4.So. n. Trin., 23.06.2024, Stadtkirche, 1.Samuel 24, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 23.VI.2024 - 4.n.Trin.                                                                                                         

                1.Samuel 24, 1 – 20

Liebe Gemeinde!

Dieses kleine Sittengemälde aus der Eisenzeit, dessen Handlung und Kulisse mit der staubigen Urwüchsigkeit eines Sandalenfilms aufwarten, ist eine unvermutete theologisch Fundgrube.

Die antike Kämpfer- und Freibeuter-Welt, die kolossale Wüsten- und Wadilandschaft nahe am Toten Meer, die brütende Sonne und die glühende Rache, vor der sich eine Schar Abenteurer in den stickig-schmutzigen Schutz einer Höhle zurückziehen, in der für die Antike immer schon die Unterwelt beginnt, … das alles ist ein Metro-Goldwyn-Meyer oder Twentieth Century Fox oder meinetwegen auch ein Babelsberger Szenario für Helden und Haudegen und ihr durch Technicolor unterstütztes Mimen-Pathos. Mit der bebenden Übertreibung und den unfreiwillig grotesken Posen einer frühen Nibelungen- oder Spartacus-Verfilmung, mit der monumentalen Körpersprache eines Charlton Heston und der grandiosen Dekadenz-Parodie eines Peter Ustinov sieht man David und Saul aufeinandertreffen: Dem einen trieft die unübersehbare Erwählung - selbst ungewaschen wie er im Wüstenversteck ist - aus jeder Pore, der andere ist ein schuldlos und doch irgendwie trottelig vom Schicksal Übergangener.

Und es kommt noch plakativer.

So sehr, dass ich mich nur an die Schilderung wage, weil das letzte Mal, dass ich diesen Abschnitt der Bibel ausgelegt habe, nach meiner Erinnerung in einem Kreis war, der mir noch mehr Achtung einflößte und Feingefühl nahelegte, als die hochlöbliche Sonntagsgemeinde hier vor mir. … Wenn ich’s aber vor den wunderbaren Nonnen der Gemeinschaft von Jerusalem unterm Vierungsturm von Groß St.Martin in Köln fertiggebracht habe, das Genrebild ohne Abstriche zu skizzieren, dann geht’s auch jetzt: …

Es geht dabei um einen König.

Einen König, dessen Amt Gott zunächst für Israel – die freie Eigenossenschaft der Stämme in Seinem Bund – für überflüssig erklärte (vgl. 1.Sam.8), … ein König also, der bloß auf populäres Drängen hin dann doch einzig von Gott erwählt wurde, weil er nichts Überhebliches an sich hatte, sondern bescheiden (vgl.1.Sam.9) und wegen seines Gardemaßes wahrscheinlich extra-unbeholfen und gehemmt war, wie viele Hünen, denen das Herausragen peinlich ist (vgl.1.Sam.10,21-24!), … ein König, dem die geistliche (vgl.1.Sam.10,10ff +16,14!!) und auch die politische Überforderung (vgl. 1.Sam.15+18,7) in dieser unfreiwilligen Rolle den Stempel echter Tragik auf die gesalbte Stirn drückte, … ein  König, dessen Erwählung und dessen Scheitern weit über ihn hinausverweisen: Saul, der arme Tropf, der eine Krone tragen und ein Reich gründen sollte, obwohl er gewöhnlich war – ein Mensch wie Du und ich, ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd war.

Und in der allermenschlichsten Lage treffen wir ihn heute. Die hebräische Wendung, die die Ursache ausdrückt, weshalb König Saul auf der Suche nach dem Volksliebling und möglichen Usurpator David sich in eine Höhle zurückzog, ist sprechend genug: „Die Füße bedecken“ – wir sagen: „Die Hosen runterlassen“ –, beschreibt den schutzlosen Vorgang, bei dem wegen des natürlichen Drangs alles Hinderliche abgelegt werden muss, … die Kleidung also einfach aus dem Weg gezogen wird, um hockend die Notdurft zu verrichten. Wehr- und würdeloser kann einer nicht sein. … Aber auch - wenn wir nüchtern sind - nicht menschlicher.

Von diesem im Allzumenschlichen und in seiner eigenen, fast beispiellosen Tragik befangenen Saul erzählt nun die Anekdote seiner Verschonung: Der, dem er besinnungslos auf den Fersen ist, weil alle David lieben und niemand ahnt, wie (buchstäblich! vgl.1.Sam.15 +16,14!!!) gottverlassen es ist, Saul, der ersterwählte, erstverworfene und schon zu Lebzeiten bei Gott und den Menschen innerlich ersetzte König zu sein … der, dem Saul besinnungs- und chancenlos auf den Fersen ist, hat plötzlich das leichteste aller Spiele: Wie ein Kleinkind auf dem Töpfchen, so schutzlos und lächerlich hat das Leben Saul vor Davids Füße gelegt. Diskret alleingelassen im Zwielicht des Felsinneren, nackt und ehrlos und erbärmlich. …

Eine Handbewegung nur! … Und David würde sein, was er längst ist: Unangefochten.

Wo dem anderen erkennbar keine Würde blieb, wer wollte da auch nur von Schuld sprechen, wenn die Verhältnisse angepasst werden: Der, der nichts war, vernichtet. Der, dem alles zufällt, nicht nur zufällig, sondern final bestätigt.

… Stich zu! Du hast das Ass! ——

 

Doch David sticht nicht. Er kennt die Lage Sauls.

Dass des Menschen Würde immer wieder auf dem Spiel steht in den Konflikten und Verwirrungen der Geschichte und des Lebens, hat David am eigenen Leib erfahren: Um sich vor Saul in Sicherheit zu bringen, hat auch David sich schon in den Zustand lächerlicher Hilflosigkeit geflüchtet. Er rettete sich – als er ausgerechnet bei den Philistern Asyl suchen musste – in die Rolle eines völlig unzurechnungsfähigen, spuckenden, zuckenden Kranken (vgl.1.Sam.21,14).

Aus dieser schlichten, buchstäblichen Allerweltsweisheit also, die man so oder so erlernen kann – „Ich bin genauso ein Mensch wie Du“ – rührt Davids Rücksicht einerseits her.

Die Grundtatsache, dass wir alle leben mit natürlichen Mängeln und Makeln, an die unsre gewöhnlichsten körperlichen Angewiesenheiten uns ununterbrochen erinnern, schafft alles andere als ein negatives Menschenbild. Dass ich Bedürfnisse und Nöte habe und meine Nächsten auch und alle Fremden ebenso und selbst die Feinde, ist weltweit und zu allen zeiten Anlass zur fundamentalsten Sym-Pathie: Das, was ich lebe, was ich leiden kann und auch, was ich erleiden muss, erleiden und erleben alle anderen wie ich: Wir sind zu Sympathisanten – „Miterleidern“, „Miterlebern“ – geboren, weil wir alle leiblich sind, … genussfähig, wie verletzlich … und durch beides sterblich.      

Es ist also keine Geschichte von Davids Großmut, die uns hier in der Höhle begegnet, sondern eine Geschichte seiner Menschlichkeit.

Sollen wir sie noch elementarer runterbrechen?

… Dass alle müssen, … dass alle brauchen, … dass alle nicht ohne das Nötigste leben können: Das müsste das Grundgesetz menschlicher Menschlichkeit sein.

David - scheinbar der geborene Eroberer - scheute es die Heiligkeit dieser Linie zu überschreiten: In seinem Bedürfen ist der Mensch die Grenze aller Freiheit. Das, was dem Menschen unerlässlich ist, muss allgemeiner Maßstab des Tuns und Lassens aller sein. … Ein kategorischer Imperativ der reinen Leiblichkeit.

… Ein biblischer und außerbiblischer Grundwert; … ein biblisches und ein Gesetz der Natur, das man überall bricht. …….

Wie sehr man es heute Netanjahu und den Seinen in die Ohren schreien will, … wie sehr man es sich in flammender Schrift als Menetekel an allen Haus- und Synagogenwänden und allen Grenzmauern der Siedler in den besetzten Gebieten und der Westbank erscheinen wünschte, … wie laut es von allen islamistischen Minaretten jeden Muezzinruf übertönen sollte, … wie überwältigend es jede Liturgie der russischen Kirill-Kirche unterbrechen müsste, wenn sie das endlose „Kyrie“ und „Heilig! Heilig! Heilig!“ der Orthodoxen anstimmen, die doch ein Hohn werden ohne den Imperativ des Erbarmens mit der Heiligkeit des Menschen.

Heiliger König David, Du Verschoner der Notdürftigen: Bitte für uns jüdische, christliche und muslimische Barbaren, dass wir zur Menschlichkeit zurückfinden! ———

 

Das ist die eine Seite von Davids Zurückhaltung, seinem Anstand, seiner Menschlichkeit: Die Allerweltsweisheit vom Menschsein genau wie andere Menschen.

Die andere Seite ist höher noch und tiefer.

Sie kann nur erkennen, wer die Bibel nicht als bloße Sammlung, sondern als Schöpfung betrachtet. Wenn in der Bibel nur einige Generationen ihre Aufzeichnungen des Gewesenen abgeheftet hätten, wenn sie also nur eine Sammlung vertrockneter Blätter wäre, ein totes Buch, dann ergäbe auch die Geschichte von Sauls Stuhlgang letztlich bloß das, was ihm fehlte: Klopapier.

Doch Synagoge und Kirche sehen in der Bibel ein organisches Wachsen und Reifen, das Blüten treibt, neue Halme, Äste und Verzweigungen entfaltet und immer mehr trägt.

Dann sind aber die früheren, urwüchsig knorrigen Bestandteile der reichen Bibelpflanzung ja Grundlage und Nährstoffträger dessen, was aus ihnen hervorwächst.

Dann reift die Substanz des Alten in neuer Verdichtung von Stoff und Form zu Süßigkeit und Frische heran, die ganz von Saft und Mark des Baumes lebt und aus ihm hervorbringt, was uns als neue Frucht erscheint und doch kein anderes Gewächs ist als der Stamm.

… Wovon ich rede?

 – Dass im Alten Testament nichts steht, das nicht ein Wachstumsansatz des Neuen wäre. Das Alte blüht im Neuen, und wer erntet, was in den Evangelien reift, der zehrt von dem, was durch die hebräische Bibel dort einströmt.

Nun nennen wir uns Christen und Christinnen nach dem Christus, dem Messias, dem „Gesalbten“, den wir mit den Zeugen des Neuen Testamentes in Jesus erkennen.

Die rituelle Salbung als Siegel einer besonderen Erwählung, die schon Priester und heiliges Gerät (vgl.2.Mose30,26ff), aber auch Gedenksteine und Markierungen heiliger Orte (vgl. u.a.1.Mose28,18!) in der Torah empfingen, wird im Blick auf einen einzelnen Menschen aber zum ersten Mal ausführlich meditiert in dem grotesken, tragikomischen Sittengemälde aus der Eisenzeit, das wir heute vor Augen haben.

Was es bedeutet, ein Gesalbter, ein Messias zu sein, das entfaltet sich biblisch-ursprünglich also in der Felsenhöhle am Toten Meer: Ein symbolischerer Ort zwischen Oben und Unten, Drinnen und Draußen, Leben und Tod, Diesseits und Jenseits wäre noch zu suchen.

Dort, an einem Ort, der uns karfreitäglich und österlich zugleich berührt, hält David – der Zweite, der nach Saul zum messianischen Herrscher, zum gesalbten König erwählt war – seinen Messias-Monolog: „Das lasse der HERR ferne von mir sein, dass ich meine Hand legen sollte an meinen Herrn, den Gesalbten des HERRN; denn er ist der Gesalbte des HERRN!“

Ehrfurcht vor dem „Christus“ also– wie es in der vorchristlichen Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische an dieser Stelle heißt – … Ehrfurcht vor dem seltsamen, ja paradoxen Geheimnis des „Christus“, in dem uns trotz aller Unwahrscheinlichkeit und allen Widerspruchs Gottes tiefere Absicht und Gottes höhere Weisheit begegnen, … Ehrfurcht vor der uns Menschen unerklärlichen Wahrheit, dass der „Christus“ uns unkenntlich, total befremdlich, absolut erbärmlich, ja völlig verworfen vorkommen kann: Alles das ist in dieser lächerlich-erhabenen Szene bereits angelegt!

Alles, was die späteren Jahrhunderte der kirchlichen Meditation erfüllte, die zum Verstehen des Geheimnisses Jesu führen sollte – diese Verstehensmeditation heißt „Christologie“ –, hat seine Wurzel in dem Moment zwischen David und Saul.

Im Ernst: Hier wird die christliche Theologie geboren!

Ohne den Gesamtzusammenhang der Bibel könnten wir nur eine ritterliche Überlieferung, ein Tugendbeispiel von Davids Großmut in dieser Überlieferung erkennen … und natürlich eine volkstümliche Satire auf den scheißenden Saul.

Doch wenn uns das wachsende, lebendige Gebilde der biblischen Offenbarung in seiner Ganzheit bewegt, dann gehen uns rückblickend tatsächlich schon die Knospenansätze auf, die unerwartet, aber nicht unvorbereitet aufblühen werden!

Christus – der vermeintliche Ehren- und Machttitel des von Gott erwählten, eingesetzten und ausgezeichneten Herrn und Herrschers – ist nicht gleichbedeutend mit Herrlichkeit! Der erste König, der den Messiastitel trug - Saul -, war nicht erhaben, sondern wurde gedemütigt; er ist nicht als Sieger, sondern als Geschlagener in die Geschichte eingegangen; er hat nichts Vollkommenes repräsentiert, sondern begegnet uns von Dunkelheit umgeben und von Verwundbarkeit gezeichnet.

Und zutiefst menschlich – wenn sich auch vieles in uns sträuben will – … so menschlich, dass Menschwerdung als Eingliederung in alle unbeschönigte Erniedrigung sich darin andeutet, tritt Saul, der Messias uns heute entgegen. Der Natur zwangsläufig gehorsam. Bar aller Besonderheit. Nur und nichts als stinknormal.

Wenn man aber die Umstände dabei bedenkt und den griechischen Text liest, dann führt das zu einer wirklichen Erkenntnis:

Christologie, Lehre vom Gesalbten kann nie und nimmer an der total kreatürlichen Bedingung vorbeigehen, dass der Messias durch und durch ein Wesen aus Fleisch und Blut ist; dass Messianität Nahrungsbedürftigkeit und Essen und abermaligen Hunger und Durst einschließt; dass Salbung nicht Entrückung bringt, sondern Windeln und Wasser notwendig bleiben; dass der Erwählte Gottes nicht ideal, sondern real ist; dass wir die Heilsgeschichte also nicht oberhalb oder außerhalb des Irdischen suchen sollen, sondern in der Schwäche, der ein besonderer Schutz gebührt, weil sie unser aller gemeinsame Natur bedeutet.

Der schwache Messias.

Der hilflose Messias.

Der, der Spott erregt, aber längst nicht immer das gottesfürchtige Mitleid, das David beweist. ——

Das alles liegt in der kleinen, zunächst obskur und peinlich scheinenden Höhlenszene, von der wir heute hören und aus der doch - wie wir feststellen müssen - die Christologie erwächst.

Und aus der Erkenntnis Christi – des wie wir und unseretwegen angefochtenen wahren Menschen – erwächst schließlich noch mehr: Die christliche Überzeugung, dass nichts Menschliches … nichts Berührendes, nichts Anrührendes, aber auch nichts Ehrenrühriges, ja nicht einmal das menschlich Anstößige je die Ehrfurcht vor dem von Gott gewollten, erwählten und gesiegelten Menschen infrage stellen darf.

Aus der Wurzel des Motivs vom schwachen Messias Saul in seiner Bedrängnis, … aus dem Motiv dieses durch göttliche Erwählung besonders Schutzbefohlenen wachsen also der Weihnachtsglaube an den menschgewordenen Gott und das christliche Menschenbild vom unverlierbaren und unantastbaren Ebenbildes Gottes selbst in Demütigung und Erbärmlichkeit.

 

Es ist krude zu sagen, dass wir hier das Mistbeet der Theologie sahen.

 

Aber es ist heilig festzustellen, dass alles, was wir glauben, hoffen und lieben dürfen, in der Niedrigkeit und Wirklichkeit wurzelt und dass das Kleinste und Echteste im Leben uns nicht nur an Weihnachten die sicherste Gewähr des Höchsten und Ewigen schenkt!

Amen.

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Image
Adresse
Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf

Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16
Öffnungszeiten
Mo - Fr 9:00 - 15:00 Uhr
Dienstag 9:00 - 18:00 Uhr

Spendenkonto
Kirchengemeinde Kaiserswerth
DE40 3506 0190 1088 4672 28

Flüchtlingshilfe
Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20


Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+
+