2.So. n. Trinitatis, 09.06.2024, Stadtkirche, Epheser 2, 11 - 22 , Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.n.Trin. - 9.VI.2024                                                                                                           

                Epheser 2, 17 - 22

 

(Zu diesem Gottesdienst waren anlässlich der Europawahl die sechzehn- bis achtzehnjährigen Erstwähler und Erstwählerinnen besonders eingeladen. Der vorgesehene Predigttext des 2.Sonntags nach Trinitatis wurde an den entsprechenden Stellen von drei jungen Gemeindegliedern gelesen. Ein besonderer Dank daher an Alisa-Marie Schulze, Erik Heukelbach und Mateus Cherubim!)

 

Liebe Gemeinde!

Wie steht’s um unser Haus? – Nicht gut, fürchte ich.

Es ist ein großzügiges Haus. Errichtet wurde es wie alle alten Bauwerke ja nur nach und nach. Deshalb hat es seinen eigenartigen Plan, und nicht alles an ihm ist noch zeitgemäß. Aber es steht, es trägt und es hat Atmosphäre. Es ist ein Zuhause und eine Herberge, in der viele Erinnerungen und Träume ihren Ort haben und viel Zukunft Platz hätte.

Natürlich finden sich in unserm Haus auch Spuren seiner Bewohner, die uns Rätsel aufgeben: Wie sinnlos manche Räume abgetrennt und wieder und wieder geteilt wurden, so dass sie bis zur Unbrauchbarkeit verschachtelt sind. Manche Wände zeugen von schlichtem Zank: Hauptsache, „die nebenan“ kommen nicht leichter an die Pumpe oder ins Freie als man selbst.

Und dann gibt es die Narben unseres Hauses und seine offenen Wunden: Es gibt Verbindungstüren, die einfach zugemauert wurden. Es gibt tragende Balken, an denen man - lustig oder meistens grimmig - gesägt hat und immer noch sägt.

Und es gibt die erschütternd selbstzerstörerische Absicht, jetzt, in unserer Gegenwart die Türen und die Fenster dieses Hauses nicht nur zu verbarrikadieren, sondern sie unbenutzbar zu machen. Kein Eingang, kein Durchzug, keine Erfrischung soll mehr möglich sein. Das Haus soll dicht gemacht werden von innen. Technisch anders, aber in der Wirkung wie ein Sarg. … In dem dann auch nur noch Zerfall möglich ist, wenn seine sechs Bretter endgültig und undurchlässig geschlossen wurden.

Dabei ist doch dies Haus - unser Europa - anders entstanden, als seine Zerteiler und Abschließer (wir könnten auch seine „Abdecker und Zerleger“ sagen) wahrhaben wollen.

Das Europa, das wir bewohnen und Heimat nennen, ist zunächst nicht auf einer Landkarte, sondern in einem Buch und dessen Geist zu suchen. Ein Geist ist das, der von Süden kommend durch wehrdienstverweigernde, ungehorsame und vaterlandsverräterische römische Soldaten eingeschleust wurde, die plötzlich nicht mehr militärische Kolonialbeamte, sondern Diakone und Fußwascher und Mantelteiler und Gnadenprediger und Völkerversöhner und Himmelreichsvorbereiter sein wollten: Sie hießen Florian und Martin, Florentius und Cassius, Mauritius und Gereon, Quirin und Viktor[i] und haben unterm römischen Reichsadler tatsächlich die Herrschaft eines unterm römischen Reichsadler Gekreuzigten angesagt und anerkannt!

Die Mission dieser getauften Ex-Soldaten, die nicht mehr Eroberer sein wollten, sondern Versöhner, ist die eine Einwanderung, die aus heidnischem Barbarenland das christliche „Abend“-Land einer Sonne machte, die eindeutig vom Orient her scheint.   

Die andere Gründungs-Migration des heutigen Europa war von Nordwesten her die lange Reihe von Bettlern und Betern, die kreuz und quer durch die botanischen und menschlichen Heiden ihre bedürfnislose Armut und ein himmelreiches Buch schleppten. Diese Vaganten des jüdischen Gottes[ii] kamen aus Irland, Schottland und später England und gründeten Klöster, Schulen und Hospize für Leib und Seele. Sie hießen - unter vielen anderen - Columban und Gallus, Fridolin, Wendelin und Kilian, Willibrord, Suitbertus und Pirmin, nicht zuletzt Bonifatius, dessen Gedenktag erst letzten Mittwoch war, und Lioba und Walburga aus der gleichen Familie.

Europa ist also nicht als Nebeneinander, sondern als ein Durch- und Füreinander entstanden, das keinesfalls aus der Reinkultur irgendwelcher Stämme oder Völkerschaften, sondern aus der Mischkultur der christlichen Abenteuer-Individuen erwuchs….  Rasse oder ethnische Herkunft sind dabei das abwegigste Motiv: Mauritius soll Afrikaner gewesen sein; die irischen Mönche praktizierten eine Lebensform, die in der Wüste des Nil-Delta entstand; und die Erinnerung an und die Liebe zu den keltischen und britischen Originalen, die Frankreich, den Bodenseeraum, die Alpen und das bewaldete Mitteleuropa zum Christentum führten, haben eine tiefere Schicht der Zusammengehörigkeit gelegt, als alle Nationalstaatsbildung und aller bornierte Chauvinismus seit dem 19.Jhdt. dauerhaft auslöschen konnten.

Europa ist also ein Raum, in dem Unterschiedenes immer schon verbunden worden ist. Und nicht nur Unterschiedenes, sondern geradezu Gegensätzliches. Weil in dem Buch, das die christianisierenden Einwanderer mit sich brachten, alles so anfängt: Radikale Unversöhnlichkeit – die gegenseitige Totalfremdheit von Juden und Nicht-Juden in der Antike – wird in Christus überwindbar! … Und Ferne wird Nähe!

 

Epheser 2, 11 – 15

 

Europa, das relativ kleine Menschenhaus der römischen und britischen und gallisch-fränkischen und später auch der slawischen Christenheit und des westlichen Exils der Juden, zu dem historisch betrachtet tatsächlich auch gewaltsame wie friedliche Erfahrungen des Islam gehören, … Europa also ist dennoch leider kein Schmelztiegel einer grenzüberschreitenden Integration geblieben, sondern es wurde zu einem Konfliktherd, zu einem Schmerztiegel, in dem Argwohn, Raublust, Machthunger, Wirtschaftslüste und immer säkularer werdendes Selbstbewusstsein brodelten, brüchig verhärteten, um immer wieder umso giftiger und tödlicher zu explodieren und in alle Welt zu strömen.

Europa – das Haus, das einst von Skandinavien bis nach Sizilien, vom Atlantik bis an den Kaukasus die Gestalt des Nord und Süd und West und Ost verbindenden Gekreuzigten nachbildete und in seiner Bildung nachvollziehen wollte – … Europa hat weltweit Leid gelindert, aber auch verbreitet, … hat weltweit Recht begründet, aber auch epochales Unrecht begangen, … hat weltweit leuchtende Visionen geteilt, aber auch finsterste Schrecken erregt.

Und Europas Katastrophe – die wahrlich nicht mehr die Katastrophe des Christentums, sondern eines erst aufgeklärten und dann umnachteten Anti-Christentums war – liegt nicht in ferner Vergangenheit: „D-Day“ – als sich der freie Westen freiwillig in einen Überlebenskampf gegen die inneren Dämonen Mitteleuropas stürzte – geschah ja zu Lebzeiten jener Uralten, die vor-vorgestern noch einmal am Strand der Normandie versammelt waren, ……. und zu allem Unheil spüren wir, dass ein neuer D-Day nicht absurde Phantasie, sondern grauenvolle Zukunftsoption werden könnte. —

Aber trotz seiner Schuld und Schande – das können nur wir Christen sagen, aber wir müssen’s darum auch! –, bleibt etwas anders in Europa als in den meisten Kulturkreisen.

Denn anders als in zahlreichen absoluten Denk- und Wertesystemen, die nur nach Sieg oder Schimpf bewerten, findet sich in der Taufurkunde Europas eine andere Skala: Sünde und Vergebung.

Hier muss und kann man also auch aus furchtbaren Vergehen lernen, weil das Unvollkommene durch das Vollkommene Gnade erlangen kann.

Das christliche und das nachchristliche Europa sind darum der Ort des andauernden Umkehrens, der Veränderung, der Verbesserung, der Entwicklung geworden.

Weil weder verhängnisvolles Schicksal noch eiserne Notwendigkeit, sondern der der Welt Sünden vergebende, Verlorene stellvertretend rettende und alle in die Nachfolge rufende Jesus Christus dem Europa der flächendeckenden Kirchen, Kapellen und Kathedralen, dem Europa der Weg- und Flur- und Giebelkreuze allerorten das Antlitz und das Unterbewusste prägt: Darum ist unser Kontinent bleibend so sozialisiert und konditioniert, dass hier neue Anfänge und bessere Weg gesucht werden!                          

Die Hoffnung nie aufzugeben, … die Liebe nicht auszuschließen, … den Frieden unter keinen Umständen abzuschreiben: Das ist trotz aller Rückschläge, trotz allen Verrats, trotz aller Enttäuschung die unverbesserliche - eigentlich: die unverderbliche - Eigenart des Erdteils, in dem die Fernen nah und Feinde Verbündete werden mussten, weil der Herr, von dem der Epheserbrief erleuchtet ist, hier gepredigt, empfangen und gemeinsam im bewussten Vertrauen auf Ihn oder in vergessenem Wirken der Taufe nachgeahmt wird.

Europa also kennt und ist auch ein Zwiespalt, wie es die Kirche auch ist, in der Juden und Heiden, Berufene und Erwählte also gemeinsam mit Außenseitern und Unberührbaren eine neue Menschheit darstellen und im Miteinander erleben dürfen.

 

                                                            Epheser 2, 13 – 17

 

Wir haben vom Potential und Abenteuer, …. wir haben von der Verheißung geredet, die geschichtlich mit unserm Kontinent verbunden ist, auf den das Christentum zwar langsamer kam, als es sich im vorderasiatischen und afrikanischen Raum ausbreitete … auf den es aber kam, um länger zu bleiben.

Wir haben auch vom schrecklichen Europa gesprochen, das zwiespältig … zu seinem Heil aber eben auch wandelbar ist und in dem das Christentum Schritt mit der Zeit halten muss, ohne die Ewigkeit vorwegnehmen zu könne, wie es die orthodoxen Kirchen versuchen. —

In seinen ältesten Gebieten indessen, im Orient verschwindet das Christentum heute nun gewaltsam und zugleich lautlos.

Und es ist auch bei uns wahrhaftig nicht unwiderruflich durchgedrungen.

Das Europa, das ursprünglich ein Durch- und Für- und Miteinander war, wird vom Geist der glattzüngigen Gegensätze heimgesucht.

Das Europa, das aus seinen Sündenfällen gelernt hat, Freiheit und Fortschritte als Folgen der Gnade zu erfassen, die Raum zum Umkehren und Reformieren, zu Loslassen und Erneuerung schenkt, … dieses Europa wird ungnädig, weil es veraltet und es wird überholt, indem es sich so gnadenlos gibt.

Europa und das Christentum – Verheißungspotential und zwiespältige Veränderungsfähigkeit – ist also eine Verbindung, die keine Garantie hat in einer Zeit, in der wir Abschied von allen Sicherheiten, allem Selbstverständlichen bis hin zum Frieden nehmen müssen.

Und doch wünsche ich mir für diesen Erdteil und für alle seine Bewohner, einschließlich meiner eigenen Kinder und aller jungen Menschen, die heute zum ersten Mal wählen dürfen, dass es eine lebendige und überraschende, eine tiefverwurzelte und dennoch unbedingt spontane Liebesbeziehung bleiben möge … die Symbiose zwischen unserem Glauben und unserm Kulturkreis und Lebensraum.

Ich wünsche Europa, dass die überwältigende Erfahrung der grenzenlosen Liebe Gottes, der fleischgewordenen Liebe Gottes, der leidens- und kreuzigungsbereiten Liebe Gottes, der todüberwindenden Liebe Gottes und die ebenso überwältigende Erfahrung der Menschenliebe weiter zünden und dass sie Verbindungen schaffen, die abenteuerlich und weitherzig sind, die Sprachen wie Straßen nutzen, um zueinander zu kommen und aus dem Elend aller Gewalt und Trennungen die Begeisterung für das überall und immer mögliche Wunder des Friedens ableiten!

So möge es kommen!

… So muss es kommen! ———

In der katholischen Kirche hat man Europa in den letzten sechzig Jahren besonders unter der Anregung und Teilnahme besonderer Schutzpatrone gedeihen zu sehen gehofft: Benedikt (von Nursia), dessen „ora et labora“ uns allen klügste Maßstäbe setzt; Kyrill und Method, die Missionare der slawischen Welt, die als größtes Geschenk ein Alphabet schufen, um den Schatz des Denkens und Hörens und Verstehens nicht wie die Menschen sterben zu lassen, sondern zeitumspannend zu erhalten. Und dann drei christliche Frauen: Katharina von Siena, Birgitta von Schweden und Edith Stein – eine Mahnerin, eine Mystikerin, eine Märtyrerin.

Katharina von Siena, die das auf den Hund gekommene Papsttum im schauerlichen 14.Jhdt. penetranter und mutiger mahnte als alle Theologen ihrer Zeit hat einen ganz wunderbaren Gedanken festgehalten, der sie auch für mich zu einer Europa-Mutter macht. In einer Vision erlebte sie wie Gottes Wahrheit, der Geist also zu ihr sprach: „Ich hätte sehr wohl den Men-schen (mit)samt allem, was er braucht, erschaffen können, wollte aber, daß einer auf den anderen angewiesen sei… . Der Mensch mag wollen oder nicht, er kann sich … den Werken der Liebe nicht entziehen.“[iii]

Das aber ist nichts anderes als die Magna Charta Europas: Das Angewiesensein aufeinander als Zeichen der Liebe, die genau das will und die genau das ist … nämlich unvollständig ohne den anderen. ——

Darum aber glaube ich, dass es auch mit Europa, auch heute in der Bedrängnis so kommen wird, wie Gott es will.

Nicht weil ich mir einbilde, dass in unserem Haus weiterhin nur oder überwiegend Christinnen und Christen leben und Christentum herrschen werde.

Gewiss: So viel von beidem wie möglich, … unbedingt!

Aber das ganz Entscheidende – das wahrhaftig nicht allein für Europa, sondern für alle Teile der Erde, für die Menschheit insgesamt gilt – … das ganz Entscheidende, ist etwas anderes: Dass nämlich das Hausrecht in der Menschheit bei Dem liegt, Der ihr Haus-herr ist …  bei Gott.

Zu wissen also und wissentlich zu wählen und zu bejahen, dass es im Angesicht des Gottes aller Menschen keine Fremdheit gibt, sondern nur ein allgemeines, ungeteiltes, allumfassen-des und ewiges Zusammengehören als Mitbewohner und Mitberechtigte und Mitberufene in dieser Lebensgemeinschaft mit dem Schöpfer und Helfer und Heiler der Menschheit: Dazu haben wir als christliche Gemeinde in jedem Augenblick Gelegenheit … und heute haben wir diese Gelegenheit wie alle Bürger Europas auch in weltlicher Hinsicht.

Wir, die Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist.

Wir, die das Anfangsabenteuer und das lebenslange Lernen Europas fortsetzen dürfen in der welt- und himmelweiten Gemeinschaft, von der der Epheserbrief uns heute eine so herrliche Vision mitgibt:

 

Epheser 2, 17 – 22

 

Wie steht es um unser Haus? – Je treuer wir dem Hausherrn sind, je freier wir Ihm folgen, desto besser.

Und letztlich steht es darum gut: Weil wir heute etwas sagen dürfen, das andernorts den Menschen im Blick auf ihre Heimat viel leichter über die Lippen kommt:
Gott hat dieses zwiespältige, ursprünglich nur durch Christus verbundene und erneuerungsbereite Europa gesegnet.

Und Gott segne es weiterhin – und alle Kontinente dieser Erde, bis alles, was lebt zusammen Seine Behausung im Geist wird!

Amen.  

 

[i] Mit Ausnahme Florians, der im heutigen Österreich sein Martyrium fand, und des Martinus von Tours, lässt sich anhand der übrigen Soldatenheiligen die Erstreckung der römischen Garnisonen und Kulturzentren entlang des Rheins exakt verfolgen: Von Bonn über Köln und  Neuss bis Xanten sind die Zentren ihrer Memoria und ihres Kultes eine Landkarte nicht nur der römischen Verwaltungsräume, sondern auch des Vordringens des Christentums in der Antike.

[ii] Die Formulierung lehnt sich an den Titel einer hervorragenden Darstellung der iro-schottischen Festlandsmission im frühen Mittelalter an: Ingeborg Meyer-Sickendiek, Gottes gelehrte Vaganten – Auf den Spuren der irischen Mission und Kultur in Europa, Stuttgart 1980.

[iii] Caterina von Siena, Gespräch von Gottes Vorsehung, eingeleitet v. Ellen Sommer-von Seckendorff und Hans Urs von Balthasar (Lectio spiritualis Bd.8), Einsiedeln 20186, S. 12.

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