1.Christfest, 25.12.2021, Stadtkirche, 1.Johannes 3,1f, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.Christtag 2021                                                                                                                 

               1.Johannes 3,1-2

Liebe Gemeinde!

Was wäre, wenn wir Weihnachten immer verkehrt herum betrachten? … Selbst beim besten Willen, es so zu verstehen und zu feiern wie die Bibel es uns nahelegt? Was, wenn wir immer das Fernrohr falsch herum gehalten haben, so dass wir gar nicht das eigentliche Ereignis in der Ferne vor Augen hatten, sondern stets nur unsere direkte Umgebung, aber verfremdet, weil wir sie durch eine verkleinernde Linse wahrnehmen? —

Was das heißen soll? Nun, alle unsere Weihnachtsgedanken kreisen ja immer um Bethlehem, um die Geburt dort, um die Freude dort, um das herrliche Erlebnis eines neuen Menschenkindes, das mitten in den damals wirklich jämmerlichen Verhältnissen eine solche Helligkeit und Zuversicht, solche neue Begeisterung und solche spontane Liebe geweckt hat, dass wir immer noch davon ergriffen werden und immer noch Glaube, Glück und Zuversicht sich daran entzünden, …obwohl es so lange her und weit entfernt geschah, dass dieses Kind geboren wurde.

Nun stimmt ja, dass zweitausend Jahre ein ungeheuer großer Abstand zu diesem Morgen sind und dass die geographische Lage des jüdischen Landes uns wirklich entlegen scheint. Und darum schrauben wir das Fernrohr unserer Lieder und unserer Stimmung immer wieder so, dass das Damalige und Dortige uns irgendwie nahegeht.

Dennoch aber haben wir das Wunder der Weihnacht damit vielleicht immer am falschen Ende gesucht. Denn was wir hören und sehen, wenn wir nach Bethlehem blicken und lauschen, ist ja die geschichtliche, die weltliche, die uns zugängliche, …uns mehr oder weniger verständliche Seite der Geburt des Sohnes Gottes. Er kommt zu uns und bringt uns eine Gottesnähe, eine Gottesgnade, eine Gottesgegenwart, die ohne Weihnachten niemals möglich geworden wäre.

… Gott ein Menschenkind! Das ist das uns beinah kribbelig machende, immer wieder aufwühlende, manchmal auch überfordernde und beunruhigende Ergebnis unseres Blickes nach Bethlehem, unserer Weihnachtsperspektive zurück in Raum und Zeit an den Punkt, an dem alles begann, was wir als den christlichen Glauben kennen und bekennen.

Doch eins muss man sich eingestehen, wenn man Christi Geburt auf diese Weise betrachtet: Es ist immer noch ein Blickwinkel, es ist immer noch eine Sichtweise, die ganz und gar an unserer Welt haftet … und dabei in der Tat etwas völlig Unvergleichliches entdeckt: Gott mit uns. …

Wenn wir allerdings - obwohl es uns wirklich schwerfällt und gegen alle unsere Gewohnheiten geht - ausnahmsweise einmal das Fernrohr des Herzens umdrehen und nicht auf Erden das Ereignis suchen, das wir an diesem Fest feiern, dann könnte uns noch ganz anders schwummerig werden. Wenn wir einmal nämlich in die größte Ferne blicken, aus der der unsichtbare und unendliche Gott herangezoomt und erkennbar wird durch die Fleischwerdung des Wortes, dann müssten wir uns tatsächlich die Augen reiben und uns eben noch mehr, … noch viel mehr wundern, als wenn wir auf Ihn unter uns stoßen.

… Denn dort, in der Wirklichkeit, die kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat, in dem Reich, in das nicht nur unsere Wissenschaft und Spekulation nicht hinreichen, sondern das nicht einmal unsere Wünsche wirklich erschwingen, … in der Gegenwart Gottes nicht für uns, sondern da, wo Er bei Sich ist und wir folglich die große Einheit und Alleinheit Gottes erwarten, die wir uns weder vorstellen können noch sollen, … dort in der nicht fleischlichen und nicht stofflichen und nicht fassbaren und nicht zu beschreibenden Transzendenz stößt das Auge, das wirklich einmal wagt, in das zu schauen, was dem Menschen unzugänglich ist, auf die allerunerwarteteste Überraschung. Da bei Gott sind - wenn nicht alles täuscht – anscheinend menschliche Wesen. Da bei Gott wimmelt es von solchen wie uns. Da bei Gott - kann das sein? spielt uns das Fernrohr auch keinen optischen Streich? - da bei Gott stoßen wir in unendlicher Entfernung und außerhalb aller Zeit auf unser eigenes, lachendes, unbeschwertes, aber auch unverkennbares Gesicht!

Meinten wir eben noch, Weihnachten heiße und zeige eindeutig und ausschließlich „Gott mit uns“, so führt der umgekehrte Blick, der nicht nur den irdischen, sondern auch den überirdischen Pol der Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf betrachtet, zu der ergänzenden Einsicht: „Und wir mit Ihm“!

Die Menschwerdung Gottes, die Geburt Jesu Christi ist nicht nur die unumkehrbare Ankunft des Höchsten in der Wirklichkeit der Sterblichen, sondern ebenso auch der Beginn der Eigliederung der Menschheit in der Wirklichkeit Gottes.

Der unter den Menschen wenig willkommene Kommende macht denen bei sich Raum, die keinen Raum für Ihn hatten.

Der die Menschheit im Kind Jesus annimmt, nimmt sie auch auf.

Der vermenschte Gott - wie man im Barock bei uns gern sagte - vergöttlicht den Menschen … wie es die Väter der Kirche früh und schockierend frei schon nannten, und wie man es in der Orthodoxie bis heute zu bekennen nicht aufgehört hat.

Diese Umkehrung unserer Perspektive, die so konsequent nur auf die Welt schaut und nicht auf das, was über sie hinausgeht, ist allerdings unentbehrlich, will man wirklich die Tiefe und Höhe, die Weite und Breite dessen ermessen, was geschieht, als die fein säuberlichen Trennungen und Unterscheidungen, die Aufgliederungen in Gattungen und die Begrenzungen des Zutritts überschritten und aufgehoben wurden, mit denen man bis dato zwischen Himmel und Erde alles klar in Oben und Unten, Diesseits und Jenseits, in’s Reich der Menschennatur und das Reich Gottes aufgespalten hatte.

Was unvorstellbar war, weil es das Unvereinbare verband, … was unbegreiflich war, weil es das Unwahrscheinliche schlicht vollzog, … was unerhört war, weil es das Gefälle kippte und die Gefahr der Verwechslung riskierte, … was unwiderruflich war, weil es kein Zurück in die Vergangenheit gibt, … das alles also geschah in der verwirrenden und befreienden Grenzüberschreitung, die wir Weihnachten nennen: Es erschien im Fleisch, der von Rechts wegen nicht hätte geboren werden können, weil Er ewig ist, und Es gefiel Ihm, durch diesen Eingang uns völlig beschränkte Menschen am eigenen Leben die Unendlichkeit erfahren zu lassen, die uns weder zusteht, noch offen. So furchtlos wie Gott sich in die Vulnerabilität - die menschliche Verletzlichkeit - fallen ließ, so ohne jede Engigkeit lässt Er Menschen teilhaben an Seiner Vollkommenheit. Ein natürlicher, sterblicher Lebensanfang in Bethlehem löste endloses übernatürliches Leben aus. …….

Man könnte dieses Spiel mit den Paradoxien, die Zug für Zug unser Denken weiten und unsere geistige Undurchlässigkeit aufbrechen, weiter und weiter spielen.

Es hat vor allem die frühe Kirche und ihre großen Prediger entzückt, in solchen Aufsehen- und Kopfschütteln-erregenden Gewagtheiten, in solchen unheimlichen Antithesen und verblüffenden Pointen aus den Brettern, die wir vorm Kopf haben, eine Krippe für den überraschungsreichen Gott der Bibel, der frei von allem Zwang unserer Logik des Entweder-Oder ist, zuzubereiten.

Doch der allerabenteuerlichste Satz des christlichen Bekenntnisses, … die Botschaft, die man unter allen Umständen nur mit echter Bereitschaft zum Umsturz unserer selbstverständlichen Kategorien hören kann, … die Botschaft, die unser Selbstverständnis von den Füßen auf den Kopf stellt und uns zumutet, ganz andere zu werden, als wir zu sein glaubten, … diese völlige Verdrehung aller theologischen Tatsachen – Gott ist Gott! Mensch ist Mensch! -  und dogmatischen Grundsätze – „Der Mensch darf nicht Gott sein wollen!“ - steht mitten in der Bibel.

Wir haben sie eben gehört (Joh1,1 – 14!).

Johannes, der Apostel der Fleischwerdung des Wortes, der Menschwerdung Gottes hat sie in seinem Liebesbrief formuliert: Das Wunder der göttlichen Liebe besteht nicht nur darin, dass  G o t t  M e n s c h e n k i n d  wird, sondern als dessen Folge ebenso darin, dass der  M e n s c h  G o t t e s k i n d  wird!

Er wird unser Art- und Todesgenosse. Und wir kommen in den Genuss Seiner Weise ewigen Lebens!

Das ist – wohlgemerkt! - kein geistreicher Aphorismus, kein raffiniertes Aperçus, kein stilvolles Bonmot und auch keine der sonstigen Blüten griechischer Philosophie und Rhetorik, die in der Sprache und Denkwelt der Alten Kirche ein solches Feuerwerk schillernder Geistesblitze entzünden, sondern den Satz, dass wir Menschen Gottes Kinder werden, ja sind – Kinder Dessen, Der selber Kind einer menschlichen Mutter wurde – … diesen Satz hat der junge Fischer aus der Zebedäiden-Sippe vom Genezareth spät in seinem Leben irgendwann einmal geschrieben.

Die alte Kirche wusste zu berichten, dass dieser Lieblingsjünger Jesu in seinem Greisenalter eine - sagen wir: fokussierte – Demenz erreichte, eine Beschränkung seines Wortschatzes und stetige Wiederholung seiner Äußerungen, die sich schließlich auf den einen Satz beliefen: „Kindlein, liebet einander!“

Die höchste Theologie des Neuen Testaments – der Prolog des Johannesevangeliums, der das Mysterium der Inkarnation, die Einfleischung des Logos, das Geschöpflich-Werden des schöpferischen Wortes Gottes besingt – diese höchste theologische Verdichtung von Weih-nachten, in deren Verlauf es tatsächlich auch schon heißt „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden“ (Joh1,12), mündet in eine altersweise Einfalt der Liebe.

Das Bindeglied zwischen dem mystischen Aufschwung und dem ethischen Aus-klang aber ist die Gewissheit der Gotteskindschaft.

Das muss sich dem Johannes, der Jesus selber erlebt hatte, sogar bei seinem Tod zugegen war, aufgedrängt und eingeprägt haben: Dass die Bindung an Jesus uns wesentlich, ja wesenhaft verändert. Johannes selber hat unter dem Kreuz konkret erfahren, dass Jesus „versöhnt“ … uns zu Söhnen - und Töchtern - macht, als der Gottessohn, den wir zu Weihnachten immer wieder auch als Mariensohn besingen, die Adoption einleitete, die aus Johannes das Kind der Mutter Jesu und aus Maria die Mutter des Jüngers machte: „Weib, siehe, das ist dein Sohn!“ und „Siehe, das ist deine Mutter!“ (Joh19,26f)

Aus diesem Augenblick, der den Johannes in eine neue, lebensbestimmende und lebenverbindende Beziehung versetzte, ergab sich für ihn vielleicht allmählich der Gedanke des Undenkbaren: Wenn Jesus die Mutter mit uns teilt, dann ist es wirklich Ernst, dass er wie wir sein will und uns wie sich sieht. Wenn er seine menschliche Zugehörigkeit so inklusiv erweitert, dass wir sein dürfen, was wir biologisch nicht sind - Kinder seiner Mutter -, dann ist das keine familiäre, sondern eine theologische Verbundenheit an der Wurzel!

Der Sohn dieser Mutter, der mit dem Vater eins ist (Joh10,30), ist tatsächlich das Zeichen und die Wirklichkeit der Vereinigung der Unvereinbaren. Er ist das Sakrament der Einheit: Zwischen sich und uns. Zwischen verwandt und verfeindet. Zwischen Todverfallenheit und ewiger Lebensberufung. Zwischen Menschheit und Gottheit. Jesus ist das Tatwort, das uns verbindet, versöhnt und vereint: Menschliches Fleisch und Blut mit Gottes Leben und Licht.

Wo wir mit diesem Jesus Gemeinschaft haben, da sind wir tatsächlich auch Kinder Gottes, die Ihm so nahestehen und so lieb sind, so ähnlich sein können und so unlöslich zu Ihm gehören wie das Wort, das im Anfang war, bei Gott. ——

Wir merken: Das Fernrohr ist uns längst aus der Hand gesunken. Der Blick in eine Welt jenseits der uns Vertrauten – obwohl wir ihn versuchen müssen, wenn wir nicht in der Sackgasse des 19.Jahrhunderts stecken bleiben wollen, das diese Welt für alles und den Menschen darum für den einzigen Herrscher hielt – der Blick in die Wirklichkeit Gottes hat uns doch zurückgeführt zu einer menschlichen Mutter und ihrem Kind, das so verbindend ist, das solche Einheit auftut und selber stiftet.

Aber auch dieses Weihnachtsbild aus unserer unmittelbaren Menschennähe zeigt uns, was Gott ausmacht:

Wir mögen immer wieder gottlos sein wollen – Er aber niemals menschenlos!

Er will Kinder ohne Zahl, … Menschen, die Ihn Vater und Mutter nennen und darum versöhnt leben können.

Das ist also Gottes Weihnachtsgeschenk an Sich selbst, Der die Menschen so liebt, dass Er sie zu den Seinen macht, … vielen Menschen noch verborgen und fremd, aber doch unwiderruflich zum Offenbarwerden bestimmt!

……. Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder heißen sollen; und es auch sind! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.

Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder; und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.                    

Amen.  

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