Reminiszere, 05.03.2023, Stadtkirche, Markus 12, 1 - 12, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Reminiscere - 5.III.2023                                                                                                    

                 Markus 12, 1 -12

Liebe Gemeinde!

Das Blöde an der Bibel (so habe ich noch nie angefangen!) ist ja, dass sie so ernst ist und so oft mit ihrem Ernst Recht hat. … So oft, dass man an vielen Stellen schon gar nicht mehr nachprüfen muss, weil es sich doch von allein aufdrängt, dass kam, was kommen musste: Die halt-, maß- und rücksichtslose Menschheitsstufe vor der Sintflut (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind geradezu fruchtbar aufschlussreich!) musste den von ihr heraufbeschworenen Untergang erleiden! … Die freiheitsuntauglichen Sklaverei-Nostalgiker, die Moses anführte, mussten vor Selbstmitleid in der Wüste sterben, weil sie die Geduld für den eigenverantwortlichen Neuanfang in Kanaan nicht mitbrachten. … Die konsumsüchtigen Götzendiener, die im Nordreich von Israel den gleichen Gierkult wie die gesamte Kultur Vorderasiens trieben, mussten unter den Assyrern schlicht dran glauben, denn dass Kraftmeierei siegt, war ja gerade die Botschaft ihres Baal. … Und die kritiklosen Immer-weiter-so-Priester und -Würdenträger in Jerusalem, an denen alle Propheten bis Jeremia sich mahnend und warnend abarbeiteten, mussten die Lehre des Exils durchlaufen, in der Glaube an Den Unsichtbaren und primitiver Erfolgszauber sich dauerhaft schieden. … Das angedrohte Ende musste einfach in jedem Fall eintreten. ——

Mit dieser bestürzend fatalistischen Erwartung gehen wir also allzu oft an die Bibel heran, als sei sie das Buch des göttlichen Pessimismus, … ein Dokument des ewigen nicht Besser-, sondern Schlechter-Wissens.

Ob in solcher Negativerwartung aber nicht viel mehr von unserer Denkfaulheit steckt, als von einem tatsächlichen Gesetz des Immer-so-kommen-Müssens? Ist es nicht gerade unsere menschliche Trägheit, die sich einredet, es sei sowieso nichts mehr zu ändern, es sei zu spät und zu aussichtlos, noch Umkehr und Hoffnung, noch Zukunft und Leben zu behaupten?

Ist aber nicht genau das auch die saublöde und selbstmörderische Bequemlichkeit, mit der wir heute den vielen drohenden Untergängen begegnen? … „Dumm, wie’s ist, und schlimm, wie’s kommen wird, … aber was sollen wir tun?“

Wenn das die Botschaft der Bibel wäre, dann sollten wir sie getrost auf ein oberes, hinteres Bücherbrett stecken, wo sie neben Arthur Schopenhauer und Oswald Spengler und allen anderen, die der Zuversicht nur mit Verneinung begegnen können, verstauben darf. Ihre Garantien der Totalzerstörung mögen die Zeugen Jehovas und Netflix unter sich aufteilen! Wir haben keine solche sichere Apokalypse im Programm. Im Gegenteil. Wir haben einen Gott, der spricht: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ (Jer.29,11).

Und darum ist es gerade in der Horizontverfinsterung von heute, an einem Passionssonntag wie diesem umso wichtiger, dass wir die bittere und lahme Wette der Hoffnungslosen ablehnen: Lieber wollen wir enttäuschbar leben, als ohne jede Erwartung! „Lieber – wie man in der Neanderkirche unter dem Bildnis des großen Dichters lesen kann – … lieber sich zu Tode hoffen, als durch Unglauben verloren gehen![i] ——

Wenn aber das unsere christliche Grundvoraussetzung ist – dass es immer noch viel besser, viel gnädiger, viel überraschender kommen kann als geunkt! –, dann haben wir mit dem Gleichnis von den bösen Weingärtnern heute ein verrostetes, vergilbtes und vermoostes Stück der biblischen Überlieferung wirklich zu reinigen, wenn es wieder im Licht der Zuversicht soll glänzen können!
Denn was wie hässliche Rostflecken an der Erzählung Jesu aussieht, was sie so abgrundtief negativ wirken lässt, ist in Wirklichkeit Blut. …

Mit der Geschichte des Weinbergs spinnt Jesus ja ein uraltes Motiv der Propheten fort, die vielleicht schon in Erinnerung an den ersten Gruß, den die Kundschafter aus dem gelobten Land hinaus zu den Wandernden in der Wüste brachten (vgl. 4.Mose 13,23), Israel gerne mit einem herrlichen Weingarten verglichen:

„Ich hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs“, hören wir Gott bei Jeremia (2,21) zu Seinem Volk sagen, und der Sänger Asaph im Psalm schwelgt in der Üppigkeit dieses auserwählten Weinstockes, den Gott hat einwurzeln lassen, bis das ganze Land davon erfüllt war (Vgl.Ps.80, 9ff). Und wie der Prophet Jesaja (5,1ff) von Gott, dem hingebungsvollen Winzer singt, der sich so viel Edles und Süßes von seinen liebevoll gehegten Reben erhoffte, das hörten wir gerade eben ja als Schriftlesung.

Dass nun in Garten und Weinberg allerdings nicht alles so gedeiht, wie es der Gärtner hofft, ist jedem vertraut, der die Radieschen von oben betrachtet.

… Aber gerade der Kreislauf der Natur und die Zyklen, in denen Misswuchs und verschwenderische Ernten einander ablösen, machen ein endgültiges Fazit, einen Schlussstrich unter die Geschichten des Wachsenden und Fruchtbringenden doch so unvernünftig und so unwahrscheinlich.

Und im Unterschied zu den prophetischen Bildreden, in denen Gott impulsiv die verhagelten oder mickrigen Ernten beklagt, auf die Er sich vergeblich freute, scheint in Jesu Gleichnis der Weinberg nun gerade nicht frustrierende Erträge zu bringen. Im Gegenteil: Das traditionelle biblische Bild für Gottes Eigentumsvolk Israel ist ja ausdrücklich der Gegenstand der Begierde seiner Pächter. Alle wollen ihn. Gerade um Israel nicht wieder hergeben zu müssen, fügen die Weingärtner den Abgesandten seines Herrn Schimpf und Schaden zu und sind sogar zu einem ultimativen Verbrechen bereit. …….

Das ist schlimm: Dieser ungerechte Kampf um das geliebte Israel, der zu immer verderblicheren Mitteln greift.

Es ist ein Kampf, wie er just in diesen Monaten tatsächlich im Staat Israel ausgetragen wird, wo die Kräfte, die Selbstbehauptung auf Kosten der biblischen Rechts- und Gerechtigkeitstradition vertreten, brutal um die Seele des jüdischen Volkes buhlen und Zehntausende dagegenhalten, die den Weinberg und mit ihm den Freudenwein, den Gott wollte, verloren sähen, wenn er nur mit den Tränen der Palästinenser gewässert würde.

Um Israel muss also gekämpft werden! Das sagt Jesu Gleichnis vom Ringen der verschiedenen Möchtegern-Weinbauern auch.

Und mit allen Kräften hat Jesus sich darum in diesen Streit geworfen.

… Doch die unselige Kirche hat in eben dem Gleichnis, in dem Jesu leidenschaftliche, seine passionierte Anteilnahme an seinem Volk deutlich wird, nur einen Satz zur Kenntnis genommen, … einen Satz, der mit einer Frage eingeleitet wird: „Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.“ ……..

… Und da war die ausweglose Negativität bestätigt, die alles immer vom bösen Ende her versteht und keinerlei offenen Schluss duldet, keinen Spalt einer Öffnung zu einer anderen Entwicklung, zu einem neuen Weg oder einem neuen Leben sich vorstellt. … Es kam, wie’s kommen musste, … denn für gute Überraschungen gibt es keine Richtung im engstirnig und hartherzig festgelegten Einbahn- und Rutschbahn-Denken der Kirche, das immer nur zum Untergang führt: Der Herr des Weinbergs wird die bösen Weingärtner umbringen und andere an ihre Stelle setzen! …

Seither klebt das von Christen in Ost und West in der Fastenzeit und in der Karwoche wieder und wieder vergossene jüdische Blut am Weinberg-Gleichnis und hat es getrübt, entstellt, verdorben. Denn mit ihm wurde die Enterbungstheorie begründet, die beinah zwei Jahrtausende lang das Christentum beherrscht und verdorben hat: Am Schluss musste nach dieser Theorie das Schlechte stehen … für Israel.

… Am Ende musste es vorbei sein. …

 

Und war es doch nie!

… Die Sintflut etwa hat ja gezielt das Verderben, nicht aber das Leben insgesamt beseitigt.

… Und dann der Exodus: Dieser Aus- und Aufbruch unter Mose bleibt bis heute die stärkste Ermutigung aller, die an die Möglichkeit der Freiheit glauben und die Mühen der Befreiung wagen.

… Oder Baal: Baal hat trotz des zuletzt einsamen Widerstands des Elia gegen ihn seinen Platz heute nur noch in den vorderorientalisch-archäologischen Museen, während in den Synagogen und Kirchen in aller Welt der unsichtbare, leise, lebendige Gott Israels so wie einst mächtig und gnädig spricht und segnet.

… Und auch das große Finale des babylonischen Exils wurde in Wahrheit ja zur schöpferischen Sturm- und Drang-Zeit, in der die Torah Israels ihre bleibende Gestalt gewann und Prophetie und Messiashoffnung ihre Schwingen ausbreiteten, in deren Schatten wir Heutigen immer noch beim HERRN, dem Gott Israels Zuflucht suchen (vgl. Ruth3,12).  

Ein Ende gibt es nämlich nicht.

Und das ist das unvergleichlich Wunderbare an der Bibel: Dass sie so offen ist und so oft mit ihrer Offenheit Recht hat. … So oft, dass man an vielen Stellen - besonders aber an der heutigen! - wirklich nicht auf seinem Vorurteil beharren darf, da es sich doch ganz anders fügt, wenn kommt, was nicht vorgezeichnet war, sondern sich der Langmut und Beweglichkeit, der Geduld und Überraschungsfülle Gottes verdankt!

Jesu Gleichnis von den Weingärtnern ist wahrhaftig ja nicht bloß eine Illustration des starren Verhängnisses, das Israel sich zugezogen hätte bis zu seiner endgültigen Verwerfung und Ersetzung. Im glatten Gegenteil. Wie der umstrittene und trotz allen Jubels unverstandene Christus da in seinen letzten, angespannten Tagen in Jerusalem ein Drama ums Recht an Israel entfaltet, … ein Drama mit einem reißenden Gefälle, das jeder Zeuge nach Kräften wird aufhalten wollen: Das ist geradezu existentiell packend!

… Wer Ohren hat, zu hören, der muss in heftigste innere Anteilnahme geraten: „Sie werden doch nicht…, sie dürfen doch nicht…, sie können doch nicht den Sohn misshandeln!“, so wühlt die Erzählung das Mitgefühl auf.

… Niemand, der Anspruch auf Gottes Israel erhebt – keine Priesterclique und keine andere prophetische, pharisäische, zelotische, asketische Bewegung – … niemand, dem Israel anvertraut und lieb und heilig ist, wird doch wohl zum Mörder werden am letzten Boten, am geliebten Sohn?! … Nicht einmal der römische Präfekt, die römische Besatzerjustiz, die römische Armee, die sich als zeitweilige Hüter und Nutznießer des Weinbergs Gottes dünken mögen, werden es ja wagen und vermögen, den gesandten Erben zu eliminieren!? …

… Jesu Stimme wird heiser und stockt, als seine Zuhörer im Tempel, unter den Schriftgelehrten, den Priestern, den Passapilgern und den Wachen diese rhetorische Frage, die mit so viel unmittelbarer Beschwörung in ihren Ohren zittert, unbeantwortet in der Luft hängen hören:

… Wird irgendjemand allen Ernstes den Sohn töten?

Es ist Todesangst, die da spricht. Rhetorisch und gleichwohl markerschütternd echt.

Es kann nicht geschehen, was so undenkbar ist!?

Das will, das muss Jesus bestätigt haben. …….

Doch es geschieht.

Die Römer wagen’s, weil sie den Vater nicht kennen; die ihnen als Tempel-Elite hörigen Sadduzäer wagen’s, weil sie den Sohn nicht anerkennen wollen.

Es geschieht, was nicht geschehen würde, … was nicht geschehen konnte, … was nicht geschehen durfte.

…………

 

Aber auch das, … auch das ist nicht das Ende.

Wenngleich alles wankt, woran Jesus sich festklammern wollte, …. wenngleich alle Stützen und Sicherheiten („Den Sohn werden sie doch schonen!?“) nicht standhalten, ist es doch nicht das Ende.

Weil eben das, was unmöglich ist - bei uns! -, geschieht

Der aussortierte und verworfene, der pulverisierte und wieder zu Staub gewordene Stein wird zum Eckstein!

Es ist unmöglich.

Aber es trägt!

Das Ja erscheint im Nein (vgl. EG 94, 4)!  

Der ermordete Sohn bleibt nicht im Tod.

Und Israel wird nicht und bleibt nicht verworfen.

… Das schreckliche Ende, … ausgerechnet dieses Ende ist nicht das Ende, sondern wird zum Anfang des niemals zuendegehenden Guten.

Das unvorstellbar Böse trägt ein noch viel unvorstellbareres Heil.

Und dieser Jesus, der solche Todesangst hatte und so hoffte, man werde mit ihm und nicht gegen ihn den Bund und das Eigentum Gottes erneuern, … der hat mit dem davonrollenden Felsen vor der Höhle, mit dem weggesprengten Grabstein, der seine Leiche verschließen sollte, ein so lebendiges und unumstößliches und herrliches, ein so freies, offenes und starkes Fundament gelegt, dass wir gar nicht begreifen können, was alles auf ihm ruht und durch ihn gehalten wird und von ihm erfasst und verbunden:

Sein Israel und seine Kirche,

seine Juden und seine Heiden,

seine Getauften, seine Gläubigen und seine Gottlosen,

seine armen, armen Pessimisten und seine sich fröhlich zu Tode hoffenden Optimisten, seine Ukrainer und seine Russen,

seine Palästinenser und seine Israelis,

seine Farsi- und seine Deutschsprechenden Kaiserswerther,

seine Lebendigen hier in der Passionszeit und seine durch sein Kreuz erretteten Gestorbenen in der Ewigkeit.

„Vom HERRN ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen!“             

 

Es gibt kein Ende!

Amen.  

 

[i] Vgl. zu diesem Wort des pestkranken dreißigjährigen Joachim Neander auf seinem Sterbelager: Helmut Ackermann, Joachim Neander - Sein Leben. Seine Lieder. Sein Tal, Düsseldorf 1997, S. 40.

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