Reformationstag, 31.10.2021, Stadtkirche, Galater 5, 1 - 6, Jonas Marquardt

Predigt Reformationstag 2021

Galater 5, 1 - 6

Liebe Gemeinde!

Man sieht weit in die Runde, wenn man da oben auf der Burg am Erker steht: Unter den Mauern die Wipfel der Bäume, und ihr finsterer Baldachin breitet sich rundherum aus wie ein Spinnennetz, in dem die Landschaft sich verfangen hat. Den kleinen Saumpfad den steilen Felsen hinauf verbirgt das Dach aus Laub- und Nadelkronen, und der Ort unten am Fuß, wo die Landgräfin Elisabeth erst die Armen verpflegte und dann selbst die Armut auslöffeln musste, als der Schwager sie verjagt hatte und sie nur noch von den Seligpreisungen satt werden konnte, den sieht man von der Höhe vor lauter Bäumen nicht. So dicht ist der Wald.

… In dem weiter nach Westen die Germanen hausten, wo die Felsen des Wesersandes und die von den Römern gefürchteten Urforste den Kämpfern Unterschlupf und Rückzug boten, die sich nicht hinter den Schutzwall der Zivilisation verlocken ließen.

Der Wald, in den es alle treibt, die es nicht geordnet, sondern wild lieben. Der Sherwood-Wald bei Nottingham, wo die Gesellen des Umverteilers Robin Hood ihre dreisten, kindlichen, utopischen Träume vom Nehmen und Geben nach Not und Bedarf auslebten. Der rauhe Gebirgswald der Cevennen, in dem jahrhundertelang der evangelische Widerstand gegen den Glaubenszwang und schließlich die französische Résistance gegen die deutschen Besatzer ihr uneinnehmbares Revier hatten. Der Hambacherforst, in dem die jungen Leute auf den Bäumen sich gegen die ausgeweidete, verbrannte Erde von morgen stemmen.

… Der Wald, der Deutschen liebster Aufenthalt.

Warum ausgerechnet am Reformationstag davon reden? Weil da die deutschen Befindlichkeiten so schön zusammenkommen? Weil seit Hermann dem Cherusker das vermeintliche Freiheitsgefühl der Deutschen sich so besonders in ihren Wäldern spiegelt, in denen sie sich alle gern wie das Wildvögelein fühlen … „und niemand kann mich zwingen“[i]?! Und weil das an den alsbald Vogelfreien erinnert, der sich in Worms vor einen Thron und eine Garde stellte und vom einen nicht einschüchtern und von der andern nicht haschen ließ?! 

… Genau.

… Wir Deutschen und unsere natürlichen Freiheitshelden!? Wir Deutschen, die in der Kneipe oder im Gleichschritt so unbeschwert „Faria-, Fariaho!“ singen … vom lustigen Leben derer, deren liebster Aufenthalt der Wald war, weil sie dort nicht gleich verhöhnt und verjagt und in ein Lager gesteckt wurden[ii]. Wir Deutschen, die sich die Freiheit immer so erhaben und urig zugleich denken … ein Leben, in dem getan und gelassen wird, was man will, … ein Leben, in dem jeder sein eigener Herr, jede die Meisterin ihres Geschickes ist. Juhu! Freiheit, die ich meine[iii]! … Freiheit, das schönste Wort, das die Reformation der längst nicht mehr an Christus-Gnade-Glaube interessierten Gegenwart hinterlassen hat.

Freiheit, die in der ungepflegt verwilderten evangelischen Lesart unserer Tage bedeutet, jeder ist sein eigener Papst und seine eigene Gemeinde, jede Meinung ist ein Bekenntnis, jedes Gefühl ist gleich heilig und alle Dinge sind gleich gültig denen, die sich selbst die herrliche Freiheit nehmen, sich um nichts zu scheren und vor allem selbst ungeschoren zu bleiben. …….

Doch diese Gestalt der Freiheit – eine Freiheit, die etwas rein Individuelles und Egoistisches ist, weil sie darin besteht, den einzelnen Menschen nur sich selbst zu überlassen – hat nichts mit dem zu tun, was die Reformatoren, allen voran Luther im Christuszeugnis des Paulus entdeckten.

Um aber zu verstehen, wie jene Freiheit beschaffen wäre, von der die evangelische Erkenntnis Christi geformt ist, müssen wir noch einmal in die Wälder. Weit nach Osten. Wo sich gerade etwas Furchtbares vollzieht in unseren Tagen. Ein Lump von einem Diktator zieht dort die Verzweifelten der Welt zusammen. Er lockt sie aus allen Ecken, verspricht ihnen, sie auf die Straße zu ihrem Glück zu bringen, treibt sie weiter auf einem Weg, der sie vermeintlich ins Paradies bringt und dann lässt er sie in die Wälder laufen. Da soll es anfangen … das Reich der Wunscherfüllung.

… Doch da hocken sie nun, die Flüchtlinge, die Lukaschenko ohne jedes Gewissen nutzt, um mit der wilden Aussaat von Menschenleben irgendwo Unruhe und Spaltung zu streuen, wo immer so ein Mensch von ihm hingeworfen wird.

Nun geht es heute nicht um die Anklage gegen diesen grausamen Missbrauch von Not und Hoffnung. Es geht nicht um den Appell, dass man die solcherart Missbrauchten und Betrogenen nicht erfrieren oder im Schlamm der weißrussischen und polnischen Wälder verderben lassen kann. Wer meint, man könne das verantworten, wird wohl nicht hier sitzen.

Worum es heute aber geht ist schlicht die unglaubliche, für uns völlig unvorstellbare Tatsache, dass es Menschen geben muss … entsetzlich viele Menschen, denen das Leben sonst überhaupt nichts zu bieten vermag, so dass sie sich tatsächlich so radikal von jeder anderen Aussicht abgeschnitten fühlen, dass ihnen nur noch die Auslieferung an das perfide Spiel eines Menschenfeindes bleibt.

Ob das höllisch verzweifelt, sträflich naiv oder wahnsinnig töricht ist, … auch das wollen wir weder ergründen, noch beurteilen.

Nur das eine ist zu verstehen nötig: Die Flüchtlinge in den Wäldern des Ostens, die da in dünner Kleidung und völliger Ahnungslosigkeit zwischen allen Grenzen und moralischen Kategorien ins Land von Niemand geraten sind, … sie stellen uns auf einzigartige Weise vor, was passiert ist, als die Menschheit durch Paulus zu Christus gerufen wurde:

Die Rettungslosen kamen, weil sie von der Rettung hörten.

Die Verlorenen horchten auf, als es hieß, gerade sie würden gesucht.

Die heillos Verdorbenen waren am ehesten bei dem, der ein Heiland aller sein sollte.

Die, denen nichts half, die nichts hielt, denen nichts heilig sein konnte, … sie wollten glauben, dass tatsächlich ein Erlöser gekommen sei.

Die Freiheit, in der diese Menschen kamen, um sich taufen und sammeln zu lassen, um an Leib und Seele aus hoffnungslosen Geschöpfen zu neuer Kreatur zu werden, … diese Freiheit, die das Merkmal der Christen werden sollte, war also tatsächlich die Freiheit von jeder anderen Möglichkeit. Sie kamen, weil es das Einzige war, was ihnen offenstand. Sie kamen, weil nur dieser eine Jesus Christus ihrem Leben eine Aussicht und ihrem Leiden ein Ende bereiten konnte. Sie kamen, weil sie ohne jede weitere Verbindung zu Sinn und Sicherheit waren. … „Solus Christus“! Niemand außer Christus machte Anspruch auf ihr Herz oder ihre Hand. Sie waren bindungs- und besitzlos, … schutz- und darum zuletzt auch sorglos. … Vogelfrei.

Das Bild solcher Armut und solchen Mangels an allem, worauf man sich ausruhen und verlassen könnte, war aber nicht nur typisch für die ersten Gemeinden, sondern es wiederholte sich zur Reformationszeit: Die Sicherheiten, die religiös und sozial das Mittelalter bestimmt hatten, waren zerbrochen. Eine Krise - eine Glaubwürdigkeitskrise - hatte ausgehöhlt, was man zuvor für verlässlich und tragend gehalten hatte. Der Gnadenschatz der Kirche war wertlos geworden, weil die immer offensichtlichere Zweideutigkeit, dass die Sakramente und Tröstungen Gottes nicht als Gaben der Güte, sondern als Geschäfte der Gier vermittelt wurden, die Menschheit mittellos gemacht hatte. Keine wirkliche, keine wirksame Hilfe schien weit und breit mehr aufzutreiben. Alles hatte sich in einer Inflation vermeintlicher Wundermittel als letztlich leer erwiesen.

Frei von Hoffnung, frei von Verpflichtung, frei von Erwartung, frei von Bindung … verunsichert bis zur Orientierungslosigkeit so standen die Zeugen der Kirchenkrise da. … Vogelfreie, die aus den alten, zum Nistplatz der Fledermäuse und Gespenster gewordenen Kirchen davontrieben und kaum etwas mitnahmen, weil nichts mehr sie verband mit dem, was sich da zu Beginn des 16.Jahrhunderts auflöste.

Doch das war kein Betriebsunfall, ebenso wie die erbärmliche Mittellosigkeit des Urchristentums kein dummer Zufall war. Die Verlorenheit, das Freisein von allem, was einen hält und was man darum gerne selber behält, war vielmehr die Voraussetzung dafür, dass überhaupt eine christliche Kirche und in ihr später eine evangelische Konfession entstanden! Zu solcher Freiheit von allem anderen hatte Christus sie befreit, zu einem solchen Mangel an Festlegung sie gelöst, zu einer solchen inneren Unbestimmtheit sie bestimmt.

Das Problem der Kirche war darum niemals – und ist es auch heute nicht –, wenn sie Sicherheit einbüßt oder an Selbstwertgefühl verliert.

Im Gegenteil: Wenn anderes wieder ebenso wichtig wird wie das nackte Angewiesensein auf Gott, … dann fängt die Bedrohung der christlichen Gemeinde an! … Wo sie außer Gott nichts hat, da lebt sie sola gratia. Wenn sie aber mit den großen Verbindungen anfängt, wenn sie den freien, nackten Glauben mit den Tributen an die öffentliche Meinung oder mit der Einordnung in etwas Vorgegebenes verknüpft, dann wird die von aller Verhaftung an wen oder was auch immer befreite Kirche „fällig“, … hinfällig bis zum Sündenfall. Dann fängt sie nämlich an, das Reich Christi und die weltliche Herrschaft miteinander zu verkuppeln. Dann macht sie aus der Liebe eine Sache der praktischen Vernunft. Dann bietet sie den Altar dem Thron an und lässt sich dafür bezahlen, dass sie sich an Weltbilder und Weltmächte bindet. Dann wendet sie sich nicht mehr an die, die nichts haben, nichts wissen, nichts glauben, sondern nur noch an die, die das Richtige mitbringen und kennen und bekennen.

Dass die Kirche immer wieder aus der obdachlosen, aber auch unabhängigen Freiheit von allem sich zurückwendet zur engen Eingliederung in ihre Zeit und deren Ansprüche, … dass es die Kirche immer wieder aus dem autonomen Nicht-dazu-Gehören zum gesellschaftlichen Vorneweg-Marschieren zieht, … dass die Kirche sich nie traut, im eigenen bloßen Glauben ohne die Betätigung und damit auch Bestätigung auf allen möglichen Feldern des Zeitgeistes zu bleiben, das bezahlt sie von Anfang an mit der Unmöglichkeit, zwei Verpflichtungen gleichzeitig zu erfüllen: Entweder sie „wartet im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen“, oder sie muss alles leisten, was sie selber fordert.

Das bedeutet aber, dass man alle politischen Programme durchziehen, jeden vehement beschworenen Fortschritt selber umsetzen und alle Vorschläge zu lebensweltlicher Praxis mustergültig in der Welt praktizieren muss. Die Kirche muss dann die bessere Partei und die tüchtigere Agentur, die weisere Wirtschaftsprüfungs-, die cleverere Politikberatungs- und die innovativere Technikgesellschaft sein.

Das alles - und eine Behörde, eine Bank, ein Thinktank, eine Influencerin - will sie ja auch tatsächlich sein.

Aber so wie, wer sich beschneiden lässt, dann auch das gesamte Gesetz Israels halten muss, so muss, wer mit einem dieser Projekte beginnt, es auch vollständig durchführen. Und kann dabei nur unfrei werden. In lauterer Absicht, aber mit schrecklichen Folgen. Denn dann kann es uns nicht mehr allein darum gehen, dass wir Christus in Glauben und Liebe anhängen – was die Freiheit derer ist, die nicht in andere Bindungen, Rücksichten und Erwartungen gleichzeitig verstrickt sind –, sondern dann müssen wir retten, was zu retten, und bauen, was zu bauen, und formen, was zu formen, und machen, was zu machen ist.

Nun kann keiner von uns bezweifeln, wie verzweifelt viel die Menschheit und jeder Einzelne in ihr in unseren Tagen ändern, ablegen, aufgeben, umstellen und beitragen muss, damit das Leben der ganzen Welt nicht bald erstickt.

Aber fragen wir uns doch nur das eine: Wird die Welt in Glasgow gerettet werden? Wird die Zukunft entschieden mit dem heutigen 31.Oktober, an dem die Konferenz beginnt, von der tatsächlich so viel abhängt[iv]? …

So müsste es sein, wenn wir den Fakten folgen und die Prognosen der Wissenschaft sehen.

Aber diese nüchterne Erkenntnis ergibt noch keine Quelle, die die Menschheit heute mit der Verheißung des Lebens, mit der Kraft ungebrochener Hoffnung, mit dem Geist der bußfertigen und aufbruchbereiten Umkehr und Erneuerung erfüllen könnte.

Leer steht die Menschheit da und ohne eine eigene Aussicht auf Zukunft und Überleben. Vogelfrei, unabgesichert, ausgeliefert an das eigene Geschick, losgelöst von allem, was sonst bei Trost und Sinnen hält.

Im Wald steht sie … auch wenn der Wald bald vertrocknet und abgebrannt sein mag.

… Wie die, die ins Niemandsland geworfen werden, weil sie keinen Rückhalt und keine Aussicht haben.

Doch genau darum ist heute Reformationstag!

Weil wieder – wie in den Tagen des Anfangs und den Tagen des großen Umbruchs – eine Zeit beginnt, der Nichts weiter gegeben ist, als solus Christus: Christus, der Einzige und seine Gnade allein.

An nichts anderem liegt das, was kommt.

Wir bringen’s nicht mit. Wir können’s nicht einmal sehen: So tief im Schatten liegt der Saumpfad zum Überleben den steilen Felsen hinauf. Jeder Schritt in dieser unheimlichen Dunkelheit kann Sturz bedeuten. Jede Nacht in diesem unwirtlichen Gewucher der Krisen, der Katastrophen und der Schuld, in dem die Menschheit sich wiederfindet wie die ausgesetzten Flüchtlinge in den Wäldern, wird gefährlich sein.

Aber – so sagt es uns dieser Tag, so ruft es uns der Galaterbrief zu, der Luther aus so vielen Bindungen in die glaubende Offenheit für Christus befreit hat – … aber über dem steilen Pfad und nach der dunklen Nacht werdet ihr Christus finden: Nicht wie eine Burg aus massiven Steinen, nicht wie das Wunscherfüllungswunder, das ihr euch träumt.

Aber Christus, das Leben selber steht euch bevor! Wenn nichts anderes mehr Ersatz und Sicherheit bietet, dann schenkt Er euch Menschen das Ende aller Knechtschaft und die Freiheit, zu der ihr befreit werdet, wenn der faule Frieden und die Ungerechtigkeit des Bisherigen vergehen.

Nur Christus, nur Seine Liebe wird Euer Schutz sein. … Doch dafür kann man alles verlieren und aufgeben. Weil Er allein stehen bleibt.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest!

Amen.



[i] Aus dem durch den Wandervogel verbreiteten Volkslied „Es saß ein klein, wild Vögelein“ (vgl. „Bruder Singer“, div. Auflagen - Kassel, S.144).

[ii] Das um jede (immer schon durch den Antiziganismus der romantischen Projektionen konterkarierte) Unschuld gebrachte Lied vom „Zigeunerleben“, aus dem dieser Refrain stammt, ist heute nurmehr als belastende historische Quelle zu werten. 

[iii] Auch Max von Schenkendorfs Lied aus den Befreiungskriegen thematisiert in der 2.Strophe nicht zufällig den Wald: „Auch bei grünen Bäumen in dem luftgen Wald, unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt“ („Bruder Singer, S. 205). Der „Topos“ des Waldes ist erkennbar die deutsche „U-Topie“ schlechthin.

[iv] Beginn der „26th UN Climate Change Conference of the Parties“ in Glasgow.

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