5.So.n.Tr., 30.06.2024, 2.Korinth.12,2-10, Mutterhauskirche, Dr. Kathrin Stückrath

Ich kenne eine Frau, liebe Gemeinde, die fährt oft U79 und beobachtet die Menschen. Sie hat das Gefühl unsichtbar zu sein,  denn sie ist nur eine von vielen älteren Menschen mit grauen Haaren. Sie aber nimmt die Menschen um sich herum mit Aufmerksamkeit wahr. Wenn es vorkommt, dass Jugendliche in der Bahn einen von ihnen beleidigen, mobben, dann bleibt sie nicht stumm, dann sagt sie etwas. Und hat dann den Überraschungseffekt auf ihrer Seite. Die anderen sind verblüfft und schweigen. Sie merkt: Ich bin zwar schwach, aber auch stark. So eine Frau kenne ich, liebe Gemeinde.

„Ich kenne einen Menschen“, schreibt Paulus, „ich kenne einen Menschen, der war für einen Moment im Himmel, im Paradies, der hörte unaussprechliche Worte, die nur von Gott kommen können.“ Eine wunderbare Erfahrung. Eine spirituelle, mystische Erfahrung. Eine Erfahrung, um sich darin zu sonnen. Paulus spricht hier bei dem „Ich kenne einen Menschen“ wohl von sich selber. Aber er spricht in der dritten Person, vielleicht, weil diese Erfahrung so außergewöhnlich war, dass er sie nur aus der Distanz beschreiben kann. „Ich kenne einen Menschen.“

Es gibt noch einen Grund, warum Paulus so distanziert redet. Er reflektiert: Für diese Erfahrung könnte ich mich brüsten, damit könnte ich angeben. Ums Angeben geht es viel im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth. Da waren „Hyper-Apostel“ – „Super-Apostel“ aufgetaucht, wie Paulus sie nennt und die Gemeinde war begeistert. Über Paulus sagten sie: „Seine Briefe sind kraftvoll, aber seine Rede ist schwach.“

Paulus ist betroffen und reagiert mit einem Brief, in dem er auch einmal richtig angibt. Er gibt mit seinen Reisen an und wie er aus allen Gefahren mit dem Leben davon gekommen ist. Er übertreibt es so, dass die Leute in Korinth merken konnten, eigentlich ist Angeben doch kindisch, ja mehr noch, eigentlich ist Angeben falsch. Denn: womit könnte man vor Gott angeben?

Paulus erzählt von einer Erkenntnis. Er selbst ist eigentlich auch ein selbstbewusster Angeber. In einem anderen Brief schrieb er mal über sich: „Ich war untadelig im Gesetz des Mose. Ich war perfekt.“ Paulus mit seinen vielen Gemeinden, den vielen Menschen, die er zusammen mit anderen für Christus geworben hatte, er hätte allen Grund gehabt, ein zufriedener, überheblicher Guru zu werden. Wenn, ja wenn nicht das passiert wäre, dass Paulus krank geworden ist. Schmerzen, die immer wieder auftreten und ihn schwach machen. Paulus nennt die Krankheit „Ein Pfahl im Fleisch“. Er hat alles Mögliche versucht, diese Krankheit loszuwerden, hat inbrünstig gebetet zu Gott. Gottes Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Ein starker Satz, aber was soll das heißen?

Sicherlich heißt es nicht, dass Gott Freude an unserer Schwachheit hat. Oder dass Menschen künstlich schwach und klein gehalten werden soll, demütig, unterdrückt. Gott liebt schwache Menschen ja, aber nicht, um sie schwach zu belassen, sondern um ihnen Stärke zu geben. Er beruft Mose, der nicht reden kann. Er beruft Maria, die viel zu jung ist, er ruft das Volk Israel aus Ägypten in großer Schwachheit, um es zu befreien.

Gott hat auch keine Freude an Krankheit. Aber Krankheit, Altern, Schwachheit, das gehört zu unserem Leben als Geschöpfe dazu. Wir sind sehr verletzlich. Wir leiden oft schlimme Krankheiten. „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“  heißt nicht, bleib krank. Sondern soll eine Hilfe darstellen, die Krankheit zu bewältigen. Wenn ich nie krank wäre und nie Hilfe bräuchte, dann hätte ich weder Helfer noch Freundinnen. Was wäre das für ein Leben? Kein gutes. Und ich bräuchte auch Gott nicht. Aber Gott ist der, der Schwachen Kraft gibt. Der schwache Menschen über sich hinauswachsen lässt. Der möglich machen kann, von dem wir nur träumen können. Vielleicht nicht so, wie wir uns das vorstellen: Krankheit, Schwäche bitte einfach wegmachen. Nein, damit leben und sich helfen, sich ergänzen lassen. Gottes Kraft in mein Leben einbauen, auf ihn vertrauen. Mit manchen Schmerzpunkten in meinem Leben gelingt mir das, mit anderen schwerer, liebe Gemeinde.

Ich lese Ihnen jetzt mal den Text aus Kor. 12 im Ganzen vor und füge anschließend noch einen Gedanken dazu. Also, wir hören Paulus:  

2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

„Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Dieser Satz hätte auch von Jesus sein können. Jesus, der fasten gegangen ist in der Wüste, um die Kraft der Engel zu erfahren. Jesus, der den Weg der Schwachheit bis ans Kreuz ging in Liebe, weil Gott ihm die Kraft dazu gab. Dass Schwäche eigentlich Stärke ist, weil sie Gottvertrauen bedeutet, ist ein Grundkonzept, ein absolut bedeutsamer Gedanke im Christentum. Und auch wenn das Christentum durch die Jahrhunderte die Religion der Starken, der Kaiser, Könige, des Staates und des Papstes wurde, gab es immer wieder Menschen, die dem widersprochen haben mit Blick auf Christus, mit Worten auf den Lippen wie Paulus „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“

Und, liebe Gemeinde, das hat eine unglaubliche Wirkung für das Menschenbild, die Menschenwürde. Dann sind nämlich nicht nur die Starken etwas wert, sondern alle, immer, ihr ganzes Leben lang. Das ist die christliche Revolution.

Es gab einen Philosophen, der hat das in aller Konsequenz erfasst und dagegen seine Bücher geschrieben. Es war Friedrich Nitzsche. Er prägte den Begriff Umwertung aller Werte. Er stellte fest, dass das Christentum geschafft habe, die traditionellen Werte der Antike umzudrehen. Mit seinem gekreuzigten Messias, mit seiner Menschenwürde für jeden, hat es den Gedanken der Aristokratie, der Herrschaft der Besten, zerstört. Nietzsche kritisierte das scharf und wollte mit seiner Umwertung der Werte wieder zurück zur Herrschaft der Starken und Kräftigen. Er dachte, nur so wäre Fortschritt für die Menschheit zu erreichen. Er propagierte den Übermenschen. Die Nationalsozialisten griffen das auf und versuchten sogar rassisch-biologisch Übermenschen zu züchten. Und sprachen von Untermenschen als Rechtfertigung für die Tötung von Millionen Menschen.

Zusammengefasst: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ ist ein Glaubenssatz, der unseren Seelen gut tun kann. Aber er ist, wie Nietzsche richtig bemerkte, noch viel mehr. Er ist ein Satz mit politischer Sprengkraft, einer, der eine Revolution der Menschenwürde auslösen kann. Das kann z.B. in der U79 geschehen, wo jemand Einspruch erhebt gegen Beleidigung und Erniedrigung.

Amen.

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Image
Adresse
Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf

Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16
Öffnungszeiten
Mo - Fr 9:00 - 15:00 Uhr
Dienstag 9:00 - 18:00 Uhr

Spendenkonto
Kirchengemeinde Kaiserswerth
DE40 3506 0190 1088 4672 28

Flüchtlingshilfe
Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20


Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+
+