gehalten und getragen in Achtung und Liebe, in Wert- und Hochschätzung jedes Menschen in seiner und jeder Kultur und Sprachgruppe in ihrer Individualität. Und Vielfalt wird zu Reichtum und Lebensweite.
Und wir feiern immer noch Pfingsten, weil dies zu leben wir als Kirche gerufen sind.
Die Zeichen von uns als Kirche in dieser pfingstlichen Haltung sind, wenn wir heute mit der Leichtigkeit der geist-beseelten Jünger*innen im Privaten, wie im Gesellschaftlichen und Politischen allem Größen-Fantastischen, allem Polarisierenden und allem Populistischen das heute Raum greift mit derselben Klarheit in den Worten und der gleichen verbindenden Sprache wie der des Petrus damals in Jerusalem begegnen
und dafür einstehen,
dass Gott ein Gott der Weite ist und sein Geist uns unverfügbar und manchmal auch unverstehbar weht, wo und durch wen er will.
Solch ein Pfingstfest möge Gotte uns bereiten. Heute und jeden Tag.
Amen.
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Tageslosungen
Psalm 24,7
Es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist.
Apostelgeschichte 2,2.4