2.Advent, 04.12.2022, Stadtkirche, Hoheslied 2, 8 - 13, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.Advent - 4.XII.2022                                                                                                        

             Hoheslied 2, 8-13

Liebe Gemeinde!

Vor Sätzen, die behaupten, dass dies oder das „frei macht“, kann man in Deutschland nur auf der Hut sein: Die Tore von Sachsenhausen, Theresienstadt und Auschwitz mit ihrem zynischen Missbrauch einer Befreiungssentenz stehen allzu mahnend vor Augen. … Aber auch - was die sog. Humanisten und Freidenker immer geflissentlich vergessen - die Erinnerung an die Morde und die Toten, die die „Aufklärung“ forderte: Im revolutionären Frankreich reimte sich „Liberté“ für viele Menschen auf Schafott. Und am 24.Februar dieses Jahres fing im christlich-humanistisch-liberalen Abendland ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit an, das als Befreiung von den Nazis begründet wurde und das von der „freien“ Welt doch nur insoweit geahndet wird, als es die eigene Unversehrtheit nicht allzu dramatisch auf’s Spiel setzt. … Freiheit und Blutvergießen, Freiheit und Schuld sind also nicht weniger paradox verschwistert und verkettet als es Glaube und Gewalt, Evangelium und Ausbeutung fatalerweise immer wieder waren.  —

Aber weder von der Freiheit noch von der christlichen Botschaft können oder werden wir je schweigen. Sondern immer weiter versuchen, sie reiner, weniger kompromittiert, weniger vergewaltigt zu verbreiten und zu befolgen.

Immer reiner also, immer klarer wollen wir von beidem sprechen: Von Freiheit und Glauben.

Am besten kann das vielleicht gelingen, wenn wir sie nicht absolut nehmen: Freiheit ist genauso wenig ein höchstes Gut an sich, wie es der Glaube wäre. Freiheit misst sich am „Wozu“, Glaube misst sich am „Woran“, … soviel haben wir verstanden. … Aber dass sie beide einen gemeinsamen Nenner haben, auf dem sie beruhen und der sie tatsächlich auch formt, das können wir heute auf die ursprünglichste Weise lernen:

Wenn wir nämlich auch keine Protokolle aus dem Paradies, keine Dokumentation von Eden besitzen, wo Mensch und Menschin frei und unmittelbar zu Gott – also im Schauen, das das Glauben noch übertrifft – existierten, so haben wir doch ein Stück Urstand, ein Stimmenbild aus der heilen Erstzeit des Geschaffenen in der Bibel: Es ist das „Hohe Lied“, der salomonische Gesang vom Glück der Liebe.

Wie im Hohenlied Menschenwünsche nach Menschen und menschliches Verlangen nach Menschlichem sich äußern und erinnern, wie dort tastend und fassend das Geheimnis des guten „Nicht-Allein-Seins“ ausgelotet wird, wie Schmachten und Erfüllung da erfahren werden, das gehört zum unmittelbarsten Reichtum unserer Art: … Was Leib und Seele sind, wie schön das Leben ist, wie zart und wild das Herz und alle Triebe der Menschen auf den Menschen reagieren können, das kann man dadurch alles in der Heiligen Schrift erleben und erlernen. Da braucht es weder Tanzkurse, die den Anstand, noch Therapiesitzungen, die das Gefühle-Zulassen lehren, sondern da passiert spontan und naturrein, was keineswegs ein bloßes Relikt der versunkenen Hippie-Ära ist: Freie Liebe.

… Nicht partnertauschende, nicht unersättliche, nicht erosfixierte Gier zeigt sich da, sondern das befreiende Wunder, das die Liebe ist.

Liebe im segensreichsten Sinn ist ja das, was wirklich über die eigenen Grenzen hinausführt: Sie vermag das totale Ich, das so gern herrschen will, zu verändern, indem sie drüber hinauswächst. Liebe - „freie Liebe“ - bedeutet, dass die Fessel meiner Ego-Angst, meiner Ego-Sucht, meiner Knechtschaft unter dem Ego sich löst und die wunderbare Offenheit für das Du sich einstellt und die freie Neigung, sich einem anderen anzuschließen, sich aus freien Stücken anzuvertrauen und antwortend auf die Regungen des Nächsten sich verantwortlich zu machen.

Die Freiheit der Liebe ist also wortwörtlich die Freiheit zu solcher Bindung.

Und da sie das Überschreiten der Selbst-Beschränkung, das Überschreiten der Ich-Schranke ist, hat sie tatsächlich in ihrem Wesen diese Bestimmung zum Jenseits-des-Ich, eine „jenseitige“ Bestimmung also.

Darum ist es auch keine Willkür, sondern psychologisch sinnvoll und authentisch, wenn in Judentum und Christentum die letzte Bestimmung und die letzte Erfüllung der Liebe in der Transzendenz, … im Verlangen nach, im Hängen an und im Bund mit Gott gesehen wird. —

Liebe eröffnet Freiheit zur Bindung, sagten wir; und also führt sie in letzter Konsequenz, wenn sie die Öffnung zu dem ist, was jenseits der eigenen Beschränkungen, Bedingungen und Bedingtheiten liegt, … und also führt sie in letzter Konsequenz schließlich zum Glauben selbst.

Das also ist die Gemeinsamkeit von rechter Freiheit und echtem Glauben: Beide ergeben sie sich aus der Liebe. ———

Darum aber ist es in diesen adventlichen Wochen der Gottesvorbereitung, … in diesen Wochen, in denen die Kirche sich wie eine Schwangere darauf vorbereitet, dass eine Bindung entsteht, die ihr Leben in der Tiefe verändert, nur angemessen, aus dem Hohen Lied zu hören, wie wartende Liebe sich auf die ersehnte Ankunft des Geliebten einstellt.

Herzklopfen hat sie, die Wartende. Und es fährt ihr durch die Glieder, wenn sich die bewegte Gestalt und die bewegende Stimme des Liebsten allmählich aus der unklaren Entfernung vergegenwärtigen.

……. Diese Hochstimmung vor dem Rendezvous, dieses Lebendig-Werden vor der ersehnten Begegnung, gehört buchstäblich zu den höchsten der Gefühle. Der akuten Erfahrung nach ist das für uns natürlich allenfalls ein Ausnahmezustand für Verliebte; dem Sinn nach aber könnte nichts angemessener die besondere Adventssituation des Glaubens beschreiben: Wir schweben in der Erwartung eines tief berührenden, alles entscheidenden, das Leben verändernden Zusammentreffens! Jedes Adventslicht hat - so betrachtet - etwas von der berühmten Laterne Lili Marleens. Was könnte herrlicher sein, als die Aussicht auf’s Wiedersehen in ihrem geheimnisvoll-heimeligen Schein?! …Was könnte herrlicher sein, hier in der Kaserne?! Was könnte herrlicher sein, als das, wenn in der Welt wieder Krieg ist und Winter und wenn der Frost und der Hunger und das Töten eigentlich nur Abschied und Schluss machen wollen. … Was könnte herrlicher sein, als die Erwartung des Wiedersehen?! …..

Und dann kribbelt es, als sich die Blicke treffen: Er noch von außen, sie ganz eingefügt und festgelegt im Inneren des Lebenskreises, aus dem ein Mädchen im Orient damals nicht ausbrechen soll. ……. Oder doch?

Er blickt durch das Gitter. …

… Auch durch mein Gitter und unsere Sperranlagen, … durch all unsere Maschen und alles Verdrahtete, durch alles, was wir festgezurrt und abgezirkt haben, … durch alle kleinen Karos und Kästchen, ja, durch die Bretter vor unserm Kopf und die Schlösser vor unseren Gedanken. Er durchschaut unsere Sicherheitsmaßnahmen, die die Dinge so abschließend ordnen, weil wir Angst vor der Weite, … weil wir eigentlich einfach nur Angst vor der Liebe haben!

Er, der von außen Kommende, der weltweit Bewegte und die Welt Bewegende sieht glatt durch dies Absperrgitter unseres engen Wesens hindurch. …

Und da passiert’s im Hohenlied: Da bricht die Liebe durch, und sie bricht durch zur Freiheit! Frühlingsgefühl und „Winter Ade“; Locken und Kitzeln und ein jenseits aller Konventionen ertönender Ruf: „Komm raus in’s Freie, meine Geliebte, meine schöne Freundin: Ich freie Dich, … Ich befreie Dich! Meine geliebte Menschheit: Ich, Der Ich die leibhaftige Liebe Gottes bin, Ich komme auf den Freiersfüßen des Erlösers und führe Dich in die schrankenlose Offenheit der freien Liebe, die Gott und Welt verbindet, die die Menschheit und die Gottheit verbündet, die die Hassenden und Schuldigen mit der Gnade und der Gerechtigkeit versöhnt! Steh auf und komm mit! Steh auf, … auch wenn Du Angst hast! Steh auf, … auch wenn Du’s nicht darfst oder nicht wagst, es zu dürfen! Steh auf und komm’ mit: Wer soll Dich aufhalten und uns scheiden? Der Tod oder das Leben? Engel …, Mächte …, Gewalten? Gegenwärtiges oder Zukünftiges? Hohes oder Tiefes oder irgendeine andere Kreatur (vgl.Rö.8,38f)? Komm mit, Du Geliebte Gottes, … komm mit in die Freiheit der ersten und letzten, der immer schon wirkenden und der in Ewigkeit währenden Liebe!!“

Und die Gitterstäbe des Serail, die Grenzen der selbstgewählten Festlegungen und der beklemmenden Aussichtslosigkeit können nicht mehr halten: Die Liebe macht tatsächlich frei!

Die Begegnung mit dem Gott, Der kommt, um Sich die Menschheit zu lösen aus ihrer Verschlossenheit in sich selber und sie anzustecken mit Seiner hindernislosen All-Liebe, … diese Begegnung weckt Mut und Lebenslust und führt das versklavte Israel genauso wie die verfolgte Kirche …ja, auch noch die träge, Diesseits-verhaftete Christenheit von heute hinaus und hinüber in’s Leben, in’s Offene, in das, was da jenseits ist: „Steh auf, ich stehe vor der Tür! Komm’ mit, wir wollen der Zukunft der ganzen Welt und jeder Seele und des einen Reiches, das kommt, entgegenziehen und sie zusammen erobern!“

Dieser angstschmelzende und herzbewegende, dieser pulsierende, elektrisierende Ruf zum Leben ohne Grenzen ist das Gegengift und der Gegenangriff gegen die sämtlichen Lähmungen und Erstickungen, die Herzen und Hoffnungen in unserer Zeit betreffen: Der Liebhaber der Welt, der Liebhaber des Lebens (vgl. Weisheit Salomos 11,26) fordert seine Braut – uns also, die Menschheit, die Ihm traut, die an Ihn glaubt – dazu auf, außerhalb der bewährten Bezirke Ihm auf Wegen zu folgen, die  nicht vorgegeben, sondern gewagt sind. Er will – so wie die Freundin im Hohenlied auf jede Schicklichkeit pfeift und mit ihrem stürmischen Freund allen Konventionen Lebewohl sagt und raus in’s Freie strebt – … Er will, dass wir das Unbekannte wagen, … das, was angeblich nicht sein kann und nicht funktionieren wird: Das Experiment eines schlicht zuversichtlichen Herzens und einer ungebremsten Bereitschaft zur Zukunft mit Ihm. ———

 

Um von solchem Lebensmut und einer derart vitalen, unanfechtbaren inneren Kühnheit der Liebe bewegt zu bleiben, haben Christen zu allen Zeiten nicht nur den Bräutigam, sondern auch die Braut, nicht nur den befreienden Gott, sondern auch die von ihm befreiten Menschen gefeiert.

Wir wollen uns ihnen heute darin anschließen, indem wir uns – im Wissen um die schreckliche Not des ukrainischen Mord-Winters, des jemenitischen Hungerkrieges, der iranischen, der russischen und chinesischen Unterdrückungsherrschaft – heute zu den ältesten und bedrohtesten Geschwistern unseres Glaubens gesellen. Sie sind in ihren angestammten Heimaten, in den ältesten christlichen Landstrichen, den ehrwürdigsten Patriarchaten und Diözesen der Kirche in einen Strudel der Verdrängung, der Verfolgung, der Ausrottung gerissen worden, der uns eigentlich nicht ruhig schlafen lassen darf: Im ganzen Vorderen Orient, wo das Christentum seine ersten Wurzeln hat, leiden, fliehen und verschwinden in diesen Jahren die letzten Christen. … Der Glaube, der unwiederbringlich Vergangenheit werden soll: Unser Glaube!

Aber am heutigen Tag feiern sie in den palästinensischen und den syrischen Kirchen, im angefochtenen Libanon und in der seit dem Armenier-Genozid beinah „christenreinen“ Türkei eins ihrer größten Feste: „Eid il-Burbara“, … den Tag, an dem die befreiende Liebe Gottes sie mit solcher Courage beflügelt wie Barbara von Nikomedien im 3.Jahrhundert.

Barbara war die behüteteste höhere Tochter, die sich denken lässt, vom Vater um ihrer Schönheit willen und im Namen ihrer Unschuld in einem Turm eingekerkert, … so wie viele von uns, ja unser ganzer Kontinent aus Angst vor fremder Lust und Gier am liebsten Zäune ziehen und Mauern bauen und verriegelte Freiheit ihrem Gegenteil - der aufgeschlossenen Freiheit - vorziehen.

… Doch welche die Liebe trifft, die sind nicht zu halten. Auch nicht von den väterlichen Schranken. Barbaras Gedanken an den Gott der Liebe, dem sie in Christus ihr Herz und Leben schenkte, zerrissen die Schranken und Mauern entzwei. … Und sie war frei. Wie ein Vogel. Auf der Flucht vor denen, die nicht zulassen konnten, dass Christus sie hingerissen hatte wie der Freund des Hohenliedes die Freundin. Barbara türmte buchstäblich und suchte ganz buchstäblich mit Christus das Weite, das Leben. Man jagte sie wie das Wild, und weil sie nach der östlichen Legende ihr Kostüm andauernd wechselte, verkleiden sich heute die christlichen Kinder in den palästinensischen und syrischen Flüchtlingslagern und spielen das Abenteuer der Frau nach, die nichts mehr aufhalten konnte, weil sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatte, Der zugleich die Liebe zu allem Lebendigen ist und Dessen Liebe nie aufhört. Die chaldäisch und maronitisch getauften Kinder ziehen von Haus zu Haus und betteln um Süßes, und es ist ein Schabernack für sie, dass man so unverschämt sein darf.

Für Barbara aber war es die reinste Wahrheit, dass Furcht, Scham und Fesseln, dass Angst, Qual und Sterben ihr nichts mehr anhaben konnten. Als sie einmal über den Acker floh, wuchs die frische Saat über ihren Spuren so schnell, dass man ihren Weg dort nicht weiter verfolgen konnte: Die arabischen und türkischen Christen säen deshalb heute Weizenkörner, Kichererbsen oder Linsen auf kleine Wattelagen und werden das raschsprossende junge Grün in zwanzig Tagen schon um die Krippe stecken, so wie im Westen heute Zweige geschnitten werden, deren Knospen bis zur Christnacht in Blüten aufgehen und den endlosen Frühling des Hohenliedes bezeugen, der beginnt, wo der Freund zur Freundin, wo der Himmel zur Erde, wo Gott zu uns kommt, die wir für Ihn bestimmt sind.

Das rauschhaft fröhliche Fest der befreiten Barbara, die aus der Enge in die Weite, aus dem Verließ in die Begegnung, aus dem drückenden Schmerz in das Glück ziehen durfte, das ihr das Martyrium nicht nehmen, sondern nur besiegeln konnte, … dieses „Eid il-Burbara“-Fest, diese Freiheitsfeier der Liebe, … Freiheit der Liebe, die zum Glauben kommt: Es stellt uns den Advent unnachahmlich plastisch vor Augen!

Von unseren verfolgten, bedrohten, aussterbenden und heute dennoch so unbeschwert lachenden Brüdern und Schwestern sollen wir es lernen: Wenn Der kommt, Der jeden Einzigen von uns so liebt, wie man nur lieben kann, dann werden auch wir von allen feindlichen Mächten und alten Gewalten frei, und in der Freiheit wartet auf uns der Glaube. … Wartet darauf, dass wir lieben, wie wir geliebt sind!

Amen.

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