11.So. n. Trin., 28.08.2022, Stadtkirche, 2.Samuel 12, 1 - 15, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 11.S.n.Trin. - 28.VIII.2022                                                                                                 

                   2.Sam.12 i.A.

Liebe Gemeinde!

Gleichniserzähler sind vorsichtige Kämpfer. Ihre Waffe kann ganz harmlos wirken, wie irgendein alltägliches Werkzeug. Aber wer eine Gleichnisgeschichte richtig auffasst, merkt – wenn er selbst nämlich nicht stumpf ist –, dass es sich dabei um eine geschliffene Pointe handelt, um eine Spitze, die trifft. Aus einer gewöhnlichen Begebenheit wird durch eine rechte Gleichniserzählung der geschärfte Blick für die Wahrheit.

Nun bin ich kein begnadeter Gleichniserzähler wie es viele Rabbiner von der Antike bis heute waren, die Banales zu schildern und darin Heiliges zu veranschaulichen wussten; ich bin auch kein Weiser wie der Dichter Lessing, der mit seiner Fassung des Drei-Ringe-Gleichnisses die Menschheit vor eine unlösbare Schiedsaufgabe in Sachen Religionsstreit gestellt hat; auch bin ich kein Parabeldichter, dessen politischer Widerstand sich wie bei Bertold Brecht in Kurzgeschichten reiner Unauffälligkeit kleidet, um unbemerkt an aller Zensur vorbeizukommen und dann in’s Schwarze zu treffen; am allerwenigsten bin ich natürlich ein Prophet Nathan oder Jesaja oder Jeremia … oder ein Rabbi und Zimmermann aus Nazareth, der das Reich Gottes auf dem Acker, bei der Bauernhochzeit und in galiläischen Kleinstadtgeschichten für alle Welt fassbar gemacht hat.

Wenn ich ein Gleichnis erzählen wollte, würde es hinken und sich in einem unnatürlich auf-gesetzten Kostüm sofort verraten.

… Meine Geschichte von den bequemen Leuten, die es gern warm haben wollten und sich deshalb von einem entfernten Ort das Feuer an den Ofen tragen ließen ohne zu fragen, aus welchem Inferno die Flamme wohl stammte und ob der Wärmebote nicht vielleicht unterwegs versehentlich oder voll tückischer Absicht alle Nachbarhäuser lichterlohn in Brand stecke, … mein Gleichnis von den Toren, die an frostigen Tagen dennoch 22 Grad haben wollten und dadurch unwillkürlich an einem höllischen Feuer mitschürten, das ihnen selbst das Feld und den Wald verwüstete, … das würde jeder sofort gelangweilt durchschaut und vergessen haben: So töricht wie in dieser Geschichte sind die Menschen doch nicht …….

Und darum – weil kein Gleichnis, das ich spinnen könnte, uns wohl helfen würde – … darum stehen wir in Jerusalem. Dem Ort, der vor Gott alle Orte vertritt und alle Menschen verbindet. Wir stehen in Jerusalem.

Wo man tuschelt. Weil alle wissen, dass Macht - sogar die Macht der Guten! - Menschen zerstört: Die reine Möglichkeit von etwas wird in den Händen der Mächtigen, denen nichts und niemand sich in den Weg stellt, zu seiner Wahrscheinlichkeit, nein: zu seiner Verwirklichung. Wenn ein Machtmensch etwas Begehrenswertes sieht, dann muss er sich nicht verzehren danach, … nicht davon träumen, … sich in den Träumen nicht ausmalen, wie es wohl wäre … Nein: Er reißt es an sich. Ein Stück Land. Einen Schatz. Eine Schönheit. Wie der König David jene betörende Bathseba, die er im Bade beobachtet hatte (vgl.2.Sam.11). Der Bauernbub aus Bethlehem, der auf den einsamen Triften mit seinen Schafen vermutlich noch manchmal hungerte, … der Bandenführer in der Wüste, der für seine Schar betteln oder stehlen musste (vgl.1.Sam.21; 25; 27,9), er konnte auf dem Söller seines Königshauses in Jerusalem jeden Appetit stillen: Also musste Uria, der Soldat, der Mann der Bathseba meuchlings sterben, weil David sie wollte.

… Das ist das heillose Unrecht, ja, der Fluch der Macht: Zu können, was man will! – Und das ist ja auch der Fluch unseres kranken Denkens geworden, dass wir sagen: Was man nur will, das kann man auch!

In Jerusalem brodelt die Stadt, weil es sich so gerade nicht leben lässt: Unbeschränktes Wollen, unbegrenztes Können sind nicht Freiheit, sondern Verdammnis. Ein Mensch, der kriegt, was immer er verlangt, wird zum Unmenschen. Ein Volk, das einem Wahn von Allmacht unterliegt, ist von Innen dem Unaufhaltsamen ausgeliefert. ——

Was aber begrenzt den Menschen?

Welches Gleichnis findet sich für die Schranke, die es braucht, um uns vor dem totalen, dem absoluten, dem losgelösten Menschenspleen, dem Übermenschen, dem Menschengötzen zu bewahren?

… Ist es die Bindekraft des Gesetzes, für die Franz Kafka so einprägsame surreale Gedankenbilder gefunden hat?

Oder kann der Mensch nur durch Angst im Zaum gehalten werden …, womit wir bei Luthers altem Vergleich wären, der im Menschen ein störrisches Lasttier sah, dass entweder von Gott oder vom Teufel geritten werden muss. —

… Was nimmt dem Menschen die schreckliche Allmöglichkeit, die ihn verdirbt?

Wir stehen in Jerusalem, in Davids Kreml.

Wir hören Nathan vor der Tür zum Thronsaal schwer atmen: Er, der Prophet, dem der König gerne sein Ohr lieh, hatte vor Kurzem noch die unbeschränkte Heilszusage Gottes für das Haus Davids auszurichten. Gott versprach dem Nachkommen Davids: „Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein“, so dass das Königtum des Knaben aus Bethlehem in Ewigkeit bestehen wird (vgl. 2.Sam.7, 14-16). … Solche Verheißung im Superlativ – ein Versprechen, das dreihundert Jahre später bei Jesaja so zentral werden sollte, dass wir noch heute keine Adventszeit, kein Weihnachtsfest erleben, in denen nicht die unerschütterliche Hoffnung auf den Davidssohn als Garantie des Heils begegnet – … solche Verheißung im Superlativ, die Nathan überbracht hatte, muss ja wahrhaftig wie eine toxisch-tyrannische Überdosis auf den großen König gewirkt haben. … Grenzenloses Heil hat Gott an ihn geknüpft, grenzenlose Hoffnung. Kein Wunder, wenn seine Hybris in’s Gewissenlose schoss.

… Zu große Gaben Gottes an einen bloßen kleinen Menschen aus dem kleinen Bethlehem Ephrata! … Zu viel göttlicher Vertrauensvorschuss in’s Menschliche. … Gott zu sehr auf Menschenwegen!

… Nun also muss Er donnern wie Kollege Zeus, damit der Zwergenkönig sich gebührend fürchtet und demütigt! Nathan muss jetzt den Menschen also stutzen, den Gott wohl doch zu sehr erhöht hat, dem Gott wohl doch zu weit entgegenkam! Der Mensch muss seine Grenze am Übermenschlichen finden; er muss scheitern an der überragenden Größe Gottes!

Wir stehen mit Nathan auf der Schwelle, Aug’ in Aug’ mit der Hybris der Menschenmacht.

Welches Gleichnis wird er finden?  – „Gedenk’, dass Du nichts bist als eine Blume des Feldes, die heute blüht und sprosst, morgen aber welkt und verdorrt! Gott ist Dein Töpfer, du irdenes Gefäß, der Dich auch wieder zerschlagen kann! Er kann Dich löschen wie die Schrift an der Wand, … Er kann Dich wechseln wie ein Gewand, … kann Dich und alle Bewohner der Erde dahinsterben lassen wie die Mücken. Mensch!, - König! - Geschöpf! - Dich begrenzt der Tod!“ …….

Wir stehen hinter Nathan, der jetzt Blut, Blitz und Feuer aufbieten muss, Grimm und Panik.

Er muss dem ohnmächtigen Beherrscher von Saporischschja, dem Möchtegern-Gott, der so schrecklich über das Gedeihen und Verderben anderer gebietet, die unüberschreitbare rote Linie aufzeigen und ihn vernichtend in die Schranken weisen. Es muss eine Strafrede werden, von der man über Jahrtausende noch sprechen wird, weil sie so gebieterisch überwältigend war. …

… Doch Gott hat die Zukunft keinem Demosthenes und keinem Cato, keinem großen Rhetoriker oder Rabulisten auf der Rednertribüne, keinem geifernden Robespierre, auch keinem Garibaldi oder Spurgeon oder Lenin oder Roosevelt - oder wie die gewandtesten Überredungs-, Verführungs- und Begeisterungskünstler der Welt sonst noch heißen - überlassen!

… Stattdessen spricht Gott durch Gleichniserzähler, … vorsichtige Kämpfer, die im Einfachsten das Entscheidende berühren.

Als Nathan nämlich endlich anhebt – jene Rede, die den Hochmut, die Anarchie, die Sünde des von Gott erwählten Menschen endgültig begrenzen soll! –, … da erzählt er von einer ganz gewöhnlichen kleinen Familie, … von sentimentaler Tier- und Kinderliebe, … und von der Störung dieses trivialen Idylls, in dem ein Armer neben seinen Kindern auch sein Schäfchen hätschelt, durch die dreiste Anspruchshaltung eines geizigen Wohlstandsbürgers. … Es hätte die Moralpredigt, … das reformatorische Fanal, … der weltwendende Basta!-Appell schlechthin werden müssen ……. und was wurde es?

Ein seifenoperettenhaftes Nachbarschaftstheater!

Das soll den Titan, der glaubt, er dürfe alles, weil er alles kann, die Mores lehren? – Die Hinterhofgeschichte vom zärtlichen Zusammenleben von Mensch und Tier, das scheitert weil ein gefühlloser Grobian verächtlich darin eingreift? Eine solche Schmonzette, ein solches Herz-Schmerz-Rührstück soll es richten?

… O Gott! … Wie gutgläubig Du bist! … Wie sehr Du - „lieber“ Gott - im Ernst an die Liebe zu glauben scheinst?! Kannst Du denn keine gewaltigeren Argumente aufhäufen, um den Menschen zu bekehren, der sich an allem vergreift, der alles verdirbt, der alles vernichtet? Kannst Du nicht, … musst Du nicht - Gott - Deinen Zorn aufbieten, Dein Gericht und alle Verdammnis, statt an’s Gefühl, an’s Mitgefühl, an’s Mitmensch-Sein zu appellieren? …….

Doch auch wenn unsere, in diesen Tagen der Weltuntergangsdrohung beinah unerträgliche Spannung hier, an Nathans Seite so lächerlich entweicht wie die heiße Luft aus einem aufgeblasenen Ballon: Die biblische Überlieferung von der Strafe und Bekehrung des heiligen Königs David, der so ein erbärmlicher Sünder vor dem HERRN war, gewährt uns nicht die Flucht in den Gotteszorn, zu dem wir uns so gern als letzter Projektion versteigen, oder die Hoffnung darauf, dass eine jupiterhafte Gegenreaktion die unbotmäßigen Geschöpfe schon zerschmettern werde.

Gott, der im Gleichnis von dem verletzten weichen Menschenherzen an’s Gemüt greift, nicht aber zur Gewalt, … dieser Gott Abrahams und Davids und Jesu ist eben von altersher, seit Erschaffung der Erde ein Gott auf Menschenwegen.

Er verlässt sich nicht auf den Schrecken, den Er erregen kann – und doch wissen wir, dass Er schrecklich ist (vgl. Hebr.10,31!) –, sondern Er geht den Weg der Verlorenen seit dem Sündenfall so mit, dass Er sich an das Vertrauen wendet – Abraham! –, … dass Er Seine Leidenschaft für die Menschenkinder in ihrem Mitgefühl sucht – David, dank Nathans! –, … und dass Er schließlich die gesamte Menschennot, den Menschheitsschmerz, das Welt- und Höllengrauen nicht atomisiert, sondern annimmt, mitträgt, austrinkt, ausbadet, durchleidet und durchstirbt.

Gott ist so auf den Weg an’s Herz geeicht, … Er ist so hingebungsvoll entschlossen, nicht über Leichen zu gehen, sondern zu den Sterblichen, den Sterbenden, ja schließlich auch den Toten, dass die ganze biblische Heilsgeschichte ein einziges Gleichnis des göttlichen Machtverzichtes ist.

Immer ärmer wird unser Gott, immer schwächer, Der doch anfänglich eine Sintflut und einen Schwefelregen einsetzte, Der Unwetter, Verheerung und Plagen über die Sklaventreiber Ägyptens kommen ließ und noch in Sauls Tagen, kurz vor Davids Herrschaft einen Schrecken auf Israels Feinde, die Philister fallen machte (vgl.1.Sam.14,15!).

In der Nathansstrafpredigt aber ist das Ende der Rachezüge Gottes greifbar geworden: Er verändert Seinen erwählten und verirrten Knecht und König David nicht mehr durch Einwirkung auf dessen Furchtinstinkte, sondern dadurch, dass Davids Herz in Mitleid schmilzt: Er spürt das Leid des Armen, dem das Lämmchen genommen wurde. … Er fühlt!

… Und als dieses Gefühl nun David zu einem Racheschwur hinreißt – „Der Mann ist ein Kind des Todes, der solches Unrecht tat!“ –, da bricht der heiße Vergeltungsdrang unter dem einfachen Wort zusammen, das alle Verbundenheit der Welt enthält:
„Der Mann ist ein Kind des Todes!“, empörte sich der König, dem die Macht vergehen sollte.

„Du bist der Mann“, entgegnet der Prophet.

… Und da ist die Macht, die Allmachtsphantasie, das Übermachtgehabe gebrochen.

David hat untrüglich gespürt, was ein Anderer – und sei’s auch nur im Gleichnis! – erlitten hat. Und er hat erfahren, dass er in nichts von diesem Anderen und seinem Schmerz verschieden ist. Er nahm am Verlust des armen Lämmchenvaters teil. Und so erfuhr er, dass die bittere Sterblichkeit, die dem Unschuldigen so viel Schmerz bereitete, als man seinen Liebling nahm, nicht nur eine Strafe sein kann, die allein dem Schuldigen droht.

Der Schmerz des Verlustes, den er so tief mitfühlte, hat David verändert.

Und die Schuld, die aus ihm - der der Richter sein wollte - einfach einen „Mann“, einen Mitmenschen machte - Du bist der Mann!“ -, hat David verändert.

 … Die Lehre also vom allseits geteilten Leid der vielen Kinder des Todes, zu denen alsbald sein eigenes Kind von Bathesba gehören sollte und in späterer Zeit einmal auch der Davidssohn, der das einziggeliebte Kind Gottes sein würde … diese Lehre vom allseits geteilten Leid der Kinder des Todes, die doch Gottes Kinder sind: Sie ist es, die den David veränderte; sie ist es, die den Menschen begrenzt!

Unser Mitmensch begrenzt uns!

Die Liebe zu ihm begrenzt uns!

Das Leiden mit ihm, … das Leiden um ihn, … das Leiden für ihn, begrenzt uns! ——

Das ist die Hilfe, die das schlichte, anrührende Gleichnis Nathans auch unserer Zeit bietet, in der die Hybris, die Großmachtsucht, der Allmachtswahn ein solch abgründiges Verderben bereiten: Kampf, Gewalt und Kräftemessen bis auf den Tod sind - Gott sei’s geklagt! - zwar vorerst wieder unumgänglich geworden, als seien wir in den Tagen der Sintflut oder der primitiven Eroberungszüge bei der Landnahme und Wanderung der Völker des Altertums.

Doch der Weg zu Gottes Zielen geht nicht über diese längst absurd gewordenen Verirrungen.

Den Weg Gottes geht nur, wer fühlt, was die Menschen fühlen, was ihnen fehlt, woran sie kranken, wodurch sie leiden, womit ihnen geholfen werden kann.

Wenn unsere Herzen das spüren und wir so leben, dann werden wir selber zu Gleichnissen: Zu Gleichnissen Gottes, in Dessen Ebenbild wir erschaffen sind und von Dem es in der Stunde Seiner höchsten Liebe nicht hieß – „Da, der Allmächtige!“, sondern „Sehet, welch ein Mensch!“ (vgl. Joh19,5).

Amen.

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