3. So. n. Trinitatis, 16.06.2024, Stadtkirche, Lukas 15, 1-3.11b-32, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 16.VI.2024 - 3.n.Trin.                                                                                                         

                  Lukas 15, 1-3.11b-32

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ist die Akte dieses Erbschaftsstreites doch geschlossen: Der Hallodri und der Spießer, die beide so unterschiedliche Lebensentwürfe hatten – der eine als Playboy und einstweiliger Liebling der Klatschpresse, der andere als Junior des mittelständischen Familienbetriebs in der Provinz –, sind uns seit Kindertagen so vertraut, dass wir dieses Gleichnis nun wirklich kaum noch ernst zu nehmen neigen.

Wir kennen seine Moral: Auch der exzessive Verschwender und Tunichtgut darf nach einem heftigen Absturz auf die berühmte und beruhigende zweite Chance zählen. Es kann also nie so schlimm kommen, dass es dank der Großzügigkeit Gottes nicht alles immer wieder bügelbar und besser noch: ausbügelbar wäre. Wenn’s auch dumm gelaufen sein mag: Am Ende wird alles gut. ——

… Tatsächlich?

Ist das alles, was wir vom Verlorenen Sohn wissen?

Wer vergangenen Sonntag im Gottesdienst war, hat bei der Evangelienlesung jedenfalls nicht eine solche Beruhigungspille verabreicht bekommen. Da war im Gleichnis von denen, die Wichtigeres wussten, als irgendjemandes Gäste zu werden – weil sie gerade in Land und Besitz investiert und ihren Status durch eine gute Partie zementiert hatten – etwas völlig anderes zu vernehmen. Im Gleichnis vom Großen Abendmahl (vgl.Lk.14,15-24), das doch vom gleichen Erzähler stammt, ging es gar nicht gut aus. Wer da nicht zum Festmahl wollte, weil ihm sein Alltag mit der Fixierung auf die eigenen Erfolge wichtiger war, als irgendeine fremde Freude zu teilen, für den - so endete es theatralisch und erschreckend - gilt: „Ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.“ 

So ließ Jesus das ausklingen! … Mit diesem wörtlichen Zitat, das gar keinen Versuch unternimmt, im Abstand einer indirekt erzählten Rede zu bleiben, sondern beklemmend mit direkter Wörtlichkeit aus seinem Mund kommt, … ohne milderndes Fazit, ohne motivierende Schlussfloskel.

Die Geschichte vom Gastgeber, der reichlich Körbe kassiert, ist meine Geschichte, hält Jesus also fest, und sein Schlusspunkt ist auch mein Entschluss: Es löst sich nicht alles in Wohlgefallen auf, … sondern in Klarheit.

Und dann schickt er dem ernüchternden Ergebnis, dass die, die nicht wollen, auch nicht wer-en – nämlich dabei sein! –, einige ziemlich harte Zumutungen hinterher, die in der groben Drohung gipfeln: „Jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit will man dann würzen? Es ist weder für den Acker noch für den Mist zu gebrauchen, sondern man wird’s wegwerfen. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ …….

In der Kapiteleinteilung, die unsere Bibeln seit dem Mittelalter haben, sind ausgerechnet das die letzten Stichworte und Gedankengänge vor dem sattsam vertrauten und zutiefst beruhigenden 15.Kapitel, in dem alles Verlorene – das Schaf, der Groschen, der Sohn – so entlastend wieder hereingeholt und vor dem endgültigen Wegsein oder Draußenbleiben bewahrt wird.

… Doch wer sagt uns, dass es der Sinn dieser Reihenfolge sei, erst den schlimmsten Fall - die endgültige Zukunftslosigkeit - und dann sofort die Entwarnung, dass es überhaupt keinen solchen Fall geben werde, zu illustrieren?

Könnte es nicht auch bei den drei Verlorenen – von denen das Schaf irrational, der Groschen unbewusst, der Verlorene Sohn dagegen willentlich und selbstbestimmt in die schreckliche Lage kommt, nicht mehr aufgehoben zu sein – … könnte es also nicht auch bei den drei Verlorenen ganz bewusst so sein, dass ihre Geschichten nach den vorangehenden Warnungen vor dem Ausgeschlossen-Bleiben bei Gott sich umso eindringlicher verstehen und steigern?!

Wo keine Orientierung und Vernunft, wo nicht einmal eigene Energie vorhanden ist, da sucht und sammelt Gott selbst alle, die sonst abhandenkämen.

Wo aber Willens- und Entscheidungsfreiheit herrschen, da ist die Annahme der Einladung aus dem Festmahl-Gleichnis in Kapitel 14 nicht anders als die Umkehr zum Festmahl des Vaters in Kapitel 15 des Menschen ureigenste Möglichkeit. …Und Notwendigkeit!

Zu lange und zu bequem haben wir die Achterbahn des verlorenen Sohnes als einfache „Alles wird gut“-Geschichte verstanden. Als würde da irgendeine Schusseligkeit, ein dummes Versehen, eine allzumenschliche Unzurechnungsfähigkeit weggewischt, um fünfe gerade sein zu lassen.

Vielleicht müssten wir aber nur die abgenutzte Überschrift, die ja wir selbst dem Gleichnis Jesu geben, ändern, um es besser zu verstehen: Eigentlich ist es doch die Leidens- und die Rettungsgeschichte eines „umkehrenden Menschen“.

Und an dieser Geschichte können wir uns noch lange nicht, oder besser gesagt: schon lange nicht mehr sattgehört haben. Denn sie ist unmodern geworden. „Umkehr“ klingt nach Erweckungspredigt und Zeltmission oder nach Verbotspartei und moralischem Spielverderben. … Und so was wählt man ab, wie uns der letzte Sonntag gezeigt hat.

Und darum exakt geht es!

Dass wir abwählen können. Dass wir die Entscheidung haben: Dem Fest fernzubleiben. Das Vertraute zu verlassen. Völlig eigenwillige Wege einzuschlagen. Und schließlich Rückkehr und Zukunft zu vergessen. … Oder zu suchen. ——

Der Mensch, der sein Erbe vorzeitig wollte, bekam und verschwendete, ist mit seinen Ansprüchen und seiner ungebremsten Selbstverwirklichung nicht glücklich geworden.

Das könnte uns durchaus vertraut erscheinen: Wir könnten ganze Völker und Kulturkreise darin erkennen, wir könnten beinah ganze Generationen in dieser Erzählung wiederfinden.

Natürlich ist das die Geschichte der westlichen Welt, die Abschied vom ewigen Vaterhaus geommen hat und sich so, mit einem satten Vorschuss an Lebensqualitätsverbesserung, an äußerer Freizügigkeit und moralischer Emanzipation, kurz: an sämtlichen Möglichkeiten zur materiellen Wunscherfüllung in das Abenteuer stürzte, das sie „die Moderne“ nannte.

… Selbstbestimmung, … Saus und Braus, … Hier und Jetzt. … Kein Fragen um Erlaubnis! … Kein Warten auf das, was der Vater für später aufbewahrt hat.

Und nicht nur historisch, sondern aktuell ist das doch der Entwicklungs- oder vielleicht auch Reifeverzögerungsroman unseres weit verbreiteten Lebensstils: Der Menschentyp, der eigenmächtig und eigennützig einfordert und ausnutzt, …direkt und ohne Sparzwang, … erfüllt von der ungetrübten Gewissheit, dass ihm legitimerweise zusteht, worüber er verfügt.

Mit solchem kulturkritischen Pessimismus also, dass Neuzeit und Wohlstandgesellschaft die verlorenen Kinder Gottes sind und wir jetzt alle Zeugen werden, wie da, wo man die Sau rausließ, der Kater einkehrt, könnten wir streng und vorwurfsvoll auf die egoistischen und moralisch orientierungslosen Amerikaner oder Autofahrer oder Anhalter und Sachsen zeigen und hätten eine befriedigende politische Predigt gehalten: … Trump, die fossilen Energiegeschäftemacher und die Krah-und-Höcke-Meute sind die, deren egoistische Vernichtung des Erbes in den Absturz führt! … „Ich danke Dir, dass ich nicht bin wie diese“ (vgl. Lk.18,11). —

Doch was sollen solche Predigten über andere?

Wir sind es doch, denen Jesus in Seiner Kirche heute das Gleichnis vom Menschen erzählen lässt, der weggewollt hatte und schließlich doch einsah, dass er heimkehren müsse, wenn er statt des Todes das Leben finden wollte.

Und darum sind wir es, die die Akte zuschlagen können – „Der Verlorene Sohn ist eine Beruhigungsstory: Das wissen wir!“ – oder die sie lesen und bereit sein können, ihre eigene Not und Notwendigkeit darin zu begreifen.

Die Zeit drängt - so meine ich -, wenn wir vor Gott noch einmal anders dran sein wollen als die Menschen, die Besseres zu tun hatten, als das Leben zu erlangen.

Wir alle haben uns mit Selbstverständlichkeit und unmerklich immer weiter von Gott entfernt.

… Und wem das guttut, wer das stolze Dasein auf eigene Rechnung und Verantwortung als die einzig ihm angemessene Form des zeitgenössischen Erwachsenseins erlebt, für den ist die Predigt nun nichts mehr. … Wer die Gängelung durch Gott oder die Vergiftung mit Ihm oder die entmündigende Lehre der Geduld oder die negative Kritik an misslungener menschlicher Autonomie für das eigentliche Problem hält – und natürlich gibt’s auch Gründe, so zu denken –, der wird nicht weiter folgen mögen oder müssen.

Wer den Genuss, den wir zweifellos als Teil unseres Erbes von Gottes Seite hier und jetzt erfahren, für absolut ausreichend hält, und wer die enttäuschende Leere und den Mangel, die uns hier ja auch begegnen, als unvermeidlich sieht und Wert drauflegt, da selber klarzukommen, dem erzählt niemand die eigene Geschichte weiter: Weder Jesus noch irgendjemand in Seiner Kirche. … Haben und Verlieren, Auskosten und Entbehren darf jeder auch aus-schließlich mit sich selbst ausmachen! … ——

Doch was, wenn Lust und Ungemach – unser Prassen und unsere Reue am Schweinetrog – eine ganz andere Botschaft in sich trügen als entweder: „Schlürf mich, ich gehör’ Dir allein“ oder „Halt schön das Maul, Du bist eh’ allein!“? …….

Was, wenn die Herrlichkeit und das Scheitern in unserem Leben uns beide fragen: „Erinnere ich Dich nicht an Gott?“

Gott ist es, von Dem wir kommen. Er ist die Quelle unserer Freiheit, uns Wege in dieser Welt zu suchen und darauf Sinnvolles oder Selbstsüchtiges zu unternehmen. Er hält niemanden unter Zwang bei sich. Seit Jahrhunderten wählen wir eine immer ferner aus-greifende Auswanderung aus der ungebrochenen Vertrautheit mit Ihm, und unsere eigene Biographie ist oft eine bewusst reifende oder achtlos sich einschleichende Entfremdung von der Nähe und Direktheit, die andere Menschen oder wir, als wir noch anders waren, angesichts Seiner empfinden oder empfunden haben mögen.

Wir lassen Gott zurück.

Wie bei allem, was früher war, verzerrt es sich und verklärt sich womöglich, … was aber nicht Klärung oder Klarheit bedeutet.

Gott wird Nostalgie oder Nebel, wird von Kleinigkeiten oder unerträglichen Fragen und Krisen noch einmal heraufbeschworen, …aber anders als bei jenem großen Dichter, dem Duft und Geschmack eines Krümels Gebäck eine ganze Welt sinnlich vergegenwärtigten[i], tritt Gott nicht klarer vor oder näher an uns heran, wenn wir solche Winke oder Erschütterungen verspüren.

Vielmehr verliert Er immer mehr Sein Gesicht, Seine Stimme wird immer unvernehmlicher, Sein Wesen zerfließt immer unbestimmter, je mehr unsere Wünsche oder unsere Zweifel und Unzufriedenheiten und Leiden Ihn umspinnen und einwickeln in das graue Netz, den fahlen Flor, der alles einhüllt, das wir durch die Mühlen und Maschinen unseres klapprigen Verstandes drehen. …

… Ganz Vielen von uns ist Gott entweder nur noch ein theoretisches Fragezeichen oder eine Schädel-Jagdtrophäe, erlegt bei unserer Ausrottung des Unerklärlichen. …

… Oder wir lächeln wissend, weil Er ja ein gedanklich-sprachliches Symbol, eine unpersönliche These ist, die wir ab und zu zum Lücke-Büßen oder Tun-als-ob brauchen. …

… Oder Er ist so abwesend, so entwirklicht und so entwürdigt durch Erfahrungen und Behauptungen, die stärker auf uns wirken, dass wir vor dem leeren Bilderrahmen, dem abgeräumten Sockel stehen und nicht entscheiden können, ob wir eher in Tränen oder Wut ausbrechen. …

… Das alles kann in unserm Leben sehr wahr und sehr nah sein. …

… Oder es kommt uns gleichgültig vor, weil anderes viel näher und viel wahrer wirkt. … —

Doch hier in dieser Kirche, wo diese Predigt dieses Gleichnis dieses Jesus, des Sohnes dieses Gottes wiederholen darf, … hier ist nur die Frage zu stellen:

 

Willst Du das?

Oder erinnerst Du Dich nicht noch anders an Gott? Hoffst Du nicht anders auf Ihn?

… Wie wir uns nämlich an Ihn erinnern oder auf Ihn hoffen – was im Tiefsten nichts Verschiedenes bedeutet –, so dürfen wir uns und unsere Zukunft auch ausrichten!

 

Wenn im Unterbewussten, längst Verdrängten Gutes im Gottes-Namen klingt und schwingt, wenn da Weltwärme und Lebensatem, Herzensfrieden und die Echtheit unserer Seele zu spüren sind, … warum sollte man das nur immer weiter zurück- und verlassen? – Weshalb nicht wagen, statt des Schweigens wieder den Ruf und die Zusage, statt des Nichts wieder den Segen, statt des Verblassens wieder das Erstrahlen zu suchen? …     

 

Und wenn im Gottes-Gedanken, im Jesus-Gefühl, im leisen Erwachen oder immer stär-keren Wehen der Begeisterung die Luft des Himmels, die Arme der Liebe, das Wunder von daheim sich ankündigen und aufgehen, weshalb sollte man dann im Tristen, in der kleinlauten Unsicherheit, in der Verstoßung bleiben, in die nur der fehlende Glaubens-mut, das Nicht-Aushalten der Vergebungsbedürftigkeit, der einsame Trotz des Höhlenmenschen[ii], der die Welt der Freiheit draußen leugnet, uns verbannen?! 

 

Wenn wir doch etwas Herrliches hatten und auf noch viel Größeres, Grenzenloseres, Ewiges hoffen dürfen … wieso dann nicht dorthin umkehrend aufbrechen, … warum nicht losziehend darauf zurückkommen??! …….

 

In der Zeltmission würde es jetzt heißen: Wenn Du aus der Leere in die Fülle, … aus der Qual des langsamen Erstickens zurück an die Luft, … wenn Du aus der Ausweglosigkeit auf die Zielgerade willst, dann gib Jesus Dein Herz.


Und hier heißt es: Wenn Du nicht willst, dass alles bleibt, wie es ist und auch nicht willst, dass alles viel schlimmer kommt, … wenn Du nicht längst erwartest, dass alles vorbei ist, sondern hoffst, dass es mehr gibt, als alle Menschen sich erträumen, … wenn Du Dich selbst und die Welt also nicht am Ende siehst, sondern aus der Sackgasse des menschlichen Fortschritts bereit bist zurück in die Zukunft Gottes zu ziehen: Dann gib Jesus Dein Herz, aber gib Ihm auch Dein Hirn; gib Ihm Deine Not und Deine Kraft; gib Ihm Deine Sünde und auch Deine Gaben; gib Ihm alles, was Du an Leichtem und Schwerem mitschleppst auf dem Weg in die verschwenderischen und die elenden Tage hier auf Erden!

Gib also die Hoffnungslosigkeit auf – und der Zukunft ihren Namen: Sie heißt Umkehr!

Denn mit Jesus kommst Du, … mit Jesus kommen wir, … mit Jesus kommen alle nach Hause.

Ins Leben! 

Amen.

 

[i] Marcel Prousts berühmtes „Madeleine“-Erlebnis - die Wirkung etwas gestippten Teegebäcks also -  ließ ihn auf die „Suche nach der verlorenen Zeit“ gehen, die für seine Leserinnen und Leser (und in Wahrheit ja für alle Menschen) nicht abgeschlossen ist.

[ii] Platons Höhlengleichnis aus dem VII. Buch der Politeia, das als Schlüsselszene seiner Erkenntnistheorie gilt, wird immer sprechender auch als Illustration des heute gepflegten Vulgär-Atheismus. Die felsenfeste Behauptung, was wir hier sehen, sei alles, ist aber nach einer zweieinhalbtausendjährigen philosophischen Ermunterung, doch vielleicht einmal den Sitzort und also auch die Blickrichtung und dann auch den Standpunkt zu wechseln, noch immer nicht leicht zu erschüttern. Und doch ist die platonische Erfahrung, gar nicht an das vertraute Dunkelbild gebunden zu sein, sondern in Licht und Freiheit streben zu können, eine bleibende Motivation zur Verkündigung: Stellt Euch vor, da draußen gäbe es Gott …?!   

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